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13 März 2013

Goethe: Die Müllerin

Wir kennen Schuberts Liederzyklus "Die schöne Müllerin" nach Gedichten von Wilhelm Müller (1821). Mir war bis vor kurzem nicht bekannt, dass Müllerbursch, Bach und Müllerin auch schon 1798 bei Goethe aufeinander trafen und mit einem durchaus unromantischeren Ergebnis (in den Balladen, S.131ff).

Der Junggesell und der Mühlbach

Wo willst du klares Bächlein hin,
Du eilst mit frohem, leichtem Sinn
Hinunter.
Was suchst du eilig in dem Tal?
So höre doch und sprich einmal!

Ich war ein Bächlein, Junggesell;
Sie haben
Mich so gefaßt, damit ich schnell,
Im Graben,
Zur Mühle dort hinunter soll,
Und immer bin ich rasch und voll

Du eilest mit gelaßnem Mut
Zur Mühle
Und weißt nicht, was ich junges Blut
Hier fühle.
Es blickt die schöne Müllerin
Wohl freundlich manchmal nach dir hin?

Sie öffnet früh beim Morgenlicht
Den Laden,
Und kommt, ihr liebes Angesicht
Zu baden.
Ihr Busen ist so voll und weiß;
Es wird mir gleich zum Dampfen heiß.

Kann sie im Wasser Liebesglut
Entzünden,
Wie soll man Ruh mit Fleisch und Blut
Wohl finden?
Wenn man sie einmal nur gesehn,
Ach! immer muß man nach ihr gehn.

Dann stürz ich auf die Räder mich
Mit Brausen,
Und alle Schaufeln drehen sich
Im Sausen.
Seitdem das schöne Mädchen schafft,
Hat auch das Wasser beßre Kraft.

Du Armer, fühlst du nicht den Schmerz
Wie andre?
Sie lacht dich an und sagt im Scherz:
»Nun wandre!«
Sie hielte dich wohl selbst zurück
Mit einem süßen Liebesblick.

Mir wird so schwer, so schwer, vom Ort
Zu fließen:
[133] Ich krümme mich nur sachte fort
Durch Wiesen;
Und käm es erst auf mich nur an,
Der Weg wär bald zurückgetan.

Geselle meiner Liebesqual,
Ich scheide
Du murmelst mir vielleicht einmal
Zur Freude.
Geh, sag ihr gleich, und sag ihr oft,
Was still der Knabe wünscht und hofft.

Der Müllerin Verrat

[133] Woher der Freund so früh und schnelle,
Da kaum der Tag im Osten graut?
Hat er sich in der Waldkapelle,
So kalt und frisch es ist, erbaut?
Es starret ihm der Bach entgegen;
Mag er mit Willen barfuß gehn?
Was flucht er seinen Morgensegen
Durch die beschneiten, wilden Höhn?

Ach, wohl! Er kommt vom warmen Bette,
Wo er sich andern Spaß versprach;
Und wenn er nicht den Mantel hätte,
Wie schrecklich wäre seine Schmach!
Es hat ihn jener Schalk betrogen
Und ihm den Bündel abgepackt;
Der arme Freund ist ausgezogen
Und fast, wie Adam, bloß und nackt.

[134] Warum auch schlich er diese Wege
Nach einem solchen Äpfelpaar,
Das freilich schön im Mühlgehege,
So wie im Paradiese, war.
Er wird den Scherz nicht leicht erneuen;
Er drückte schnell sich aus dem Haus
Und bricht auf einmal nun, im Freien,
In bittre, laute Klagen aus.

»Ich las in ihren Feuerblicken
Nicht eine Silbe von Verrat;
Sie schien mit mir sich zu entzücken
Und sann auf solche schwarze Tat!
Konnt ich in ihren Armen träumen,
Wie meuchlerisch der Busen schlug?
Sie hieß den holden Amor säumen,
Und günstig war er uns genug.

Sich meiner Liebe zu erfreuen!
Der Nacht, die nie ein Ende nahm!
Und erst die Mutter anzuschreien,
Nun eben als der Morgen kam!
Da drang ein Dutzend Anverwandten
Herein, ein wahrer Menschenstrom;
Da kamen Vettern, guckten Tanten,
Es kam ein Bruder und ein Ohm.

Das war ein Toben, war ein Wüten!
Ein jeder schien ein andres Tier.
Sie forderten des Mädchens Blüten
Mit schrecklichem Geschrei von mir. –
Was dringt ihr alle wie von Sinnen
Auf den unschuld'gen Jüngling ein?
Denn solche Schätze zu gewinnen,
Da muß man viel behender sein,

[135] Weiß Amor seinem schönen Spiele
Doch immer zeitig nachzugehn.
Er läßt fürwahr nicht in der Mühle
Die Blumen sechzehn Jahre stehn. –
Sie raubten nun das Kleiderbündel
Und wollten auch den Mantel noch.
Wie nur so viel verflucht Gesindel
Im engen Hause sich verkroch!

