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18 März 2026

Sigrid Damm: Das Leben des Friedrich Schiller. Eine Wanderung

Zum Anfang des Buches sieh dort.

Sigrid Damm schildert uns Schiller in seiner Bedrängnis durch Krankheit, Geldsorgen, seinem wenig höfischen Auftreten. Bei seiner Arbeit am Superwerk Wallenstein immer auf Goethes Anregung und Ermunterung hoffen. Goethe oft abwesend, dann sogar mit dem Plan einer Italienreise, bei der man bei im damit rechnen muss, dass sie Jahre dauern wird. Schiller der Bedürftige, der in der Hoffnung, mehr von Goethe zu haben und mehr Unterstützung durch seinen Landesherrn zu bekommen, der ihn durch den Gewinn den das Hoftheater durch Schiller erhalten werde zu locken versucht.

Andererseits dann die merkwürdige Folge, dass Goethe ihm dadurch ferner wird, weil er für seine Arbeit immer wieder nach Jena zieht und weil seine Einladungen in sein Haus am Frauenplan, wo er den Hausherrn mit großer Gesellschaft und den Hofmann gibt, ihn seinem Freunde entziehen, wo sie doch bei Schiller am engeren Familienkreise in der ungezwungenen Vertrautheit ihre "Zweiheit" (wie Goethe es nennt) genießen können.

Dann wiederum: Schiller erlebt seine Jahre als der große Theaterautor mit hohen Auflagen, nationalem Ruhm. Goethe hat unfruchtbare Jahre. Aber Goethe genießt die Anerkennung der Romantiker und Kritiker Schlegel und ihres Kreises, Schiller kritisieren sie recht scharf und über seine "Glocke" lachen sie schallend. (Damm, S.300-387)

Nach Schillers Tod werden Goethes Wahlverwandtschaften und der West-östliche Diwan folgen. Schiller stirbt mit Schulden bei seinem Verlegen, der ihm für den Hauskauf Vorschuss gab. (Endlich eine Haus ohne Verkehrslärm und mit Garten.)

Übrigens der Goethesohn August und die Schillersöhne spielen miteinander. Die Kinder vermitteln Gemeinsamkeit, wo Charlotte, geb. v. Lengefeld den gesellschaftlichen Verkehr mit Goethes "Bettschatz" Christiane Vulpius ablehnt und dafür ihre Freundschaft mit Goethes ehemals Geliebter Frau von Stein pflegt. 

Sehr viel Goethe, wo es doch um Schillers Leben gehen soll. - Doch zu Recht: denn die Freundschaft der beiden, die klassische Dichterfreundschaft der Weimarianer, war ja ganz seine Leistung, denn ohne sein Zugehen auf Goethe, sein Eingehen auf seine "Urpflanze" wäre es ja nicht zur Freundschaft gekommen. Zu sehr fühlte Goethe den Abstand zu dem Stürmer und Dränger, den er in sich mit dem Italienjahren ja hinter sich gelassen hatte.

Damms Darstellung ist von ihr in der Rechtschreibung von Elisabetha Dorothea wiedergegeben. Den Text habe ich der KI vorgelesen. Natürlich stimmt von der Reschtschreibung nichts, aber der Sinn ist zu erraten:

https://de.wikipedia.org/wiki/Elisabetha_Dorothea_Schiller

Schillers Mutter wird von Damm als sehr uneigennützig und aufopferungsvoll beschrieben. 
"Regelmäßig schreibt sie dem Sohn. Ihre Briefe sind, wenn auch nicht vollständig, jedoch im Großen und Ganzen überliefert. Schillers Korrespondenz dagegen nur bruchstückhaft. Oft wissen wir nur aus seinem Kalender die Absendedaten. Das meiste ist verloren. 
Auch schrieb  offensichtlich in großen Abständen.
Die Mutter mag das besonders schmerzlich empfunden haben. Ihre Ängste wegen der so schlechten Gesundheit des Sohnes seines immer so schwächliche Körpers.
Aber nie macht sie im Vorwürfe. Sie weiß um die Kostbarkeit seiner Zeit. Drängt sich nicht auf. Keine Anspielung, dass sie in Weimar zu Besuch sein möchte. Dabei ist es sicherlich ihr sehnlichster Wunsch. Als Christine (das Kindermädchen der Famliie Schiller, die aus Schwaben nach Thüringen gegangen ist) ihr von den Kindern berichtet, schreibt sie: wann ich auch nur auch zeige (Zeuge) dabei sein könnte. Und nach der Geburt der Enkelin Karoline: die liebe kleinen Karoline Carolin möchte ich doch sehen… Und die liebe junge, wie werden sie die kleine Schwester verlieben.

Als Ende 1798 die Möglichkeit eines Treffens in Meiningen erwogen wird – offenbar kommt der Vorschlag von Schiller –, denkt sie über das Opfer an Zeit, Kosten und Unbequemlichkeit für den Sohn nach: mein bester Sohn, dies ist alles vor, mich zu unternehmen, wäre zu viel… Und so groß, mir aber die Freude und das Glück wäre, meine liebste, in der Welt noch zu umarmen, schreibt sie ihm so werde mir, als dann die Trennung noch empfindlicher werden, ich will mir diese Hoffnung, durch öfteren Nachricht von ihm und der lieben Lotte und meinen lieben Enkeln unter drucken…
Elisabetta Dorothea sucht Nähe zum Sohn durch Anteilnahme an seinem Werk. Ein Exemplar des Wallenstein auf Druckpapier möge Cotta seiner Mutter schicken, heißt es am 30. August 1800. Unter dem 12. September vermerkt der Verleger auf dem Konto seines Autors: laut Brief vom 30. August für Wallenstein / PostPorto drei,Gulden 36 Kreuzer. Die Mutter dankt am 6. November: den Wallenstein habe ich gleich auf seinen Befehl von Cotta erhalten, wovor ich vielen Dank sage, es freute mich um desto mehr, da es hier so gut gegen die all Langeweile, und es uns allen viele Unterhaltung gemacht.
Maria Stuart verschafft sie sich selbst. Bittet Cotta, ihr das Drama gegen Entgelt zu senden. Mit ihm korrespondiert sie, da über ihn, die finanzielle Zuwendung des Sohnes abgewickelt wird. Quartalsweise muss sie Cotta eine Quittung über den Betrag schicken, daraufhin erfolgt die Zahlung. Da ich Herrn Cotta die Quittung schicke, fragte ich um die Maria Stuart. Es mir von diesem Geld abzuziehen, heißt es Ende August/Anfang September 1801 an den Sohn. Er schickte es mir mit und zieht es nicht ab. Ich danke davor. Wirklich hat er Buch Bender. Eine Reaktion zum Inhalt des Buches ist nicht überliefert (S. 388/89). 




























