31 Juli 2023

Heinrich Heine: Über Polen

"[...] Zwischen dem Bauer und dem Edelmann stehen in Polen die Juden. Diese betragen fast mehr als den vierten Teil der Bevölkerung, treiben alle Gewerbe und können füglich der dritte Stand Polens genannt werden. Unsere Statistikkompendienmacher, die an alles den deutschen, wenigstens den französischen Maßstab legen, schreiben also mit Unrecht, daß Polen keinen tiers état habe, weil dort dieser Stand von den übrigen schroffer abgesondert ist, weil seine Glieder am Mißverständnisse des Alten Testaments – Gefallen finden – – – und weil dieselben vom Ideal gemütlicher Bürgerlichkeit, wie dasselbe in einem Nürnberger Frauentaschenbuche, unter dem Bilde reichsstädtischer Philiströsität, so niedlich und sonntäglich schmuck dargestellt wird, äußerlich noch sehr entfernt sind. Sie sehen also, daß die Juden in Polen durch Zahl und Stellung von größerer staatswirtschaftlicher Wichtigkeit sind als bei uns in Deutschland und daß, um Gediegenes über dieselben zu[562] sagen, etwas mehr dazu gehört als die großartige Leihhausanschauung gefühlvoller Romanenschreiber des Nordens oder der naturphilosophische Tiefsinn geistreicher Ladendiener des Südens. Man sagte mir, daß die Juden des Großherzogtums auf einer niedrigeren Humanitätsstufe ständen als ihre östlicheren Glaubensgenossen; ich will daher nichts Bestimmtes von polnischen Juden überhaupt sprechen und verweise Sie lieber auf David Friedländers »Über die Verbesserung der Israeliten (Juden) im Königreich Polen«, Berlin 1819. Seit dem Erscheinen dieses Buches, das, bis auf eine zu ungerechte Verkennung der Verdienste und der sittlichen Bedeutung der Rabbinen, mit einer seltenen Wahrheit- und Menschenliebe geschrieben ist, hat sich der Zustand der polnischen Juden wahrscheinlich nicht gar besonders verändert. Im Großherzogtum sollen sie einst, wie noch im übrigen Polen, alle Handwerke ausschließlich getrieben haben; jetzt aber sieht man viele christliche Handwerker aus Deutschland einwandern, und auch die polnischen Bauern scheinen an Handwerken und andern Gewerben mehr Geschmack zu finden. Seltsam aber ist es, daß der gemeine Pole gewöhnlich Schuster oder Bierbrauer und Branntweinbrenner wird. In der Wallischei, einer Vorstadt Posens, fand ich das zweite Haus immer mit einem Schuhmacherschilde verziert, und ich dachte an die Stadt Bradford in Shakespeares »Flurschütz von Wakefield«. Im preußischen Polen erlangen die Juden kein Staatsamt, die sich nicht taufen lassen; im russischen Polen werden auch die Juden zu allen Staatsämtern zugelassen, weil man es dort für zweckmäßig hält. Übrigens ist der Arsenik in den dortigen Bergwerken auch noch nicht zu einer überfrommen Philosophie sublimiert, und die Wölfe in den altpolnischen Wäldern sind noch nicht darauf abgerichtet, mit historischen Zitaten zu heulen.

Es wäre zu wünschen, daß unsere Regierung, durch zweckmäßige Mittel, den Juden des Großherzogtums mehr Liebe zum Ackerbau einzuflößen suchte; denn jüdische Ackerbauer soll es hier nur sehr wenige geben. Im russischen Polen sind sie häufig. Die Abneigung gegen den Pflug soll bei den polnischen[563] Juden daher entstanden sein, weil sie ehemals den leibeigenen Bauer in einem äußerlich so sehr traurigen Zustande sahen. Hebt sich jetzt der Bauernstand aus seiner Erniedrigung, so werden auch die Juden zum Pflug greifen. [...]"

Zeno.org Reisebilder



Nathan der Weise

 Eine originelle Inszenierung von Lessings Stück: Lessings „Nathan“ in Salzburg – Die Stimme der Vernunft  FR 30.07.2023

Martin Walser

 "[...] Seine viel geschmähte Rede 1998 in der Frankfurter Paulskirche ist ein Beleg dafür, dass Walser in der Lage war, Wahrheiten zu sagen, die niemand hören wollte: „Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung.“ Das ist natürlich völliger Unsinn. Nichts eignet sich so gut für diese drei Zwecke wie Auschwitz. Das wissen wir, weil wir es erlebt und praktiziert haben. Die Nachkriegsgeneration wusste diese Keule sehr gut einzusetzen gegen ihre Väter und Mütter und auch Martin Walser hatte sie einzusetzen gewusst. Die Rede von 1998 stellte denen, die ihm zuhörten, die Aufgabe, auf dieses probate Mittel zu verzichten. Privat und öffentlich.

Nicht, um nicht mehr über Auschwitz zu sprechen, sondern um endlich wieder darüber sprechen zu können. Dass Walser behauptete, Auschwitz eigne sich nicht dazu, missbraucht zu werden, ist ein erzählerischer Trick, der dem Zuhörer vorgibt, ihn an einer Stelle abzuholen, an der er nicht ist. Das zeigten dann auch die Reaktionen. Die belegten, wie recht er mit seiner Kritik hatte. [...]" (Arno Widmann: Schriftsteller Martin Walser gestorben: Ein Werk wie ein Gebirge FR 31.7.23)

mehr zu Martin Walser:


Cees Nooteboom

 "[...] Heute vor neunzig Jahren wurde Cees Nooteboom in Den Haag geboren. Er ist ein großer Europäer. Er ist es nicht nur, weil er einer der bedeutendsten Autoren des Kontinents ist. Jahrzehntelang setzte er sich unermüdlich ein für ein über die nationalen Grenzen hinausgehendes Europa. Er hielt Vorträge in Holländisch, Spanisch, Deutsch, Englisch und Französisch. In vielen Ländern. Auf die Frage, wie er denn ein solcher Polyglot geworden sei, antwortete er lächelnd: „Wir aus den kleinen Nationen mit den kleinen Sprachen wissen schon bald, dass wir die anderen Sprachen lernen müssen. [...] 

Als nach dem Mauerfall sich die Frage nach einer Neuordnung Europas stellte, da half Cees Nooteboom mit viel gelesenen Reden uns dabei, über den westeuropäischen Horizont hinauszublicken. Ich habe nicht vergessen, wie er in einer Veranstaltung in Berlin über einen Besuch in Frankfurt/Oder erzählte. Er hatte dort eine Lesung gehabt. Was machen wir jetzt? fragte man ihn. Gehen wir doch über die Oderbrücke und unterhalten uns weiter in einer polnischen Kneipe, schlug er vor. So geschah es. Frankfurts Bürgermeister erklärte ihm an diesem Abend, er sei noch nie die paar Schritte hinüber nach Polen gegangen. Ich hörte ihm zu und dachte: Ich war auch noch nie in Polen. Nooteboom zeigt uns, dass es ganz einfach ist, solche Schritte zu tun. Er zeigt es uns nicht nur, er verführt uns auch dazu. [...]" (Arno Widmann: Das Ich und die anderen  in FR 31.7.23)

30 Juli 2023

Alfred E. Johann: Schneesturm, Heimweh und nächtlicher Bambus - Teezeremonie

 A. E. Johann: Schneesturm, Heimweh und nächtlicher Bambus, C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh 1950.

diktierter Text:

Zwei deutsche Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs sind aus einem Lager in den USA am Ohio über Kanada und Alaska geflohen und mit einem Schiff auf dem See als Stuart und Deck Hand gearbeitet haben in das von den USA besetzte Nachkriegs Japan gekommen. In Kanada Haben Sie eine japanische Familie kennen gelernt, die ihnen Verbindung zu einer japanischen Familie in Japan verschafft hat.

Sie werden freundlich aufgenommen und erleben eine Teezeremonie.