Nun sprang ich auf und tobt und fluchte,
Gewiß, durch alle durchzugehn.
Ich sah noch einmal die Verruchte,
Und ach! sie war noch immer schön.
Sie alle wichen meinem Grimme;
Es flog noch manches wilde Wort;
Da macht ich mich, mit Donnerstimme,
Noch endlich aus der Höhle fort.

Man soll euch Mädchen auf dem Lande
Wie Mädchen aus den Städten fliehn.
So lasset doch den Fraun von Stande
Die Lust, die Diener auszuziehn!
Doch seid ihr auch von den Geübten
Und kennt ihr keine zarte Pflicht,
So ändert immer die Geliebten,
Doch sie verraten müßt ihr nicht.«

So singt er in der Winterstunde,
Wo nicht ein armes Hälmchen grünt.
Ich lache seiner tiefen Wunde;
Denn wirklich ist sie wohlverdient.
So geh es jedem, der am Tage
Sein edles Liebchen frech betriegt
Und nachts, mit allzu kühner Wage,
Zu Amors falscher Mühle kriecht.




Der Müllerin Reue

Nur fort, du braune Hexe! fort
Aus meinem gereinigten Hause,
Daß ich dich, nach dem ernsten Wort,
Nicht zause!
Was singst du hier für Heuchelei
Von Lieb und stiller Mädchentreu?
Wer mag das Märchen hören!

Ich singe von des Mädchens Reu
Und langem, heißem Sehnen;
Denn Leichtsinn wandelte sich in Treu
Und Tränen.
Sie fürchtet der Mutter Drohen nicht mehr,
Sie fürchtet des Bruders Faust nicht so sehr
Als den Haß des herzlich Geliebten.

Von Eigennutz sing und von Verrat,
Von Mord und diebischem Rauben;
Man wird dir jede falsche Tat
Wohl glauben.
Wenn sie Beute verteilt, Gewand und Gut
Schlimmer, als je ihr Zigeuner tut,
Das sind gewohnte Geschichten.

»Ach! weh! ach weh! Was hab ich getan!
Was hilft mir nun das Lauschen!
Ich hör an meine Kammer heran
Ihn rauschen.
[137] Da klopfte mir hoch das Herz, ich dacht:
O hättest du doch die Liebesnacht
Der Mutter nicht verraten!«

Ach leider trat ich auch einst hinein
Und ging verführt im stillen:
»Ach Süßchen! laß mich zu dir ein
Mit Willen!«
Doch gleich entstand ein Lärm und Geschrei;
Es rannten die tollen Verwandten herbei.
Noch siedet das Blut mir im Leibe.

»Kommt nun dieselbige Stunde zurück,
Wie still mich's kränket und schmerzet!
Ich habe das nahe, das einzige Glück
Verscherzet.
Ich armes Mädchen, ich war zu jung!
Es war mein Bruder verrucht genung,
So schlecht an dem Liebsten zu handeln.«

So ging das schwarze Weib in das Haus,
In den Hof zur springenden Quelle;
Sie wusch sich heftig die Augen aus,
Und helle
Ward Aug und Gesicht, und weiß und klar
Stellt sich die schöne Müllerin dar
Dem erstaunt-erzürnten Knaben.

Ich fürchte fürwahr dein erzürnt Gesicht,
Du Süßes, Schöner und Trauter!
Und Schläg und Messerstiche nicht;
Nur lauter
[138] Sag ich von Schmerz und Liebe dir
Und will zu deinen Füßen hier
Nun leben oder auch sterben.

O Neigung, sage, wie hast du so tief
Im Herzen dich verstecket?
Wer hat dich, die verborgen schlief,
Gewecket?
Ach Liebe, du wohl unsterblich bist!
Nicht kann Verrat und hämische List
Dein göttlich Leben töten.

Liebst du mich noch so hoch und sehr,
Wie du mir sonst geschworen,
So ist uns beiden auch nichts mehr
Verloren.
Nimm hin das vielgeliebte Weib!
Den jungen, unberührten Leib,
Es ist nun alles dein eigen!

Beide
Nun, Sonne, gehe hinab und hinauf!
Ihr Sterne, leuchtet und dunkelt!
Es geht ein Liebesgestirn mir auf
Und funkelt.
Solange die Quelle springt und rinnt,
So lange bleiben wir gleichgesinnt,
Eins an des andern Herzen.