Wikipedia: "[...] Ihr Mann Johann Caspar starb am 7. September 1796, vermutlich an Prostata-Krebs.[10] Mit dem Tod ihrer jüngsten Tochter sechs Monate zuvor war der Tod ihres Mannes ein weiterer Schicksalsschlag.[11] Friedrich überließ ihr seinen väterlichen Erbteil, „dass keine Sorge Sie mehr drückt.“[12] Seit dem Jahreswechsel 1797 lebte sie im Leonberger Schloss und erhielt eine Pension von hundert Gulden.[13]

Sie starb am 29. April 1802 in Cleversulzbach. Hier war sie von ihrer Tochter Luise, die mit dem dortigen Pastor Frankh verheiratet war, in ihren letzten Monaten gepflegt worden. Das Grab auf dem Friedhof des Orts, in dem sie am 1. Mai 1802 beigesetzt wurde,[14] ist 1834 von Eduard Mörike wiederhergerichtet worden; in einem benachbarten Grab bestattete er seine eigene Mutter Charlotte Mörike.[...]"


Perlentaucher:
Mit einem Frontispiz. Nicht Friedrich Schillers Werke sind der Gegenstand dieses Buches, sondern die

 Umstände und die Bedingungen ihrer Entstehung, der Alltag eines Schriftstellers, Gelehrten und Theatermannes. Sigrid Damm sucht bei ihrer Wanderung die Orte von Schillers viel zu kurzem Leben auf. Es ist ein überraschend kleiner Raum; Schiller hat nie die Schauplätze seiner Dramen - Frankreich, Schottland, die Schweiz - gesehen, nie Italien, hat niemals an einem Meer gestanden. Geldmangel hat sein Leben geprägt. Schiller war einer der ersten Autoren, der einen wesentlichen Teil seiner Einkünfte als freier Autor zu bestreiten versuchte und somit gezwungen war, sich im kommerziellen Literaturbetrieb zu behaupten. Bei aller äußeren Kargheit war dieses Leben dennoch kein "Leben im Kleinen". Der Mensch, dessen Lebensspuren Sigrid Damm folgt, spricht nicht nur von "Freiheit", er ist frei, innerlich unabhängig. Die Räume, die seine Gedanken durchschreiten, kennen keine Grenzen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.10.2004

Die Biografin Sigrid Damm ist eine Spezialistin für's "Menschlich- Allzumenschliche", für die atmosphärische Ausstattung eines Lebens. Friedrich Schiller war ein Mensch, der sein Leben ganz in der Kunst lebte und nicht einmal Tagebuch führte. Das absehbare Ergebnis der Zusammenkunft, nach Ansicht des Rezensenten Dieter Borchmeyer: eine "gescheiterte Biografie". Dabei schreibt die Autorin ja selber: "Es bleibt nichts als das Werk". Nur genau darüber wisse sie nichts zu sagen, und auch Schillers Zeit wird nicht dargestellt, und so bleiben ihr nur die Krankheiten und Schulden als Thema, ergänzt durch Werkparaphrasen ohne eigene Meinung, massenhaft Zitate plus "Interlinearversionen im Telegrammstil". Zur Ehrenrettung Damms ergänzt der Rezensent noch, dass ihre Flucht zu Nebenpersonen gelungen sei: "Über Schillers Mutter, über seinen Vater hat man selten so lebendige und bewegende Porträts gelesen", und die Beziehung von Goethe und Schiller werde als Ritual von "Annäherung und Distanz" wunderbar beschrieben. "Da ist", schreibt Borchmeyer, "die Autorin in ihrem Element, da schreibt sie plötzlich keine Telegrammsätze mehr, sondern lebendig atmende Prosa." Es bleibt aber die Ausnahme.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.10.2004

Rezensent Rolf-Bernhard Essig blickt schon ins Jahr 2005 - zum 200. Todestag von Friedrich Schiller - und berichtet in einer umfassenden Sammelrezension, was es Neues gibt am Horizont der Schiller-Literatur. Sigrid Damm, so der Rezensent, geht ihren gewohnten Weg, um sich und dem Leser ein Bild von dem Dichter zu machen, und nimmt - ohne die Werke aus den Augen zu verlieren - "den Alltag, die Arbeitsweise, die Menschen um Schiller und seine Person" ins Visier. Bemerkenswert findet der Rezensent nicht nur die Originalität, mit der Damm das Material zusammenstellt, sondern auch die Wirkung dieser Zusammenstellung. In der Tat verbinden sich Nähe und Fremde auf höchst einträgliche Weise, lobt er, wobei die Tatsache, dass sich Damm selbst ins Spiel bringe, den Leser auf ihre eigene "Wanderung" mitnehme, an dieser Wirkung beträchtlichen Anteil hat. Dass Damm "ich" sagt, möchte der Rezensent nicht als selbstgefällige Egozentrik verstanden wissen. Dies verhindere schon die "grundsätzliche Uneitelkeit" der Autorin, die sich ganz "in den Dienst Schillers" stelle und der es gelinge, den Respekt vor dem "Geistesheros und Menschen Schiller" mit jeder Seite wachsen zu lassen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.09.2004

Sigrid Damms Zugang zu Schiller ist Hanno Helbling zu betulich-selbstverliebt. Das moniert er, und er mokiert sich über das zwanghaft Literarische ihres Verfahrens - dessen Niederschlag der Rezensent noch im Auslassen der Anmerkungen aufspürt. Einen sehr persönlichen Zugang zu Schiller hat Damm gewählt - Helbling ist er anfangs viel zu persönlich, bis sich die symbiotische Lese-Schreib-Beziehung etwas lockert. Gleichwohl empfiehlt der Rezensent das Werk nicht, jedenfalls nicht als Studie über Schillers Leben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 22.09.2004

