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24 Oktober 2023

Marie Hesse in Selbstzeugnissen

 Jetzt habe ich das Buch in der Hand, von dem ich vor gut drei Jahren schrieb, dass die Verfasserin und Hauptperson im Titel ganz merkwürdig versteckt wird:

"Marie Hesse. Die Mutter von Hermann Hesse. Ein Lebensbild in Briefen und Tagebüchern von Adele Gundert"

Ein Buch voll des Überschwangs. Ständig verliebt sie sich: in eine 16-Jährige, in einen Mann. Mit beiden darf sie nicht verkehren.* Sie wird hierhin und dorthin geschickt, lebt sieben Jahre von ihren Eltern und Brüdern getrennt, dann von ihren Pflegeeltern. Immer wieder ist sie bereit, dennoch die liebevolle Behandlung durch die neuen Pflegepersonen zu würdigen. Schließlich wird ihr mitgeteilt, sie werde als Braut von einem zukünftigen Missionar gewünscht, doch es werde noch vier Jahre dauern, bis sie heiraten könnten. Als ihre Mutter meint, sie würde niemals einen Mann nehmen, der sie vier Jahre warten lasse, notiert sie in ihr Tagebuch:

"O Mama!! Mein Wunsch ist's freilich nicht, aber wenn es sein / muss, werde ich mich drein finden, so sehr es gegen meine Natur geht. Aber vier Jahre Braut sein ist Seligkeit gegen den Gedanken, nicht Braut zu sein. Nein, ich will alles tun und dulden, wenn's sein soll, nur um seinetwillen, aber es wird kein Dulden sein, wenn ich's für ihn tue und er mich liebt. Ich, kann Mama nicht verstehen, die spricht vom Heiraten, als sei das das Große. Lieben will ich, lieben, das ist mir wichtiger als heiraten. Freilich wäre mir's lieb wenn wir bald zusammenkämen. Aber das scheint mir von Mama ein herzloser Gedanke: Nein sagen wegen vier Jährlein Brautzeit. O nein, Mama, du kennst dein Kind noch nicht." (S.70/71)

*In diesem 'Tagebuch des Backfischleins' steht auch jene bittersüße Liebesgeschichte, die wie in billigen Romanen mit einer Liebe auf den ersten Blick einsetzt. Nur ein paar Tage lang konnten sich Marie Gundert und John Barns aneinander erfreuen, zumeist nur durch Briefe und Gedichte, die sie sich heimlich zusteckten, dann legte das Schiff in Bombay an – und die beiden wurden getrennt. Das Mädchen wartete vergebens auf einen Brief des Geliebten und die Wiedersehensfreude mit den Eltern wurde durch das unerklärliche Schweigen getrübt. Erst Wochen später erfuhr Marie, wer ihren Freund mit harten Worten von ihr getrennt und versucht hatte, die eben aufgeflammte Liebe zu ersticken: ihr eigener Vater. Barns hatte / ihm geschrieben, um Maries Hand angehalten und einen Brief an sie beigelegt. Doch der Vater hatte ihm 'als einem impulsiven Mann, einem Weltmann' jegliche Verbindung mit seiner Tochter verboten und den Brief an sie zurückbehalten. 

'Ich hörte es', heißt es in der Selbstbiografie, 'und das Herz wollte mir stille stehen, ja ich wünschte mir, es möchte in diesem Nu plötzlich erkalten und sterben, wie meine Hoffnungen und Träume'. Das Mädchen haderte mit Gott und den Menschen, und dass es gerade der sonst so verständnisvolle, der überaus verehrte und geliebte Vater war, trieb Marie in eine schreckliche Einsamkeit. Gedicht um Gedicht entstand, in denen sie ihre Enttäuschung im Gedenken an den Geliebten zu bewältigen versuchte. Einige Monate später, es war der 24. Februar 1858, besuchte Marie den Missionar Samuel Hebich, einen Mitarbeiter des Vaters. [...] Dass er jedoch in der liebeskranken Marie Gundert eine andere Einstellung zu ihren Mitmenschen wecken könnte, das hätte diesem schrulligen Hagestolz niemand zugetraut. Der Besuchstag bei Hebich war für Marie der Tag ihrer 'Bekehrung', sie 'opferte ihre Liebe und versöhnte sich mit den Eltern in der gemeinsamen Hingabe an den Missionsgedanken'.

