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24 Januar 2013

1848 nach den Barrikadenkämpfen in Berlin

Wien war erobert, an demselben Tage, an dem die demokratischen Clubs und der Mob Berlins es versuchten, die Constituirende Versammlung in Berlin zu zwingen, den Wienern zu Hülfe zu eilen. Eva hatte anspannen lassen, sie hoffte, ihren Fahnenschwinger wiederzufinden, die Tante und Cousine aus Heustedt waren neugierig, sie hatten noch keine berliner Volksversammlung gesehen. Als man aber auf der Jägerstraße über den Gensdarmenmarkt fahren wollte, fing man an das Wagniß zu bereuen, die Menschenmasse wurde immer größer und dichter, die Art der Menschen nach Anzug und Physiognomie immer abschreckender; wahre Bassermann'sche Gestalten tauchten neben dem Wagen auf und grinsten zähnefletschend durch die Spiegelscheiben der mit der Baronenkrone gezierten Equipage. Als diese im langsamen Schritt so weit vorgefahren war, daß man die Freitreppe des Schauspielhauses und den jetzigen Schillerplatz übersehen konnte, wurde das Gedränge so groß, daß der Kutscher anhalten mußte. Bettina und Sidonie schwebten in tausend Aengsten und verwünschten ihre Neugierde. Eva hatte nur Augen für die Freitreppe, da war ihr Barrikadenheld wieder, die schwarzumflorte schwarz-roth-goldene Fahne in der Hand; neben ihm stand der wohlbekannte große, fette, rothumbartete Volksredner Held und redete mit seiner Riesenlunge und Feuerzunge zu der tobenden Menge, Gehör bittend für ein Mitglied der Deputation des Arbeitervereins aus Wien, welcher die Hülfe der Berliner für die von den Kroaten bedrängte Kaiserstadt erbitten wollte. Karbe, Ottensosser und andere Lieblinge der souveränen Menge standen zur Rechten. Einige Radicale aus der constituirenden Versammlung, D'Ester und andere, hielten sich mehr im Hintergrunde, gleichsam, als schämten sie sich der Gemeinschaft mit den vorn auf der Freitreppe Stehenden. Von dem, was Held sprach, konnte man im Wagen nichts verstehen, bei jedem Schlagworte aber erscholl ein Hurrah oder Bravo, das die Fenster des Schauspielhauses erschütterte. Die Rede war zu Ende, das Volk kam in Bewegung, es sehnte sich nach »Thaten«, zu welchen der Redner aufgefordert hatte. »Hier ist Gelegenheit!« schrie ein kleiner schiefer Kerl und schlug mit einem dicken Prügel in die Fenster der Equipage, sodaß Eva, welche dem Fenster am nächsten saß und nach ihrem Ideal mit dem schwarz-roth-goldenen Banner starrte, von Glassplittern überschüttet wurde und mehrere Wunden ins Gesicht bekam, »hier ist Aristokratenbrut, hängt sie!«
Eine Abtheilung Bürgerwehr, die neben der Freitreppe stand, da, wo an Markttagen Strohmatten, Holzwaaren u. dgl. zum Verkaufe ausgestellt zu sein pflegen, versuchte nach der Equipage vorzudringen. Allein die Menge warf sich nun gegen sie, dadurch bekamen die Pferde etwas Luft. Als das Proletariat nach Westen drängte, sah der Kutscher von seinem hohen Bocke, daß die Räume vor ihm nach der Markgrafenstraße zu von unbewaffneten Maschinenbauern eingenommen waren, unter denen er seinen Bruder, einen Cyklopen von hervorragender Größe und vielem Einfluß bei den Genossen, erkannte. Er rief diesem zu und bat um Platz, gleichzeitig ließ er die Pferde anspringen und beseitigte dadurch noch ein paar Dutzend Proletarier, welche den Wagen von den Maschinenbauern trennten. Letztere theilten sich und ließen den Durchpaß nach der Markgrafenstraße frei; waren sie doch überhaupt nur erschienen, um, wo nöthig, eine Art Vermittlerrolle zwischen Bürgergarde und Arbeitern zu spielen. Die Insassen des Wagens athmeten erst auf, als dieser um die Hedwigskirche und neben dem Opernhause den Linden zufuhr. [...]


