Posts mit dem Label Unwiederbringlich werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Unwiederbringlich werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

07 Dezember 2020

Fontane: Unwiederbringlich - Der gefallene Engel und Pastor Schleppegrells Gedicht

 Fräulein Ebba Rosenberg, die eine starke Anziehungskraft auf den Grafen Holk ausübt, sagt in einer Auseinandersetzung darüber, was wichtig genug sei, 'in Stein eingegraben' zu werden: 

»Sie drücken Zweifel aus, Graf, vor allem vielleicht einen Zweifel an meiner Überzeugung. Aber es ist, wie ich sage. Großer Stil! Bah, ich weiß wohl, die Menschen sollen tugendhaft sein, aber sie sind es nicht, und da, wo man sich drin ergibt, sieht es im ganzen genommen besser aus als da, wo man die Moral bloß zur Schau stellt. Leichtes Leben verdirbt die Sitten, aber die Tugendkomödie verdirbt den ganzen Menschen.« 

 Und als sie so sprach, fiel aus einem der die Tafel umstehenden Tannenbäumchen ein Wachsengel nieder, just da, wo Pentz saß. Der nahm ihn auf und sagte: »Ein gefallener Engel; es geschehen Zeichen und Wunder. Wer es wohl sein mag?« 

 »Ich nicht«, lachte Ebba. 

 »Nein«, bestätigte Pentz, und der Ton, in dem es geschah, machte, daß sich Ebba verfärbte."

So weit der Kommentar des Erzählers. Das ist Vorausdeutung genug darauf, wie sich das Verhältnis zwischen Graf Holk und seiner Frau durch das Dazwischentreten von Fräulein Ebba weiter entwickeln wird. Dass die Gräfin Christine in den Tod gehen wird, braucht man da noch nicht anzunehmen. 

Und jetzt folgt der Übergang zur weihnachtlichen Feier: 

"Aber ehe sie den Übeltäter dafür abstrafen konnte, ward es hinter der Tannen- und Zypressenwand wie von trippelnden Füßen lebendig. Zugleich wurden Anordnungen laut, wenn auch nur mit leiser Stimme gegeben, und alsbald intonierten Kinderstimmen ein Lied, und ein paar von Schleppegrell zu dieser Weihnachtsvorfeier gedichtete Strophen klangen durch die Halle.


»Noch ist Herbst nicht ganz entflohn,

Aber als Knecht Ruprecht schon

Kommt der Winter hergeschritten,

Und alsbald aus Schnees Mitten

Klingt des Schlittenglöckleins Ton.


Und was jüngst noch, fern und nah,

Bunt auf uns herniedersah,

Weiß sind Türme, Dächer, Zweige,

Und das Jahr geht auf die Neige,

Und das schönste Fest ist da.


Tag du der Geburt des Herrn,

Heute bist du uns noch fern,

Aber Tannen, Engel, Fahnen

Lassen uns den Tag schon ahnen,

Und wir sehen schon den Stern.« "

Offenbar hielt Fontane dies "Lied" nicht für eins seiner besseren Gedichte, sonst hätte es nicht Pastor Schleppegrell in den Mund gelegt und ihm diese Funktion gegeben. [Schleppegrell, ein ausdrucksvoller Name, zu dem freilich nicht recht passen will, dass sich drei Prinzessinen in ihn verliebt haben sollen. - Fontane liebt diese Gegensätze] 

Und in dieser Weihnachtszeit kommt es dann zur Katastrophe. Das Zusammentreffen des Ehepaars am Heiligen Abend schildert Fontane so:

Es war nicht gut, daß die Gräfin ihr Herz nicht bezwingen konnte. Vielleicht, daß sie, bei milderer Sprache, den so Bestimmbaren doch umgestimmt und ihn zur Erkenntnis seines Irrtums geführt hätte. Denn die Stimme von Recht und Gewissen sprach ohnehin beständig in ihm, und es gebrach ihm nur an Kraft, dieser Stimme zum Siege zu verhelfen. Gelang es Christinen, diese Kraft zu stärken, so war Umkehr immer noch möglich, auch jetzt noch; aber sie versah es im Ton und rief dadurch all das wieder wach, was ihn, ach so lange schon, gereizt und, seit er Ebba kannte, so willfährig gemacht hatte, sich selber Absolution zu erteilen.