Marie wurde Schülerin, Reisebegleiterin und Sekretärin ihres Vaters. Einen besseren Lehrer hätte sie in keiner Schule finden können. [...] In kleineren und größeren Reisen fuhren und ritten Vater und Tochter kreuz und quer durch das Land, um Schulen zu besuchen. Außerdem trat Marie als Gehilfin neben die Mutter, die schon zwei Mädchenmissionsschulen eingerichtet und mit gutem Erfolg geleitet hatte und nun im Begriff war, die dritte Mädchenschule in Kalikut aufzubauen. Hier konnte die fünzehneinhalbjährige Tochter ihre ersten Unterrichtserfahrungen machen, sie lehrte Englisch und Handarbeit, bald auch Geographie, und vertrat die Mutter als Schulleiterin, wenn diese einmal verreist war. Voraussetzung für diese Lehrtätigkeit war natürlich, dass sie die Landessprache, dass Malayalam, einigermaßen beherrschte." (Siegfried Greiner: Nachwort, S.239/241)

Aus der Zeit der Krankheit ihres Mannes Charles Isenberg, der mit 30J. starb:

"Ja, mitten im Leiden, an des Todes Tür, waren wir reich und selig in unserer Liebe." (S.123)

1883 an Karl (ohne Datum)

"Erst wenn das Herz in Gott Ruhe und volle Genüge gefunden, kann es ohne jeden Schaden mit kindlicher Freude und reinem Genuss auch in Natur, Kunst, Wissenschaft und Erdenliebe entgegennehmen, was Gottes Güte beut, mit dankbar frohem Herzen. Solange diese Güter aber dem armen Menschen Herzen als Brunnen zum Durstlöschen dienen mit Umgehung der einzigen wahren Lebensquelle, solange mischt sich Überdruss, Verschmachten, Unbefriedigtsein und Sünde auch in den besten Genuss. Doch ich muss schließen. Gott behüte und segne dich, mein liebes Kind, und lasse dich trinken von dem Lebenswasser, das auf ewig das Dürsten der Seele stillt. Mit Kuss deine dich innig liebende Mama"

Angesichts des schweren Lebens, das Marie führt, ist solche Ergebung in Gott wohl eine notwendige Bedingung für ein glückliches Leben:

Die Menschen, die sie liebt, werden von ihr getrennt. Als sie sich entschieden hat, einen künftigen Missionar, für den die Missionsgesellschaft sie als Frau ausgesucht hat, auf den ersten Blick zu lieben und dann geduldig vier Jahre zu warten, bis sie heiraten kann, sie bekommt neun Kinder, von denen mehrere im ersten Lebensjahr sterben. Als sie sich in Basel eingelebt haben, ruft ihr Vater ihren Mann - und damit die Familie - zur Unterstützung seiner Arbeit zurück nach Calw, wo sie dann in ungesunden Wohnverhältnissen wohnen müssen.

Angenommen, diese Ergebung in Gottes Willen wäre bei Frauen allgemein zutiefst erlebt worden, wäre Emanzipation der Frau fragwürdig. Aber es ist schwer vorstellbar, dass sie allgemein vorhanden war. Die heilige Elisabeth hat sich vielleicht trotz der unwürdigen Behandlung, die sie durch Konrad erfuhr*, als auf dem einzig richtigen Weg empfunden. 

Die Mehrzahl der Frauen wird sehr gelitten haben,  freilich vor Augen gehabt haben, dass es anderen noch schlechter ging.