Rechtzeitig vor Schillers zweihundertstem Geburtstag [Todestag!] im Jahr 2005 erscheint ein ganzer Stapel neuer Biografien, die den Dichter würdigen, ohne in das nationale Pathos früherer Jahre zu verfallen. Eine davon - und eine sehr gelungene, wie die Rezensentin Ursula Homann findet - ist die von Sigrid Damm. Im Mittelpunkt steht der Mensch Schiller, mit seinen finanziellen Nöten, Krankheiten und seinen Beziehungen, wobei natürlich die Freundschaft zu Goethe viel Platz einnimmt. Grundlage für die Darstellung, so Homann, ist die ungewöhnlich fleißige Quellenarbeit der Autorin, die es ihr erlaubt, Schillers Existenz beinahe minutiös zu beschreiben. Das Schillersche Werk wird auf diese Weise vor allem aus der Perspektive seines Zustandekommens betrachtet. Eine gut informierte, zugänglich geschriebene Lebensbeschreibung, lobt die Rezensentin.

16 Oktober 2025

Goethe: Italienische Reise, Aufbruch - Was interessiert Goethe?

 3.9.1786

"In Bayern stößt einem sogleich das Stift Waldsassen entgegen – köstliche Besitztümer der geistlichen Herren, die früher als andere Menschen klug waren. Es liegt in einer Teller-, um nicht zu sagen Kesseltiefe, in einem schönen Wiesengrunde, rings von fruchtbaren sanften Anhöhen umgeben. Auch hat dieses Kloster im Lande weit umher Besitzungen. Der Boden ist aufgelöster Tonschiefer. Der Quarz, der sich in dieser Gebirgsart befindet und sich nicht auflöst, noch verwittert, macht das Feld locker und durchaus fruchtbar. Bis gegen Tirschenreuth steigt das Land noch. Die Wasser fließen einem entgegen, nach der Eger und Elbe zu. Von Tirschenreuth an fällt es nun südwärts ab, und die Wasser laufen nach der Donau. Mir gibt es sehr schnell einen Begriff von jeder Gegend, wenn ich bei dem kleinsten Wasser forsche, wohin es läuft, zu welcher Flußregion es gehört. Man findet alsdann selbst in Gegenden, die man nicht übersehen kann, einen Zusammenhang der Berge und Täler gedankenweise. Vor gedachtem Ort beginnt die treffliche Chaussee von Granitsand; es läßt sich keine vollkommenere denken; denn da der aufgelöste Granit aus Kiesel und Tonerde besteht, so gibt das zugleich einen festen Grund und ein schönes Bindungsmittel, die Straße glatt wie eine Tenne zu machen. Die Gegend, durch die sie geführt ist, sieht desto schlechter aus: gleichfalls Granitsand, flachliegend, moorig, und der schöne Weg desto erwünschter. [...] Es war nicht mehr Verwitterung des Gebirgs, sondern aufgeschwemmtes, gemischtes Erdreich. Den Regenfluß herauf hatte in uralten Zeiten Ebbe und Flut aus dem Donautal in alle die Täler gewirkt, die gegenwärtig ihre Wasser dorthin ergießen, und so sind diese natürlichen Polder entstanden, worauf der Ackerbau gegründet ist. Diese Bemerkung gilt in der Nachbarschaft aller größern und kleinern Flüsse, und mit diesem Leitfaden kann der Beobachter einen schnellen Aufschluß über jeden der Kultur geeigneten Boden erlangen.

Mittenwald 7.9.[1786]

An den Tiroler Bergen standen die Wolken in ungeheuern Massen fest. Die Streifen der untern Regionen bewegten sich auch nicht. Der Weg geht auf den Höhen, wo man unten die Isar fließen sieht, über zusammengeschwemmte Kieshügel hin. Hier wird uns die Arbeit der Strömungen des uralten Meeres faßlich. In manchem Granitgeschiebe fand ich Geschwister und Verwandte meiner Kabinettsstücke, die ich Knebeln verdanke.

Die Nebel des Flusses und der Wiesen wehrten sich eine Weile, endlich wurden auch diese aufgezehrt. Zwischen gedachten Kieshügeln, die man sich mehrere Stunden weit und breit denken muß, das schönste fruchtbarste Erdreich wie im Tale des Regenflusses. Nun muß man wieder an die Isar und sieht einen Durchschnitt und Abhang der Kieshügel, wohl hundertundfunfzig Fuß hoch. Ich gelangte nach Wolfrathshausen und erreichte den achtundvierzigsten Grad. Die Sonne brannte heftig, niemand traut dem schönen Wetter, man schreit über das böse des vergehenden Jahres, man jammert, daß der große Gott gar keine Anstalt machen will. [...] 

Etwa eine Stunde von dem Orte begegnete mir ein artiges Abenteuer: ein Harfner mit seiner Tochter, einem Mädchen von eilf Jahren, gingen vor mir her und baten mich, das Kind einzunehmen. Er trug das Instrument weiter, ich ließ sie zu mir sitzen, und sie stellte eine große neue Schachtel sorgfältig zu ihren Füßen. Ein artiges ausgebildetes Geschöpf, in der Welt schon ziemlich bewandert. Nach Maria-Einsiedel war sie mit ihrer Mutter zu Fuß gewallfahrtet, und beide wollten eben die größere Reise nach St. Jago von Compostell antreten, als die Mutter mit Tode abging und ihr Gelübde nicht erfüllen sollte. Man könne in der Verehrung der Mutter Gottes nie zuviel tun, meinte sie. Nach einem großen Brande habe sie selbst gesehen ein ganzes Haus niedergebrannt bis auf die untersten Mauern, und über der Türe hinter einem Glase das Muttergottesbild, Glas und Bild unversehrt, welches denn doch ein augenscheinliches Wunder sei. All ihre Reisen habe sie zu Fuße gemacht, zuletzt in München vor dem Kurfürsten gespielt und sich überhaupt vor einundzwanzig fürstlichen Personen hören lassen. Sie unterhielt mich recht gut. Hübsche große braune Augen, eine eigensinnige Stirn, die sich manchmal ein wenig hinaufwärts faltete. Wenn sie sprach, war sie angenehm und natürlich, besonders wenn sie kindischlaut lachte; hingegen wenn sie schwieg, schien sie etwas bedeuten zu wollen und machte mit der Oberlippe eine fatale Miene. Ich sprach sehr viel mit ihr durch, sie war überall zu Hause und merkte gut auf die Gegenstände. So fragte sie mich einmal, was das für ein Baum sei. Es war ein schöner großer Ahorn, der erste, der mir auf der ganzen Reise zu Gesichte kam. Den hatte sie doch gleich bemerkt und freute sich, da mehrere nach und nach erschienen, daß sie auch diesen Baum unterscheiden könne. Sie gehe, sagte sie, nach Bozen auf die Messe, wo ich doch wahrscheinlich auch hinzöge. Wenn sie mich dort anträfe, müsse ich ihr einen Jahrmarkt kaufen, welches ich ihr denn auch versprach. Dort wollte sie auch ihre neue Haube aufsetzen, die sie sich in München von ihrem Verdienst habe machen lassen. Sie wolle mir solche im voraus zeigen. Nun eröffnete sie die Schachtel, und ich mußte mich des reichgestickten und wohlbebänderten Kopfschmuckes mit ihr erfreuen.