JohannWolfgang Goethe Gedichte (Ausgabe letzter Hand. 1827)

01 Juli 2011

Schubert: Die schöne Müllerin

Von allen Schuber-Liederzyklen konnte ich mit der „Schönen Müllerin “ am wenigsten anfangen. Die Texte von Wilhelm Müller transportierten mir nur „Wandern, Bächlein, Liebe“, dem einzelnen Gedicht vermöchte ich keine mich ansprechende Aussage abzugewinnen. Das ging so weit, dass ich mich nicht einmal für die Geschichte interessierte. Die vom Bach, der den wandernden Müllerbuschen zur schönen Müllerstochter führt, ihn zu Liebesfreuden und Liebesleid führt. Der Jäger als Rivale, Eifersucht, die Blumen als Liebeszeichen, die mit der schwindenden Liebe der Müllerin wertlos zu werden drohen. Schließlich das Ende der Liebe und der Bach, der den Müller in seinem Schlummer beschützt vor allem, was ihm Unruhe gemacht hat. Alles fügte sich für mich nicht zusammen. Ganz im Gegensatz zur Winterreise, wo jedes Gedicht eine eigene Aussage für sich hat, die zum Ganzen stimmt.
Nur zwei Gedichte stachen aus dem Zyklus heraus: „Trockne Blumen“ und „Des Baches Wiegenlied“. Hier hat der Text genügend Aussagekraft, dass die geniale musikalische Gestaltung auch ohne tieferes Einhören fühlbar wird: Die Melancholie beim Anblick der vertrockneten Liebeszeichen verlorenen Glücks und dann der Aufruf zum frischen Erblühen im neuen Lebensfrühling. Und andererseits der einwiegende Gesang des Baches, der zum Todesschlaf - befreit vom Liebesleid – einlädt und ihn (ab der 3. Strophe) begleitet.
Die Interpretation des jungen Fischer-Dieskau (hier die ersten vier Lieder vom reifen Sänger interpretiert) hat mich auch die anderen Lieder neu sehen lassen.

Die Texte:

1. Das Wandern
Das Wandern ist des Müllers Lust,
Das Wandern!
Das muß ein schlechter Müller sein,
Dem niemals fiel das Wandern ein,
Das Wandern.

Vom Wasser haben wir's gelernt,
Vom Wasser!
Das hat nicht Rast bei Tag und Nacht,
Ist stets auf Wanderschaft bedacht,
Das Wasser.

Das sehn wir auch den Rädern ab,
Den Rädern!
Die gar nicht gerne stille stehn,
Die sich mein Tag nicht müde drehn,
Die Räder.

Als Kind habe ich das Lied ungezählte Male auf die volkstümliche Melodie gesungen. Durch die ständigen Wiederholungen - wo nur die Beispiele für die begleitende Bewegung wechseln, scheint es besonders geeignet, als Wanderbegleitung gesungen zu werden.

Die Steine selbst, so schwer sie sind,
Die Steine!
Sie tanzen mit den muntern Reihn
Und wollen gar noch schneller sein,
Die Steine.

Hier habe ich schon in der Kinderzeit den Gegensatz zwischen Trägheit der Masse und dem Bedürfnis nach Beschleunigung gespürt. Doch erst in Schuberts Melodieführung findet er seinen angemessenen Ausdruck.

O Wandern, Wandern, meine Lust,
O Wandern!
Herr Meister und Frau Meisterin,
Laßt mich in Frieden weiterziehn
Und wandern.

Noch treibt es den Wanderburschen weiter. Nichts hält ihn zurück.

2. Wohin?

Ich hört ein Bächlein rauschen
Wohl aus dem Felsenquell,
Hinab zum Tale rauschen
So frisch und wunderhell.

Ich weiß nicht, wie mir wurde,
Nicht, wer den Rat mir gab,
Ich mußte auch hinunter
Mit meinem Wanderstab.

Hinunter und immer weiter
Und immer dem Bache nach,
Und immer frischer rauschte
Und immer heller der Bach.

Ist das denn meine Straße?
O Bächlein, sprich, wohin?
Du hast mit deinem Rauschen
Mir ganz berauscht den Sinn.

Was sag ich denn vom Rauschen?
Das kann kein Rauschen sein:
Es singen wohl die Nixen
Tief unten ihren Reihn.

Laß singen, Gesell, laß rauschen
Und wandre fröhlich nach!
Es gehn ja Mühlenräder
In jedem klaren Bach.

3. Halt!

Eine Mühle seh ich blinken
Aus den Erlen heraus,
Durch Rauschen und Singen
Bricht Rädergebraus.

Ei willkommen, ei willkommen,
Süßer Mühlengesang!
Und das Haus, wie so traulich!
Und die Fenster, wie blank!

Und die Sonne, wie helle
Vom Himmel sie scheint!
Ei, Bächlein, liebes Bächlein,
War es also gemeint?

4. Danksagung an den Bach

War es also gemeint,
Mein rauschender Freund?
Dein Singen, dein Klingen,
War es also gemeint?

Zur Müllerin hin!
So lautet der Sinn.
Gelt, hab ich's verstanden?
Zur Müllerin hin!

Hat sie dich geschickt?
Oder hast mich berückt?
Das möcht ich noch wissen,
Ob sie dich geschickt.

Nun wie's auch mag sein,
Ich gebe mich drein:
Was ich such, hab ich funden,
Wie's immer mag sein.

Nach Arbeit ich frug,
Nun hab ich genug
Für die Hände, fürs Herze
Vollauf genug!
Textnachweis

Interpretationen von Fritz Wunderlich:
Ich hört ein Bächlein rauschen
Der Müller und der Bach
Des Baches Wiegenlied