*"Konrad von Marburg zwang Elisabeth zur Lossagung von ihren Kindern, zur Trennung von ihren Vertrauten Guda und Isentrud von Hörselgau und strafte sie mehrfach hart, um ihren Willen zu brechen. Die Quellen berichten unter anderem davon, dass er sie einmal so sehr von seinen Dienern schlagen ließ, dass sie die Spuren der Bestrafung über Wochen trug.[57] Im Urteil des zeitgenössischen Cäsarius von Heisterbach trug Konrad mit seiner Strenge und Härte gegenüber Elisabeth erheblich zu ihren Verdiensten und damit auch zu ihrer Heiligsprechung bei. Nach der Überlieferung des Libellus reagierte sie auf die Bestrafung mit den häufig zitierten Worten:

„Es steht uns wohl an, dass wir dergleichen gern aushalten, weil wir wie das Schilfrohr im Fluss sind. Steigt der Fluss an, dann wird das Rohr gebeugt und zusammengedrückt und das überflutende Wasser durchdringt es, ohne es zu verletzen. Wenn dann die Überschwemmung nachlässt, richtet sich das Rohr wieder auf und wächst mit voller Kraft heiter und vergnügt. So ziemt es uns auch immer, dass wir gebeugt und gedemütigt werden und nachher wieder heiter und vergnügt dastehen.“[58]


Weiter zu Marie Hesse (Ich hätte es mir denken sollen, aber ich hatte nicht damit gerechnet):
"Das Tagebuch vermerkt: "Denke ich an Basler Wohnung, Freiheit und Umgang, an unser ungeniertes Familienleben zurück, so will mich's hier beengen. Aber für das innere Wachstum ist's besser so, das glaube ich." Das Letztere sollte sich als Irrtum erweisen. Das Haus, dessen vordere schöne Zimmer natürlich Großvaters Wohnung waren, war nach hinten gegen den Berg feucht und ungesund und erschien Johannes oft wie ein Gefängnis, wo er nie mehr gesund werden könne."

Tagebuch 1887:
"Was die inneren Erfahrungen dieses Jahres betrifft, so kann ich nur mit tiefster Beschämung zurückblicken auf Niederlage um Niederlage, und auf Zeiten der tiefsten Verzagtheit und Entmutigung. Oft fürchtete ich, gemütsleidend zu werden, so schwer ging’s durch. Die Verhältnisse sind schwierig und beengt, aber wenn das Gottes Weg ist, so müssen wir ihn gehen und stille und dankbar sein. In großer Seelennot ward mir Trost und viel Ermunterung zuteil durch eine Rede von Schrenk über "die Verherrlichung Gottes unser einziger Lebenszweck. Ach ja, das muss ich im Auge behalten. Wir vergessen oft in der täglichen Misere des Erdenlebens, was doch klar und deutlich Jesus uns vorausgesagt hat Matth.. 16. Ihm nachfolgen, heißt Kreuz auf sich nehmen, sich verleugnen, sein Leben verlieren – nicht gute Tage und Ruhe auf Erden. Ach, noch merke ich nichts von Seinem Gepräge an mir. So viel Hass und Zorn und Ärger und Eigenliebe kommt tagtäglich zum Vorschein, dass ich erschrecke." (S.198)

Tagebuch 1888
"Wir blicken zurück auf 1888 als auf ein Jahr, dass mehr Kampf als Sieg, mehr Last als Lust, mehr Kümmernisse als Freuden brachte… Immer wieder sträubt sich der eigene Sinn gegen alle die Verhältnisse, in die wir hier eingeengt sind, und die Frage: "Dürfte und könnte und sollte nicht doch allerlei geändert und gebessert werden?" steigt oft auf. Im Geschäft ist mein lieber Mann unbefriedigt, ihm und mir fehlt überall die Freiheit. Um der Liebe willen sie dran geben, ist recht und schön, ob aber Papa und uns damit wirklich gedient, irgendjemand genutzt wird? Auf mir liegt es wie ein Alp, ich hatte in diesem Jahre gegen Schwermut anzukämpfen wie noch nie. Auch Johannes geht gedrückt einher, es kommt zu keinem freien fröhlichen Aufschwung. Doch was klage ich? Drückt der Mangel noch so sehr, "Du füllst des Lebens Mangel aus mit dem, was ewig steht."

