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10 September 2025

Tilmann Lahme: Thomas Mann

 Tilmann Lahme: Thomas Mann  (Perlentaucher)

Für die Forschung ist diese Studie gewiss wertvoll. Für den informierten Thomas-Mann-Leser enthält sie aber nur die Information, dass Manns Leistung nicht wirklich ein "strenges Glück" (Königliche Hoheit) war, sondern auch von ihm selbst teurer bezahlt war, als dass sie ein Glück hätte bedeuten können. Für Katja Pringsheim, die statt sich selbst verwirklichen zu können, zu "Frau Thomas Mann" wurde, ihre enormen Anstrengungen und ihren Verzicht mit Gesundheitsverlusten bezahlen musste; aber auch von den Kindern. (Selbsttötung ist kein Zeichen für ein glückliches Leben.)

Für Deutschland und seine Literatur war diese Familie freilich ein Gewinn. Für die unfreiwilligen Opfer sehr hart, für die Literatur , die Geschichtsschreibung (Golo) und die Ozeanographie (Elisabeth) ein Gewinn.

Klappentext
Er ist der literarische Magier des 20. Jahrhunderts: Nobelpreisträger und gefeiertes Genie und zugleich so unglücklich, wie man nur sein kann. Er liebt und darf nicht lieben, die Vorstellungen seiner Zeit stehen ihm im Weg. Was für ein Antrieb zu großer Literatur - und was für ein leidvolles Leben. Seit seinem frühen Welterfolg mit den 'Buddenbrooks' und zwei Jahrzehnte später mit dem 'Zauberberg' öffnen sich ihm alle Türen, bis hin zu der im Weißen Haus. Keine deutsche Stimme kämpft so hörbar gegen Hitler wie seine, kein anderer häuft Ehrungen auf sich wie er. Seine Frau Katia und seine sechs Kinder umringen ihn dabei wie eine Festung. Doch der Abgrund ist immer nur einen Schritt entfernt.

Leseprobe (bis S.59)

INHALT

Vorspiel, 1903, S. 7

Anfänge und frühe Schrecken (18751894) S.12

II Die Hunde im Souterrain (1894-1896) S.70

III Liebe, Geld und ein Blick in den Abgrund (1897-1901) S.128

IV Das Herz in der Hand (19011905) S.188

Die große Gereiztheit (19051924) S.244

In 3 Jahren und 3 Monaten notiert TM 6 Mal erfolgreichen Sex und 4 Beischlafversuche, die misslingen. (S.277)

Masturbation (S.278o)

Prozesse u. Oscar Wilde (S.279)

VI Glanz und Finsternis (19251941) S.322

VII  Letzte Dinge (19421955) S. 406

Nachspiel oder Der geopferte Freund S.490

ANHANG

Susan Sontag: Bei Thomas MannS.510  Thomas Mann an Otto Grautoff S.522 Hinweise zur Literatur über Thomas Mann S.529



26 August 2025

Thomas Mann: Königliche Hoheit

 Wenn man die Namenswahl, Titel und Berufsbezeichnungen der handelnden Personen in diesem Großherzogtum von 8000 km² und 1 Mill. Einwohnern betrachtet: Hauptmann Lichterloh,  Graf Schmettern, Doktorin Gnadebusch, die Hebamme, den Hofprediger Oberkirchenratspräsident D.W. so fühlt man sogleich die ironische Distanz des Erzählers. Man könnte an eine Satire denken. 

Das ist es nicht. Doch die "unrentable" Eisenbahn, die Zerstörung der Finanzkraft des Landes durch Umweltzerstörung, die Kritik an der Torheit von falschen Schulzuweisungen, all das ist ernst gemeint. Dennoch dieser ironische Abstand von der  Wilheminischen Ära, mit dem diesem an zweiter Stelle Thronberechtigten, der äußerlich sehr deutlich Wilhelm II.  nachgebildet ist, aber in seiner seelischen Situation ein wenig verfremdetes Bild des damaligen Verfassers Thomas Mann ist (zweiter Sohn und zunächst weit hinter seinem Bruder Heinrich zurückstehend). 

Die märchenhafte Begegnung dieses Erben, der unter Verpflichtungen der Tradition leidet wie Hanno Buddenbrook (und Thomas Mann), mit der Erbin eines Superreichtums entfernt sich dann vom satirischen Einschlag und ähnelt sehr dem, was Thomas Mann sehr bewusst angesteuert hat, um ganz seiner Bestimmung als Schriftsteller zu leben, ohne wie Oscar Wilde die Ächtung durch die Gesellschaft fürchten zu müssen (dennoch hat er nie ein Outing für möglich gehalten, wie sein ältester Sohn es ihm vorlebte).

Er wählte ein "strenges Glück" (die letzten Worte des Buches). 

Schon vor seiner Hochzeit (Königliche Hoheit erschien erst 1907, nach der Geburt seines 3. Kindes) wählt er in einem Brief an seinen Bruder Heinrich diese Verknüpfung, wenn auch nicht in dieser einem Oxymoron ähnlichen Verkürzung:

"Es geht ihm einmal darum, den Bruder zu versichern, dass er 'das nicht ganz simple Problem unseres Verhältnisses' nicht vergessen habe und dass er nicht nur an das eigene Glück denke; in der Hauptsache, aber wolle er erklären, dass das neue Leben nicht so ganz dem Schlaraffenland, das Heinrich so geschmäht hatte, entspreche. Was war schließlich Glück? 'Nie habe ich das Glück für etwas Leichtes und Heiteres gehalten, sondern stets für etwas so Ernstes, Schweres und Strenges wie das Leben selbst… Ich habe es mir nicht 'gewonnen', es ist mir nicht 'zugefallen'.Ich habe mich ihm unterzogen: aus einer Art Pflichtgefühl, einer Art von Moral, einem mir eingeborenen Imperativ… Das 'Glück' ist ein Dienst…  ich betone das nicht, weil ich irgendwas wie Neid bei dir voraussetze, sondern weil ich argwöhne, dass du im Gegenteil sogar mit Geringschätzung auf mein Neues Sein und Wesen blickst. Tu das nicht. Ich habe es mir nicht leichter gemacht. Das Glück, mein Glück ist zu in zu hohen Maße ist in zu hohem Grade Erlebnis, Bewegung, Erkenntnis, Qual, es ist zu wenig dem Frieden und zu nahe dem Leiden verwandt, als dass es meinem Künstlertum dauernd gefährlich werden könnte… Das Leben, das Leben! Es bleibt eine Drangsal, und so wird es mich denn wohl auch mit der Zeit zu ein paar guten Büchern veranlassen." (zitiert nach: Donald Prater: Thomas Mann, 1995, S.95)

Die Strenge des Hofzeremoniells, die Klaus Heinrich erlebt, erfährt Thomas erst, als er in die Sphäre der finanziellen und gesellschaftlichen Elite eintritt und sich dort behaupten muss, um zu rechtfertigen, dass er die hochbegabte Mathematikerin von einer Promotion fernhalten will, um sie zu seiner Gattin und folglich zur Hausfrau (später "selbsternannte" "Frau Thomas Mann") zu machen. Aus Pflichtgefühl seiner Begabung und seiner seelischen Empfindsamkeit, die ihm ein Künstlerleben und Werk zur moralischen Pflicht macht.

Wer schon vor dem 1. Weltkrieg an der Wilhelminischen Gesellschaft das kritisierte, was seit der Coronazeit Kritiker dem vereinigten Deutschland nachsagten, hat trotzdem während des Weltkriegs die Abfassung der Betrachtungen eines Unpolitischen für seine moralische Pflicht gehalten, die ihn für geraume Zeit von seinem Bruder, dem von ihm so bezeichneten "Zivilisationsliteraten", entfremden sollte. 

04 Januar 2025

Thomas Mann: Der Zauberberg

 Thomas Mann: Der Zauberberg

Kapitel Enzyklopädie: Settembrinis "Internationaler Bund für Organisierung des Fortschritts", der seine Arbeit mit einer Enzyklopädie des Leidens beginnt, um dann gezielt alle Leiden zu beseitigen. 

