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02 November 2021

Brodersen/Dammann: Zerrissene Herzen. Die Geschichte der Juden in Deutschland

Allgemeines zur Erforschung der jüdischen Geschichte in Deutschland  (bpb)

Brodersen/Dammann: Zerrissene Herzen. Die Geschichte der Juden in Deutschland

Rezension: Perlentaucher

Machtkampf zwischen dem christlichen Kaiser Theodosius und Ambrosius, dem Bischof  von Mailand (S.36):

"388 stürmte hier [in: Kallinikon] eine aufgebrachte Menge Christen die örtliche Synagoge und steckte sie in Brand, was zu einer Konfrontation zwischen Kaiser Theodosius I., der gegen die Brandstifter vorgehen wollte, und Ambrosius von Mailand führte.* Als Vorwand könnte möglicherweise eine grausame Christenverfolgung des Sassanidenkönigs Schapur II. gedient haben, an der einige Jahre zuvor angeblich auch Juden mitgewirkt hatten. Ambrosius empörte sich vor allem über die kaiserliche Anweisung, die zerstörte Synagoge wieder aufzubauen. Theodosius konnte sich nicht gegen den Bischof durchsetzen; der Pogrom blieb ungesühnt." (Wikipedia: a-Raqqa

* Dieser Vorgang von 388 sollte nicht mit dem Massaker von Thessaloniki von 390 verwechselt werden, wo Ambrosius dem Kaiser sogar mit dem Kirchenbann drohte.

Weil Juden schriftkundig waren, wurden sie bald wichtig für die weltlichen Herrscher. Unter den Kaufleuten waren sie so stark, dass schon einmal von "Juden und anderen Kaufleuten" gesprochen wurde. (S.40)
Im Mittelalter unterschied man zwischen den spanischen Juden (Serafad) und denen im deutschsprachigen Raum (Aschkenas).
Unter Otto II. spielte die aus Italien stammende Familie Kalonymos eine wichtige Rolle. 

Im Zusammenhang mit dem ersten Kreuzzug kam es 1096 zu Angriffen auf Juden (S. 54)
Zitat:
"Eine Folge der Gewaltausbrüche bestand deshalb darin, dass sich eine Gruppe von Juden regelrecht in ihren durch das Martyrium gestärkten Glauben hineinsteigerte. So entstand zu Zeiten der Kreuzzüge eine besondere Form der Mystik deren Anhänger als die Chasside Aschkenas, die Frommen Deutschlands, bezeichnet wurden. Begründer dieser im zwölften Jahrhundert einflussreichen Schule war Rabbi Jehuda ben Samuel genannt Juda he-Chassid (der Fromme), wiederum ein Angehöriger der Familie Kalonymos, dessen Frau und zwei Kinder von Kreuzfahrern ermordet worden waren. [...] Diese jüdische Mystik hat die religiöse Kultur des Mittelalters stark geprägt und wird im 18. Jahrhundert, m Chassidismus, noch einmal eine Blüte erleben. (S. 55)
Heinrich IV. stellte sie im Mainzer Reichslandfrieden "zweifellos in guter Absicht als "homines minus potentes" (Menschen minderer Kraft) unter seinen besonderen / Schutz, entzog ihnen damit aber nebenbei das Waffenrecht, wodurch sich die Juden sozial herabgewürdigt sahen; denn wer in dieser Zeit – wie ein Sklave – keine Waffen tragen durfte, der war nicht gerade geachtet und konnte schnell zur leichten Beute werden. 
So kamen die meisten Juden während des zweiten von Papst Eugen III. im Jahre 1145 initiierten Kreuzzuges zwar mit dem Leben davon, viele wurden aber – derart wehrlos – durch Plünderungen um ihren mit steigender Missgunst betrachteten Besitz gebracht: "Unterstützt durch das Geld der frevelhaften Juden", so der Abt von Cluny, Petrus Venerabilis, solle "der Übermut der ungläubigen Sarazenen besiegt" werden. Nunmehr trachtete man den Juden nicht mehr sofort nach dem Leben; dafür mussten sie den heiligen Krieg mit ihrem Hab und Gut unterstützen. (S. 56)
Das den Juden erlaubte Pfandleihgeschäft verlor wegen des Aufkommens von Schuldscheinen – und auch weil Papst Eugen III. in einer Verordnung schlicht die Zinsen annullierte, die die Kreuzfahrer jüdischen Geldverleihern für Kredite hätten zahlen müssen – zunehmend an Boden." (S.56)

"Im Pfandleihgeschäft verleiht ein Pfandleiher gegen Hinterlegung eines Pfandes und gegen einen festgesetzten Zinssatz kurzfristig Geld. Von solchen jüdischen Zinsgeschäften berichten christliche und jüdische Quellen seit dem 12. Jahrhundert. Sie wurden für viele jüdische Gemeinden zu einer wichtigen wirtschaftlichen Grundlage. Der Zinssatz, den die jüdischen Geldverleiher fordern konnten, war zumeist in amtlichen Schutzbriefen festgelegt. Er war relativ hoch: 33 Prozent Zinsen waren durch aus üblich, auch weil die Juden einen großen Anteil davon an die Regierenden abzuführen hatten." (S. 57)

Antonius Margaritha, ein jüdischer Konvertit, verfasste im frühen 16. Jh. eine Streitschrift gegen die Juden: Der gantz judisch Glaub. Josel von Rosheim, der bedeutendste Fürsprecher der Juden erwirkte dagegen 1544 ein Privileg Kaiser Karls V., das die Rechte der Juden normalisierte."In den nächsten Jahren verteidigte er [Josel von Rosheim] "jüdische Gemeinden in Deutschland, Ungarn, Prag, Italien und an anderen Orten. Nachdem Martin Luther ihm die Unterstützung beim Kampf um die Aufhebung des kurfürstlichen Ediktes der Ausweisung aller Juden aus Sachsen und eine persönliche Begegnung 1537 verwehrt hatte und 1543 mit seiner Schmähschrift Von den Juden und ihren Lügen eine offen judenfeindliche Position einnahm, blieb für Josel von Rosheim und die jüdischen Gemeinden nur, auf die Schutzmacht des katholischen Kaisers zu bauen. (Wikipedia) Doch mehr und mehr Städte entzogen den Juden das Aufenthaltsrecht in der Stadt, so dass im gesamten deutschen Reichsgebiet nur noch in Prag, Frankfurt/M, Worms und Friedberg größere jüdische Gemeinden zurückblieben. (S.67)

 Während des Dreißigjährigen Krieges besannen sich aber die kriegführenden Parteien auf die Expertise der Juden in Geldgeschäften, als Armeeausstatter und als Unterhändler, so dass auch gegen den Widerstand der Stadtoberen Judenviertel eingerichtet wurden. Freilich kam es nach dem Ende des Krieges wieder zu Vertreibungen (Lübeck, Augsburg, Heilbronn, Schweinfurt). (S.71)  
Die weit überwiegende Mehrzahl der Juden konnten freilich keinen Schutzbrief eines Territorialherren bezahlen. Sie durften daher nicht in der Stadt wohnen.  Um ihnen zu ermöglichen, wenigstens tageweise eine Stadt zu besuchen und Handel zu treiben gaben die städtischen jüdischen Gemeinden Bletten, eine Art von Schutzbrief für einen Tag, an Landjuden aus. (S.73)

Zu Hofjuden und Hoffaktoren (Wikipedia)

"Mit Isaak aus Aachen, der für Karl den Großen diplomatische Missionen übernahm, wirkte bereits Ende des 8. Jahrhunderts ein Großkaufmann im Dienste eines Fürsten. Im Mittelalter wurden Pfandleihe und Kreditvergabe gegen Zinsen ein Schwerpunkt jüdischer Kaufleute. Mehr durch ihre praktische Erfahrung und weitreichenden Beziehungen als durch das von der katholischen Kirche erst 1179 bekräftigte Zinsverbot für Christen und 1215 neu hervorgehobene Wucherverbot, die zudem schon bald kaum beachtet wurden, gewannen sie ihre Kunden. Für den im Spätmittelalter wachsenden Finanzbedarf der Wirtschaft und Politik gewährten Christen (italienische Banken, z. B. die Compagnia dei Bardi) und Juden Kredite gegen Zinsen.

Als erster jüdischer Hoffaktor im Sinne eines Amtes gilt Salomon oder Salmon[2], der 1315 als Hof- und Küchenmeister von Herzog Heinrich VI. in Breslau tätig war. Samuel von Derenburg[3] diente vier Kirchenfürsten in Erzbistum Magdeburg, so Otto und Dietrich von Portitz.[4] Vivelin von Straßburg war im Elsaß eine der reichsten Personen in Europa vor seinem Tod in der Pest 1349. In England war Aaron von Lincoln bereits im 12. Jahrhundert tätig. Isaak Abarbanel war in Spanien ein großer Finanzier in der Reconquista.

Beginn am Wiener Kaiserhof und Berliner Hof

Die Geschichte der eigentlichen Hofjuden begann erst im 16. Jahrhundert: Im Jahr 1582 schuf Kaiser Rudolf II. die Institution des Hofbereiten Juden in Wien. Dieser war frei von Abgaben an Land und Stadt, hatte Maut- und Zollfreiheit für seine Waren, war ausschließlich der Gerichtsbarkeit des Obersthofmarschalls unterstellt, war befreit vom Tragen des Judenzeichens und durfte sich dort aufhalten, wo sich der Hof befand. Ab 1596 mussten diese befreytten Juden auch Sonderkontributionen für Kriegszwecke leisten.[5] Jakob Bassevi von Treuenberg, ab 1616 Vorsteher der Prager Judengemeinde, erhielt 1622 auf Betreiben Wallensteins von Ferdinand II. den Adelstitel und wurde gemeinsam mit Fürst Lichtenstein Pächter der Münzprägung.[6] 1624 wurde auch in Wien das Prägegeschäft im Kaiserlichen Münzhaus dem befreiten Juden Israel Wolf Auerbach und seinem Konsortium übertragen.[7]

Mit Michael von Derenburg hatte auch das Haus Hohenzollern in Kurbrandenburg ab 1543 früh einen Hoffaktoren. Kurfürst Joachim II. (1535–1571) ernannte den aus einer Prager Judenfamilie stammenden Lippold 1556 zum Münzmeister. Er gilt als erster Hoffaktor im umfassenden Sinne; zu seinen Aufgabe gehörte die Beschaffung des Münzmetalls und die Betreuung des Schlagschatzes."

Die Wikipedia zu Lippold Ben Chluchim und die die Kaufleute schädigenden Maßnahmen, die er als Münzmeister durchzusetzen hatte:

 "1569 belehnte der König, zugleich Schwager Joachims II., ihn und die Berliner Hohenzollern als erbberechtigt im Herzogtum Preußen. Zur Finanzierung – und wegen der auch sonst verschwenderischen Hofhaltung Joachims II. – unterwarf der Kurfürst die Einwohner der Mark, insbesondere die jüdischen, hohen Steuern. Joachim II. schreckte auch nicht vor Münzverschlechterung und Konfiskationen zurück.[3]

Märkische Kaufleute, die von außerhalb der Mark Waren importierten, mussten diese in gewogenem Edelmetall bezahlen, da die märkische Münze wegen ihres herabgesetzten Edelmetallgehalts nicht mehr im Ausland akzeptiert wurde. Joachim II. verbot jedoch, die Münze zu herabgesetzten Kursen zu berechnen. Entsprechend entzogen sich die Kaufleute den Zwangskursen, indem sie zunächst ihre Außen- und Großhandelsgeschäfte in fremder Währung tätigten, und nachdem Joachim II. dies verboten hatte, in gewogenem Edelmetall zahlten. Darauf reagierte der Kurfürst mit einem Verbot, Edelmetall zu nutzen und zu besitzen. In Edelmetall erlangte Verkaufserlöse mussten zu verordneten, die entwertete Landesmünze hoch taxierenden Zwangskursen an die Landeskasse verkauft werden.[4] Märkische Juden mussten darüber hinaus kostspielig Edelmetall importieren, das sie dann unter Einstandspreis zu diktierten Inlandspreisen an den Kurfürsten liefern mussten.[5] Das machte es Kaufleuten unmöglich, zu kostendeckenden Erlösen zu im- und exportieren. Lippold war als Münzmeister beauftragt, die Zwangsmaßnahmen gegen die Kaufleute, lutherische und jüdische gleichermaßen, durchzusetzen. Zu den Maßnahmen gehörten auch Hausdurchsuchungen bei Kaufleuten, wobei gefundenes, verbotenerweise gehaltenes Edelmetall zu Gunsten des Landesherrn beschlagnahmt wurde."

Unter dem Nachfolger Joachims II.. Kurfürst Johann Georg, erging es Lippold weit schlechter. Er "wurde zum Tode durch Rädern und Vierteilen verurteilt." (mehr dazu)


Selbst der Aufklärer Lessing war vermutlich an der Münzverschlechterung Friedrichs II. von Preußen beteiligt, die der Jude Veitel-Heine Ephraim in Zusammenarbeit mit dem preußischen General von Tauentzien in Sachsen zu organisieren hatte, bei dem Lessing angestellt war. Offenbar mit den Einnahmen daraus konnte Lessing  seine Schulden bezahlen und für seine Eltern sorgen. (S.73-75) [Die Wikipedia berichtet dazu nur, dass Lessing in der Zeit bei Tauentzien in Diensten stand, auch im Artikel über Tauentzien wird die Münzentwertung nicht erwähnt.]

Moses Mendelssohn

 "Nie sei er von Mendelssohn weggegangen, schrieb Nikolai an Lessing, ohne entweder besser oder gelehrter zu werden.".(S. 91) 
Moses "gewann mit seiner Abhandlung "Über die Evidenz in metaphysischen Wissenschaften" den ersten Preis der Königlichen Akademie der Wissenschaften" (S.92) Zweiter wurde der Privatdozent aus Königsberg Immanuel Kant.
Moses übersetzte mit einem Team die fünf Bücher Mose ins Deutsche und ließ sie mit hebräischen Lettern drucken, um so "über die deutsche Sprache einen Schritt zur [...] Integration der deutschen Juden zu machen" (S.96/97) Der Rabbiner Jescheskel Landau kritisierte das. Die Thora "wird dadurch herabgewürdigt zur Rolle einer Dienerin der deutschen Sprache". (S.97)
Zwischen zwei Kulturen
David Friedländer (S.100-102) sah eine Verschmelzung als unmöglich an, entschied sich für die deutsche.
Rahel Levin (S.102/03) klagte "über die Zerreißprobe des Lebens in zwei Wirklichkeiten" (S.102)
Christian Wilhelm Dohm und Wilhelm von Humboldt traten für die "staatsbürgerliche Gleichstellung der Juden" (S.105) ein.
Eine Gegenbewegung entstand in der Christlich deutschen Tischgesellschaft S.108): 
"Der Verein gründete sich im Rahmen der Reformbestrebungen in Preußen. Dabei waren die Mitglieder jeweils zur Hälfte Adelige und Bürgerliche.[2] Unter den 86 namentlich bekannten Mitgliedern waren höhere Berufe besonders repräsentiert, darunter 37 Beamte und 19 Soldaten. Unter den Beamten waren alleine 12 Professoren der 1809 gegründeten Friedrich-Wilhelms-Universität. Die reformerische Ausrichtung zeigt sich in der geringen Vertretung von Gutsherren und Hochadel. Als bekannte Politiker unter den Mitgliedern sind der Geheime Obersteuerrat Christian Peter Wilhelm Beuth und der Finanzrat Friedrich August von Staegemann zu nennen, von den Militärs Carl von Clausewitz und Leopold von Gerlach, von den Hochschullehrern Friedrich Schleiermacher, Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Karl von Savigny, von den Schriftstellern Achim von Arnim und Clemens Brentano, von den anderen Künstlern August Wilhelm Iffland, Johann Friedrich Reichardt und Karl Friedrich Schinkel
Die Deutsche Tischgesellschaft wird, verglichen mit anderen Vereinen im Berlin ihrer Zeit, als zugleich „exklusiver und offener“ beschrieben.". (Wikipedia)

Reformer gegen Traditionalisten (S.111)
Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden: "Der Verein wurde am 7. November 1819[1] im Gefolge der Hep-Hep-Krawalle [...] gegründet und führte junge, akkulturierte Juden zusammen, die alle auf der Suche nach einer jüdischen Identität waren, die es wert sei, nach außen hin verteidigt zu werden. Gründungsmitglieder waren der zum Vorsitzenden gewählte Joseph Hilmar, Joel Abraham List, Isaac Levin Auerbach, Isaac Marcus Jost, Leopold Zunz, der Hegel-Schüler Eduard Gans und Moses Moser.[2] Der Einfluss des Antisemitismus auf die Identitätsbildung wurde gerade in dieser Zeit besonders sichtbar. Der Wunsch nach völliger Emanzipation weckte Feindseligkeiten, die durch scharfe antisemitische Polemik von Intellektuellen und Akademikern angestachelt wurden. Aber auch die Mitglieder des "Vereins für Cultur und Wissenschaft der Juden" waren akademisch gebildet und suchten in historischen Studien nach der Quintessenz des Judentums, mit der sie sich identifizieren konnten.
Ihr erklärtes Ziel war die kritische wissenschaftliche Erforschung des Judentums. So war auch seine erste Manifestation die Wissenschaft des Judentums. Man postulierte darin die Juden als nationale Identität mit einer säkularisierten Kultur, die auf die Religion nur noch als überkommene Tradition rekurriert." (Wikipedia)
Rückbesinnung und Reform des Judentums (S.116-119):
Gesetz: Sabbat, koscher, Beschneidung
Johann Jacoby: "ein deutscher Arzt und Radikaldemokrat in Preußen.[...]  als Sohn des jüdischen Kaufmanns Gerson Jacoby [...] geboren [...] „Wie ich selbst Jude und Deutscher bin, so kann in mir der Jude nicht frei werden ohne den Deutschen und der Deutsche nicht ohne den Juden.“[4]"

Sieh auch:
1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland (Ausführliche Dokumentationen der Bundeszentrale für politische Bildung)

27 Juni 2020

Michael Thomas: Deutschland, England über alles

Michael Thomas: Deutschland, England über alles. Rückkehr als Besatzungsoffizier *
ist ein 1984 erschienener autobiographischer Bericht von Michael Thomas (Geburtsname: Ulrich Hollaender), der sich vornehmlich mit dem Wiederaufbau einer demokratischen Politik in Deutschland ab 1945 beschäftigt.
Thomas[1] war bei Kriegsausbruch am 1.9.1939 auf englischem Boden. Als Sohn von Felix HollaenderWikipedia-logo.png war er nach Nazigesetzen deutscher Halbjude, wurde als solcher in England interniert, meldete sich zum britischen Militärdienst, kämpfte von der InvasionWikipedia-logo.png (6. Juni 1944) ab gegen Nazideutschland und beobachtete als Verbindungsoffizier von General TemplerWikipedia-logo.png den Aufbau der deutschen Nachkriegspolitik in der britischen Zone aus nächster Nähe. Vermutlich war sein Einfluss darauf, dass die britische Militärregierung ihr Misstrauen gegenüber den deutschen Politikern trotz anfänglich sehr großen Vorbehalten dann doch relativ rasch abbaute, nicht gering.
Als Sohn seines Vaters kannte er die intellektuelle Szene um Max Reinhardt (wenn auch nur aus der Perspektive des Kindes), als Schüler stand er in enger Beziehung mit Personen des Stefan-George-KreisesWikipedia-logo.png nahe, den er freilich nicht so genannt sehen wollte, als Student gewann er die Freundschaft oder doch zumindest ein freundschaftliches Verhältnis zu Carlo Schmid. In seiner Eigenschaft als Presseoffizier freundete er sich mit dem damals 23-jährigen Rudolf Augstein an.
Dass er als Konservativer Kurt SchumacherWikipedia-logo.png näher stand als Konrad Adenauer (S.149) und als Freund Rudolf AugsteinsWikipedia-logo.png Axel SpringerWikipedia-logo.png als ideenreichen Innovateur des deutschen Pressewesens schildert (S.176-179), macht seinen Bericht als Quelle noch wertvoller.
Ein Interview mit ihm ist 1984 in der ZEIT erschienen.[2].*
Zitat über britische Internierungslager:
 Zitat
Ich ließ nicht locker und wurde nun mit den haarsträubenden Vorgängen in Bad Nenndorf konfrontiert. - Folterungen bei Verhören! Nazimethoden in den eigenen Reihen! Ich traute meinen Ohren nicht.
[...] Ich wußte, daß die Verpflegung in den Lagern miserabel war, aber ich hatte keine Ahnung von den Verhörmethoden, bei denen, wie man später erfuhr, Grausamkeiten und Folter vorkamen. Und mit einem der Verantwortlichen hatte ich das Badezimmer geteilt.
Wer aber hätte mir meine Unkenntnis geglaubt? Seither kann ich mir vorstellen, daß es selbst im ReichssicherheitshauptamtWikipedia-logo.png Leute gab, die "von alledem nichts gewußt" haben.
Michael Thomas: Deutschland ..., S.165

* Diesen Text habe ich im wesentlichen 2012 verfasst. Er ist im ZUM-Wiki  und nachfolgend in ZUM-Unterrichten weiter verbessert worden. (OER-Material, d.h. Lizenz ccbysa)
Ich ergänze noch unsystematisch zusätzliche Notizen, die ich mir 2012 gemacht habe und die in einen ausgearbeiteten Artikel nicht hineingehören, die ich aber wiederfinden möchte und deshalb nicht nur auf einem Zettel aufbewahren möchte.

Harte Behandlung als Internierter in England, dann als Soldat und Offiziersanwärter in der Armee. Gerät über eine Studie über die deutsche Jugend in Besatzungsoffiziersaufgaben. (Intelligence). Verbindungsoffizier zu Hamburger Oberbürgermeister Petersen und Oberpräsidenten.
"Ich bin kein Adept Jüngers, aber es besteht für mich kein Zweifel, dass er zu den großen schöpferischen Figuren dieses Jahrhunderts gehört." (Seite 135) 

Gespräch mit Adenauer (Seite 136)
"Nach der Diskussion mit Bridge trug Generalinspekteur Halland sein Konzept für den Neuaufbau der Polizei vor. Ich glaube, die Bundesrepublik verdankt der klugen Politik dieses Mannes die vorzügliche Basis der deutschen Polizei. Ähnlich wie bei der Zoll- und Finanzverwaltung wurden dank des britischen Einflusses vielleicht die maßvollsten und zivilsten Behörden dieser Art in Europa geschaffen. Möglicherweise haben die Schüler die Lehrmeister noch übertroffen. "(Seite 146)
"Da ich mich geistig zum Widerstand zählte und in den mir gegenübersitzenden Deutschen meine Gesinnungsgenossen sah, kämpfte ich im Hauptquartier um Verständnis - nicht nur bei der allgemeinen politischen Meinungsbildung, sondern vor allem bei konkreten Maßnahmen." (Seite 147)
Th. hatte Hochachtung für Adenauer und stand seiner politischen Richtung näher. Trotzdem "habe ich mich für Schumacher schon beim ersten Treffen persönlich mehr erwärmt, als ich es für Adenauer je vermochte." (Seite 149)
Über Österreich: "Fast alle englischen Offiziere von Stand waren in Windeseile vom österreichischen Adel vereinnahmt worden; sie begannen Deutsch im nasalem Adelsdialekt zu sprechen, was im übrigen nicht schlecht zum 'Oxford accent' passte. (Seite 159)


Gespräch mit dem österr. Bundeskanzler Figl über britische Internierungslager (Seite 160)


"Ich ließ nicht locker und wurde nun mit den haarsträubenden Vorgängen in Bad Nenndorf konfrontiert – Folterungen bei Verhören!  Nazimethoden in den eigenen Reihen. Ich traute meinen Ohren nicht." (Seite 165 - zum Weiteren sieh das obige Zitat))
Joseph Rovan "Professor an der Sorbonne und neben Alfred Grosser wohl der beste Deutschland-Kenner in Frankreich". (S. 171)
Klaus von Bismarck Jugendhof Vlotho (Seite 169-171)

"Von General Templer habe ich bis heute eine hohe Meinung [...] entscheidungsfreudig, wenn auch bisweilen zu impulsiv [...] Seine Detailkenntnis war gefürchtet." (S.169)

Axel Springer: 1.12.1946 erste Nummer der Hörzu Grundlage des Imperiums (Seite 176 ff)
Über Axel Springer:
"Aber nicht nur die Fähigkeit, andere zu faszinieren, sondern auch die andere zu perhorreszieren, gehört zum Geheimnis dieser Persönlichkeit." (Seite 179)


Über den Zonenbeirat:"In diesem 'Vorparlament' trafen sich jene Persönlichkeiten, die dann in der Bizone und schließlich in der Bundesrepublik eine Rolle spielen sollten. (Seite 180)
Adenauer über Michael Thomas: "Sie sind einer der wenigen Männer, die Deutschland und England kennen und verstehen." (Seite 187)
"Wohl kein zweiter Dichter hat so in die Geisteswissenschaften seiner Zeiten hineingewirkt wie Stefan George. Es gab kaum eine Universität in Deutschland, an der nicht Lehrstühle aus dem Umkreis Stefan Georges besetzt waren (Seite 195) z.B: Gundolf
Seite 192: Freundeskreis von Stefan-George-Anhängern im Studium
Carlo Schmid (Seite 199ff) 
Schmid: "Die SPD war nie meine geistige Heimat, aber eine Familie, die man nicht einfach wechseln kann, wenn es einmal Krach gibt" (Seite 219)
Grotewohl und Pieck( Seite 230 unten bis Seite 231 unten)
Foreign Office Seite 243 ff
Mit Augstein befreundet (Seite 245-248)
Abendpost Hannover Nannen (Stern) Seite 248f
ZEITSeite 249-252
Friedländer-Adenauer-Schuman-Aussöhnung Seite 252f
Währungsreform Seite 256f: der Amerikaner Tannenbaum "eigentlicher Architekt der Währungsreform"
Blockade, Seite 260 F
Edgar Salin (George-Kreis) Nationalökonom, Seite 260
Vorbereitungen der Bundeswehr Seite 262: 
Graf Schwerin ab 1950 "Berater des Bundeskanzlers in Sicherheitsfragen", seine Abteilung unter dem Decknamen "Zentrale für Heimatdienst" im Bundeskanzleramt geführt (Seite 263)
Oktober 1950 Schwerin durch Theodor Blank ersetzt
Sohl (Seite 264 unten bis 265 oben)
Dr. Heinrich Oberheid war der Erfinder und eigentliche Führer der deutschen Christen (Seite 267) Reichsbischof Müller nur seinen Strohmann. [O. geörte freilich lt. Wikipedia nicht zum engeren Kreis der Gründer.] Nach Röhmputsch war Oberheid aus der NSDAP ausgetreten. Nach dem Krieg wieder zu Stinnes. Spitzname "Eisenbischof" (S.268)


* Aus dem Interview mit der ZEIT:

"ZEIT: Sie sind ein Mann nicht nur mit zwei Herzkammern, sondern auch mit zwei Vaterländern. Welches ist das schwierigere Vaterland?
Thomas: Das kann man, glaube ich, nicht beantworten. Wollte man eine Antwort versuchen, dann wäre das schwierigere Vaterland wahrscheinlich England. Denn ich denke, daß Arroganz und Zynismus in England eine größere Schwelle sind als im gegenwärtigen Deutschland die Fehler und Unzulänglichkeiten deutscher Politik; die englische Arroganz und den englischen Zynismus, besonders in der Außenpolitik, finde ich doch manchmal sehr schwer zu ertragen, während ich auf der deutschen Seite zumindest in dieser Phase der deutschen Geschichte, etwas Ähnliches nicht sehe. Auch ist das deutsche Vorurteil gegen meine England-Bindung geringer als das englische gegen meine deutsche Herkunft. Auf der anderen Seite habe ich natürlich eine ganz große Bewunderung für das englische Wesen, für den Umgang untereinander, für das Augenmaß und für die, wenn man so will, strategische Weisheit der Engländer, auch wenn diese sich im letzten Krieg übernommen und einen Pyrrhussieg errungen haben."

11 März 2014

Schlafe, was willst du mehr? - Wandlung eines Motivs

"Ein garstig' Lied! Pfui! Ein politisch' Lied", erklärt  einer der Studenten in "Auerbachs Keller" in Goethes Faust I. Auch Goethe hat sich stark von der Französischen Revolution und allen Revolutionsgedanken distanziert und doch ist eines seiner Altersgedichte zur Vorlage eines der bekanntesten politischen Gedichte aus dem Vormärz geworden.
Das hat seine literarische Vorgeschichte, die sich aus verschiedenen Umschreibungen des Gedichts (Parodien), die sich immer weiter vom Original entfernen,  erschließen lässt. *


Wiegenlied

„Deutschland - auf weichem Pfühle
Mach` dir den Kopf nicht schwer
Im irdischen Gewühle!
Schlafe, was willst du mehr?
Laß` jede Freiheit dir rauben,
Setze dich nicht zur Wehr,
Du behältst ja den christlichen Glauben;
Schlafe, was willst du mehr?
Und ob man dir alles verböte,
Doch gräme dich nicht zu sehr,
Du hast ja Schiller und Göthe:
Schlafe, was willst du mehr?
Dein König beschützt die Kameele
Und macht sie pensionär,
Dreihundert Thaler die Seele:
Schlafe, was willst du mehr?
Es fechten dreihuntert Blätter
Im Schatten, ein Sparterheer;
Und täglich erfährst du das Wetter:
Schlafe, was willst du mehr?
Kein Kind läuft ohne Höschen
Am Rhein, dem freien, umher:
Mein Deutschland, mein Dornröschen,
Schlafe, was willst du mehr?“

Georg Herwegh, in Lieder eines Lebendigen1841
Interpretation


Wo sind noch Würm' und Drachen,
Riesen mit Schwert und Speer?
Was kannst du weiter machen?
Schlafe! was willst du mehr?

Du hast genug gelitten
Qualen in Kampf und Strauß;
Du hast genug gelitten
Schlafe, mein Volk, schlaf aus!

Wo sind noch Würm' und Drachen,
Riesen mit Schwert und Speer?
Die Volksvertreter wachen:
Schlafe! Was willst du mehr?

Heinrich Hoffmann von Fallersleben, 9. Februar, 1840
aus Unpolitische Lieder, I. Teil
LXII.

     Du hast Diamanten und Perlen,
Hast alles, was Menschenbegehr,
Und hast die schönsten Augen –
Mein Liebchen, was willst du mehr?
5
     Auf deine schönen Augen
Hab’ ich ein ganzes Heer
Von ewigen Liedern gedichtet –
Mein Liebchen, was willst du mehr?

     Mit deinen schönen Augen
10
Hast du mich gequält so sehr,
Und hast mich zu Grunde gerichtet –
Mein Liebchen, was willst du mehr?

Heinrich Heine, Buch der Lieder 62,  1823/24 Wikisource


»Ach, von dem weichen Pfühle
Was treibt dich irr umher?
Bei meinem Saitenspiele
Schlafe, was willst du mehr?

Bei meinem Saitenspiele
Heben dich allzusehr
Die ewigen Gefühle;
Schlafe, was willst du mehr?

Die ewigen Gefühle,
Schnupfen und Husten schwer,
Ziehn durch die nächt'ge Kühle;
Schlafe, was willst du mehr?

Ziehn durch die nächt'ge Kühle
Mir den Verliebten her,
Hoch auf schwindlige Pfühle;
Schlafe, was willst du mehr?

Hoch auf schwindligem Pfühle
Zähle der Sterne Heer;
Und so dir das mißfiele:
Schlafe, was willst du mehr?«

Joseph von Eichendorff in: Ahnung und Gegenwart, 1. Buch, 5. Kapitel (1805)

Nachtgesang

O gib vom weichen Pfühle,
Träumend, ein halb Gehör
Bei meinem Saitenspiele
Schlafe! was willst du mehr?
[61]
Bei meinem Saitenspiele
Segnet der Sterne Heer
Die ewigen Gefühle;
Schlafe! was willst du mehr?

Die ewigen Gefühle
Heben mich, hoch und hehr,
Aus irdischem Gewühle;
Schlafe! was willst du mehr?

Vom irdischen Gewühle
Trennst du mich nur zu sehr,
Bannst mich in diese Kühle;
Schlafe! was willst du mehr?

Bannst mich in diese Kühle,
Gibst nur im Traum Gehör.
Ach, auf dem weichen Pfühle
Schlafe! was willst du mehr?


*Herweghs Gedicht hat freilich auch seine Nachgeschichte:

Preußen, was willst du mehr?
Hör endlich auf zu streiten,
Mach mir's nicht gar zu schwer!
Wir haben ja gute Zeiten
Preußen, was willst du mehr?

Der Handel steht in Blüte,
Es wimmelt der Verkehr,
Das Defizit wird zur Mythe -
Preußen, was willst du mehr?

Laß dir zu sehr nicht grauen
Vor all dem Militär;
Es kommt ja nicht zum Hauen -
Preußen, was willst du mehr?

Und macht heut oder morgen
Er dir das Herzchen schwer:
Bismarck wird alles besorgen -
Preußen - was willst du mehr?

Verfasser unbekannt, 1863 
bezogen auf den preußischen Verfassungskonflikt 1862-66, Bismarck war 1862 Ministerpräsident geworden