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28 März 2018

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Herbst

"[...] Wenn Niels hinüberkam und Erik fort war, so machten sie fast immer, ob es nun regnete oder stürmte, weite Spaziergänge durch den Wald, der an den Garten stieß. Sie hatten sich in diesen Wald verliebt, und je mehr sein Sommerleben zu Ende ging, desto lieber wurde er ihnen. Es waren ja dort auch tausende von Dingen zu sehen. Zuerst wie das Laub rot und gelb und braun wurde, dann wie es abfiel, an einem windigen Tage in gelben Wirbeln stiebend, wenn es still war, Blatt für Blatt auf Blatt leise zwischen den steifen Asten und den schwankenden, braunen Asten herabraschelnd. Und wie nun das Laub von Bäumen und Büschen fiel, wie kamen da nicht die verstecktesten Geheimnisse des Sommers ans Licht, was lag und saß da nicht umher an zierlichen Sämereien, und farbenreichen Beeren, braunen Nüssen, blanken Eicheln und niedlichen Eichelnäpfchen, Korallenbüscheln an den Berberitzen, schwarzglänzenden Schlehen und scharlachroten Urnen an den Hagebuttensträuchern. An den blätterlosen Buchen saßen dicht bei dicht stachlichte Bucheckern, und die Ebereschen beugten sich unter den schweren, roten Trauben, deren Duft säuerlich war wie Apfelmost. Späte Brombeeren lagen schwarz und braun im feuchten Laub am Wege, im Heidekraut wuchsen Preißelbeeren, und die wilden Himbeeren trugen zum zweitenmal ihre mattroten Früchte. Das Farnkraut hatte wohl hundert Farben, jetzt da es verwelkte; und nun erst das Moos, das war eine förmliche Entdeckung; nicht nur das kräftige Erdmoos an Abhängen und in den Gründen, das Ähnlichkeit hatte mit Tannen und Palmen und Straußfedern, sondern auch das seine Moos an Baumstämmen, das so aussah, wie man sich die Kornfelder der Elfen vorstellen mag, das in seinen, seinen Halmen, mit dunkelbraunen Knospen an den Spitzen wie Ähren aufschoß.
Eifrig wie Kinder durchschweiften sie den Wald kreuz und quer, um seine Schätze und Merkwürdigkeiten zu entdecken. Wie Kinder auch wohl zu tun pflegen, hatten sie sich in ihn geteilt, so daß das, was an der einen Seite des Fahrwegs lag, Fennimore gehörte, und das an der andern Seite Niels; oft verglichen sie ihre Reiche miteinander und stritten darüber, wessen Herrlichkeit die größte sei. Auch hatte alles seinen Namen, Klüfte und Hügel, Pfade und Zauntritte, Graben und Dämme. Und wenn sie hier und da einen besonders prächtigen Baum fanden, so bekam der auch seinen Namen. So hatten sie den Wald in jeder nur erdenklichen Weise in Besitz genommen, und so hatten sie sich eine kleine Welt für sich selbst geschaffen, die kein anderer kannte, und in der niemand sich bewegen konnte als sie – und doch hatten sie nicht ein Geheimnis miteinander, das nicht die ganze Welt hätte hören können. [...]"
(Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne 11. Kapitel)


Die genauen Beobachtungen und die evozierten Farben faszinieren mich bei Jacobsen.
Deshalb sind mir diese Herbstschilderung und die Frühlingsschilderung am Anfang des Romans die liebsten Passagen. Doch auch die Menschenbeobachtung geht weit über das dichterische Normalmaß hinaus. 

27 März 2018

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Niels und Fennimore II

[...] Es ist nichts dabei zu erzählen; es war ein Tag wie alle andern, sie waren allein im Wohnzimmer wie hundertmal zuvor, und sie hatten von gleichgültigen Dingen gesprochen, und was nach außen hin geschah, war so gewöhnlich und alltäglich wie möglich; es war nichts weiter, als daß Niels am Fenster stand und hinausblickte, und Fennimore ebenfalls hinkam und hinaussah; das war alles, aber es war genug; denn gleichsam wie durch einen Blitzstrahl verwandelten sich Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft für Niels Lyhne durch die Erkenntnis, daß er das Weib, das an seiner Seite stand, liebte; nicht wie etwas Leichtes und Süßes und Glückliches und Schönes, das ihn zu Glückseligkeit und Entzücken emporzuheben vermochte, – so war seine Liebe nicht; aber er liebte sie wie etwas, ohne daß er ebensowenig sein konnte, wie ohne Lebensodem; und wie einer, der dem Ertrinken nahe ist, um sich greift, so ergriff er ihre Hand und drückte sie ans Herz.
Und sie verstand ihn. Beinahe mit einem Schrei und in einem Ton voll Furcht und Jammer rief sie ihm wie eine Antwort und ein Bekenntnis zu: »O ja, Niels!« und entriß ihm die Hand.
Bleich und zögernd stand sie einen Augenblick da; dann sank sie mit einem Knie auf einen gepolsterten Stuhl, verbarg das Gesicht in der Sammetlehne und schluchzte laut.
Niels war während einiger Sekunden wie blind, und seine Hände suchten zwischen den Blumenzwiebelgläsern nach einer Stütze.
Das dauerte nur wenige Sekunden; dann trat er an den Stuhl, auf dem sie lag, und beugte sich mit der einen Hand auf die Lehne gestützt, über sie, ohne sie zu berühren.
»Sei nicht so verzweifelt, Fennimore, blick auf und laß uns miteinander reden. Willst du nicht? Fürchte nichts, laß es uns zusammen tragen, meine einzig Geliebte, laß uns! Versuche, ob du es kannst.«
Sie erhob den Kopf ein wenig und sah zu ihm auf. »O Gott, was sollen wir anfangen? – Ist es nicht fürchterlich, Niels? Warum mußte es mir so auf dieser Welt gehen? Und wie herrlich hätte es sein können – so glücklich!« und sie schluchzte wieder. –
»Hätte ich schweigen sollen,« klagte er, »arme Fennimore, hättest du es lieber niemals erfahren wollen?«
Wieder erhob sie den Kopf und griff nach seiner Hand. »Ich hätte es erfahren wollen und dann sterben; oh, läge ich im Grabe und wüßte es; das wäre so schön, oh, so wohlig und gut ...!«
»Es ist bitter für uns, Fennimore, daß das erste, was unsere Liebe uns bringt, nur Angst und Tränen sind, meinst du nicht auch?«
»Du darfst nicht hart gegen mich sein, Niels, ich kann ja nicht anders, du kannst es nicht so ansehn wie ich; ich bin's, die stark sein sollte, weil ich es bin, die gebunden ist; könnte ich meine Liebe mit Gewalt nehmen, und sie in die heimlichste Tiefe meiner Seele verschließen, und taub sein gegen all ihr Jammern und Flehen, und dann zu dir treten und sagen, daß du weit, weit fortreisen solltest; aber ich kann nicht, ich habe soviel gelitten; dies kann ich nicht auch noch ertragen, ich kann nicht, Niels, ich kann nicht ohne dich leben, sieh, kann ich es denn? Glaubst du, daß ich es könnte?« [...]
Sie erhob sich und preßte sich an seine Brust.
»Hier bin ich und lasse dich nicht los; ich will dich nicht fortlassen und selbst in der alten Finsternis zurückbleiben. Es ist wie eine grundlose Tiefe von Ekel und Pein, ich will mich nicht hinstürzen, eher springe ich ins Wasser, Niels; und wenn das neue Leben auch Schmerzen bringt, so sind es doch neue Schmerzen, die nicht den stumpfen Stachel der alten haben, und die nicht so sicher treffen können, wie die alten, die mein Herz so grausam genau kennen. Rede ich irre? – Ja gewiß, aber es tut so wohl, ohne Rückhalt mit dir sprechen zu können, ohne mich mehr davor hüten zu müssen, dir all das viele zu sagen, was nicht recht war. Aber jetzt hast du ein Recht vor allen! Wenn du mich nur ganz hinnehmen möchtest, so daß ich ganz dein wäre, ohne daß auch nur das Geringste einem andern gehörte; könntest du mich herausheben aus allen Verhältnissen, die mich umgeben?«
»Wir müssen sie durchbrechen, Fennimore. Ich werde es so gut einrichten; hab' nur keine Angst; eines Tages, bevor noch jemand das Geringste ahnt, sind wir weit fort.«
»Nein, nein, wir dürfen nicht fortlaufen, nur das nicht; lieber alles andere, als daß meine Eltern erfahren sollten, ihre Tochter sei fortgelaufen; das ist unmöglich; und ich tue es nimmermehr, bei Gott im Himmel, Niels, ich tue es nimmermehr.«  [...] 
Aber wie süß war es auch zu lieben, einmal die Liebe des wirklichen Lebens zu lieben; denn das, was er früher für Liebe gehalten, war ja keine Liebe, weder die schwermütige Sehnsucht des Vereinsamten, noch das glühende Verlangen des Phantasten oder die ahnungsvolle Nervosität des Kindes; es waren Ströme in dem großen Ozean der Liebe, einzelne Reflexe ihres vollen Lichtes, Splitter der Liebe, gleichsam wie die Meteore, die die Luft durchrasen, die Splitter eines Weltkörpers sind; denn die Liebe, sie ist eine Welt, ein Ganzes, etwas Volles, Großes, Geordnetes. Keine wirre, inhaltlose Fahrt von Gefühlen und Stimmungen – die Liebe ist wie die Natur, ewig wechselnd und ewig gebärend, in ihr erstirbt keine Stimmung, welkt kein Gefühl, ohne dem Keim zu etwas noch Vollkommenerem, den sie in sich trägt, Leben zu geben. Ruhig, gesund, mit tiefen Atemzügen, so war es schön zu lieben, von ganzer Seele zu lieben. Und jetzt fielen die Tage neu und blank vom Himmel herunter, sie kamen nicht selbstverständlich aufeinander folgend, wie die abgenutzten Bilder eines Guckkastens; jeder von ihnen war eine Offenbarung, denn an jedem einzigen fand er sich selbst größer und stärker und gewachsener vor. Er hatte eine solche Innigkeit und Macht des Gefühls nie gekannt, und es gab Augenblicke, in denen er sich weit mehr Titan als Mensch dünkte, eine solche Unerschöpflichkeit spürte er in seinem Innern, eine so flügelstarke Zärtlichkeit schwoll in seinem Herzen empor, – so weit war sein Blick – so heroisch und mild war sein Urteil.
Dies war der Anfang und das Glück, und sie waren lange glücklich.
Die tägliche Falschheit und Verstellung, die Atmosphäre von Unehre, in der sie lebten, alles das hatte noch keine Macht, es konnte sie in der verzückten Höhe, zu der Niels das Verhältnis und dadurch sie beide emporgehoben hatte, noch nicht erreichen; denn er war nicht einfach ein Mann, der das Weib seines Freundes verführte, oder besser gesagt, er war es, er sagte voll Trotz, daß er es sei; aber er war auch derjenige, der eine schuldlose Frau erlöste, die vom Leben verwundet, versteinert und besudelt war; eine Frau, die sich bereits niedergelegt, um ihre Seele sterben zu lassen; und ihr hatte er das Vertrauen zum Leben wiedergegeben, den Glauben an seine besten Kräfte; er hatte ihren Geist zu Hoheit und Adel erhoben; er hatte ihr Glück gegeben; was war denn besser, jenes unverschuldete Elend, oder daß er sie errungen hatte? Er fragte nicht mehr, er hatte seine Wahl getroffen.
Ganz so hatte er es nicht gemeint. Der Mensch baut sich oft Theorien auf, in denen er doch nicht wohnen möchte; die Gedanken gehen oft so viel weiter als das Gefühl für Recht und Unrecht Lust hat, ihnen zu folgen. Aber jene Vorstellung bestand für ihn und nahm der fortwährend notwendigen List, Falschheit, Niedrigkeit und Erbärmlichkeit viel von ihrem ewig fressenden Eitergift. [...]