Dagegen Naphta, der mit gekonnter Sophistik Settembrini Paroli bietet.

Hans Castorps Schneetraum führt ihn zu dem lebenszugewandten Satz: „Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken“. (Das entspricht Manns Lebenshaltung mit Bejahung der Weimarer Republik.)

Doch er verlässt die morbide Atmosphäre des Zauberbergs nur, um in den Krieg zu ziehen: "Und so, im Getümmel [...] kommt er uns aus den Augen." 

Streng genommen ist das kein Bericht vom Untergang; aber dem Leser bleibt kein Anknüpfungspunkt für einen glücklichen Schluss.

Der letzte Satz: "Wird auch aus diesem Weltfest des Todes [...] einmal die Liebe steigen?" bietet dafür nicht mehr als das Fragezeichen. 

Zum Personal: 

10 Dezember 2024

Thomas Mann: Buddenbrooks und der Nobelpreis

 Die Buddenbrooks waren nicht nur die Familiengeschichte eines begabten Schreibers, der unbedenklich das Material aus seiner Familiengeschichte verarbeitete.

Sie waren auch das Werk eines mit 25 Jahren reifen Autors, der in den Überlegungen des 42-jährigen Senators Thomas Buddenbrook ("rechte Hand" des Bürgermeisters) vor dem Kauf der Poppenröder Ernte schildert, was der gut 50-jährige Nobelpreisträger 1929 empfunden haben mag: Den Nobelpreis für meinen ersten Roman und nicht für das Meisterwerk des reifen Mannes, den Zauberberg (und was Günter Grass empfand, wenn man die Blechtrommel über die Maßen lobte, was ihn immer wieder herausforderte, auf die "Hundejahre" hinzuweisen.).

Nicht mehr der Elan des Anfangs, dessen, für den alles noch vor ihm liegt. - Und dann dass Mann über 80 Jahre werden würde, seine gewaltige Josephstetralogie noch vor ihm lag und seine dichterische Gestaltung der NS-Herrschaft, die in die Welttragödie des Zweiten Weltkriegs mündete. 

Und danach noch der Aufschwung seines Alterswerks in den humorvollen, ironiegesättigten Werken Der Erwählte und Felix Krull.

Vom 25-Jährigen dichterisch gestaltet eine Midlife-Crisis, bevor sie 1957 benannt (erfunden?)  wurde. 

Prophetisch und dann doch ganz widerlegt durch das Leben, das sich eben nicht im "Zwischenhändlerdasein" erschöpfte, sondern in bewusstem Antagonismus zum Terror sein Gegendeutschland  ("Deutsche Hörer") schuf.

10 Oktober 2023

Volker Weidemann: Mann vom Meer

 "[...] Weidermann schreibt sogar von einer "Meeresdroge", dem sozusagen auf Papier gebannten "Ruf des Strandhorns". Es fallen einem auf Anhieb viele maritime Bezüge im Werk Thomas Manns ein: Morten Schwarzkopf und Tony Buddenbrook am Strand von Travemünde, die auf einer Transatlantik-Schiffspassage entstandene "Meerfahrt mit Don Quijote" des Literaturnobelpreisträgers, sein Sommerhaus in Nidden an der Kurischen Nehrung, und dann natürlich die vielen Fotos von Thomas Mann im Strandkorb, in Bademantel oder Ganzkörperbadeanzug.

Es dürfte keinen anderen deutschen Schriftsteller geben, der – egal ob an Ost- oder Nordsee – sich so oft am und im Strandkorb (gern rauchend) hat ablichten lassen. Weidermann zeigt aber auch anhand des "Schnee"-Kapitels im "Zauberberg", wie sehr selbst die Davoser Bergwelt metaphorisch von Meeresströmungen durchzogen ist. Das "Schnee"-Kapitel ist eigentlich recht besehen auch ein See-Kapitel.

Das Meer als Sinnbild von Verlangen und Vergänglichkeit

Das Mittelmeer, an dessen französischem Teil in Sanary-sur-mer der Emigrant Mann mit seiner Frau Katia im Sommer 1933 einige Woche verbrachte, scheint ihn weniger angesprochen zu haben. Zumindest findet das träge italienische Meer im "Tod in Venedig" als "ödes Meer" Erwähnung. An anderer Stelle spricht Mann mal von der "Großwildnis" des Atlantiks oder von der Nordsee als einem "erschütternden Meere" nach einem Sylt-Aufenthalt. [...]

Als Thomas Buddenbrook anfängt, Ferien am Meer machen zu wollen, ahnen die kundigen Leser schon, dass es mit ihm zu Ende gehen könnte." Nach der Lektüre dieses Buches versteht man viel besser, warum Thomas Mann einst festhielt:

"Meine Liebe zum Meer, dessen ungeheure Einfachheit ich der anspruchsvollen Vielgestalt des Gebirges immer vorgezogen habe, ist so alt wie meine Liebe zum Schlaf.""

https://www.br.de/nachrichten/kultur/mann-vom-meer-volker-weidermann-und-sein-thomas-mann-roman,Tgxr5hs BR24 12.6.2023

22 Februar 2023

Heinrich Mann

 "Heinrich Mann ist nicht imstande, sich in die Gesellschaft zu integrieren, bleibt außen vor, findet keine Möglichkeit, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Kurz, er ist genau der Migrant, der selbst die Mindestanforderungen an einen Migranten der ersten Generation nicht erbringt." (H. u. Th. Mann)

So habe ich Heinrich Mann im Gegensatz zu Thomas Mann charakterisiert. Gewiss in Kenntnis der Biographie von Manfred Flügge (2006). Diese Kennzeichnung trifft insbesondere für den Heinrich Mann als werdender Schriftsteller (konservativ, Symbolist, den Naturalismus zurückweisend) und für den alternden Schriftsteller in den USA, der von seiner Leserschaft und dem zeitgenössischen literarischen Diskurs weitgehend  isoliert lebt.

Bestimmend war für mich freilich immer der Blick auf den politischen Autor gegen Ende der Kaiserzeit (Professor Unrat und Der Untertan) im Gegensatz zu dem betont unpolitischen Thomas Mann der Betrachtungen eines Unpolitischen. 

Dass Heinrich kurzzeitig (April 1895 bis April 1896) Herausgeber der antisemitischen Zeitschrift "Das Zwanzigste Jahrhundert" war (Flügge, S.53/54) habe ich rasch vergessen.

Dazu Flügge: "Er selbst steuerte jeden Monat mindestens zwei umfangreiche Artikel bei und schrieb insgesamt etwa 50 Beiträge, davon 33 unter seinem Namen. Auch sein Bruder Thomas wurde von ihm zur Mitarbeit herangezogen. Das Erstaunen von Thomas über die spätere politische Wandlung des Bruders bezog sich auch auf diese gemeinsame, etwas peinliche Vergangenheit." (S.54)

"Das Programm der Publikation hatte Erwin Bauer in der allerersten Ausgabe formuliert. Heinrich Mann schien nichts gegen diese Ziele zu haben und sprach sich für einen starken Monarchen aus, für eine Ständeverfassung, er sah die Gesellschaft als Pyramide mit dem Kaiser an der Spitze. Er war gegen Demokratie und Sozialismus, für Volksgemeinschaft und Kleinstaaat, für die gesunde Volksseele. Im August 1895 schrieb er: 'Die bürgerliche Republik [...] liegt in Wirklichkeit [...] überhaupt nicht auf unserem Entwicklungswege, der eben anders verläuft als der anderer Nationen.'  Im Oktober 1895  glorifizierte der wehruntüchtige Klient von Sanatorien den Krieg als metaphysische Tatsache, als eine heimliche Lebenskraft. 'Gerade im Kriege werden die Gefühle Aller voll und einfach. Eine kriegerische Epoche erhebt ihre Kinder auf eine für gewöhnlich unerreichbarer Höhe.' Auch für die ‘Einnahme gesunder und fruchtbare Kolonien' in Übersee und die Eroberung von Lebensraum im Osten trat er ein, um das Problem der Überbevölkerung zu lösen. 