Tagebuch 1889
"in diesem Jahr steigertes sich das Schwierige der Verhältnisse bis zur Unerträglichkeit. Johannes wurde immer nervöser und elender, schlaflos, durch Kopfschmerzen fast arbeitsunfähig. Ich war halb gemütsleidend… Wiederholt hatte mir Johannes erklärt, er könne nicht gesund werden in dem Calwer Verlagsvereinshaus und all den verzwickten Verhältnissen und Aufgaben dort. Papa hat es offenbar geschmerzt; aber er ahnte nicht, wie viel es uns gekostet, wie schwere Opfer wir ihm in diesen dreieinviertel Jahren gebracht haben. Trennung ist um umgänglich notwendig…
Am 16. September 1889 zogen wir in die neue Wohnung (in der Ledergasse), die sonnig und behaglich ist. Gott sei Dank, nun haben wir wieder ein Heim!
… Johannes "kneipt" mit Erfolg, trinkt vor Schlafengehen Baldriantee und spürt nach und nach Besserung…" (S.199)

Nach dem Tod ihres Vaters "im Jahre 1893, befiel auch die Tochter eine schwere Krankheit. Es war eine Knochenerweichung (Osteomalazie), die trotz verschiedener Kuren nicht aufgehalten werden konnte und sich schließlich derart verschlimmerte, dass die Kranke die Füße nicht mehr zu heben vermochte und fast zwei Jahre lang liegen musste. Als die Kunst der Ärzte versagte, holte man den 'Evangelisten' Elias Schrenk, der Marie durch Gebet und Handauflegung geheilt haben soll. Sie schreibt über dieses 'Gnadenwunder': 'Ja, ich konnte die Füße / wieder lüpfen! Ich hatte sie vorher nur vorwärts schieben können, wenn man mich stüzte. Oh diese Wonne!… Als ich wieder an meine Kästen und Schubladen kam, war mir's, wie wenn alles mir neu geschenkt wäre, denn ich hatte ja mit allem abgeschlossen gehabt und dachte, es gehöre mir nimmer… Am 18. Januar [1896] richtete ich mich mir wieder meinen Schreibtisch und mein Arbeitstischchen zum Gebrauch ein… [...] 

Die fünf darauffolgenden Jahre einer leidlichem Gesundheit, die Marie Hesse nach ihrer schweren Krankheit noch verblieben, hat sie als göttliches Geschenk angesehen. [...]" (Siegfried Greiner: Nachwort, S.251/252)

19 September 2020

Frauenschicksale im Lebenskreis von Missionaren: Marie Hesse, Julie Dubois, Adele Gundert und Marulla Hesse

"Marie Hesse in Selbstzeugnissen", so könnte das Buch heißen. Es heißt aber:

"Marie Hesse. Die Mutter von Hermann Hesse. Ein Lebensbild in Briefen und Tagebüchern von Adele Gundert "

Nicht nur gesteht man ihr nicht zu, dass sie selbst unser Interesse finden könnte und stellt sie uns als "Mutter von Hermann Hesse" vor, sondern selbst ihre Briefe und Tagebücher scheinen diesem Titel nach von Adele Gundert zu sein. - Verständlich, dass sie erst als "Mutter von" unser Interesse erweckt. Sicher auch, dass dieses Interesse nicht dazu ausreichen würde, all ihre Briefe und all ihre Tagebücher zu lesen. Insofern haben erst Hermann Hesse und Adele Gundert (seine Schwester) dafür gesorgt, dass sie unser Interesse weckt. 

Aber bezeichnend ist es doch. Denn auch Marie war freiheitsliebend, vielseitig begabt und von schweren seelischen Krisen geplagt. Aber sie war eine Frau und hat als Frau des 19. Jahrhunderts gelebt. 