Das Glück stand nicht mehr still über ihren Häuptern, sie mußten sein Lächeln und sein Licht erhaschen, wo und wie sie konnten; List und Verschlagenheit waren keine traurige Notwendigkeit mehr, sondern erfreuliche Triumphe; die Falschheit wurde ihr wahres Element und machte sie so klein und gemein. Es gab auch entwürdigende Geheimnisse, über die sie früher getrauert hatten, jeder für sich, weil sie sich gegenseitig unwissend stellten; jetzt mußten sie teilen, denn Erik war nicht schüchtern, und es fiel ihm oft ein, seine Frau in Niels Gegenwart zu liebkosen, sie zu küssen, sie auf den Schoß zu nehmen und sie zu umarmen; und Fennimore wagte nicht, diese Liebkosungen zurückzuweisen, oder sie hatte nicht mehr wie früher die Macht dazu; das Bewußtsein ihrer Schuld machte sie unsicher und ängstlich.
So sank und sank ihrer Liebe hohes Schloß, von dessen Zinnen sie so stolz in die Welt hinabgeblickt, in dem sie sich so stolz und stark gefühlt.
Aber sie waren auch froh zwischen den Ruinen.
Wenn sie jetzt im Walde spazieren gingen, so geschah es meist an trüben Tagen, wo der Nebel in den braunen Zweigen hing und es zwischen den feuchten Stämmen noch dunkler machte, so daß niemand sehen konnte, wenn sie sich hier küßten, dort umarmten, niemand hören konnte, wenn ihre leichtsinnigen Worte in ausgelassenen Lachfanfaren ausklangen.
Jener Stempel von Melancholie der Ewigkeit, den ihre Liebe getragen, war ausgelöscht; eitel Lachen und Scherz herrschte jetzt zwischen ihnen; eine fieberhafte Eile war über sie gekommen, eine Gier nach den hinschwindenden Sekunden der Ewigkeit, als müßten sie sich beeilen zu lieben und hätten nicht das ganze Leben vor sich.
Es führte keine Veränderung mit sich, daß Erik seiner Idee nach Ablauf eines Monats müde wurde, und seine Fahrten von neuem so eifrig begann, daß er selten zwei Tage hintereinander zu Hause war. Wohin sie gefallen, dort blieben sie. Vielleicht daß sie einmal in einsamen Stunden klagend zu jener Höhe hinaufblickten, von der sie herabgefallen; vielleicht auch, daß sie nur verwundert dachten, wie anstrengend es gewesen, sich dort oben zu halten, und daß sie sich dort weicher gebettet dünkten, wo sie jetzt lagen. Keine Veränderung trat ein. Wenigstens keine, die zu den alten Tagen zurückgeführt hätte; jedoch die schlaffe Gemeinheit, die darin lag, daß sie lebten, wie sie lebten und doch nicht miteinander entflohen, kam ihnen mehr und mehr zum Bewußtsein und koppelte sie fester und niedriger in ihrem gemeinsamen Schuldgefühl aneinander; denn keiner von ihnen wünschte die Dinge anders, als sie waren. Ebensowenig verbargen sie dies voreinander, denn es war zu jener zynischen Vertraulichkeit zwischen ihnen gekommen, die leicht unter Mitschuldigen entsteht, und es gab garnichts in ihrem Verhältnis, das mit Worten zu berühren sie etwa gescheut hätten. Mit traurigem Mut nannten sie die Dinge bei dem rechten Namen, blickten ihnen ins Auge, sagten sie, wie sie waren. 
Im Februar hatte es ausgesehen, als sei es mit dem Winter zu Ende, aber dann kam Mutter März in ihrem weißen Mantel mit dem losen Futter, und Schneegestöber auf Schneegestöber bedeckte die Erde mit einer dicken Schicht. Später wurde es still mit klingendem Frost, der Fjord trug viertelzolldickes Eis, das lange liegen blieb.
Gegen Ende des Monats saß Fennimore eines Abends nach der Teezeit allein im Wohnzimmer und wartete.
Es war sehr hell da drinnen, das Klavier, dessen Kerzen brannten, war geöffnet, der Schirm war von der Lampe genommen, so daß Goldleisten und alles, was an den Wänden hing, deutlich und wach hervortrat. Die Hyazinthen waren von den Fenstern fortgerückt und auf den Schreibtisch gestellt; sie bildeten jetzt einen Büschel glänzender Farben und erfüllten die Luft mit ihrem reinen, gleichsam kühlend starken Duft. Im Ofen brannte das Feuer mit gedämpftem, behaglichen Schnurren.
Fennimore ging auf und ab im Zimmer und balancierte beinahe auf einem der dunkelroten Streifen des Teppichs. Sie hatte ein etwas altmodisches schwarzes Seidenkleid an, das mit schweren Garnierungen auf dem Boden schleppte und sich, während sie ging, von einer Seite auf die andere legte.
Sie sang leise vor sich hin und hatte mit beiden Händen die Kette mattgelber Bernsteinperlen gefaßt, die sie um den Hals trug, und wenn sie auf ihrem roten Streifen schwankte, hörte sie auf zu singen, fuhr aber fort, die Kette zu halten. Vielleicht sollte ihr Gang ihr prophetisch sein, so, daß Niels kommen würde, wenn sie so und so viele Male durchs Zimmer gehen könnte, ohne von dem Streifen abzuweichen oder die Kette loszulassen.
Er war am Vormittag dort gewesen, als Erik fortgefahren, und war bis gegen Abend geblieben, aber er hatte versprochen, noch einmal herüberzusehen, sobald der Mond hervorkommen und es hell genug werden würde, um die Wuhnen draußen auf dem Fjord vermeiden zu können. [...]
Es sei ein Brief da, sagte Trine, als sie zur gnädigen Frau ins Zimmer trat.
Fennimore nahm ihn, es war eine Depesche. Ruhig gab sie dem Mädchen die Quittung und ließ es gehen; sie war durchaus nicht erschrocken, Erik hatte in der letzten Zeit oft an sie telegraphiert, daß er am nächsten Tage mit ein paar Fremden kommen würde.
Dann las sie.
Plötzlich erblaßte sie, fuhr entsetzt von ihrem Stuhl empor und starrte mit erwartungsvoller Furcht nach der Tür.
Sie wollte es nicht herein haben, sie konnte nicht; mit einem Satz hatte sie sich gegen die Tür geworfen und stemmte ihre Schulter dagegen, sie drehte an dem Schlüssel, bis er ihr tief in die Hand schnitt. Aber wie fest sie ihn auch faßte, er wollte sich nicht drehen lassen. Dann ließ sie ihn los. Es war ja auch wahr –, es war ja nicht hier, weit fort von hier in einem fremden Hause.
Sie begann zu zittern, die Füße trugen sie nicht länger, und sie sank an der Tür zu Boden.
Erik war tot. Die Pferde waren mit ihm durchgegangen, hatten den Wagen an einer Straßenecke umgeworfen, und er war mit dem Kopf an eine Mauer geschleudert. Der Schädel war zermalmt, und jetzt lag er tot in Aalborg. So hatte es sich zugetragen, und das meiste davon stand im Telegramm. [...]
Sie begann in ihrem Glaskäfig auf und ab zu gehen. Hier standen keine anderen Möbel als ein Sofa aus gebogenem Holz, und dieses lag voll welker Efeublätter, von den Ranken da oben unter der Decke. Jedesmal, wenn sie vorüberging, raschelten die Blätter leise im Luftzug, und dann und wann fand ihr Kleid auch Laub auf dem Fußboden und zog es mit kratzendem Laut mit sich über die Dielen.
Der Kälte trotzend und die Arme über der Brust gekreuzt, ging sie auf ihrer traurigen Wacht hin und her.
Er kam.
Mit einem Ruck hatte sie die Tür geöffnet und trat mit ihren dünnen Schuhen auf den eisigen Schnee.
Sie gönnte sich dies; barfüßig hätte sie zu dieser Begegnung gehen mögen.