In gesellschaftspolitischen Fragen hatte er eine klare Linie: Frauen gehören nicht in die Politik. Er vertrat die Idee der gesunden Familie als Basis der Gesellschaft. Arbeiter waren für ihn nur gesinnungsloser Pöbel. Nietzsches Übermenschen deutete er als ein neues Ideal für die Vervollkommnung von Rasse und Gesellschaft. Und wenn er sich in dieser Zeit für die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich einsetzte, so mit der Begründung auch in französischen Adern fließe die genügend germanisches Blut. Mit dieser originellen Sicht stand er innerhalb der völkischen Rechten allein, in der Frankreich als Erbfeind galt.

Von allen rabiatem Meinungsäußerungen und dem ausgesprochenen Antihumanismus dieser Phase ist der Antisemitismus des jungen Heinrich Mann am schwersten erträglich. Kenntnis von jüdischer Religion, jüdischem Leben oder der realen Lage der im deutschen Reich lebenden Juden besaß er nicht. Er begnügte sich mit Variationen über gängige Vorurteile. Die Position, die er vertrat lässt sich definieren (soweit man solche Verirrungen des Denkens überhaupt rational behandeln will) als völkischer Antisemitismus. Zwei wesentliche Vorstellungen kennzeichnen diese Ideologie: 1. Es gebe Personen, die an negativen Entwicklungen des deutschen Volkes schuldig sind ('die Juden'); 2. man könne die Harmonie wiederherstellen, in dem man das orientalische Gift aus dem deutschen Organismus entfernte, wie es in der blumig-brutalen Sprache jener Kreise hieß. [...] Die beiden 'großen staatserhaltenden Stände der Landleute und Handwerker' stünden vor dem Untergang. Nur 'die tiefe und mächtige Volksbewegung, die man Antisemitismus nennt', könne die Probleme lösen.

Alle Gebildeten, behauptete er, seien Feinde der jüdischen Intelligenz, welche die Wurzeln des Volkes ausreißen wolle und ein luftiges 'Menschentum' propagiere. Es gebe weder einen jüdischen Glauben, noch ein jüdisches Volk, die Juden seien der 'sichtbare Begriff alles dessen, was zerstört und niedrig macht'. " (S.54/55)
"Deshalb müsse man auch für die 'Unterdrückung der Judenschaft' eintreten. In dem Artikel 'Zur Psychologie des Juden' bedauerte er, 'dass sich in Deutschland die höhere Erzählkunst noch kaum der Judenfrage angenommen hat.' Das kann man als erstes Indiz für eigene Pläne ansehen, aus denen später der Roman Im Schlaraffenland hervorging. In einer Passage war die Rede davon, dass man die jüdische Hochfinanz wie eine unheilvolle Bestie in Käfige sperren oder ausrotten müsse." (S.55/56)

07 November 2022

Thomas Mann: Deutsche Hörer

Deutsche Hörer! ist der Titel einer Reihe von 55 Radioansprachen Thomas Manns, die das deutsche Programm der BBC zwischen Oktober 1940 und Mai 1945 meist regelmäßig einmal monatlich ausstrahlte. Hinzu kamen einzelne Sondersendungen sowie eine letzte Ansprache zu Neujahr 1946.

Es handelte sich um fünf- bis achtminütige, pointiert formulierte Reden, in denen der Autor sich mit der politischen Lage Deutschlands in der Zeit des Nationalsozialismus befasste, das Kriegsgeschehen kommentierte und mahnende Worte an seine Landsleute richtete. Eine erste Sammlung mit 25 Sendungen wurde 1942 als Buch veröffentlicht, ein zweites Buch umfasste 1955 55 Texte. [...]" (Wikipedia)

 25. Mai 1943

Deutsche Hörer!
Als ich mich im Sommer 1932 an der Ostsee aufhielt, bekam ich ein Paket zugeschickt, aus dem mir, als ich es öffnete, schwarze Asche, verkohltes Papier entgegenfiel. Der Inhalt bestand aus einem verbrannten, nur gerade noch erkennbaren Exemplar eines Buches von mir, des Buches 'Buddenbrooks', – mir übersandt vom Besitzer zur Strafe dafür, dass ich meinem Grauen vor dem heraufkommenden Nazi-Verhängnis öffentlich Ausdruck gegeben hatte.
Das war das individuelle Vorspiel zu der ein Jahr später, am 10. Mai 1933, vom Naziregime überall in Deutschland in großem Stil veranstalteten symbolischen Handlung: der zeremoniellen Massenverbrennung von Büchern freiheitlicher Schriftsteller, – nicht  deutscher nur oder nur jüdischer, sondern amerikanischer, tschechischer, österreichischer, französischer und vor allem russischer; kurzum auf dem Scheiterhaufen qualmte die Weltliteratur, – ein wüster, trauriger und ungeheuer ominöser Jux, den übrigens viele daran Beteiligte jungen Leuten sich guter Dinge zu Nutze machen, um von den Büchern, die sie heranschleppten, möglichst viele zu mausen und so auf billige Art zu förderlicher Lektüre zu kommen.
Es ist merkwürdig genug, daß unter allen Schandtaten des Nationalsozialismus, die sich in so langer, blutiger Kette daranreihten, diese blödsinnige Feierlichkeit der Welt am meisten Eindruck gemacht hat und wahrscheinlich am allerlängsten im Gedächtnis der Menschen fortLeben wird. Das Hitler-Regime ist das Regime der Bücherverbrennungen und wird es bleiben. Der Choc für das europäische Kulturgewissen war heftig und wird unaufhörlich nach, – während in Deutschland dieser Akt nationalistischer Betrunkenheit wohl schon so gut wie aus der Erinnerung verdrängt ist. [...]
Das amerikanische Propaganda-Amt hatte künstlerische Plakate herstellen und verbreiten lassen, die Symbol mit Symbol beantworten: Man sieht darauf, wie Rauch und Flammen aus dem Bücher-Scheiterhaufen den Kulturschänder Hitler ersticken. Ein 'Komitee für die Wiederherstellung verbrannter und verbannter Bücher in Europa', zu dessen Sponsoren erste Namen des Landes gehören, gab eine Liste der Werke in Auftrag, die als erste wieder in die Bibliotheken eines befreiten Europas eingereiht oder neu aufgelegt werden sollen. [...]"


Büchnerpreis für Emine Sevgi Özdamar und Thomas Manns "Bruder Hitler"

 Frage: Weihnachten, alles war gefroren – das war gar nicht so? 

Özdamar: Nein, natürlich nicht. Dass es kalt war, dass es in der WG sehr kalt war, dass die Heizungen ausgestellt waren, ja das ist wahr. Da musst du aber die Kälte inszenieren. Weil, dein Leben ist ja für dich interessant, aber nicht für die anderen, die musst du inszenieren, die musst du herstellen, dass jede gerne liest, dass es Spaß macht den Menschen.

Zitat aus:

Mit geteilter Zunge – Zum Werk der Georg-BüchnerPreisträgerin Emine Sevgi Özdamar

In diesem Blog kommt Özdamar erstmalig im Artikel Mutterzunge vor. 

An diesem Text ist mir wieder einmal deutlich geworden, dass mich an Literatur nicht so sehr die Sprache interessiert, sondern das andere Leben. So ist mir Özdamar erst wieder über die Berichte über ihren Büchnerpreis nahe gekommen. 

"Mein Bruder Büchner" ("Georg Büchner war mein Bruder, der mir auf meinem Weg leuchtete.") - Wusste sie, als sie das schrieb, dass Thomas Mann einen Text "Bruder Hitler" geschrieben hat?

