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30 Juni 2018

Moltke: Unter dem Halbmond - Kleidung, Ramadan,


48. Die orientalische Nacht

Hauptquartier Asbusu bei Malatia, den 2. September 1838
Kleidung
Meine Tracht zu Hause ist ein großer weißer Mantel von dünnem wollenem Zeug, wie er bei den Kurden üblich ist und wie ihn die Malteser-Ritter aus diesen Ländern nach Europa mitgebracht haben. Nichts Zweckmäßigeres und Angenehmeres als diese Tracht; man kann unter dem Mantel anhaben, so viel und so wenig man will, er schützt beim Reiten gegen Sonne wie gegen Regen; nachts dient er als Bettdecke und je nachdem man ihn umhängt, anzieht oder umbindet, ist er Mantel, Kleid, Gürtel oder Turban. Die Konstruktion dieses Gewandes ist die einfachste, nämlich die eines in der Mitte aufgeschlitzten Sackes; dessen ungeachtet drapiert er sehr gut und die irreguläre Reiterei mit solchen Mänteln, bunten Turbanen und langen Flinten sieht wirklich malerisch aus. Die Türken steigen in demselben Anzug zu Pferde, in dem sie schlafen, und brauchen weder Sprungriemen noch Sporen anzulegen. Niemand braucht ein anderes Kleid anzuziehen, weil er zu einem vornehmen Mann geht, ausgenommen die reichen Rajahs, welche sich zu diesem Anlass einen zerlumpten Rock borgen. Hier sieht man überall noch das schöne alte Kostüm; der Turban ist ebenso kleidsam wie zweckmäßig. Je nachdem man sich gegen die Sonne oder den Regen von der einen oder der anderen Seite schützen will, wird der Schal anders gewickelt, mit dem Hut hingegen liefe man beständig Gefahr einen Sonnenstich zu bekommen. Das Beinkleid ist ein oft neun Ellen weiter Sack, der um den Leib zusammengeschnürt wird und an dessen unteren Ecken zwei Löcher sind, aus denen die Füße mit bunt gestrickten Socken hervorkommen; zwei, drei, sechs oder acht Jacken von leichtem Zeug, oft reich gestickt, schützen den Körper nach Maßgabe des Bedürfnisses; ein breiter Gurt oder ein Schal um den Leib nimmt Geldkatze, Tabaksbeutel, Handschar, Messer, Pistolen und Schreibzeug auf; eine Pelzjacke und darüber ein langer Pelz vervollständigen den Anzug, und ein Mantel von Ziegenhaar oder Filz schützt gegen Unwetter und dient als Lager. Jede Bewegung des Mannes in diesem faltenreichen Anzug gibt ihm ein stattliches Ansehen und alle Augenblick sieht man eine Figur, die man zeichnen möchte. [...]

50. Reise nach Iconium – Der Erdschiesch und Cäsarea – Kara-Djehennah – Iconium – Die Kilikischen Pässe – Der Bischof von Tomarse – Der Awscharenfürst 

Malatia, den 3. November 1838 
Am 3. Oktober verließ ich Malatia, begleitet von einem Dragoman, einem türkischen Tschausch, einem Tataren und einem Seïs oder Pferdeknecht mit dem Handpferd. [...]
Konieh liegt gegenwärtig außerhalb der alten Mauer und bildet eigentlich eine weite Vorstadt von einer Stadt, die nicht mehr existiert. Hadschi-Aly, der Gouverneur des ausgedehnten Sandschaks von Konieh, ein Pascha vom alten Schlag, hatte mich sehr freundlich empfanden und mir den Konak des Müsselims zur Wohnung angewiesen, der besser logiert war als Se. Exzellenz in ihrem Seraj aus Lehm; er wünschte, dass ich die Reise nach dem Külek-Boghas in Begleitung Ejub-Paschas, des Zivilgouverneurs der Provinz, machen sollte, und ich musste deshalb ein paar Tage in Konieh verweilen; zum Abschied schickte der alte Herr mir vier Beutel durch seinen armenischen Bankier. [...]
Die beiden Hanns neben der Brücke waren neu aufgebaut und dienten den Arbeitern zur Behausung; die Berge ertönen von der Axt der Holzhauer und dem Sturz der alten Pinienstämme. Aber in dieser Szene der Tätigkeit suchte ich den Urheber vergebens; ich fand meinen Kameraden in einem feuchten Stübchen des Hanns von einem heftigen Fieber geschüttelt. Bei einer so wichtigen Aufgabe war indes keine Zeit, krank zu sein, und noch am selben Tag beritt er mit mir die nächste Umgebung; wir kehrten erst bei dunkler Nacht heim, an den Thermen oder heißen Quellen vorüber, von denen schon Xenophon spricht. Am folgenden Morgen ritt Fischer mit dem Pascha und mir über Tagta-Köpry bis eine Stunde von Akköpry vor, wo die ägyptischen Grenzposten stehen; dann über hohe Berge nach Dschevisly-Hann, wo dieselbe Tätigkeit herrschte wie bei Tschifte-Hann, und tags darauf nach Maaden. Die Kraft des Willens siegte bei Fischer über die Schwäche des Körpers; wenn der Fieberanfall kam, so legte er sich eine Stunde unter einen Baum oder neben einer Fontäne nieder, wir machten ein Feuer aus Reisig und trockenem Gras, kochten einen Tee und setzten dann den Weg, so gut es gehen wollte, fort. In Maaden verließ ich meinen Kameraden und habe leider seit der Zeit noch keine Nachricht von ihm.  [...]
Die vorhandenen Karten von Kleinasien vermögen durchaus keine Vorstellung von der wirklichen Beschaffenheit des Landes zu geben; ich hatte erwartet, von Ekrek aus über lauter hohe Gebirge fortzuziehen, und war nicht wenig überrascht, eine weite Ebene zwischen schneebedeckten Bergen in der Richtung von Westen nach Osten zu finden, eine Öffnung in diesem Hochgebirge, als ob die Natur selbst den Menschen einen Durchgang bahnen wollte. So geht es bis Albistan oder El-bostan fort, einem sehr hübschen Städtchen mit prächtigen Pappeln und Obstbäumen in einer Ebene, die mit zahlreichen Dörfern und Feldern bedeckt ist. Hinter dem Städtchen erhebt sich schroff der schöne Scherr-Dagh, an dessen schwarzen Wänden die weißen Minaretts und Kuppeln sich abzeichnen. Die besonderen Verhältnisse, unter denen ich reise, schließen mir Gegenden auf, die zu durchstreifen jedem Europäer bisher unmöglich war; Gegenden, die man noch heute zum Teil nicht ohne militärische Eskorte durchziehen oder, wie den Karsann-Dagh, nur im Gefolge eines Heeres betreten kann. So günstige Umstände vereinigen sich selten und ich benutze sie gewissenhaft; ich habe jetzt auf mehr als 700 geographischen Meilen dies Land durchkreuzt und von sämtlichen die Wegeaufnahmen gezeichnet. 

51. Der Ramadan – Türkische Reiterkünste 
Malatia, den 8. Dezember 1838 
Wir befinden uns jetzt im Ramadan-scherif, d. h. in der edlen Fastenzeit; solange die Sonne am Himmel ist, dürfen wir weder essen noch trinken, der Geruch einer Blume, eine Prise Tabak, ein Trunk Wasser und, was schlimmer als alles, der Tschibuk sind verboten. Abends um 5 Uhr gehe ich in der Regel zum Kommandierenden, wo die Paschas versammelt sind, jeder mit der Uhr in der Hand; die große Messingscheibe ist schon mit Früchten, eingemachten Oliven, an der Sonne getrocknetem Rindfleisch, Käse, Scherbet usw. besetzt. Jetzt fehlt nur noch eine Minute an 12 (der türkischen Uhr), der Deckel wird von der Suppe aufgehoben und der verführerische Dampf steigert die Ungeduld aufs Höchste; endlich nach einer Minute, die gewiss 160 Sekunden hat, ruft der Imam sein »Lah-illah il Allah!« und mit einem »Bismillah« und »El ham d'illah!« fällt jeder über das, was ihm zunächst steht, her und rächt sich an Hammelfleisch und Pillaw für die lange Entbehrung. Da es unseren Freunden, den Türken, unmöglich ist, zu arbeiten, ohne zu rauchen, so geschehen jetzt alle Geschäfte des Nachts; die Kanzlei ist versammelt, Briefe werden gelesen und spediert, Meldungen angenommen, Geschäfte besprochen. Du kannst dir eine Vorstellung von der Wirtschaft machen, wenn ich dir sage, dass zwei Stunden nach Mitternacht dem Soldaten das zweite Essen verabreicht wird; gegen Morgen geht jedermann zu Bett und hat den folgenden Tag einen verdorbenen Magen und üble Laune. 
(Moltke: Unter dem Halbmond Kapitel 48-51)

28 Juni 2018

Moltke: Unter dem Halbmond - Heerlager, Deserteure

52. Die Winterquartiere

Malatia, den 23. Dezember 1838
Nichts von dem fröhlichen Treiben, das bei uns eine große Truppenversammlung bezeichnet, darfst du hier suchen. Es ist, als ob diese Leute den kriegerischen Geist ihrer Väter ganz abgestreift hätten; vor ein paar Tagen haben wir einen Tschausch erschossen, der sechs Schildwachen von ihrem Posten mitgenommen hat und mit ihnen desertiert ist, die anderen sahen zu und dachten: »Armer Teufel!« Der Pascha zahlt 250 Piaster für jeden eingebrachten Deserteur.
Täglich erblicke ich zwei, drei traurige Gestalten an einem Halfterstrick, die Hände auf den Rücken gebunden, geduldig von irgendeinem Kurden hergetrieben.
Ich habe sie zuweilen gefragt: »Eure Nahrung ist reichlich, eure Wohnung gut, eure Kleidung ist warm, ihr werdet nicht misshandelt, wenig angestrengt, gut bezahlt... Warum desertiert ihr?« – »Ischte beule olmüsch.« – »So ist es gekommen.« – »Ne japalym!« – »Was können wir tun!« Der Mann nimmt seine zweihundert Schläge seufzend hin und desertiert bei der nächsten Gelegenheit wieder. Von dem Regiment Boli sind auf dem Hermarsch dreihundertundvierundsechzig Mann ausgerissen. [...]

53. Reise nach Orfa – Das Dscheridwerfen – Die Höhlen – Das Schloss des Nimrod 
Biradschik, den 27. Januar 1839
Am 19. verließ ich Malatia und war recht froh, dass ich das Städtchen einmal im Rücken hatte. Ich reiste mit eigenen Pferden, da aber der Weg sehr schwierig und mein Tschausch mir eines meiner besten Tiere gleich auf dem ersten Marsch lahm geritten hatte, so schickte ich meinen Seïs zurück und nahm Postpferde. [...]
Nach einem mühsamen Marsch erreichte ich, über Adiaman und Samsat, Orfa am Abend des fünften Tages. Diese Stadt liegt am Abhang eines niedrigen, finster und seltsam aussehenden Gebirges und am Anfang der Tschöll oder Wüste, auf der Grenze der kurdischen und der arabischen Bevölkerung. Innerhalb der Ringmauern erheben sich eine Menge Kuppeln, Minaretts, Zypressen und Platanen, und die aus Steinen sehr zierlich erbauten Häuser mit dünnen Säulen, Spitzbögen und Fontänen erinnern an das, was die Araber einst waren, als sie, durch Mohammeds Lehre begeistert, die Eroberer eines Teils der gesitteten Welt und selbst die Bewahrer der Gesittung, der Wissenschaft und Künste wurden.  [...]
In Orfa stehen jetzt die meisten der Truppen, mit denen ich im Sommer gegen die Kurden gezogen war; hier wurde ich als alter Bekannter empfangen und die Aufnahme, die mir zuteil wurde, macht mir in der Tat viel Freude; Mehmed-Pascha, der Gouverneur von Orfa geworden ist, behielt mich gleich bei sich und hat mir Zimmer im Seraj eingeräumt, welches eine Art Zitadelle bildet; Pferde, Dienerschaft und gute Mahlzeiten, Ehrenbezeugungen und Komplimente, kurz, alles, was man in diesem Land anbieten kann, stehen zu meinem Dienste. [...]

54. Konzentrierung der Taurus-Armee
Malatia, den 5. April 1839
Unser Hauptquartier bricht in acht bis zehn Tagen von hier auf und sämtliche Truppen des Korps vereinen sich in einem Übungslager am Südfuß des Taurus, unweit Samsat. Durch die lange Anwesenheit beträchtlicher Massen sind die Vorräte in den bisherigen Unterkünften aufgezehrt und der Mangel an Fourage macht es nötig, eine wärmere Gegend aufzusuchen, wo die Pferde bereits Grasung vorfinden. [...]
Nach allem, was ich sehe, muss ich glauben, dass man in Konstantinopel ernstlich entschlossen ist, es auf die Waffenentscheidung ankommen zu lassen, und wirklich kann der gegenwärtige Zustand unmöglich noch fortdauern.

55. Reise nach Egin an den Frat 
Malatia, den 8. April 1839 
Ich bin vor ein paar Tagen von einer kleinen Reise zurückgekehrt, die ich diesmal auf eigene Faust und einzig für den Zweck unternommen habe das Terrain zwischen den beiden Armen des Euphrat kennen zu lernen, das noch von keiner Karte auch nur ungefähr richtig dargestellt wird. [...]
Die Sonne schoss glühende Strahlen auf die endlos scheinende Schneefläche, was die Augen, besonders bei der türkischen Kopfbedeckung, schrecklich blendet; ich folgte dem Gebrauch der Tataren, Schießpulver unter die Augen zu schmieren, was eine große Erleichterung gewährt.

 [...] sobald man den schroffen Kamm erreicht hat, erblickt man vor sich wieder das Tal des Frat und tief unten die Stadt Egin; diese Stadt und Amasia sind das Schönste, was ich in Asien gesehen. Amasia ist seltsamer und merkwürdiger, Egin aber großartiger und schöner, die Berge sind hier gewaltiger, der Strom bedeutender. Egin besteht eigentlich aus einer Gruppe aneinander stoßender Dörfer; da alle Häuser mitten in Gärten liegen, die von Nuss- und Maulbeerbäumen, Pappeln und Platanen überschattet sind, so bedeckt die Stadt einen sehr großen Flächenraum.
(Moltke: Unter dem Halbmond, Kapitel 52-55)

10 Juni 2018

Moltke: Unter dem Halbmond - Briefe von April und Mai 1836

Pera, den 7. April 1836 
Es ist lange die Aufgabe abendländischer Heere gewesen, der osmanischen Macht Schranken zu setzen; heute scheint es die Sorge der europäischen Politik zu sein, diesem Staat das Dasein zu fristen. Die Zeit liegt nicht so fern, da man ernstlich fürchten durfte, der Islam könne in einem großen Teil des Abendlandes die Oberhand gewinnen, wie er im Orient gesiegt hat.
[...]
Der vornehmste Fürst des damaligen Europa, der römische König, floh vor ihnen aus seiner Hauptstadt und wenig fehlte, so wurde der Stephan zu Wien eine Moschee wie die Sophia zu Byzanz. Damals gehorchten die Länder von der afrikanischen Wüste bis zum Kaspischen Meer und vom Indischen Ozean bis zum Atlantischen Meer dem Padischah. Venedig und die deutschen Kaiser standen im Tributregister der Pforte. Ihr gehorchten drei Vierteile der Küsten des Mittelländischen Meeres; der Nil, der Euphrat und fast auch die Donau waren türkische Flüsse, der Archipel und das Schwarze Meer türkische Binnenwasser geworden. Und kaum zweihundert Jahre später stellt dasselbe mächtige Reich uns ein Gemälde der Auflösung vor Augen, welches ein nahes Ende zu verkünden scheint.
[...]
Die jetzige türkische Armee ist ein neuer Bau auf einer alten, gänzlich erschütterten Grundfeste. Die Pforte dürfte in diesem Augenblick ihre Sicherheit mehr in Verträgen als in Heeren finden und die Schlachten, die über die Fortdauer dieses Staates entscheiden sollen, können ebenso gut in den Ardennen oder dem Waldaigebirge als am Balkan ausgefochten werden.
[...]
Wenn es eine der ersten Bedingungen jeder Regierung ist, Vertrauen zu erwecken, so lässt die türkische Verwaltung diese Aufgabe völlig ungelöst. Ihr Verfahren gegen die Griechen, die ungerechte und grausame Verfolgung der Armenier, dieser treuen und reichen Untertanen der Pforte, und so viele andere gewaltsame Maßregeln sind in zu frischer Erinnerung, als dass jemand sein Kapital dort anlegen sollte. In einem Lande, wo dem Gewerbefleiß das Element fehlt, in welchem er gedeiht, kann auch der Handel größtenteils nur ein Austausch fremder Fabrikate gegen einheimische Rohstoffe sein.
[...]
Pera, den 13. April 1836
 Am 2. April abends verließ ich mit einem österreichischen Dampfschiff Konstantinopel und erblickte am folgenden Morgen die hohen schönen Gebirge der Insel Marmara. Rechts zeigten sich die Berge von Rodosto mit Weingärten und Dörfern. Bald traten die Küsten Europas und Asiens näher zusammen und Gallipoli erschien auf schroffen zerrissenen Klippen mit einem alten Kastell und zahllosen Windmühlen am Ufer. Hier war es, wo die Türken zuerst nach Europa übersetzten. Gegen Mittag tauchte das Fort Nagara mit seinen weißen Mauern aus der hellblauen klaren Flut des Hellesponts empor. Diese Meerenge ist bei weitem nicht so schön wie der Bosporus, die Ufer sind kahl und beträchtlich weiter entfernt als dort, aber die geschichtlichen Erinnerungen machen sie anziehend. Von jenem seltsam aussehenden Hügel (vielleicht von Menschenhänden aufgetürmt) blickte Xerxes auf seine zahllosen Scharen, die er nach Griechenland führte; jene Steintrümmer, welche die ganze flache Landzunge überdecken, waren einst Abydos und hier schwamm Leander von Europa nach Asien, um Hero zu sehen.
[...]
Konstantinopel, den 5. Mai 1836 
Vorgestern gab der Sultan den Gesandten ein prachtvolles Diner zur Feier der Vermählung seiner zweiten Tochter Mihrimah, auf Deutsch Sonnenmond. Man versammelte sich in einem Kiosk, der von allen Seiten offen war und eine weite Aussicht über Konstantinopel, Pera und das Meer gewährte.
[...]
Pera, den 20. Mai 1836 
Seit einigen Tagen ist es plötzlich so kalt geworden, dass wir heizen müssen, und erst mit der Sonnenfinsternis am 15. Mai hat sich der Frühling aufs Neue eingestellt. Die Nähe des Schwarzen Meeres macht es, dass jeder Nordwind bis zum Juni Kälte mit sich bringt.

06 Juni 2018

Helmuth von Moltke: Unter dem Halbmond

Briefe H. v. Moltkes aus der Türkei nach Deutschland

Konstantinopel 24.12.1835
[...] Du weißt, dass meine Absicht war, nur etwa drei Wochen in Konstantinopel zu verweilen und dann über Athen und Neapel zurückzukehren. Nun hat aber der Seraskier mich durch die Gesandtschaft förmlich auffordern lassen die Abreise zu verschieben, was meinen ganzen Reiseplan ändert. Ich muss meinen Gefährten, den Baron Bergh, allein ziehen lassen, was mir in jeder Beziehung äußerst leid ist.

Konstantinopel, den 4. Januar 1836
Ich schrieb dir in meinem letzten Brief, dass mein Aufenthalt sich hier unerwartet verlängert. Der Seraskier lässt mich jede Woche ein paarmal rufen; da die Türken aber jetzt den Ramadan feiern, wo alle Geschäfte des Tages über ruhen, so finden die Besuche des Nachts statt. Das zehnrudrige Kaik des Seraskiers erwartet mich zu Galata und am jenseitigen Ufer des Hafens finde ich seine Pferde. Ebenso geht es zurück. Voraus schreitet ein Kawass oder Polizeisoldat, der mit seinem langen Stock unbarmherzig auf alles losschlägt, was nicht aus dem Wege geht. Dann folgt der Imrohor oder Stallmeister des Paschas und zwei Fackelträger zu Fuß; dann ich auf einem schönen türkischen Hengst mit Tigerdecken und goldenen Zügeln, begleitet vom Dolmetscher. [...]

Konstantinopel, den 20. Januar 1836
Mehmed Chosref Pascha ist nächst dem Großherrn der mächtigste Mann im Reich. In seiner Erscheinung hat er wohl kaum seinesgleichen in der Welt. Stelle dir einen Greis von nahezu achtzig Jahren vor, der die ganze Lebendigkeit, Rührigkeit und Laune eines Jünglings bewahrt hat. Das stark rote Gesicht mit schneeweißem Bart, eine große gebogene Nase und auffallend kleine, aber blitzende Augen bilden eine markante Physiognomie, die durch die rote, über die Ohren herabgezogene Mütze nicht verschönert wird. Der große Kopf sitzt auf einem kleinen, breiten Körper mit kurzen, krummen Beinen. Der Anzug dieses Generals besteht aus einer blauen Bluse ohne alle Abzeichen, weiten Pantalons und ledernen Strümpfen (Terlik). Chosref Pascha hat sich während fünfunddreißig Jahren in den höchsten Staatsämtern zu erhalten gewusst, was seiner Gewandtheit alle Ehre macht. Der Seraskier redet fast nur in scherzhaftem Ton, aber die Mächtigen zittern bei seinem Lächeln. Er weiß alles, was in der Hauptstadt vorgeht, hat seine Kundschafter überall und kennt keine Schonung gegen solche, die sich der neuen Ordnung der Dinge widersetzen. Chosref Pascha war der Erste, welcher dem Großherrn eine europäisch ausexerzierte Truppe vorstellte, und der Erste unter den Großen, welcher die schöne alttürkische Tracht gegen die geschmacklose und unbequeme Nachbildung europäischer Uniform vertauschte; er gilt daher für einen Hauptbeförderer der Reform. Mir kommt es jedoch manchmal vor, als ob der Seraskier Mehmed Chosref die Reform in seinem geheimsten Innern mit der tiefsten Ironie behandle; aber sie ist ihm das Mittel zur Macht und Macht ist die einzige wahre, ungebändigte Leidenschaft dieses Greises. Wer ihm in dieser Beziehung entgegentritt, sei auf seiner Hut. Jemand, der eine hohe Stellung bekleidet, ohne sie durch ihn erlangt zu haben, gilt ihm schon für einen Feind.

Wikipedia: Nizip
[...] In Nizip fand am 24. Juni 1839 eine Schlacht zwischen dem Osmanischen Reich unter Sultan Mahmud II. und Ägypten, das sich unter Muhammad Ali Pascha, dem Khediven, vom Osmanischen Reich gelöst hatte, statt. Die ägyptischen Truppen, die in den Jahren vorher Palästina und Syrien erobert hatten, standen unter dem Befehl von Ibrahim Pascha, dem Sohn Muhammad Alis, und siegten über die osmanischen Truppen unter Hafiz Pascha. An der Schlacht nahm auch Helmuth von Moltke, der spätere deutsche Generalfeldmarschall, als preußischer Militärberater der osmanischen Armee teil.
Die Eindrücke seiner Jahre im Osmanischen Reich hat Moltke in seinem Werk "Unter dem Halbmond. Briefe über Zustände und Begebenheiten in der Türkei aus den Jahren 1835 bis 1839" aufgezeichnet. Über die Schlacht und ihre Vorgeschichte hat er besonders ausführlich berichtet.[2]"

Moltke: Unter dem Halbmond:
Die Schlacht bei Nisib Asbusu bei Malatia, den 12. Juni 1839

Du bist sehr lange ohne direkte Nachricht von mir geblieben, weil in der letzten Zeit die Ereignisse sich so drängten, dass kein Augenblick zum Schreiben blieb. Jetzt sitze ich wieder in meinem schattigen Quartier auf der Brücke unter dem Corneliuskirschbaum in Asbusu; aber manches hat sich geändert, seit ich diesen Ort verließ. Zu unserem festen Lager zu Biradschik standen wir so unbeweglich den ganzen Monat Juni still, dass die Schwalben anfingen sich Nester an meinen Zeltstangen zu bauen und Zeit und Weile uns lang wurde. Ein furchtbares Ereignis unterbrach jedoch die Einförmigkeit, als am 29. Mai mittags unser Pulvermagazin mit mehr als 1000 Zentner fertiger Munition in die Luft flog; man hatte zur Unterbringung derselben ein Hann oder gewölbtes steinernes Gebäude am Ufer des Murad innerhalb unserer Stellung gewählt. Nur auf wiederholte Vorstellung war es mir gelungen, sechzig Mann Wache aus dem inneren Hof des vierseitigen Gebäudes zu entfernen, die dort kochten und rauchten; es ging aber später noch, wie bei allen türkischen Pulvermagazinen, so arg her, dass ich bei dem ersten Knall keinen Augenblick im Zweifel war, welches Unglück uns betroffen hatte. Mein Zelt stand etwa tausend Schritt weit auf einer Höhe, die Tür gegen das Hann gewendet, entfernt genug, um außer aller Gefahr zu sein, nahe genug, um das Schauspiel deutlich mit anzusehen. Sobald der erste heftige Knall meine Aufmerksamkeit erregte, sah ich eine Feuergarbe aus dem inneren Hof emporsteigen, wo man eben Kisten mit Infanteriemunition öffnete; unmittelbar darauf flog das Hann selbst auf. Eine dichte Rauchsäule erhob sich bis zu einer unglaublichen Höhe in die klare blaue Luft, aus ihr aber zuckten helle Blitze, und ein Regen von Gewölbsteinen und Kugeln rasselte herab; das Platzen mehrerer hunderter gefüllter Granaten in derselben Minute verursachte ein Getöse, das viele Stunden weit in den Bergen widerhallte. Nun musst du wissen, dass in einer Entfernung von 80 Schritt zu beiden Seiten des Hanns 200 geladene Munitions- und Granatwagen standen; eine Protze flog wirklich in die Luft, und doch wurde wunderbarerweise der ganze Rest des Fuhrwerks gerettet. Einer meiner Kameraden, der Hauptmann Laue, war in größter Gefahr gewesen; er arbeitete zur Zeit der Explosion nur einige hundert Schritt weit vom Magazin und wurde an drei Stellen leicht verwundet; dennoch war er der Erste, der mit Hilfe einiger Artilleristen eine bereits brennende Granatprotze wieder löschte. Als wir mit der Infanterie herbeikamen, wurden schnell alle Munitionswagen aus der Nähe des Vulkans fortgezogen; [...]

Angeregt, in diese Briefe Moltkes hineinzusehen, wurde ich durch

Olaf Jessen: Die Moltkes. Biographie einer Familie, 2010
Lektürebericht: Ich habe verschiedene Zweige des Moltkeschen Adelsgeschlecht und einige wichtige Vertreter seit etwa 1800 kennengelernt, bin mit dem Hauptmann Moltke in der Türkei gewesen und habe erlebt, wie er, der vorher bettelarme Offizier mit ersparten 10 000 Talern Anteile an einer neu zu bauenden Bahnlinie von Hamburg nach Preußen erwarb und später gut daran verdiente. Ich habe erfahren, dass Helmuth von Moltke aus Karrieregründen Dänemark verließ und so nicht in den schwierigen Solidaritätskonflikt zwischen dänischem König (und dem Amtseid) und Schleswig-Holsteinischem deutschen Nationalgefühl hineingezogen wurde. 
Moltkes Karriere vom Dänenkrieg bis zum legendären Sieg von Sedan habe ich eher kursorisch verfolgt und stehe jetzt bei seiner Erfahrung, einer der preußisch-deutschen Nationalhelden geworden zu sein (S.221).
Berührend, wie das "unartige", muntere Mädchen Mary nach der Verlobung mit dem angeheirateten, etwa 25 Jahre älteren Onkel ganz in der bürgerlich-adligen Frauenrolle aufgeht, emotionaler Rückhalt des verehrten Mannes zu sein, dass sie dann lange vor ihm stirbt und dass er ihr bis zu seinem Tode für diese ihre Rolle dankbar bleibt. - Kein Rollenmodell für unsere Zeit, aber offenbar eine Aufgabenteilung, die damals auch von Frauen als emotional stimmig erlebt werden konnte. (?)
 [Zu ihrer Fragwürdigkeit vgl. Stefan Zweig: "›Gut erzogen‹ galt damals bei einem jungen Mädchen für vollkommen identisch mit lebensfremd; und diese Lebensfremdheit ist den Frauen jener Zeit manchmal für ihr ganzes Leben geblieben." (Die Welt von Gestern)]