Anders als mancher Sohn eines großen Mannes hat Marie Hesse, geborene Gundert, nicht darunter gelitten, keinen eigenen Namen zu haben, sondern immer der nur "Sohn von ..." zu sein, sondern darunter, sich immer an Männer anpassen anpassen zu müssen. Keinen eigenen Namen zu haben, war für Frauen im 19. Jahrhundert der Normalfall. Bei ihr aber kommt hinzu: Nicht den von ihr Geliebten heiraten (damals war sie freilich erst 15 Jahre alt), sondern für die Missionsarbeit des begabten Vaters (Hermann Gundertarbeiten. Sich an ihren ersten Mann anpassen und ihn pflegen, nach seinem Tode und der Heirat mit dem neuen Mann sich wieder an den Vater anpassen und ungesunde Wohnverhältnisse ihrem Mann (Johannes Hesse), ihren Kindern und sich selbst zumuten. 
Kein Wunder, dass sie Verständnis für ihren Sohn hatte ("Zwar erinnere ich mich aus meiner Kindheitszeit ähnlicher Gefühle." S.172), kein Wunder auch, dass sie, die Ergebung in ihr Frauen-Schicksal gelernt hatte, ihm kein Vorbild sein konnte.

Unvermeidlich, dass ich Ihren Texten rechtes Interesse erst entgegenbringen konnte, als Hermann ("Memmer", "Memmerle") in den Blick kommt. Was sie erlitten hat, darüber hat er sich empört. Aus seiner Selbstdarstellung gewinnt man Verständnis dafür, was sie durchgemacht hat. Freilich auch erst aus ihrer Darstellung, was sie mit ihm, seinen Ausbrüchen und seinen Selbstmordgedanken durchgemacht hat.

Das Lebensbild von Marie Hesse lässt sich leichter verstehen, wenn man vergleichend auf die Lebensgeschichte ihrer Mutter Julie Dubois und die ihrer Töchter  Adele und Marulla heranzieht.
"Die Heiratspraxis der Basler Mission sah vor, dass Missionare ledig in ihre Einsatzgebiete geschickt wurden und erst später eine Ehefrau nachgeschickt bekamen. Oft kannten sich die Zukünftigen gar nicht, denn die Basler Mission fädelte die Heirat ein. Die Frauen, Missionsbräute genannt, fuhren dann per Eisenbahn, Schiff und Ochsenkarren allein und mit gespannten Erwartungen in eine unbekannte Zukunft, in eine andere Kultur, kurz in eine fremde Welt. Die Motive waren, neben der religiösen Überzeugung und dem Gefühl "Auserwählte" zu sein, auch Abenteuerlust und Flucht vor der Enge der Heimatstadt."