Der beginnt mit den Worten:

"Ohne die entsetzlichen Opfer, welche unausgesetzt dem fatalen Seelenleben dieses Menschen fallen, ohne die umfassenden moralischen Verwüstungen, die davon ausgehen, fiele es leichter, zugestehen, daß man sein Lebensphänomen fesselnd findet. Man kann nicht umhin, das zu tun; niemand ist der Beschäftigung mit seiner trüben Figur überhoben – das liegt in der grob effektvollen und verstärkenden (amplifizierenden) Natur der Politik, des Handwerks also, das er nun einmal gewählt hat, – man weiß, wie sehr nur eben in Ermangelung der Fähigkeit zu irgendeinem anderen. Desto schlimmer für uns, desto beschämender für das hilflose Europa von heute, das er fasziniert, worin er den Mann des Schicksals, den Allesbezwinger spielen darf, und dank einer Verkettung fantastisch glücklicher – das heißt unglückseliger  Umstände, da zufällig kein Wasser fließt, das nicht seine Mühlen triebe, von einem Siege über das Nichts, über die vollendete Widerstandslosigkeit zum anderen getragen wird."

Ich leugne nicht, dass mich auch bei den Buddenbrooks, die ich meiner Erinnerung nach, angeregt durch den Film gelesen habe, nicht nur die Menschen, sondern auch die Sprache interessiert hat. (In meiner Charakterisierung des ersten Teils des Films vom 16.1.1960 heißt es "Da das Buch gut war, wurde der Film nicht schlecht.")

So fasziniert mich am Anfang dieses Textes die Sprache, obwohl mir der Text nur aufgrund seines ungewöhnlichen Titels in Erinnerung geblieben ist. Zu dem Thomas Mann, der die Rundfunkansprachen "Deutsche Hörer" geschrieben hat, will dieser Titel des Textes vom März 1939 nicht recht passen.

Doch weiter in Manns Text:

"Die politische Willenlosigkeit des deutschen Kulturbegriffs, sein Mangel an Demokratie hat sich fürchterlich gerächt: er hat den deutschen Geist zum Opfer einer Staatstotalität gemacht, die ihn der sittlichen Freiheit zugleich mit der bürgerlichen beraubt. [...]

Er konnte sich anti-demokratisch gebärden, weil er nicht wußte, daß Demokratie identisch ist mit jenen Gründen und Stützen, daß sie nichts ist als die politische Ausprägung abendländischer Christlichkeit, und Politik selbst nichts anderes als die Moralität des Geistes, ohne die er verdirbt. Wir wollen feststellen: während im äußeren Völkerleben eine Epoche des zivilisatorischen Rückschlages, der Vertrauensunwürdigkeit, Gesetzlosigkeit und des Dahinfallens von Treu und Glauben angebrochen zu sein scheint, ist der Geist in ein moralisches Zeitalter eingetreten, will sagen: in ein Zeitalter der Vereinfachung und der hochmutlosen Unterscheidung von Gut und Böse. Das ist seine Art, sich zu rebarbarisieren und zu verjüngen. Ja, wir wissen wieder, was Gut und Böse ist. Das Böse hat sich uns in seiner Nacktheit und Gemeinheit offenbart, daß uns die Augen aufgegangen sind für die wilde und schlichte Schönheit des Guten, daß wir uns ein Herz dazu gefaßt haben und es für keinen Raub an unserer Finesse erachten, es zu bekennen. Wir wagen es wieder, Worte wie Freiheit, Wahrheit und Recht in den Mund zu nehmen; ein Übermaß von Niedertracht hat uns der skeptischen Schüchternheit davor entwöhnt. Wir halten sie dem Feinde der Menschheit entgegen, wie einst der Mönch dem leidigen Satan das Kruzifix; und alles, was die Zeit uns erdulden lässt, wird überwogen von dem jungen Glück des Geistes, sich in der ihm ewig zugedachten Rolle wiederzufinden, in der Rolle Davids gegen Goliath, im Bilde Sankt Georgs gegen den Lindwurm der Lüge und der Gewalt."

Das ist geschrieben zwar nach der Reichpogromnacht vom 9.11.1938, aber noch vor dem Holocaust.
Hannah Arendt hat beim Eichmannprozess ihrerseits dieses Pathos der Unterscheidung von Gut und Böse zurückgenommen und als Holocaustüberlebende ihr Erstaunen über die "Banalität des Bösen" ausgesprochen*. Golo Mann hat das im Gedanken an Hitler mit Schärfe zurückgewiesen. Das ist ein weiteres Kapitel im Umgang mit "Bruder Hitler" und mit Sprache im Allgemeinen.
*Ihr ging es darum, deutlich zu machen, dass nicht einmal ungeheure kriminelle Energie vorhanden sein muss, damit ein Menschheitsverbrechen zustande kommt. - Dass im Falle Eichmanns wohl doch ein "Werkstolz" vorlag, da er die Judenvernichtung noch weiter durchführen ließ, obwohl sie von Hitler bereits abgesagt worden war, ist vermutlich während des Prozesses nicht deutlich geworden.

13 August 2022

Thomas Manns Ansprachen an die Deutschen im 2. Weltkrieg

PODCAST-PIONIER THOMAS MANN „Mannsplaining“ mit positivsten Folgen

    FAZ 12.8.22

"[...]  Unter dem Titel „Deutsche Hörer!“ entstanden in Pacific Palisades zwischen fünf und acht Minuten lange Stellungnahmen, mit denen der exilierte Schriftsteller die Bevölkerung seiner Heimat erreichen wollte. Anders als heute gestalteten sich Aufnahme und Verbreitung allerdings sehr viel komplizierter: Zu­nächst verfasste Mann die Texte, schickte sie nach London, und ein deutschsprachiger BBC-Mitarbeiter las sie dann zur Ausstrahlung vor. Die transatlantische Übermittlung fand damals per Telegramm statt, die erste Rede wurde als 500-Wort-Botschaft nach London „gekabelt“. Ursprünglich hatte Erika Mann, die für die BBC als Kriegsberichterstatterin tätige Tochter des Schriftstellers, das Einsprechen übernehmen wollen.

Von März 1941 an übernahm dann Thomas Mann selbst diese Aufgabe. [...] Unter diesen vordigitalen Produktionsbedingungen hat die Übertragungsqualität deutlich gelitten, und dennoch machen die erhaltenen Ansprachen deutlich, dass sich Thomas Mann seiner Wirkung sehr bewusst war – gerade auch des Klanges seiner eigenen Stimme. Die Sprachmelodie ist gleichmäßig und selbstbewusst, die Betonungen sind präzise, der Spott und die gar nicht seltenen Sottisen gegen Hitler und dessen Schergen treffen exakt. Und natürlich ist die Sprache bemerkenswert – alles andere wäre bei einem Literaturnobelpreisträger ja auch verwunderlich, Thomas Mann machte seinem Ruf als Influencer von Weltgeltung alle Ehre.

Der Historiker Tobias Boes widmet in seinem Buch „Thomas Manns Krieg“ den Ansprachen eine längere Passage – unter dem passend gewählten Titel „The Voice of Germany“. Gleich mit dem ersten Satz der ersten Rede im Oktober 1940 klärte Mann die Lage: „Ein deutscher Schriftsteller spricht zu euch, dessen Werk und Person von euren Machthabern verfemt sind und dessen Bücher, selbst wenn sie vom Deutschesten handeln, von Goethe zum Beispiel, nur noch zu fremden freien Völkern in ihrer Sprache reden können, während sie euch stumm und unbekannt bleiben müssen.“ Das Reden in der dritten Person über sich selbst mochte zunächst nach Zurückhaltung klingen (und tatsächlich wurde die Auftaktrede ja auch nicht von Mann persönlich vorgetragen), aber gleich darauf wurde deutlich: Da sprach ein deutscher Autor, der in der Welt bekannt war, dessen Werke gelesen wurden und der sich mit den Nazis anlegte. Auch der Verweis auf Goethe als den „anderen“ Großdichter fiel keineswegs zufällig – das war „Mannsplaining“. [...]"