Über eine andere frohe Aussicht vergnügten wir uns gleichfalls zusammen. Sie versicherte nämlich, daß es gut Wetter gäbe. Sie trügen ihren Barometer mit sich, und das sei die Harfe. Wenn sich der Diskant hinaufstimme, so gebe es gutes Wetter, und das habe er heute getan. Ich ergriff das Omen, und wir schieden im besten Humor, in der Hoffnung eines baldigen Wiedersehns."

Italienische Reise bei Gutenberg,de


Geologie und Wetter interessieren ihn mehr als seine Empfindungen während der Fahrt.

Dann allerdings treten der Harfner und Mignon aus Wilhelm Meister auf, die Goethe schon  in Meisters theatralischer Sendung (1777-85) in seinen Roman hat auftreten lassen. 

"Kennst du das Land ... Dahin, dahin möcht ich mit dir, o mein Geliebter ziehn"

Zufall - Erfindung?


Goethe: Dichtung und Wahrheit

 "Man liebt an dem Mädchen was es ist, und an dem Jüngling, was er ankündigt, und so war ich Klingers Freund, sobald ich ihn kennen lernte. Er empfahl sich durch eine reine Gemütlichkeit, und ein unverkennbar entschiedener Charakter erwarb ihm Zutrauen."

Gut könnte man Mädchen und Jüngling hier vertauschen, je nach Alter des Mädchens. Aber weil es von Goethe gesagt ist, stimmt man ihm zu, denn seine Aussage stimmt ja auch.


Über Lenz und Klinger.

"Beide waren gleichzeitig, bestrebten sich in ihrer Jugend mit und nebeneinander. Lenz jedoch, als ein vorübergehendes Meteor, zog nur augenblicklich über den Horizont der deutschen Literatur hin und verschwand plötzlich, ohne im Leben eine Spur zurückzulassen; Klinger hingegen, als einflussreicher Schriftsteller, als tätiger Geschäftsmann, erhält sich noch bis auf diese Zeit. Von ihm werde ich nun ohne weitere Vergleichung, die sich von selbst ergibt, sprechen, insofern es nötig ist, da er nicht im Verborgenen so manches geleistet und so vieles gewirkt, sondern beides, im weiteren und näheren Kreise, noch in gutem Andenken und Ansehen steht."

Beide,  Lenz und Klinger, sind heute - außer in der Literaturgeschichte - vergessen. Von Klinger erinnert man sich wohl nur noch an den Titel seines Dramas Sturm und Drang. Das liegt vor allem an Goethe und Schiller, die beide eine wesentliche Wende in ihrem Schaffen vollzogen haben, als sie sich zu Klassikern wandelten. 
"Sturm und Drang" wird, so lange deutsche Literaturgeschichte betrieben wird, unvergessen bleiben. 
Lenz hat sich als Person in diese Geschichte eingeschrieben durch Büchners Erzählung und wegen seines Verhältnisses zu Goethe. Der Begabte, der hinter seinem Vorbild zurückblieb und ein schweres Schicksal zu tragen hatte.
Aber wird deutsche Literatur des Sturm und Drang überhaupt noch irgendwann zum Kanon gehören?

Zu Klingers "Sturm und Drang" liest sich interessant auf der Diskussionsseite zum 2011 entstandenen Artikel der Beitrag eines namenlosen Autors von 2025:
Hallo herr Reich wer weis ob sie hier noch aktiv sind aber ich bedanke mich für ihre tolle Darbietung, große Hilfe im Deutsch Unterricht. Manche Fehler gefunden aber egal passiert manchmal. Lg --87.123.255.81 10:36, 23. Jan. 2025 (CET)
Deutschunterricht und Literaturgeschichte 2025



01 Juni 2025

Euphorion (Textbeispiel aus der Helenatragödie)

 Der Schauplatz verwandelt sich durchaus. An eine Reihe von Felsenhöhlen lehnen sich geschloßne Lauben. Schattiger Hain bis an die rings umgebende Felsensteile hinan. Faust und Helena werden nicht gesehen. Der Chor liegt schlafend verteilt umher.


PHORKYAS.

Wie lange Zeit die Mädchen schlafen, weiß ich nicht;

Ob sie sich träumen ließen, was ich hell und klar

Vor Augen sah, ist ebenfalls mir unbekannt.

Drum weck' ich sie. Erstaunen soll das junge Volk;

Ihr Bärtigen auch, die ihr da drunten sitzend harrt,

Glaubhafter Wunder Lösung endlich anzuschaun.

Hervor! hervor! Und schüttelt eure Locken rasch!

Schlaf aus den Augen! Blinzt nicht so und hört mich an!

CHOR.

Rede nur, erzähl', erzähle, was sich Wunderlichs begeben!

Hören möchten wir am liebsten, was wir gar nicht glauben können;

Denn wir haben Langeweile, diese Felsen anzusehn.

PHORKYAS.

Kaum die Augen ausgerieben, Kinder, langeweilt ihr schon?