Und so warf er denn, als Christine jetzt schwieg, das Christkind wieder in die Krippegleichgültig, wo die Puppe hinfiel, und sagte: »Du willst es mir leicht machen, so, glaub ich, waren deine Worte. Nun, ich bin dir das Anerkenntnis schuldig, daß du hinter deinem guten Willen nicht zurückgeblieben bist. Immer derselbe Ton der Überhebung. Daß ich dir's offen bekenne, ich war erschüttert, als ich dich da vorhin eintreten und, auf die gute Dobschütz gestützt, auf mich zukommen sah. Aber ich bin es nicht mehr. Du hast nichts von dem, was wohltut und tröstet und einem eine Last von den Schultern nimmt oder wohl gar Blumen auf unsren Weg streut. Du hast nichts von Licht und Sonne. Dir fehlt alles Weibliche, du bist herb und moros...«

 »Und selbstgerecht...«

 »Und selbstgerecht. Und vor allem so glaubenssicher in allem, was du sagst und tust, daß man es eine Weile selber zu glauben anfängt und glaubt und glaubt, bis es einem eines Tages wie Schuppen von den Augen fällt [...]"

Ein passendes Gespräch für Heiligabend

Briefe in Fontanes "Unwiederbringlich"

  Im Vergleich zu Raabe schien mir Fontane relativ wenig Abstand zu seinen Personen zu haben, wo sich doch so viel in Konversation und Briefen abspielt. So war ich über die Formulierung "Alle Romane und Novellen sind aus einem auktorialen Gestus erzählt" der Wikipedia nicht angemessen, doch beim näheren Hinsehen nutzt Fontane gerade die Briefe, obwohl sie ja nur die Person sprechen lassen, wegen der Nachbemerkungen, auch wenn diese nur die Gedanken einer Person berichten, immer wieder dazu, die Position des Erzählers zu verdeutlichen. 

Für Unwiederbringlich habe ich das bereits in einem Post von 2011 für den ersten Teil des Romans herausgestellt, jetzt tritt es mir im zweiten Teil wieder entgegen.

Graf Holks Schwager Arne schreibt : "[...]  Ich habe Deine Briefe gelesen – es waren ihrer nicht allzuviel, und keinen einzigen traf der Vorwurf, zu lang gewesen zu sein –, aber die Hälfte dieser wenigen beschäftigt sich mit der märchenhaften Schönheit der doch mindestens etwas sonderbaren Frau Brigitte Hansen und die zweite Hälfte mit den Geistreichigkeiten des ebenfalls etwas sonderbaren Fräulein Ebba von Rosenberg. Für Deine Frau, Deine Kinder hast Du während dieser langen Zeit keine zwanzig Zeilen gehabt, immer nur Fragen, denen man abfühlte, daß sie nach Antwort nicht sonderlich begierig waren. Ich glaube, lieber Holk, daß es genügt, Dich auf all das einfach aufmerksam gemacht zu haben. Du bist zu gerecht, um Dich gegen das Recht der hier vorgebrachten Klage zu verschließen, und bist zu gütigen und edlen Herzens, um, wenn Du das Recht dieser Klage zugestanden hast, nicht auf der Stelle für Abhülfe zu sorgen. Die Stunde, wo solcher Brief auf Holkenäs eintrifft, wird zugleich die Stunde von Christinens Genesung sein; laß mich hoffen, daß sie nahe liegt. Wie immer Dein Dir treu und herzlich ergebener Schwager"

Die Nachbemerkung ist ganz aus der Sicht des Grafen geschrieben, und doch, wie deutlich klagt hier der Erzähler den Grafen an: 

