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01 Januar 2024

Helmut Schmidt/Giovanni di Lorenzo: Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt

 Helmut Schmidt/Giovanni di Lorenzo: Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt,   2009/2010; 15. Aufl. 2011

Zitate:

Von der Kubakrise bis zum Nato-Doppelbeschluss

[...] bestand zur Zeit Ihrer Kanzlerschaft wirklich die Gefahr eines Atomkriegs, wie wir damals alle glaubten?

Seit der Kubakrise 1962 keine akute Gefahr. [...]

In diesem Zusammenhang sollte ich erwähnen, dass ich die nukleare Gefahr schon lange vorher sehr deutlich gesehen habe. Als ich 1969 Verteidigungsminister wurde, stieß ich auf Pläne der NATO und der deutschen Militärs, entlang der Zonengrenze auf westdeutscher Seite Hunderte atomarer Landminen zu vergraben.

Von wem stammte denn dieser irrsinnige Plan?
Von der NATO. Gemeinsam mit einem Amerikaner habe ich diesen todgefährlichen Unfug beseitigen können. Der Amerikaner hieß Melvin Laird, er war damals amerikanischer Verteidigungsminister. [...] 
Ich habe gesagt, wenn irgendein kommunistischer Kommandeur in der Verfolgung irgendwelcher flüchtigen Leute über die Grenze rüberkommt und eine atomare Mine geht hoch, dann heben alle deutschen Soldaten die Hände hoch, dann ist Schluss mit der Verteidigung. Dieses Argument hat den amerikanischen Verteidigungsminister überzeugt. Er war genau wie ich ein alter Soldat und wusste, was man Soldaten zumuten kann und was nicht.
Verstehe ich nicht.
Sogar die japanischen Soldaten haben nach der ersten Bombe die Hände hochgehoben. Die zweite Bombe auf Nagasaki war gar nicht mehr notwendig.
Die Massendemonstration im Bonner Hofgarten gegen die Stationierung amerikanischer Raketen in Deutschland wurde als regelrechte Anti-Schmidt-Demonstration verstanden, das war im Jahr 19 81.
Die war auch wohl so gemeint. Aber es war im wesentlichen die Angst vor dem Atomkrieg. Die Anti-Schmidt-Komponente spielte eine zweit- oder drittklassige Rolle; denn mein Amtsnachfolger Helmut Kohl musste etwa später eine gleiche Demonstration aushalten.
Wissen Sie noch, was Willy Brandt damals zu den Protesten von mehr als 300.000 Menschen gesagt hat?
Ich erinnere mich nicht.
Er habe auf deutschem Boden schon Schlimmeres gesehen als eine Massendemonstration für den Frieden.
Ja, das würde ich unterschreiben. Ich habe auf deutschem Boden auch schon viel Schlimmeres gesehen. Willy Brandt hat es von draußen gesehen.
Nimmt das Brands Worten etwas?
Keineswegs. Wohl aber hat der NATO-Doppelbeschluss, gegen den die beiden Demonstrationen sich richteten, zum allerersten Abrüstungsvertrag und auf beiden Seiten zur Beseitigung aller atomare Mittelstreckenraketen geführt."
(29. November 2007, S.91-93)

Zum Parteiensystem in Deutschland

"[...] bekommen wir politisch in Deutschland bald italienische Verhältnisse: immer mehr Parteien und Koalitionsmöglichkeiten?
Es gibt eine Übereinstimmung zwischen Italien und Deutschland. [...] Die gleiche Übereinstimmung gibt es aber auch mit Frankreich, Belgien oder Holland. Im deutschen Fall fallen immerhin alle Stimmen für jene Splitterparteien unter den Tisch, die weniger als 5 Prozent erreichen. Aber theoretisch könnten wir im Bundestag bis zu 19 Parteien haben, wenn jede 5,1 Prozent erhält. Das Verhältniswahlrecht zwingt überall zu Koalitionsbildung, weil es zu viele Parteien hervorbringt. [...]
Das Auftreten einer zusätzlichen Partei führt in Hessen zu einer Blockade.
Das ist eigentlich nicht so schlimm. Die 16 Bundesländer brauchen nicht notwendig Regierung und Opposition; notwendig ist eine anständige Verwaltung und ebenso ein Landtag, der die Verwaltung sorgfältig überwacht. Das Problem der Koalitionsbildung stellt sich im Bund, denn in Berlin muss wirklich regiert werden. Zur Zeit ist es mit der großen Koalition gelöst.
Die einige der Beteiligten längst überhaben. 
Einige Leute an der Spitze reden so, als ob sie die Koalition nicht mehr wollten. Sie setzen Sie aber fort. [...]
Glauben Sie, dass die SPD mit der Linken einmal koalieren wird? Sehen Sie das schlimm?
Die Frage ist, ob es die Linkspartei noch ein paar Jahrzehnte geben wird. Davon bin ich gar nicht überzeugt.
(21. Februar 2008, S.128-130)

10 Oktober 2007

Gesetze im Leben der Völker

Paul Schmidt sieht unabhängig von jeder Regierungsform moralische und wirtschaftliche Gesetze das Leben der Völker bestimmen:
Neben dem unerbittlichen Walten dieser moralischen Gesetze im Leben der Völker ist mir noch ein zweites während dieses Vierteljahrhunderts in den Konferenzsälen deutlich vor Augen getreten: die unwiderstehliche Macht der Wirtschaftsgesetze. [...] In dem Maße, wie die Völker und ihre politischen Führer in kurzsichtigem Egoismus von den Empfehlungen der unsentimentalen Wirtschaftssachverständigen abwichen und sich aus gefühlsmäßigen und politischen Gründen über die in unserem Zeitalter der Technik und des Verkehrs immer ausschlaggebender werdenden Gesetze des wirtschaftlichen Zusammenlebens hinwegsetzen, trieben sie die verelendeten Massen in die Arme der Fanatiker [...]