So vernehmt: in diesen Höhlen, diesen Grotten, diesen Lauben 

Schutz und Schirmung war verliehen, wie idyllischem Liebespaare,

Unserm Herrn und unsrer Frauen.

CHOR.

Wie, da drinnen?

PHORKYAS.

Abgesondert

Von der Welt, nur mich, die eine, riefen sie zu stillem Dienste.

Hochgeehrt stand ich zur Seite, doch, wie es Vertrauten ziemet,

Schaut' ich um nach etwas andrem. Wendete mich hier und dorthin,

Suchte Wurzeln, Moos und Rinden, kundig aller Wirksamkeiten,

Und so blieben sie allein.

CHOR.

Tust du doch, als ob da drinnen ganze Weltenräume wären,

Wald und Wiese, Bäche, Seen; welche Märchen spinnst du ab![289]

PHORKYAS.

Allerdings, ihr Unerfahrnen! das sind unerforschte Tiefen:

Saal an Sälen, Hof an Höfen, diese spürt' ich sinnend aus.

Doch auf einmal ein Gelächter echot in den Höhlenräumen;

Schau' ich hin, da springt ein Knabe von der Frauen Schoß zum Manne

Von dem Vater zu der Mutter; das Gekose, das Getändel

Töriger Liebe Neckereien, Scherzgeschrei und Lustgejauchze

Wechselnd übertäuben mich.

Nackt, ein Genius ohne Flügel, faunenartig ohne Tierheit,

Springt er auf den festen Boden; doch der Boden gegenwirkend

Schnellt ihn zu der luft'gen Höhe, und im zweiten, dritten Sprunge

Rührt er an das Hochgewölb

Ängstlich ruft die Mutter: Springe wiederholt und nach Belieben,

Aber hüte dich, zu fliegen, freier Flug ist dir versagt.

Und so mahnt der treue Vater: In der Erde liegt die Schnellkraft,

Die dich aufwärts treibt; berühre mit der Zehe nur den Boden,

Wie der Erdensohn Antäus bist du alsobald gestärkt.

Und so hüpft er auf die Masse dieses Felsens, von der Kante

Zu dem andern und umher, so wie ein Ball geschlagen springt.

Doch auf einmal in der Spalte rauher Schlucht ist er verschwunden,

Und nun scheint er uns verloren. Mutter jammert, Vater tröstet

Achselzuckend steh' ich ängstlich. Doch nun wieder welch Erscheinen!

Liegen Schätze dort verborgen? Blumenstreifige Gewande

Hat er würdig angetan.

Quasten schwanken von den Armen, Binden flattern um den Busen,

In der Hand die goldne Leier, völlig wie ein kleiner Phöbus,

Tritt er wohlgemut zur Kante, zu dem Überhang; wir staunen.

Und die Eltern vor Entzücken werfen wechselnd sich ans Herz.[290]

Denn wie leuchtet's ihm zu Haupten? Was erglänzt, ist schwer zu sagen,

Ist es Goldschmuck, ist es Flamme übermächtiger Geisteskraft?

Und so regt er sich gebärdend, sich als Knabe schon verkündend

Künftigen Meister alles Schönen, dem die ewigen Melodien

Durch die Glieder sich bewegen; und so werdet ihr ihn hören,

Und so werdet ihr ihn sehn zu einzigster Bewunderung.

CHOR.

Nennst du ein Wunder dies,

Kretas Erzeugte?

Dichtend belehrendem Wort

Hast du gelauscht wohl nimmer?

Niemals noch gehört Ioniens,

Nie vernommen auch Hellas'

Urväterlicher Sagen

Göttlich-heldenhaften Reichtum?


Alles, was je geschieht

Heutigen Tages,

Trauriger Nachklang ist's

Herrlicher Ahnherrntage;

Nicht vergleicht sich dein Erzählen

Dem, was liebliche Lüge,

Glaubhaftiger als Wahrheit,

Von dem Sohne sang der Maja.


Diesen zierlich und kräftig doch

Kaum geborenen Säugling

Faltet in reinster Windeln Flaum,

Strenget in köstlicher Wickeln Schmuck

Klatschender Wärterinnen Schar

Unvernünftigen Wähnens.

Kräftig und zierlich aber zieht

Schon der Schalk die geschmeidigen

Doch elastischen Glieder

Listig heraus, die purpurne,

Ängstlich drückende Schale

Lassend ruhig an seiner Statt;

Gleich dem fertigen Schmetterling,[291]

Der aus starrem Puppenzwang

Flügel entfaltend behendig schlüpft,

Sonnedurchstrahlten Äther kühn

Und mutwillig durchflatternd.


So auch er, der Behendeste,

Daß er Dieben und Schälken,

Vorteilsuchenden allen auch

Ewig günstiger Dämon sei,

Dies betätigt er alsobald

Durch gewandteste Künste.

Schnell des Meeres Beherrscher stiehlt

Er den Trident, ja dem Ares selbst

Schlau das Schwert aus der Scheide;

Bogen und Pfeil dem Phöbus auch,

Wie dem Hephästos die Zange;

Selber Zeus', des Vaters, Blitz

Nähm' er, schreckt' ihn das Feuer nicht;

Doch dem Eros siegt er ob

In beinstellendem Ringerspiel;

Raubt auch Cyprien, wie sie ihm kost,

Noch vom Busen den Gürtel.


Ein reizendes, reinmelodisches Saitenspiel erklingt aus der Höhle. Alle merken auf und scheinen bald innig gerührt. Von hier an bis zur bemerkten Pause durchaus mit vollstimmiger Musik.


PHORKYAS.

Höret allerliebste Klänge,

Macht euch schnell von Fabeln frei!

Eurer Götter alt Gemenge,

Laßt es hin, es ist vorbei.


Niemand will euch mehr verstehen,

Fordern wir doch höhern Zoll:

Denn es muß von Herzen gehen,

Was auf Herzen wirken soll.


Sie zieht sich nach den Felsen zurück.


CHOR.

Bist du, fürchterliches Wesen,

Diesem Schmeichelton geneigt,

Fühlen wir, als frisch genesen,

Uns zur Tränenlust erweicht.
[292]

Laß der Sonne Glanz verschwinden,

Wenn es in der Seele tagt,

Wir im eignen Herzen finden,

Was die ganze Welt versagt.


