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16 April 2026

Agnes Sapper: Werden und Wachsen - Marie als Farmerin in Afrika

 In der Fortsetzung der "Familie Pfäffling" ("Werden und Wachsen") bin ich zunächst einfach der Handlung gefolgt, doch die Art, wie sich die deutsche Familie dort in der fremden Umgebung (Deutsch-Südwestafrika) zu bewähren versucht, war mir etwas fremd.

Heute würde ich sie mit der Art, wie in gutefrage.net über die "Almans" gesprochen wird, vergleichen. Die Verunsicherung, die Migranten in einer anderen kulturellen Umgebung erfahren, drückt sich da nicht selten dadurch aus, dass die Almans als eine Art Mangelwesen angesehen werden. Wer sich in fremder Umgebung behaupten will, tendiert vielleicht dazu, um seiner eigenen Verunsicherung zu begegnen.
Agnes Sapper war meiner Kenntnis nach nie in Afrika.

Kapitel 13: Marie als Farmerin in Afrika

"[...] Es war Maries Ehrgeiz, daß alles in guter Ordnung bleibe während ihrer Alleinherrschaft. Zuerst scheute sie sich wohl, den Arbeitern nachzugehen und sich die Aufsicht anzumaßen. Da kam ihr in den Sinn, ihr Söhnlein auf den Arm zu nehmen und so die Aufmerksamkeit von sich abzulenken. Der Kleine war für die Schwarzen ein Wunderkind. Große Weiße, Männer und Frauen, hatten sie alle schon gesehen, aber daß auch das Wochenkind schon so weiß und rosig war, das erregte ihr Staunen. Wenn nun Marie, mit dem Kind auf dem Arm, kam und sagte, der kleine Sohn sehe nach, ob seines Vaters Arbeit gut getan würde, so nahmen sie das nicht als Scherz auf. Wer konnte genau wissen, was für geheimnisvolle Kräfte so ein kleiner Weißer in sich barg?

Unter den Schwarzen, die den Garten besorgten, war einer, der immer mit dem freundlichsten Grinsen und besonderer Bewunderung nach dem Kindlein sah. Er hatte auch, wenn der Korbwagen mit dem Kleinen im Garten stand, beständig ein Auge darauf, kein Insekt durfte ihn plagen, keine Schlange konnte unbemerkt um den Wagen schleichen. Als er so einmal bewundernd dabei stand und Marie das Bettchen aufschütteln wollte, bot sie dem Schwarzen das Kind zum Halten hin. Er nahm behutsam und mit sichtlichem Stolz das weiße Bündelchen in seine schwarzen Arme und dann rannte er plötzlich damit davon. Marie stand sprachlos. Böses konnte sie ihm nicht zutrauen, aber was hatte er vor mit ihrem Kinde? Sie folgte dem behend Dahinspringenden, sah ihn mit dem Kind den Hütten der Eingeborenen zueilen und in seinem Pontok [ein in Namibia verbreiteter Haustyp] verschwinden. Nun war ihr doch angst, sie lief so schnell sie konnte. Als sie in die Hütte trat, war der Mann mit dem Kind der Mittelpunkt eines bewundernden Kreises, alle Familienglieder, der alte Vater, die Brüder und ihre Weiber standen um ihn herum, und deutlich war zu erkennen, wie stolz sich der Schwarze fühlte, daß die junge Frau ihm dies kostbare Gut anvertraut hatte. Er ließ es auch nicht aus den Händen, die andern durften den kleinen Gast nicht berühren.

Dieser Anblick machte die junge Mutter glücklich und stolz, wenn es gleich nur Schwarze waren, die den Kreis der Verehrer bildeten; unvermittelt und erheiternd kam ihr der Gedanke, was für Augen die getreue Walburg machen würde, wenn sie diesen kleinen Pfäfflingsenkel so umgeben sähe von halbnackten Wilden? Sorglich wurde nun das Kind wieder in den Korbwagen zurückgetragen. Freilich war aus diesem inzwischen ein Spitzentüchlein gestohlen worden, aber gegen solche Vorkommnisse war Marie schon abgehärtet, das kleine Kindermädchen mochte es genommen haben, die konnte das Stehlen nicht lassen, aber sie gab alles wieder her, wenn ihr der Gärtner nur mit der Peitsche drohte. [...]"


Anders als in "Die Familie Pfäffling" übernimmt es Sapper in "Werden und Wachsen" eine ihr fremde Welt darzustellen. 

Man kann sich an manchen Formulierungen stoßen: "wenn es gleich nur Schwarze waren", umgeben "von halbnackten Wilden", "die konnte das Stehlen nicht lassen, aber sie gab alles wieder her, wenn ihr der Gärtner nur mit der Peitsche drohte".

Andererseits ist erkennbar, dass sie mit diesen Formulierungen die Vorstellungen ihrer Zeit aufgreift, aber vorführen will, dass die Angst, bestohlen zu werden, sich zwar nahe legt, aber auch unbegründet sein kann.

Wenn sie formuliert "Wenn nun Marie, mit dem Kind auf dem Arm, kam und sagte, der kleine Sohn sehe nach, ob seines Vaters Arbeit gut getan würde, so nahmen sie das nicht als Scherz auf. Wer konnte genau wissen, was für geheimnisvolle Kräfte so ein kleiner Weißer in sich barg?" unterstellt sie nur den Schwarzen das, was Kipling als Weißer dem im Dschungel aufgewachsenen Menschen Mogli im Dschungelbuch zuschreibt:  dass "so ein kleiner [Mensch] geheimnisvolle Kräfte" hat, so dass er die Sprache aller Tiere beherrscht. 

Freilich, dass sie die Bedrohung mit der Peitsche als normal unterstellt, passt nicht in unsere Zeit. Es befremdet zu recht. Doch Sapper gesteht hier  der ihr unbekannten Gesellschaft eine ihr eigene Wertvorstellung zu.

Zum vollständigen Text von Werden und Wachsen.

 Werden und Wachsen (erschienen 1910) ist der Fortsetzungsband zu Agnes Sappers wohl berühmtestem Werk Die Familie Pfäffling. Während der erste Teil den Fokus auf die Kindheit der sieben Geschwister und das turbulente, liebevolle Familienleben legt, begleitet dieses Buch das „Großwerden“ der Kinder.

1. Inhalt und Handlung

Der Roman schildert den Übergang der Pfäffling-Kinder vom Jugendalter in das Berufsleben und die Selbstständigkeit. Sapper führt die Leser durch die verschiedenen Lebenswege der Geschwister, die nun mit den Herausforderungen des Erwachsenwerdens konfrontiert sind:

  • Berufliche Ausbildung: Es geht um das Finden einer „tüchtigen“ Tätigkeit. Besonders modern für die damalige Zeit war Sappers Einstellung zur Ausbildung von Mädchen. Sie vertrat die Ansicht, dass auch junge Frauen eine solide Ausbildung brauchen, um unabhängig von einer späteren Heirat ein wertvolles Leben zu führen.

  • Charakterbildung: Wie der Titel schon sagt, liegt der Fokus auf dem inneren Wachstum. Die Protagonisten müssen lernen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, Rückschläge zu verkraften und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.

  • Einzelschicksale: Das Buch ist episodisch aufgebaut. Es werden Geschichten erzählt wie „Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde“ oder „Mutter und Tochter“, die jeweils eine spezifische moralische oder lebenspraktische Lektion enthalten.

2. Zentrale Themen und Werte

Agnes Sappers Werk ist stark geprägt von den bürgerlichen und christlichen Werten des frühen 20. Jahrhunderts:

  • Arbeitsethos: Arbeit wird als Quelle von Zufriedenheit und Selbstwertgefühl dargestellt.

  • Gehorsam und Liebe: Anders als die oft autoritäre Pädagogik der Kaiserzeit (der „Rohrstock“), plädierte Sapper für eine Erziehung durch Liebe und Einsicht.

  • Gottvertrauen: Eine unaufdringliche, aber stete religiöse Grundstimmung zieht sich durch die Erzählungen.

3. Literarische Einordnung

  • Stil: Sapper schreibt schlicht, klar und verzichtet auf komplexe psychologische Analysen. Das machte ihre Bücher besonders bei jungen Lesern und Familien extrem populär.

  • Bedeutung: Zusammen mit dem Vorband gehörte Werden und Wachsen jahrzehntelang zum Standardrepertoire deutscher Kinder- und Jugendliteratur. Es bietet heute einen faszinierenden (wenn auch idealisierten) Einblick in das bürgerliche Familienideal der Wilhelminischen Ära.

4. Ein Zitat als Leitmotiv

Ein bekannter Satz aus dem Buch illustriert Sappers damals fortschrittliche Sicht auf die Rolle der Frau:

„Wenn ein Mädchen (…) fest in seiner Arbeit steht mit dem Gedanken: kommt das Liebesglück, so ist’s gut, kommt es nicht, so ist mein Leben doch von Wert, so bleibt es fröhlich, geht sicher seinen Weg und wird dadurch nur liebenswerter.“


15 April 2026

Agnes Sapper: Die Familie Pfäffling

Das Buch hat einen starken pädagogischen Impetus, aber als Kind und später als Jugendlicher habe daran nie Anstoß genommen. 
In der Wikipedia heißt es über sie und ihre Wirkung:
"Während Meyers Lexikon 1927 von Sappers „gesunder sittlicher Weltanschauung“ sprach[7], ließ der Kinderbuchautor James Krüss 1992 kaum ein gutes Haar an der Bestsellerautorin. Sie sei puritanisch, ordnungsliebend, staatstragend, im Krieg auch chauvinistisch. Dorothea Keuler schwächte ab: „Kinderbuchexperten von heute würdigen ihre Sensibilität für soziale Probleme, ihr einfühlendes Verständnis für das, was in einer Kinderpsyche vorgeht. Eine Anwältin des Kindes ist sie bei aller Liebe dennoch nicht. Ihre Erzählungen stärken die Autorität der Eltern. Auf kindliche Bedürfnisse und Erfahrungen eingehend, bringt sie ihren Lesern den Elternstandpunkt nahe. Die Parteinahme fürs Kind ist nachfolgenden Autorengenerationen vorbehalten. Doch anders als die wilhelminische Rohrstockpädagogik will Agnes Sapper Gehorsam aus Einsicht und aus Liebe erreichen. All die kleinen und größeren Alltagskrisen werden mit einem Maximum an gutem Willen von Seiten aller Beteiligten gelöst.“[2]"
 Die folgenden Textausschnitte sind so gewählt, dass sich ein pädagogisches Problem andeutet und man sich überlegen kann, wie Sapper es behandeln wird. Hier das Link zur Textfassung bei Projekt-Gutenberg.org
1. Kapitel
Ihr wollt die Familie Pfäffling kennen lernen? Da muß ich euch weit hinausführen bis ans Ende einer größeren süddeutschen Stadt, hinaus in die äußere Frühlingsstraße. Wir kommen ganz nahe an die Infanteriekaserne, sehen den umzäunten Kasernenhof und Exerzierplatz. Aber vor diesem, etwas zurück von der Straße, steht noch ein letztes Haus und dieses geht uns an. Es gehört dem Schreiner Hartwig, bei dem der Musiklehrer Pfäffling mit seiner großen Familie in Miete wohnt. [...]
8. Kapitel

Gibt es ein schöneres Erwachen als das Erwachen mit dem Gedanken: Heute ist Weihnachten? Die jungen Pfäfflinge kannten kein schöneres, und an keinem anderen kalten, dunkeln Dezembermorgen schlüpften sie so leicht und gern aus den warmen Betten, als an diesem und nie waren sie so dienstfertig und hilfsbereit wie an diesem Vormittag. Man mußte doch der Mutter helfen aus Leibeskräften, damit sie ganz gewiß bis abends um 6 Uhr mit der Bescherung fertig wurde. An gewöhnlichen Tagen schob gerne eines der Kinder dem andern die Pflicht zu, aufzumachen, wenn geklingelt wurde; heute sprangen immer einige um die Wette, wenn die Glocke ertönte, denn an Weihnachten konnte wohl etwas Besonderes erwartet werden, so z.B. das Paket, das noch jedes Jahr von der treuen Großmutter Wedekind angekommen war und durch das viele Herzenswünsche befriedigt wurden, zu deren Erfüllung die Kasse der Eltern nie gereicht hätte.

Zunächst kam aber nicht jemand, der etwas bringen, sondern jemand, der etwas holen wollte: Es war die Schmidtmeierin, eine Arbeitersfrau aus dem Nebenhaus, die manchmal beim Waschen und Putzen half und für die allerlei zurechtgelegt war. Sie brachte ihre zwei Kinder mit. Aber damit war Frau Pfäffling nicht einverstanden. »Marianne,« sagte sie, »führt ihr die Kleinen in euer Stübchen und spielt ein wenig mit ihnen, bis ich sie wieder hole.« Als die Kinder weg waren, sagte Frau Pfäffling: »Sie hätten die Kinder nicht bringen sollen, sonst sehen sie ja gleich, was sie bekommen; hat Walburg Ihnen nicht gesagt, daß wir einen Puppenwagen und allerlei Spielzeug für sie haben?« »Ach,« entgegnete die Frau, »darauf kommt es bei uns nicht so an, die Kinder nehmen es, wenn sie's kriegen, und wenn man ihnen ja etwas verstecken will, sie kommen doch dahinter und dann betteln sie und lassen einem keine Ruhe, bis man ihnen den Willen tut. Bis Weihnachten kommt, ist auch meist schon alles aufgegessen, was man etwa Gutes für sie bekommen hat. Ich weiß wohl, daß es anders ist bei reichen Leuten, aber bei uns war's noch kein Jahr schön am heiligen Abend.« [... ]

11. Kapitel

Seit dem Konzert waren mehrere Tage verstrichen. Herr Pfäffling hatte täglich und mit wachsender Ungeduld auf den verheißenen Abschiedsgruß des russischen Generals gewartet, dem das Honorar für die Stunden beigelegt sein sollte, aber es kam nichts. So mußte die russische Familie doch wohl ihre Abreise verschoben haben, ja, vielleicht dachte sie daran, den Winter noch hier zu bleiben und die Musikstunden wieder aufzunehmen. Immerhin konnte auch ein Brief verloren worden sein. Herr Pfäffling wollte sich endlich Gewißheit verschaffen und suchte Herrn Meier im Zentralhotel auf. Er erfuhr von diesem, daß der General mit Familie gleich am Morgen nach dem Konzert abgereist sei, zunächst nach Berlin, wo er eine Woche verweilen wolle.

Herr Pfäffling zögerte einen Augenblick, von dem ausgebliebenen Honorar zu sprechen, aber der Geschäftsmann erriet sofort, worum es sich handelte und sagte: »Der General hat vor seiner Abreise alle geschäftlichen Angelegenheiten aufs pünktlichste geregelt und großmütig jede Dienstleistung bezahlt. Er ist durch und durch ein Ehrenmann, so werden auch sie ihn kennen gelernt haben.«

»Ja, aber wie erklären Sie sich das: er hat mir beim Abschied gesagt, seine Söhne würden mich noch besuchen und hat dabei angedeutet, daß sie das Honorar überbringen würden. Sie sind auch gekommen, aber ohne Honorar, und sagten, die Abreise sei verschoben worden, die Eltern würden deshalb noch schriftlich ihren Dank machen. Glauben Sie, daß es von Berlin aus geschehen werde?«

»Nein, nein, nein,« erwiderte lebhaft Herr Meier. »Man reist nicht ab, ohne vorher seinen Verbindlichkeiten nachzukommen, da liegt etwas anderes vor. Von einer Verschiebung der Reise war auch gar nie die Rede, das haben die Söhne ganz aus der Luft gegriffen. Ich fürchte, das Geld ist in den Händen der jungen Herrn hängen geblieben, das geht aus allem hervor, was Sie mir erzählen. Sie sind etwas leichtsinnig, die Söhne, und werden vom Vater fast gar zu knapp und streng gehalten. Es scheint mir ganz klar, was sie dachten: Sie wollten sich noch etwas reichlich mit Taschengeld versehen, bevor sie der Berliner Anstalt übergeben wurden, und rechneten darauf, daß Sie, in der Meinung, die Abreise sei verschoben, sich erst um Ihr Geld melden würden, wenn die Eltern schon über der russischen Grenze wären. [...]"

14. Kapitel

Frau Pfäfflings Bruder wurde noch vor Beginn der Osterferien erwartet, und das leere Zimmer war für ihn als Gastzimmer gerichtet. Keines der Kinder ahnte etwas davon, daß der Onkel bei seinem Besuch sie kennen lernen und darnach beschließen wolle, welches von ihnen er heimwärts mit sich nehmen würde. Sie wußten nur, daß die Mutter ihren einzigen, innig geliebten Bruder erwartete, und freuten sich alle auf den seltenen Gast. Die drei Großen hatten auch noch aus ihrer frühesten Kindheit eine schöne Erinnerung daran, wie Onkel und Tante gekommen waren und durch schöne Geschenke ihre Herzen gewonnen hatten.

Herr Pfäffling billigte den Plan, der am achtzigsten Geburtstag gefaßt worden war. Er kannte die Verwandten seiner Frau und schätzte sie hoch, auch war es ihm klar, daß in dem Haushalt seines Schwagers dem einzelnen Kind mehr Aufmerksamkeit zuteil werden konnte als in der eigenen Familie. Doch wollte er den Aufenthalt nur für ein oder höchstens zwei Jahre festsetzen, damit keines der Kinder dem Geist des Elternhauses entfremdet würde. [...]


In der Fortsetzung der "Familie Pfäffling" ("Werden und Wachsen") bin ich zunächst einfach der Handlung gefolgt, doch die Art, wie sich die deutsche Familie dort in der fremden Umgebung (Deutsch-Südwestafrika) zu bewähren versucht, war mir etwas fremd.
Heute würde ich sie mit der Art, wie in gutefrage.net über die "Almans" gesprochen wird, vergleichen. Die Verunsicherung, die Migranten in einer anderen kulturellen Umgebung erfahren, drückt sich da nicht selten dadurch aus, dass die Almans als eine Art Mangelwesen angesehen werden. Wer sich in fremder Umgebung behaupten will, tendiert vielleicht dazu, um seiner eigenen Verunsicherung zu begegnen.
Agnes Sapper war meiner Kenntnis nie in Afrika.
 


10 März 2020

Agnes Sapper: Frau Pauline Brater

Frau Pauline Brater. Lebensbild einer Deutschen Frau

Der Vater von Pauline war Wilhelm Pfaff, Professor der Mathematik und Astronomie.
Pauline wird in eine lebensfrohe Familie von Naturwissenschaftlern hineingeboren und geht daher lebenslang selbstverständlich mit Naturwissenschaften um. Sie heiratet einen Juristen, der aus einer sehr korrekten und pflichtbewussten Familie stammt, ist, wie er vor der Hochzeit zu Recht sah, "schmiegsam" und passt sich trotz eifrigen Widerspruchs in den ersten Ehejahren an das entbehrungsreiche Leben eines demokratischen Juristen in Bayern vor 1848 an.
Ihre Berichte von ihrer Jugend müssen aber sehr lebhaft gewesen sein, denn ihre Tochter Agnes schreibt nach der Biographie ihrer Mutter "Die Familie Pfäffling". Sie schreibt es unter dem Namen Agnes Sapper, aber es lebt aus dem Geist der Familie ihrer Mutter, der Familie Pfaff.

"1827–1835 Ein Familienereignis ersten Ranges war es nicht, als am 27. August 1827 dem Professor der Mathematik in Erlangen Wilhelm Pfaff von seiner Ehefrau Luise, verwitwete Kraz, ein Töchterlein geboren wurde. Waren doch schon Kinder in stattlicher Zahl vorhanden! Gab es doch schon: Aurora, Heinrich, Luise, Siegfried, Hans, Colomann, Friedrich; vielleicht wären die Eltern auch mit diesen sieben zufrieden gewesen, die Leben und Bewegung genug in das Haus brachten, während nicht übergenug vorhanden war von dem, was zur Erhaltung solchen Lebens nötig ist. Da nun dies kleine Wesen von niemandem begehrt war, so mag es wohl von der ersten Stunde seines Erscheinens an die Richtung mit bekommen haben, die es Zeit seines Lebens einhielt: sich nicht für etwas Hervorragendes zu halten und es als ein unverdientes Glück zu empfinden, wenn ihm im Laufe des Lebens einmal mehr als das Nötige zuteil wurde.

Ob ersehnt oder nicht, das achte Kind lag in der Wiege und die Familie nahm freundlich Stellung zu ihm. Man mußte freilich eng zusammenrücken, damit der Platz reichte in der beschränkten Wohnung. 

Vielleicht war es eben in dieser Zeit, da der Vater, der nicht nur als Professor der Mathematik und Astronomie wirkte, sondern auch eifrig das Studium des Sanskrit betrieb, eine originelle Einrichtung traf, um trotz der lärmenden Kinderschar an seinem Schreibtisch ungestört arbeiten zu können. Ein eigenes Studierzimmer konnte er sich bei den beschränkten Geldverhältnissen nicht gönnen. So zog er denn in dem großen gemeinsamen Zimmer einen festen Kreidestrich um seinen Arbeitstisch und diese Ecke durfte keines der Kinder betreten. Mochten sie im übrigen Teil des Zimmers herumtoben wie sie wollten, das störte den Gelehrten nicht in seiner Arbeit und er ließ sie gutmütig gewähren. Betrat aber einer der Jungen unbedacht des Vaters Reservat, so war ein derber Schlag die sichere Folge dieses Übertritts in das verbotene Gebiet.

Als ein achtes Kind zur Welt kam, war Professor Pfaff mit dem Dichter und damaligen Professor Friedrich Rückert an einer gemeinsamen Arbeit, an der Übertragung der indischen Dichtung Nal und Damajanti ins Deutsche. Da nun Rückert eben so sparsam wie Pfaff war – hatte sich doch einer der beiden Professoren von dem anderen das Sanskritlexikon abgeschrieben, um es nicht kaufen zu müssen – so behalfen sich auch die beiden Gelehrten mit einem Exemplar dieser Dichtung und täglich wanderte das Buch über die Straße hinüber und herüber. Den Kindern der beiden Häuser, die die Boten machen mussten, waren Nal und Damajanti  vertraute Namen, lange bevor sie dem deutschen Volk bekannt wurden. Weil nun Pfaffs Jüngste auf die Welt kam, während ihres Vaters Gedanken auf Damajanti gerichtet waren, so erhielt das Kind den Namen Damajanti, den der Pfarrer nicht ohne Bedenken in das Kirchenbuch eintrug; dort wurde ihr zum täglichen Gebrauch neben diesen poetischen noch der gut bürgerliche Name Pauline beigelegt.

Die sieben Geschwister, in deren Kreis die kleine Pauline eintrat, waren aus drei Ehen zusammengekommen, denn sowohl Pfaff als seine Frau Luise geb. Plank waren vor dieser Ehe schon verheiratet gewesen. Sie beide stammten aus Württemberg, hatten sich dort schon als junge Leute gekannt und im stillen geliebt, aber es kam zwischen ihnen nicht zur Aussprache, denn der junge Mann strebte zunächst noch in die Ferne. Er folgte einem Ruf als Professor der Astronomie nach Rußland an die neu gegründete Universität Dorpat und wurde dort zum Direktor der Sternwarte und zum russischen Hofrat ernannt. In dieser neuen Heimat gründete er seinen Hausstand, indem er sich mit einer livländischen Adeligen, Fräulein von Patkul, verheiratete. Zwei Kinder entsprossen dieser Ehe, doch ist nur eines derselben, Aurora am Leben geblieben. Die Sehnsucht nach der alten Heimat trieb Pfaff, die glänzende Stellung aufzugeben und mit Frau und Kind nach Deutschland zurückzukehren, wo er auch Anstellung fand, aber bald seine Gattin durch den Tod verlor.

Inzwischen hatte auch seine Jugendliebe, Luise Plank, sich verheiratet und in glücklicher Ehe mit einem jungen Geistlichen, Kraz, in Württemberg gelebt. Aber auch diese Ehe wurde schon nach vier Jahren durch den Tod getrennt; der jungen Witwe blieben zwei Kinder, Heinrich und Luise. So fanden sich nach wohl zehnjähriger Trennung die Verwitweten wieder. Als eine gereifte dreißigjährige Frau trat sie ihm entgegen, gesund an Leib und Seele, voll warmen Gemüts. Die alte Liebe erwachte und führte diesmal zu glücklicher Verbindung. An Geld und Gut brachten die beiden nicht viel mit in die Ehe und es ist bezeichnend für ihre Lebensanschauung, daß Pfaff sich von seiner Luise erbat, sie möchte ihm statt eines Eherings ein hebräisches Lexikon geben. Die Vermählten zogen zunächst nach Würzburg, von wo Pfaff bald einem Ruf an die Universität Erlangen folgend dorthin übersiedelte. Durch diese Ehe kamen die Kinder der livländischen Adeligen und des schwäbischen Geistlichen als Geschwister zusammen. Die beiden in die Ehe gebrachten Töchter Aurora Pfaff und Luise Kraz lebten in geschwisterlicher Liebe miteinander und waren schon erwachsene Mädchen, als nach vier Brüdern die kleine Pauline zur Welt kam. Die in jungen Jahren verstorbene Schwester Aurora wäre vielleicht längst in der Familie verschollen, wenn nicht ihr poetischer Name und ihr tragisches Geschick sie mit einem gewissen Nimbus umgeben hätten. Als Aurora zu einem schönen Mädchen erblüht war, bewarb sich um ihre Gunst ein junger Mann, der durch den Schein besonderer Frömmigkeit ihre Seele für sich gewann. Vater und Mutter mißtrauten seinem Wesen und waren gegen die Verbindung. Aber in sanfter, beharrlicher Weise hielt Aurora an dem Geliebten fest und beeinflußte endlich die Eltern, die keine Tatsachen gegen ihn vorbringen konnten, sondern bloß eine Antipathie empfanden, dem Wunsch der beiden nachzugeben. Einige Tage vor der Hochzeit als die Braut allein mit den Eltern und Geschwistern zusammen war, und der Vater in bewegter Stimmung, da er seine erstgeborene Tochter hergeben sollte, nahm er ein Spiel Karten, um daraus der jungen Braut ihr Schicksal vorauszusagen. Kunstgerecht, nach damaliger Sitte, schlug er die Karten und da fiel auf die ihrige der Pik Bube, die schwarze Unglückskarte. Lachend erklärte er das Spiel für mißlungen, mischte die Karten aufs neue, legte sie nach der Regel des Kartenschlägers und zum zweitenmale  kam der Pik Bube auf die Karte der Braut. Diese erblaßte. Dem Vater war es leid. Er wollte den übeln Eindruck verwischen, nahm das Spiel, mischte und gab zum drittenmal und zum drittenmal erschien der Pik Bube. Da warf er heftig das Spiel aus der Hand und verließ das Zimmer. 

Den Geschwistern ist der Eindruck dieser unheimlichen Szene durchs Leben geblieben. Aurora erkannte bald nach der Hochzeit den wahren Charakter ihres Mannes, den die Eltern richtig durchschaut hatten. Ihr früher Tod machte schon nach wenigen Jahren der traurigen Ehe ein Ende. Daß der naturwissenschaftlich gebildete, gelehrte Mann sich zum Kartenschlagen verstand, wundert uns heute, aber es lag in der damaligen Zeit, ebenso wie die Sitte, dem Neugeborenen das Horoskop zu stellen, wie es uns Goethe im Eingang von »Dichtung und Wahrheit« erzählt. Auch Pfaff hat um seines Töchterleins Schicksal die Sterne befragt, denn er gab sich ganz speziell mit Astrologie ab, wenn auch mehr vom Standpunkte des Völkerstudiums aus. Leider blieb uns nicht erhalten, was er damals aus den Sternen las. So müssen wir dir selbst das Horoskop stellen, kleine Pauline Damajanti, indem wir die Sterne betrachten, die in deinem Kreis leuchten und die Atmosphäre prüfen, in der du aufwachsen sollst. Dann ahnen wir, wie sich etwa dein Wesen gestalten wird, und wer kann leugnen, daß das Wesen eines Menschen vielfach sein Schicksal beeinflußt, ja oft bestimmt? Das Oberhaupt der Familie stand im Geburtsjahre der kleinen Tochter mitten im besten Wirken und Schaffen. Ein Zeitgenosse hat ihn uns geschildert als einen Mann von herrlichen Anlagen, von edlen Gedanken und hohem Sinn, mit Begeisterung forschend nach den Geheimnissen der Natur und dem darin waltenden Gott; im Umgang mit der Familie und den Freunden liebevoll und anspruchslos, ein Humorist im besten Sinne des Wortes; im Streben nach dem Wesen oft den äußern Schein allzusehr verschmähend; in mildtätiger Liebe fast zu weit gehend, so daß er von bedürftigen Studierenden oft über Gebühr ausgenützt wurde. 

Ähnlich lautet die Schilderung seiner Gattin: Eine originelle, heitere Schwäbin mit köstlichem Humor, voll Herzensgüte und aufopfernder Liebe, von größter persönlicher Anspruchslosigkeit und unermüdlichem Fleiß, auch sie das Äußere geringachtend, Ordnung und Schönheit hintansetzend. Beide beliebt in hohem Maße, denn die Bedenken pedantischer Leute über die originelle Haushaltung und äußere Erscheinung konnten nicht aufkommen gegen das herzgewinnende, erfrischende und dabei so bescheidene Wesen dieses glücklichen und Glück verbreitenden Paares. Man sah es der Frau Hofrätin gerne nach, wenn es ihr einmal vorkam, daß sie in einer Kaffeegesellschaft anstatt des Taschentuchs einen Hemdärmel ihrer Buben aus der Tasche zog, der wohl in den Flickkorb gehörte; man gewöhnte sich daran, daß bei ihren Kleidern nicht jeder Knopf pedantisch in das für ihn bestimmte Knopfloch kam. Wer achtete darauf, während sie so heiter und gemütvoll zu plaudern wußte, wer verstand nicht, daß sie in unermüdlichem Schaffen und Sorgen für ihre große Familie an die äußere Erscheinung wenig denken konnte? Überdies wurde sie auch außerhalb der eigenen Familie vielfach in Anspruch genommen.

Sie hatte sich als Tochter eines Arztes manche medizinische Kenntnis erworben, zu der noch ihre reiche Erfahrung als Mutter und eine entschiedene natürliche Begabung kam. Dadurch wurde es in weiten Bekanntenkreisen bei arm und reich der Brauch, zunächst nach Frau Pfaff zu schicken, wenn ein Kind nicht gedeihen wollte oder erkrankte. Sie wußte oft guten Rat und in ihrer großen Herzensgüte fand sie es nur natürlich, wenn sie von allen Seiten in Anspruch genommen wurde. So waren die Eltern. Darf man dem Kind dieser harmonischen Ehe nicht gute Geistesgaben, edlen Sinn und fröhlichen Humor voraussagen? Und müssen wir nicht andererseits Bedenken haben, ob ihr auch der Blick für die äußere Erscheinung, Ordnungs- und Schönheitssinn nicht ganz abgehen wird? Wir werden ja sehen. Unendlich mannigfaltig sind die Einflüsse, die dem in der Entwicklung stehenden Menschenkinde zuströmen, bald hemmend bald fördernd, was ihm von der Natur eigen ist. Nächst den Eltern kamen die sieben Geschwister in Betracht, zu denen sich später noch eine kleine Schwester Sophie gesellte, die aber früh verstarb. Am nächsten im Alter standen Pauline ihre vier Brüder, »Friedel, Hans, Co und Fritz«, ihre täglichen Spielkameraden, die Genossen ihrer Jugend, vier prächtige Jungen voll Geist und Leben, treuherzig und wahrhaftig. Trotzdem waren diese vier »Pfaffsbuben« bekannt in Erlangen um ihrer vielen Streiche willen, und Pauline tat mit, wo sie nur konnte. Der Vater, in seine gelehrten Arbeiten vertieft, ließ sie gewähren, wenn sie es nicht gar zu toll trieben, und auch die Mutter sah der Jugend ihren Übermut nach. Sie nahm es z. B. nicht schwer, als sie einmal von der Kirche heimkommend von sechs Stühlen fünf mit etwas abgesägten Beinen vorfand, schön regelmäßig abgestuft, einer immer etwas kürzer als der andere, damit die ungleich großen Kinder am Tisch sitzend alle gleich groß erschienen. Dieses merkwürdige Mobiliar fand sich noch lange in der Familie. Ehrfurcht vor dem Heiligen aber wurde gefordert. Als einstmals einer der Jungen den Bibelspruch lernte: »Aus Adern und Knochen hast du den Menschen gebildet« und darüber bemerkte, das müßte ein sonderbarer Mensch sein, gab die Mutter dem kleinen Spötter mit dem Kochlöffel einen solchen Treff, daß ihm und den anderen klar wurde: Die göttlichen Dinge dürften nicht herabgezogen werden. Denken wir uns zu solchen vier Brüdern eine kleine Schwester, so dürfen wir ihr prophezeien, daß sie fröhlich und unternehmend, nicht zimpferlich und pedantisch werden wird, freilich müssen wir auch fürchten, daß diese Fröhlichkeit manchmal in bubenhafte Wildheit ausarten und die Unternehmungslust sie auf allerlei Einfälle bringen wird, die einem artigen Professorentöchterchen nicht wohl anstehen.



Das kleine Dummerle und andere Erzählungen (Text)

Gretchen Reinwald (Kurzbesprechung)

Die Familie Pfäffling (Text)
"[...] »Seht, seht da!« rief in diesem Augenblick Otto und deutete nach Osten. Ein heller, weißglänzender Stern schoß am Firmament in weitem Bogen dahin und war dann plötzlich verschwunden. In einem Nu hatte er die riesige Bahn durchflogen, wie weit wohl? Ja, das mochte wohl eine Strecke gewesen sein, größer als das ganze Deutsche Reich. Staunend sahen die Kinder hinauf: da – schon wieder eine Sternschnuppe, größer als die vorige, in gelbem Licht strahlend, und nach wenigen Minuten wieder eine. Die meisten kamen aus derselben Himmelsgegend und flogen in gleicher Richtung. Die Kinder fingen an zu zählen, aber als die Zeit vorrückte und es auf den Turmuhren 2 Uhr geschlagen hatte, wurden die Sternschnuppen immer häufiger, oft waren zwei oder drei zugleich sichtbar, es war über alles Erwarten schön. Allmählich schoben sich aber von Westen herauf immer größere Wolkenmassen und fingen an, die Sterne zu verdunkeln. Endlich kam das Gewölk bis an die Himmelsgegend, von der die meisten Sternschnuppen ausgingen, und wie wenn den staunenden Blicken nicht länger das schöne Schauspiel vergönnt sein sollte, zog sich eine dichte Decke über die ganze Herrlichkeit. [...]"

Werden und Wachsen Erlebnisse der großen Pfäfflingskinder (Text)