Statist auf diplomatischer Bühne, S.586f.

Das britische Ultimatum 1939

Paul Schmidt berichtet, Ribbentrop habe das britische Ultimatum am 3.9.1939 nicht selbst entgegennehmen wollen, sondern dies seinem Chefdolmetscher überlassen.
Als Schmit Hitler das Ultimatum übersetzt habe, habe dieser zunächst versteinert dagesessen und dann Ribbentrop wütend gefragt "Was nun?", weil dieser ihm immer angekündigt hatte, Großbritannien werde keinen Krieg wagen.
Göring habe seinerseits gesagt: "Wenn wir diesen Krieg verlieren, dann möge uns der Himmel gnädig sein!" Und über Goebbels sagt Schmidt: Er "sah buchstäblich aus wie der bewußte begossene Pudel". (S.464)

Hitlers große Enttäuschungen 1940

Paul Schmidt weist in seinen Memoiren darauf hin, dass Hitler nach seinem Sieg über Frankreich vier große Enttäuschungen erlebte: Franco und Marschall Pétain ließen sich nicht dafür gewinnen, ein Bündnis gegen England einzugehen. (Franco knüpfte seine angebliche Bereitschaft an so anspruchsvolle Bedingungen - Waffen- und Getreidelieferungen (S.501) -, dass Hitler sie kaum erfüllen konnte. Ribbentrop scheiterte bei dem Versuch, dem spanischen Außenminister nachträglich durch Druck den Deutschen passendere Bedingungen aufzudrängen. (S.503))
Die dritte Enttäuschung erlebte Hitler, als Mussolini ihn mit seinem Angriff auf Griechenland vor vollendete Tatsachen stellte (so wie Hitler es zuvor immer wieder Mussolini gegenüber getan hatte).
Von Gesprächen zwischen Hitler und Mussolini bekam dieser übrigens nur von Hitler persönlich gekürzte Fassungen der Protokolle Paul Schmidts, die Schmidt freilich ebenfalls zu unterzeichnen hatte. (S.481)

Die vierte Enttäuschung, das "unendlich viel folgenschwerere Fiasko" (S.515) war nach Schmidt das Ergebnis der Gespräche mit Molotow im November 1940. Schmidt ist der Überzeugung*, dass Hitler aufgrund des Ausgangs dieser Gespräche sich für den Angriff auf die Sowjetunion entschloss (S.525) (und sieht sich darin durch die Memoiren des ehemaligen amerikanischen Außenministers Byrnes bestätigt).
Auf die vagen Angebote Hitlers forderte Molotow so konkrete Zusagen zur freien Hand in Finnland und zu freiem Zugang zur Nordsee - und viele andere - ein, dass Hitler den drohenden Fliegeralarm (wegen britischer Bomber) zum Anlass nahm, das Gespräch abzubrechen. (S.524)

"Ich erkannte daraus, daß zwischen November 1940 und März 1941 die Schicksalsentscheidung Hitlers getroffen wurde, Rußland anzugreifen, die das Ende Deutschlands besiegelte." (S.517)

Hitler zuckte zurück

"Unter diesen Umständen ist es das beste, wenn ich gleich wieder abreise." (S.397) Diese Worte hat Neville Chamberlain nach der Darstellung des deutschen Chefdolmetschers Paul Schmidt am 15.9.1938 Hitler entgegengehalten, als er den Eindruck gewann, Hitler wolle auf jeden Fall gegen die Tschechoslowakei vorgehen. Daraufhin sei Hitler zurückgezuckt.

Insgesamt stellt Schmidt Chamberlain weit energischer vor, als das heutige Bild von der Appeasement-Politik ihn erscheinen lässt.

04 Juli 2007

Statist auf diplomatischer Bühne

Als Chefdolmetscher im deutschen Auswärtigen Amt in Weimarer Republik und NS-Zeit hat Paul Schmidt nicht nur die europäischen Außenpolitiker aus nächster Nähe kennen gelernt.
Nachdem ich nach rund vier Jahrzehnten das Buch wieder in die Hand genommen habe, ist aber sofort wieder Aristide Briand mein Liebling. Das muss wohl an der Vorliebe liegen, die Schmidt für ihn und Stresemann hatte, die beiden Politiker, die gegen heftige innenpolitische Widerstände die außenpolitische Annäherung Deutschlands und Frankreichs voranbrachten und gegen Ende ihres Lebens (Stresemann starb 1929, Briand 1932) schon absehen konnten, dass trotz aller ihrer Mühen doch wieder eine Entfremdung zwischen den Ländern auftrat.
Doch wurde ihnen erspart, mitzuerleben, wie ihr Lebenswerk von den Nazis zunichte gemacht wurde.
Dem Anspruch, das Bild, was die bloße Aktenlage hergibt, ganz wesentlich zu ergänzen und damit zu korrigieren, wird Schmidt voll gerecht. Stimmungen, die Offenheit der Situation, dies alles weiß er besser zu schildern, als ein Historiker es aufgrund intensivster Studien tun könnte. Dass sein Urteil abgewogen oder objektiv, gar historisch richtig wäre, braucht man nicht zu erwarten, obwohl Schmidt - das Buch wurde 1949 veröffentlicht, 2005 neu aufgelegt - mit erstaunlich weitem Horizont urteilt. Anders als bei anderer Memoirenliteratur braucht Schmidt nicht nachträglich seine Entscheidungen zu rechtfertigen, so entsteht ein atmosphärisch dichtes Bild, wie es ohne diese Lektüre nicht zu erlangen ist.