04 Juli 2022

Über die Rolle von Mythen am Beispiel Eliesers und der Brautwerbung Isaaks und Jakobs

 Die überzeitliche Bedeutung eines Mythos (in diesem Fall der Person Elieser (Gen 15,2 EU) in der Brautwerbungsgeschichte) wird erst verständlich, wenn man sich klar macht, dass sie über Jahrhunderte hin immer wieder erzählt und gehört wurde wie bei uns etwa die Weihnachtsgeschichte oder die vom verlorenen Sohn. Solche Erzählungen werden Teil unseres Selbstverständnisses wie bei den Juden der Gedanke, dass nur eine Mutter aus demselben Geschlecht wie Abraham einen zum richtigen Juden (nicht zum bloßen Vaterjuden) machen kann. Deshalb der Riesenaufwand, Rebekka als Frau von Isaak zu gewinnen und die 14 Jahre, die Jakob Laban dient, bis er endlich Rahel bekommt. Wie sollte mir auch anders nahe gebracht werden, dass ich nicht die mir sympathischste, sondern die richtige Frau zu heiraten habe, damit Gottes Heilsgeschichte  weitergehen und in "schönen Gesprächen" an Kinder und Kindeskinder weitergegeben werden kann

Und Thomas Mann hat mit seinem Werk einiges dafür getan, auch "religiös Unmusikalischen" ein Verständnis für die Bedeutung religiöser Traditionen zu vermitteln. 

02 Juli 2022

Thomas Mann: Joseph und seine Brüder: Eliezer

 In dem 'Schönen' Gespräch*, das zu belauschen wir Gelegenheit hatten, jenem abendlichen Wechselgesang zwischen Jaakob und seinem fehlhaften Liebling am Brunnen, hatte der Alte beiläufig auch des Eliezer Erwähnung getan, der dem Ahnen während seines und seines Anhanges Aufenthalt in Damaschki von einer Sklavin geboren worden sei. Nichts ist klarer, als dass er mit diesem Eliezer nicht denjenigen gemeint haben konnte, der – ein gelehrter Greis und freilich ebenfalls der freigelassene Sohn einer Sklavin, wahrscheinlich sogar ein Halbbruder Jaakobs – auf dessen eigenem Hofe lebte, auch allerdings zwei Söhne namens Damasek und Elinos hatte und den Knaben Joseph unter dem Unterweisungsbaum in vielen nützlichen und übernützlichen Kenntnissen zu fördern pflegte. Man kann es wohl sonnenklar nennen, dass er, den er meinte, der Eliezer war, dessen erstgeborenen Sohn Abraham, der Wanderer aus Ur oder Charran, lange Zeit als seinen Erben hatte betrachten müssen: so lange nämlich, bis zuerst Ismael, dann aber, gelächtervollerweise, obgleich es der Sarai schon nicht mehr nach der Weiberart gegangen und Abraham selbst so alt gewesen war, dass man ihn einen Hundertjährigen nennen konnte, ich Jizchack oder Isaak, der wahrhafte Sohn, das Licht erblickt hatte. Aber die Klarheit der Sonne ist eine und eine andere des Mondes Klarheit, die ja bei jenem übernützlichen Gespräch wunderbar obgewaltet hatte. In ihr nehmen die Dinge sich anders aus als in jener, und sie mochte diejenige sein, die damals und dort dem Geist als die wahre Klarheit erschien. Darum sei unter uns gesagt und zugegeben, dass Jakob mit 'Eliezer' dennoch seinen eigenen Hausvogt und ersten Knecht gemeint hatte, – ihn nämlich, beide auf einmal also, und nicht nur beide, sondern den Eliezer überhaupt: denn seit dem ältesten zu seiner Zeit hatte es auf den Höfen der Häupter ihn, den freigelassenen Eliezer oft gegeben, und oft hatte er Söhne mit Namen Damasek und Elinos gehabt.

Diese Meinung und Gesinnung Jaakobs war denn auch – des hatte der Alte sicher sein können – durchaus die Meinung und Gesinnung Josephs gewesen, der weit entfernt war, zwischen Eliezer, dem Ur-Knecht, und seinem alten Lehrer sonnenklar zu unterscheiden, und umso weniger Ursache dazu hatte, als dieser selbst es nicht tat, sondern, wenn er von 'sich' sprach / zu einem guten Teil Eliezer, den Knecht Abrahams, meinte. So zum Beispiel hatte er dem Joseph mehr als einmal die Geschichte, wie er Eliezer, bei des Hauses Verwandten in Mesopatamien Rebekka, die Tochter Bethuels und Labans Schwester, für Jizhak gefreit hatte, haargenau bis auf die kleinen Monde und Mondsicheln, die an den Hälsen der zehn Dromedare geklingelt, bis auf den präzisen Schekelwert der Nasenringe, Armspangen, Festkleider und Gewürze, die den Mahlschatz und Kaufpreis für Rebekka, die Jungfrau, gebildet hatten, als seine eigene Geschichte und Lebenserinnerungen erzählt und sich nicht genugtun können in der Beschreibung von Rebekka's liebreizender Milde, als sie an jenem Abend am Brunnen vor Nahors Stadt den Krug vom Kopf auf die Hand herab gelassen und und ihn zum Trunke geneigt hatte für ihn, den Durstigen, den sie, was er ihr besonders hoch anrechnete, 'Herr' genannt; von dem züchtigen Anstand, mit dem sie beim ersten Anblick Isaaks, der zur Klage um seine kürzlich geschiedene Mutter aufs Feld gegangen, von ihrem Kamel gesprungen war und sich verschleiert hatte. Dem hörte Joseph mit einem Ergötzen zu, das durch keinerlei Befremdung über die grammatische Form beeinträchtigt wurde, in der Eliezer es zum Besten gab, und dem jede Anstoßnahme fern blieb daran, dass des Alten Ich sich nicht als ganz fest umzirkt erwies, sondern gleichsam nach hinten offen stand, ins Frühere, außer als seiner eigenen Individualität Gelegene überfloss und sich Erlebnisstoff einverleibte, dessen Erinnerungs- und Wiedererzeugungsform eigentlich und bei Sonnenlicht betrachtet die dritte Person statt der ersten hätte sein müssen. Aber was heißt denn hier 'eigentlich', und ist etwa des Menschen Ich überhaupt ein handfest in sich geschlossen und streng in seine zeitlich- fleischlichen Grenzen abgedichtetes Ding? Gehören nicht viele der Elemente, aus denen es sich aufbaut, der Welt vor und außer ihm an, und ist die Aufstellung, dass jemand kein anderer sei und sonst niemand, nicht nur eine Ordnungs- und Bequemlichkeitsannahme, welche geflissentlich alle Übergänge außer Acht lässt, die das Einzelbewusstsein mit dem allgemeinen verbinden? Der Gedanke der Individualität steht zuletzt in derselben Begriffsreihe wie derjenige der Einheit und Ganzheit, der Gesamtheit, des Alls, und die Unterscheidung zwischen Geist überhaupt und individuellen Geist besaß bei weitem nicht immer solche Gewalt über die Gemüter wie in dem Heute, dass wir verlassen haben, um von einem anderen zu erzählen, dessen Ausdrucksweise ein getreues Bild seiner Einsicht gab, wenn es für die Idee der 'Persönlichkeit' und 'Individualität' nur dermaßen sachliche Bezeichnungen kannte wie 'Religion' und 'Bekenntnis'. 