Helena, Faust, Euphorion in dem oben beschriebenen Kostüm.


EUPHORION.

Hört ihr Kindeslieder singen,

Gleich ist's euer eigner Scherz;

Seht ihr mich im Takte springen,

Hüpft euch elterlich das Herz.

HELENA.

Liebe, menschlich zu beglücken,

Nähert sie ein edles Zwei,

Doch zu göttlichem Entzücken

Bildet sie ein köstlich Drei.

FAUST.

Alles ist sodann gefunden:

Ich bin dein, und du bist mein;

Und so stehen wir verbunden,

Dürft' es doch nicht anders sein!

CHOR.

Wohlgefallen vieler Jahre

In des Knaben mildem Schein

Sammelt sich auf diesem Paare.

O, wie rührt mich der Verein!

EUPHORION.

Nun laßt mich hüpfen,

Nun laßt mich springen!

Zu allen Lüften

Hinaufzudringen,

Ist mir Begierde,

Sie faßt mich schon.

FAUST.

Nur mäßig! mäßig!

Nicht ins Verwegne,

Daß Sturz und Unfall

Dir nicht begegne,

Zugrund uns richte

Der teure Sohn!

EUPHORION.

Ich will nicht länger

Am Boden stocken;

Laßt meine Hände,

Laßt meine Locken,

Laßt meine Kleider!

Sie sind ja mein.[293]

HELENA.

O denk! o denke,

Wem du gehörest!

Wie es uns kränke,

Wie du zerstörest

Das schön errungene

Mein, Dein und Sein.

CHOR.

Bald löst, ich fürchte,

Sich der Verein!

HELENA UND FAUST.

Bändige! bändige

Eltern zuliebe

Überlebendige,

Heftige Triebe!

Ländlich im stillen

Ziere den Plan.

EUPHORION.

Nur euch zu Willen

Halt' ich mich an.


Durch den Chor sich schlingend und ihn zum Tanze fortziehend.


Leichter umschweb' ich hie

Muntres Geschlecht.

Ist nun die Melodie,

Ist die Bewegung recht?

HELENA.

Ja, das ist wohlgetan;

Führe die Schönen an

Künstlichem Reihn.

FAUST.

Wäre das doch vorbei!

Mich kann die Gaukelei

Gar nicht erfreun.


Euphorion und Chor tanzend und singend bewegen sich in verschlungenem Reihen.


CHOR.

Wenn du der Arme Paar

Lieblich bewegest,

Im Glanz dein lockig Haar

Schüttelnd erregest,

Wenn dir der Fuß so leicht

Über die Erde schleicht,

Dort und da wieder hin

Glieder um Glied sich ziehn,

Hast du dein Ziel erreicht,[294]

Liebliches Kind;

All' unsre Herzen sind

All' dir geneigt.


Pause.


EUPHORION.

Ihr seid so viele

Leichtfüßige Rehe;

Zu neuem Spiele

Frisch aus der Nähe!

Ich bin der Jäger,

Ihr seid das Wild.

CHOR.

Willst du uns fangen,

Sei nicht behende,

Denn wir verlangen

Doch nur am Ende,

Dich zu umarmen,

Du schönes Bild!

EUPHORION.

Nur durch die Haine!

Zu Stock und Steine!

Das leicht Errungene,

Das widert mir,

Nur das Erzwungene

Ergetzt mich schier.

HELENA UND FAUST.

Welch ein Mutwill'! welch ein Rasen!

Keine Mäßigung ist zu hoffen.

Klingt es doch wie Hörnerblasen

Über Tal und Wälder dröhnend;

Welch ein Unfug! welch Geschrei!

CHOR einzeln schnell eintretend.

Uns ist er vorbeigelaufen;

Mit Verachtung uns verhöhnend,

Schleppt er von dem ganzen Haufen

Nun die Wildeste herbei.

EUPHORION ein junges Mädchen hereintragend.

Schlepp' ich her die derbe Kleine

Zu erzwungenem Genusse;

Mir zur Wonne, mir zur Lust

Drück' ich widerspenstige Brust,[295]

Küss' ich widerwärtigen Mund,

Tue Kraft und Willen kund.

MÄDCHEN.

Laß mich los! In dieser Hülle

Ist auch Geistes Mut und Kraft;

Deinem gleich ist unser Wille

Nicht so leicht hinweggerafft.

Glaubst du wohl mich im Gedränge?

Deinem Arm vertraust du viel!

Halte fest, und ich versenge

Dich, den Toren, mir zum Spiel.


Sie flammt auf und lodert in die Höhe.


Folge mir in leichte Lüfte,

Folge mir in starre Grüfte,

Hasche das verschwundne Ziel!

EUPHORION die letzten Flammen abschüttelnd.

Felsengedränge hier

Zwischen dem Waldgebüsch,

Was soll die Enge mir,

Bin ich doch jung und frisch.

Winde, sie sausen ja,

Wellen, sie brausen da;

Hör' ich doch beides fern,

Nah wär' ich gern.


Er springt immer höher felsauf.


HELENA, FAUST UND CHOR.

Wolltest du den Gemsen gleichen?

Vor dem Falle muß uns graun.

EUPHORION.

Immer höher muß ich steigen,

Immer weiter muß ich schaun.

Weiß ich nun, wo ich bin!

Mitten der Insel drin,

Mitten in Pelops' Land,

Erde- wie seeverwandt.

CHOR.

Magst nicht in Berg und Wald

Friedlich verweilen?

Suchen wir alsobald

Reben in Zeilen,

Reben am Hügelrand,[296]

Feigen und Apfelgold.

Ach in dem holden Land

Bleibe du hold!

EUPHORION.

Träumt ihr den Friedenstag?

Träume, wer träumen mag.

Krieg! ist das Losungswort.

Sieg! und so klingt es fort.

CHOR.

Wer im Frieden

Wünschet sich Krieg zurück,

Der ist geschieden

Vom Hoffnungsglück.

EUPHORION.

