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27 November 2017

Die Schiffsreise - Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (2. Buch 19-21. Kapitel)

Neunzehntes Kapitel
Mary war dem schweren Abschied, der mich mit dem ungewissen Schicksal eines Schiffes verband, aus dem Wege gegangen und einige Tage früher von Hamburg nach Hohenhaus heimgereist. Am Tage vor der Abfahrt hatte ich mit Georg einen Besuch in meinem schwimmenden Hause gemacht. Es war ein Stockfisch führender Dampfer der Sloman-Linie. Kapitän Sutor, schlank und mittleren Alters, hieß mich willkommen. Abends gab mir, wie ich es wünschte, Vater allein das Geleit zum Schiff. [...]
Er war ein großes Erlebnis, vielleicht in meinem bisherigen Dasein das größte, weil zugleich mit dem kleinen Frachtdampfer mein eignes Lebensschiff vom festen, vom heimatlichen Ufer stieß und sich – so war mein bewußtes Gefühl – schicksalhafter, uferloser Unendlichkeit überlieferte. [...]
Nachdem Kapitän Sutor mit mir allein einige Male in der offiziellen Kajüte steif diniert hatte, fragte er mich, wie ich darüber dächte, mit seinen Leuten und ihm in der Messe zu essen. Mit Vergnügen nahm ich die Ehre an. Es war ein Beweis, daß ich dem Kapitän nicht mißfallen hatte.  
Seltsamerweise – Systole nach Diastole – verengte sich nun meine Vorstellung des großen und weiten Seewesens zu einem kleinen, sehr gemütlichen, freilich schwimmenden Bürgerhaus. Kapitän Sutor, Maschinenmeister Wagner, der Erste Steuermann, der Bootsmann und ich bildeten sein Konvivium. Dazu kamen zwei Untermaschinisten, einige Matrosen und der immer behaglich am Herde beschäftigte Koch, dessen Ausruhen darin bestand, vor der Kambüse Rüben zu schaben oder Kartoffeln zu schälen. Über dem kleinen Kreis lag der Geist einer stillen Seßhaftigkeit, unbeschadet dessen, daß der Frachtdampfer seine zehn Knoten die Stunde zurücklegte. Nach einigen Tagereisen war ich auf der »Livorno« eingelebt. Ich gehörte ganz zur Familie. Eigentlich war ich mehr ein lieber Besuch, der von allen verwöhnt wurde. Ich brachte die Tagesstunden bei jedem Wetter auf der Kommandobrücke zu, wo ich meist, während Kapitän und Erster Steuermann observierend auf und ab schritten, mit dem dicken, kleinen Maschinenmeister Schach spielte. Wir brauchten acht Tage, bevor wir in Malaga anlegen konnten. Wann hätte ich wohl während meines bewußten Lebens acht Tage in solcher Ruhe und solcher Harmonie zugebracht? Ich empfand das bald, und der Gedanke an ihren Abschluß war mir kein lieber. Herrliche Luft, Weitsicht ohnegleichen, Bewegung bei völliger Ruhe und Verantwortungslosigkeit. Küsten, Schiffe, die Goodwin-Sands, im werdenden Dunkel zuckende Leuchtfeuer, Schifferbarken, Lotsenkutter, Dreimaster, Fracht- und Passagierdampfer, als Punkte auftauchend und wieder verschwindend, manchmal in voller Größe da. Aber immer, ob größer, ob kleiner, unüberbrückbar eine Entfernung zwischen den Gegenständen und uns: uns, den stillgeeinten, ruhigen Menschen. Außer uns wohlzufühlen, hatten wir keinen Beruf. Nie kam eine Zeitung, nie ein Brief, keinerlei Nachrichten, nicht gute, nicht schlimme, erreichten uns, noch weniger hatten wir einen Besuch zu gewärtigen. Das bedeutete ein tiefes Ausruhen, wie es in Zeiten der drahtlosen Telegraphie und des Radio kaum mehr möglich ist. Ich brachte schlecht und recht unsere selbstgenügsame Schiffsfamilie in mein Skizzenbuch. Sutor, über die Barre gelehnt, Falstaff-Wagner, den Bootsmann, den Koch. Daran nahmen die einzelnen teil wie die Kinder. Die Messe war das Innere eines Würfels mit eisernen Wänden. Man mußte sich zwischen Wandbank und Tisch hineinschieben, wenn man bei Frühstück und Abendbrot seinen Platz einnehmen wollte. Das Essen war gut. Es wurden nach Hamburger Sitte auf der »Livorno« nur immer gewaltige Fleischstücke, Kalbskeulen oder Roastbeefs, aufgetragen und dabei viel Tee, weniger Bier und Wein genossen. Es ging nicht anders, ich hatte mich in diesem enggedrängten Kreis wieder als Erzähler aufzutun. Auf das Umgekehrte war ich gefaßt: nämlich Sindbadberichten meiner weitgereisten Seeleute mit offenem Munde zuzuhören. Aber sie wußten nichts und wollten nichts wissen von dem berühmten Fliegenden Holländer oder vom Klabautermann, und so konnten und wollten sie nichts erzählen, sondern nur hören wollten sie. Nie, außer dem kleinen Gustav und der kleinen Ida Krause vor dem Ofenloch im Souterrain des Gasthofs zur Krone und den Kindern von Lohnig im Heu, hatte ich ein so unersättliches Publikum. An der kleinen Messetafel sprach außer mir nur der Kapitän. Der Erste Steuermann, Maschinist Wagner oder der Bootsmann taten den Mund nur auf, wenn der Kapitän das Wort an sie richtete. Aber dieser handelte nur im Sinne aller, wenn er nach und nach meine ganze Lebensgeschichte aus mir herausholte. [...]
Es ist nicht leicht, die psychischen Ursachen meiner Hingerissenheit von damals, mit der ich andere hinriß oder wenigstens in Staunen versetzte, manchmal zum Widerspruch reizte, auszumitteln: große Illusionen beherrschten mich, das wirkliche Glück, das wie ein grünes Meer den köstlichen Segler meines Lebens trug, ließ von ferne glückselige Inseln vor mir auftauchen. Es bleibt ein Wesenszug des Glücks, daß es immer noch höheres Glück erstrebt, dem Unglück darin sogar überlegen. [...]

Zwanzigstes Kapitel

Unser Bootsführer, ein kleiner, halbnackter, sehniger und struppiger Kerl, wurde von einer schönen, mit schwarzer Mantilla bekleideten Dame empfangen. Es war, wie der Kapitän mir sagte, seine Frau. Ich wartete auf dem Flur vor dem Büro des Konsulates, solange der Kapitän darin zu tun hatte. Da kam wiederum eine schwarzgekleidete, diesmal höchstens vierzehnjährige Schönheit, ebenfalls mit dem Spitzentuch um den Kopf, mit mehreren lachenden jungen Herren an mir vorbei, eine Begegnung, die mir Herzklopfen machte. Ich eröffnete mich dem Kapitän. Er lachte und sagte, daß man allerdings hier in Malaga mehr als anderswo seine Brust verschanzen müßte. [...] Liebe ist Mitleid, Mitleid ist Liebe, behauptet Schopenhauer, mit Recht nur insoweit, als überhaupt ein so unergründliches Phänomen mit Worten zu vereinen ist. Und doch verurteilte ich mich als einen Hochverräter zum Tode durch das Schwert, im Gedanken an die ferne Mary, als ich die Finger des spanischen Mädchens mit den meinen eng verschlungen fühlte. Es bedeutete wenig, es ging vorüber. Aber wußte ich denn, wie weit mich die begonnene Bindung fesseln, zu welchen nicht wiedergutzumachenden, selbstverderberischen Schritten sie mich noch verleiten würde? Vielleicht telegraphierte ich an Mary, log, ich sei bestohlen worden oder so, ließ mir Geld senden, kaufte das Mädchen frei oder ging mit ihm durch, ohne es freizukaufen, wurde verfolgt, festgenommen, was weiß ich – und würde an Mary als Schurke gehandelt und sie mit Recht verloren haben. Aber was ging mich das Gestern an? Der Teetisch ward mehr und mehr vereinsamt, und ich und das Mädchen saßen schließlich als die letzten daran. Da sagte ich, daß ich sie zeichnen wolle, holte aus der Garderobe mein Skizzenbuch, und wir folgten einer alten Beschließerin, die uns dann in einem beinahe prunkvoll eingerichteten Schlafgemach, nachdem sie einige Lichter entzündet, verließ.
Treue in Dingen der Liebe erscheint heute manchem lächerlich. Hätte ich sie in jener Nacht Mary nicht zu halten vermocht, mein Leben wäre ganz anders verlaufen. Pilar, die Säule, hatte sich in reiner Nacktheit gehorsam vor mich aufgestellt. Ich betrog mich selbst, wenn ich meiner zitternden Hand, meinem ringenden Herzen, meiner faseligen Benommenheit die Möglichkeit andichtete, diese nahe Aphrodite zu zeichnen.
Die Nähe des Bettes, der leise befremdete, gehorsame Blick, das Ehrenrührige meiner Josephhaftigkeit steigerten mich in eine große Verwirrung hinein, indem ich Pilar zur Mitwisserin meines Kampfes machte. Ich legte allen Kummer und alle Liebe zu ihr, wie ich meinte, in meinen Blick, ich legte die Hände an die Schläfen, ich habe dann ihre Stirn leise geküßt, ebenso leise ihre Schultern berührt, ebenso leise und leiser ihren Busen. Und dann habe ich das Lichtbildchen meiner Braut aus der Brusttasche gezogen und geküßt.
Ich bin von Pilar verstanden worden.
Nie wird man einen gesünderen Körper sehen: straff, edel, ohne Hüften, mit festen, breit auslaufenden Brüsten, wie man sie an den schönsten griechischen Marmorbildern sieht. Alles gesund, straff, bodenwüchsig, und doch – Spital, Opium, Trunk, Untergang. [...]

Einundzwanzigstes Kapitel 
Einen wirklichen Sturm, den einzigen unserer Reise, erlebten wir im Golfe du Lion. Die »Livorno« lief gleichsam in einen Graben von Wasser eingesenkt. Die kurzen springenden Wellen des Mittelmeeres gaben an jeder Seite des Schiffes die Illusion einer bewegten Glasmauer. Es bestand keine Gefahr, aber wir schienen verloren zu sein.
Ich ging in Marseille an Land, weil man mir riet, die schöne Strecke von dort nach Genua mit der Bahn zurückzulegen.
In Monaco nahm ich vierundzwanzig Stunden Aufenthalt, wollte das Kasino besuchen, um den Eindruck der Spielhölle mit mir zu nehmen, wurde jedoch am Eingang zurückgewiesen.
Ich sei noch zu jung, sagte man.
Wie alt man sein müsse, um die Spielsäle besuchen zu können? Man gab zur Antwort: Majorenn. Ich sei majorenn, behauptete ich, worauf man sogleich die Frage stellte, in welchem Jahre ich geboren sei. Überrascht und kopflos gab ich mein wahres Geburtsjahr an.
Der Herr am Eingang lächelte nur: »Sie haben in der Eile nicht richtig gerechnet«, sagte er, »Sie hätten ihrem Alter nicht nur zwei, sondern mindestens vier Jahre hinzusetzen müssen.«
Damit war die Sache abgetan. Ich habe den kleinen Vorfall erwähnt, weil er zeigt, wie ich im Gegensatz zu manchen andern nicht für älter, sondern für erheblich jünger, als ich wirklich war, gehalten wurde: schien mich doch der Spielbankkontrolleur auf siebzehn zu schätzen.
Daß ich mich noch auf dem alten Kontinent befand, hatte ich fast vergessen, als ich in der Dachstube eines Genueser Hotels mein Nachtessen mit einer halben Flasche Rotwein zu mir nahm. Es waren ja mehr als zwei Wochen verflossen, seit ich Hamburg verlassen hatte – es schienen einige Jahre zu sein, in Ansehung des Erlebten und meiner Wesensveränderung.
Allerdings wirkte Genua, verglichen mit Malaga und Barcelona, das wir ebenfalls angelaufen hatten, im europäischenSinne nicht mehr fremdartig. Aber mein neues Wesen sah es nur als Durchgangspunkt. Morgen mußte die »Livorno« im Hafen sein, mich aufnehmen und weiter, mit dem Ziel Athen, in die Fremde forttragen.
Im übrigen, was das Hauptsächlichste war: seit ich in Hamburg den Schiffsbord betreten, lag der alte Kontinent meiner Seele hinter mir, und ich sah auf ihn von Malaga aus und wiederum aus dem Genueser Hotelzimmer als auf einen fern verschwimmenden Traum zurück. [...]

In Genua trifft Gerhart Hauptmann mit seinem Bruder Carl zusammen.
Durch dieses Zusammentreffen, so schön es war, wurde ich in der Folge von meinem Ziel Griechenland abgelenkt. Das Wesen unserer brüderlichen Verbindung und Freundschaft ist nicht leicht zu erhellen. Sie besaß etwas Inniges, Unzertrennliches und, trotz aller schweren Krisen oder gerade infolge dieser Krisen, etwas Siamesisches. Es war in uns ein Zwillingsgeist, ein Zwillingswollen, ein Zwillingsschritt – aber ich war dabei jetzt der Führende. Es lag daran, daß ich schon früh aus dem Pferch gebrochen war, daß ich für mich allein gerungen und gesucht hatte, während für Carl noch die Schule dachte und handelte. [...]
Die kluge Martha Thienemann, Carls Braut, ward durch die Anziehungskraft, die wir aufeinander ausübten, Carl weniger auf mich als ich auf Carl, mit Recht beunruhigt. Wer sollte ihr wohl verdenken, daß sie den Geliebten und seine Neigung für sich allein haben wollte? Aber nicht der Verlust an Liebe allein machte sie besorgt, ihr aufmerksam wacher Sinn sah Carls Wesen durch mich beunruhigt. [...]

Carl fährt ein Stück mit Gerhardt auf der Livorno mit, verträgt die Seefahrt aber nicht und überredet Gerhart dazu, in Italien zu bleiben, statt nach Griechenland weiter zu reisen.

28 Oktober 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (Kap.9-11)

Neuntes Kapitel
[...] Das Kapitel Kinderspiele verlangt ein Buch, das trotz einzelner Anläufe noch nicht geschrieben ist. In gewissen Jahren strebt das Kind, etwas anderes als es selbst zu sein. Es ist Hund, Pferd oder Dampfmaschine. Es kommt das einfache Fangespiel, worin sich Jäger und Wild nachahmen. Mit dem Versteckspiel mag es das gleiche sein. Wochenlang, besonders im Herbst, spielte die proletarische Unterwelt »Räuber und Gendarm«. Und nicht nur hierbei, sondern im ganzen hatte ich mich unter den Banditen der Straße, so zart ich war, zu einem Räuberhauptmann aufgeschwungen. Sie folgten mir, ich führte sie an. Das war beinahe mehr als ein Spiel, weil man eigentlich war, was man vorstellen wollte. Mit wie mancher Schwiele, Beule und Kratzwunde bin ich in mein Bürgerbereich zurückgekehrt. Von meinem siebenten Jahre aufwärts gewannen diese Spiele an Ernsthaftigkeit, und sie lehrten mich Menschen kennen. Eine Gefolgschaft von zwanzig bis dreißig Jungens brachte ich wohl mitunter zusammen. Im allgemeinen standen sie bei größeren Unternehmungen hinter mir. Hie und da aber wurden sie aufsässig, konspirierten zum Teil oder in ihrer Gesamtheit gegen mich. Gelegentlich ging das so weit, daß man die Acht über mich verhängte. Wenn ich dann eine Zeitlang gemieden worden war und keiner der Anführer mit mir gesprochen hatte, bahnten sich meist Verhandlungen an. Dann wurden von mir Offiziere ernannt, ich gebrauchte meine Überredungskunst und brachte, wo das nichts half, Widerspenstige durch Geschenke auf meine Seite. In Fällen von dauernder Widersetzlichkeit griff ich zur Exekution. Ich ging zum persönlichen Angriff über; dann kam es darauf an, daß ich obsiegte. War das der Fall, so entfernte sich meist der Unterlegene schimpfend, heulend, unter Drohungen. Trotzdem ich mein Bürgertum nie hervorkehrte, spürte ich doch bei diesem und jenem den Klassenhaß. Ich wurde mit Schimpfnamen traktiert. Ich erinnere mich, wie bei einer solchen Gelegenheit sich ein Kampf zwischen mir und meinem Verlästerer entspann, der wohl eine Viertelstunde dauerte. Er ging beinah auf Leben und Tod. Erwachsene rissen uns auseinander. [...] 
Als Knabe, ja wohl noch als Kind kam ich dem Begriff des Kantischen Dinges an sich nahe. Ich betrachtete einen Baum, ich beroch und berührte seinen Stamm. Ich stellte mit meiner Stirn dessen Härte fest. Ich sagte: Nun ja, ich nenne dich Baum, ich weiß, du bestehst aus Holz, das brennbar ist, doch was du eigentlich bist, weiß ich nicht. Ich ging auch weiter und machte mich selbst zum Objekt. Was bist du ursprünglich selbst? Was ist ursprünglich dein eigenstes Wesen? Diese beiden Fragen stellte ich an mich. In einem solchen Augenblick vermochte ich hinter mich selbst zu dringen und als Einzelwesen mich aufzugeben. Ich war im Sommer viel allein, und das wurde mir, wohl auch durch Gewöhnung, mehr und mehr angenehm, aber doch nicht so, daß ich Einsamkeit und Zurückgezogenheit nicht immer wieder gern durch einen Sprung ins bewegte Leben unterbrochen gesehen hätte. In weiten Streifen bewegte ich mich während meiner einsamen Stunden in entlegenen Teilen der Anlagen umher, saß in Wipfeln von Bäumen, den promenierenden Kurgästen unsichtbar, oder lag auf den grünen Rasen gestreckt an den Kieswegen. [...] 
Ich ging nicht nur in den Weberhütten, sondern auch in den übrigen Werkstätten der Kleinen als ein Dazugehöriger ungehindert, ja unbeachtet aus und ein, ebenso auch in den einzelnen, bis dahin versprengten Elendsquartieren der Bergleute aus dem nahen Industrie- und Kohlenbezirk. Dem Schmiede sah ich zu, wenn er Hufeisen auflegte, dem von Tuchfetzen umgebenen Schneider auf seinem niederen Tisch bei der Stichelei, dem Schuhmacher auf seinem Schemel vor dem Arbeitstisch, wo hinter den wassergefüllten Glaskugeln die Ölfunse brannte. In diesen engen Schuhmacherwerkstätten sah ich zuerst mit Verwunderung, inwieweit sich kleine Vögel, hier meist Rotkehlchen und Rotschwänzchen, mit den Menschen vertraut machen können. Ohne durch Familien- und Werkstattlärm der eng zusammengedrängten Lebens- und Arbeitsgemeinschaften gestört zu sein, stelzten und flatterten sie herum und behaupteten furchtlos die seltsamsten Plätze: den Kopf der Katze oder den Arm des Handwerksmeisters, während er den Hammer schwang. [...]

Zehntes Kapitel 
Lesen habe ich nicht in der Schule gelernt, sondern am Robinson Defoes und Coopers Lederstrumpf. Gott, dem ich dafür dankbar bin, hat sich einer Frau Metzig bedient, um mir beide Bücher als Geschenke ins Haus zu tragen. [...] 
Durch Robinson und Lederstrumpf haben meine Träume und meine Spiele richtunggebende Nahrung erhalten. Erzählungen bedeuten Träume, mündlich oder schriftlich in Worte gefaßt. Von da ab, als ich am Robinson lesen lernte, wurde ein wesentlicher Teil meiner Träumereien durch Bücher genährt. Wie kommt es, daß ich, der ein mir völlig gemäßes Leben führte, Robinson und Lederstrumpf mit Gier entzifferte und die Lebensform bald des einen, bald des andern Helden leidenschaftlich herbeiwünschte, und weshalb verfallen diesen Gestalten alle gesunden Knaben so wie ich? Auch hier ist Kampf, aber nicht mit Buchstaben, Bibelsprüchen und Rechenexempeln, sondern mit der Natur und in der Natur. [...] 
Und nach der Vervollkommnung, nach der Vollendung dieses natürlichen Zustands sehnte ich mich trotz allem, was mich an meine Umgebung fesselte. Und jeder gesunde Knabe sehnt sich danach. [...] 
Gleichsetzungen wie die meinen mit Chingachgook würde ein moderner Forscher dämonisch nennen: das Dämonische stelle im Gegensatz zu den durch geistige Erfassung gewonnenen Tatsachen das aufbauende Leben dar. Nach eigener Erfahrung glaube ich, daß es so ist. Und so darf man es nicht mit dem Verstande störend schädigen, da es, wie weiter gesagt wird, nur in seinen Auswirkungen zugänglich sei. Es war bei mir mit stürmischen Ausbrüchen der Affekte verbunden. Und ein solcher Affekt, heißt es weiter, sei eine naturnotwendige Erschütterung, um das Dämonisch-Geniale zu wecken. Bekämpfe man im Knaben das Dämonische, schließt der einsichtsvolle Mann, so bekämpft man zugleich das Geniale im Kinde, das auch getötet werden kann. [...] 
Nun also, der göttliche Wahnsinn des Dämonischen hat mich damals berauscht, ich lebte im Zustand einer gesunden Besessenheit. Meine Seele hätte sich überhaupt nie entbrannt und ins Leben gerufen, wenn nicht eben dieses Dämonische die Natur und mich ununterbrochen verwandelt hätte. [...] 
Es blieb meiner Schwester Johanna vorbehalten, ihre reine und gute Absicht vorausgesetzt, mich mit dem Gedanken an Sünde und Sündenschuld zunächst zu belasten. Sie wandte zum Beispiel den Ausdruck Lüge auf die meisten meiner heiteren Phantastereien an und behauptete dann, daß, wenn ich wirklich gelogen hätte, mich der Blitz beim nächsten Gewitter erschlagen würde. Dadurch hat sie mir eine lang quälende Gewitterfurcht ins Blut gebracht, denn daran, daß es eigenwillig strafende Götter geben konnte, zweifelte ich als dämonischer Schöpfer vieler Dämonen nicht. Als ich die Fülle meiner Sünden in meinem Gewissen unendlich vermehrt hatte, tröstete mich Johanna wieder in meiner Gewissensnot, indem sie erklärte, daß Jesus Christus, Gottes Sohn, sofern man bereue, alle Sünden auf einmal vergebe, am Konfirmationstage im Genuß des Abendmahls. Durch den unverantwortlichen, kindisch-mutwilligen Erziehungsversuch einer kindhaften Schwester wurde ich so in das kirchliche Wesen gleichsam beiläufig eingeführt. Wenn man mich also gelegentlich in Grübeleien versunken sah, konnte es sein, daß ich grade mein Sündenregister nachprüfte. Das Kind bedarf keines Heilandes, damit ihm Steine zu Brot werden. Ihm wird auch ohne die König Midas gewährte Begabung alles, was es anfaßt, zu Gold. Aber mein leidenschaftliches Leben, meine seligen Energien, in denen sich ein ernster Werdeprozeß doch stets halb bewußt machte, erlitten durch solche Eingriffe bedeutsame Trübungen. Fortan lebte ich gleichsam nur noch in einer sorgenvollen Glückseligkeit. So, wie sie jedoch war, entsprach sie mir, und ich dachte nicht anders, als daß sie mir durch das Leben treu bleiben würde. Habe ich darin recht gehabt?

Elftes Kapitel 
Nach seiner schweren Krankheit dem Leben wiedergewonnen, genoß mein Bruder Carl eine lange Zeit die Hauptanteilnahme der Familie. Auch den Dachrödenshof – der Großvater lebte noch – hatte Carl längst durch sein gesellig-offenes, lernfreudig-begabtes Wesen für sich eingenommen. Er übertraf mich damals und immer hierin. Ein Kindergeschichtchen, das sich mit ihm im Dachrödenshof zugetragen hatte, wurde wieder und wieder erzählt. Der Großvater Straehler, der würdige Brunneninspektor, hatte sich mit Schlafrock und langer Pfeife, um ihn zu amüsieren, vor dem Dreikäsehoch tanzend in ganzer Größe herumgedreht, was dieser mit kühlem Phlegma beobachtete. Schließlich hat er mit den Worten »Nee, 's is doch ein verflischter Kerl!« seiner Bewunderung Ausdruck gegeben, womit er nach mundartlicher Gepflogenheit in gemilderter Form einen verfluchten Kerl bezeichnen wollte.  [...] 
Schenken, nicht empfangen, war Carls höchster Genuß. Es mochte dabei schon damals ein Werben um Menschenseelen mitspielen. Mutter bekämpfte gelegentlich seine Freigebigkeit, aber er hatte eine schöne, eigenwillig moralische Art, abzuwehren. Er machte auf alle, die ihn hörten, auch Vater und Mutter, Eindruck damit. Sehr weit in meine Jugend zurückgehen müssen seine Tiraden gegen den Eigennutz, die er nach kaum vollendetem zehnten Jahr im Gespräch mit den frommen Tanten im Dachrödenshof, sogar gegen die kirchliche Lehre von der Belohnung des gläubigen Christen durch die ewige Seligkeit, mutig ins Feld führte. Er sagte, wer Gott nur wegen einer zu erwartenden Belohnung liebe, der sei noch nicht anders als ein Hund, der die Zuckerdose anbete. So jung ich war, stand ich bei solchen Behauptungen hinter ihm. Er war im allgemeinen leicht aufgeregt, meist aber, ähnlich einem gewissen spanischen Ritter, aus Rechtsgefühl und aus Mitgefühl. Tierquälerei riß ihn zu rücksichtslosen Protesten hin, bei denen er vor den rüdesten Bauernknechten nicht zurückschreckte.
(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend , 1937)

11 März 2012

Verena

"Verena war eine jungfräuliche Frau, eine schlanke, schwebende Junge in schwarzen Flören. [...]
Allenthalben hatte die schwebende, schlanke, verschleierte Verena den Vortritt.
Auch die alte Exzellenz erhob sich wie erschreckt, als sie Verena vor sich sah, und küßte der Trauernden die Hand, ohne etwas zu sagen. Es schien in diesem Augenblicke, als wenn eine Heilige mit einer Trauerbotschaft hereingetreten, und als wenn alle erstarrt wären.
Um Verena wehte es wie Märzluft. Sie schien von der Fahrt ein wenig gerötet. Aber gar nicht sonst erweckt aus ihrer tiefen Stille.
Man hatte bei der Begrüßung nur flüchtig leise[182] Worte gewechselt. Jetzt war man lange stumm. Alle, auch die Jungen, lauschten sozusagen auf ein erlösendes Wort, das aus den leichtgereckten, flaumigen Lippen von Verena kommen würde, die wie eine Rätselträgerin aufgerichtet dastand.
Verena hatte ihren Schleier zurückgeschlagen. Da enthüllte sich ein Gesicht, rosig und streng, wie ein Engel von Fra Angelico, mit einem lieblichen, scheuen, graudunklen Auge. [...]
Verena pries den Abendfrieden. Man begann von fernen, schönen Dingen zu reden. Von den seltsamen Reizen der Tage, darüber die Jahreszeiten Blüten oder Früchte, goldene Blätter oder weiche Flocken verstreuen. Von dem Leben einer Seele hinter allen Dingen und Schicksalen. Von dem Geheimnis der hier auf Erden unerfüllten Schicksalsläufe. Und wohin die Seelen wohl eingingen, die hier ihren Lauf noch nicht vollendet? Von der Liebe, die wie das Licht wäre, nie stürbe, nur erlöschte, daß es wer weiß welche heimliche Macht immer neu erwecken könnte. Verena schien in solchen Meditationen über sich und die Welt zu leben. [...]
Verena war dann lange brennend solchen Rätselbetrachtungen hingegeben. Es ließ sie nicht los. Sie beherrschte sanftredend oder auch eine Weile [184] tiefstumm den ganzen Kreis. Sie sah in jedes der Gesichter um sie manchmal fragend und grabend hinein, auch wohl unversehens mit einer unsäglich jungen Zärtlichkeit, die wie warme Sonne aufleuchtete.
Keiner der Anwesenden hätte sich auch nur eine Weile von dem Spiel ihrer stillen Mienen weggewendet. Jeder, auch die jungen Komtessen und die alte Exzellenz, blickten liebend auf den feinen, roten Mund und in das blaßsommersprossige, schmale Frauengesicht. Und alle erstaunten heimlich über die Kraft und den Frieden, womit die graudunklen Augen Verenas Harm aussäen konnten und ein hoffnungsloses Ergraben. [...]
Aber Einhart kam ganz achtlos.. Er hatte den Sommerhut in der Rechten und brachte eine lose Freude in seinen lächelnden, graugelben Zügen. Er grüßte schon von ferne heiter und verbindlich. Er hatte zum ersten Male über die weiten Ebenen hinausgestaunt, die sich dicht hinter den Gutsgebäuden und dem Parke dehnten. Er hatte in diesem Augenblicke etwas an sich wie von einem fremdartigen Wanderleben.
Als ihn die alte Schloßherrin vorstellte, sah er mit Funkelglanz seiner Augen in jedes Auge hinein. Ohne doch zu sehen. So war er erfüllt.
Er begann die Landschaft fröhlich zu rühmen und rühmte das seltene Glück solchen Aufenthaltes. Nicht mit lauten Worten. Mit einer Art, die sich launig und leise nur hinausgab, vorsichtig die Eindrücke ertastend, aber mit einem Gefühl der sicheren Frische jetzt aus einer Welt, die ihm deutlich im Auge stand.
Erst lange nach seinen Worten hatte er die junge[186] Frau in dunklen Flören neu angesehen. Da erst begann er zu merken, daß er in eine weihevolle Ruhe mit seiner Freude hineingesprochen.[...] Und Einhart vergaß sich dabei ganz in dem Anblick Verenas. [...]
Etwas war jetzt in ihm nur brennende Sehnsucht.
Er dachte zurück an Johanna. Etwas war damals Erfüllung gewesen, redete es in ihm, und war doch nicht erlöst worden.
Johannas Wesen wehte wie eine treibende Minne mit langen Flören um ihn. Wie ein dunkler, unheimlicher Nachtvogel, wie eine grenzenlose Schwermut. Daß Einharts Herz sich wie im Krampfe zerpreßte, und er unversehens wie gescheucht vom Fenster zurücksprang, von dem schwarzen Flügelaste der Weymutskiefer angerührt, der zufällig gegen das Fenster griff.
Oh! Daß er jetzt wußte, warum sich seine Seele in der dunklen Nacht ganz vereinsamt und tief versunken zu härmen begonnen.
Jene Frau in Flören war nicht Johanna. Johanna war eine Sanfte, eine zärtliche Blüte, eine Ahnungslose, eine kleine, liebende Seele, eine, in der im Wunder des eigenen Daseins die Goldsäume der Liebe flüchtig um die Dinge gegangen. Die nichts gewollt, als eine andere Seele suchen [192] und finden, und nichts begehrte aus ihrer eigenen Brunnentiefe. Johanna war wie ein kleiner Lerchenvogel ins Blaue emporgeschnellt, hatte beglückt auf einem Himmelsflecke stillgestanden, in jedem Morgen neu die Welt lieblich besingend. Und doch auch mit der heimlichen Wunde, die wer weiß welche Sehnsucht der Seele eingebrannt.
Aber das Bild Johannas stand gar nicht vor Einharts Augen. Verena hieß die Frau in schwarzen Flören. Verena zog in der Nacht über die Baumhäupter. Zog in der Reifkälte wie eine dunkle Trauer hin. Zog jetzt in tiefer Stummheit in ihren weiten Mantel gehüllt. Trug eine Seele hin. Trug und herzte sie, wie eine Mutter ein Kindlein herzt. Trug eines Mannes enttäuschte Seele klagend empor an ihrer Brust.
Einhart war von der Vision völlig erregt und erschüttert.
Jetzt begann er zu fühlen, daß sein Herz eines weichen Mantels bedurfte, darein man es hülle, damit es noch einmal rätselgebunden und selig gleichermaßen emporschwebe. Damit es noch einmal ganz aus der Tiefe neu zu leben beginne.
Einhart war so hingenommen von dem aufquellenden [193] Verlangen nach dieser Vision, daß er die Augen wie im Fieber weit aufgerissen, daß er wie im Traumschrecken beinahe laut gerufen hätte, daß er sich sehnte, wie ein Wahnwitziger, wie ein Hungernder, und in einem wahren Herztumulte dastand. [...]
Nie hatte er gewußt, daß es im Blute einen [198] Laut gibt, so unaufhaltsam, so unstillbar tief, so ewig alle Stimmen der Zeit und der Welt überrufend, daß nichts bleibt als diese eine Stimme. Unter den Tieren wanderte er manchmal weit hinaus, ohne Hut, ohne Stab, ganz nur er, einsam und achtlos, daß man ihn schließlich ängstlich ein paarmal suchen kam und ihn an die Ordnung im Schlosse gütig zu mahnen.
Er konnte hier alles vergessen. Er starrte einem Blatte nach, das frei im Winde lebte. Und einem Füllen, das nach seiner Mutter Laut die Ohren neckisch vorwarf.
Er sah auch immer darin eine Weibesgestalt bewegungslos stehen, streng in sich selber und von zärtlicher Güte, wie nur die Schönsten sie haben. Mit der Süße der Züge einer Geliebten und auch eines ein wenig ängstlichen, lieblichen Kindes.
Fern kam es. Fern ging es. Diese Bilder von Verena tauchten von ferne in die Fülle Gefühl, die ihn in der Steppe zum Leben aufrief. [...]
Einhart stand lange so stumm. Etwas in seinem Blute begann sich zu regen, daß er tiefer atmen mußte, um sich dagegen zu betören.
Er fühlte jetzt Verena neben sich schreiten und[207] neben sich ragen in der Freiheit. Es war jetzt wie eine jähe Gewalt aufgekommen. Er begann Seltsamkeiten zu reden mit einem zitternden Tone, als wenn er sänge. Er sprach von den weiten Toren, die hier hinausführten aus aller Trauer und allem Herkommen. Von den kleinlichen, engen Bestimmungen und Zwecken, die die Menschenseele ewig verkümmerten. Er pries ein Leben ohne Ziel, wie jene losen Lüfte es lebten, die mit goldenen Halmen vor ihnen hintändelten. Er sah dem reitenden Hirten nach und der scheuen, sonnengebräunten Hirtin, die ferne hinschritt. Er pries ein Leben ohne Namen und ohne Grenzen, so auf Pferdes Rücken hin, frei und im Gefühle der Kraft, stolz das Weib seiner Liebe zu behüten und am Herzen des Weibes im Zelte auszuruhen.
Seine Worte klangen wie helle Rufe, und als wenn er am liebsten sich hingeworfen, den Boden der Steppe mit der Stirn zu berühren in Inbrunst.
Verena stand neben Einhart. Sie war kindlich erstaunt in ihrer scheuen Fröhlichkeit. Weil sie die Glut in Einhart lohen sah. Die verzückten Worte seiner Rede hatten sie noch mehr aufgeweckt.
[208] Als sie dann beide wieder unter die übrige Gesellschaft traten, und man dem Schlosse langsam zuwandelte, war Einhart ganz für sich neben ihr. [...]
An diesem Abend war man in den Musiksaal des Schlosses gegangen, weil einige der jungen Mädchen gewünscht hatten, Musik zu hören. Ein weiter Raum mit freier Wölbung, also daß die Töne des Klaviers darin voll Wohlklang sangen und wie aus einer tiefen Seele kamen.
Alle hatten sich gleich an die Wände verteilt und saßen in Ecken und Winkel gelehnt und versunken. Weil Verena sich unerwartet ans Klavier gesetzt hatte, wo ihre mattgraue Robe allein noch rieselte.
[214] Sie begann einige Baßtöne anzuschlagen, die im Raume tief surrten. Alle horchten wie erstaunt und beglückt.
Aber sie war unentschlossen. Dann begann sie ein Kinderlied.
Einhart horchte. Der Klang der Stimme allein sang ihm schon ein Schicksal vor. Es klang nicht zerbrochen. Es hallte wie eine Überwindung. Der Ton war anfangs ängstlich und zögernd im Vorwärtsgange. Aber Verena sang durch die leisen Kümmernisse, die sie zurückhalten wollten, sich ganz und gar zu einer freien Feier.
Einhart saß gleich und zerriß sich den Sinn nach diesem Klange, der ihn umspann, wie aus Harfenlauten und Vogelstimmen gemischt. Ein jeder Hall beladen mit einem frommen Geheimnis, das leise hinschwebt. Ein jeder auch ein Zauberstab, dem Auge Gärten voll Blumen zu wecken und seiner tiefsten Begehrung letztes Gefühl. Es däuchte auch Einhart, als kämen die Töne wie Friedenstauben, hinausgeflogen, zu suchen, wo sie in den weiten Wassern eine Stätte fänden.
Wer Einhart kannte, mußte wissen, daß er allmählich dasaß, als wenn es seine Seele selber wäre, [215] die den Raum mit tausend dunklen und hellen Gewalten ausfüllte. Manchmal schienen die Töne, wie wenn Sturmvögel ihr Lied schrieen im Gewitter. [...]
Einhart war derart untätig und verträumt, daß er wie der Hirte draußen stundenlang auf der Viehtränkrinne hocken und mit einem Grashalme spielen konnte von Mittag bis Abend. Er hatte dann auch wirklich gar nichts gedacht. Oder alles war nur flüchtig hingegangen vor seinen Augen. Manchmal auch ein Hohnlachen über sich selber, wenn er an Verenas fromme, blonde Jugend dachte und nicht wußte, ob sie ihn je mit ihren klaren, grauen Augen angesehen. Er träumte wahrhaftig jetzt nicht, wie der Künstler träumte, schnell nur hin zu laufen und die Träume in Farben einzufangen. Er träumte fortwährend die einzige, wirkliche Welt der Einsamkeit [221] vor sich, die Ruhe darin in der Weite der Grasflur, die eine lautlose Welt, und sein Leben darin mit Verena.
Denn Einhart sah Verena Tag und Nacht. Er sah sie fortwährend mit Augen vor sich. Er sah sie in lichter, fließender Schlankheit mit der verspäteten Blume in Händen. Wie eine Liebende sah er sie. Wie eine Tätige sah er sie. Und seine Augen und Sinne schufen sich ewig eine lange Geschichte Lebens und Wanderns mit ihr. Dann lachten seine Augen und sein Mund hell in die Lüfte, ehe sie zu sich kamen, wenn er Verena gegen die tiefen, reinen Lufträume der Steppe mit einem Kinde im Arm hatte aufragen sehen.
Unbegreifliche, jähe Kraft der Einbildung, die Einhart im Leben immer geübt. Jetzt kam diese Kraft zum ersten Male mit eisernem Zwange und wollte das eigene Leben aus sich erfüllen und bemeistern. [...]
Aber wie es bei Einhart manchmal geschah: Im Wagen, in der inbrünstigen Bewegung seiner Ideen, hatte er alle Rücksicht auf Besuch und Abschied bald hinter sich gelassen. Es war in ihm nur der eine Gedanke noch herrschend geblieben, wie er die zarte, junge Verena sehen würde. Die Neugierde seines Herzens und seiner Augen war so hitzig und erregt geworden, daß er nur noch wünschte, so schnell wie möglich in die graudunklen Augen zu sehen, in den Grund dieser Augen, in Verenas Seele, und aus der leisen Stimme eine Entscheidung über sein Leben einzusaugen. [...]
Aber Verena lächelte kindlich zärtlich.
»Sie nennen mich mit dem Vornamen,« sagte sie ganz fröhlich. »Oh Meister Einhart,« sagte sie. »Sie haben mir viel Gutes getan. Wissen Sie das?«
[230] Einhart staunte Verena mit großen, funklen Blicken an und erwartete jetzt jedes ihrer Worte.
»Ich will es Ihnen nur offen sagen, daß Sie mir lieb geworden sind, wie ein Vater,« sagte sie. »Sie haben mich herausgelockt. Ihre Worte klangen mir wie ein Sturmwind, der mir in die Seele fuhr, und allerhand welkes Laub verjagte. Nun lebe ich wieder neu. Nun lebe ich wieder und singe ich wieder. Und beginne mich einzufinden in diese Welt.«
Einhart hörte die Stimme und sah diese ahnungslose Zärtlichkeit ihm zugewandt, sah die fromme, jungfräuliche Jugend plaudern wie ein Kind voll Zutrauen zu ihm, wie zu einem sicheren Hüter über den Tälern. [...]
So war Einhart. Die Kraft seiner Gesichte hatte ihn im Leben noch immer bewältigt. Ihn ganz [233] ausgefüllt und ihm die Besinnung genommen. Und eine höhere Besinnung ins Blut einverleibt als innerstes Ereignis.
So hatte er von dem Traum Verena Abschied genommen. [...]
Einhart war selten mit Menschen zusammen.
Außer mit Poncet.
Viele waren auch gestorben. [...]
Einmal sagte er:
»Zwanzig Jahre und mehr hatte ich als Künstler gelebt und nicht begriffen, daß unser tiefstes Leben nur leben will ohne Rest und ohne Spiegel.
[245] Johanna starb und hinterließ mir diese Wahrheit.
Aber ich begriff sie noch lange nicht.
Das Leben will nicht Belehrung sein, nicht Zwecke haben, nicht Gabe werden, nicht bestimmt sein von tausend Blicken hier hin und dort hin. Adam und Eva noch immer in der weiten, einsamen Steppe, hungrig nacheinander, sehnsüchtig nach Mitfreude, sehnsüchtig nach MitLeiden, hungrig nach Hoffnung, hungrig nach Zukunft. Weil über alle Dränge der Seele auf Erden der Tod sein Zeichen schrieb. Das ist es.«
Und er sagte dann auch: »Verena heißt diese Weisheit. Verena, die vor mir vorüberging ohne Acht, daß sie mir für immer die alte Ursehnsucht zurückließ.«"
Carl Hauptmann: Einhart, der Lächler, Fünftes Buch, 6-14 und Ausklang, S.181-245

Dieser letzte Abschnitt des Romans atmet ganz den Geist der Neuromantik, geheimnisvoll-prunkend und mythisch.
Zum Einführungsartikel in "Einhart, der Lächler"

Johanna

"Die lebendige Blutwelle der Schlafenden raste in Johannas Herzen so arg, daß sie sich umwälzte und neu zu stöhnen angefangen. Daß Einhart [106] wieder mit seiner ganzen Teilnahme an Menschen und Dingen zu ihr herantrat und sie ansah.
Aber Johanna erwachte nicht. Der Bann hielt sie wie mit Krallen. Sie war verödet. Es waren die Blumen und Träume von ihr genommen. So lebte sie es jetzt. Die schönen Kleider, in denen sie Einhart vor sich hingestellt, die Götterzeichen seiner Liebe und seiner Visionen, die waren längst abgefallen, weil sie verurteilt war. Es war noch immer niemand um sie. Es war noch auf demselben öden Dünenhügel. Sie war weit fort verschlagen. Sie war es gar nicht. Es war kein Leben. Nur lebloses Erstarrtsein. Nur bleiches Land. Nur vertrackte Gebilde von weißen Kieseln im bleichen, glühen Sonnenbrande. Brütende Launenspiele von einem ewigen Gestorbensein. Wie nur Knochen und bleiches Totengebein lag sie unter aller hand grinsenden Schädeln mitten auf dem Hügel. Das sengende Licht erstarrt. Die jagende Woge erstarrt. Der Schrei hing erstarrt in den Lüften, bleichend und ganz ohne Hoffnung.
»Ach! – – ach! – – ach!«
Johanna hatte die Augen jetzt wirklich aufgetan und sah in Einharts Blick und hing sich auch gleich[107] mit ihren nackten Armen an ihn. Denn Einhart hatte nicht mehr von der Stelle gekonnt, in seinem Verlangen, die Schlafende zu ergründen.
»Ach, mein Geliebter!« flüsterte Johannas erschrockene Stimme, traumbenommen und sanft flehend, und sie hing sich an ihn, verworrenen Haares, aus der Bleiche ihres geängstigten Lebens so inbrünstig aufweinend, als wenn Einhart jetzt gekommen wäre, ihr die Zauber, die er um ihr kleines, lustiges Leben gewoben, wirklich herunterzureißen.
In Einhart war ein Kampf. Eine widerwillige Blutwelle ging in ihm, die seinen Blick zu ihr starr und weh machte.
»Sinne nicht!« schluchzte Johanna hastig. Und sie hatte sogleich seinen Kopf an sich und an ihre weiche Brust gepreßt, indem sie Einhart mit aller Gewalt festhielt.
»Sinne nicht!« flüsterte sie leidenschaftlich. »Es kann besser werden! Laß uns bald fortgehen!« redete sie in Überstürzung von allerhand Bekenntnissen. »Auch du hast es mit verschuldet, selber,« sagte sie weinend. »Du hast mir zuerst den Satan gezeigt, und meine Neugier geweckt. Und hast mich nie [108] zurückgehalten!« »Mir graust vor den harten Lüsten!« weinte sie kläglich. »Geliebter, ruf mich noch einmal zurück! hilf mir, hilf mir!« bat sie und rang sie. »Ich will wieder werden, was ich durch dich geworden war. [...]
Dann kam es auch, daß Johanna am Ende dieser Zeit zu kränkeln begann. Sie war ohnehin immer sehr zart. Und die allzu kräftige Luft am Nordmeere hatte ihr zuerst schon den Schlaf geraubt. Einhart war sehr böse immer, daß sie nicht gleich alles tat, um zu Schlaf zu kommen. Aber sie war darin unverständig wie alle Frauen. Und sie hatte also die kleinen Mittel, die er manchmal anwandte, um zu große Regsamkeit einzuschläfern, immer noch bittend ausgeschlagen. Bis auch große Appetitlosigkeit und eine nicht ganz natürliche Sanftheit kam. [...]
Einhart sagte oft zu Poncet heimlich: »Ist Johann nicht schon wie eine Vergessende? Rein und grenzenlos? Ihr Lachen klingt mir manchmal, als wenn es von jenseits des Meeres noch zu mir dränge. Ich könnte weinen und lachen zugleich, wenn ich es höre. Ich könnte beständig sitzen und harren auf diesen überwindenden Laut.«
So war es. Johanna zog schon hinaus. Sie zog schon mit hohen Masten auf dem weiten Meere und konnte ferne sehen und tief hinein ins eherne [122] Klare. Sie war nicht zurückzuhalten. [...]
»Ach, Johanna!« sagte Einhart.
»Weißt du. Betrügen ist ein dummes Wort,« sagte Johanna heiter. »Nein, nein, das kann ich dir mit aller Bestimmtheit sagen, daß ich Poncet [126] beständig ersehnt und begehrt hatte. Meine Seele hatte ihn an dem Abend ohne Namen tausendmal gerufen. Er hatte gar keine Schuld. Nicht die geringste. Ich hatte ihn gerufen. Wie ich diese wundersamen Düsternisse anstaunte, die mich blendeten und gräßlich schreckten, hatte ich nach Einem gerufen, der wie ein Räuber furchtlos sein, mich stark anfassen und mich sicher forttragen würde durch die tausend züngelnden Höllenfeuer. Mich! Mich! Mich!«
Johanna schwieg lange, ehe sie leise lachte.
»Ha, ha, ha, ha, damals war ich noch gesund,« sagte sie vor sich hin.
»Poncet mußte mich gehört haben. Mußte es gehört haben, daß ich beständig so gerufen hatte. Er stand zu rechter Zeit hinter mir und preßte seine heiße Glut auf meinen verbleichenden Mund und hüllte seine Seele wie einen Mantel um meine Seele.«
»Ja, Einhart!« sagte Johanna leise. [...]
Da, wie Einhart so in die bleiche, ersterbende, aufstarrende Johanna hineinsah, erhob sie sich immer höher und mit dem weit aufgetanen Auge, wie wenn eine Nachtwandlerin aufstünde, allein dem [129] Monde noch zugewandt und ganz dahin gerichtet, woher ihre Seele jetzt noch Licht gesehen. – Und jetzt tastete sie mit zitternder Inbrunst nach Poncet, seinen Namen mit letzter Seele flüsternd, suchte und suchte sich an ihn zu drängen, seine Lippen heiß und verzehrt zu erreichen und mit dem letzten Atem der Sterbenden sanft anzurühren. –"
C. Hauptmann: Einhart der Lächler, Viertes Buch, 13-16, S.105-08, 114, 121/2, 125/6, 128/9

10 März 2012

Der Abend am Meer

"Johanna mied es noch immer, mit Poncet allein zusammen zu sein.
Aber das Kindstum von früher war in ihr jetzt doch heimlich ganz eingeschlafen. Wenn sie mit dem Hirten unter den Schafen plaudernd stand, sah sie viele Male neugierig nach der Richtung aus, woher Poncet kommen konnte. Poncets überlegene, verachtende Männlichkeit lockte sie sehr. Poncet, der auch Ruhm hatte. Mehr wie Einhart. Der jetzt einer der Ersten zu gelten begonnen. Wo Einhart noch immer den Massen nichts bedeutete, die über seine Bilder nach wie vor Glossen machten. Auch die meisten Kritiker noch, die an das Durchschnittliche gewöhnt, nie die leidenschaftliche Inbrunst der Seele nach dem eigensten, erlesenen Glücke erfahren haben. So geschah es, daß bald in dem Zusammensein der beiden mit Poncet allerlei Verstecken aufkam.
Poncet stand schließlich mit Johanna schon manchmal am Morgen im Lichte auf der Kleestoppel unter den Schafen, aber nur neckisch und kindlich scherzend noch immer.
[86] Dann war doch einmal ein Abend gekommen, der ganz anders war.
Schon der Tag war schwül gewesen. Gegen Abend war in dräuendem Zuge vom Lande her ein Gewitter, Sturmvögel kreischend voran, mit grellen Blitzen und wildem Erdröhnen ins Meer hinausgezogen. Dann lag der Himmel, als die Nacht begann, wieder wundersam reingefegt und glänzte aus Mitternacht her blutrot nach.
Es war gegen acht.
Einhart hatte gleich versucht, von den auserlesenen Farbenspielen der sich enthüllenden Nachtwelt und ihren langsam erglühenden, perlmutternen, finsteren Tinten einiges auf Studienblätter einzufangen. Er war deshalb auf der Höhe, nahe dem bekannten Felsen, sitzen geblieben.
Johanna, die mit Einhart allein am Meeresstrande gewandert war, lockte es heimlich zum Meere zurück. Deshalb war sie von dem Felsen lautlos die Schlucht im Sande, ein wenig tastend, hinabgeglitten und stapfte staunend und geblendet in der unerhörten, aus sich leuchtenden Düsterpracht von Himmel und Meer und Dünenstrand.
Der Dünenhügel, über den sie schritt, ragte körperlich [87] groß und schaurig vereinsamt im fahlen Nachtdämmer.
Das Meer in der Ferne wogte blutrot in grellem Himmelswiederschein.
Der Himmel darüber dunkel gewölbt, ganz doch ätherklar.
Johanna hatte lange ohne Hut und mit nackten Füßen, weil sie bei Einhart Hut und Schuhe und Strümpfe hatte liegen lassen, einsam auf dem Hügel gestanden und trat nur zögernd Schritt um Schritt, in einem unbestimmten, hungernden Verlangen, den Schaumspielen am Strande näher und näher.
Aber wie sie so einsam erstarrt aufragte dicht am Wasser aus dem Meersand, das brennende Auge weit hinausgebannt, schienen die stürzenden, spielenden, schäumenden Purpurfluten immer düsterer und düsterer heranzudrängen.
Das lebendige, treibende Meer däuchte sich immer gewaltiger aufzutürmen.
Unermessene Körpermacht gewinnend, wuchs es düster empor, wie ein grausig sich nahendes Ungetüm.
Zwischen den glühen Purpurflecken gebaren sich,[88] ewig neu dem Blicke, höllische, blaue Dunkelheiten, wie schaurige Gründe, die sie bedrohten.
Draußen in der fernen Dämmerwelt wälzten sich tausend Gewalten in wildem Begehren. Und tausend Gewalten schienen aus Düsternis herzudrängen vom fernsten Meersaum in rasender Eile.
Aufrauschend sich hebend und in Schäumen zerberstend, spielten die Wogen wie bleiche Geister um einen Felsblock, der näher aus den Fluten sich hob.
Und in Johanna brachen ganz langsam die Halte zusammen. Als wenn sich in ihrem Herzen Stützen zerlösten und in dem finsteren Reichtum der drohend lebendigen Meernacht versänken.
Die Wogen zu ihren Füßen schlürften und schlüpften schon um sie, wie wenn tastende Wesen nach ihr griffen.
Die Wogen jagten und schäumten heran. Aber sie rannen unversehens noch einmal zurück, die Angst entlastend und wieder noch eine Minute Zeit gewährend.
In Johanna zuckte die Bedrohung in jeder Fiber. Das Spiel war um sie höllischer und höllischer geworden. Es hatte sie ein Frostschauer plötzlich durchrieselt. In dieser menschenfernen, erstorbenen, [89] purpurglühenden Einsamkeit stand sie allein. In dieser menschenfernen, erstorbenen, purpurblendenden Einsamkeit däuchten jetzt unzählige Blutzungen plötzlich sinnbetörend nach ihrem Kleidsaume zu lecken.
Mit grausiger Gewalt fing es an züngelnd und lechzend nahe zu wachsen. Die Blutzungen rings um sie leckten und schlürften und schlüpften schon nach ihren nackten Füßen, furchtbar begehrlich. Als wenn ein gewaltiger, unerbittlicher Riese nach ihr sich mit unentrinnbarer Sehnsucht zu sehnen begonnen.
Da hatte Johanna sich endlich nach Hilfe umgesehen. Da hatte sie sich noch einmal mit aller Gewalt gehalten, weil der Himmel darüber mit seiner sanften Rosenröte noch einmal flüchtig Trost gegeben. Da ging auch schon ein heiserer Schrei aus ihr aus in die nächtliche Meerwelt, wie Möven schrill und flüchtig rufen. Da hatte sie auch schon jemand von rückwärts schützend angerührt. Da hielt sie längst jemand sicher in seinen Armen. Da preßte jemand sie an sich, und preßte seinen heißen Mund auf ihre bebenden, zuckenden Lippen.
Johanna log sich vor, daß es Einhart wäre. Sie gab sich ganz hin. Leidenschaftlich. Sie wußte [90] es längst, daß sie es nun voll genoß. Sie wehrte sich nicht. Der Schrecken hatte ihre Seele ohnmächtig gemacht und innig brünstig nach einer Kraft, die sie hielte. Und die Kraft war gekommen. Die Kraft hielt sie jetzt ehern gebannt, daß Minute um Minute lautlos zerrann.
Einhart saß noch immer auf dem Felsen, um die farbige Düsterwelt einzusaugen. Er kam erst spät zum Strande, als alle Farben verblichen waren. Das Meer lag jetzt graudunkel unter einem bleichblauen Nachtschein.
Da kamen ihm Poncet und Johanna laut sprechend entgegen.
»Oh, das hättest du sehen sollen,« rief sie neckend, schon von ferne. »Einen furchtbaren Schrecken habe ich ausgestanden,« sagte sie richtig im Übermut. »Und wenn Poncet nicht kam,« erzählte sie dann in allem Ernste, »hätte ich eine Ohnmacht bekommen, wie in dieser Nacht das Meer furchtbar aussah!«
Poncet erzählte sehr gewichtig, daß das Gefühl Johannas, in solchem nächtigen Glutdunkel dem Wogenspiel und dem Himmel mutterseelenallein gegenüber zu stehen, die Seele völlig erschüttern kann, und daß es sich dabei wohl um das gehandelt [91] haben möchte, was die Alten einen »panischen Schrecken« nannten.
»Pan lechzte und züngelte mit tausend Blutzungen nach mir, als wenn die ganze Nachtwelt ein gräuliches Gespenst wäre,« sagte Johanna ganz eingesponnen neu in den Schreck.
»Ich habe genau den Eindruck auch aufgefaßt,« sagte Einhart zufrieden lächelnd, »und werde das einmal malen.«
»Denkt ihr denn, ich wäre umsonst so lange dort oben sitzen geblieben und hätte wie ein Felsen so starr in die seltsamen Verwandlungen hineingeblickt, wenn es mir nicht darum zu tun gewesen?« sagte er noch arglos."
C. Hauptmann: Einhart, der Lächler, Viertes Buch,11, S.85-91

Mir erscheint die Szene dem Jugendstil zuzuordnen, obwohl man im Zusammenhang mit Literatur kaum von Jugendstil spricht. Das Stilisierte überwiegt m.E. die psychologisch genaue Gestaltung. (Die Literaturgeschichte rechnet übrigens Einhart, der Lächler der Neuromantik zu.)
Die Szene könnte mit dem Zerwürfnis Carls mit seiner Frau Martha, geb. Thienemann, zusammenzuhängen, die Carl 1884 geheiratet hatte, ein Jahr bevor sein Bruder Gerhart deren Schwester Marie heiratete. Gerhart wurde nach mehreren Jahren der Trennung 1904 von Marie geschieden, zur Scheidung von Carl und Martha kam es 1908.

Bemerkenswert ist in dem Kontext freilich, dass Hauptmann seiner Figur des Poncet einige Züge von sich selbst verliehen hat und insofern sein Ebenbild in schlechtes Licht rückt.

Kunst, Komik, Kitsch?

"Der weiße, zottige Spitz räsonnierte von Zeit zu Zeit und schoß um die lässigen Wolltiere. Unterdessen Schäfer und Lüfte und Düfte, die Wolken im blauen Himmel und die Augen der Lämmer und der Schafe, und auch Johannas Blicke arglos und wohlig und eintönig verwehend über die Weide tändelten. Das waren Johannas Feierstunden jetzt am Morgen. [...]
Einharts Leben war jetzt ganz innerlich und froh erfüllt, wie das Leben des Vogels im Schattenwipfel[76] oder das Leben der Woge im Meer. [...]
Aber Einhart sah es klingen in Johannas Augen. Johannas Augen sahen groß aus Dunkel her. Ihre sanfte, schlanke Lieblichkeit, so eilfertig heranstrebend, schien nicht anders, als zuzugehören zu dieser blendenden Dünenwelt zwischen Meerflutschäumen und Waldeswehen. Auch Einharts Blutwelle pulsierte dann singend, als wäre er die Seele dieser einsamen Welt von Dünen, von Wald, Felsen und Wogen.
Dann waren die Flatterwinde still. Die leichten Kleider warfen sie in den weißen Meersand. Johannas lieblicher, rosiger Leib enthob sich den letzten [78] Hüllen. Sie sprang mit anmutigem Gezeter alsogleich in die heranstürzenden Wogenschäume. Sie kreischte lieblich. Sie fiel von der Kraft der Wasserstürze gestoßen und tauchte nieder unter die Flut. Da konnte auch Einhart aufjauchzen derart, als hätte er plötzlich die Stimme eines alten Tritonen, so voll. Da konnte er in die hohlen Hände trompeten, als ob er in eine Muschel dumpf tutend hineinblies. Da konnte er hinter der ängstlich kreischenden Johanna drein in den flachen Wellen schaumsprühend springen, mit vollen Händen Diamanten in Sonne und Lüfte und über Johanna unbarmherzig schöpfend und sprühend."
Carl Hauptmann: Einhart, der Lächler, Viertes Buch, 10, S.74-78

Begegnungen

Einhart und Doktor Poncet
"Einharts Augen waren jetzt immer sehr wach. Er war jetzt auf dem Menschenfang, wie er es nannte. So begegnete er in einem vornehmen Hause der Stadt einmal einem Gelehrten, der so dunkel und verschlossen war wie er selbst.
Beider Augen hatten sich erst wie zufällig nur begegnet.
Dann am Kamin waren sie zueinander gekommen. Sie sprachen dabei nichts.
Doktor Poncet war von herrischer, wegwerfender Gebärde und dachte nicht daran, jeden [44] gleich anzusprechen. Und Einhart lächelte nur ein wenig. [...]
Es gab durchaus gar keine laute Bewegung. Die beiden starrten nur in das Loderfeuer des Kamins. Nichts weiter zuerst lange. Doktor Poncet sah dann, immer mit unterstützten Armen sich haltend, seiner Zigarre Glühende an, desgleichen Einhart auf den Glühfleck seiner Zigarette sah. Das Feuer flammte und die Scheite knackten.
»Feuer ist schwer zu malen,« sagte Poncet endlich, weil er sich jetzt erinnerte, daß Einhart Maler war.
»Gott ja,« sagte Einhart. Dann standen sie wieder, ehe sie sich auch einmal flüchtig in die Augen sahen.
So begannen sie langsam zu fühlen, daß sie sich[45] viel zu erzählen gewußt. Um so hartnäckiger schwiegen sie."
Carl Hauptmann: Einhart der Lächler, Viertes Buch, 6, S.43-46

Einhart und Johanna
"Er ging mit Poncet Arm in Arm. Denn Poncet liebte Einhart, und Einhart Poncet. Ein jeder, wie es kam, hatte bald, wenn sie so gingen, den Arm in den des andern vertraulich eingelegt. Nun eben war es, daß Einhart in der sonderlichsten Laune Poncet plötzlich losließ. Es schneite weich und die Flocken tanzten.
»Nein,« sagte er nur, »hier werde ich mich nicht groß besinnen und einfach zurück die alte Fährte gehn!« [...]
[50] Einhart lief, was er konnte. Das Mädchen war wieder in seiner Nähe. Sie war schlank und hatte einen eiligen Schritt. Offenbar ging sie mit einem Ziele. Einhart war kindlich erregt, neugierig und lustig. Er kannte auch gar keine Scheu und Rücksicht. Ihre Augen hatten wie sammetene Blätter geschienen. Dunkel und großäugig hatten sie ihn angeblickt, wie Eulenaugen. So tief, wie wenn es Weisheit gewesen, die ihn angesehen. So lief er jetzt nur schnell vorüber und blickte sich nach den Augen wieder um.
»Nein, um keinen Preis dürfen Sie mir jetzt entwischen,« sagte er hastig.
»Wie?« sagte das junge Fräulein nur, als wenn sie ganz arglos wäre und gar nicht weiter auf ihn geachtet.
Da stand auch Einhart in seinen langen Mantel gehüllt schon vor ihr mit seinen lächelnden Augen voll kindlicher Freude, sah ihr prüfend drollig ins Gesicht und machte sie so im Laternenscheine und Flockenspiele lachen.
»Lachen Sie nur, mein sehr gutes Fräulein! Aber ich muß um jeden Preis noch einmal Ihre Augen sehen, ehe ich es glaube!« sagte er bestimmt.
[51] »Was glaube?« sagte das Fräulein, das eine sanfte, bleiche Miene hatte und dessen Augen in Wahrheit groß schienen wie Dunkelflecken.
Der Schneefall trieb und tanzte um sie.
»Ach, nein, nein! so etwas Wunderbares!« sagte Einhart ganz inbrünstig. »Ich muß Sie um jeden Preis wiedersehen.«
»Wenn Sie meinen!« sagte das Fräulein, kindlich wie er. Denn Einhart gewann durch Ton und Glück seines Erstaunens gleich einen Eingang in ihre Seele.
»Wenn es nur meine Augen sind!« sagte sie sanftmütig und brach dann plötzlich richtig in Kichern aus.
Da gingen sie schon miteinander."
Carl Hauptmann: Einhart der Lächler, Viertes Buch, 7, S.49

Poncet und Johanna
"Nun: Einhart konnte plötzlich ein Gefühl nicht loswerden, als wenn er jetzt erst ganz die eigene Kunst gefunden. Er sah rein nichts sonst. Er fühlte nur, als wenn jetzt der letzte Zwang plötzlich gewichen und er frei geworden wäre zur eigensten Betriebsamkeit.
Dazu kam, daß Johanna einen echt mütterlichen Zug hatte. Sie begann für Einhart zu sorgen, um den sich all die Jahre nur höchstens einmal eine gutgelaunte Wirtin zufällig umgesehen. Jetzt saß Johanna stundenlang bei ihm am Tage und versah allmählich alles.
Es war garnicht gut für Einhart. In der ersten [60] Zeit kam deshalb Einhart wochenlang nicht mehr auf die Straße. Und bald hatte sich Einhart an Johannas Anwesenheit derartig gewöhnt, daß er rein nichts zu tun vermochte, wenn nicht die ein wenig dumpfe, kindliche Plauderstimme um ihn und in seine Arbeit hineinfloß.
Doktor Poncet kannte Johanna jetzt auch längst. Er hatte sie auch gleich gern gehabt. Ihm war unsäglich wohl nur schon deshalb, weil ihm in den beiden Räumen, von denen der Atelierraum groß und geräumig war, nichts als eine arglose Menschlichkeit und ein rechtes Lebensvergnügen entgegenkam. Daheim bei ihm war das anders. [...]
Einhart hatte jetzt einigermaßen auskömmlich zu leben. Obwohl das auch noch schwankte, was ihn garnicht weiter anfocht. Denn jetzt, wo er mit Johanna lebte, war er schnell in eine wahre Arbeitsleidenschaft [61] hineingerissen. Daß Bild um Bild aus dieser Erhitzung aufging.
Und auf allen Bildern erschien jetzt Einhart und Johanna. Einhart malte jetzt sich in allen möglichen Schicksalen und Gefühlen, und immer Johanna dazu, als eine süße, selige Begleitung, als die eigentliche Melodie des Lebens, um die es sich allein lohnte, solcher Musik zuzuhören. [...]
Der Ausdruck des strengen Wächters über seiner Liebe ging durch alle Bilder hindurch. Der sanfte, arbeitversunkene, spitzlächelnde Einhart wußte es gar nicht, daß einer immer jetzt sich so fehdehaft und kampfsicher aus ihm hinausgab. Doktor Poncet [62] stand oft heimlich erstaunt über die Fülle und Kraft solchen Ausdrucks, und über die schwebende Seligkeit, die durch solche Kontraste sich ins Blut schrieb aus den durchaus stummen Malerspielen. [...]
»Man muß es mit den Sinnen greifen. Nur mit den Sinnen hält der Mensch sich fest in der Welt, wie der Baum mit den Wurzeln in der Erde.«
Einhart sagte es nicht. Aber Poncet sagte es jetzt,[68] weil es Einhart lebte. Poncet begann allmählich kindlich zu lachen wie Einhart. Wenn er kam, saß er stundenlang. Johanna fand ihn angenehm. Ihre Eulenaugen sahen zu ihm hinüber. Ihre Augen waren immer zärtlich im Blick. Poncet begann sie oft anzusehen. Einhart fühlte, daß Poncet sich heimlich neu zu sehnen angefangen.
»Die kleinen Handreichungen des Lebens sind es,« sagte er einmal vor sich hin. Er sah Johanna oft nicht mit bloßer Achtlosigkeit an.
Und einmal war es gekommen, gegen das Frühjahr, wie Einhart zufällig nicht daheim war. Da hatte Poncet lange nur stumm dagesessen und hatte Johanna dadurch geradezu verlegen gemacht. [...]
Außerdem sind die brennenden Blicke dunkler Augen, wie die sehnsüchtigen Poncets eine wundersame Sprache des Preisens. Das Herz der Frau wird neugierig. Die Eulenaugen Johannas baten gegen Poncet, wie er so immer noch stumm als [69] Schatten auf der Skizzenkiste unter dem großen Atelierfenster saß. Aber sie versuchten Poncet auch um so mehr.
Die Neugier Johannas war so hart in ihr geworden, daß sie einfach nicht mehr hinaus konnte. So blieb sie und hantierte lange vor Poncet. Eine Weile dachte sie noch immer, daß Einhart kommen müßte. Aber je mehr sie hoffte, desto bestimmter sprachen ihre Blicke Sanftheit hin in den stummen, in sich verzehrten Poncet.
»O Gott Gott!« hatte er schon manchmal vor sich hin gesagt. Jetzt rang er heimlich sich zu überwinden. Aber Männer, die die Leidenschaft zu früh blind gemacht, stehen unter einem unentrinnbaren Zwange.
»O Gott! nein! daß Einhart nicht kommt!« stieß nun auch Johanna heraus, gleichsam seine Angst vor sich aufnehmend, und weil auch schon die Dämmerung in den Raum spann. Dann griff sie endlich eine leichte Hülle, einen bunten, leichten Seidenschal, um doch noch jetzt hinauszufliehen. Da waren Poncets Süchte plötzlich hart aufgebrannt, daß er sie atem-und lautlos von der Tür zurück und an sich gerissen und sie sinnlos hastig und heiß brünstig geküßt hatte.[70] Johanna in ihrer Kindlichkeit hatte sich lange küssen lassen, mit hastigem, aber nicht starkem Widerstreben und hatte dann erst noch eine Weile drollig zärtlich gelacht, ehe sie unversehens ebenso hart aufgeschluchzt.
»Wie? Was? Pfui! Pfui! o! Nein nein! nein aber, wie Sie nur können!« hatte sie noch herausgestoßen, als Einhart auf der Treppe draußen hörbar wurde.
In demselben Augenblick hatte Johanna gleich mit ihren Eulenaugen zärtlich zu Poncet hin gebeten, reckte sich aufrecht, sich gleich einfindend in eine gleichgültige Hantierung. Und als Einhart mit einem Strauß Maiglöckchen eintrat, ganz beglückt nur von der Absicht sprechend, bald in eine ländliche Einsamkeit, ins Gebirge oder ans Meer zu gehen, saß Poncet wieder als Schatten gegen das Dämmerlicht. Einhart war ganz achtlos und arglos."
Viertes Buch 8 und 9, S.59-70

08 März 2012

Einhart, der Lächler

Carl Hauptmann, der ältere Bruder Gerhard Hauptmanns, ist inzwischen fast vergessen und damit auch sein Roman "Einhart, der Lächler", über "Einhart Selle, der sich von gesellschaftlichen Erwartungen löst und in Naturbetrachtung zu sich selbst findet" (Wikipedia). Zu Recht?

Einharts Eltern
"Sie war wirklich eine Zigeunerin von Blut. Sie hatte wohl als einzige Tochter im Hause gegolten. In Wahrheit hatte man das Kind an der braunen Brust einer Zigeunermutter, die betteln kam und sich krank hingeschleppt, gesehen, es richtig gekauft und angenommen an Kindesstatt." (Erstes Buch,1 , S.5)
"Er hatte sogar im Traume oft nur Zahlen in seiner Seele." (Erstes Buch, 1, S.8)

Fräulein Resedas Wohnung
"Aber Fräulein Resedas Wohnung, der begegnete man nirgends. Man kann ohne weiteres sagen, daß Einhart einfach vergaß, daß Fräulein Reseda einen Buckel hatte, sofort, als er eingetreten. Daß Fräulein Reseda einen Kropf hatte, der aus der Mantille heraussah. Er sah nur noch das lange, hagere, feine Gesicht mit der Nase, die ihm nicht mehr lang, nur sehr ausdrucksvoll sanft auf alles zu weisen schien, was die schönen Dunkelaugen sprachen. Gewiß war die Haut von Fräulein Reseda welk. Aber das Gesicht hatte einen Rahmen schwarzer, voller Scheitel unter dem Chenillenetz, und das schlichte, fromme Kleid, das sie trug, erinnerte ihn an ein altes Stammbuchblatt, das Frau Selle einmal früher, als sie in alten Sachen kramte, von der Großmutter gefunden und sogleich zerrissen hatte, weil sie damals gemeint, das wären auch solche Dummheiten gewesen, die man früher betrieben.
[160] Nun, zu allernächst muß von der Wohnung geredet werden. Daß sie im vierten Stock lag, hatte der Seele der Wohnung gar nichts anzuhaben vermocht. Um so wunderbarer kam es jedem vor, der aus dem dunklen Bodenraum hineintrat. Man hätte hier gedacht, nicht einmal niederen Dienern, stumm und devot und unzugehörig, geschweige gut bezahlten Stadtmusikanten zu begegnen, nur etwa müdem, abgenutzten Gesindel, wie es in Einharts Stube dürftig zusammengelesen. Und nun sah man es gleich, daß darin nur wirkliche, stille, liebe, alte Vertraute zusammenstanden, wirklich Vertraute, mit langen, tiefen Schicksalen.
Allein die eine Wand gegen die beiden Fenster war schon rein wie ein Altar der Liebe, so däuchte es Einhart, wie er eintrat. Da stand ein bauchiger Schub mit goldnen Griffen und einer Decke von Mutterhänden mit Blumen durchwirkt, bunte, farbighelle Sterne, einer anders als alle, und in stillen Stunden, wenn Fräulein Reseda in der Dämmerung noch ohne Licht saß, begannen diese Blumensterne sich zu einem Bilde voll liebenden Lebens zu ergänzen, erwachten auch die Hände mit der dünnen Haut und den blauen Adern – und den [161] großen Nadeln und die Augen voll Bläue und die ganze, liebe, haubenumrahmte Muttergestalt neu. Und Fräulein Reseda konnte allein aus dieser Decke eine ganze, lange Geschichte voll beseligender Erinnerung, wie die Biene aus einer Blume Honig ziehen.
Und auf der bunten Blumendecke stand eine Uhr, das seltsamste Stück, aus schwarzem Holze, mit einem großen Auge von Zifferblatt mitten wie eine Sonne in einem Tempelgiebel, der von Säulen getragen war. Und der Perpendikel schwang dazwischen und pendelte auch noch in einem prismatischen Spiegel, daß er zur rechten und linken Seite immer sich auch noch einmal entgegenkam. Das alles wäre nur fesselnd gewesen. Auch, daß diese Uhr sauber mit Goldblumen besetzt war und überhaupt ebenso gut in einem Schloß auf einem marmornen Kamin wie in dieser stillen Heimstätte einer frommen Menschenfreundin hätte ihr Stundenlied pendeln und pinken können. Wenn nicht auch hier noch außerdem eine alte Schicksalsmelodie daneben geklungen.
»Diese Uhr gefällt Ihnen?« hatte Fräulein Reseda gleich, auf den erstaunten Einhart blickend, gesagt.[162] »Ja, das ist nämlich ein kleines Wunder. Soll ich Ihnen die Geschichte erzählen?«
»Erzählen Sie gleich,« hatte Einhart nur neugierig erwidert.
»Mein guter Vater hätte alles in der Welt, nur dieses Stück nicht hergegeben,« sagte da Fräulein Reseda. »Was daran wahr ist, weiß ich nicht. Dergleichen Sagen gibt es ja wohl manche in alten Familien. Sie sind nur ein Phantasiespiel der Liebe um unser Herkommen, um unsere Vergangenheit sozusagen,« erklärte sie. »Aber es ging die Sage, daß ein Elf meiner Urmutter, die eine alte Adelsherrin auf einem Herrschaftssitz war, diese Uhr, eine Kette und einen Becher zutrug.« Und nun hatte sie ausführlich alles erzählen müssen, was Einhart unsäglich berückend schien, und ohne Farbentafel ein eitel vorüberwehendes, beglückendes Traumbild.
»Erzählen Sie mir alles,« hatte er sie mit verzehrtem Blicke angesehen mit seinen Glutaugen und mit einem Lächeln tiefster Erregung, gar nicht einfältig, obwohl in ganz innigversunkener Hingabe, wie sie ihm in dieser ganzen Akademiezeit nie aus Seele und Auge aufgeblitzt. Denn hier [163] auf einmal begannen sich Sehnsuchten zu stillen. Hier duftete etwas gar nicht nur wie Reseda. Hier schien wirklich von lange her ein einsames Glücksland.
»Also einen Becher und diese Uhr und eine Kette brachte der Elf?« Einhart war ganz im Wunder.
»Meine Urgroßmutter hatte nämlich gerade einen Knaben geboren und lag im schweren Himmelbett im Schlosse in den Wochen,« erzählte Fräulein Reseda. »Innig verpflegt, brachte sie ihre Zeit in Halbträumen zu. Und manchmal, wenn sie die Augen auftat, schien in dem Dämmerraum eine kleine, feine Flamme von einem Öllämpchen her, das auf einem Ecktische stand.«
»Und in einer Nacht hatte sie eine Erscheinung. Ein kleiner, bärtiger, wetterfester Kerl, der kaum zum Bett aufragte, steht gegen den Schein. Zuerst hatte sie ihn für einen Kleiderzipfel gehalten, der vom Bettstuhl ragte. Dann erkennt sie ihn, weil er ganz dienstwillig sein Zipfelhütchen lupfte und sie flüsternd anspricht: ›Du birgst ein Kind hier im Schutz. Und das ist gut. Aber mein Weib hat auch ein Kindlein geboren und sie kann es nicht schützen vor deinem Öle‹, sagte der kleine Mann ganz voll [164] Kummer. ›Hätten wir hier nicht rasten gemußt, weil zu gleicher Zeit wie deine auch meines Weibes Stunde kam, wir wären nicht hier. Oh, Herrin, sieh nur hin! Deine Öllampe sickert Tropfen um Tropfen durch die Tischspalte, und die Tropfen fallen gerade auf mein Weib und Kind. Gebiete doch, daß man die Lampe auf einen anderen Platz stelle.‹«
»Am Morgen dachte meine Urmutter hin und her über den Traum. – Aber der Traum wiederholte sich die folgenden Nächte. Und endlich nach dem dritten Male befahl die bleiche Wöchnerin, die Öllampe auf einen andern Platz zu tragen.«
»Und was geschah?« fragte Einhart eifrig, dem der feine Mund im graubleichen Gesicht offen blieb, daß man seine gelben Zähne sah.
»Ja, nun raten Sie einmal!« sagte Fräulein Reseda drollig gewichtig.
»Um aller Welt Wunder willen, wer kann solche Entzückungen aus der Luft greifen?« gab Einhart ganz ernst zurück und schwieg.
Da lud ihn Fräulein Reseda vor einen gläsernen Schrank, der von vier Mohren gehalten dastand, [165] und öffnete lange nicht, weil sie selber ins Träumen geraten, nur lächelte. So daß nun beide von dem kleinen Öllämpchen träumten, und wie Tropfen um Tropfen auf das winzige Elfenbett niederfiel als wie der Schlag der Stunde.
»Oh die Sache löste sich wunderbar,« rief dann Fräulein Reseda. »Denn in der vierten Nacht erschien das Männlein wieder und sagte, indem er einige schwere Dinge heranschleppte: ›Ihr habt mein Prinzeßlein gerettet. Mein Weib ist schwach und bleich noch wie Ihr, aber sie sieht mit leisem Lachen auf das Kind. Die Tropfen fallen nicht mehr, sie zu bekümmern. Habt Dank und nehmt, was ich Euch bringe! Solange Euch die Uhr schlägt, wird Euer Haus eine glückliche Wohnstätte sein! Solange Ihr aus dem Becher trinkt, werdet Ihr süße Träume haben! Solange die Kette am Halse der Schloßfrau blinkt, werdet Ihr in Menschenliebe wandeln!«
Fräulein Reseda öffnete jetzt und zeigte Einhart alles, den Becher aus einem Stück Bergkristall, die feine Kette aus grünen Steinen, die sie gleich unter ihrem Halskräuschen hervorzog. »Man muß seine wahren Güter heimlich tragen, weil sie mehr [166] wert sein müssen, als nur zu prunken,« sagte sie neckisch, als sie sie vom Halse abzog und ihm hinhielt.
Nun, weiß Gott, Einhart war das alles, daß ihm die Augen weiter wurden.
Die Geschichte hatte Fräulein Reseda nur so anspruchslos hinerzählt. So kam und ging es aber an allen Enden, vor Bildern seltsamer Ahnfrauen und vor Tischen und Schüben. Aus jeder Ecke ragte eine Geschichte, eine Fülle von Ereignissen, wovon in dem Glasschrank voller kleiner Spielgeschmeide schon allein an die Tausende saßen. Nicht etwa aufbewahrt, damit es andere hören oder sehen sollten. Ganz und gar nur zur Liebe für die Eine, wie überhaupt die ganze, feine, duftige Wohnstätte des einen, einsamen Fräulein Reseda.
Sogar an den Fenstern besah Einhart lange Zeit versunken weiße, schattende Lichtbilder aus einer alten Zeit, wie Schäferspiele holde Dinge. Und Einhart achtete gar nicht, daß er vor dem Nähtisch des Fräulein Reseda versunken saß, vor den drolligen Gesichtern der elfenbeinernen Stopfkugeln im bunten Nähkorbe und den Nußknackern, die Nadelhalter darstellten. Alles hier atmete und hauchte feinen Sinn und liebes Leben. Er wußte [167] gar nicht, daß er tatsächlich neugierig wie ein Dieb herumschlich und dann ohne Erlaubnis den Nähschub aufgetan, um tausenderlei Ringwerk, feine, bunte Kinderkettchen auch, lustiges Schnitzwerk und metallnes Knöpfelzeug, und dem Auge insgesamt so recht lüsterne Dinge auszukramen.
Alles das gehörte zu Fräulein Resedas ganzem Leben. Und es däuchte ihm, daß er jetzt Fräulein Reseda gut kannte. Und es däuchte ihm auch, als ob er schon einmal im Traume auch vor diesem Nähtisch gesessen, mit den bunten Blinkeflittern gespielt, die Lichtbilder gegen die abendgeröteten Fenster in Vision gesehen, den ganzen, vielgestaltigen, winzigen Nippkram des Glasschrankes angestaunt, den feinen, spitzen, fremden, kühlen Ton der Tempeluhr hätte pinken hören, fast wohl gar in einer andern Welt.
Und wie dann Fräulein Reseda, als Einhart noch immer versunken gesessen in allerlei Traumspielereien, gar ihr ein wenig gläsern klingendes Klavier geöffnet und weich anschlagend fromme Töne voll fremden Wohlklangs hineinschlang in die Stille, war Einhart zum ersten Male ganz und gar in einem neuen Wunder."
Zweites Buch, 10

Einhart lächelt
„Er war mit seinen Gesichten allein, die immer mehr leibhaftig wurden. Das hielt ihn immer neu aufrecht, wenn die Anfechtungen der Sehnsucht in ihm aufschrien. Daß er schließlich vor dem entstehenden Bilderwerk zu lächeln vermochte.“ (Drittes Buch, 16, S.309)
„Er hatte damals gelächelt, als der Brief von Frau Rehorst ihm alle Seligkeit gleich auf einmal ausgeblasen. So ist die Welt und geht der Frühling vorüber. Er war es schon ein paarmal jetzt gewahr geworden, daß die Seligkeiten im Blute hinrinnen, wie Lieder mit Anfang und Ende.
»Jedes Ding hat eine lebendige Grenze. Und jedes Glück. So ist es,« sagte er. Er hatte nur gelächelt, als es ihn damals hinausgetrieben, und er vom Malen nicht hatte mehr seelensatt werden können.
Aber »Einhart« war es noch immer. Nur hatte er einen Blick, der wie ein sicherer Dolch aufblitzte jetzt, wo er sich erhob.“ (Viertes Buch, 1, S.5)

Einhart beschäftigt sich mit Philosophie
Einhart versank in ernste Studien. Er las jetzt mit wirklicher Begier Philosophie. Da war er nur gerade schlecht beraten zuerst. Er griff da einen [35] langen Zopf, der dem Chinesen im Westen hinten hängt. Man nennt es Geschichte der Philosophie. Ein uraltes Bild, was man so die Philosophie der Alten nennt. Tausend Stümper haben es übermalt. Es versuchte so mancher zu bessern und zu streichen, was originale Menschen aus innerstem, eigenem Lebens- und Schauensbedrängnis zur Klarheit gestaltet.
Es ist ziemlich unkenntlich, alles daran. Und von dem Ursprung nicht mehr viel Spur.
Das merkte Einhart.
Er kam mit wahrem Verlangen. Er hatte gar nichts gelernt. Oder besser, er kam mit dem natürlichen Drange, eine Welt, die sich ihm reich und heiß darbot, zu ergreifen mit Sinn und Seele allenthalben.
»Das nennt ihr also Philosophie?« sagte er zuerst ganz erstaunt, als er die Berge des gelehrten Wissens ansah.
»Gibt es nicht Männer, in denen sich wirklich die Welt in ihren wahren Mächten spiegelte? Gibt es nur solche zerstückelte Weisheit? Hirngespinste von tausend Begriffen, in denen sich nicht einmal Fliegen fangen? Gibt es nicht Männer, die die Welt [36] klar anschauen, also daß man in sie einsehen kann wie in einen kristallenen Wassergrund, auf enger Scheibe das ganze, weite Eine?
So suchte er immer wieder nach Menschen.
Und es kam auch, wie er durch den Vorhof, die geilen Reminiszenzensammlungen und Retouchieranstalten, durch allerlei Kommentare von Kreti und Pleti, durch die Stätten der unpersönlichen Fruchtbarkeit flüchtig hindurchgegangen, daß ein paar Heilige selber ihm endlich wirklich begegneten.
Einhart stand plötzlich vor Spinoza. Der dunkle, bleiche, wortkarge, jüdische Mann entzückte ihn. Er hatte Mühe, sich in seine Strenge einzufinden. Er sah ihn beständig versunken über seine mühsame Arbeit gebeugt. Mitten in das Lesen der Worte dieses Vertieften hörte er manchmal plötzlich das Surren des Schleifrädchens, das er mit seinem Blicke verfolgte. Denn der irdische, äußere Mensch dieses Juden saß angebunden an die irdische Leistung, indes sein Geist selbstvergessen den Zwängen der Menschenseelen tief nachsann.
So persönlich das Werk, so ganz selbstvergessen der Mensch zugleich.
Zum ersten Male begriff Einhart mit dem in sich[37] gewissen Blick dieses Erkenners die Zwänge von Launen, Lieben und Leidenschaften der Menschen, die, wie Wolken- und Weiterspiele den hinausgeworfenen Erdball, so die einsame, hinausgestoßene Menschenseele umdrängen.
Die entsagende Weisheit solchen Betrachters, der ohne eigenen Anspruch, ohne auch nur leises Erzittern des eigenen Spiegels, Leiden und Leidenschaften des Menschen, ohne Hauch eigener Leidenschaften, bemaß, erregte ihn förmlich. Die erhabene Ruhe und durchdringende Macht, mit der dieser kranke, jüdische Glasschleifer den unentrinnbaren Verkettungen in den Seelen nachtrachtete, ohne je Wunsch und Plan eines engen, eigenen Lebenskreises anmaßlich und trübend seiner eisklaren Schau zuzumischen, dünkte Einhart das unverlierbare Gleichnis der reinsten Hingabe des Menschen an seine Quellen.
Dann las Einhart in sonderbarem Zufallsspiel Schopenhauer. Das griff ihm sehr ans Herz. Aber weil er sich auch immer wieder die Welt mit Sinnen besah, konnte er das grausige Urgespenst des Willens vor tausend schönen Ordnungen der Dinge und den liebenden Sehnsuchten nach deren reicher Gestaltung nicht immer entdecken.
[38] Und seltsam vor allem, daß er nach dem stillen Frieden in Spinozas Schleiferzelle nie ganz vergaß, daß er nun einen unwirschen Griesgram vor sich hatte, dem er zwar mit schuldiger Devotion vor dem hohen Flug und dem weiten Umblick manchmal fein zulächelte, weil auch er Hohn und Verachtung gut kannte, aber auch oft mit sicherem, klaren Worte entgegentrat.
Einhart begriff nicht, daß es ein Weltleid gäbe, weil er meinte, daß nur der Einzelne immer wirklich leide. Das wirkliche Leiden schien ihm begrenzt in dem engen Becher der Vereinzeltheit. Und das Maß dieses persönlichen Leidens däuchte ihm nicht um ein Jota vermehrbar, wenn er die einzelnen Personen zusammenreihte. Leid und Freude dünkten Einhart gleich nur eine schwankende, leise Begleitung in der weiten Ordnung dieser Welt und dem weiten Meer der Seele darin. [...]
Am Ende brachte ihm der Zufall noch Platons Welt in die Seele.
»Da haben wir den Seher, den ich gesucht,« rief er vielemale im Lesen. Und er saß unter den schönen, jungen Griechen selber bekränzten Hauptes in Rausch und fröhlichem Widerstreit, daß er sogar die äußeren Augen weit aufriß.
»Diese Welt ist ergriffen mit Auge und Ohr, mit Geruch und Geschmack, ist wahrhaft angeschaut,« rief er entzückt. »Und die Ideen sind wie Arome, die der leibhaftigen Blüte entsteigen.«
»Seht doch unsre Duftmacher, die uns Arome eintränken wollen und haben nie die Blüten gesehen.«
Jeden Schritt hin und her auf den Fliesen im Hofe hörte Einhart hallen, das Poltern der Berauschten an den Läden machte ihn lachen, jede Geste und jeden Geist griff er in wahrem, sinnlichen Gewande. Damit kam er ganz zum Leben zurück.
(Viertes Buch,5, S.34-41)

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