(Thomas Mann: Joseph und seine Brüder. Die Geschichten Jaakobs Zweites Hauuptstück Jaakob und Esau. Mondgrammatik, S.89/90)

* "Joseph verstand, dass das Gespräch 'schön' werden sollte, ein 'Schönes Gespräch', das hieß: ein solches, das nicht mehr dem nützlichen Austausch diente und der Verständigung über praktische oder geistliche Fragen, sondern der bloßen Aufführung und Aussagung des beiderseits Bekannten, der Erinnerung, Bestätigung und Erbauung, und ein redender Wechselsang war, wie die Hirtenknechte ihn tauschten des Nachts auf den Feldern und anfingen: 'Weißt du davon? Ich weiß es genau.' "(Am Brunnen. Zwiegesang)

28 Juni 2022

Thomas Mann: Doktor Faustus - Adrian Leverkühn

 Zeitblom bedauert, dass der Abschied von Adrian recht formlos war, weil es für ihn ein ganz wesentlicher Abschnitt war 

Zitat: 

"[...] erst jetzt, so schien es mir, lösten sich unsere Existenzen voneinander ab, begann für jeden von uns das Leben auf den eigenen zwei Beinen, und ein Ende sollte es haben mit dem, was mir doch so notwendig (wenn auch zwecklos) erschien, und was ich wieder nur mit denselben Worten, wie weiter oben, bezeichnen kann: nicht mehr sollte ich wissen, was er tat und erfuhr, nicht mehr mich neben ihm halten können, auf ihn acht-, ein unverwandtes Auge ihm auf ihn zu haben, sondern musste ihm von der Seite gehen gerade in dem Augenblick, wo mir die Beobachtung seines Lebens, obgleich sie gewiss an diesen nichts ändern konnte, am allerwünschenswertesten schien, nämlich wo er die gelehrte Laufbahn verließ, 'die Heilige Schrift unter die Bank legte', um mich seines Ausdrucks zu bedienen, und sich ganz der Musik in die Arme warf. [...] / 

Hier lasse ich einen Brief folgen, den ich zwei Monate nach meinem Dienstantritt in Naumburg von ihm erhielt, und den ich mit Empfindungen las, wie sie wohl eine Mutter bei solchen Mitteilungen eines Kindes bewegen mögen, – nur dass man freilich einer Mutter dergleichen schicklich vorenthält. [...] Seiner Antwort schicke ich nur noch voraus, dass ihre altertümliche Ausdrucksweise natürlich parodisch gemeint und Anspielung auf skurrile Hallenser Erfahrungen, das sprachliche Gebaren Ehrenfried Kumpfs ["Theologie-Professor Kumpf in Halle, der überdies zur Lutherparodie wird, als er mit der Semmel nach dem Teufel wirft, den er in der Zimmerecke zu sehen meint" (Wikipedia: Inkarnationen des Teufels)] ist, – zugleich aber auch Persönlichkeitsausdruck und Selbststilisierung, Kundgebung eigener innerer Form und Neigung, die auf eine höchst kennzeichnende Weise das Parodische* verwendet, sich dahinter verbirgt und verhüllt. *[das die Parodie mit ihren Mitteln umwandelnd - mit diesem ungebräuchlichen Ausdruck macht Zeitblom darauf aufmerksam, dass es dabei nicht um einfache Satire handelt, sondern, dass Adrian dabei - unabsichtlich -die Sprache einer Inkarnation des Teufels als 'Persönlichkeitsausdruck und Selbststilisierung' verwendet - vgl. H.-P.HaackZweideutigkeit als System]

Er schrieb: [...] /

Hier nun heißt es: 'Gott vertrauen, landt und leut beschauen, thut niemand gerauen.' [...] geht ein anderer Puls an als an der Saala, weil nämlich ein ziemlich Volk hier versammelt ist, mehr als siebenhunderttausend, was von vornherein zu einer gewissen Sympathie und Duldung stimmt, wie der Prophet schon für Ninive Sünde ein wissend und humorhaft verstehend Herz hat, wenn er entschuldigend sagt: 'Solche große Stadt, darinnen mehr als hunderttausend Menschen.' Da magstu denken, wie es erst bei siebenhunderttausend Nachsicht erheischend zugeht, wo sie in den Messe-Zeiten, von deren herbstlicher ich als Neu-Kömmling eben noch eine Probe hatte, aus allen Teilen Europas, dazu aus Persien, Armenien und anderen asiatischen Ländern noch erklecklichen Zustrom haben.
Nicht als ob mir dies Ninive sonderlich gefiele, [...]" (16. Kapitel, S.148-150)

"darauf sitzen dir Nymphen und Töchter der Wüste, sechs oder sieben, wie soll ich sagen, Morphos, Glasflügler, Esmeralden, wenig gekleidet, durchsichtig gekleidet, in Tüll, Gaze und Glitzerwerk, das Haar lang offen, kurzlockig das Haar, gepuderte Halbkugeln, Arme mit Spangen, und sehen dich mit erwartungsvollen, vom Lüster gleißenden Augen an.
Mich sehen Sie an, nicht dich. Hat mich der Kerl, der Gose-Schleppfuß ["mit seinen Vorlesungen, in denen er das Geschlechtliche verteufelt" (Wikipedia: Inkarnationen des Teufels)] in eine Schlupfbude geführt! Ich stand und verbarg meine Affecten, sehe mir gegenüber ein offen Klavier, einen Freund, geh über den Teppich drauf los und schlage im Stehen zwei, drei Akkorde an, weiß noch, was es war, weil mir das Klangphänomen gerade im Sinne lag, Modulation von H- nach C-Dur, aufhellender Halbton-Abstand wie im Gebet des Eremiten im Freischütz-Finale, bei dem Eintritt von Pauke, Trompeten und Oboen auf dem Quartsextakkord von C. Weiß es im Nachher, wusste es aber damals nicht, sondern schlug eben nur an. Neben mich stellt sich dabei eine Bräunliche, in spanischem Jäckchen, mit großem Mund, Stumpfnase und Mandelaugen, Esmeralda, die streicht mir mit dem Arm die Wange. Kehre ich mich um, stoße mit dem Knie die Sitzbank beiseite und schlage mich über den Teppich zurück durch die Lusthöhle, an der schwadronierenden Zatzenmutter vorbei, durch den Flur und die Stufen hinab auf die Straße, ohne das Messinggeländer nur anzufassen." (16. Kapitel, S.153)

"Neben dieser äußeren geistig-künstlerischen Entwicklung durchläuft Leverkühn während des Leipzig-Aufenthalts auch eine innere seelische Entwicklung. Insbesondere der Kontakt zu einer Prostituierten („Esmeralda“), die der Komponist scheinbar zufällig kennenlernt, bewirkt – wie später die geheimen Aufzeichnungen Leverkühns offenbaren –, dass dieser sich immer mehr zum Teufel hingezogen fühlt. Der Ruf „hetaera esmeralda“, den Leverkühn als Tonfolge „h-e-a-e-es“ motivisch wiederkehrend in seine Werke einbaut, wird zum Ausdruck jener Verlockung. Um musikalische Genialität zu erlangen und neuartige, die alte klassische Harmonie sprengende Musikwerke schreiben zu können, lässt sich Adrian von Esmeralda bewusst und trotz deren Warnung mit Syphilis infizieren und zahlt so seinen Tribut an den Teufel." (Wikipedia)

17. Kapitel

Zeitblom: "Der kategorischen Weisung, diesen Brief zu vernichten, bin ich nicht gefolgt - wer will es einer Freundschaft verargen, welche das darin auf Delacroix' Freundschaft für Chopin gemünzte Beiwort 'tief aufmerksam' für sich in Anspruch nehmen darf? [...]  ich lernte, es als ein Dokument zu betrachten, von dem der Vernichtungsbefehl ein Bestandteil war, so dass er eben durch seinen dokumentarischen Charakter sozusagen sich selber aufhob." (S.155) (Zweideutigkeit als System)

H.-P. HaackZweideutigkeit als System (zu Doktor Faustus)

"Als letzter großer Roman gedacht, ist in Doktor Faustus die Vielschichtigkeit der Bedeutungsebenen in bis dahin unerreichte Höhe getrieben. Vordergründig ein Künstlerroman, ordnet ihn Thomas Mann weiteren Romangattungen zu ist. In seinen Selbstkommentaren spricht er von einem "religiöse[n] Buch"[1] "einer Lebensbeichte"[2] einem "Epochen-Roman"[3], einem "Roman der Musik"[4] einem "Gesellschaftsroman"[5] einem "verkappten Nietzsche-Roman" [6] und dem Versuch, Musik mit Sprache wiederzugeben . [7] Seine "essayistischen Teile" [8] – eine weitere Bezugsebene - enthalten Begriffsbestimmungen zur Kunst.

Thomas Manns pointierte Formel "Zweideutigkeit als System" [9] wurde zu seiner bekanntesten Forderung an die Kunst. Adrian Leverkühn äußert sie, bezogen auf die Musik und am Beispiel der enharmonischen Verwechslung. Musik ist hier eine Chiffre für Kunst. [10]"

27 Juni 2022

Thomas Mann: Doktor Faustus - Aufklärung und Volk

 Zeitblom spricht statt von Aufklärung lieber als von Aufhellung (Enlightenment), als er sich dem Begriff "Volk" nähert.

"Hier ein ungescheutes Wort, das aus den Erfahrungen unserer Tage kommt. Für den Freund der Aufhellung behalten Wort und Begriff des 'Volkes' selbst immer etwas Archaisch-Apprehensives,  und er weiß, dass man die Menge nur als 'Volk' anzureden braucht, wenn man sie zum Rückständig-Bösen verleiten will. Was ist vor unseren Augen, oder auch nicht just vor unseren Augen, im Namen des 'Volkes' nicht alles geschehen, was im Namen Gottes, oder der Menschheit, oder des Rechtes nicht wohl hätte geschehen können! - Tatsache nun aber ist, dass wirklich Volk immer Volk bleibt, wenigstens in einer bestimmten Schicht seines Wesens, eben der archaischen, und dass Leute und Nachbarn vom Kleinen Gelbgießer-Gang –, die am Wahltage einen sozialdemokratischen Stimmzettel abgaben, gleichzeitig imstande waren, in der Armut eines Mütterchens, das sich keine oberirdische Wohnung leisten konnte, etwas Dämonisches zu sehen und bei ihrer Annäherung nach ihren Kindern zu greifen, um sie vor dem bösen Blick der Hexe zu schützen." (S.42)

26 Juni 2022

Thomas Mann: Doktor Faustus - Ines

  " 'Serenus, schelten, verachten, verwerfen Sie mich?' 'Mitnichten, Ines', erwiderte ich. 'Bewahre Gott, ich habe es mir immer gesagt sein lassen jenes 'Die Rache ist mein, ich will vergelten'. Ich weiß, Er senkt die Strafe schon in das Vergehen hinein und tränkt es ganz mit ihr, so dass das eine nicht vom anderen zu unterscheiden ist und Glück und Strafe dasselbe sind. Sie müssen sehr leiden. Säße ich hier, wenn ich zum Sittenrichter gemacht wäre? Dass ich für Sie fürchte, das leugne ich nicht. Aber Ich hätte auch das für mich behalten ohne Ihre Frage, ob ich Sie schelte.'

'Was ist Leiden, was sind Furcht und demütigende Gefahr', sagte sie, 'im Vergleich mit dem einen, süßen, unentbehrlichen Triumph, ohne den man nicht leben wollte: das leichtfertige, Entgleitende, das Weltliche, die Seele mit uns fahrlässiger Nettigkeit Quälende, das aber dennoch wahren menschlichen Wert hat, an diesem seinem ernsten Werte festzuhalten, sein Stutzertum zum Ernst zu zwingen, das Lose zu besitzen und es endlich, endlich, nicht einmal nur, sondern zur Bestätigung und Versicherung nie oft genug, in dem Zustand zu sehen, der seinem Wert gebührt, im Zustand der Hingebung, der tief seufzenden Leidenschaft!'
Ich sage nicht, dass die Frau sich genau dieser Worte bediente, aber sehr annähernd so drückte sie sich aus. Sie war ja belesen und gewohnt, / ihr inneres Leben nicht stumm zu führen, sondern es zu artikulieren, und hatte sich als Mädchen sogar in der Dichtkunst versucht. Ihre Worte besaßen gebildete Präzision und etwas von der Kühnheit, die immer entsteht, wenn die Sprache Gefühl und Leben ernstlich zu erreichen und in sich aufgehen zu lassen, sie in sich erst wahrhaft leben zu lassen bestrebt ist. Dies ist kein alltäglicher Wunsch, sondern ein Erzeugnis des Affektes, und insofern sind Affekt und Geist verwandt, insofern aber auch ist der Geist ergreifend." (S.357/58)

"Ines Rodde, Helmut Institoris

Ines ist die Tochter der verwitweten Senatorin Rodde. Der fiktive Biograph Zeitblom beschreibt sie als nicht ohne weiblichen Reiz mit ihrem schweren Haar, mit ihren kleinen, Grübchen bildenden Händen und ihrer vornehm auf sich haltenden Jugend. Er deutet auch die Kehrseite ihres Wesens an, „in ihrer seelischen Gebrechlichkeit, mit ihrem verhängten Blick voll distinguierter Trauer, ihrem schräg vorgeschobenen Hälschen und ihrem zu schwacher und prekärer Schelmerei gespitzten Mund.“

Von „patrizischer Abkunft“, aber ohne Mitgift, heiratet sie den von Haus aus reichen Privatdozenten Dr. Helmut Institoris, der in seinen kunsttheoretischen Vorlesungen zur Renaissance für alles Starke und Rücksichtslose schwärmt, selbst aber keine Kraftnatur ist. Eher klein, leise und lispelnd sprechend, zart und nervös, ist er Stammgast in einem Sanatorium für reiche Leute in Meran.

Aus der lieblosen, nur als bürgerliche Fassade geführten Ehe gehen drei Kinder hervor, die Ines Institoris von ihren Kindermädchen aufziehen lässt. Schon vor der Heirat war sie von dem „knabenhaften Frauenliebling“ Rudi Schwerdtfeger fasziniert, den sie nun zu ihrem Geliebten macht. Sie führt fortan ein Doppelleben, aber diese Beziehung vermag bei aller Leidenschaftlichkeit nicht ihre Leere zu füllen, zumal Rudi ihre Liebe nur „aus Kavalierspflicht“ erwidert. Ines wird zur Morphinistin. Als Schwerdtfeger schließlich, eingefädelt von Leverkühn, eine andere heiraten und nach Paris ziehen will, erschießt Ines den treulosen Liebhaber, als dieser nach seinem erfolgreichen Münchener Abschiedskonzert mit der Straßenbahn nach Hause fährt, und besiegelt damit zugleich ihr eigenes bürgerliches Schicksal." (Wikipedia)

mehr zu Doktor Faustus in diesem Blog

Doktor Faustus (Wikipedia)

Die Entstehung des Doktor Faustus* (Wikipedia) 

*Mit einer gewissen Verwunderung entdecke ich, dass etwas über 60 Prozent des gegenwärtig vorliegenden Artikels zur 'Entstehung' von mir stammen, fast alles im November 2007 eingestellt. Das scheint mir ein guter Beleg dafür, eigene Texte zur freien Verfügung ins Internet zu stellen. Hätte ich den Text irgendwo in meinem Lektüretagebuch festgehalten, wäre ich jetzt vermutlich nicht auf ihn gestoßen. Außerdem hätte H.-P.Haack dort nicht seine Überlegungen zu Zweideutigkeit als System verlinken können. Ich benutze diese persönliche Anmerkung auf diese scharfsinnigen Beobachtungen hinzuweisen.



23 Juni 2022

Uwe Wittstock: Februar 33 : Der Winter der Literatur

 Uwe Wittstock: Februar 33 : Der Winter der Literatur München C.H.Beck 2021


Carl Zuckmayer (S.11-21) Ernst Udet (S.17-21)

Erich Maria Remarque (S.26-30)

Th. Mann und Hanns Johst* verstanden sich in der Zeit kurz nach dem 1. Weltkrieg noch recht gut, beide waren nationalistisch deutsch. (S.70-72)
"In den 1920er Jahren wurde Johst einer der bekanntesten deutschen Nachwuchs-Dramatiker, den die politisch Rechten für sich reklamierten. In dieser Zeit war er auch gut bekannt mit Thomas Mann, den er bewunderte. 1922 kündigte Johst diese Verbindung wegen Manns Bekenntnis zum demokratischen Staat aber auf.[2]" (Hanns Johst - Wikipedia) Ja, er schrieb sogar an Himmler, man könne "vielleicht Herrn Thomas Mann, München, für seinen Sohn ein wenig inhaftieren? Seine Produktion würde ja durch eine Herbstfrische in Dachau nicht leiden.“ (Hanns Johst)