"Holk war so getroffen von dem Inhalt dieses Briefes, daß er darauf verzichtete, die beiden andern zu lesen. Petersen schrieb vielleicht ähnliches. Zudem war die Stunde da, wo er bei der Prinzessin erscheinen mußte, vor der er ohnehin fürchtete seine Erregung nicht recht verbergen zu können." (23. Kapitel)


16 April 2011

Graf Holk

Fontane erzählt oft stark aus der Perspektive der handelnden Personen mit stark zurücktretendem Erähler.
Umso mehr wunderte es mich, dass ich bei einer wiederholten Lektüre von Unwiederbringlich feststellte, wie deutlich herausgestellt wird, dass Graf Holk, Kammerherr einer dänischen Prinzessin, aus dessen Sicht die Handlung fast durchweg dargestellt wird, unfähig ist, den Eindruck, den er bei seiner Frau und bei der von ihm umworbenen Frau erweckt, realistisch einzuschätzen.
Obwohl er vorher beim Gedanken an eine Kapitänswitwe, die sein Interesse erregt hat, sich noch sagte "Eine schöne Person. Aber unheimlich. Ich darf ihrer in meinem Brief an Christine gar nicht erwähnen", schreibt er dann über sie an seine Frau:
Frau Kapitän Hansen ist eine schöne Frau, so schön, daß sie dem Kaiser von Siam vorgestellt wurde, bei welcher Gelegenheit sie zugleich der Gegenstand einer siamesischen Hofovation wurde. Sie hat eine statuarische Ruhe, rotblondes Haar (etwas wenig, aber sehr geschickt arrangiert) und natürlich den Teint, der solch rotblondes Haar zu begleiten pflegt. Ich würde sie Rubensch nennen, wenn nicht alles Rubensche doch aus gröberem Stoffe geschaffen wäre. Doch lassen wir Frau Kapitän Hansen. Du wirst lachen, und darfst es auch, über das Interesse, das aus dem Vergleich mit Rubens zu sprechen scheint. Und Rubens noch übertroffen!
Im selben Brief schildert er eine Hofdame der Prinzessin mit folgenden Worten:
An Stelle der Gräfin Frjis, die, während der letzten zehn Jahre, der Liebling der Prinzessin war, ist ein Fräulein von Rosenberg getreten. Ihre Mutter war eine Wrangel. Diese Rosenbergs stammen aus dem westpreußischen Städtchen Filehne, wurden erst unter Gustav III. baronisiert und haben keine Verwandtschaft weder mit den böhmischen noch mit den schlesischen Rosenbergs. Das Fräulein selbst – nur immer der älteste Sohn führt den Baronstitel – ist klug und espritvoll und beherrscht die Prinzessin, soweit sich Prinzessinnen beherrschen lassen. Unzweifelhaft, und dafür haben wir ihr alle zu danken, hat sie dem kleinen Nebenhof im Prinzessinnen-Palais den Charakter der Langeweile genommen, der früher der vorherrschende war. Ich konnte mich gestern, wo ich Dienst hatte, von diesem Wandel der Dinge überzeugen, mehr noch vorgestern, wo wir eine Wagenpartie nach Klampenborg und der Eremitage machten. Es war ein wundervoller Tag, ... (Unwiederbringlich, Kapitel 15)
Dann berichtet der Erzähler: Er "überflog das Geschriebene noch einmal. Einiges mit Zufriedenheit" und gleich darauf, dass ihn bei den Worten, die er über seine Frau geschrieben hatte, "eine leise Rührung" überkam, "von der er sich kaum Ursach und Rechenschaft zu geben vermochte. Hätt er es gekonnt, so hätt er gewußt, daß ihn sein guter Engel warne."
Bei der ersten Lektüre habe ich die epische Vorausdeutung gewiss wahrgenommen, aber die grobe Verkennung dessen, was er tat und was er zu tun bereit war, hat mir damals noch nicht so deutlich ins Auge gestochen.