Beim Anblick der schwarzen Gestalt auf dem weißen Schnee hatte Niels seine Fahrt gemäßigt und kam nun mit zögernden, prüfenden Schwenkungen langsam an Land.
Es war, als brenne diese schleichende Gestalt ihr in die Augen. Jede Bewegung, jeder Zug, den sie wiedererkannte, traf sie wie ein schamloser Hohn, gleichsam prahlend mit seinen entwürdigenden Geheimnissen. Sie zitterte vor Haß, ihr Herz quoll über von Flüchen, und sie war ihrer selbst kaum mächtig.
»Ich bin's,« rief sie ihm höhnend entgegen, »die Dirne Fennimore.«
»Aber um Gottes willen, du Liebe?« fragte er verwundert, jetzt nur noch ein paar Schritte von ihr entfernt.
»Erik ist tot.«
»Tot?! Wie?« Er mußte mit seinen Schlittschuhen in den Schnee treten, um nicht umzufallen. »Aber so sag' doch!«, und eifrig trat er noch einen Schritt näher.
Jetzt standen sie sich Angesicht zu Angesicht gegenüber, und sie mußte sich Gewalt antun, um nicht mit der geballten Faust in diese bleichen, verstörten Züge zu schlagen.
»Ich werde es dir schon sagen,« sprach sie, »er ist tot, wie ich gesagt, die Pferde sind in Aalborg mit ihm durchgegangen, sein Kopf ist zerschmettert, und wir gingen hier umher und betrogen ihn.«
»Das ist schrecklich,« stöhnte Niels und faßte sich an die Schläfen, »wer hätte auch ahnen können ... ah! Wären wir ihm doch treu gewesen, Fennimore. Erik, armer Erik! – Wäre ich es doch gewesen!« Und er schluchzte laut und krümmte sich vor Schmerz.
»Ich hasse dich, Niels Lyhne.«
»Bah! Wir!« stöhnte Niels ungeduldig, »wenn wir ihn nur wiederhätten. Arme Fennimore,« verbesserte er sich dann, »kümmere dich nicht um mich. Du sagst, du hassest mich? Das magst du tun, ja, das magst du.« Plötzlich richtete er sich auf. »Laß uns hineingehen,« sagte er, »ich weiß nicht mehr, was ich sage. Wer, sagtest du, hat telegraphiert?«
»Hinein!« schrie Fennimore, die heftig wurde, weil er ihre Feindseligkeit nicht beachtete. »Dort hinein! Nimmermehr wirst du deinen feigen, ehrlosen Fuß in dieses Haus setzen. Wie wagst du nur daran zu denken, du Elender, du falscher Hund, der du hierhergeschlichen kamst und deines Freundes Ehre stahlst, weil sie schlecht verwahrt war. Wie, hast du sie nicht vor seinen Augen gestohlen, weil er glaubte, du seist ehrlich, du Hausdieb!« [...]
Sie hatte die Arme drohend nach ihm ausgestreckt, jetzt wandte sie sich ab und ging; leise klirrte die Tür der Veranda hinter ihr.
Erstaunt, fast ungläubig, stand Niels da und blickte den Weg entlang, den sie gegangen; ihm war, als stände es noch vor ihm, das bleiche, rachedurstige Antlitz, das so seltsam gemein und roh in seiner Leidenschaftlichkeit und seiner gewohnten formenzarten Schönheit so ganz beraubt war, daß es aussah, als sei es in all seinen Linien von einer schonungslosen, unbarmherzigen Hand umgepflügt.
Er stolperte vorsichtig auf das Eis zurück und begann, mit dem Mondlicht vor sich und dem Wind im Rücken, langsam der Fjordmündung zuzulaufen. Nach und nach, als seine Gedanken die Aufmerksamkeit von der Umgebung ablenkten, lief er schneller, und die Eissplitter vom Eisen seiner Schlittschuhe rasselten, von dem stets zunehmenden Frostwinde getrieben, klirrend mit ihm über die blanke Fläche.
Also das war das Ende! So also hatte er die Frauenseele erlöst und sie emporgehoben und ihr Glück gegeben! Wie schön war es, das Verhältnis zu dem toten Freunde, seinem Jugendfreunde, für den er Zukunft, Leben und alles hatte opfern wollen! Er mit seinem Opfern und Erlösen! Himmel und Erde sollten ihn ansehen, wenn sie einen Mann sehen wollten, der sein Leben auf der Höhe der Ehre erhielt, ohne Flecken und ohne Fehler, damit er nicht auch einen Schatten auf die Idee werfe, der er diente, und die zu verkünden er berufen war!
Er lief weiter.
Das war nun auch so einer von seinen großprahlerischen Gedanken, daß sein erbärmliches Leben Flecken auf die Sonne der Idee werfen könnte. Herrgott! Stets mußte er alles so hoch nehmen! Das war ihm nun einmal angeboren; konnte er nichts Besseres werden, so wollte er wenigstens ein Judas sein und sich in großartiger Unheimlichkeit Ischariot nennen. Das klang doch nach etwas. – Mußte er sich denn stets gebärden, als sei er verantwortlicher Minister bei der Idee und Mitglied ihres geheimen Staatsrates, der alles, was die Menschheit betraf, aus erster Hand hatte! – Ob er niemals lernen würde, in aller Bescheidenheit danach zu streben, seine Pflicht im Garnisondienst der Idee zu tun als Gemeiner niederen Ranges?
Auf dem Eise waren rote Feuer, und er kam so nahe an ihnen vorüber, daß ein riesenhafter Schatten für einen Augenblick aus seinen Füßen herausschoß, sich nach vorwärts drehte und verschwand.
Er dachte an Erik und an den Freund, der er für Erik gewesen. Oh, er! Die Kindheitserinnerungen rangen die Hände über ihn; die Jugendträume verhüllten ihr Antlitz und weinten über ihn; seine ganze Vergangenheit sah ihm mit einem langen, vorwurfsvollen Blicke nach. Diesem allen war er so treulos gewesen um einer Liebe willen, die so klein und niedrig wie er selbst. – Trotzdem war etwas Erhabenes in ihrer Liebe gewesen; auch dem war er treulos geworden. Wohin fliehen vor all diesen Anläufen, die immer im Grabe endeten? Sein ganzes Leben war nichts anderes gewesen, und auch in Zukunft würde es nicht anders werden, er wußte es, er fühlte es so sicher, daß er krank wurde bei all dieser Aussicht auf all diese unnütze Mühe, und von ganzer Seele wünschte, daß er diesem sinnlosen Schicksal entfliehen könnte. Wenn nur das Eis unter ihm brechen wollte, wie er so darüber hinfuhr, und alles mit einem Aufschnappen und Hinabsinken in das kalte Wasser vorüber wäre.
Ermattet vom Lauf blieb er stehen und blickte zurück. Der Mond war fort, und der Fjord lag dunkel und lang zwischen den weißen Hügeln des festen Landes. Nun kehrte er um und arbeitete gegen den Wind an. Dieser war stark, und er war müde. Er suchte windsicher ans hohe Ufer zu gelangen, aber als er so vorwärtsrang, kam er auf eine Windwuhne, und das dünne Eis gab mit knisterndem, zähen Knacken unter ihm nach.
Wie leicht ward ihm aber doch ums Herz, als er wieder auf festes Eis kam! Die Angst hatte die Müdigkeit beinahe verjagt, und kräftig steuerte er vorwärts.
Während er sich draußen mühte, saß Fennimore im hellerleuchteten Zimmer, enttäuscht und zermartert. Sie kam sich wie um ihre Rache betrogen vor, sie wußte nicht, was sie erwartet hatte, aber es war etwas ganz anderes gewesen; ihr hatte etwas Erhabenes und Mächtiges, etwas wie Schwerter und rote Flammen vorgeschwebt, oder auch das nicht, etwas, das sie trug und sie auf einen Thron setzte; und nun war es so kleinlich und alltäglich ausgefallen, und sie war sich mehr wie eine Zänkerin vorgekommen, als eine, die verflucht...
Sie hatte doch etwas von Niels gelernt.