Julie Dubois "baute zusammen mit ihrem Mann in Indien Missionsstationen auf. Dort leitete sie stets die Mädchenschulen und engagierte sich für verwitwete, unverheiratete und verlassene Inderinnen.
Schon als junges Mädchen träumte Julie Dubois, geboren am 1. Oktober 1809 in Corcelles bei Neuchâtel im Schweizer Jura, von einer Tätigkeit als Lehrerin. Da sie aus Kostengründen keine Lehrerinnenausbildung absolvieren konnte und den Beruf mit ihrem tiefen religiösen Glauben verbinden wollte, suchte sie ihren Traum im Dienste der Mission zu verwirklichen. Ungewöhnlich für eine Frau in dieser Zeit, schloss sie sich 1836 einer Gruppe um den Freimissionar Groves an. Auf der Schiffsreise nach Indien lernte sie den frisch promovierten Theologen Hermann Gundert kennen. Die beiden heirateten 1838, traten in die Basler Mission ein und bauten in den folgenden Jahren gemeinsam Missionsstationen und Schulen auf. Da Hermann Gundert der erste verheiratete Missionar in Indien war, war Julie Gundert die erste Missionsfrau dort. Ihre Wirkungsstätten lagen im Süden Indiens, in der Region Kerala. Julie leitete an verschiedenen Missionsorten, trotz rasch aufeinanderfolgender Geburten, stets die schulische Mädchenausbildung, d.h. sie lehrte junge Inderinnen Lesen und Schreiben, brachte ihnen Grundtechniken der Handarbeiten sowie Hausarbeiten bei.
Julie Gundert gebar in Indien acht Kinder, die nach und nach alle nach Deutschland in die Obhut der Großeltern in Stuttgart oder nach Basel zur Erziehung im Kinderhaus der Mission kamen. Ab 1855 lebten die Gunderts ganz ohne Kinder in Indien.
Im Jahr 1859 erkrankte Hermann Gundert schwer und fuhr zur Erholung nach Europa. An eine Rückkehr nach Indien war aus Gesundheitsgründen nicht mehr zu denken, er nahm die Stelle als Leiter des Calwer Verlagsvereines an. Dieser hatte seinen Sitz im Haus Bischofstraße 4; auch die Wohnung des Verlagsleiters und seiner Familie befand sich dort.
Julie Gundert folgte ihrem Mann 1860 schweren Herzens nach Calw, nur ungern verließ sie Indien. Aber in Calw sah sich die gesamte Familie Gundert, Kinder und Eltern, erstmals vereint.
Julie Gundert tat sich schwer mit der Eingliederung in Calw und konnte zudem kaum deutsch sprechen. Sie suchte ihr Heil im Glauben, in den pietistischen "Stunden" und in der Krankenpflege.
Ihr Enkel Hermann Hesse charakterisierte sie später mit den Worten "asketisch streng, von leidenschaftlicher Nüchternheit, aufrecht und gerade, manchmal bis zur Starrheit".
Julie Gundert starb am 18. September 1885 in Calw und wurde im Familiengrab beigesetzt."

Im Wikipediaartikel zu Hermann Gundert heißt es dazu ergänzend:
Julie Dubois "gründete auch die ersten „Mädchen-Institute“ (Mädchenschulen mit Heim) in Mangalore, in Thalassery und in Chirakkal bei Kannur. Aus diesen Schulen gingen gut ausgebildete und im evangelischen Glauben unterwiesene Frauen hervor, die zu großen Stützen der neuen Gemeinden wurden."

Adele Gundert (1875 - 1949) 

"Hermann Hesse wuchs mit fünf Geschwistern auf, von denen ihm Adele und Marulla im Alter und gefühlsmäßig am nächsten standen.
Seine zwei Jahre ältere Schwester Adele blieb für Hermann Hesse nach eigenem Bekunden seine "dauerhafteste Liebe", mit der er den Urboden aller Erinnerungen, die Kinderzeit und Heimat, teilte. Sie war mit ihrem Vetter Hermann Gundert, einem evangelischen Pfarrer und Mitglied der Bekennenden Kirche, verheiratet. 1934 erschien die Erstausgabe der Dokumentation über das Leben ihrer Mutter, Marie Hesse. Ein Lebensbild in Briefen und Tagebüchern. Sie starb am 24. September 1949 in Korntal."*