Welche dies Land gebar

Aus Gefahr in Gefahr,

Frei, unbegrenzten Muts,

Verschwendrisch eignen Bluts,

Den nicht zu dämpfenden

Heiligen Sinn,

Alle den Kämpfenden

Bring' es Gewinn!

CHOR.

Seht hinauf, wie hoch gestiegen!

Und er scheint uns doch nicht klein:

Wie im Harnisch, wie zum Siegen,

Wie von Erz und Stahl der Schein.

EUPHORION.

Keine Wälle, keine Mauern,

Jeder nur sich selbst bewußt;

Feste Burg, um auszudauern,

Ist des Mannes ehrne Brust.

Wollt ihr unerobert wohnen,

Leicht bewaffnet rasch ins Feld;

Frauen werden Amazonen

Und ein jedes Kind ein Held.

CHOR.

Heilige Poesie,

Himmelan steige sie!

Glänze, der schönste Stern,

Fern und so weiter fern!

Und sie erreicht uns doch

Immer, man hört sie noch,

Vernimmt sie gern.[297]

EUPHORION.

Nein, nicht ein Kind bin ich erschienen,

In Waffen kommt der Jüngling an;

Gesellt zu Starken, Freien, Kühnen,

Hat er im Geiste schon getan.

Nun fort!

Nun dort

Eröffnet sich zum Ruhm die Bahn.

HELENA UND FAUST.

Kaum ins Leben eingerufen,

Heitrem Tag gegeben kaum,

Sehnest du von Schwindelstufen

Dich zu schmerzenvollem Raum.

Sind denn wir

Gar nichts dir?

Ist der holde Bund ein Traum?

EUPHORION.

Und hört ihr donnern auf dem Meere?

Dort widerdonnern Tal um Tal,

In Staub und Wellen, Heer dem Heere,

In Drang um Drang, zu Schmerz und Qual.

Und der Tod

Ist Gebot,

Das versteht sich nun einmal.

HELENA, FAUST UND CHOR.

Welch Entsetzen! welches Grauen!

Ist der Tod denn dir Gebot?

EUPHORION.

Sollt' ich aus der Ferne schauen?

Nein! ich teile Sorg' und Not.

DIE VORIGEN.

Übermut und Gefahr,

Tödliches Los!

EUPHORION.

Doch! – und ein Flügelpaar

Faltet sich los!

Dorthin! Ich muß! ich muß!

Gönnt mir den Flug!


Er wirft sich in die Lüfte, die Gewande tragen ihn einen Augenblick, sein Haupt strahlt, ein Lichtschweif zieht nach.


CHOR.

Ikarus! Ikarus!

Jammer genug.


[298] Ein schöner Jüngling stürzt zu der Eltern Füßen, man glaubt in dem Toten eine bekannte Gestalt zu erblicken; doch das Körperliche verschwindet sogleich, die Aureole steigt wie ein Komet zum Himmel auf, Kleid, Mantel und Lyra bleiben liegen.


HELENA UND FAUST.

Der Freude folgt sogleich

Grimmige Pein.

EUPHORIONS STIMME aus der Tiefe.

Laß mich im düstern Reich,

Mutter, mich nicht allein!


Pause.


CHOR Trauergesang.

Nicht allein! – wo du auch weilest,

Denn wir glauben dich zu kennen;

Ach! wenn du dem Tag enteilest,

Wird kein Herz von dir sich trennen.

Wüßten wir doch kaum zu klagen,

Neidend singen wir dein Los:

Dir in klar- und trüben Tagen

Lied und Mut war schön und groß.


Ach! zum Erdenglück geboren,

Hoher Ahnen, großer Kraft,

Leider früh dir selbst verloren,

Jugendblüte weggerafft!

Scharfer Blick, die Welt zu schauen,

Mitsinn jedem Herzensdrang,

Liebesglut der besten Frauen

Und ein eigenster Gesang.


Doch du ranntest unaufhaltsam

Frei ins willenlose Netz,

So entzweitest du gewaltsam

Dich mit Sitte, mit Gesetz;

Doch zuletzt das höchste Sinnen

Gab dem reinen Mut Gewicht,

Wolltest Herrliches gewinnen,

Aber es gelang dir nicht.


Wem gelingt es? – Trübe Frage,

Der das Schicksal sich vermummt,[299]

Wenn am unglückseligsten Tage

Blutend alles Volk verstummt.

Doch erfrischet neue Lieder,

Steht nicht länger tief gebeugt:

Denn der Boden zeugt sie wieder,

Wie von je er sie gezeugt.


Völlige Pause. Die Musik hört auf.


HELENA zu Faust.

Ein altes Wort bewährt sich leider auch an mir:

Daß Glück und Schönheit dauerhaft sich nicht vereint.

Zerrissen ist des Lebens wie der Liebe Band;

Bejammernd beide, sag' ich schmerzlich Lebewohl

Und werfe mich noch einmal in die Arme dir.

Persephoneia, nimm den Knaben auf und mich!


Sie umarmt Faust, das Körperliche verschwindet, Kleid und Schleier bleiben ihm in den Armen.


PHORKYAS zu Faust.

Halte fest, was dir von allem übrigblieb.

Das Kleid, laß es nicht los. Da zupfen schon

Dämonen an den Zipfeln, möchten gern

Zur Unterwelt es reißen. Halte fest!

Die Göttin ist's nicht mehr, die du verlorst,

Doch göttlich ist's. Bediene dich der hohen,

Unschätzbaren Gunst und hebe dich empor:

Es trägt dich über alles Gemeine rasch

Am Äther hin, so lange du dauern kannst.

Wir sehn uns wieder, weit, gar weit von hier.


Helenens Gewande lösen sich in Wolken auf, umgeben Faust, heben ihn in die Höhe und ziehen mit ihm vorüber.


PHORKYAS nimmt Euphorions Kleid, Mantel und Lyra von der Erde, tritt ins Proszenium, hebt die Exuvien in die Höhe und spricht.

Noch immer glücklich aufgefunden!

Die Flamme freilich ist verschwunden,

Doch ist mir um die Welt nicht leid.

Hier bleibt genug, Poeten einzuweihen,

Zu stiften Gild- und Handwerksneid;[300]

Und kann ich die Talente nicht verleihen,

Verborg' ich wenigstens das Kleid.


Sie setzt sich im Proszenium an eine Säule nieder.