Früh am nächsten Morgen, als Niels von Ermüdung überwältigt noch schlief, reiste sie ab.
(Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne 11. Kapitel)

12. Kapitel (die Opernsängerin)

13. Kapitel (Gerda)
"Ungefähr ein Jahr hatte Niels auf Lönborghof gewohnt und die Bewirtschaftung geleitet, so gut er konnte, oder soviel sein Verwalter es zuließ. Er hatte seinen Schild vom Nagel genommen, die Devise ausgelöscht und entsagt. Die Menschheit mußte sich ohne ihn behelfen, er hatte das Glück kennengelernt, das die rein körperliche Arbeit gewährt, wenn wir den Haufen unter unseren Händen wachsen sehen, wenn wir wirklich fertig werden können, so, daß wir fertig sind; zu wissen, wenn wir müde fortgegangen, daß die Kräfte, die wir zugesetzt, hinter uns in unserer Arbeit zurückbleiben, und daß die Arbeit bleiben wird, daß sie nicht während der Nacht vom Zweifel verzehrt, nicht von der Kritik einer mißmutigen Morgenstunde auseinandergeblasen werden kann. In der Landwirtschaft lagen keine Sisyphussteine.
Und dann seinen Körper müde gearbeitet zu haben; der Genuß, zur Ruhe zu gehen und sich wieder Kräfte anzuschlafen, um sie von neuem zuzusetzen, regelmäßig, wie Tag und Nacht aufeinanderfolgen, ohne von den Launen seines Gehirns behindert zu werden, ohne daß man sich vorsichtig zu berühren braucht wie eine gestimmte Gitarre mit abgenutzten Schrauben!
Er war so recht gleichmäßig glücklich, und oft konnte man ihn sitzen sehen, wie sein Vater gesessen, an einer Heckentür oder an einem Grenzstein, in seltsam vegetativer Ergriffenheit auf den goldenen Weizen oder den ährenschweren Hafer starrend.
Noch hatte er nicht begonnen, mit den Familien der Umgegend weiteren Umgang zu suchen; der einzige Ort, wohin er einigermaßen häufig kam, war Kanzleirat Skinnerups Haus in Varde. Die Leute waren in die Stadt gekommen, als sein Vater noch lebte, und da der Kanzleirat einer von Lyhnes alten Universitätsfreunden war, kamen die Familien viel zusammen. Skinnerup, ein milder, kahlköpfiger Herr mit scharfen Zügen und sanften Augen war jetzt Witwer und hatte das Haus mehr als voll mit vier Töchtern, von denen die älteste siebzehn, die jüngste zwölf Jahr alt war.
Niels liebte es, sich mit dem sehr belesenen Kanzleirat über allerlei ästhetische Gegenstände zu unterhalten, denn weil er angefangen hatte, seine Hände zu gebrauchen, war er doch noch nicht plötzlich Bauer geworden. Ihm war auch die ein wenig komische Vorsicht angenehm, mit der er sich ausdrücken mußte, sobald von einem Vergleich zwischen dänischer und ausländischer Literatur die Rede war, oder überhaupt auch sonst, wenn Dänemark mit etwas verglichen wurde, das nicht dänisch war; denn es war sehr notwendig, vorsichtig zu sein. Der milde Kanzleirat war nämlich einer von diesen guten, wütenden Patrioten, die damals existierten, Leute, die man dahin bringen konnte, mißmutig einzugestehen, daß Dänemark nicht die bedeutendste der Großmächte sei, die aber sonst kein einziges weiteres Zugeständnis machten, welches das Land, oder irgend etwas, das mit dem Lande zu tun hatte, anderswohin stellen konnte als an die Spitze. – Was ihm an diesem Gesprächen sonst noch lieb war, aber ganz unbestimmt und ohne das geringste Gewicht darauf zu legen, war die frohe Bewunderung zu sehen, mit der die siebzehnjährige Gerda ihm folgte, wenn er sprach; sie suchte stets zugegen zu sein, wenn er da war, und war so innig bei der Sache, daß er sie häufig vor Entzücken erröten sehen konnte, wenn er etwas gesagt hatte, was ihr besonders schön erschien. [...]"

14. Kapitel
"[...] In bitterer Schwermut geht Niels Lyhne in den leeren Zimmern umher. Etwas in ihm ist gebrochen, in der Nacht, als das Kind starb. Er hat das Selbstvertrauen verloren, seinen Glauben an die Kraft des Menschen, das Leben zu ertragen, das er zu leben bekommen. Das Dasein war widerlich geworden, und sein Inhalt sickerte bedeutungslos nach allen Seiten fort. [...]
Dann kam jener Novembertag, an dem der König starb, und der Krieg mehr und mehr zu drohen begann.
Bald hatte er seine Angelegenheiten auf Lönborghof geordnet und meldete sich als Freiwilliger. [...]
An einem trüben Märztage bekam er dann einen Schuß in die Brust. [...]
Hjerrild erhob sich. »Fahrwohl, Lyhne,« sagte er, »es ist ein schöner Tod, für unser armes Land zu sterben.«
»Ja,« sagte Niels, »aber es war doch nicht auf diese Weise, daß wir träumten, das unsere zu tun, damals vor langer, langer Zeit.« [...]
Als Hjerrild Niels Lyhne zum letztenmal sah, lag er und fabelte von seiner Rüstung und davon, daß er stehend sterben wolle.
Und endlich starb er dann den Tod, den schweren Tod."