Der Tag, von dem wir sprachen, war der 31. October, ein Dienstag, – die Constituirende hatte an diesem Tage unter Zustimmung Pfuel's den Adel wie die Orden und Ehrenzeichen abgeschafft; – man hielt einen Demokratencongreß ab, in dem man in Fractur sprach; in der Abendsitzung der Constituirenden, die bis zur Nacht dauerte, wurde die Unterstützung Wiens durch Vermittlung der selbst machtlosen Centralgewalt beschlossen, – für Waldeck gab es damals kein Deutschland ohne Oesterreich; am 1. November gab von Pfuel den Vorsitz im Cabinet und das Portefeuille des Krieges auf, der König nahm das an und berief den Grafen Brandenburg zur Bildung eines neuen Ministeriums; am folgenden Tage beschloß die Constituirende eine Deputation von fünfundzwanzig Mitgliedern an den in Sanssouci weilenden König und eine Adresse mit der Bitte um ein volksthümliches Ministerium. Der Minister »der bewaffneten Reaction« suchte Zuflucht in Jung's Wohnung, der diesen Namen erfand. – Bei der Audienz am 3. November spricht Jacoby, sich die Rolle des Präsidenten anmaßend, zum Könige: »Es ist das Unglück der Könige (und die Ursache ihres Falles?), daß sie die Wahrheit nicht hören wollen.« Die Hoffnungen auf ein Ministerium Rodbertus, von Unruh, Harkort, von Berg erweisen sich vergeblich. Am 6. November geht Bassermann als Reichscommissar nach Berlin. – Am 9. wird Robert Blum in Wien standrechtlich erschossen. Die Constituirende wird vertagt und nach Brandenburg verlegt.
Die Majorität erklärt sich für permanent. Die Linke erklärt in Aufrufen an das Volk das Vaterland in Gefahr, die Rechte scheidet aus.
Am 10. November rückt Wrangel mit zwanzigtausend Mann in Berlin ein; Truppen besetzen in der Nacht den Concertsaal. Den folgenden Tag setzt die Linke unter dem Präsidenten von Unruh ihre Sitzungen im Hotel-de-Russie, nachmittags im Schützenhause fort.
Man fürchtet in Berlin jeden Augenblick den Ausbruch eines neuen Barrikadenkampfes. Die Bürgerwehr wird aufgelöst. Am 12. November: Berlin wird in Belagerungszustand erklärt; 13. November: der Rest der Constituirenden Versammlung erklärt das Ministerium des Hochverrats schuldig und wird aus dem Schützenhause durch Wrangel vertrieben – »gegen Demokraten helfen nur Soldaten«; constituirt sich am folgenden Tage noch einmal im Hotel Milenz und decretirt die Steuerverweigerung; 20. November: die Nationalversammlung in Frankfurt erklärt diese für ungültig; 28. November: die Constituirende Versammlung in Brandenburg wird eröffnet.


Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 8. Buch, 1. Kapitel

03 Oktober 2011

Peter Härtling: Schumanns Schatten

Peter Härtling versteht es, einen in den Jugendjahren so merkwürdigen Schumann vorzustellen, dass man sich wundert, dass es bis zum Zusammenbruch so lange dauert.
Doch kann man ihm nicht verdenken, dass er die Rolle des Prinzgemahls nicht so erfolgreich spielen kann wie Mr. Thatcher. (Schumanns Schatten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1996)

Wenn er sich solcher Verehrung für das Mädchen Clara Wieck gegenüber sieht, wie sie in Grillparzers Gedicht zum Ausdruck kommt, wie soll er sich dann noch einreden, dies Mädchen habe erst durch die Begegnung mit ihm zu sich selbst gefunden.

Ein Wundermann, der Welt, des Lebens satt,
Schloß seine Zauber grollend ein
In festverwahrten, demantharten Schrein,
Und warf den Schlüssel in das Meer und starb.
Die Menschlein mühen sich geschäftig ab,
Umsonst! kein Sperrzeug löst das harte Schloß,
Und seine Zauber schlafen wie ihr Meister.
Ein Schäferkind, am Rand des Meeres spielend,
Sieht zu der hastig unberufnen Jagd.
Sinnvoll gedankenlos, wie Mädchen sind,
Senkt sie die weißen Finger in die Flut,
Und faßt, und hebt, und hats. - Es ist der Schlüssel!
Auf springt sie, auf, mit höhern Herzensschlägen,
Der Schrein blickt wie aus Augen ihr entgegen.
Der Schlüssel paßt, der Deckel fliegt. Die Geister,
Sie steigen auf und senken dienend sich
Der anmutreichen, unschuldsvollen Herrin,
Die sie mit weißen Fingern, spielend, lenkt.

(Franz Grillparzer über Beethoven und Clara Wieck)

Und dann einen Freund wie Felix Mendelssohn Bartholdy zu gewinnen und dann schon so bald an den Tod zu verlieren.

Härtling werde ich mit diesen ersten Notizen während der Lektüre nicht gerecht. Dazu hoffentlich später.
Kurz schon jetzt: Interessant das Verhältnis zu Wagner. (Clara verlässt immer gleich den Raum.) Auch hätte ich Niels Gade, den ich besser aus dem Stechlin als aus der Musikgeschichte kenne, nicht unter Schumanns Freunden vermutet.
Und wieder die Verse Grillparzers zu Revolution (Grabschrift für Metternich):

Hier liegt, für seinen Ruhm zu spät,
Der Don Quixotte der Legitimität,
Der Falsch und Wahr nach seinem Sinne bog,
Zuerst die andern, dann sich selbst belog,
Vom Schelm zum Toren ward bei grauem Haupte,
Weil er zuletzt die eignen Lügen glaubte.
Grillparzer bei zeno.org

Wenn man von einer Künstlerbiographie verlangt, dass sie das künstlerische Werk in den geistigen Horizont der Zeit stellt, so erhält man von Härtling nur Bruchstücke. Man gewinnt Verständnis für Florestan und Eusebius und die Davidsbündler, man ahnt ein wenig, welche Schwierigkeiten es für dieses vielseitige Genie machte, seine Fähigkeiten zu konzentrieren, man ist dankbar für seine Freundschaften und leidet mit mit den starken Persönlichkeiten, die aufeinander treffen.
Friedrich Wieck hatte vermutlich kein einfacheres Leben als seine Tochter Clara. Aber wie viel mehr hat er selbst verschuldet oder besser: Wie erstaunlich ist sie mit den Schwierigkeiten, die ihr in den Weg gelegt wurden, fertig geworden. Auch wenn ein Genie nicht oft genügend Entfaltungsraum für seine Kinder lässt.

Hätte sie eine Wahl treffen sollen zwischen ihrem Mann, die Propagierung seines Werks, Karriere und Kindern? Und wofür sich entscheiden? - Erscheint Clara bei Härtling zu perfekt? Nimmt sie Schumann den Platz, der ihm in seiner Geschichte zusteht?