PANTHALIS.

Nun eilig, Mädchen! Sind wir doch den Zauber los,

Der alt-thessalischen Vettel wüsten Geisteszwang,

So des Geklimpers vielverworrner Töne Rausch,

Das Ohr verwirrend, schlimmer noch den innern Sinn.

Hinab zum Hades! Eilte doch die Königin

Mit ernstem Gang hinunter. Ihrer Sohle sei

Unmittelbar getreuer Mägde Schritt gefügt.

Wir finden sie am Throne der Unerforschlichen.

CHOR.

Königinnen freilich, überall sind sie gern;

Auch im Hades stehen sie obenan,

Stolz zu ihresgleichen gesellt,

Mit Persephonen innigst vertraut;

Aber wir im Hintergrunde

Tiefer Asphodelos-Wiesen,

Langgestreckten Pappeln,

Unfruchtbaren Weiden zugesellt,

Welchen Zeitvertreib haben wir?

Fledermausgleich zu piepsen,

Geflüster, unerfreulich, gespenstig.

PANTHALIS.

Wer keinen Namen sich erwarb noch Edles will,

Gehört den Elementen an; so fahret hin!

Mit meiner Königin zu sein, verlangt mich heiß;

Nicht nur Verdienst, auch Treue wahrt uns die Person.


Ab.


ALLE.

Zurückgegeben sind wir dem Tageslicht,

Zwar Personen nicht mehr,

Das fühlen, das wissen wir,

Aber zum Hades kehren wir nimmer.

Ewig lebendige Natur

Macht auf uns Geister,

Wir auf sie vollgültigen Anspruch.

EIN TEIL DES CHORS.

Wir in dieser tausend Äste Flüsterzittern, Säuselschweben

Reizen tändlend, locken leise wurzelauf des Lebens Quellen

Nach den Zweigen; bald mit Blättern, bald mit Blüten überschwenglich[301]

Zieren wir die Flatterhaare frei zu luftigem Gedeihn.

Fällt die Frucht, sogleich versammeln lebenslustig Volk und Herden

Sich zum Greifen, sich zum Naschen, eilig kommend, emsig drängend;

Und wie vor den ersten Göttern bückt sich alles um uns her.

EIN ANDRER TEIL.

Wir, an dieser Felsenwände weithinleuchtend glattem Spiegel

Schmiegen wir, in sanften Wellen uns bewegend, schmeichelnd an;

Horchen, lauschen jedem Laute, Vogelsängen, Röhrigflöten,

Sei es Pans furchtbarer Stimme, Antwort ist sogleich bereit;

Säuselt's, säuseln wir erwidernd, donnert's, rollen unsre Donner

In erschütterndem Verdoppeln, dreifach, zehnfach hintennach.

EIN DRITTER TEIL.

Schwestern! Wir, bewegtern Sinnes, eilen mit den Bächen weiter;

Denn es reizen jener Ferne reichgeschmückte Hügelzüge.

Immer abwärts, immer tiefer wässern wir, mäandrisch wallend,

Jetzt die Wiese, dann die Matten, gleich den Garten um das Haus.

Dort bezeichnen's der Zypressen schlanke Wipfel, über Landschaft,

Uferzug und Wellenspiegel nach dem Äther steigende.

EIN VIERTER TEIL.

Wallt ihr andern, wo's beliebet; wir umzingeln, wir umrauschen

Den durchaus bepflanzten Hügel, wo am Stab die Rebe grünt;

Dort zu aller Tage Stunden läßt die Leidenschaft des Winzers

Uns des liebevollsten Fleißes zweifelhaft Gelingen sehn.

Bald mit Hacke, bald mit Spaten, bald mit Häufeln, Schneiden, Binden

Betet er zu allen Göttern, fördersamst zum Sonnengott.[302]

Bacchus kümmert sich, der Weichling, wenig um den treuen Diener,

Ruht in Lauben, lehnt in Höhlen, faselnd mit dem jüngsten Faun.

Was zu seiner Träumereien halbem Rausch er je bedurfte,

Immer bleibt es ihm in Schläuchen, ihm in Krügen und Gefäßen,

Rechts und links der kühlen Grüfte, ewige Zeiten aufbewahrt.

Haben aber alle Götter, hat nun Helios vor allen,

Lüftend, feuchtend, wärmend, glutend, Beeren- Füllhorn aufgehäuft,

Wo der stille Winzer wirkte, dort auf einmal wird's lebendig,

Und es rauscht in jedem Laube, raschelt um von Stock zu Stock.

Körbe knarren, Eimer klappern, Tragebutten ächzen hin,

Alles nach der großen Kufe zu der Keltrer kräft'gem Tanz;

Und so wird die heilige Fülle reingeborner saftiger Beeren

Frech zertreten, schäumend, sprühend mischt sich's, widerlich zerquetscht.

Und nun gellt ins Ohr der Zimbeln mit der Becken Erzgetöne,

Denn es hat sich Dionysos aus Mysterien enthüllt;

Kommt hervor mit Ziegenfüßlern, schwenkend Ziegenfüßlerinnen,

Und dazwischen schreit unbändig grell Silenus' öhrig Tier.

Nichts geschont! Gespaltne Klauen treten alle Sitte nieder,

Alle Sinne wirbeln taumlich, gräßlich übertäubt das Ohr.

Nach der Schale tappen Trunkne, überfüllt sind Kopf und Wänste,

Sorglich ist noch ein und andrer, doch vermehrt er die Tumulte,

Denn um neuen Most zu bergen, leert man rasch den alten Schlauch!


Der Vorhang fällt. Phorkyas im Proszenium richtet sich riesenhaft auf, tritt aber von den Kothurnen herunter, lehnt Maske und Schleier zurück und zeigt sich als Mephistopheles, um, insofern es nötig wäre, im Epilog das Stück zu kommentieren.

        [...]


(Goethe Faust II, Vers 9573 - 9991 zeno.org)

Helenatragödie

Wikipedia: Euphorion


Für Goethe stellte Lord Byron eine Art Verkörperung der Verbindung von Shakespeare'schem Erbe und antiker Tradition dar, den er deshalb (versteckt) als Euphorion in die Helenatragödie einfügte.