Marulla Hesse (1880 - 1953)
"Marulla, die jüngere Schwester, wurde 1880 ebenfalls in der Wohnung am Marktplatz geboren, bevor die Familie 1881 für fünf Jahre nach Basel zog, wo Johannes Hesse als Lehrer am dortigen Missionshaus arbeitete. Sie war einige Zeit Hauslehrerin bei einem baltischen Baron, nach dem Tod der Mutter 1902 lebte sie als "Sekretärin" bei ihrem Vater, eine leider nicht sehr selbstständige Tätigkeit, weil sie "immer das tun muss, was er gerade will, vorlesen, Diktate schreiben, ein Buch suchen, ein Bild aussuchen usw.". Sie empfand dieses Angebundensein als bedrückend und wünschte sich manches Mal, etwas (oder jemand) würde kommen und sie erwecken. Derartige Äußerungen von ihr sind in den Rundbriefen deutscher Lehrerinnen überliefert.
Nach dem Tod des Vaters 1916 wurde sie Lehrerin an einem evangelischen Töchterinstitut und gab außerdem Privatunterricht. 1939, 1946 - zusammen mit Adele - und 1950 konnte sie jeweils einige Wochen bei ihrem Bruder Hermann im Tessin verbringen.
Sie starb am 17. März 1953 ebenfalls in Korntal. Hermann Hesse hat seiner jüngeren Schwester einen anrührenden Nachruf gewidmet: "Ihr habet mich allein zurückgelassen, Ihr Geschwister, damit für eine Weile noch Euer und der Eltern und des Märchens unsrer Kindheit gedacht werde. Ich habe diesem Gedächtnis zeitlebens oft gehuldigt und ihm kleine Denkmäler errichtet." Er gesteht ihr postum, dass er in seinen Erzählungen aus seinen zwei Schwestern immer eine machte, und diese eine für die LeserInnen eigentlich immer Adele und nicht Marulla war, weil sie ihm in seiner Kindheit und Jugend eben nähergestanden hatte. Im Unterschied zu Adele, der es schmeichelte, einen berühmten Bruder zu haben, betrachtete Marulla diese Berühmtheit und Öffentlichkeit stets kritisch.
"Du wirst mir vor allem dann beistehen, wenn ich in der Gefahr bin, Ungenauigkeiten zu begehen und in Unwahrheit zu verfallen, aus Eile, aus Spielerei, aus phantastischer Verlorenheit."
Hermann Hesse in seinem Nachruf auf Marulla im Juli 1953"

*"Im Jahre 1819 wurde die Gemeinde Korntal durch die Evangelische Brüdergemeinde Korntal* als bürgerlich-religiöses Gemeinwesen gegründet. Im Zusammenhang mit dem Bau des Großen Saals verlieh der württembergische König Wilhelm I. der Gemeinde ein Privilegium, das heißt bestimmte Sonderrechte – unter anderem mussten alle Einwohner Mitglieder der Brüdergemeinde sein. Diesen Status verlor der Ort bei der Gründung des Deutschen Reiches 1871 und endgültig 1919 durch die Verfassung der Weimarer Republik." (Wikipedia)
*Die Gemeinde wird vom Brüdergemeinderat geleitet. Ihm gehören nur Männer an. Neben musikalischen Veranstaltungen bestehen etwa 40 Hauskreise.[...] In den drei Kinderheimen und der Johannes Kullen-Schule in Korntal, in Trägerschaft der Diakonie der Brüdergemeinde Korntal hat es laut Aussagen von rund 170 ehemaligen Heimkindern in den 1950er bis weit in die 2000er Jahre Misshandlungen in Form von Prügel, psychischer Gewalt sowie sexuellem Missbrauch gegeben.[9]

Nachdem Detlev Zander, ein ehemaliges Heimkind, die Vorwürfe 2014 öffentlich machte, wurden nach einem zuvor gescheiterten Versuch,[10] im März 2017 die ehemalige Frankfurter Jugendrichterin Brigitte Baums-Stammberger und der Marburger Erziehungswissenschaftler Benno Hafeneger mit der Aufklärung der Vorwürfe beauftragt.[11] 2018 wurde bestätigt, dass es in den Kinderheimen der Brüdergemeinde Korntal und Wilhelmsdorf bis in die späten 2000er Jahre zu sexuellen Missbrauchsfällen an Kindern und Jugendlichen kam. Die Gemeinde zahlt Betroffenen, die sich bis Juni 2020 melden, bis zu 20.000 € Entschädigung.[12]" (Wikipedia)


Zum weiteren Umfeld sind noch u.a. folgende Seiten der Projektgruppe "Frauengeschichten in Calw" heranzuziehen:

In einen ganz anderen Zusammenhang gehört die folgende Seite über Massenvergewaltigungen:

Damit sind die Seiten der Projektgruppe "Frauengeschichten in Calw" noch nicht einmal im Ansatz ausgeschöpft. 
Ich füge aber nur noch diese hinzu: