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07 Juni 2016

Schluss der Geschichte vom Algeriersklaven

Es waren noch keine vierzehn Tage verflossen, als unser Renegat schon eine gute Barke gekauft hatte, die wohl dreißig Personen fassen konnte. Um nun der Sache einen Schein zu geben, machte er wirklich eine Reise nach einem Orte, der Sargel heißt und der dreißig Meilen von Algier nach der Gegend von Oran liegt, wo ein großer Handel mit Feigen getrieben wird. Er machte diese Reise zwei- oder dreimal in der Gesellschaft des Tagariners. Tagariner heißen in der Barbarei die Mohren aus Aragon, die aus Granada Muxedares; im Königreiche Fez heißen die Muxedares Elches, die der König hauptsächlich zu Soldaten im Kriege braucht.
Jedesmal, sooft er mit seiner Barke ausfuhr, landete er an einer Stelle, die kaum zwei Musketenschüsse von dem Garten entfernt lag, in dem sich Zoraida aufhielt; dort ließ der Renegat seine Mohren rudern, die Schiffsbegrüßung machen und das aus Scherz tun, was er nachher in Ernst vorzunehmen gedachte, darum begab er sich auch nach dem Garten der Zoraida und bat um Früchte, die der Vater ihm gab, ohne ihn zu kennen; er wollte auch die Zoraida sprechen, wie er mir nachher erzählte, um ihr zu sagen, daß er derjenige sei, der sie auf meinen Befehl in die Christenheit führen solle, und daß sie vergnügt sein möchte und sich auf ihn verlassen; aber es war ihm unmöglich, denn die Mohrinnen lassen sich vor keinem Mohren oder Türken sehen, wenn nicht ihr Gemahl oder ihr Vater es ihnen befiehlt; mit den Christensklaven aber gehen sie um, und oft mehr, als es die Klugheit erlaubt; ich würde auch in Sorgen gestanden haben, wenn er sie wirklich gesprochen hätte, denn vielleicht wäre sie erschrocken, wenn sie die Unternehmung in den Händen eines Renegaten gesehen hätte; doch Gott fügte es anders, denn der Renegat fand keine Gelegenheit, seinen Vorsatz auszuführen, er sah nun, daß er sicher nach Sargel schiffen und zurückkommen konnte, wie er Anker werfen könne, und wo er nur wolle, und daß der Tagariner, sein Gefährte, keinen andern Willen habe als er selber, daß ich schon losgekauft war, und wie jetzt nur noch einige Christen zum Rudern fehlten. Er sagte mir daher, daß ich noch, außer den Ausgelösten, welche suchen möchte, die mit uns gingen, die ich auf den nächsten Freitag bestellen solle, an welchem wir unsere Abreise beschlossen hatten. Als es so weit gediehen war, nahm ich mit zwölf Spaniern Abrede, alle starke, zum Rudern tüchtige Leute, und die noch am freiesten aus der Stadt gehen konnten. Es war ein großes Glück, daß ich so viele traf, denn es waren zwanzig Schiffe auf Beute ausgelaufen und hatten alle Ruderer mitgenommen; ich hätte auch diese nicht gefunden, wenn ihr Herr in diesem Sommer nicht zu Hause geblieben wäre, ohne auf Beute auszugehen, um eine Galeere fertigzumachen, die auf der Werfte lag. Diesen sagte ich weiter nichts, als daß sie sich am künftigen Freitag nach der Dämmerung einer nach dem andern herausschleichen sollten, sich auf dem Wege nach dem Garten des Agi Morato versammeln und dort so lange warten, bis ich kommen würde. Jedem sagte ich insbesondere, daß, wenn er andere Christen dort träfe, er nur sagen möchte, ich hätte befohlen, dort zu warten.
Da dies getan war, blieb mir noch etwas, und zwar das Wichtigste, zu tun übrig, nämlich Zoraida zu benachrichtigen, wie weit es mit unserer Unternehmung gekommen sei, damit sie nicht übereilt würde und erschräke, wenn sie uns plötzlich viel früher sähe, als sie glauben konnte, daß schon eine Barke aus einem christlichen Lande angekommen sei. Ich beschloß, in den Garten zu gehen und die Gelegenheit zu suchen, sie zu sprechen. Unter dem Vorwand also, einige Kräuter zu pflücken, begab ich mich den Tag vor unserer Abreise dorthin, und der erste, der mir aufstieß, war ihr Vater, der mich in der Sprache anredete, die in der ganzen Barbarei und auch in Konstantinopel zwischen den Sklaven und Mohren gesprochen wird und die weder mohrisch noch spanisch, noch irgendeine andere Sprache ist, sondern ein Gemisch aus allen Sprachen, mit dem man sich gegenseitig versteht. In dieser Sprache also fragte er mich, was ich in seinem Garten suche und wem ich angehöre. Ich antwortete, daß ich ein Sklave des Arnauti Mami sei, denn ich wußte, daß dieser sein Freund war, und ich suche Kräuter, um einen Salat zu bereiten. Er fragte mich weiter, ob ich mich auslösen wolle oder nicht und wieviel mein Herr für mich verlange.
»Indem wir so miteinander sprachen, kam die schöne Zoraida aus dem Gartenhause, die mich schon längst bemerkt hatte, und da die Mohrinnen kein Bedenken tragen, sich den Christen zu zeigen, und ihnen niemals ausweichen, so kam sie auch gerade auf die Gegend zu, wo ich mit ihrem Vater stand; da dieser sie aus der Ferne bemerkte, rief er sie auch herbei, daß sie zu uns kommen möchte. Ich kann unmöglich jetzt die große Schönheit, den Anstand und den reichen und kostbaren Schmuck beschreiben, womit sich meine geliebte Zoraida meinen Augen zeigte; es hingen mehr Perlen an ihrem schönen Halse, in den Ohren und Haaren, als sie Haare auf dem Haupte hatte. Um die Knöchel der Füße, die sie nach dortiger Weise entblößt trug, hatte sie zwei Spangen vom feinsten Golde, mit so vielen Diamanten besetzt, daß ihr Vater, wie sie mir nachher erzählt hat, diese allein auf zehntausend Dublonen schätzte; um die Gelenke der Hand trug sie ähnliche Kleinodien von gleichem Werte. Die Perlen waren ungemein schön und in ungeheurer Menge, denn der größte Putz bei Mohren besteht darin, sich mit kostbaren großen und kleinen Perlen zu schmücken, darum gibt es auch bei den Mohren mehr Perlen als bei allen übrigen Nationen; und der Vater der Zoraida war dafür bekannt, die meisten und schönsten in Algier zu besitzen; außerdem schätzte man sein Vermögen auf mehr denn zweimalhunderttausend spanische Taler; von allem diesen war diejenige Gebieterin, die jetzt die Meinige ist. Ob sie mit so vielem Schmucke, in vollem Glücke schön erscheinen konnte, mögt Ihr aus dem schließen, was sie noch nach so vielen überstandenen Leiden ist, denn es ist bekannt, daß die Schönheit der Frauen nach Tagen und Zeiten wechselt und durch Zufälle vermindert oder vermehrt werden kann; auch ist es natürlich, daß die Leidenschaften der Seele sie erhöhen oder erniedrigen, oft selbst vernichten. Damals kam sie in aller ihrer Lieblichkeit auf uns zu, in der schönsten Herrlichkeit, oder wenigstens schien sie mir das Höchste, was ich bis dahin gesehen hatte; bei ihrem Anblicke fiel es mir zugleich ein, wieviel ich ihr zu danken habe, so daß sie mir wie eine Gottheit des Himmels vorkam, die zu meiner Freude und Errettung auf die Erde heruntergestiegen sei. Wie sie uns näher kam, sagte ihr Vater in ihrer Sprache, daß ich ein Sklave des Arnaute Mami sei und daß ich gekommen sei, Salat zu pflücken. Sie nahm das Wort und fragte mich hierauf in jener vermischten Sprache, ob ich ein Ritter sei und warum ich mich nicht loskaufe. Ich antwortete ihr, daß ich schon ausgelöst sei und daß sie aus der Ranzion sehen könne, wie hoch mich mein Herr schätzte, denn ich hätte ihm tausendundfünfhundert Soltanen geben müssen. Worauf sie antwortete: ›Wahrlich, hättest du meinem Vater gehört, so würde ich es nicht zugegeben haben, daß er dich für die doppelte Summe freigegeben hätte, denn ihr Christen lügt immer und macht euch nur arm, um die Mohren zu betrügen.‹
›Das mag wohl sein, Señora‹, antwortete ich; ›ich aber habe meinen Herrn aufrichtig behandelt, so wie ich es immer getan habe und stets mit allen Menschen aufrichtig handeln werde.‹
›Und wann reisest du?‹ fragte Zoraida.
›Ich glaube morgen‹, sagte ich, ›denn es ist ein französisches Schiff hier, das morgen unter Segel geht, und ich bin willens, mit diesem zu reisen.‹
›Ist es nicht besser‹, versetzte Zoraida, ›ein spanisches Schiff zu erwarten und mit diesem zu fahren als mit einem französischen, da die Franzosen nicht eure Freunde sind?‹
›Nein‹, antwortete ich, ›wüßte ich gewiß, daß ein spanisches Schiff ankommen würde, so würde ich es erwarten, aber sicherer ist es, morgen zu reisen, denn der Wunsch, mein Vaterland und geliebte Menschen wiederzusehen, ist so heftig in mir, daß ich auf keine andere spätere Gelegenheit warten kann, wenn sie auch noch so gut wäre.‹
›Du bist gewiß in deinem Vaterlande verheiratet‹, fragte Zoraida, ›und darum wünschest du die Abreise so sehr, um deine Gattin wiederzusehen?‹
›Ich bin nicht verheiratet‹, antwortete ich, ›aber ich habe mein Wort gegeben, mich zu vermählen, sobald ich in meinem Lande angelangt bin.‹
›Und ist denn die Dame schön, mit der du dich versprochen hast?‹ fragte Zoraida.
›Sie ist so schön‹, antwortete ich, ›daß, um sie dir recht wahrhaft zu schildern, sie dir sehr ähnlich sieht.‹
Hierüber lachte der Vater von Herzen und sagte: ›Beim Allah, Christ, so muß sie sehr schön sein, wenn sie meiner Tochter ähnlich sieht, denn diese ist die Schönste im Königreich; betrachte sie nur genau, und du wirst sehen, daß ich recht habe.‹
Bei den meisten dieser Worte und Redensarten diente uns der Vater der Zoraida, als der größere Sprachkundige, zum Dolmetscher, denn ob sie gleich so ziemlich die Bastardsprache, die dort gewöhnlich ist, reden konnte, so gab sie ihre Meinung doch mehr durch Zeichen als mit Worten zu verstehen.
Indem wir dies und anderes sprachen, kam ein Mohr in vollem Rennen daher und schrie mit lauter Stimme, daß vier Türken über die Gartenmauer gesprungen wären, die noch unreife Früchte abrissen. Der Alte erschrak, nicht weniger Zoraida, denn alle Mohren fürchten sich sehr vor den Türken, vorzüglich vor den Soldaten, die so unverschämt sind und sich eine solche Herrschaft über die Mohren anmaßen, daß sie sie härter als ihre Sklaven behandeln. Der Vater sagte hierauf zu Zoraida: ›Mein Kind, geh in das Haus zurück und verschließ dich dort, indes ich mit diesen Bestien rede; du, Christ, suche deine Kräuter, reise glücklich, und Allah führe dich in dein Vaterland zurück.‹
Ich verneigte mich, und er ging fort, um die Türken aufzusuchen, indem er mich mit Zoraida allein ließ, die sich stellte, als wenn sie fortginge, wohin es der Vater ihr befohlen hatte; dieser aber hatte sich kaum in den Baumgängen verloren, als sie sich zu mir wandte und mit Tränen in den Augen sagte: ›Tamexi, Christ, tamexi?‹, welches soviel heißt, du gehst fort, Christ, du gehst?
Ich antwortete: ›Ja, Señora, aber nicht ohne dich; erwarte mich am ersten Juma und erschrick nicht, wenn du uns siehst, denn wir wollen dich gewiß in die Christenheit führen.‹
Ich sagte ihr dies so, daß sie mich sehr gut verstand, und indem sie einen Arm um meinen Hals schlang, begab sie sich mit ohnmächtigen Schritten auf den Weg nach dem Hause, und der Zufall fügte es – der sehr übel ausschlagen mochte, daß sich alles in Unglück hätte endigen können, wenn es der Himmel nicht anders gelenkt hätte –, daß, indem wir beide in dieser Stellung fortgingen, sie ihren Arm um meinen Hals geschlungen, uns der Vater, der schon, da er die Türken fortgeschafft hatte, wieder zurückkam, in dieser Stellung sah, und wir bemerkten auch, daß er uns gesehen habe. Zoraida aber nahm vorsichtig nicht ihren Arm von meinem Halse herunter, sondern sie lehnte sich noch mehr auf mich und ließ ihren Kopf auf meine Brust sinken, indem sie die Knie etwas beugte, so daß es schien, sie sei ohnmächtig geworden, und ich stellte mich ebenfalls, als wenn ich sie gegen meinen Willen hielte. Ihr Vater kam schnell zu uns gelaufen, und da er seine Tochter in diesem Zustande sah, fragte er, was ihr sei; da sie aber keine Antwort gab, sagte der Vater: ›Gewiß hat sie der Einbruch dieser Bestien erschreckt, daß sie ohnmächtig geworden ist.‹ Er nahm sie aus meinen Armen und drückte sie an seine Brust, sie aber seufzte, und mit Augen, die noch von Tränen naß waren, sagte sie noch einmal zu mir: ›Amexi, Christ, amexi‹; geh, Christ, geh! Worauf ihr Vater antwortete: ›Der Christ braucht nicht zu gehen, mein Kind, denn er hat dir kein Leid zugefügt, und die Türken sind schon weggegangen; sei ohne Sorgen, du hast nun nichts mehr zu furchten, denn, wie gesagt, die Türken haben sich auf meine Bitte schon wieder entfernt.‹
›Diese haben sie in Schrecken gesetzt, Herr, wie du gesagt hast‹, redete ich zu ihrem Vater, ›da sie aber will, daß ich fortgehen soll, will ich ihr keinen Verdruß machen, und wenn du es vergönnst, komme ich vielleicht wieder in den Garten, wenn noch Kräuter nötig sein sollten, denn mein Herr sagte, daß nirgend so guter Salat wächst als hier.‹
›Du kannst wiederkommen, sooft du willst‹, sagte Agi Morato, ›denn meine Tochter hat das nicht gesagt, weil sie dich oder die Christen nicht leiden möchte, sondern sie wollte nur sagen, die Türken sollten fortgehen, und darum sagte sie zu dir, du möchtest gehen, oder sie hat dich auch erinnern wollen, deinen Salat zu suchen.‹
Hierauf nahm ich von beiden Abschied, und sie ging mit tiefbewegter Seele mit ihrem Vater fort; unter dem Anscheine, Kräuter zu suchen, durchstrich ich nun den ganzen Garten, ich beobachtete die Ein-und Ausgänge, die Festigkeit des Hauses, und welche Gelegenheiten unsere Unternehmung erleichtern könnten.
Da dies getan war, gab ich dem Renegaten und meinen Gefährten von allem Nachricht, ich konnte die Stunde nicht erwarten, in der ich mit Sicherheit die schöne Zoraida, die das Schicksal mir gönnte, die Meinige nennen konnte.
Endlich erschien der Tag und die uns allen so sehr erwünschte Stunde, wir folgten ganz dem klugen Plane, den wir seit lange entworfen hatten, und er schlug nach unserem Wunsche aus, denn am Freitage, der auf den Tag folgte, an welchem ich Zoraida im Garten gesprochen hatte, legte mit der Dämmerung mein Renegat die Barke dem Aufenthalte der schönen Zoraida gegenüber vor Anker. Schon waren die Christen, die rudern sollten, aus der Stadt und an verschiedenen Stellen dortherum zerstreut. Alle waren voll ungewisser Hoffnung, indem sie mich erwarteten; sie hatten Lust, das Schiff, das vor ihren Augen dalag, anzugreifen, denn sie wußten nicht, daß ich mit dem Renegaten einverstanden war, sondern sie meinten, sie müßten durch die Stärke ihres Armes die Freiheit erobern und die Mohren umbringen, die sich in der Barke befanden. Sowie ich mich nun mit meinen Gefährten zeigte, versammelten sich alle um uns her, die sich bisher zerstreut und verborgen gehalten hatten. Die Stadt war um die Zeit schon verschlossen, und kein Mensch ließ sich auf dem Felde sehen.
Als wir beieinander waren, stritten wir, ob es besser sei, erst zu Zoraida zu gehen oder vorher die Mohren zu überwältigen, die in der Barke ruderten; indem wir noch ungewiß waren, kam der Renegat und sagte, daß wir nicht länger warten möchten, denn es sei nun Zeit, alle seine Mohren wären in völliger Sicherheit und die meisten schliefen. Ich sagte ihm, weswegen wir noch warteten, und er antwortete, das wichtigste sei, sich zuerst des Fahrzeuges zu bemächtigen, und daß man dies mit Sicherheit und ohne alle Gefahr tun könnte, dann sollten wir sogleich zu Zoraida gehen. Wir alle waren seiner Meinung, und ohne uns länger aufzuhalten, zogen wir unter seiner Anführung nach dem Schiffe; er sprang zuerst hinein, den Säbel in der Faust, und rief auf mohrisch: ›Keiner rühre sich, wenn es ihm nicht das Leben kosten soll!‹ Zugleich waren auch alle Christen hineingedrungen. Die Mohren, die wenig Mut hatten und ihren Anführer so reden hörten, waren erschrocken, und ehe daß einer zu den Waffen griff, deren sie überhaupt nur wenige bei sich hatten, ließen sie sich, ohne ein Wort zu sprechen, von den Christen binden, welches diese in großer Schnelligkeit taten und die Mohren bedrohten, daß, wenn sie auf irgendeine Art Lärm machten, sie augenblicks über die Klinge springen müßten.
Da dies getan war, blieb die Hälfte der Unsrigen zur Bewachung zurück, wir übrigen begaben uns wieder unter Anführung des Renegaten nach dem Garten des Agi Morato, und das Glück wollte uns so wohl, daß sich die Tür mit so großer Leichtigkeit eröffnen ließ, als wenn sie gar nicht verschlossen gewesen, und so, ohne irgend Geräusch zu machen, kamen wir nach dem Hause, indem uns niemand bemerkte. Die schöne Zoraida wartete unserer schon an einem Fenster, und sowie sie Leute hörte, fragte sie mit leiser Stimme, ob wir Nazarener seien, womit sie meinte, ob wir Christen wären. Ich antwortete mit Ja, und daß sie herunterkommen möchte. Als sie mich erkannte, weilte sie nicht länger, sondern ohne ein Wort zu sprechen, kam sie in einem Augenblicke herab, öffnete die Tür und zeigte sich uns so schön und in so kostbarer Kleidung, daß es keine Beschreibung darstellen kann. Sowie ich sie sah, nahm ich ihre Hand und küßte sie, der Renegat und meine beiden Gefährten taten das nämliche, und die übrigen, die den Zusammenhang nicht wußten, taten das, was sie uns tun sahen, so daß es war, als wenn wir alle ihr Dank sagten und sie für die Urheberin unserer Freiheit erkannten. Der Renegat fragte sie in mohrischer Sprache, ob ihr Vater im Garten sei. Sie antwortete ja, daß er aber schliefe. ›So müssen wir ihn aufwecken‹, versetzte der Renegat, ›und ihn mit uns nehmen, nebst allem, was sich in diesem Garten an Kostbarkeiten findet.‹
›Nein‹, sagte sie, ›an meinem Vater dürft ihr euch durchaus nicht vergreifen, auch findet sich in diesem Hause nichts weiter, als was ich mit mir nehme, welches hinreicht, euch alle reich und zufrieden zu machen, wartet ein wenig, und ihr sollt es sehen.‹ Mit diesen Worten ging sie wieder hinein und sagte uns, daß sie gleich zurückkommen würde, wir sollten stehenbleiben und kein Geräusch machen. Ich fragte den Renegaten, was er mit ihr gesprochen habe, worauf er es mir erzählte. Ich sagte hierauf, daß er durchaus nichts anderes tun solle, als wie es Zoraida beföhle. Diese kam indes schon mit einem Kästchen voll goldener Taler zurück, so daß sie es kaum tragen konnte.
Das Unglück fügte es so, daß ihr Vater in diesem Augenblicke erwachte und ein Geräusch im Garten vernahm; er erschien am Fenster, und sowie er sah, daß diejenigen im Garten Christen waren, rief er mit lauter und entsetzlicher Stimme auf arabisch: ›Christen! Christen! Räuber! Räuber!‹ Durch dieses Geschrei sahen wir uns plötzlich in die größte Gefahr versetzt. Da der Renegat dies schnell faßte, und wieviel darauf ankam, fortzukommen, ehe Lärm würde, lief er plötzlich zum Agi Morato hinauf, und mit ihm einige von den Unsrigen, denn ich durfte Zoraida nicht verlassen, die halb ohnmächtig in meinen Armen lag. Die hinaufgelaufen waren, machten so schnelles Spiel, daß sie den Augenblick mit Agi Morato herunterkamen, dem die Hände gebunden waren und der Mund mit einem Tuche verstopft, so daß er kein Wort hervorbringen konnte, wobei man ihm drohete, daß, wenn er ein Wort sagte, es ihm das Leben kosten würde. Als die Tochter ihn sah, bedeckte sie die Augen, um ihn nicht zu sehen, und der Vater war voll Verwunderung, weil er nicht wußte, daß sie sich mit ihrem Willen in unseren Händen befand; jetzt waren uns aber die Füße am nötigsten, wir liefen daher mit der größten Schnelligkeit zur Barke, indem uns jene, die dort geblieben waren, schon erwarteten und in Furcht standen, daß uns ein Unglück zugestoßen sei.
Es waren noch keine zwei Stunden von der Nacht verflossen, als wir auch schon alle in der Barke waren, wo man dem Vater der Zoraida die Hände frei machte und ihm das Tuch aus dem Munde nahm; der Renegat drohte ihm aber von neuem, daß, wenn er ein Wort sagte, wir ihm das Leben nehmen würden. Wie er seiner Tochter ansichtig ward, fing er an auf das kläglichste zu weinen, vorzüglich als er sah, daß ich sie fest in meinen Armen eingeschlossen hielt und daß sie, ohne sich zu sträuben, zu klagen oder nur auszuweichen, ruhig blieb, aber dennoch schwieg er still, damit die Drohungen des Renegaten nicht in Erfüllung gehen möchten. Wie sich nun Zoraida in der Barke sah, und daß wir zu rudern anfangen wollten, und wie sie ihren Vater und die festgebundenen Mohren wahrnahm, sagte sie dem Renegaten, daß er mich bitten möchte, die Mohren loszubinden und ihren Vater frei zu machen, denn sie würde sich eher ins Meer stürzen, als vor ihren Augen und ihretwegen einen Vater gefangen zu sehen, der sie immer so sehr geliebt habe. Der Renegat sagte mir dies, und ich antwortete, daß ich es zufrieden sei, er aber erwiderte, daß man dies nicht könne, denn wenn man sie dort ließe, würden sie sogleich das Land und die Stadt in Aufruhr bringen und verursachen, daß man uns mit einigen leichten Fregatten nachsetzte, man würde uns Land und Meer abschneiden, wodurch wir dann unmöglich entwischen könnten; man könne ihnen aber wohl die Freiheit geben, sobald wir an ein christliches Land gekommen seien.
In diese Meinung stimmten wir alle ein, und Zoraida – der dies und die Ursachen gesagt wurden, weshalb wir nicht sogleich ihren Wunsch erfüllten – war auch damit zufrieden, und zugleich griffen alle stillschweigend und mit freudigem Mute zu den Rudern; wir empfahlen uns Gott von ganzem Herzen und schifften nach der Gegend der Insel Majorca, die das nächste christliche Land ist. Ein starker Wind aber fing an uns entgegenzuwehen, und das Meer wurde so stürmisch, daß es nicht möglich war, die Fahrt nach Majorca fortzusetzen; wir waren also gezwungen, dicht am Lande nach der Gegend von Oran fortzurudern, indem wir immer besorgen mußten, von Sargel aus entdeckt zu werden, welches auf dieser Küste sechzig Meilen von Algier entfernt liegt, so wie wir auch befürchten mußten, auf diesem Wege einer von den Galeeren zu begegnen, die mit Kaufmannsgütern von Tetuan kommen, obgleich wir alle glaubten, daß, wenn uns ein Kauffahrteischiff begegnete, vorausgesetzt, daß es kein Korsar sei, wir uns wohl halten oder gar das andere Schiff erobern könnten, in welchem wir dann unsere Reise sicherer fortsetzen würden. Zoraida hielt indes immer ihren Kopf in meinen Händen, um ihren Vater nicht zu sehen, und ich hörte, wie sie Lela Marien um Beistand anrief.[362]
Wir mochten wohl dreißig Meilen gefahren sein, als der Morgen anbrach und wir uns nur drei Musketenschüsse vom Lande entfernt sahen, die ganze Gegend war einsam und kein Mensch zu sehen, der uns hätte verraten können; aber dennoch ruderten wir mit aller Gewalt weiter in das hohe Meer hinein, das nun schon beruhigter war, und nachdem wir zwei Meilen gefahren waren, sagte ich, daß wir abwechselnd rudern wollten, um essen zu können, denn wir hatten unsere Barke gut versehen; diejenigen aber, die am Ruder saßen, sagten, daß noch keine Zeit wäre, um auszuruhen, die übrigen, die nicht ruderten, möchten nur essen, sie wollten die Arbeit durchaus nicht fahrenlassen. So geschah es, und zu gleicher Zeit fing ein starker Wind an zu wehen, so daß wir die Segel aufspannen und das Rudern unterlassen mußten, worauf wir uns nach Oran wandten, weil jede andere Richtung unmöglich war. Dies alles geschah sehr schnell, und so segelten wir in einer Stunde wohl acht Meilen, indem wir nichts weiter fürchteten, als daß uns ein Korsar begegnen möchte. Den Mohren gaben wir Speise, und der Renegat tröstete sie, daß sie keine Gefangenen wären, sondern daß sie mit der ersten Gelegenheit ihre Freiheit haben sollten. Dasselbe sagte er dem Vater der Zoraida, welcher antwortete: ›Ich kann, Ihr Christen, von Eurer Freigebigkeit und Eurem guten Willen jedwedes andere Geschenk erwarten, haltet mich aber nicht für so einfältig, daß ich glauben sollte, Ihr würdet mir die Freiheit geben, denn wie hättet Ihr mich mit so großer Gefahr fortgeführt, wenn Ihr mich loslassen wolltet? Da Ihr außerdem wißt, wer ich bin und wie teuer ich meine Freiheit erkaufen kann; nennt nur den Preis, und ich will Euch alles für mich und für diese meine unglückselige Tochter bewilligen, oder auch für sie allein, denn sie ist die größere und bessere Hälfte meiner Seele.‹
Bei diesen Worten fing er an, so bitterlich zu weinen, daß wir alle zum Mitleid bewegt wurden und Zoraida gezwungen ward, ihn anzusehen; da sie nun seine Tränen sah, wurde sie so sehr gerührt, daß sie von mir ging und ihren Vater umarmte, sie drückte ihr Gesicht an das seinige, und beide fingen ein so herzliches Wehklagen an, daß viele von denen, die zugegen waren, ebenfalls weinen mußten.
Als ihr Vater sie aber so festlich geschmückt und mit so vielen Juwelen bedeckt sah, sagte er in ihrer Sprache zu ihr: ›Was ist dies, meine Tochter? Gestern, ehe uns dies gegenwärtige fürchterliche Unglück betroffen hatte, sah ich dich in deinen gewöhnlichen häuslichen Kleidern, und jetzt, ohne daß du Zeit hattest, dich anzukleiden, und ohne daß ein Glücksfall dir Veranlassung gab, dich zu putzen und zu schmücken, seh ich dich in deinem herrlichsten Schmuck, den ich dir nur jemals schenken konnte, als das Glück uns am günstigsten war? Antworte mir hierauf, denn es verwundert und erstaunt mich noch viel mehr als das Unglück, in welchem ich mich befinde.‹
Alles, was der Mohr zu seiner Tochter sprach, erklärte uns der Renegat, und sie antwortete mit keinem Laut. Als er aber in einem Winkel der Barke das Kästchen sah, in welchem sie ihre Juwelen aufzuheben pflegte und wovon er wußte, daß es in Algier zurückgeblieben und nicht mit nach dem Garten genommen sei, geriet er in noch größere Verwirrung und fragte, wie das Kästchen in unsere Hände geraten wäre und was sich darin befinde. Worauf der Renegat, ohne Zoraida antworten zu lassen, so antwortete: ›Sei ruhig, Herr, und frage deine Tochter Zoraida dergleichen Sachen nicht, denn ich will dir mit einem Male alles beantworten; wisse also, daß sie eine Christin ist, daß sie uns von unseren Ketten erlöste und uns aus der Gefangenschaft frei machte. Freiwillig geht sie mit uns und ist über ihren gegenwärtigen Zustand vergnügt, denn sie kömmt aus Finsternis in Licht, aus dem Tode in Leben, aus Trübsal in Herrlichkeit.‹
›Ist das Wahrheit, was jener sagt, meine Tochter?‹ fragte der Mohr. ›So ist es‹, antwortete Zoraida.
›Du wärest also‹, erwiderte der Alte, ›in der Tat Christin und hättest deinen Vater in die Gewalt seiner Feinde gegeben?‹
Worauf Zoraida antwortete: ›Wahr ist es, daß ich Christin bin, doch habe ich dich nicht in diesen Zustand versetzt, denn niemals hab ich den Wunsch gehabt, dich zu verlassen noch dir etwas Übles, sondern nur mir Gutes zu tun.‹
›Und welches Gute tust du dir, mein Kind?‹
›Dies‹, antwortete sie, ›mußt du Lela Marien fragen, sie wird dir das besser als ich sagen können.‹
Kaum hatte der Mohr dies gehört, als er sich mit unglaublicher Schnelligkeit köpflings ins Meer stürzte, wo er gewiß ertrunken wäre, wenn seine großen und weiten Gewänder ihn nicht einige Zeit über dem Wasser erhalten hätten. Zoraida rief, daß wir ihm helfen möchten, und wir alle liefen sogleich hinzu; er wurde bei seinem Oberkleide ergriffen und bewußtlos in das Schiff gezogen, worüber Zoraida mit solcher Trauer, als wenn er schon gestorben wäre, über ihn ein heftiges und klägliches Jammergeschrei begann. Wir stellten ihn mit dem Kopfe nach unten, und er gab vieles Wasser von sich, worauf er nach zwei Stunden wieder zu sich kam, während welcher Zeit sich der Wind wieder gedreht hatte und uns nach dem Lande zu trieb, wogegen wir uns mit aller Gewalt des Ruderns setzen mußten. Das Glück fügte es besser, daß wir in eine Bucht gelangten, die auf der Seite eines kleinen Vorgebirges liegt, welches die Mohren Cava Rumia nennen, das in unserer Sprache soviel als das böse Christenweib heißt, und es ist bei den Mohren eine Sage, daß die Cava hier begraben liege, durch welche Spanien verlorenging; denn Cava heißt in ihrer Sprache soviel als das böse Weib und Rumia Christin. Sie halten es auch für eine üble Vorbedeutung, sich hier vor Anker zu legen, wenn sie die Not einmal dazu zwingt, denn freiwillig tun sie es niemals; für uns aber war dieser Ort kein böses Weib, sondern eine sichere Zuflucht, bis sich das Meer geändert hätte. Auf dem Lande stellten wir Wachen aus, und die übrigen ließen die Ruder nicht aus den Händen; wir aßen von dem, womit uns der Renegat versorgt hatte, und baten Gott und unsere Jungfrau von ganzem Herzen, daß sie uns helfen und begünstigen möchten und einem so glücklichen Anfange einen ebenso glücklichen Ausgang gewähren.
Es wurde hierauf, auf Bitten der Zoraida, eingerichtet, daß man ihren Vater und die übrigen gebundenen Mohren an das Land setzte; denn sie konnte es in ihrem weichen Herzen nicht länger ertragen, ihren Vater gebunden vor sich und die übrigen aus ihrem Lande entführt zu sehen. Wir hatten auch bei unserer Abreise dies zu tun versprochen, und wir liefen dabei keine Gefahr, sie an diesem einsamen Orte zurückzulassen.
Unsere Gebete waren nicht vergeblich, sondern der Himmel erhörte sie, denn es fing an, ein günstiger Wind zu wehen, das Meer wurde ruhig, worauf wir den Vorsatz faßten, mit frischem Mute unsere angefangene Reise fortzusetzen. Wir banden also die Mohren los und setzten sie einen nach dem andern an das Land, worüber sie sich sehr verwunderten; als wir aber den Vater der Zoraida, der wieder zu sich gekommen war, ans Land führen wollten, sagte er: ›Warum meint Ihr, Christen, daß dieses böse Mädchen will, daß Ihr mir die Freiheit gebt? Meint Ihr, es sei aus Liebe, die sie zu mir trägt? Nein, wahrlich nicht, sondern sie will sich nur von meiner Gegenwart nicht stören lassen, wenn sie ihr böses Vorhaben ausgeführt; glaubt auch nicht, daß sie ihre Religion deswegen verändert, weil sie einsieht, daß die Eurige besser als die unsrige sei, sondern weil sie weiß, daß in Eurem Lande die Schändlichkeit öffentlicher als in dem unsrigen getrieben wird.‹ Er kehrte sich hierauf zu Zoraida, indem er von mir und einem anderen Christen an beiden Armen gehalten wurde, damit er kein Unheil anrichten möchte, und sagte: ›O du nichtswürdiges Kind! Unverständige Törin! Wohin willst du, Verblendete, in der Gesellschaft dieser Hunde, unserer geborenen Feinde? Verflucht sei die Stunde, in der ich dich zeugte! Verflucht sei jede Freude und jede Liebkosung, womit ich dich erzogen habe!‹
Da ich aber sah, daß er noch lange fortfahren würde, ließ ich ihn schnell ans Land setzen, von wo[364] er uns laut schreiend mit seinen Verwünschungen und Wehklagen verfolgte, indem er Mahomet und Allah anrief, uns zu vernichten und gänzlich zu zerstören. Als wir schon weiter fortgesegelt waren und seine Worte nicht mehr hören konnten, sahen wir doch noch seine Gebärden, denn er riß seinen Bart aus, raufte sich die Haare und wälzte sich auf dem Boden; nur einmal erhob er die Stimme so laut, daß wir seine Worte vernehmen konnten. ›Komm zurück, geliebtes Kind, komm zurück, denn ich vergebe dir alles, überlaß diesen Leuten alles Geld und komm zurück, um deinen elenden Vater zu trösten, der auf diesem wüsten Sande sein Leben lassen wird, wenn du ihn verlässest!‹
Alle diese Worte hörte Zoraida, sie weinte unaufhörlich und antwortete ihm folgendes: ›Bitte Allah, mein Vater, daß Lela Marien dich tröste, die mich dazu bewogen hat, Christin zu werden. Allah weiß, daß ich nichts anderes tun konnte, als was ich getan habe, und daß diese Christen mich nicht dazu überredet haben; denn wenn ich auch nicht mit ihnen gereist wäre, so hätte ich doch nicht in meinem Hause bleiben können, weil meine Seele mich eifrig antrieb, das ins Werk zu setzen, was mir so gut scheint, wie du es, geliebter Vater, für böse hältst.‹
So sprach sie noch, indem ihr Vater sie nicht mehr hörte und wir ihn nicht mehr sahen. Ich tröstete Zoraida, und wir setzten unsere Reise fort, die der günstige Wind beschleunigte, so daß wir gewiß glaubten, uns am folgenden Morgen am spanischen Ufer zu befinden.
Wie aber das Glück selten oder nie ganz rein und ungetrübt erscheint, ohne daß ein Unglück es begleitet oder zerstöre, so wollte es das Schicksal haben, oder vielleicht machten es die Flüche des Mohren, die er seiner Tochter mitgegeben hatte, denn die Verwünschungen eines Vaters sind immer furchtbar, daß, als wir so fortfuhren und schon drei Stunden der Nacht verflossen waren, das Segel aufgespannt, die Ruder in Ruhe, weil der Wind unsere Arbeit unnötig machte, wir plötzlich beim hellen Scheine des Mondes nahe an uns ein rundes Schiff sahen, das mit vollen Segeln und so dicht von uns vorbeistrich, daß wir die Segel einziehen mußten, um nicht anzustoßen, und sie richteten sich ebenfalls ein, damit wir vorbeifahren könnten. Sie hatten sich auf den Rand des Schiffes begeben, um zu fragen, wer wir wären, wohin wir führen und woher wir kämen! Da sie dies aber in französischer Sprache fragten, sagte der Renegat: ›Antworte keiner, denn sie sind gewiß französische Korsaren, die auf alles Beute machen.‹
Wir gaben nach diesem Rat keine Antwort, und da wir schon etwas weiter gefahren waren und wieder Wind gewonnen hatten, wurden plötzlich zwei Stücke abgeschossen, und, wie es schien, mit Kettenkugeln geladen, denn der eine Schuß schlug unsern Mast in der Mitte durch und warf ihn mit dem Segel ins Meer, indem wurde auch das zweite Stück abgefeuert, das mitten durch unsere Barke schlug und sie ganz durchlöcherte, ohne uns selbst zu beschädigen. Wie wir sahen, daß wir versinken wollten, fingen wir alle laut an um Hülfe zu rufen, daß die aus dem Schiffe uns beistehen möchten, weil wir zugrunde gingen. Sie hielten an und setzten ein Boot aus, in das sich zwölf gewaffnete Franzosen begaben, mit ihren Musketen und brennenden Lunten, und so kamen sie zu uns; da sie sahen, daß wir so wenige wären und daß das Schiff schon zu sinken anfing, nahmen sie uns auf und sagten, daß wir uns diesen Unfall selber, wegen der Unhöflichkeit, nicht geantwortet zu haben, zuzuschreiben hätten. Unser Renegat nahm das Kästchen mit den Schätzen der Zoraida und warf es in das Meer, ohne daß dies einer bemerkte. Wir begaben uns nun alle zu den Franzosen, die, nachdem sie erfahren hatten, wer wir wären, uns als unsere Feinde alles nahmen, was sie nur fanden, so daß sie der Zoraida sogar die Spangen raubten, die sie um die Füße trug. Doch war ich deshalb nicht so bekümmert, weil Zoraida und ich befürchteten, daß sie ihr außer dem kostbaren Schmuck auch jenen Schmuck rauben würden, den sie und ich höher als alles schätzte; aber die Begierden jener Menschen gehen nicht weiter als auf Geld hinaus, und noch niemals habe ich eine so große Habsucht gesehen, denn sie stieg so hoch, daß sie uns sogar die Sklavenkleider ausgezogen hätten, wenn sie ihnen hätten nutzen können. Sie schienen endlich darauf zu fallen, uns in ein Segel gewickelt in die See zu werfen, weil sie die Absicht hatten, in einigen spanischen Häfen Handel zu treiben und sich dabei für Engländer auszugeben; wenn sie uns nun lebendig mitnahmen, konnten sie gestraft und ihr Betrug entdeckt werden; der Kapitän aber, der meine geliebte Zoraida geplündert hatte, sagte, daß er mit der gemachten Beute zufrieden sei und nicht begehre, nach einem spanischen Hafen zu fahren, sondern gleich nach Rochelle zu segeln, von wo er ausgelaufen sei; deshalb gaben sie uns das Boot aus ihrem Schiffe, nebst allem, was wir für unsern übrigen kurzen Weg brauchten. Dies taten sie am folgenden Tage, als wir Spanien schon vor uns sahen, mit welchem Anblicke alle unsere Sorgen und Armut im Augenblick vergessen wurden, als wenn wir nichts erlitten hätten. So groß ist die Freude, die verlorene Freiheit wiederzuerlangen.
Es mochte ungefähr um Mittag sein, als wir das Boot bestiegen, in welches sie uns zwei Fässer Wasser und etwas Zwieback legten; der Kapitän, von einem gewissen Mitleiden bewogen, gab der schönen Zoraida beim Einschiffen vierzig goldene Taler und litt es nicht, daß ihr die Soldaten die Kleider auszogen, die sie noch jetzt trägt. Wir stiegen in das Fahrzeug und dankten für die Güte, die sie uns erzeigten, indem wir mehr erfreut als betrübt waren. Sie setzten ihren Lauf fort, indem sie sich nach der Meerenge wandten, wir aber richteten uns nach keinem anderen Kompaß als nach dem Lande, welches vor uns lag; wir ruderten so eifrig, daß wir mit dem Untergange der Sonne schon so nahe waren, daß wir glaubten, noch vor dem Einbruche der Nacht anlanden zu können; aber es war in dieser Nacht kein Mondschein, und der Himmel war so finster, wobei wir die Gegend nicht kannten, in welcher wir uns befanden, so daß wir es für gefährlich hielten, ans Land zu stoßen; einige von uns aber wollten, daß wir anlanden möchten, wenn wir selbst auf Felsen und fern von einem bewohnten Orte laufen sollten, denn so brauchten wir wenigstens nicht zu fürchten, daß wir auf tetuanische Korsaren gerieten, die in der Nacht von der Barbarei ausfahren und sich am Morgen an der spanischen Küste befinden, wo sie Beute machen, und dann, um zu schlafen, nach ihrer Heimat zurückkehren; andere aber meinten, daß wir uns langsam dem Lande nähern müßten, wie es auch die Stille des Meeres erlaubte, und dann aussteigen, wenn wir einen Landungsplatz anträfen. Dies geschah, und noch vor Mitternacht kamen wir an einen gezackten hohen Felsen, der aber nicht ganz dicht am Meere stand, sondern Raum genug übrigließ, daß wir hier anlanden konnten. Auf dem Sande standen wir still, dann stiegen wir alle aus, küßten die Erde und sagten mit den süßesten Freudentränen Gott, unserm Schöpfer, Dank für die große Güte, die er uns auf der Reise erwiesen hatte. Wir nahmen aus der Barke die Nahrungsmittel und zogen sie auf das Land, wir gingen hierauf eine große Strecke in das Gebirge hinein, denn ob wir uns gleich am Lande befanden, konnten wir unsere Brust immer noch nicht beruhigen und mit Zuverlässigkeit glauben, daß wir wirklich auf christlichem Boden ständen. Der Tag schien länger auszubleiben, als wir wünschten, wir stiegen nun alle das Gebirge völlig hinauf, um zu sehen, ob wir ein Dorf oder einige Schäferhütten von oben entdecken könnten; aber so sehr wir uns auch umsahen, erblickten wir doch kein Dorf, keinen Menschen, keine Hütte, keinen Fußpfad und keine Landstraße. Wir faßten aber alle den Entschluß, uns tiefer in das Land hineinzubegeben, weil wir doch bald irgend jemanden finden müßten, der uns zurechtweisen könne. Was mich am meisten betrübte, war, daß Zoraida in dieser wilden Gegend zu Fuße gehen mußte, denn wenn ich sie auch manchmal auf dem Rücken trug, so ermüdete sie meine Ermüdung nur mehr, als sie in der Ruhe ruhte, und daher wollte sie durchaus nicht, daß ich diese Arbeit übernähme; mit vieler Geduld und mit fröhlichen Gebärden ließ sie sich von mir an der Hand führen, und so mochten wir ungefähr eine Viertelmeile fortgewandert sein, als unser Ohr den Ton eines Glöckchens vernahm, woraus wir deutlich merkten, daß sich in der Nähe eine Herde befinden müsse; wir sahen uns von allen Seiten um und bemerkten an dem Stamme eines Korkbaums einen jungen Schäfer sitzen, der mit vieler Ruhe und Emsigkeit mit einem Messer an einem Stocke schnitzelte. Wir riefen ihm zu, und sowie er den Kopf aufhob, lief er auch behende davon, weil, wie wir nachher erfuhren, er zuerst den Renegaten und Zoraida in ihren Mohrenkleidern erblickte und gemeint hatte, die ganze Barbarei sei nun hinter ihm her, so daß er mit der größten Schnelligkeit durch die Gebüsche fortlief und mit dem lautesten Geschrei rief: ›Mohren, Mohren im Lande! Mohren! Mohren! Zu den Waffen! Zu den Waffen!‹
Wir waren hierauf bei diesem Geschrei in gänzlicher Verwirrung und wußten nicht, was wir anfangen sollten; da wir aber bedachten, daß das Geschrei des Schäfers gewiß das Land in Aufruhr bringen und daß die Reiterei von der Küste alsbald kommen würde, um zu sehen, was es gäbe, wurden wir einig, daß der Renegat seine türkischen Kleider ablegen und das Kamisol des einen Sklaven anziehen mußte, der hierauf im Hemde blieb, und so empfahlen wir uns Gott und gingen auf dem Wege weiter, auf welchem der Schäfer fortgelaufen war, indem wir immer hofften, daß wir auf die Reiter der Küste stoßen würden. Wir wurden auch in unserer Hoffnung nicht getäuscht, denn es waren noch nicht zwei Stunden vergangen, als wir aus der rauhen Gegend in die Ebene kamen und wohl fünfzig Reiter gewahr wurden, die im vollen Laufe mit verhängtem Zügel auf uns zuritten; sowie sie uns näher kamen, hielten sie voll Verwunderung an, denn statt der Mohren, die sie suchten, fanden sie eine Anzahl armseliger Christen, und einer fragte uns, ob wir vielleicht diejenigen wären, die den Schäfer veranlaßt hätten, zu den Waffen zu rufen.
›So ist es‹, sagte ich und wollte eben anfangen, von unsern Begebenheiten zu erzählen, woher wir gekommen und wer wir wären, als einer von den Christen, die mit uns kamen, den Reiter erkannte, der die Frage getan hatte, und, ohne mich weiterreden zu lassen, ausrief: ›Gelobt sei Gott, Señores, der uns so glücklich geleitet hat, denn wenn ich mich nicht irre, so ist die Gegend, in der wir jetzt sind, die von Velez Malaga, und wenn die Jahre meiner Gefangenschaft mir nicht mein Gedächtnis geraubt haben, so erinnere ich mich auch Eurer, Señor, der Ihr uns fragtet, wer wir wären, und Ihr seid Pedro de Bustamante, mein Oheim.‹
Der Christensklave hatte dies kaum gesagt, als der Reiter vom Pferde stieg, den Jüngling umarmte und sagte: ›O du mein bester, liebster Neffe, jetzt kenne ich dich, wie oft haben wir deinen Tod beweint, ich und meine Schwester, deine Mutter, und alle von deinen Angehörigen, die noch am Leben sind, und Gott hat uns gnädig erhalten, um uns die Freude zu gönnen, dich noch einmal wiederzusehen; wir wußten, daß du in Algier warest, und aus deinen Kleidern, wie aus denen der übrigen Gesellschaft, kann ich abnehmen, daß Ihr auf eine wunderbare Art Eure Freiheit erhalten habt.‹
›So ist es‹, antwortete der junge Mensch, ›und wir werden schon Zeit haben, Euch alles zu erzählen.‹
Sowie die Reiter hörten, daß wir alle Christensklaven wären, stiegen sie von ihren Pferden ab, und jeder bot das seinige an, um uns nach der Stadt zu führen, die noch anderthalb Meilen entfernt war. Einige davon entfernten sich, um die Barke nach der Stadt zu bringen, indem wir ihnen beschrieben, wo wir sie gelassen hatten; die übrigen nahmen uns hinter sich auf die Pferde, und Zoraida saß hinter jenem, der der Oheim des Christen war. Die ganze Stadt kam uns zum Empfange entgegen, weil einige vorangeritten waren und unsere Ankunft erzählt hatten. Sie verwunderten sich nicht darüber, freie Sklaven oder gefangene Mohren zu erblicken, denn die Einwohner der dortigen Küste sind daran gewöhnt, die einen wie die andern zu sehen, sondern sie erstaunten über die Zoraida, die in diesem Augenblicke, teils vom Wege erhitzt, teils voll Freude, sich in einem christlichen Lande und in Sicherheit zu befinden, ihr Gesicht mit so schönen Farben geschmückt hatte, daß, wenn mich die Liebe damals nicht täuschte,[367] ich wohl sagen möchte, daß, wie sie war, kein schöneres Wesen auf Erden leben könne oder daß ich wenigstens noch kein schöneres gesehen hatte.
Wir gingen geradeweges nach der Kirche, um Gott für seine Gnade zu danken; Zoraida ging mit und sagte, daß Gesichter dort wären, die der Lela Marien glichen. Wir antworteten, daß es Bildnisse von ihr wären, und der Renegat machte ihr, so gut er konnte, deutlich, was sie bedeuteten, daß sie so zu ihnen beten möchte, als wenn wirklich eins von ihnen die wahrhaftige Lela Marien wäre, die zu ihr gesprochen hätte. Sie, die einen guten Verstand hat und leicht begreift, faßte sogleich, was ihr in Ansehung der Bildnisse gesagt wurde.
Als wir aus der Kirche gingen, verteilten wir uns in unterschiedliche Häuser des Ortes; den Renegaten, Zoraida und mich führte der Christ, der mit uns gekommen war, in das Haus seiner Eltern, die in mittelmäßigen Glücksumständen lebten und uns mit ebender Liebe wie ihren Sohn behandelten. Sechs Tage hielten wir uns in Velez auf, worauf der Renegat, nachdem er sich erst unterrichtet, was er zu tun habe, sich nach Granada begab, um sich durch Vermittlung der heiligen Inquisition in den Schoß der allerheiligsten Kirche wieder aufnehmen zu lassen; die übrigen frei gewordenen Christen gingen hierauf fort, ein jeder, wohin es ihm am besten dünkte; ich und Zoraida, wir blieben allein, und wir besaßen nichts als jenes Geld, welches der Franzose aus Höflichkeit der Zoraida gegeben hatte, wovon ich das Tier kaufte, auf dem sie reitet, so daß ich ihr bis jetzt als Vater und Stallmeister, nicht als Gemahl gedient habe. So reisen wir jetzt in der Absicht fort, um zu sehen, ob mein Vater noch lebt oder ob einer von meinen Brüdern mehr Glück gehabt hat als ich, ob ich gleich fühle, daß ich im Besitz der Zoraida, den mir der Himmel gegönnt hat, so reich bin, daß mir kein anderes Schicksal günstiger vorkommen könnte. Die Geduld, mit welcher Zoraida die Unbequemlichkeiten der Armut trägt, und der Eifer, mit dem sie wünscht, Christin zu sein, ist beides so groß, daß ich es bewundern muß und ich mich bewogen fühle, ihr zeit meines Lebens zu dienen; nur das stört mich in dem Vergnügen, mich als den Ihrigen und sie als die Meinige anzusehen, daß ich nicht weiß, ob ich in meinem Vaterlande einen Winkel finden werde, in welchem ich mich anbauen kann, und ob Zeit und Tod nicht mit dem Vermögen und dem Leben meines Vaters und meiner Brüder eine Veränderung gemacht haben, und daß ich keinen weiß, der mich kennt, wenn sie mir fehlen.
(Cervantes: Don Quijote, 1. Teil 4. Buch 10. Kapitel)


Cervantes verarbeitet in dieser Erzählung recht märchenhaft seine Erfahrungen, die er selbst als Sklave in Algerien gemacht hat.

Fortsetzung der Geschichte des Algeriersklaven

Es stellt sich heraus, dass ein Leidensgefährte des Erzählers, der mit ihm auf der gleichen Ruderbank der Galeere saß, der Bruder des Don Fernando war. Er hatte zwei Sonette gedichtet, die Don Fernando und der Erzähler vortragen. (mehr dazu)
Nach dem Tode seines Herrn wurde er einem von dessen Untergebenen vererbt:
 Er hieß Azan Aga, wurde sehr reich und nachher König von Algier, wohin ich mit ihm von Konstantinopel reiste, sehr darüber erfreut, mich Spanien näher zu befinden; nicht als hätte ich den Vorsatz gehabt, meines Unglücks wegen zu schreiben, sondern um zu sehen, ob mir das Glück in Algier günstiger als in Konstantinopel sein würde, wo ich tausend Arten zu entfliehen versucht hatte, es mir aber niemals hatte gelingen wollen; ich dachte jetzt darauf, in Algier auf andere Mittel zu sinnen, um endlich meine Wünsche in Erfüllung zu bringen, denn niemals gab ich die Hoffnung auf, die Freiheit wiederzuerhalten, und wenn das, was ich ersonnen und ausgeführt hatte, meinem Plane nicht entsprach, so suchte ich, statt die Hoffnung aufzugeben, vielmehr eine andere auf, wenn sie gleich noch so schwach und unzuverlässig war.
So brachte ich mein Leben zu, in einem Gefängnisse oder einem Hause eingeschlossen, welches die Türken ein Bad nennen, wo diejenigen Christensklaven eingesperrt werden, die dem Könige wie auch einigen Privatleuten zugehören oder die dem Alamacen eigentümlich sind, das heißt, die Sklaven des Rats, die der Stadt in öffentlichen Arbeiten und auf andere Weise dienen; diese letzteren Gefangenen erhalten nur schwer ihre Freiheit wieder, denn da sie vielen und nicht einem besonderen Herrn zugehören, wissen sie nicht, mit wem sie wegen ihrer Ranzion einen Handel schließen sollen. In diese Bäder geben, wie gesagt, manche Privatleute ihre Sklaven hin, vorzüglich wenn sie sich auslösen sollen, denn dort haben sie sie so lange sicher und eingeschlossen, bis ihre Ranzion angekommen ist; die Sklaven des Königs ebenfalls, die ranzioniert werden sollen, gehen nicht mit dem übrigen Haufen auf die Arbeit, außer wenn sich ihre Ranzion etwa verzögert, alsdann läßt man sie arbeiten, damit sie ihre Auslösung eifriger betreiben, vorzüglich mit den übrigen Brennholz holen, welches keine leichte Arbeit ist. Ich also war einer von denen, die sich auslösen sollten, denn da man wußte, ich sei Kapitän, so half es mir wenig, mein Unvermögen vorzuschützen, sie setzten mich unter die Zahl der Ritter und derjenigen, die sich ranzionieren müßten; man legte mir eine Kette an, mehr zum Zeichen, daß ich mich auslösen solle als um mich damit festzuhalten, und so brachte ich mein Leben im Bade zu, in der Gesellschaft vieler anderen Ritter und ausgezeichneten Männer, die alle dazu ausgewählt waren, sich auszulösen. Der Hunger und Mangel an Kleidern quälte uns oft, ja, ich kann sagen, beständig, doch peinigte uns nichts so sehr, als täglich die nie gesehenen und unerhörten Grausamkeiten zu sehen und zu hören, die mein Herr gegen die Christen verübte. An jedem Tage hing er seinen Mann, spießte den andern und schnitt einem dritten die Ohren ab, und zwar um so geringer Ursachen willen, ja so ohne allen Grund, daß die Türken selbst einsahen, er tue dieses nur, um es zu tun und weil er der blutdürstigste Mensch sei, den die Erde jemals getragen habe. [...]
Auf den Hof unseres Gefängnisses stießen die Fenster eines Hauses, das einem reichen und vornehmen Mohren zugehörte; diese waren, wie es bei den Mohren gewöhnlich ist, mehr Löcher als Fenster und außerdem noch mit dichten Jalousien verhüllt. Es trug sich zu, daß, als ich mich einst auf der Terrasse unseres Gefängnisses mit drei von meinen Gefährten befand und wir uns übten, um die Zeit zu vertreiben, mit den Ketten zu springen, und wir allein waren – denn die übrigen Christen waren ausgegangen, um zu arbeiten –, ich die Augen aufhob und sah, wie aus den verschlossenen Fenstergittern ein Rohr hervorkam, an dessen Ende ein Tuch gebunden war; das Rohr bewegte und rührte sich so, als wenn es uns ein Zeichen geben wollte, herbeizukommen und es zu nehmen. Wir betrachteten diese Erscheinung, und einer von denen, die mit uns waren, stellte sich unter das Rohr, um zu sehen, ob es herunterfallen oder was es tun würde; sowie er aber hinzukam, hob sich das Rohr in die Höhe und bewegte sich von einer Seite zur andern, als wenn man mit dem Kopfe nein ausdrückt. Der Christ ging zurück, und das Rohr kam wieder und machte dieselben Bewegungen wie vorher. Ein anderer von meinen Gefährten ging hinzu, und ihm begegnete das nämliche, was dem ersten begegnet war. Endlich tat es der dritte, und es geschah mit ihm nicht anders wie mit dem ersten und zweiten. Da ich dies sah, bekam ich auch Lust, mein Glück damit zu versuchen, und sowie ich mich unter das Rohr stellte, ließ man es herabfallen, so daß es zu meinen Füßen innerhalb des Bades niederfiel. Sogleich band ich das Tuch ab, in dem ein Knoten geschlungen war, und in diesem fand ich zehn goldene mohrische Münzstücke, von denen jedes zehn spanische Realen an Wert betrug. Ich brauche wohl nicht zu sagen, ob ich mich über diesen Fund freute, denn mein Vergnügen hierüber war so groß als meine Verwunderung, weil ich nicht begreifen konnte, woher uns, besonders mir, diese Güte komme; denn daß man für mich allein das Rohr hatte niederfallen lassen, bewies deutlich, daß man mir diese Gunst erzeige. Ich nahm mein gutes Geld, zerbrach das Rohr und ging nach der Terrasse zurück, von wo ich nach dem Fenster schaute und sah, wie eine sehr weiße Hand es aufmachte und dann schnell wieder verschloß. Daraus nahmen wir ab oder stellten uns vor, daß eine Frau, die in jenem Hause lebe, uns diese Wohltat erwiesen habe; wir machten hierauf auf mohrische Weise unsere Danksagungen, neigten den Kopf und Leib und legten die Hände kreuzweise über die Brust. Bald darauf sahen wir aus dem nämlichen Fenster ein kleines Kreuz, aus Rohr gemacht, erscheinen, das auch gleich wieder hineinging. Dies Zeichen bestätigte uns in der Meinung, daß eine Christensklavin in jenem Hause wohnen müsse und daß sie uns diese Wohltat erweise; doch nahm uns der weiße Arm sowie die Armspangen, die wir darauf sahen, wieder diesen Gedanken, wir glaubten eher, daß sie eine abgefallene Christin sein müsse, die sehr oft ihre eigenen Herren zu rechtmäßigen Frauen nehmen und sich dabei noch glücklich schätzen, weil sie diese höher als die Weiber ihrer Nation achten.
Alle unsere Vermutungen waren aber sehr weit von der Wahrheit entfernt, von jetzt an aber war es unsere beständige Unterhaltung, nach dem Fenster hinaufzuschauen, wie nach unserem Pol, von wo uns der Stern des Rohres erschienen war; es vergingen aber wohl vierzehn Tage, ohne daß wir einen Stab oder die Hand oder ein anderes Zeichen gewahr wurden; und ob wir gleich in dieser Zeit Erkundigungen anstellten, um zu erfahren, wer in jenem Hause lebe und ob sich eine abgefallene Christin dort befinde, so konnte man uns doch nichts anderes sagen, als daß dort ein vornehmer und reicher Mohr lebe, der Agi Morato heiße und Kommandant von la Pata gewesen war, welches bei ihnen eine sehr angesehene Stelle ist. Als wir aber gerade am wenigsten daran dachten, daß es wieder neue Goldstücke regnen könne, sahen wir abermals ein Rohr mit einem Tuche erscheinen, und in diesem einen noch größeren Knoten;[351]dies geschah zu einer Zeit, in der keine Menschen weiter, wie das vorige Mal, im Bade zugegen waren. Wir machten wieder den nämlichen Versuch, indem die anderen früher als ich hinzugingen, denn dieselben drei Gefährten waren wieder zugegen; aber keinem schien das Rohr bestimmt, außer mir, denn als ich hinzutrat, ließ man es herunterfallen. Ich machte den Knoten auf und fand vierzig goldene spanische Taler und ein Blatt, mit arabischen Lettern beschrieben, unter denen ein großes Kreuz gemacht war. Ich küßte das Kreuz, steckte das Geld ein, ging zur Terrasse zurück, wir machten alle unsere Danksagungen, die Hand erschien wieder, sie machte Zeichen, daß ich das Blatt lesen möchte, das Fenster verschloß sich.
Wir waren über diese Begebenheit erstaunt und vergnügt, und da keiner von uns Arabisch verstand, so trugen wir ein großes Verlangen, zu erfahren, was das Papier enthalte, aber noch größer war die Schwierigkeit, jemanden zu finden, der es lesen könnte. Endlich entschloß ich mich, mich einem Renegaten zu vertrauen, der aus Murzia gebürtig war und sich immer für meinen Freund ausgegeben hatte; auch hatte ich ein Pfand von ihm, daß er mein Geheimnis nicht offenbaren würde, denn manche Renegaten, wenn sie gern wieder in die Christenheit zurückkehren wollen, pflegen Scheine von einigen angesehenen Gefangenen mit sich zu führen, in denen versichert wird, daß dieser Abgefallene ein wackerer Mann sei, den Christen immer Gutes erwiesen habe und daß er willens sei, mit der ersten günstigen Gelegenheit zu entfliehen. Manche lassen sich dergleichen Bescheinigungen aus redlichen Absichten geben, andere aber bedienen sich ihrer aus List und für alle Zufälle, denn wenn sie ausziehen, um in christlichen Gegenden zu plündern, und sie etwa sich verlieren oder gefangen werden, so bringen sie ihre Scheine vor und sagen, daß man aus diesen Papieren sehen könne, weshalb sie gekommen wären, daß sie nämlich in der Christenheit bleiben wollten und deshalb mit den übrigen Türken diesen Streifzug unternommen hätten; so vermeiden sie ihre Strafe und versöhnen sich mit der Kirche, ohne daß ihnen etwas geschehen darf, und wenn sie dann eine Gelegenheit ersehen, so kehren sie wieder in die Barbarei zurück, um das zu sein, was sie vormals waren. Andere aber, die dergleichen Papiere besitzen, verschaffen sie sich zu guten Absichten, um wirklich in der Christenheit zu bleiben. Von diesen Renegaten also war dieser mein Freund, welcher Bescheinigungen von allen unseren Kameraden hatte, worin wir ihn so sehr als möglich empfohlen, und hätten die Mohren diese Papiere gefunden, so hätten sie ihn lebendig verbrannt.
Ich wußte, daß dieser sehr gut Arabisch verstehe und es nicht nur sprechen, sondern auch schreiben könne; ehe ich ihm aber alles erklärte, sagte ich ihm, daß er mir dieses Blatt lesen möchte, welches ich von ungefähr in einem Winkel meiner Kammer gefunden hätte. Er schlug es auf, beschaute es einige Zeit und las es lange mit Aufmerksamkeit, indem er zwischen den Zähnen murmelte. Ich fragte, ob er es verstehe. Er sagte, daß er es gut verstehe und daß er es mir Wort für Wort übersetzen wolle, wenn ich ihm Tinte und Feder gäbe. Ich gab ihm, was er verlangte, er übersetzte mir alles und sagte mir dann: ›Hier steht nun alles auf spanisch, ohne daß eine Silbe fehlt, was dieses Blatt auf mohrisch enthält, nur müßt Ihr wissen, daß Lela Marien soviel als die Heilige Jungfrau Maria bedeutet.‹ Hierauf lasen wir das Papier, welches Folgendes enthielt:
Als ich ein Kind war, hatte mein Vater eine Sklavin, die mir in meiner Sprache das christliche Gebet lehrte und mir viel von Lela Marien erzählte. Die Christin starb, und ich weiß, daß sie nicht im Feuer, sondern bei Allah ist, denn ich habe sie seitdem zweimal gesehen, und sie hat mir gesagt, daß ich mich nach der Christenheit begeben möchte, um Lela Marien zu sehen, die mich überaus liebte. Ich weiß nicht, wie ich fortkommen soll; viele Christen habe ich schon aus diesem Fenster gesehen, und keiner scheint mir ein Ritter zu sein als Du. Ich bin sehr schön und jung und habe viel Geld, das ich[352] mit mir nehmen kann; überlege, ob Du es einrichten kannst, wie wir von hier gehen, dann sollst Du mein Mann sein, wenn Du willst, und wenn Du nicht willst, ist es mir auch gleich, denn Lela Marien wird mir schon einen geben, mit dem ich mich verheirate. Ich schreibe das, nimm Dich in acht, wem Du es zu lesen gibst, vertraue Dich keinem Mohren, denn sie sind alle Spitzbuben. Das macht mir viele Sorgen, daß Du Dich ja keinem entdecken möchtest, denn wenn es mein Vater erfährt, wirft er mich gleich in einen Brunnen und deckt mich mit Steinen zu. An das Rohr werde ich einen Faden heften, daran binde die Antwort, und wenn Du keinen hast, der es Dir auf arabisch schreiben kann, so sage es mir durch Zeichen, denn Lela Marien wird wohl machen, daß ich Dich verstehe. Sie und Allah bewahren Dich, wie dieses Kreuz, das ich oftmals küsse, denn so hat es mir die Sklavin befohlen.

Erwägt selbst, Señores, ob wir nicht Ursache hatten, über dieses Blatt zu erstaunen und uns darüber zu freuen; wir alle äußerten uns auch so darüber, daß der Renegat merkte, daß wir nicht von ungefähr dies Papier gefunden hätten, sondern daß es an einen von uns geschrieben sein müsse; er bat uns also, daß, wenn seine Vermutung Wahrheit sei, wir uns ihm vertrauen und es sagen möchten, denn er wolle sein Leben für unsre Freiheit wagen. Bei diesen Worten nahm er ein metallenes Kruzifix aus dem Busen und schwur mit vielen Tränen bei dem Gotte, den dieses Bildnis darstelle, an den er, obgleich ein böser, sündiger Mensch, festiglich glaube, redlich gegen uns zu sein und alles geheimzuhalten, was wir ihm vertrauen würden, denn es scheine ihm möglich und ahne ihm schon, daß durch Vermittlung derjenigen, die dieses Blatt geschrieben habe, er und wir alle die Freiheit erlangen könnten und daß ihm dann sein heißer Wunsch erfüllt werde, wieder in den Schoß der heiligen Kirche, seiner Mutter, zurückzukehren, von der er, wie ein verdorbenes Glied, abgelöst und durch seine Unwissenheit und Sünde abgefallen sei. Dies sagte der Renegat mit so häufigen Tränen und mit solchen Zeichen einer innigen Reue, daß wir alle zu gleicher Zeit dahin übereinkamen, ihm den wahren Zusammenhang der Sache zu erklären, und so erzählten wir ihm alles, ohne irgend etwas zu verschweigen. Wir zeigten ihm das Fenster, aus welchem das Rohr erschienen sei, er merkte sich das Haus und nahm sich vor, genaue Nachricht einzuziehen, wer dort wohne. Wir waren auch darin einig, daß es gut sei, der Mohrin auf ihren Brief zu antworten, und da wir jemanden hatten, der es tun konnte, so schrieb der Renegat sogleich das auf, was ich ihm vorsagte, welches genau so war, wie ich es Euch wiederholen will, denn alles Wesentliche, was sich in dieser Begebenheit zugetragen hat, habe ich genau im Gedächtnisse behalten, wie ich es denn auch zeit meines Lebens nicht vergessen werde. Ich antwortete der Mohrin auf folgende Weise:

Der wahrhaftige Allah beschütze Dich, meine Gebieterin, und die gebenedeite Maria, die die wahrhaftige Mutter Gottes ist, die es Dir auch in Dein Herz gegeben, nach der Christenheit zu gehen, weil sie Dich liebt. Bete zu ihr, damit sie es Dir eingebe, wie wir Deinen Befehl ausrichten mögen, denn sie ist so gütig, daß sie es gewiß tun wird. Was mich und alle diese Christen betrifft, die mit mir sind, so versprechen wir, alles für Dich zu tun, was wir können, selbst zu sterben. Schreibe mir und benachrichtige mich, was Du zu tun gedenkst, denn ich werde Dir immer antworten, denn der große Allah hat uns einen christlichen Gefangenen verliehen, der Deine Sprache gut sprechen und schreiben kann, wie Du auch an diesem Blatte siehst. Du kannst uns also ohne Furcht von allem Nachricht geben. Da Du sagst, daß Du meine Frau werden willst, wenn Du in der Christenheit bist, so verspreche ich Dir dieses als guter Christ, und Du weißt, daß die Christen ihre Versprechungen besser als die Mohren erfüllen. Allah und seine Mutter Maria mögen Dich, meine Gebieterin, beschützen!

Da dieses Blatt geschrieben und versiegelt war, wartete ich zwei Tage, bis das Bad wieder wie gewöhnlich leer war, und sogleich begab ich mich auf meinen gewöhnlichen Platz auf der Terrasse, um zu sehen, ob das Rohr sich zeige, welches auch nicht lange ausblieb. Sowie ich es gewahr ward, ob ich gleich nicht sehen konnte, wer es hinausreichte, zeigte ich das Papier, um zu verstehen zu geben, daß man den Faden anheften möchte; aber er war schon am Rohre befestigt, ich band hierauf das Papier an, und bald darauf erschien unser Stern von neuem, mit der weißen Friedensfahne des angeknüpften Tuches. Es fiel herab, ich nahm es auf und fand mannigfaltige goldene und silberne Münzen, über fünfzig Taler, wodurch unsere Freude funfzigmal größer wurde, weil sich die Hoffnung unserer Freiheit dadurch bestätigte.
An demselben Abend kam unser Renegat zurück und sagte uns, daß in dem Hause der Mohr lebe, von dem wir schon gesprochen hätten, der Agi Morato hieß, außerordentlich reich sei und eine einzige Tochter zur Erbin seines Vermögens habe, diese sei, nach dem Urteil der ganzen Stadt, das schönste Mädchen in der Barbarei, um die schon viele Vizekönige angehalten hätten, daß sie sich aber niemals habe verheiraten wollen; zugleich habe er in Erfahrung gebracht, daß sie eine christliche Sklavin gehabt, die nun aber gestorben sei. Alles dies stimmte mit dem Inhalte des Briefes überein.
Wir beratschlagten sogleich mit dem Renegaten, welche Mittel man ergreifen müsse, um die Mohrin zu entführen und mit ihr in die Christenheit zu kommen, und er gab uns den Rat, daß wir noch auf einen zweiten Brief der Zoraida warten möchten – denn so hieß sie, die jetzt Maria genannt sein will –, denn wir sahen wohl ein, daß sie allein uns nur die Mittel angeben könne, alle Schwierigkeiten zu überwinden. Der Renegat wiederholte hierauf noch einmal die Versicherung, daß wir seinetwegen nicht sorgen möchten, denn er würde sein Leben daransetzen, uns die Freiheit zu verschaffen.
Vier Tage hintereinander war das Bad mit Leuten angefüllt, wodurch das Rohr vier Tage verhindert ward, sich zu zeigen, dann aber, in der gewöhnlichen Einsamkeit des Bades, erschien es mit einem so hochschwangeren Tuche, daß wir uns eine höchst glückliche Entbindung versprechen durften. Das Rohr mit dem Tuche ließ sich zu mir nieder, und ich fand ein andres Papier, nebst hundert goldenen Talern, ohne irgendeine andere Münze. Der Renegat war da, in meiner Kammer gab ich ihm den Brief zu lesen, welcher folgendes enthielt:

Ich weiß nicht, mein Herr, wie ich es anfangen soll, daß wir nach Spanien kommen, auch hat mir Lela Marien nichts gesagt, so sehr ich sie auch darum gebeten habe; was geschehen kann, ist, daß ich Euch durch dieses Fenster sehr viele Goldmünzen gebe, damit Ihr Euch und Eure Freunde ranzioniert und sich einer von ihnen nach der Christenheit begibt, dort eine Barke kaufe und zurückkomme, um die übrigen abzuholen; mich wird er dann im Garten meines Vaters finden, der vor dem Tore Babazon, dicht am Meere, liegt, dort bin ich den ganzen Sommer hindurch mit meinem Vater und meinen Dienern. Von dort könnt Ihr mich in der Nacht ohne Gefahr abholen und in der Barke fortführen. Daß Du aber ja mein Mann wirst, denn wenn Du das nicht tust, so werde ich Maria bitten, daß sie Dich straft. Traust Du keinem andern, daß er die Barke hole, so kaufe Dich selber los und geh, ich weiß, Du kommst zuverlässiger als ein anderer wieder, denn Du bist Ritter und Christ. Erkundige Dich des Gartens wegen, und wenn Du abreisest, so sorge, daß Du im Bade allein seiest, dann will ich Dir vieles Geld geben. Allah beschütze Dich, mein Gebieter.

Dies war der Inhalt des zweiten Briefes, der kaum gelesen war, als sich auch jeder anbot, sich loszukaufen, mit dem Versprechen, gewissenhaft zurückzukommen; ich selber bot mich ebenfalls an. Der Renegat aber widersprach uns allen, indem er sagte, daß er durchaus nicht dareinwilligen würde, keiner solle eher befreit fortgehen, bis sie es gemeinschaftlich tun könnten, denn die Erfahrung habe gelehrt, wie schlecht die Befreiten das Wort halten, das sie in der Gefangenschaft gegeben haben; denn schon oft haben sich vornehme Gefangene dieses Mittels bedient, einen loszukaufen, der mit Geld nach Valenzia oder Majorca gehen sollte, um dort eine Barke zu kaufen und sie für diejenigen auszurüsten, die ihn frei gemacht hätten, daß ein solcher aber niemals zurückgekommen wäre, denn die neue Freiheit und die Furcht, sie wieder zu verlieren, lösche in der Seele die Erinnerung der größten Verbindlichkeiten aus. Zur Bestätigung dieser Wahrheit erzählte er uns kürzlich einen Vorfall, der sich fast um die nämliche Zeit mit einigen christlichen Rittern zugetragen hatte, die seltsamste Begebenheit, die sich dort ereignet, wo doch täglich die wunderlichsten und seltsamsten Dinge vorgehen. Er war der Meinung, daß das, was man tun müsse und könne, nichts anderes sei, als daß man das Geld, wofür man den Christen freikaufen solle, ihm gebe, um dafür dort in Algier eine Barke einzukaufen, wobei er zum Vorwand nehmen wolle, daß er gesonnen sei, nach Tetuan und an der Küste Handel zu treiben, und wenn er diese Barke besitze, sei es ihm ein leichtes, sie aus dem Bade zu holen und alle einzuschiffen; um so mehr, da die Mohrin, wie sie selber sage, Geld genug habe, alle loszukaufen, wenn sie aber frei wären, sei es die leichteste Sache von der Welt, sie am hellen Tage einzuschiffen; die viel größere Schwierigkeit bestehe darin, daß die Mohren es nicht einem Renegaten erlaubten, eine Barke zu kaufen oder zu besitzen, außer ein großes Schiff, um damit auf Raub auszugehen; um so weniger, wenn er ein Spanier ist, weil sie glauben, daß er die Barke nur dazu brauchen will, nach der Christenheit zurückzugehen. Er wolle aber diese Schwierigkeit dadurch überwinden, mit einem tagarinischen Mohren in Ansehung des Schiffes, des Handels und Gewinns in Gesellschaft zu treten, unter diesem Scheine wolle er sich schon eine Barke verschaffen, womit dann das Hauptsächlichste geschehen sei. Wenn es mir und meinen Kameraden auch besser geschienen hätte, einen einer Barke wegen nach Majorca zu schicken, wie es die Mohrin vorgeschlagen, so wagten wir es doch nicht, ihm zu widersprechen, weil wir fürchteten, daß, wenn wir es nicht nach seinem Willen einrichteten, er uns verraten und in Lebensgefahr bringen könnte, auch daß er Zoraida verriete, für deren Leben wir mehr als für unser eigenes besorgt waren; wir beschlossen also, uns Gott und dem Renegaten zu vertrauen. Wir antworteten zugleich der Zoraida, daß wir alles so einrichten wollten, wie sie es riete, denn sie habe es so gut ersonnen, als wenn es ihr Lela Marien eingegeben habe, und daß es nur auf ihr selber beruhe, das Werk aufzuschieben oder zu beschleunigen. Ich versprach ihr wieder, ihr Gemahl zu werden, und am folgenden Tage, als das Bad zufälligerweise wieder einsam war, gab sie mir zu verschiedenen Malen mit dem Rohre und Tuche zweitausend goldene Taler, nebst einem Blatte, worin sie mir die Nachricht erteilte, daß sie den nächsten Juma – welches der Freitag ist – sich nach dem Garten ihres Vaters begäbe, daß sie uns aber vorher mehr Geld geben wolle, und wenn dieses noch nicht hinreiche, sollten wir es melden, denn sie wollte uns geben, soviel wir verlangten, weil ihr Vater so viel besitze, daß er es nicht vermisse, sie auch überdies alle Schlüssel in Verwahrung habe.
Wir gaben dem Renegaten fünfhundert Taler, um eine Barke zu kaufen; mit achthundert Talern kaufte ich mich los und gab das Geld einem valenzischen Kaufmann, der sich damals in Algier befand, der sein Wort darauf gab, daß er das Geld sogleich auszahlen wolle, sobald nur ein Schiff von Valenzia[355] ankomme, denn wenn er das Geld gleich gegeben hätte, hätte der König den Verdacht geschöpft, daß meine Ranzion schon seit lange in Algier sei und daß der Kaufmann sie zu seinem Gewinne benutzt hätte. Denn mein Herr war so sehr schlau, daß ich es auf keine Weise wagte, ihm das Geld gleich auszahlen zu lassen.
Den Donnerstag vor dem Freitage, ehe die schöne Zoraida nach dem Garten ziehen wollte, gab sie uns noch tausend Taler und benachrichtigte uns von ihrer Abreise, wobei sie mich bat, daß, wenn ich mich auslöste, ich mich schnell nach dem Garten ihres Vaters erkundigen solle und irgendeine Gelegenheit suchen, dorthin zu kommen, um sie zu sehen. Ich antwortete ihr kürzlich, ich würde es tun, sie aber möchte zu Lela Marien ihre Zuflucht nehmen und alle die Gebete sagen, die ihr die Sklavin gelehrt hätte.
Als dies geschehen war, mußten sich auch die andern drei Gefährten loskaufen, um das Bad desto bequemer verlassen zu können, und damit sie nicht, da ich mich losgekauft, sie aber noch gefangen waren und doch das Geld da sei, auf böse Gedanken verfielen und sich vom bösen Geist überreden ließen, etwas zum Nachteil der Zoraida zu unternehmen; da ich sie kannte, war zwar diese Furcht unnötig, aber doch wollte ich das Unternehmen auf kein ungewisses Spiel setzen, deshalb ließ ich sie ebenso ranzionieren, wie ich mich frei gemacht hatte, indem ich dem Kaufmann die ganze Summe übergab, damit er mit Sicherheit die Bürgschaft leisten könne; ihm entdeckten wir aber unser Geheimnis nicht, um uns keiner Gefahr auszusetzen.«
(Cervantes: Don Quijote, 1. Teil 4. Buch 9. Kapitel) - zum Schluss der Erzählung

Geschichte des Algeriersklaven

»In einem Orte der leonischen Gebirge hat meine Familie ihren Ursprung genommen, gegen welche die Natur sich gütiger gezeigt hatte als das Glück, obgleich in der Armut jener Landschaften mein Vater immer noch für reich galt und es auch gewesen wäre, wenn er sich dieselbe Mühe gegeben hätte, sein Vermögen zu erhalten, als er sich gab, es zu verlieren. Seine zu große Freigebigkeit rührte daher, daß er in seinen jüngeren Jahren Soldat gewesen war: denn der Soldatenstand ist eine Schule, in der der Knicker großmütig und der Großmütige Verschwender wird, und wenn es auch einige geizige Soldaten gibt, so sind sie wie Mißgeburten, die nur selten angetroffen werden.
Mein Vater überschritt aber die Grenzen der Freigebigkeit und streifte in das Gebiet des Verschwendens, welches niemals für einen verheirateten Mann gut ist, der Kinder hat, die seinen Namen und seinen Stand fortpflanzen sollen. Mein Vater hatte drei Kinder, alle drei Jünglinge und alle schon in dem Alter, sich ihre Bestimmung zu erwählen. Da nun mein Vater sah, daß es ihm unmöglich war, wie er sagte, seine Neigung zu bezähmen, so wollte er sich der Mittel berauben, die ihn großmütig und gastfrei machten, das heißt, seines Vermögens, ohne welches selbst ein Alexander sparsam werden muß; daher rief er uns eines Tages alle drei in sein Gemach und hielt uns eine Rede ungefähr mit diesen Worten: [...]
Er verteilt sein Vermögen zu gleichen Teilen unter seine Söhne und sich. Der Erzähler wird Soldat und gibt seinem Vater zwei Drittel seines Erbes wieder zurück.
Ich schiffte mich in Alicante ein und hatte eine glückliche Reise nach Genua; von dort ging ich nach Mailand, wo ich mich mit Waffen und allem, was einem Soldaten nötig ist, versah; von dort hatte ich mir vorgenommen, zu Piemont eine Stelle für mich zu suchen, als ich auf dem Wege nach Alexandria de la Palle erfuhr, daß der große Herzog von Alba nach Flandern gehe. Ich änderte meinen Vorsatz, begab mich zu ihm und diente ihm in seinen Feldzügen; ich war bei dem Tode der Grafen Egmont und Horn zugegen. Ich wurde Fähnrich bei einem berühmten Kapitän von Guadalaxara, der Diego de Urbina hieß, und nachdem ich eine geraume Zeit in Flandern gewesen war, erfuhr ich von dem Bündnisse, welches der Heilige Vater Pius der Fünfte mit Venedig und Spanien gegen den gemeinsamen Feind, den Türken, geschlossen hatte, der um die Zeit mit seiner Flotte die berühmte Insel Zypern erobert hatte, die unter der Herrschaft der Venetianer stand: ein bedauernswürdiger und unglücklicher Verlust! Ich hörte als eine Gewißheit, daß der General dieses Bündnisses der durchlauchtige Don Juan de Austria sei, der natürliche Bruder unsers edlen Königs Don Philipp; man erzählte sich von den ungeheuren Kriegeszurüstungen, und alles erweckte in mir die Begierde und den herzlichen Wunsch, diesem Feldzuge beizuwohnen, ob ich gleich schon die Anwartschaft und zuverlässige Verheißungen hatte, bei erster Gelegenheit zum Kapitän befördert zu werden; doch ließ ich alles dieses gern fahren und begab mich nach Italien. Es traf sich zum Glück, daß Don Juan de Austria gerade um dieselbe Zeit zu Genua ankam, von wo er nach Neapel ging, um sich mit der venetianischen Flotte zu vereinigen, mit der er sich hernach zu Mecina verband.
Ich machte hierauf jenen herrlichen Feldzug als Kapitän der Infanterie mit, welche Stelle mir mehr das gute Glück als meine Verdienste erworben hatten; und an jenem Tage, welcher für die Christen so glorreich war, indem er den Irrtum zerstörte, in welchem sich die Welt und alle Nationen befanden, daß die Türken nämlich auf dem Meere unüberwindlich wären, an diesem Tage, an welchem der ottomanische Stolz und Trotz niedergeschleudert ward, war ich unter tausend Glücklichen, die es gab – denn die Christen, die dort umkamen, waren beglückter als diejenigen, die lebend und als Sieger davonkamen –, war ich der einzige Unglückliche, denn statt daß ich, lebte ich in der Römerzeit, eine Schiffskrone hätte erwarten dürfen, sah ich mich in der Nacht, die dem ruhmreichen Tage folgte, mit Ketten an Händen und Füßen gefesselt. Dieses hatte sich auf folgende Weise zugetragen. Uchali, der König von Algier, ein kecker und glücklicher Korsar, hatte die Hauptgaleere von Malta angegriffen und bezwungen, auf der nur drei Ritter lebendig blieben, die alle schwer verwundet waren. Die Galeere des Juan Andrea kam dieser zu Hülfe, auf der ich mich mit meiner Kompanie befand. Ich tat, was meine Schuldigkeit war, sprang in die feindliche Galeere, die sich nun von der, die sie angegriffen hatte, losmachte und dadurch meine Soldaten hinderte, mir zu folgen, so daß ich mich allein unter meinen Feinden befand und einer so großen Menge keinen Widerstand leisten konnte. Von Wunden bedeckt, sank ich nieder, und wie Ihr, Señores, wißt, daß Uchali mit seinem ganzen Geschwader glücklich davonkam, so war ich nun ein Gefangener in seiner Gewalt, unter so vielen Fröhlichen der einzige Traurige, unter so vielen Freien der einzige Gefangene; denn an diesem Tage wurde funfzehntausend Christen die erwünschte Freiheit zuteil, die sich auf den Ruderbänken der türkischen Flotte befunden hatten. [...]
Der Erzähler berichtet dann von den Entwicklungen des Krieges.

Während aller dieser Begebenheiten befand ich mich am Ruder und hatte keine Aussicht auf meine Freiheit; wenigstens wollte ich sie nicht durch Ranzion erhalten, denn ich hatte mir fest vorgenommen, meinem Vater keine Nachricht von meinem Mißgeschick zu geben. [...]
(Cervantes: Don Quijote, 1. Teil 4. Buch 8. Kapitel) - zur Fortsetzung