10.2.33 Th. Mann: Leiden und Größe Richard Wagners (Vortrag auch auf Auslandstournee)
"Er nennt Wagner einen 'Sozialisten und Kulturutopisten' [...] lobt [...] seine 'europäische Artistik' und behauptet sogar, dass man Wagner inzwischen 'ganz sicher einen Kulturbolschewisten nennen würde.' " (S.91)

14.2.33 Vicki Baum Menschen im Hotel Uraufführung des Hollywood-Films in Berlin (S.105-109)
15.2.33 Max von Schillings lässt sich von Bernhard Rust drängen, Käthe Kollwitz und Heinrich Mann aus der Akademie zu drängen. (S.109-123) "Während seiner Amtszeit als Präsident der Preußischen Akademie der Künste begannen die erzwungenen Austritte und Ausschließungen bedeutender jüdischer und unangepasster Künstler (Käthe KollwitzHeinrich MannRicarda HuchAlfred DöblinThomas MannMax LiebermannAlfons PaquetFranz WerfelJakob Wassermann). Max von Schillings betrieb auch die Entlassung zweier bedeutender Kompositionslehrer: er drängte Arnold Schönberg zum Rücktritt von seinem – eigentlich auf Lebenszeit geltenden – Vertrag und er versetzte Franz Schreker zwangsweise in den Ruhestand." (Wikipedia)
Ricarda Huch tritt allerdings nicht gedrängt, sondern aus Empörung über den Schutz des Rechtes auf freie Meinungsäußerung zurück und verfasst dabei einen Brief, der schon vor Thomas Mann Wesentliches von dem formuliert, was dessen Brief an den Rektor der Bonner Universität so auszeichnet. 
16.2.: Brecht und Margarete Steffin (S.125-27), Else Lasker-Schüler (S.127/28)
17.2.: Oskar Maria Graf u. Mirjam Sachs ( (1890–1959), eine Cousine von Nelly Sachs). (S.129/32) - Görings Schie0ßerlass (S.132/33); Überfall auf Staatliche Kunstschuele (S.133/34); Carl von Ossietzky will bleiben, Hans Sahl berichtet später davon. (S135/36)
18.2.: Heinrich George tendiert von links nach rechts. Georg Kaisers Silbersee wird aufgrund von Protesten von Nazis u.a. nach drei Premieren abgesetzt. (Danach bis 1945 kein Stück von Kaiser mehr gespielt).  Die wesentlichen Mitwirkenden gehen ins Exil, Gustav Brecher begeht dort Selbstmord aus Angst vor den Deutschen. (S.137/40)
22. Februar: Göring ernennt 40.000 SA- und SS-Männer und 10.000 Angehörige des Stahlhelms zu Hilfspolizisten
H. Johsts Stück Schlageter wird ein riesiger Bühnenerfolg, Johst wird reich und später Chef der Reichsschrifttumskammer, Präsident des deutschen PEN-Zentrums und Gruppenführer der SS. (S.169-71)
24.2.: Therese Giehse (S.171/72)  
25.2.: Gabriele Tergit (S.174/5) Ferdinand Bruckner u. Gustav Hartung (S.175-179)
27.2.: Walter Mehring, Bert Brecht, Mascha Kaléko (S.180-191);  Benn schreibt an Egmont Seyerlen (Gottfried Benn/Egmont Seyerlen, Briefwechsel 1914–1956. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Gerhard Schuster. Stuttgart 1993)

28. Februar: Ossietzky entscheidet sich wieder gegen Flucht

Erich Mühsam hat am 27. Februar erstmals Geld für Fahrkarte nach Prag, wird um 5:00 Uhr morgens verhaftet, fast gleichzeitig mit Egon ErwinKisch und Carl von Ossietzky 47 Personen in Gemeinschaftszelle; Brecht und Weigel fahren nach Prag.

Verordnungen des Reichspräsidenten erstens zum Schutz von Volk und Staat und zweitens gegen Verrat am deutschen Volk (Abschaffung der Grundrechte und Erweiterung der Todesstrafe)

Hitler: "Ich brauche keine Bartholomäusnacht." Er hat die Verordnungen, die ihm staatliche Gewalt für die geplanten Verbrechen geben. Martin Buber empfiehlt Willi Münzenberg Flucht über das Saarland; aber 1940 wird Münzenberg aus der KPD ausgeschlossen und stirbt.

Döblin wird verfolgt, kann Verfolger abschütteln; Klaus Mann fährt nicht nach Berlin

130 Kommunisten verhaftet (S. 200-210)

1. März: Döblin meldet sich bei Ludwig Binswanger in Kreuzlingen an. Fritz Langhoff kommt nach Berlin, wird gewarnt flieht zu wechselnden Adressen (S. 211-16)

3. März: Barbara Brecht zweieinhalb Jahre wird von Irene Grand aus Deutschland nach Österreich gebracht. In Nohra bei Weimar "Am 3. März 1933 wurde im Gebäude der Heimatschulbewegung am Rande der Gemarkung Nohra das KZ Nohra als das erste Konzentrationslager in der Zeit des Nationalsozialismus eingerichtet. Heute erinnert nichts mehr an dieser Stelle an das KZ.[4] " (Wikipedia) (S. 216-18)

4. März: Gabriele Tergit  und Benno Reifenberg entkommen dank Verbindungen zur politischen Polizei (Nazis, aber für gesetzliche Regelungen) (Seite 218-221)

5. März: Wahltag Mirjam Sachs, Lebensgefährtin von Oskar Maria Graf, stimmt in München gegen Hitler, kommt nach Wien (S. 222-225)

6. März: Nelly Kröger kann von einem Fischer nach Dänemarkgeschmuggelt werden. (S. 225-30)

7. März: Eine Volksbuchhandlung in Dresden wird von der SA ausgeraubt, die erste Bücherverbrennung der Nazis (S. 230 - 235)

8. März: Harry Graf Kessler fährt ohne Fluchtgedanken nach Paris. Else Lasker-Schüler muss Lesung absagen (Seite 235-36)

10. März: Hermann Kesten, Thomas Mann. Ehemaliger Reichsinnenminister Wilhelm Sollmann von der SPD wird verprügelt, kommt in Schutzhaft, kann dann aber über das Saarland entkommen (Seite 237-44)

11. März: Erika und Klaus Mann sind in München (Seite 244-46)

13. März: Therese Giese erzählt noch einen hitlerfeindlichen Witz, wird denunziert und entkommt über Österreich in die Schweiz. Klaus Mann fährt nach Paris

Gottfried Benn* legt den Mitgliedern der Abteilung für Dichtkunst der Akademie der Künste eine Unterwerfungserklärung unter den NS-Staat vor, die wird von allen Anwesenden unterschrieben. [*Benn verfasste mit Max von Schillings  eine   Loyalitätsbekundung für Hitler, die den Mitgliedern eine nicht-nazistische politische Betätigung verbot: „Sind Sie bereit unter Anerkennung der veränderten geschichtlichen Lage weiter Ihre Person der Preußischen Akademie der Künste zur Verfügung zu stellen? Eine Bejahung dieser Frage schließt die öffentliche politische Betätigung gegen die Reichsregierung aus und verpflichtet Sie zu einer loyalen Mitarbeit an den satzungsgemäß der Akademie zufallenden nationalen kulturellen Aufgaben im Sinne der veränderten geschichtlichen Lage.“[8] Die Mitglieder mussten bei Drohung ihres Ausschlusses unterschreiben.] Lauter NS-treue Schriftsteller treten neu ein. ["darunter Werner BeumelburgHans Friedrich BlunckHans CarossaPeter DörflerPaul ErnstFriedrich GrieseHans GrimmHanns JohstErwin Guido KolbenheyerAgnes MiegelBörries Freiherr von MünchhausenWilhelm SchäferEmil Strauß und Will Vesper.[9][10]"(Wikipedia)] Benn ist entsetzt über den Niveauverlust (S. 247-55)

15. März: Manès Sperber (Seite 258-61); Verprügelungen durch SA,  Rudolf Diels berichtet nach dem zweiten Weltkrieg darüber (S. 263/64) (Gesamtkapitel: S. 256-64)

Lebensabrisse (Seite 265-72)

Nachwort (Seite 273-75)