25 März 2018

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Niels und Fennimore I

»Liebste Fennimore, du weißt Gott sei Dank nicht, was du sagst, aber du bist ungerecht gegen die Frauen, gegen dich selbst; ich glaube an die Reinheit des Weibes.«
»Die Reinheit des Weibes, was meinst du mit der Reinheit des Weibes?«
»Ich meine – – – – – ja...«
»Du meinst, ich will es dir sagen, du meinst nichts, denn das ist auch so eine von diesen inhaltlosen Feinheiten. Eine Frau kann nicht rein sein, sie soll es nicht sein, wie sollte sie es können! Welche Unnatur ist das! Hat die Hand unseres Herrgotts sie dazu bestimmt, es zu sein? Antworte mir! – Nein, und zehntausendmal nein. Was ist das für ein Wahnsinn? Weshalb wollt ihr uns mit der einen Hand zu den Sternen emporheben, wenn ihr uns mit der andern doch hinabziehen müßt? Könnt ihr uns nicht auf Erden an eurer Seite gehen lassen, Mensch neben Mensch, und nichts weiter? Es ist doch unmöglich für uns, auf der Prosa sicher aufzutreten, wenn ihr uns mit eurem Irrwisch von Poesie blind macht. Laßt uns doch in Ruhe, laßt uns doch um Gotteswillen in Ruhe.«
Sie setzte sich hin und weinte.
Niels begriff vieles; Fennimore wäre unglücklich gewesen, wenn sie gewußt hätte wieviel; es war ja zum Teil die alte Geschichte vom Festgericht der Liebe, das nicht tägliches Brot werden will, sondern fortfährt, Festgericht zu sein, nur fader, Tag für Tag widerlicher, immer weniger nahrhaft. Und der eine kann das Wunder nicht vollbringen, und der andere kann es auch nicht, und da sitzen sie nun noch in ihren Hochzeitskleidern und fahren fort, einander zuzulächeln und feierliche Worte zu gebrauchen, aber im Innern leiden sie Qualen von Hunger und Durst, und ihre Blicke fangen an, einander zu fürchten, denn der Groll beginnt in ihren Herzen zu sprießen. [...]
Sie tat Niels so leid, aber er ließ sie in Ruhe, wie, sie es wollte.
Es war so hart, sie leiden zu sehen, nicht helfen zu dürfen, weit fort zu sitzen, und sie in dummen Träumen glücklich zu träumen, oder mit kaltem, ärztlichem Scharfsinn abzuwarten und zu berechnen, und sich so traurig, und ruhig sagen zu müssen, daß früher keine Linderung eintreten werde, als bis ihre alte Hoffnung auf den feinen, funkelnden Reichtum des Lebens sich gänzlich verblutet, und ein träger Lebensstrom seinen Weg durch alle Adern ihres Lebens gefunden, und sie stumpf genug gemacht haben würde, um zu vergessen; schwerfällig genug, um zufrieden zu sein, [...]
An einem Sonntagnachmittag gegen Ende August ruderte Niels über den Fjord. Er fand Fennimore allein zu Hause; als er kam, lag sie im Eckzimmer auf dem Sofa und stieß bei jedem Atemzug jenes kurze, regelmäßige Stöhnen aus, das unsere Schmerzen zu erleichtern scheint, wenn wir krank sind. Sie habe fürchterliche Kopfschmerzen, sagte sie, und es sei niemand zu Hause, um ihr zu helfen. [...]
Niels tröstete sie, so gut er konnte; er sagte, sie solle stilliegen, die Augen zumachen und nicht sprechen; er brachte ein dickes Tuch, in das er ihre Füße wickelte, holte Essig aus dem Büfett und richtete einen kalten Umschlag her, den er auf ihre Stirn legte. Dann setzte er sich still ans Fenster und sah dem Regen zu. [...]
»Sag doch,« begann sie plötzlich, »du hast mir nie von Erik als Knaben erzählt. Wie war er eigentlich?«
»Alles, was gut und schön war, Fennimore. Prächtig, brav, in jeder Beziehung eines Knaben Ideal von einem Knaben, nicht gerade das Ideal einer Mutter oder eines Lehrers, aber jenes andere, das soviel besser ist.«
»Wie kamt ihr zusammen aus? Hieltet ihr viel voneinander?«
»Ja, weißt du, ich war ganz verliebt in ihn, und er hatte nichts dagegen, – so ungefähr war es; wir waren so verschieden, mußt du wissen; ich wollte immer Dichter und berühmt werden; aber weißt du, was er eines Tages antwortete, als ich ihn fragte, was er am liebsten werden möchte? – Ein Indianer, ein echter, roter Indianer mit Kriegszeichen und allem, was dazu gehört! Ich erinnere mich noch, daß ich es durchaus nicht verstehen konnte; ich begriff nicht, daß man wünschen konnte, ein Wilder zu sein; so zivilisiert war ich!«
»Aber ist es nicht sonderbar, daß er dann Künstler werden konnte?« sagte Fennimore, und es lag etwas Kaltes, Feindliches in dem Ton, mit dem sie fragte.
Niels merkte es und stutzte. »Ach nein,« sagte er dann, »es ist selten, daß Leute in ihrer ganzen Natur Künstler werden. Und gerade solche frischen, lebensfrohen Menschen wie Erik haben oft eine unendliche Sehnsucht nach dem, was zart und sein ist: das Feine, jungfräulich Kalte, das süß Erhabene, ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Nach außen hin können sie robust und vollblütig genug sein, ja, sogar grob können sie sein, und niemand ahnt, was für wunderliche, romantische und gefühlvolle Geheimnisse sie mit sich herumtragen, weil sie so verschämt sind, seelisch verschämt; ich meine diese großen, schwertrabenden Mannsleute, so daß kein bleiches, junges Mädchen schamhafter in seiner Seele sein kann als sie. [...] Sei nicht böse, Fennimore, aber ich fürchte, daß du und Erik nicht so recht gut gegeneinander seid. Kann es nicht anders werden? Denk nicht daran, wer recht hat, oder an die Größe des Unrechts, du sollst nicht gerecht gegen ihn sein, denn wohin kämen die besten unter uns mit der Gerechtigkeit, nein, sondern denk an ihn, wie er war in der Stunde, wo du ihn am meisten geliebt; glaube mir, er ist es wert. Du darfst nicht messen, nicht wägen. Ich weiß, es gibt in der Liebe Augenblicke voll strahlender, feierlicher Ekstase, in denen man sein Leben für den Geliebten hingeben würde, wenn es sein müßte. Nicht wahr? Denk daran, Fennimore, vergiß es nicht, sowohl um seinet- wie um deiner selbst willen.«
Er schwieg. –
Auch sie sprach nicht, sie lag still da mit schwermütigem Lächeln auf den Lippen, bleich wie eine Blüte.
Dann erhob sie sich und streckte Niels die Hand entgegen.
»Willst du mein Freund sein?« sagte sie.
»Das bin ich, Fennimore,« und er nahm ihre Hand.
»Willst du, Niels?«
»Immer,« entgegnete er und führte ehrerbietig ihre Hand an die Lippen.
Dann erhob er sich, aufrechter dünkte es Fennimore, als sie ihn je gesehen.
Bald darauf kam Trine und meldete, daß sie zurück sei, und dann gab es Tee und schließlich eine Ruderfahrt in dem trübseligen Regen.
Am hellen Morgen kam Erik nach Hause, und als Fennimore ihn in dem kalten, wahrheitsliebenden Tageslicht sah, wie er sich auf das Schlafengehen vorbereitete, schwer und unsicher vom Trunk, glasäugig vom Spiel und schmutzigbleich von der durchwachten Nacht, da erschienen die schönen Worte, die Niels zu ihr gesprochen, ihr ganz phantastisch, und die freundlichen Gelübde, die sie in ihrem stillen Sinn getan, schwanden erbleichend vor dem zunehmenden Tag, nichts als Traumgaukelei und Gedankentand: eine edle Schar von Lügen. [...]
Je weiter der Herbst vorrückte, desto häufiger wurden Eriks Fahrten zu den Saufgelagen. Was nützte es denn, äußerte er gegen Niels, daß er zu Hause saß und auf Ideen wartete, die nie kamen, bis ihm die Gedanken im Kopf zu Stein wurden, übrigens gewährte ihm Niels Gesellschaft nicht viel Trost, er brauchte Leute, die Leben hatten, Leute, die lärmendes Fleisch und Blut waren, und nicht ein Spielwerk von schwachen Nerven. Niels und Fennimore waren daher oft alleine miteinander, denn Niels begab sich jeden Tag hinüber nach Marianelund."
(Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne 11. Kapitel)

23 März 2018

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Niels und Erik

Niels kommt nicht voran und besucht Erik, der seinerseits in einer Krise ist:

"[...] Denn er fühlt, daß er Glauben genug hat, Glauben genug, um Berge zu versetzen; aber er kann sich nicht entschließen, den Rücken dagegen zu stemmen. Dann und wann steigt es wie Schaffensdrang in ihm auf, Sehnsucht, einen Teil von sich selbst in einer Arbeit zu befreien, und dann kann sein Wesen tagelang angespannt sein durch frohe, titanenhafte Anstrengungen, den Lehm zu seinem Adam zusammenzufahren; doch er vermag ihn nie seinem Vorbilde ähnlich zu formen; er hat nicht Ausdauer genug, die Selbstkonzentrierung, die dazu erforderlich ist, festzuhalten. [...]
Und die Resignation hat soviel für sich, denn wie oft sind die idealen Forderungen der Jugend nicht zurückgewiesen worden, ihre Begeisterung beschämt, ihre Hoffnung zerstört worden! – Die Ideale, die leuchtenden, die schönen, sie haben wohl noch nichts von ihrem Glanz verloren, aber sie wandern nicht mehr auf Erden unter uns wie in den ersten Tagen unserer Jugend; über die breitbasierte Treppe der Weltklugheit sind sie Stufe für Stufe in den Himmel zurückgeführt worden, aus dem unser einfältiger Glaube sie herausgeholt hatte, und dort sitzen sie nun strahlend – aber fern, lächelnd, aber müde, in göttlicher Untätigkeit, während der Weihrauch einer tatenlosen Anbetung ruckweise in feierlichen Wolken zu ihrem Thron emporsteigt. [...]
Da geschah es, daß er an einem Sommertage, als Erik und Fennimore wie gesagt zwei Jahre verheiratet gewesen, einen halb prahlerischen, halb jämmerlichen Brief von Erik erhielt, in dem dieser sich anklagte, jetzt zuletzt seine Zeit vergeudet zu haben, er wisse aber nicht, wie es komme, er habe keine Ideen mehr. Es seien frische, muntere Leute, mit denen sie dort in der Gegend verkehrten, durchaus nicht prüde oder albern, aber der Kunst gegenüber die gräßlichsten Dromedare. Es sei nicht ein Mensch da, mit dem er ordentlich reden könne, und er sei jetzt in einen Dusel von Trägheit und Mattigkeit geraten, den er nicht überwinden könne; [...] und es wäre ein Freundschaftsdienst, wenn Niels nach dem Mariagerfjord käme; er solle es so gut haben, wie die Umstände es erlaubten, und er könne seinen Sommer doch ebenso gut dort zubringen wie anderswo. Fennimore ließe ihn grüßen und würde sich sehr freuen. [...]
Arme Fennimore! Sie wußte nicht, daß die brausende Hymne des Glückes so oft gesungen werden kann, daß ihr weder Melodie noch Worte bleiben, sondern nur ein wirres Durcheinander von Trivialität; sie wußte nicht, daß der Rausch, der heute emporträgt, seine Kraft von den Flügeln des morgenden Tages nimmt; als nach und nach die Nüchternheit schwermütig heraufdämmerte, fing sie bebend an zu begreifen, daß sie sich zu einer süßen Verachtung gegen sich selbst und gegeneinander herabgeliebt hatten, einer Verachtung, deren Süßigkeit Tag für Tag abnahm, bis sie zuletzt herb und bitter wurde. [...]
Im Ganzen war es eine schlimme, grobkörnige Bande, mit der Erik zusammenkam, aber Menschen von einer so riesenstarken Lebenskraft konnten sich wohl nicht in zivilisierteren Vergnügungen Luft machen, und ihre unerschöpfliche Laune, ihre breite, bärenhafte Gemütlichkeit nahm ihnen wirklich viel von ihrer Roheit. [...] 
wie die Dinge nun einmal lagen, war die ganze Ausbeute für die andern und für ihn nur die, daß er sich trefflich amüsierte. Nur allzusehr; denn bald wurde diese ausgelassene Zecherei ihm unentbehrlich und nahm nach und nach seine ganze Zeit in Anspruch; wenn er sich dann und wann auch seine Untätigkeit vorwarf, und sich dann gelobte, daß sie ein Ende haben sollte, so trieben ihn doch die Leere und die geistige Ohnmacht, die er jedesmal empfand, wenn er zu arbeiten versuchte, stets in das alte Leben zurück.
Den Brief an Niels, den er eines Tages geschrieben, da seine anhaltende Unfruchtbarkeit gar kein Ende nehmen wollte und den Eindruck einer Abzehrung auf ihn gemacht, die sein Talent angegriffen, diesen Brief bereute er sofort, nachdem er abgesandt war, und er hoffte, daß Niels seine Klagen zum einen Ohr hinein und zum andern hinausgehen lassen werde.
Aber Niels kam, der fahrende Ritter der Freundschaft in eigener Person; und ihm wurde denn auch der halb abweisende, halb mitleidige Willkomm, den fahrende Ritter stets von denen bekommen, um deretwillen sie Rosinante aus dem warmen Stall gezogen haben. Da Niels vorsichtig war und abwartete, so taute Erik bald auf, und die alte Vertraulichkeit zwischen ihnen wurde zu neuem Leben geweckt. Und es trieb Erik, sich auszusprechen, zu klagen und zu bekennen; es trieb ihn mit beinahe physischem Zwange dazu.

(Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne, 11. Kapitel)

18 März 2018

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Konsul und Konsulin

"Konsul Claudi war Anfang der Fünfzig, ein recht ansehnlicher Mann mit regelmäßigen, bis zur Plumpheit kräftigen Zügen, die sich ebenso leicht zu einem Ausdruck von Energie und kaltem Scharfsinn sammelten, wie sie zu einem verschlagenen Ausdruck gieriger, naschhafter Genußsucht erschlaffen konnten; er befand sich daher ebensogut in seinen wahren Elementen, wenn er einen Handel mit schlauen Bauern anbahnte, mit einer Schar hartnäckiger Borger akkordierte, oder bei einer letzten Flasche Rotwein zwischen ergrauten Sündern saß und auf mehr als schlüpfrige Geschichten lauschte, oder sie selbst in der rücksichtslosen, malenden Weise erzählte, für die er berühmt war.
Dies war indessen nicht der ganze Mann.
Die Bildung, die er empfangen, brachte es mit sich, daß er sich außerhalb von Fragen rein praktischer Natur auf fremdem Boden befand; aber deshalb verachtete er nicht, was er nicht verstand, machte auch kein Geheimnis daraus, daß er sich nicht darauf verstand, und noch viel weniger fiel es ihm ein, mitzureden oder Achtung für sein Geschwätz zu verlangen, nur weil er ein älterer, praktisch erfahrener und hochbesteuerter Bürger war. Im Gegenteil, er konnte mit einer fast rührenden Andacht dasitzen und auf das Gespräch junger Damen und Herren über solche Gegenstände lauschen, nur hie und da mit umständlichen Entschuldigungen eine bescheidene Frage stellen, die fast stets mit der größten Bereitwilligkeit beantwortet wurde. Dann dankte er für die Antwort mit der ganzen Verbindlichkeit, die der Ältere so schön in seinen Dank an Jüngere zu legen weiß.
Im ganzen genommen hatte Konsul Claudi in einzelnen glücklichen Momenten etwas überraschend Zartes, einen sehnsuchtsvollen Blick in den klaren braunen Augen, ein wehmütiges Lächeln um den starken Mund, einen suchenden, erinnerungsvollen Tonfall in der Stimme, – als sehnte er sich nach einer in seinen Augen besseren Welt als jene war, der seine Freunde und Bekannten ihn mit Haut und Haar verfallen glaubten.
Zwischen jener besseren Welt und ihm war seine Frau die Vermittlerin. Sie war eine jener bleichen, zarten, jungfräulichen Naturen, die nicht den Mut oder vielleicht auch nicht den Instinkt haben, ihre Liebe auszulieben, bis in der tiefsten Tiefe ihrer Seele nichts mehr von ihrem Selbst übrig ist. Auch nicht während eines flüchtigsten Moments werden sie so ergriffen, daß sie sich blind betört unter den Triumphwagen ihres Abgotts werfen. Das können sie nicht; aber sonst vermögen sie alles für den, den sie lieben. Sie können die schwersten Pflichten erfüllen, sie sind zu den schmerzlichsten Opfern bereit und sie scheuen vor keiner Demütigung zurück. So sind die besten von ihnen.
So große Anforderungen wurden nun nicht an Frau Claudi gestellt, aber ganz ohne Kummer war ihre Ehe auch nicht hingegangen; es war nämlich ein offenes Geheimnis, daß Konsul Claudi, bis vor einigen Jahren wenigstens, nicht der allertreueste Ehemann gewesen, und daß er sowohl in der Stadt wie auf dem Lande mehrere illegitime Kinder habe. Natürlich war das ein großer Schmerz für sie gewesen, und es war ihr nicht leicht gefallen, ihr Herz zu bezwingen, daß es aushielt, und nicht nachgab in jenem Aufruhr von Eifersucht, Verachtung und Zorn, Scham und lähmenden Schreck, der den festen Grund unter ihren Füßen hatte schwanken lassen. Nicht nur, daß kein Wort des Vorwurfs über ihre Lippen kam, sie verhinderte auch jedes Bekenntnis von seiten des Mannes, jede deutliche Bitte um Verzeihung und alles, was wie ein reuevolles Versprechen aussehen konnte. Sie fühlte, wenn es zu Worten käme, würden diese sie mit fortreißen, von ihm fortreißen. Schweigend sollte es getragen werden, und in diesem Schweigend suchte sie sich zur Mitschuldigen des Mannes zu machen, indem sie sich wegen der Selbstverschanzung anklagte, die aufzugeben ihre Liebe nicht stark genug gewesen war. Es gelang ihr, ihre Sünde so groß zu machen, daß sie einen unbestimmten Drang nach Vergebung empfand, und im Laufe der Zeit kam sie so weit mit sich selbst, daß das Gerücht entstehen konnte, für die Mädchen, die Konsul Claudi verführt habe, und ihre Kinder würde noch anderweitig gesorgt als durch Geld; es müsse eine verborgene Frauenhand sein, die sie schütze, ihnen alles Böse fernhalte, sie aufrecht erhalte und führe.
So kam es, daß die Sünde sich zum Guten wandte, und ein Sünder und eine Heilige einander besser machten." ( Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne 10. Kapitel)

14 März 2018

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Frau Boye

Niels Lyhne eilte der Heimat zu, er konnte die Einsamkeit unter all den fremden Menschen nicht ertragen; aber je näher er Kopenhagen kam, desto häufiger fragte er sich, was er eigentlich dort wolle, und desto mehr bereute er, nicht draußen geblieben zu sein. Denn, wen hatte er in Kopenhagen? Frithjof nicht; Erik war auf einer Stipendienreise in Italien, also ihn ebenfalls nicht; und Frau Boye? – es war ein seltsames Verhältnis, das zu Frau Boye. Jetzt, wo er direkt vom Grabe seiner Mutter kam, schien es ihm nicht gerade profan oder dergleichen, aber es klang nicht zusammen mit dem Ton, in dem seine jetzige Stimmung vibrierte. Es war ein Mißton. [...]
Am nächsten Tage ging er hin; aber er traf sie nicht. [...]
An einem der folgenden Tage wollte er hinaus.
Aber schon am nächsten erhielt er ein Billet von Frau Boye, das ihn in ihre Stadtwohnung bestellte. Die blasse Nichte habe ihn auf der Straße gesehen. Dreiviertel auf eins solle er kommen, müsse er kommen. Sie wolle ihm sagen weshalb, wenn er es noch nicht wisse. Ob er es denn wisse? Er solle sie nicht falsch beurteilen, nicht unvernünftig sein. Er kenne sie ja. Weshalb er es denn auffassen wolle, wie plebejische Naturen es täten? Würde er das tun? Sie seien doch nicht wie andere. Wenn er sie nur verstehen wolle! Niels! – Niels!
Dies Billet versetzte ihn in starke Spannung, und plötzlich fiel es ihm wieder ein und beunruhigte ihn, daß die Etatsrätin ihn neulich so spöttisch mitleidig angesehen, gelächelt und geschwiegen hatte, so sonderbar geschwiegen. Was konnte es sein – was in aller Welt konnte es nur sein? Die Stimmung, die ihn von Frau Boye ferngehalten, war verschwunden, er begriff sie gar nicht mehr, ihm war so bange. Wenn sie einander nur geschrieben hätten, wie andere vernünftige Menschen. Weshalb hatten sie es denn eigentlich nicht getan? So viel hatte er doch nicht zu tun gehabt. Er war doch auch zu merkwürdig; sich von dem Ort, wo er gerade war, immer so ganz und gar in Anspruch nehmen zu lassen. Und alles zu vergessen, was ferner lag. Nicht vergessen gerade, aber er schob es so weit zurück, und ließ es von der Gegenwart begraben. Wie unter Berge. Man sollte nicht glauben, daß er Phantasie besaß.
Endlich. Frau Boye schloß ihm selbst die Entreetür auf, bevor er noch geläutet hatte. Sie sagte nichts, sondern reichte ihm die Hand zu einem langen, kondolierenden Druck; durch die Zeitungen hatte sie ja von seinem Verlust erfahren. Niels sagte ebenfalls nichts, und so gingen sie schweigend zwischen zwei Reihen von Stühlen mit rot und weiß gestreiften Überzügen durch das erste Zimmer. Der Kronleuchter war in Papier gehüllt, und die Fensterscheiben waren geweißt. Im Wohnzimmer war alles wie gewöhnlich, nur die Jalousien waren vor den geöffneten Fenstern niedergelassen und schlugen in dem leisen Luftzug einförmig klappernd gegen den Fensterrahmen. Der Reflex vom sonnenbeschienenen Kanal sickerte gedämpft durch die gelben Stäbe und zeichnete ein unruhiges, krauses Getäfel voll Wellenlinien an die Zimmerdecke, zitternd, wie die zitternden Wogen draußen; sonst war alles still und wartete geduldig mit leisem Atem.
Frau Boye konnte nicht einig mit sich werden, wo sie sitzen wollte, endlich entschied sie sich für den Schaukelstuhl, wischte mit ihrem Taschentuch den Staub ab, stellte sich dann jedoch hinter den Stuhl, die Hände auf die Lehne gelegt. Die Handschuhe hatte sie noch an und nur einen Arm aus der schwarzen Mantille gezogen, die sie über ihrem schottischkarierten Seidenkleid trug; ebenso klein kariert wie das breite Band auf ihrem großen, runden Panamahut, dessen helles Stroh ihr Gesicht zur Hälfte verbarg; sie stand und sah zu Boden, während sie heftig mit dem Stuhl schaukelte.
Niels saß auf dem Taburett am Klavier, weit fort von ihr, als erwarte er, etwas Unangenehmes zu hören.
»Weißt du es also, Niels?«
»Nein. Aber was ist es, das ich nicht weiß?«
Der Stuhl stand still. »Ich bin verlobt.«
»Sie haben sich verlobt, aber weshalb, wie?«
»Ach nenne mich nicht Sie, sei nicht gleich unvernünftig.«
Sie lehnte sich trotzig an den Schaukelstuhl. »Du kannst doch begreifen, daß es nicht ausgesucht angenehm für mich ist, hier stehen und dir alles erklären zu müssen. Ich will es ja tun, aber du könntest mir wohl helfen.«
»Das ist lauter Unsinn. Bist du verlobt oder nicht?«
»Ich habe es dir ja gesagt,« entgegnete sie mit leiser Ungeduld und blickte auf.
»Dann darf ich mir also erlauben, Ihnen zu gratulieren, Frau Boye, und Ihnen recht herzlich für die Zeit zu danken, in der wir einander kannten.« Er war aufgestanden und verbeugte sich mehrmals sarkastisch.
»Und so kannst du von mir scheiden, so ganz ruhig; ich bin verlobt, und nun sind wir fertig; alles, was zwischen uns beiden gewesen, ist eine alte, dumme Geschichte; an die wir nicht mehr denken wollen. Vorbei soll vorbei sein? Ohne weiteres? – Niels, soll die Erinnerung an all jene teuren Tage von jetzt an stumm sein, wirst du nie, nie wieder an mich denken, mich nie vermissen? Wirst du nicht zuweilen in einer stillen Abendstunde den Traum wieder lebendig träumen und ihm die Farben geben, in denen er hätte leuchten können? Kannst du es lassen, alles in Gedanken noch einmal zu lieben, und es zu der Fülle reifen zu lassen, die es hätte erreichen können? Kamst du? Kannst du deinen Fuß darauf setzen und es zertreten, jedes Krümchen, so daß es aus der Welt ist? Niels?« [...]
Es liegt uns Frauen nun einmal nicht, Ausnahmen zu sein, Niels, es macht uns so seltsam, vielleicht interessanter, aber sonst... Kannst du es begreifen? Es ist erbärmlich, nicht wahr? Aber du begreifst wohl, daß es einen wunderlichen Eindruck auf mich gemacht hat, wieder in die alten Umgebungen zurückzukommen .... So viele Erinnerungen drangen auf mich ein – das Andenken an meine Mutter, und wie sie dachte; mir war, als sei ich wieder in den Hafen gelangt, alles war so friedlich und ordentlich, und ich brauchte mich nur daran zu binden, um für all mein Lebtag recht glücklich zu werden. Und deshalb ließ ich mich binden, Niels.«
Niels konnte sich eines Lächelns nicht erwehren; er fühlte sich ihr so überlegen, und sie tat ihm so leid, wie sie da vor ihm stand, so jugendlich unglücklich in ihrem Selbstbekenntnis. Ihm wurde so weich zumut, und er konnte gar keine harten Worte finden.
So ging er zu Ihr.
Inzwischen hatte sie den Stuhl umgedreht und war hineingesunken; da saß sie nun so matt und weltverlassen mit hängenden Armen, mit erhobenem Gesicht und halb gesenkten Augen und sah durch das verdunkelte Zimmer mit den zwei Reihen Stühlen in das finstere Entree hinaus.
Niels legte den Arm auf die Rückenlehne und beugte sich, die Hand auf die Seitenlehne gestützt, über sie und flüsterte: »Und mich hattest du ganz vergessen?«
Es war, als hätte sie es nicht gehört, sie hob nicht einmal die Augen; endlich schüttelte sie den Kopf, ganz wenig, und nach einer Weile noch einmal, ganz wenig. [...]
Diese Ruhe raubte ihnen die Sprache, beinahe auch die Gedanken, und sie saß wieder wie zuvor, den Blick in das dunkle Entree gerichtet; er blieb über sie gebeugt stehen und starrte auf das Gewürfel ihres Seidenkleides, und unbewußt, von der milden Ruhe verlockt, begann er, sie zu schaukeln, ga – nz leise, ga – nz leise.
Langsam hob sie die Lider zu einem Blick auf sein mild beschattetes Profil und senkte sie dann wieder in stillem Wohlbehagen. Es war wie eine lange Umarmung, als legte sie sich in seine Arme, wenn der Stuhl zurückging: und wenn er wieder nach vorn ging, so daß ihre Füße den Boden berührten, so lag etwas von ihm in dem leisen Druck, den der Boden gegen den Fuß übte. Auch er fühlte es, das Schaukeln begann ihn zu interessieren, nach und nach schaukelte er stärker; es war, als wäre er näher daran, sie zu besitzen, je weiter er den Stuhl zurücklehnte, und wie Erwartung lag es in der Sekunde, die dem Vorwärtsschaukeln voranging; und wenn er dann niederstieß, so lag eine eigentümliche Befriedigung in dem leisen Schlag, mit dem ihre willenlosen Füße den Boden berührten; und ihr ganzer Besitz dünkte es ihn, wenn er den Stuhl noch weiter vorwärts zwang, und ihre Sohlen so sanft gegen den Boden preßte, daß die Knie sich ein wenig heben mußten.
»Laß uns nicht träumen«, sagte Niels dann mit einem Seufzer und ließ resigniert den Stuhl los.
»Doch«, sagte sie beinahe bittend, und sah ihn unschuldig mit großen, wehmutstrunkenen Augen an.
Sie hatte sich langsam erhoben.
»Nein, nicht träumen«, sagte Niels nervös und legte den Arm um ihre Taille. »Träume sind genug zwischen uns gewesen, hast du das nie bemerkt? Haben sie nie wie ein flüchtiger Atem deine Wange oder dein Haar berührt? Ist es möglich, daß die Nacht nicht zitternd Seufzer auf Seufzer ausgehaucht hat, die sterbend auf deine Lippen herabsanken?«
Er küßte sie, und es war ihm, als werde sie minder jung unter seinem Kusse, minder jung, aber schöner, glühend schön, berauschend.
»Du mußt es wissen,« sagte er, »du weißt nicht, wie ich dich liebe, wie ich gelitten habe und entbehrt. Tema, wenn jene Zimmer am Wall reden könnten!«
Er küßte sie wieder und wieder, und sie schlang heftig die Arme um seinen Hals, so daß die weiten Ärmel hoch über die faltigen weißen Unterärmel, höher als über die grauen Gummibänder, die sie über dem Ellbogen hielten, hinaufglitten.
»Was könnten die Zimmer sagen, Niels?«
»Tema, könnten sie zehntausendmal und öfter sagen; sie könnten in diesem Namen beten, rasen, seufzen und schluchzen. Tema – sie könnten auch drohen.«
»Sie könnten drohen?«
Von der Straße herauf drang ganz und unverkürzt ein Gespräch durch die geöffneten Fenster; es war die gleichgültigste Weisheit der Welt in abgenützten Alltagsworten, die zwei stimmungslose Klatschstimmen durcheinander jagten und wälzten. Die ganze Prosa drang, zu ihnen herein und machte es noch herrlicher, so Brust an Brust dazustehen, eingehüllt von weichem, gedämpften Licht.
»Wie ich dich liebe, du Süße, Süße – in meinen Armen, du bist so gut; bist du so gut, so gut? – und dein Haar ... ich kann beinahe nicht sprechen, und all die Erinnerung ... so gut ... all die Erinnerung daran, wie ich geweint habe und unglücklich war und dich so schmerzlich vermißte, sie dringt jetzt auf mich ein, drängt sich hervor, als wollte sie jetzt im Glück glücklich mit mir sein – begreifst du! – Weißt du noch, Tema, kannst du dich noch auf den Mondschein im vorigen Jahr besinnen? [...] Nein, du Süße, es wäre ein Jammer, wenn du weinen müßtest; du darfst nicht weinen, um dich sollten stets Rosennächte und Sonne sein – eine Rosennacht –«
Sie war ganz in seine Arme gesunken, und den Blick in den seinen verloren, murmelten ihre Lippen wie im Traum seltsam süße Liebesworte, von ihrem Atem halb erstickt, wiederholte sie Worte, Worte von ihm, als flüsterte sie sie ihrem Herzen zu.
Draußen auf der Straße entfernten sich die Stimmen und machten sie unruhig. Dann kamen sie wieder, taktfest, von dem harten Stoßen eines Stocks auf die Fliesen begleitet; jetzt verzogen sie sich auf die andere Seite, weilten lange noch gedämpft in der Ferne, wurden schwächer und erstarben.
Und die Stille schwoll wieder um sie empor, loderte auf um sie, herzzersprengend mit schwerem Atem. Die Worte zwischen ihnen waren versiegt, die Küsse fielen schwer von ihren Lippen, wie zögernde Fragen, aber sie brachten keine Erlösung mit sich, kein Genießen des Augenblicks. Sie wagten nicht, mit den Augen voneinander zu lassen, und wagten doch nicht, Worte in ihren Blick zu legen, sie verschleierten ihn gleichsam, verbargen sich hinter ihm, schweigend, über geheimnisvolles Träumen brütend.
Da plötzlich kam ein Zittern in seine Umarmung und weckte sie, und sie stemmte die Hände gegen seine Brust und riß sich los.
»Geh, Niels, geh, du darfst nicht hier sein; du darfst nicht, hörst du?«
Er wollte sie an sich ziehen, aber sie zog sich bleich und wild zurück. Sie zitterte von Kopf bis zu Fuß und stand mit vorgestreckten Armen da, als wage sie nicht, sich selbst zu berühren.
Niels wollte niederknien und ihre Hand fassen.
»Du darfst mich nicht anrühren«, Verzweiflung lag in ihrem Blick. »Weshalb gehst du nicht, wenn ich dich bitte, Herrgott, kannst du denn nicht gehen? Nein, du darfst nicht sprechen, geh deiner Wege, du. Siehst du nicht, wie ich vor dir zittere? Sieh doch, sieh. Oh, es ist schlecht vor dir, so gegen mich zu sein! Wenn ich dich doch bitte!«
Es war ihm unmöglich ein Wort zu sagen, sie wollte nicht hören. Sie war ganz außer sich. Tränen strömten aus ihren Augen; ihr Gesicht war fast verzerrt und leuchtete gleichsam vor Blässe. Was sollte er tun?
»Willst du denn nicht gehen? Kannst du denn nicht sehen, wie du mich durch dein Bleiben demütigst, du mißhandelst mich, ja, das tust du; was habe ich dir getan, daß du so schlecht sein kannst? Oh, geh! Hast du denn kein Mitleid?«
Mitleid. Er war eiskalt vor Wut. Dies war ja Wahnsinn. Es blieb ihm nichts übrig, als zu gehen. Er ging. Die beiden Stuhlreihen ließ er nicht seitwärts liegen, sondern ging langsam, den starren Blick darauf gerichtet, hindurch, wie um zu trotzen.
»Erit Niels Lyhne«, sagte er, als er die Entreetür hinter sich ins Schloß fallen hörte.
Nachdenklich, den Hut in der Hand, ging er die Treppe hinunter. [...]
(Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne Kapitel 9)