"Sie wollen uns ehren; der Alte gibt uns einen Teefest!
Ein Teefest – ? Aus dem Himmel in den fernen Osten gefallen – das bin ich, dachte Peter, Bambus, Tee, fehlt nur noch der Mond und die Kirschblüte und eine Geisha – dann ist das Märchen vollkommen. Peter wusste nicht, dass man in Japan die Teezeremonie gerade dann feiert, wenn man es nötig hat, sich zu sammeln oder schwere Entschlüsse zu fassen –! [...] Hinter den Papierscheiben glimmte ein mildes Licht auf. Die beiden Freunde wandten sich wieder der niedrigen Tür zu. Paul flüsterte:
"Komm mir nach, wenn ich die Betrachtung beendet habe, und schließe die Tür hörbar. Achte darauf, was ich dir vormache." [...] (S. 338)
Zwei Kerzen brannten, die eine neben der Schmucknische, die paar andere beleuchtete die Aschenstelle. An den Wänden zur Seite saß auf untergeschlagenen Waden eine alte Frau; neben ihr ein junger Mann und neben ihm ein junges Mädchen; oder war es eigentlich junge Frau? Neben der Herdstatt, die auf gleicher Höhe wie die angenehm federnden Bodenpolster in den Boden versenkt war, saß ein wenig seitab ein zweites junges Mädchen. Sie alle trugen Kimonos von gedämpfter Farbe, die straff über die vorgestreckten Knie gezogen waren; sie alle saßen aufrecht auf den Waden und den Hacken der nach hinten fort gestreckten Füße. Sofort dachte Peter, der immer noch vor der geöffneten Schiebetür stand: wenn mir das nur gelingt, so zu sitzen; da werden wir gleich die Beine einschlafen!
Auf den stillen blassgelben Gesichtern spiegelte sich der Kerzenschein und lockte hier und da ein Glanzlicht aus den straff nach hinten gezogenen, gescheitelten Haaren, die sich im Nacken zu schwarzen Knoten vereinten. Die Hände aller lagen still im Schoß. Über einem Holzkohlenbecken hing an einem langen Bambusstab mit Eisenhaken von der Decke herab ein seltsam bewarzter Kessel. Wasser summte und brodelte darin; ein wenig Dampf stieg unter dem Deckel hervor.
Eine einfache Feierlichkeit, eine seltsam abgeschiedene Ruhe ging von den fast maskenstillen Gesichtern aus. Die dunklen Augen folgten den Gästen kaum. Paul war ohne Eile auf seinen Strümpfen durch den Raum geschritten und hatte sich nach einer gemessenen Verbeugung vor der Schmucknische des Raums niedergelassen; sie wurde von der zweiten Kerze beleuchtet, die in einer eckigen plastikgrünen Papierlaterne steckte. Paul murmelte ein paar Worte, zischte ein wenig durch die Zähne und betrachtete das seidene Rollbild, das in der hohen Nische fast bis auf ihren blanken Holzgrund reichend, ausgehängt war.
Peter wartete immer noch; die Gelassenheit, die Ruhe, der ab gemessene Gleichmut, mit dem hier offenbar schon lange voraus ihr Empfang zu dieser stillen Stunde vorbereitet war, verwirrten ihn tief. Waren sie nicht auf der Flucht? Drohte denn nicht der ganzen Familie dieses reichen Fischhändlers schwere Bestrafung, wenn es entdeckt wurde, dass sie 
flüchtige Gefangene beherbergte?  [...] In der Tiefe des Gartens hörte Peter den Wirt hantieren. War es ein Brunnenrad, das da leise knarrte? Auch schien er das Wasser in dem steinernen Trog auszuwechseln, in dem Paul und Peter sich gewaschen hatten – lauter einfache Verrichtungen –; was war das Festliche an ihnen, an der Stille, den lautlosen wie gesammelt in die kleine Kerze blickenden Gestalten? – Er verstand es noch nicht.
Endlich war Paul mit der Betrachtung fertig, er erhob sich, senkte noch einmal das Haupt vor dem Bilde in der Nische und setzte sich dann an die freie Wand des Raumes, der Herdstatt gegenüber.
Jetzt erst bückte sich Peter durch die niedere Tür; es ging nicht anders: er kam auf den Knien im Raum an; wie ihm geheißen, schloss er hinter sich die Tür mit leisem, aber hörbaren Geräusch. Dann ließ auch er sich vor dem Rollbild nieder." (S.339/340) 
[...] Über den langen Streifen aus grober gelblicher Rohseide zogen, mit wenigen Strichen, meisterhaft angedeutet, Wildenten sausend im Flug. Tief unter ihnen, von feuchtem Dunst wie verhangen, zogen die großen Segel zweier Fischerdschunken, wie er sie in den Tagen zuvor auf See aus der Ferne gesehen hatte, irgendwohin in die Weite. Kein Rahmen umschloss das Bild. Vom rechten oberen Rande nur glitt eine Kette von zierlich verworrenen chinesischen Zeichen herab. Wie durch eine Lücke in den Wolken sah er nahe die wilden Wasservögel, die hölzernen großsegeligen Schiffe fern in der Tiefe dahinziehen – und wurde plötzlich dessen inne, dass dies ihnen beiden galt: die Schiffe, fernhin schweifend, die schnellen Tiere aus den Ödnissen, die, wie es schien sausend das Weite suchten –.
Ja, uns gilt es! In dichterischer Verklärung wollen uns diese Menschen wissen lassen, dass sie unser Schicksal begreifen, dass sie uns wohlwollen und befreundet sind. Er erhob sich, verneigte sich tief, nicht vor der Seide, aber vor dem brüderlichen Geist, der sie bebildert hatte. [...] (S.341)
Der Gastgeber ließ sich am Herde nieder, säuberte ihn ein wenig mit einem Federbesen, schichtete die Holzkohlen von neuem, dass ihre Glut sich verstärkte; Paul sagte dazu mit verhaltener Stimme einige Worte, die wie zurückhaltende Anerkennung der gemessenen Verrichtungen klangen.
Schließlich ließ Sakura Katsumi die einfachen Geräte aus Holz und Bambus ruhen und wartete, bis das Wasser zu sieden begann.
Inzwischen aber hatte sich eine so schöne Stille über den Raum gesenkt, dass auch Peter unmerklich vergaß, wie unsicher er sich gefühlt hatte. Er wusste nicht genau, was dies alles bedeutete, was ich im gedämpften Schein der beiden Kerzen vor ihm abspielte. [...] Die ruhig an den Wänden sitzenden Gestalten rührten sich kaum. Zuweilen seufze draußen der Seewind in den Zweigen; dann verstärkte sich in dem Wasserbecken nahebei der Tropfenfall, der immer im Hintergrund bescheiden hörbar blieb. Ja, Friede schwebte im wohlbemessenen Raum zwischen den Pfosten aus rohem und doch geglättetem Holz, der bräunlichen Holzdecke, den Federn der Polstermatten am Boden; Friede und Gleichmut wie eine freundliche Wolke." (S.342)
"[...] hier in der Tiefe des alten Gartens um diese stille Stunde galt keine Angst und Unrast. Die Welt war ausgeschlossen – und auch Peter ließ sich endgültig der Feier des Tees anheimsinken.
Auch ihm wurde die Schale gereicht, und er kostete gemach von dem schaumigen grasgrünen Trank; angenehm erfrischend, auf eine belebende Weise bitter rann ihm der  der Tee über die Zunge – sehr fremd!
Der Hausherr selbst hatte ihm in beiden Händen die henkellose, ungleich geformte Schale angeboten.
Nun aber schob sich die Gehilfin, die hinter dem alten Sakura gesessen hatte und ihm zur Hand gegangen war, zu Paul und Peter hinüber und bot ihnen aus einem Körbchen schwärzliche, fettglänzende Kuchen an. Peter machte es wie Paul: er spießte sie dankend mit einem Stäbchen auf und führte sie zum Munde; sie schmeckten süßlich, sehr gehaltvoll und auch sehr fremd und nie erlebt.
Peter beobachtete das Mädchen, das vor ihm hockte und ihm das Tablett mit der Konfitürenschale darbot. Sie hatte die Augen niedergeschlagen; hoch schwebten ihr die Brauen in der Stirn, wie Flügel eines schnellen Vogels gesichelt; kaum merklich schräg standen die Augen; leicht bog sich die Nase, weich in den schlanken Rundungen. Der Mund, schön und üppig geschwungen, wiederholte in seiner Unterlippe die Rundung des Kinns – das Oval des Gesichts unter dem schwarzen schweren Haar war vollkommen. (S.343)
Zierlich stieg der Hals aus dem spitzen Ausschnitt des dunkelseidenen Kimonos. Dicht unter den Armen schon schlangen sich um den schmalen Leib die verhalten prunkende steife Schärpe, der Obi, von seidener schwerer Kordel nochmals umschlossen, im Rücken zu einer schmetterlingenen Schleife kunstvoll geschlungen. Die Hände, die das Tablett hielten, zeigten sich zierlich, sehr beweglich, kleinen Vögeln ähnlich..[...]
Ehe das Mädchen vor Peter sich erhob, beugte sie sich ein wenig vor, schlug für einen Atem lang überraschend große dunkle Augen auf und flüsterte:
"Ich bin O-koe - aus Vernon. Ich soll Ihnen beistehen, befahl mein Großonkel." – Sie sagte es – auf englisch! O-koe - aus Vernon -: Hitze wie flüssiges Blei über den Tomatenfeldern – ein stämmiger, kleiner Mann in verwaschenen Overalls: der Vater also dieser, wie es schien, so sanften Mädchenblume! Peter neigte sich vor und flüsterte eben so leise:
"Das wäre wunderschön. Ich danke dir schon im voraus, O-koe-san!"
Peter hatte schon gelernt, dass man 'san' an den Namen anhängen musste, wenn man eine Person anredete, so wie wir Herr oder Frau oder Fräulein vor den Namen setzen; aber 'san' ehrt auch den Angeredeten, also etwas etwa: ehrenwertes Fräulein O-koe! Was aber bedeutete O-koe? Paul hatte es ihm schon in Vernon, in der Waldhütte gesagt; aber Peter hatte es vergessen.
Das Mädchen schlug zum zweiten Male die Augen auf und wieder war Peter fast erschrocken, wie groß und dunkel sie plötzlich vor ihm aufschimmerten. Die Ahnung eines Lächelns huschte über ihre Züge und belebte das farblose, gelbblasse Gesicht auf unsagbare Weise. – Schon war es vorüber, niemand hatte das kurze Gespräch bemerkt – vielleicht nahm nur niemand davon Kenntnis (344/345)
O-koe glitt weiter zu der alten Dame, die, in feingemusterte graue Seite gekleidet, wie ein Standbild so still die Hände im Schoß hielt und in eine Ferne blickte, die schon außerhalb der Welt zu liegen schien.
Paul inzwischen nahm die einzelnen Geräte auf, die der alte Japaner zur Bereitung des Tees benutzt hatte und weiter mit abgemessener Sicherheit verwandte, um den Herd zu putzen, die Holzkohle anzufächeln, den Tee zu quirlen, die Schale zu säubern; zu jedem einzelnen Stück schien Paul einige Worte des Lobes und der Bewunderung zu äußern, und der Hausherr wehrte bescheiden ab; die Teebüchse mochte eine Geschichte haben. Sakura-san sprach lange darüber und machte Paul auf einige Zeichen in ihrer Lasur aufmerksam; alles geschah leise und gemessen; niemand sonst sprach ein Wort. [...]
Die Mädchen traten aus der Küche und stellten nacheinander, bei Paul dem Ehrengast beginnend, vor jedem ein Tablett, das auf spannenhohen Querbrettchen ruhend zugleich die Rolle eines sehr niedrigen Tischen spielte. Viele Näpfchen aus Porzellan und aus Holz standen darauf, manche größer, manche kleiner, manche offen, manche verdeckt. Und daneben lagen die hölzernen Essstäbchen. (S.345) 
Das Bild der Gesellschaft belebt es sich nun. Jedermann beugte sich vor und begann den kalten und warmen Speisen zuzusprechen. Auch eine allgemeine Unterhaltung kam gedämpft in Gang." (S.346)

"Nun hatte aber auch Paul zu berichten, was Peter und er für weitgereiste Leute wären. Peter also stammte aus Afrika, wo seine Eltern jetzt noch in Mittel-Angola, unter portugiesischer Flagge, begütert wären. Er hätte in Berlin und Eberswalde Tropenlandwirtschaft, Forstwissenschaften und Biologie studiert, wäre dann Soldat geworden, wäre auf Schnellbooten gefahren und hätte es bis zum Leutnant zur See gebracht. Dann sei er vor der italienischen Küste ins Wasser gesprengt worden; aber ein paar freundliche Amerikaner hätten ihn herausgeangelt. Er selber, Paul Knappsack, sei – er lächelte – geborener Japaner – die anderen lächelten auch –, wäre hier in Nippon, in China und in Siam groß geworden, wo sein Vater noch jetzt – soviel er wisse und hoffe – als Exporteur von Reis und als Importeur für deutsche, schwedische und englische Industrieerzeugnisse erfolgreich tätig sei – oder gewesen sei – Paul machte eine kurze Pause hinter diesem Satz, während welcher niemand sich regte (im Hintergrund, im Dunkeln, jenseits des Friedens der Hütte, reckten immer noch die Schemen des Krieges sich mit hohlen Augen auf)." (S.350)

"Gerade setzte der alte Sakura an:
"Entschuldigen Sie mich, ich muss mich darum kümmern, ob die Mädchen alles recht in Ordnung bringen; ich habe Tusche, Pinsel und Papier bereitlegen lassen und will auch noch – –"
Er stockte; von der fernen Straßenecke her, an welcher das hohe Tor Paul und Peter eingelassen hatte, war plötzlich das Knirschen von Autoreifen zu hören, die scharf gebremst wurden. Sakura lauschte. Peter und Paul standen erstarrt; eine Autohupe erklang – unnatürlich laut in der mitternächtlichen Ruhe ringsum.
Und gleich danach vernahm Peter den Ruf einer Unke und nochmals und zum dritten Mal. O-koe stürzte lautlos aus dem Haus. [...]" (S.356)

Der letzte Abschnitt des Romans:
Bettelmönch (Komuso)

Peter und Paul gehen zu Fuß getarnt durch die Vermummung eines Komuso als Pilger nach Ise in Richtung Südjapan. Mit einer Dschunke fahren sie in Richtung Formosa, erleiden neben anderen Abenteuern Schiffbruch, sind jetzt aber wiederum - bei besserem Wetter - in Richtung Siam unterwegs.

"Pauls Brust hob sich in einem tiefen Seufzer. Er sagte: "Allmählich glaube ich es wirklich, Peter: wir sind frei!"
"Ja wir haben es geschafft! In Bangkok werde ich endlich alle die Briefe schreiben, die ich schuldig bin."
"Es wird wirklich Zeit damit, Peter! Die Schreiberei bleibt auf dir hängen. Ich habe meinen Eltern viel zu viel zu erzählen, als dass ich Lust haben werde, Briefe zu schreiben."
"Und wenn ich mit der Schreiberei fertig bin, dann geht hoffentlich bald ein Schiff nach Afrika, ein unverdächtiges, neutrales! Von Bangkok kann ich auch nach Angola an meine Eltern telegrafieren, dass ich wieder ein freier Mann bin."
"Mein Vater verfügt über viele Beziehungen, Peter. In meinen Augen bist du schon so gut wie zu Hause in deinem Afrika. Wie ich mich in die Arbeit im Geschäft stürzen werde – endlich wieder eine vernünftige Arbeit!"
"In Alaska und beim alten Sakura in British Columbia haben wir auch vernünftige Arbeit verrichtet."
"Das ist wahr; aber es war nicht unsere Arbeit!"
"Nein, unsere war es nicht. Jetzt erst sind wir wieder wir selber. Wenn nur der Wind anhält –! Er sollte uns in wenigen Tagen nach Siam bringen."
"Es kommt auf einen Tag mehr oder weniger nicht mehr an, Peter. Es ist schon jetzt der Wind der Freiheit* – und der weht rings um die Erde!" (S.486/487)

Der Wind der Freiheit ist der Titel einer gekürzten Fassung der gesamten Schneesturmtrilogie (Schneesturm (1950), Weiße Sonne (1951) und Steppenwind (1951) ).




28 Juli 2023

Wieland: Peregrinus Proteus

 Eine »Unterredung zwischen zwey Geistern von nicht gemeinem Schlage«, aufgeschrieben »zu dem unschuldigen Zweck, Menschenkunde und Menschenliebe zu befördern«.

Vorrede
zur ersten Ausgabe von 1791.

Ich habe mich schon, bey einer andern Gelegenheit, etwas von einer kleinen Naturgabe verlauten lassen, die ich (ohne Ruhm zu melden) mit dem berühmten Geisterseher Swedenborg gemein habe, und vermöge deren mein Geist zu gewissen Zeiten sich in die Gesellschaft verstorbener Menschen versetzen, und, nach Belieben, ihre Unterredungen mit einander ungesehen behorchen, oder auch wohl, wenn sie dazu geneigt sind, sich selbst in Gespräche mit ihnen einlassen kann.

Ich gestehe, daß mir diese Gabe zuweilen eine sehr angenehme Unterhaltung verschafft: und da ich sie weder zu Stiftung einer neuen Religion, noch zu Beschleunigung des tausendjährigen Reichs, noch zu irgend einem andern, dem geistlichen oder weltlichen Arme verdächtigen Gebrauch, sondern bloß zur Gemüthsergetzung meiner Freunde, und höchstens zu dem unschuldigen Zweck, Menschenkunde und Menschenliebe zu befördern, anwende; so hoffe ich, für diesen kleinen Vorzug (wenn es einer ist) Verzeihung zu erhalten, und mit dem Titel eines Geistersehers, der in unsern Tagen viel von seiner ehemahligen Würde verloren hat, gütigst verschont zu werden.

Es ist noch nicht lange, daß ich das Vergnügen hatte, eine solche Unterredung zwischen zwey Geistern von nicht gemeinem Schlage aufzuhaschen, die meine Aufmerksamkeit um so mehr erregte, da diese Geister in ihrem ehemahligen Leben nicht zum besten mit einander standen, und der eine von ihnen mein sehr guter Freund ist.

Der letztere (um die Leser nicht unnöthig rathen zu lassen) war ein gewisser Lucian – keiner von den zwey oder drey Heiligen Lucianen, die mit einem goldnen Zirkel um den Kopf in den Martyrologien figurieren; auch nicht Lucian der Mönch; noch Lucian der Pfarrer zu Kafar-Gamala, der im Jahre des Heils 415 so glücklich war, von St. Gamaliel im Traume benachrichtiget zu werden, wo die Gebeine des heiligen Stefanus zu finden seyen; noch Lucian der Marcionit; noch Lucian von Samosata, der Arianer, von dem eine eigene Nebenlinie dieser unglücklichen Familie den Nahmen der Lucianischen führt – sondern Lucian der Dialogenmacher, der sich ehemahls mit seinen Freunden Momus und Menippus über die Thorheiten der Götter und der Menschen lustig machte, übrigens aber (diesen einzigen Fehler ausgenommen) eine so ehrliche und genialische Seele war und noch diese Stunde ist, als jemahls eine sich von einem Weibe gebären ließ.

Der andere war eine nicht weniger merkwürdige Person, wiewohl er in seinem Erdeleben in allem den ausgemachtesten Antipoden meines Freundes Lucian vorstellte, und eine so zweydeutige Rolle spielte, daß er bey den einen mit dem Ruf eines Halbgottes aus der Welt ging, während die andern nicht einig werden konnten, ob der Narr oder der Bösewicht, der Betrüger oder der Schwärmer in seinem Karakter die Oberhand gehabt habe. Alles in dem Leben dieses Mannes war excentrisch und außerordentlich: sein Tod war es noch mehr; denn er starb freywillig und feierlich auf einem Scheiterhaufen, den er vor den Augen einer großen Menge von Zuschauern aus allen Enden der Welt, in der Gegend von Olympia, mit eigner Hand angezündet hatte.

Lucian, der ein Augenzeuge dieses beynahe unglaublichen Schauspiels gewesen war, wurde auch der Geschichtschreiber desselben, und glaubte, als ein erklärter Gegner aller Arten von filosofischen oder religiösen Gauklern, einen besonderen Beruf zu haben, die schädlichen Eindrücke auszulöschen, welche Peregrin (so hieß dieser Wundermann, wiewohl er sich damahls lieber Proteus nennen ließ) durch einen so außerordentlichen Heldentod auf die Gemüther seiner Zeitgenossen gemacht hatte: und wie hätte er diesen Zweck besser erreichen können, als indem er sie zu überzeugen suchte, daß der Mann, den sie, nach einer so übermenschlichen That, für den größten aller Weisen, für ein Muster der höchsten menschlichen Vollkommenheit, ja beynahe für einen Gott zu halten sich genöthigt glaubten, weder mehr noch weniger als der größte aller Narren, sein ganzes Leben das Leben eines von Sinnlichkeit und ausschweifender Einbildungskraft beherrschten halb wahnsinnigen Scharlatans, und sein Tod nichts mehr als der schicklichste Beschluß und die Krone eines solchen Lebens gewesen sey.

Ich habe an einem andern OrteLucians sämmtliche Werke, 3. Theil, S. 95 f.die Gründe ausgeführt, welche mich überredeten, zu glauben, daß Lucian nicht nur in allem, was er als Augenzeuge von diesem Peregrin berichtet, sondern auch in Erzählung derjenigen Umstände, die er von bloßem Hörensagen hatte, ehrlich zu Werke gegangen, und von dem Gedanken, seine Leser zu belügen und dem armen Fantasten wissentlich Unrecht zu thun, weit entfernt gewesen sey. Aber wie zuverlässig auch Lucians Aufrichtigkeit in dieser Sache immer seyn mag, so bleibt nicht nur die Glaubwürdigkeit der Gerüchte und Anekdoten, die auf Peregrins Unkosten in Syrien und anderer Orten herum gingen und jenem erzählt worden waren, zweifelhaft, sondern auch die Fragen: »ob Lucian in seinem Urtheile von ihm so unparteyisch, als man es von einem echten Kosmopoliten fordern kann, verfahre? und: ob Peregrin wirklich ein so verächtlicher Gaukler und Betrüger und doch (was sich mit diesem Karakter nicht recht vertragen will) zu gleicher Zeit ein so heißer Schwärmer und ausgemachter Fantast gewesen sey, als er ihn ausschreyt? – diese Fragen, sage ich, bleiben für Leser, welche einem Angeklagten, der sich selbst nicht mehr vertheidigen kann, eine desto schärfere Gerechtigkeit im Urtheilen über ihn schuldig zu seyn glauben, unauflösliche Probleme.

Man kann sich also vorstellen, wie groß mein Vergnügen war, als ich durch einen glücklichen Zufall Gelegenheit bekam, die erste Unterredung, die zwischen Lucian und Peregrin im Lande der Seelen vorfiel, zu belauschen, und aus dem eigenen Munde des letztern Aufschlüsse und Berichtigungen zu erhalten, wodurch das Mangelhafte in den Lucianischen Nachrichten ergänzt, das Dunkle und Unerklärbare ins Licht gesetzt, und das ganze moralische Räthsel des Lebens und Todes dieses sonderbaren Mannes, auf eine ziemlich befriedigende Art aufgelöset wird.

Wenn man sich erinnert, daß seit dem Tode beider redenden Personen beynahe sechzehn hundert Jahre verstrichen sind, so wird man vielleicht unglaublich finden, daß sie in einem so langen Zeitraum nicht eher Gelegenheit gehabt haben sollten, sich anzutreffen und gegen einander zu erklären. Allein fürs erste sind sechzehn Jahrhunderte, nach dem Maßstabe woran die Geister die Zeit zu messen pflegen, kaum so viel als nach unserm Zeitmaße eben so viel Jahrzehende: und dann traten bey Lucian und Peregrinen noch besondere Umstände ein, von denen (wiewohl sie zu den Geheimnissen des Geisterreichs gehören) uns vielleicht künftig etwas zu verrathen erlaubt seyn wird, die aber hier nicht an ihrem rechten Orte stehen würden.

Nach diesem kleinen Vorberichte würde mich nun nichts weiter hindern, die Unterredung zwischen den besagten beiden Geistern sogleich mitzutheilen, wenn ich voraussetzen könnte, daß der Inhalt der oben angezogenen Lucianischen Schrift (ohne welche diese ganze Unterredung unverständlich und ihre Mittheilung zwecklos seyn würde) entweder aus dem Original oder aus irgend einer Übersetzung allen Lesern bekannt und gegenwärtig wäre. Da es aber billig ist, auf diejenigen, die sich nicht in diesem Falle befinden, Rücksicht zu nehmen: so hoffe ich diesen letztern durch folgenden Auszug aus Lucians Bericht von Peregrins Lebensende einen kleinen Dienst zu erweisen.


Inhaltsverzeichnis (mit Links zu allen Kapiteln)


Auszug aus Lucians Nachrichten vom Tode des Peregrinus.

Die öffentlichen Kampfspiele zu Olympia, womit die zwey hundert sechs und dreyßigste Olympiade begann, waren der Zeitpunkt, und eine Ebene in der Gegend dieser Stadt der Schauplatz, welchen der Filosof Peregrinus, auch Proteus genannt, dazu ausersehen hatte, den Griechen und Ausländern aus allen Theilen der Welt, so diese Spiele zu Olympia zu besuchen pflegten, die außerordentlichste und schauerlichste aller Tragödien, das Schauspiel eines sich freywillig verbrennenden Cynikers, zu geben.

Auch Lucian, wiewohl er die Olympischen Spiele schon dreymahl gesehen hatte, hielt es der Mühe werth, einem solchen Schauspiele zu Liebe diese Reise zum vierten Mahle zu machen; und als er nach Elis (der nicht weit von Olympia gelegenen Hauptstadt der Republik dieses Nahmens) gekommen war, hörte er, indem er bey dem dortigen Gymnasion vorbey ging, einen cynischen Filosofen, um den sich eine Menge Volks versammelt hatte, mit der brüllenden Stimme die zum Kostum dieser Kapuziner der alten Griechen gehörte, dem Peregrinus eine Lobrede halten, und sein Vorhaben, sich zu Olympia zu verbrennen, in der, seinem Orden eigenen, popularen und deklamatorischen Manier rechtfertigen. – Von nun an mag Lucian in seiner eigenen Person sprechen.

»Und man darf sich noch erfrechen, (rief der Cyniker) einen Mann wie Proteus einer eiteln Ruhmsucht zu beschuldigen? O ihr Götter des Himmels und der Erde, der Flüsse und des Meeres, und du Vater Herkules! Wie? diesen Proteus, der in Syrien in Banden lag, ihn, der seiner Vaterstadt fünf tausend Talente schenkte, ihn, den die Römer aus ihrer Stadt vertrieben, ihn, der unverkennbarer ist als die Sonne, und der es mit Jupiter Olympius selbst aufnehmen könnte, – Ihn beschuldigt man der Eitelkeit, weil er durchs Feuer aus dem Leben gehen will? – That etwa Herkules nicht eben dasselbe? Starb Äskulap und Dionysos nicht durch einen Wetterstrahl? und stürzte sich nicht Empedokles in den Flammenschlund des Ätna?«

Als Theagenes (so nannte sich der Schreyer) dieß gesagt hatte, fragte ich einen der Umstehenden, was er mit seinem Feuer meinte, und was Herkules und Empedokles mit dem Proteus zu schaffen hätten? – Du weißt also nicht, versetzte er mir, daß Proteus sich nächstens zu Olympia verbrennen wird? – Sich verbrennen? rief ich mit Verwunderung: wie ist das gemeint? und warum will er sich verbrennen? – Aber wie mir jener antworten wollte, schrie der Cyniker wieder so abscheulich, daß ich kein Wort von dem andern verstehen konnte. Ich hörte also nochmahls den erstaunlichen Hyperbolen zu, die jener zum Lobe des Proteus in einem Strom von Worten ausgoß. Dem Diogenes und seinem Meister Antisthenes geschähe schon zu viel Ehre, sagte er, wenn man sie nur mit ihm vergleichen wollte. Dazu wäre nicht einmahl Sokrates gut genug. Kurz, er forderte endlich Jupitern selbst zum Kampf mit seinem Helden heraus; doch fand er zuletzt für besser, die Sachen zwischen ihnen ins Gleichgewicht zu bringen, und schloß seine Rede folgender Maßen: »Mit Einem Worte, die zwey größten Wunder der Welt sind der Olympische Jupiter und Proteus; jenen bildete die Kunst des Fidias, diesen die Natur selbst; und nun wird dieses herrliche Götterbild auf einem Feuerwagen zu den Göttern zurückkehren, und uns als Waisen zurück lassen!« – Der Mann schwitzte wie ein Braten, indem er dieß tolle Zeug vorbrachte aber bey den letzten Worten brach er auf eine so komische Art in Thränen aus, daß ich mich des Lachens kaum erwehren konnte; er machte sogar Anstalt sich die Haare auszuraufen, nahm sich aber doch in Acht, nicht gar zu stark zu ziehen. Endlich machten einige Cyniker dem Possenspiel ein Ende, indem sie den schluchzenden Redner unter vielen Trostsprüchen davon führten. [...]

(Inhaltsverzeichnis)


Inhaltswiedergabe in Schrägdruck: (zeno.org)

Einleitung

Peregrin nimmt davon Gelegenheit, sich gegen die harten Urtheile, welche Lucian in seiner Schrift von Peregrins Tode über ihn gefällt, und besonders gegen die Beschuldigungen eines darin redend eingeführten Ungenannten so zu vertheidigen, daß Lucians Wahrheitsliebe und Redlichkeit dabei ins Gedränge kommt. Da er indessen nicht zu läugnen begehrt, daß der Schein und zum Theil die auf bloßen Gerüchten und Verleumdungen beruhende öffentliche Meinung gegen ihn war, so wünscht er seinen neuen Freund durch eine reine offenherzige Beichte seines ganzen ehemaligen Lebens in den Stand zu setzen, ein richtigeres Urtheil von ihm zu fällen, hauptsächlich aber die zweideutigen und räthselhaften Stellen seiner Geschichte in ihr wahres Licht zu setzen. Lucian zeigt sich geneigt ihn anzuhören, und so beginnt Peregrin, im 

1. Abschnitt.

seine Erzählung mit einer kurzen Nachricht von seiner Vaterstadt und Familie, um sogleich zur Schilderung der Lebensweise und des Charakters seines Großvaters Proteus, von welchem er erzogen wurde, überzugehen, und zu zeigen, wie theils durch diese Erziehung, theils durch zufällige Umstände schon in seinen frühesten Jahren der Grund zu seinem ganzen Charakter und zu den seltsamen Verirrungen seiner frühzeitig erhitzten und exaltierten Einbildungskraft gelegt worden. Wie er schon im ersten Jünglingsalter dazu gekommen, etwas Dämonisches in sich zu erkennen, und welchen Einfluß diese Entdeckung auf seine Ideen von seiner Bestimmung und dem, was für ihn das höchste Gut sey, gehabt habe. – Tod seines Großvaters, dessen Erbe er wird. Wahre Erzählung seines ersten Liebesabenteuers mit der schönen Kallippe, wodurch die schiefe und in wesentlichen Umständen verfälschte Art, wie der Ungenannte zu Elis davon spricht, berichtiget wird. Peregrin geht von Parium nach Athen. Ursachen der sonderbaren Lebensart, die er daselbst führt. Zweites unglückliches Abenteuer, welches ihm mit einem schönen Knaben zu Athen begegnet, und ihn schleunig nach Smyrna abzureisen bestimmt.


2. Abschnitt.

Gemüthszustand, worin Peregrin Athen verläßt. Wie sich sein Ideal von Glückseligkeit (Eudämonie) in ihm entwickelt, und durch eine natürliche Folge ein heftiges Verlangen daraus entsteht, vermittelst einer vermeinten erhabenen Art von Magie in die Gemeinschaft höherer Wesen zu kommen, und von einer Stufe dieses geistigen Lebens zur andern endlich zum unmittelbaren Anschauen und Genuß der höchsten[12] Urschönheit zu gelangen. Er wird zu Smyrna mit einem gewissen Menippus, und durch diesen mit dem Charakter und der Geschichte des Apollonius von Tyana, bekannt; auch erhält er von ihm die erste Nachricht von einer in der Gegend von Halikarnaß sich aufhaltenden vermeintlichen Tochter des Apollonius, welche sich unter dem Namen Dioklea in den Ruf gesetzt habe, im Besitz der höchsten Geheimnisse der theurgischen Magie zu seyn. Peregrin beschließt diese wundervolle Person durch sich selbst kennen zu lernen, geht nach Halikarnassus ab, und wird von Dioklea, einem von Apollonius im Traum erhaltnen Befehle zufolge, als ein zu hohen Dingen bestimmter Günstling der Venus Urania, deren Priesterin sie ist, aufgenommen. Sein Aufenthalt in Diokleens Felsenwohnung. Wunderbarer Anfang und Fortgang seiner Liebe zu dieser Göttin. Erste Theophanie, die ihm in ihrem Tempel widerfährt, mit ihren Folgen.


Dritter Abschnitt

Peregrin wird mit einer zweiten Theophanie beglückt, und gelangt zur unmittelbaren Vereinigung mit der vermeinten Göttin. Wie er in ihrer Wohnung aufgenommen und durch welche Mittel er eine kurze Zeit in der seltsamsten aller Selbsttäuschungen unterhalten wird. Die Göttin verwandelt sich endlich in die Römerin Mamilia Quintilla, und macht unvermerkt ihrer ehemaligen Priesterin Platz, die sich Peregrinen in einem ganz neuen Lichte zeigt, ihm den Schlüssel zu allen zeither mit ihm vorgenommenen Mystificationen mittheilt, und sich mit abwechselndem Erfolg alle mögliche Mühe gibt, ihn von seiner Schwärmerei zu heilen und mit seiner gegenwärtigen Lage auszusöhnen. Nach mehr als Einem Rückfall versinkt Peregrin in eine peinvolle Schwermuth. Er erhält neue seine Eitelkeit nicht wenig kränkende Aufschlüsse über den Charakter und die Lebensgeschichte der Dioklea: aber die[13] Entdeckung eines neuen Talents an der letztern wirft ihn in die vorige Bezauberung zurück; bis endlich der schmähliche Ausgang eines von Mamilien veranstalteten Bacchanals ihn plötzlich auf die Entschließung bringt, sich der Gewalt dieser ihm zu mächtigen Zaubrerinnen durch eine heimliche Flucht zu entziehen, die er auch glücklich bewerkstelligt.

"[...] Dieses Gefühl allein, oder vielmehr die Ahndung dieser Gedanken, und das dunkle Bewußtseyn der in mir liegenden Kräfte und Hülfsquellen war es, was mich in den ersten Augenblicken vor Verzweiflung bewahrte. Aber es fehlte viel, daß Gedanken wie diese gleich anfangs die Oberhand gehabt, und mit ihrer ganzen Stärke auf mich gewirkt hätten. Im Gegentheil, ich wurde finster, mißmuthig und übellaunisch; alles umher verlor seinen Reiz und Glanz, und nahm die Farbe meiner düstern Seele an; ich verachtete mich selbst, und zürnte bitterlich auf diejenigen, die mich dazu gebracht hatten. Und dennoch hatte dieses Seelenfieber seine Abwechslungen; und ich lernte nun verstehen, was Xenophons Araspes64 mit dem Streit seiner beiden Seelen sagen wollte, denn ich erfuhr es in mir selbst. Ich schämte mich, wie ein anderer nektartrunkner Ixion65, eine Theatergöttin für Venus Urania genommen zu haben, und erinnerte mich doch mit Entzücken der Augenblicke wo mich diese Täuschung zum glücklichsten aller Sterblichen machte. Ich betrachtete in den Stunden der bösen Laune die üppige Mamilia als eine zauberische Lamie, die mich bloß deßwegen nährte und liebkosete, um mir alles[152] Blut aus den Adern zu saugen; und bald darauf, wenn ein Becher voll unvermischten Weins von Thasos in der schönen Hand dieser Lamie dargeboten, und zuvor von ihren wollustathmenden Lippen beschlürft, meine Lebensgeister wieder in Schwingung setzte, war ich wieder schwach genug, eine irdische Venus in ihr zu sehen, und in ihren immer willigen Armen neuen Stoff zu der bittern Reue zu holen, die meine einsamen Stunden vergiftete.# Wie sehr ich mich auch eine Zeit lang bemühte, diesen peinvollen Zustand meines Gemüthes vor Mamilien und ihrer scharfsichtigen Freundin zu verbergen, so war es doch (wie du leicht denken kannst) eben so verlorne Mühe, als alles was diese Damen sagen und thun konnten, um die einmal aufgelöste Bezauberung der ersten Wonnetage wieder herzustellen. Die Römerin hoffte es durch Verdopplung dessen, was sie ihre Zärtlichkeit nannte, zu bewerkstelligen, beschleunigte aber dadurch die gegenseitige Wirkung. Die Tochter des Apollonius versuchte es auf einem andern Wege. Sie ließ meine Sinne unangefochten, machte bloß die Freundin und Rathgeberin, schien nichts Angelegneres zu haben als mich zu beruhigen und mit mir selbst auszusöhnen; und indem sie die Unterredung bei jeder Gelegenheit vom Gegenwärtigen ablenkte und ins Allgemeine spielte, suchte sie mir unvermerkt eine feine Aristippische Art zu philosophieren einleuchtend zu machen, die in ihrem Munde eine so einnehmende Gestalt annahm, daß die ganze Widerspänstigkeit eines zum Enthusiasten gebornen Menschen dazu erfordert wurde, nicht von ihr gewonnen zu werden. Sie erhielt indessen doch immer so viel,[153] daß die Grazien ihres Geistes, die sich in diesen Gesprächen in so mancherlei vortheilhaftem Lichte zeigen konnten, mir ihren Umgang immer unentbehrlicher und gar bald zu dem einzigen machten, was mich an diesen Ort fesselte. Wir verirrten uns unter diesen Gesprächen zuweilen in ihre Felsenwohnung, oder in das Rosenwäldchen, dessen Anblick so viel angenehme Erinnerungen in meiner Seele wieder anklingen machte; und nicht selten endigte sich dann unser Streit über die Verschiedenheit unsrer Grundbegriffe auf eine Art, die das Uebergewicht der Aristippischen Philosophie über die Platonische völlig zu entscheiden schien; wiewohl im Grunde nichts dadurch bewiesen wurde, als die Schwäche des Platonikers, und die große Fertigkeit seiner Gegnerin in dem, was man die Sophisterei ihres Geschlechts nennen möchte. Genug, sie verhalf der schlimmern Seele zu manchem schmählichen Sieg über die bessere: aber eben dieß stürzte mich unversehens in jenen gewaltsamen und qualvollen Zustand zurück, der von dem ewigen Widerspruch zwischen einer Art zu denken, deren Wahrheit man im Innersten fühlt, und einem Betragen, das man immer hintennach mißbilligen muß, die natürliche Folge ist. 

Während dieses seltsame Verhältniß zwischen Diokleen und mir bestand, hatte Mamilia, deren Leidenschaften eben so schnell verbraus'ten als aufloderten, einen neuen Gegenstand für ihre launenvolle Phantasie gefunden. Sie war fast immer abwesend, und schien sich eine geraume Zeit gar nicht mehr um mich zu bekümmern. Ohne Zweifel trug die Ruhe, die sie uns ließ, viel dazu bei, daß auch jenes Verständniß mit [154] Diokleen, das im Grunde weder Liebe noch Freundschaft war, den Reiz ziemlich bald verlor, den es anfangs für mich gehabt hatte. Der leeren Stunden wurden immer mehrere, in welchen der Zweikampf der beiden Seelen sich erneuerte, und der Sieg sich endlich auf die Seite der bessern neigte, ohne daß Dioklea, die es auf der andern Seite an mancherlei Kriegslisten nicht fehlen ließ, mehr als einige Verzögerung ihrer gänzlichen Niederlage bewirken konnte. Ich sah mich mit Unwillen und Selbstverachtung wie in den Stall einer neuen Circe eingesperrt. Jeden Morgen stand ich von meinem weichen aber meist schlaflosen Lager mit dem Vorsatz zu entfliehen auf, und legte mich jede Nacht mit Grimm über mich selbst nieder, daß ich den Muth nicht gehabt hatte ihn auszuführen. [...]"

4. Abschnitt:

Psychologische Darstellung der Gemüthsverfassung, worin Peregrin nach Smyrna zurück kam. Schwermuth und Verfinsterung, worein ihn das Gefühl der Leerheit stürzt, welche das Verschwinden der Bezauberungen, deren Spiel er gewesen war, in seiner Seele zurück läßt. Er wird zufälliger Weise (wie er glaubt) durch die Erscheinung eines unerklärbaren aber sehr interessanten Unbekannten aus diesem Zustand aufgerüttelt und in neue Erwartungen gesetzt, wohnt, ohne zu wissen wie es zugeht, einer Versammlung von Christianern zu Pergamus bei, und ein neues mystisches Leben beginnt von dieser Stunde an in ihm. Der Unbekannte fährt fort mächtig auf sein Gemüth zu wirken, spannt seine Erwartungen in dem magischen Helldunkel, worein er ihn einhüllt, immer höher, befiehlt ihm aber nach Parium zurückzukehren, wohin sein Vater ihn gerufen hatte, und daselbst ruhig auf denjenigen zu warten, der ihm zum Führer auf den rechten Weg zugeschickt werden sollte.

Der Unbekannte spricht zu Peregrinus: "Du bist lange genug getäuscht worden, Peregrin! es ist Zeit, daß dir der Weg der Wahrheit aufgeschlossen werde. Ich nannte mich deinen guten Genius, denn ich vertrete seine Stelle bey dir; und, wiewohl ich im Grunde nicht mehr bin als du selbst, so kann ich doch, in der Hand dessen dem ich diene, ein Werkzeug deiner Rettung werden.« Du begreifst, lieber Lucian, daß mein Erstaunen mit jedem Augenblick wachsen mußte. Wie konnte der Unbekannte mit den geheimsten Umständen meiner Geschichte so vertraut seyn, als ob er wirklich mein Genius wäre? 

Lucian. Dein alter Bedienter wird wieder geschwatzt haben. 

Peregrin. Da hätte er mehr sagen müssen als er selbst wußte. 

Lucian. Er wußte doch Etwas, wenn schon nicht Alles; und ein so schlauer Mann, als mir dein Unbekannter scheint, brauchte zu dem, was ihm deine eigene Gegenwart sagte, nur einige Bruchstücke von Nachrichten, um das Räthsel deiner Person ziemlich leicht aufzulösen. 

Peregrin. In der That vermuthete ich selbst so etwas; und dieser Gedanke gab dem letzten Funken von Mißtrauen, den die Offenheit des Unbekannten in mir übrig gelassen hatte, noch so viel Nahrung, daß seine Reden nicht die ganze Wirkung auf mich thaten, die er erwarten konnte. Aber auch dieß las er in meinem Gesichte. »Mich wundert nicht, fuhr er fort, daß du unschlüssig bist, was du von mir denken sollst. Nichts ist was es scheint, wiewohl dem Erleuchteten Alles scheint was es ist. Die Natur ist eine Hieroglyfe, wozu wenige den Schlüssel haben, und der Mensch kennet alles andere besser als sich selbst. Er gleicht einem ausgesetzten Königssohne, der, von Hirten erzogen, in schlechter Gesellschaft, unter tausend verworrenen Zufällen und Abenteuern grau ward, ohne von seinem Ursprung und von dem, wozu er geboren war, einige Ahnung gehabt zu haben. Was für Trost hat der Blinde davon, daß rings um ihn her Sonnenschein ist? Was hilft dem Bettler das Gold in den Eingeweiden der Erde? Das Leben des Menschen, das sein Alles scheint, ist Nichts; immer von einem Augenblicke verschlungen, der schon dahin ist ehe man gewahr wurde daß er da war, ist es Nichts! Aber, – o möchtens die Menschen wissen! möcht' es ihnen der Donner, der die Todten wecken wird, in die Seele donnern! – es ist mit der Zukunft schwanger, die Alles ist.« Mein Unbekannter gab dieses sonderbare Orakel mit einer Begeisterung, einem Feuer in den Augen, einem, ich weiß nicht welchem mehr als menschlichen Klang der Stimme, von sich, daß ich davon ergriffen wurde, und den Muth verlor, ihn zu fragen was er damit wollte. Nachdem wir beide eine ziemliche Weile geschwiegen hatten, nahm er das Wort wieder, und sagte in einem sanftern, aber nach und nach immer feierlicher werdenden Tone: »Du bist zu einer großen Bestimmung berufen, Peregrin! – Eine mächtige Stimme vom Himmel ist durch alle Lande erschollen. Der Eingeladenen sind viele, aber die Zahl der Erwählten ist klein. Wir stehen am Rand einer furchtbaren Umkehrung der Dinge. Das Licht ist mitten aus der Finsterniß hervorgebrochen… [...]

Mir war, als ob mich die Reden des Unbekannten mit einer neuen Lebenskraft angeweht hätten. Ihre Beglaubigung war in meinen eigenen Gefühlen und Wünschen. Sie blieben mir, wie sein Bild, immer gegenwärtig; mit jeder Erinnerung senkten sie sich tiefer in meine Seele ein, und sein Abschiedskuß brannte noch lange auf meiner Stirne. 

Lucian. Ganz gewiß wußte dein Unbekannter auch dieß voraus! Der verstand sich auf die profetische Kunst! Und mit welcher Sicherheit er vorher sagte, ihr würdet euch am siebenten Tage nach dem ersten Neumond wiedersehen! Das ist doch keine Begebenheit, die sich so voraus berechnen läßt wie eine Mondsfinsterniß! Und Er, er bestimmt nicht nur den Tag; er nennt dir, damit du ihn ja nicht verfehlen kennest, sogar den Ort, wo ihr euch wiederfinden würdet. Der große Profet! Wie gut er seinen Mann kannte! 

Peregrin. Spotte nicht, Lucian! So simpel die Sache scheint, so gehörte doch vielleicht ein Mann von ungewöhnlichem Geiste dazu, ein so simples Mittel, seiner Sache gewiß seyn zu können, zu finden. Du wirst über meine Einfalt lachen; ich gestehe dir aber aufrichtig, daß ich mir damahls eben so wenig zu erklären wußte, wie der Unbekannte wissen könnte daß wir uns zu Pergamus wiedersehen würden, als woher er meinen Nahmen und meine Begebenheiten zu Halikarnaß erfahren habe. [...]

Welche Gemeinschaft könnte zwischen dem Licht und der Finsterniß seyn? welche Theilnehmung zwischen den Gläubigen und den Ungläubigen? Ihre Augen sind verschlossen, die eurigen aufgethan. Sie trachten nach dem Was auf Erden, Ihr nach dem was droben ist. Euer Wandel ist im Himmel. Dieser verächtliche Kothklumpen unter euern Füßen hat nichts das eurer Wünsche werth sey. Die zerbrechliche Schale, meine Brüder, die uns noch umgiebt, ist es allein, was uns hindert das Leben der Geister zu leben: aber auch diese dünne Scheidewand wird, durch das Feuer der göttlichen Liebe unvermerkt verzehrt, immer dünner, immer durchsichtiger. Hier hielt er auf einmahl ein; sein Haupt sank zurück, er schaute mit starren Augen empor, und schien einige Augenblicke in Verzückung zu schweben, während die Stille in der Versammlung noch stiller ward, und alle Augen mit Erstaunen auf ihn geheftet waren. – Sollten aber auch, fuhr er wieder zu sich selbst kommend fort, sollten gleich viele unter euch in diesem Leben, welches nur die Geburt ins wahre Leben ist, noch nicht bis zum Anschauen selbst gelangen, noch nicht entkörpert genug seyn, daß die Herrlichkeiten der unsichtbaren Welt ihrem Geiste aufgeschlossen würden: hat nicht der Glaube, der euch mitgetheilt ist, ein Auge, zu sehen was ihr nicht sehet, wiewohl ihr um und um davon umgeben seyd? hat er nicht eine Hand, zu ergreifen was euch ferne scheint, wiewohl es euch so nahe ist? Und wenn weder Glaube noch Liebe Grenzen haben; wenn beide so unendlich sind wie ihr Gegenstand, so unerschöpflich, wie die Äonen,[Fußnote: So nannten die Gnostiker, zu welchen der Unbekannte gehörte, die höchsten himmlischen Kräfte, welche sie als die ersten Ausflüsse der Gottheit, des Urquells aller geistigen Kräfte und Vollkommenheiten, betrachteten.] deren Ausflüsse sie sind – wer, meine Brüder, kann sagen, was dem, der Glauben und Liebe hat, zu thun oder zu erreichen unmöglich ist? Lucian. Um der Grazien willen, Peregrin, halt ein! Laß es an dieser Probe genug seyn! Ich sehe, dein Unbekannter war ein Meister in seiner Kunst. Braucht es einer größern Probe, als daß er dich noch in diesem Augenblicke mit seiner göttlichen Raserey wieder angesteckt hat? – Du guter Peregrin! Da hattest du deinen Mann gefunden! Peregrin. In der That sog mein Ohr, oder vielmehr meine ganze Seele mit tausend unsichtbaren Ohren, alle seine Worte mit einer wunderbaren Befriedigung ein. Was ich fühlte war dem unbeschreiblichen Gefühl ähnlich, womit ein lechzender Wanderer, der lange nach einem Tropfen frischen Wassers schmachtete, die ersten Züge aus einer ihm unverhofft entgegen rauschenden Felsenquelle thut. Der Unterschied war nur, daß, wie bey jenem der Durst mit jedem Zuge abnimmt, ich hingegen mit jedem Zuge begieriger ward, mich, den Kopf zu unterst, in diesen Strom zu stürzen, und kaum meine äußersten Lippen gelabt zu haben glaubte, als der göttliche Mann zu reden aufhörte. [...]

Ich konnte mich nicht enthalten, ihnen die Bewunderung und Zuneigung, die ich für sie fühlte, in sehr lebhaften Ausdrücken zu bezeigen. Aber meine Sprache schien ihnen fremd; die jungen Leute schlugen die Augen nieder oder traten auf die Seite, und der Hausvater sah mich an, als suchte er in meinem Gesichte, ob er sich an mir geirret habe. Indem ich nachdachte, was dieß zu bedeuten haben könnte, reichte mir die Frau des Hauses einen Becher mit Wein, welchen eine ihrer Töchter, nach Gewohnheit des Landes, vorher mit Wasser vermischt hatte. Ich nahm ihn an, und aus einer bloß mechanischen Gewohnheit goß ich, indem ich meine Wirthin mit Ehrerbietung und Wohlgefallen betrachtete, ohne zu denken was ich that, etwas Wein auf den Boden, bevor ich trank. Sie erblaßte, trat zurück, und in wenig Augenblicken waren die Mutter und die Töchter aus dem Sahle verschwunden. Warum thatest du das? fragte mich der Hauswirth mit freundlichem Ernste: siehe, wie du diese guten Seelen erschreckt hast! – Ich wurde feuerroth, und entschuldigte mich, mit einer eben so mechanischen Betheuerung beym Jupiter, daß meine Hand es ohne den Willen meiner Seele gethan habe. Nun schlichen sich auch die Söhne unvermerkt und in größter Stille einer nach dem andern fort. – Die Macht der Gewohnheit! sagte der Wegweiser mit einem kleinen Kopfschütteln. – Seit mehr als vierzig Jahren, fuhr unser Wirth fort, ist dieser Boden durch keine abgöttische Libazion entweiht, und der Nahme keines bösen Dämons in diesem Hause ausgesprochen worden. Wir scheuen uns nicht zu bekennen, daß wir nur den Einzigen anbeten, durch welchen und in welchem Alles ist, und daß wir ihm dienen, wie es uns der Liebling seines Sohnes, nach dessen Nahmen man uns nennt, gelehrt hat. Unser Bruder, der dich hierher gebracht hat, sagte uns, du wärest auf dem Wege einer der Unsrigen zu werden. Er hielt ein, und ich gestehe, daß mir diese Rede von einem Manne, den ich bisher eben so verständig als biederherzig gefunden hatte, mächtig auffiel. Du hättest mich also ohne diese vielleicht irrige Meinung nicht aufgenommen? fragte ich mit einiger Empfindlichkeit. – »Dennoch, antwortete er mit seiner gewohnten Ruhe, nur auf eine andere Art. Alle Menschen, wer sie auch seyn mögen, können gewiß seyn, daß wir uns keiner Pflicht der Menschlichkeit gegen sie weigern; aber Liebe können nur unsre Brüder von uns erwarten: und wenn wir nicht so strenge darüber hielten, so viel möglich alle Gemeinschaft mit denen, die es nicht sind, zu vermeiden, würden wir bald aufhören das zu seyn, was dir (wie du sagst) so viel Wohlwollen für uns eingeflößt hat. Nur die Absonderung von den Kindern der Welt sichert uns, nicht von ihnen angesteckt zu werden.« – Wenn der Wunsch, einer der Eurigen zu seyn, hinreichend wäre! versetzte ich. – Aber ich bin noch so unwissend, daß ich nicht einmahl die Elemente der Weisheit, die euch zu so guten Menschen macht, begriffen habe. – »Was wir Gutes haben, erwiederte unser Wirth, ist Gnade von oben [...]

Aber was ich aus eigener Erfahrung weiß, ist, daß zwischen den Christianern unter dem so genannten großen Konstantinus, und den größern und kleinern, durch den ganzen Römischen Erdkreis zerstreuten Brüdergemeinen, die man zu meiner Zeit unter diesem Nahmen zu begreifen pflegte, ein mächtiger Unterschied war. Denn damahls herrschte noch so wenig Zusammenhang, Ordnung und Übereinstimmung unter ihnen, daß vielleicht nicht zwey Gemeinen von beträchtlicher Größe zu finden waren, die in allen Stücken Eines Glaubens und Sinnes gewesen seyn sollten. Aus Mangel eines genau bestimmten und allgemein angenommenen Lehrbegriffs, blieben viele Punkte ihres Glaubens zweifelhaft: und da eine Menge Fragen, die man sich nicht entbrechen konnte nach und nach aufzuwerfen, aus eben diesem Grunde nicht rein aufgelöst werden konnten; so hing jede besondere Gemeine hierin größten Theils von den Meinungen und Vorurtheilen ihrer Vorsteher und Lehrer ab. Der Meister selbst hatte nichts schriftliches hinterlassen, das seinen künftigen Anhängern zur Richtschnur hätte dienen können. Natürlicher Weise war also das Maß von Gedächtniß und Verstand, das seinen ersten Schülern zu Theil geworden war, nebst dem Glauben an die Redlichkeit ihres Willens, die einzige Gewährleistung, welche diese den ihrigen für die Wahrheit der Thatsachen, wovon sie als Augenzeugen sprachen, und der Lehren, die sie aus seinem Munde gehört zu haben versicherten, geben konnten. Was Wunder also, daß sogar schon bey Lebzeiten derjenigen, durch welche die ersten Brüdergemeinen gepflanzt wurden, Irrungen, Streitigkeiten und Spaltungen entstanden, die das Ansehen dieses oder jenes Lehrers um so weniger verhüten oder ersticken konnte, weil derjenige, der etwas anderes lehrte, sich ebenfalls auf Tradizion, oder auf Schriften, die im Grunde für nichts mehr als für geschriebene Tradizion gelten konnten, berief, und also so viel anscheinendes Recht hatte, als jener, seine Lehre für diejenige zu geben, die mit dem Sinne des Meisters und mit dem Geiste seiner Worte am besten übereinstimme. [...]

Aber es erfolgte, was vermöge der Natur der Sache erfolgen mußte, und was keine menschliche noch göttliche Macht verhindern konnte. Die Christianer arteten schon nach Annehmung dieses Nahmens aus; sie verfielen nach und nach in alle Arten von Schwärmerey, standen allen Verführern, welche den Geist ihres Meisters zu heucheln und die Stimme des guten Hirten nachzuäffen wußten, bloß; und so wurden jene hohen Gesinnungen und zarten Gefühle (die, so zu sagen, die angeborne Moral der schönsten Seelen ausmachen) von arglistigen Menschen zu subtilen Netzen verwebt, worin sie immer die gutherzigsten und arglosesten Gemüther am ersten zu fangen gewiß waren. Aber, wie gesagt, um diese Zeit hatte ich noch nicht die mindeste Ahnung davon, daß ich einst Ursache finden würde, so nachtheilig von diesen heiligen Menschen zu denken, von welchen nun Bruder genannt zu werden der höchste Stolz meines Herzens war. [...]

6. Abschnitt

Peregrin wird durch den Tod seines Vaters Besitzer eines großen Vermögens, und seine Obern lassen sich endlich gefallen, den größten Theil davon, als ein zum Bau des Reichs Gottes beigetragenes Scherflein, zu ihren Handen zu nehmen. Er wird nach Nikomedien berufen, erhält zur Belohnung der Treue, welche er bisher in dem angefangnen Werke seiner Heiligung bewiesen, das Versprechen, daß er nun ohne weiters zum Anschauen der höchsten Geheimnisse des Reichs des Lichts zugelassen werde, und empfängt von Hegesias, als dem dazu von Kerinthus verordneten Mystagogen, den wirklichen Unterricht in der erhabenen Gnosis, hinter deren emblematischen und allegorischen Bildern Kerinthus das wahre Geheimniß seines weit gränzenden politischen Plans verbarg. Peregrin, dessen unheilbare Phantasie in dieser aus magischen und kabbalistischen Quellen geschöpften Gnosis die nahe Befriedigung seiner höchsten Wünsche ahndet, nimmt die Bilder für die Sache selbst, und bestärkt dadurch seine Obern in dem Urtheil, daß er ihrem Orden bloß als Werkzeug, aber als solches durch seinen Eifer für ihre Sache, die ihm die Sache Gottes war, und durch die unbedingten Aufopferungen, wozu sie ihn immer bereit sahen, desto größere Dienste thun könne. Anstatt also die Decke von seinen Augen wegzunehmen, unterhalten sie ihn vielmehr in seiner schwärmerischen Vorstellungsart, und bestimmen ihn endlich, nach einer strengen Vorbereitung, in den Missionen zu arbeiten, durch welche der Orden die in Asien zerstreuten Brüdergemeinen nach und nach mit sich zu vereinigen suchte. Peregrin wird zu diesem Ende in eine Pflanzschule der Kerinthischen Secte nach Ikonium, und von da nach Syrien abgeschickt. Der glückliche Fortgang seiner Arbeiten wird durch eine von Parium aus gegen ihn gerichtete Cabale unterbrochen: er wird vor dem Statthalter von Syrien angeklagt und kraft des bekannten Trajanischen Edicts ins Gefängniß geworfen. Berichtigung der Erzählung des Lucianischen Ungenannten. Peregrins Gemüthszustand bei der Fortdauer seiner Einkerkerung.

Erinnere dich der großen Entwürfe eines Alexanders und Julius Cäsars, – aus dem ganzen Erdboden ein einziges Reich, aus allen Völkern eine einzige Nazion zu machen, diesem ungeheuern Reiche eine einzige Hauptstadt zum Mittelpunkt zu geben, und in diesem Mittelpunkt ihr stolzes Selbst zur regierenden Seele des Ganzen zu machen. Mein Kerinthus hatte keinen kleinern Plan; und wiewohl es ihm mit dem seinigen nicht besser gelang als dem großen Alexander, so bin ich doch gewiß, daß er sich schmeicheln darf, den ersten Grund zu der großen Revoluzion gelegt zu haben, die wir in den Zeiten der Theodosier zu Stande kommen sahen. Diese furchtbare Umkehrung der Dinge, die er mir gleich bey unsrer ersten Zusammenkunft so feierlich ankündigte, der Untergang des Reichs der Dämonen, das Herabsteigen der Stadt Gottes, zu welcher sich die Völker der Erde versammeln, und deren blitzende Strahlen die Feinde des Lichts verzehren sollten – alle diese pompösen Bilder waren keine Worte ohne Sinn; ganz gewiß wußte er was er damit sagen wollte: und was konnte dieß anders seyn, als daß es der neuen Theokratie der Christianer gelingen werde, die alte Religions- und Staatsverfassung umzustürzen? Diese Revoluzion zu bewirken und zu beschleunigen, war der wahre Zweck des geheimen Ordens, wovon ich einige Jahre nicht sowohl ein sehendes Mitglied, als ein blindes Werkzeug war.

  Lucian. Dein Kerinthus war ein kalter kluger Mann. Ein so warmer treuherziger Enthusiast, wie du, war zu seinem Plane sehr gut zu gebrauchen, aber nur so lange als man deine Vernunft in dem gehörigen Helldunkel zu erhalten wußte. Alles war verloren, wenn man dich sehen ließ, was hinter dem hoch tönenden mystischen Prunk verborgen steckte, und wie natürlich diese theurgische Magie war, womit man die herrschende Leidenschaft deiner Seele gefesselt hatte. Peregrin. Der Erfolg wird zeigen, daß du richtig gerathen hast, Lucian. Hegesias empfing mich zu Nikomedien mit der zärtlichsten Bruderliebe; führte mich in die dortige Gemeine ein, welche nicht sehr zahlreich, aber gänzlich unter dem Zauber des Kerinthus war; bezeugte mir die Zufriedenheit des Vorstehers über die Treue, die ich bisher in dem angefangenen Werke meiner Heiligung bewiesen hätte, und endigte mit der Versicherung: daß er nun kein Bedenken mehr trüge, den letzten Vorhang wegzuziehen, und mich in Geheimnisse schauen zu lassen, welche selbst dem größern Theile der Brüder nur in Bildern und Symbolen geoffenbaret würden. Dieses Versprechen spannte, wie du denken kannst, meine Erwartung auf den höchsten Grad; und Hegesias, dem das Mystagogenamt hierbey aufgetragen war, wußte dem geheimen Unterricht, den ich nun einige Wochen lang von ihm empfing, alles das Feierliche, Heilige und Magische zu geben, wodurch seine Wirkung auf ein Gemüth, wie das meine, zehnfach verstärkt werden mußte. Die Gnosis umleuchtete mich wie ein überirdisches Licht, das aus offnem Himmel auf mich herab strömte; ich fühlte mich davon empor getragen, fühlte [...]

Peregrin. Erlaube mir nur noch diese einzige Anmerkung. Es kommt bey dieser gnostischen Theosofie alles im Grunde darauf an, daß die abstrakten Begriffe der gemeinen Filosofie darin versinnlicht, und den Wörtern, wodurch sie bezeichnet werden, die unbekannten Wesen und Urkräfte selbst, wovon jene metafysischen Begriffe nur leere Hülsen sind, untergelegt werden: und gerade dieß war es, was diese Art zu filosofieren für alle warmen Köpfe und glühenden Herzen eben so anziehend und verführerisch machte, als sie den kalten Köpfen deiner Art immer verächtlich seyn mußte. Ihr wußtet, daß die Göttin, in deren Arme man euch zu führen versprach, nur ein Wolkengebilde war; was für Genuß hätte euch also eine wissentliche Täuschung verschaffen können? Wir Ixionen hingegen glaubten in der Wolke die Göttin, deren Gestalt sie uns vorspiegelte, selbst zu umfassen, und fühlten uns selig, nicht nur weil wir nicht wußten daß wir getäuscht wurden, und also unser Genuß (so lange die Täuschung dauerte) wirklich war; sondern auch, weil die Ähnlichkeit der Wolke mit der Göttin etwas wirkliches, und also der Gegenstand, der uns in diese Entzückungen setzte, mehr als ein bloßes Hirngespenst war. Denn, wofern auch dem Menschen in jenem irdischen Leben alle unmittelbare Gemeinschaft mit der unsichtbaren Welt versagt ist, so wird doch niemand zu läugnen begehren, daß in dem unergründlichen Geheimnisse der Natur (wie du es nanntest) etwas sey, das sich zu den Äonen oder Urkräften der Gnostiker, und dem ewigen Urwesen, aus welchem sie ausströmen, ungefähr so verhält, wie die Juno der Fabel zu der Wolke, womit Jupiter den Ixion täuschte. [...]

Lucian. Zum klaren Beweise, daß die Stoiker ihrem Weisen zu viel schmeicheln, wenn sie behaupten, Er allein habe das Vorrecht, selbst in Ketten und Banden frey zu seyn. Der Schwärmer, der doch, um nichts härteres zu sagen, gerade das Gegentheil des Weisen ist, kann diesem auch hierin den Vorzug sogar noch streitig machen. [...]

Genug, es kam endlich so weit mit mir, daß in gewissen Stunden – zumahl wenn ich (wie öfters geschah) auf meinem nicht allzu weichen Lager den Schlaf nicht finden konnte – Erinnerungen und Bilder aus der zauberischen Villa Mamilia in mir erwachten – Lucian. Und du wunderst dich noch darüber? Peregrin. Wenigstens geschah es sehr wider meinen Willen, das kannst du mir glauben! und ich kämpfte oft bis aufs Blut, um dieser Anfechtungen, (wie sie in unsrer Sprache hießen) als Eingebungen böser Dämonen, los zu werden. Ich sage bis aufs Blut, im wörtlichen Verstande; denn ich geißelte mich zuweilen, wenn mir Satan zu mächtig werden wollte, so unbarmherzig, daß mein Rücken des folgenden Tages meinen mitleidigen Wärterinnen nicht wenig zu schaffen machte. Lucian. Und was war der Erfolg dieser listigen Art dem Feind in den Rücken zu fallen? Peregrin. Ich kann nicht läugnen, daß ich übel dadurch ärger machte. 

Lucian. Das hätte ich dir vorher sagen wollen, mein guter Peregrin. Diesen Dämon mit Fasten und Beten zu bekämpfen, das laß' ich allenfalls gelten: aber Ruthen und Geißeln sind immer für ein besseres Mittel gehalten worden, ihn vielmehr aufzureitzen als zu dämpfen. Peregrin. Der Hauptfehler war wohl, daß ich (nach den Grundsätzen der Kerinthischen Filosofie) gleich Anfangs solchen sehr natürlichen Anfechtungen die Wichtigkeit gab, sie in meinem Wahne zu übernatürlichen zu erheben. Eben daß ich sie für Anfälle böser Geister hielt, und mich mit so großen Bewegungen und Anstalten gegen sie zur Wehre setzte, mußte die Sache immer ernsthafter und schwieriger machen. – Doch, es ist hohe Zeit, auf die Begebenheit zu kommen, die das Ende aller dieser Ausschweifungen und meine gänzliche Trennung von den Christianern herbey führte. [...]

VII. Abschnitt.

Unverhoffter nächtlicher Besuch, den er von Diokleen im Gefängniß erhält. Sie entdeckt sich ihm als die Schwester des Kerinthus, macht ihn mit der geheimen Geschichte ihres Bruders und mit dem Innern seines großen Plans bekannt, und öffnet ihm dadurch auf einmal die Augen über die ganze Kette von Täuschungen, wodurch er von Kerinthus[6] und Hegesias bisher zum blinden Werkzeug ihrer politischen Absichten gemacht worden war. Peregrin erhält durch ihre Vermittlung seine Freiheit wieder, unter der Bedingung Syrien sogleich zu verlassen. Er stellt sich als ob er in alle ihre Absichten mit ihm eingehe, verläßt sie aber bald darauf heimlich, und entflieht nach Laodicea, fest entschlossen, alle Gemeinschaft mit Kerinthus und seinem Anhang auf immer abzubrechen.


Mit Einem Worte, Kerinthus scheint sich überzeugt zu haben, daß du seiner Sache als Apostel, allenfalls auch als Märtyrer, unendliche Mahl nützlicher seyn könnest, als du ihm seyn würdest, wenn er dich ohne Schleier in sein Geheimniß schauen ließe. Aber er mag seiner Schwester verzeihen, wenn sie eine bessere Meinung von dir hegt, und nichts dabey zu wagen hofft, indem sie, einen alten Freund zu retten, gewisser Maßen zur Verrätherin an einem Bruder wird. In der That sah ich kein anderes Mittel, dich aus der gegenwärtigen Gefahr zu ziehen und vor künftigen sicher zu stellen. Nein, mein lieber Peregrin! du sollst nicht das Opfer eines schwärmerischen Eifers werden. Wenn Kerinthus Märtyrer für seine Sekte braucht, so mag er sich nach solchen umsehen, an welchen mein Herz weniger Antheil nimmt. Übrigens kennest du meine Art zu denken. Es ist angenehm, sich zuweilen einer unschädlichen und vorüber gehenden Schwärmerey der Fantasie oder des Herzens zu überlassen, so wie zuweilen eine kleine Trunkenheit angenehm und unschädlich ist: aber sein ganzes Leben durch zu schwärmen, und darüber zum blinden Werkzeuge fremder Absichten und Entwürfe zu werden, ist eine eben so undankbare als verächtliche Art von Existenz. Man gewinnt immer bey der Wahrheit, auch dann, wenn sie uns der schmeichelhaftesten Täuschungen beraubt. Der schlechte Erfolg, womit ich dir diese Filosofie vor sieben Jahren in der Villa Mamilia predigte, hätte mich billig abschrecken sollen, einen neuen Versuch zu machen: aber dießmahl, Peregrin, hast du so wenig dadurch zu verlieren, daß ich dir die Augen öffne, und der Vortheil, hell in diesen Dingen zu sehen, ist dagegen so entschieden, daß ich weder deinem noch meinem Verstand ein großes Kompliment mache, wenn ich mir schmeichle, dich, noch ehe wir uns wieder trennen müssen, gänzlich zu meiner Vorstellungsart bekehrt zu haben. Und nun fing sie an, sich in eine ausführliche Darstellung sowohl der Beschaffenheit und Lage, worin ihr Bruder die Angelegenheiten der Christianer gefunden habe, auszubreiten, als über den Plan, nach welchem er sie unvermerkt zu befestigen, empor zu bringen, und den größten und edelsten Zweck, der jemahls zum Besten der Menschheit gefaßt worden, dadurch zu bewirken gesonnen sey. Sie wandte alle ihre Beredsamkeit an, mich von der Realität und Erreichbarkeit dieses Zweckes, und von der Unsträflichkeit und Unfehlbarkeit der Mittel, die er zu wirklicher Erreichung desselben zusammen spielen lasse, zu überführen. Die erhabnen Offenbarungen der unsichtbaren Welt, zum Beyspiel, die du (sagte sie lächelnd) mit einer in der That allzu kindlichen Einfalt im buchstäblichen Verstande genommen hast, scheinen mir weder mehr noch weniger als die unschuldigste Poesie: entweder bildliche Einkleidungen großer Wahrheiten, um sie, die in ihrer reinsten Form den meisten Menschen unverständlich seyn würden, anschaulich und eben dadurch geschickt zu machen auf das Gemüth dieser Menschen zu wirken; oder Versinnlichung edler Zwecke, [...]

Dioklea kannte mich so gut, daß sie alles gewonnen zu haben glaubte, wenn sie mir sowohl die verhaßte Vorstellung, daß ich selbst betrogen worden sey, benehmen, als meine natürliche Abneigung, andere zu täuschen, überwinden, und mich überreden könnte, daß diese Täuschung nicht in der Sache selbst, sondern bloß in den Formen, oder vielmehr in den Hüllen liege, worin die Wahrheit sich zeigen müsse, um desto mehr Liebhaber anzulocken, und sich den Nachstellungen ihrer Feinde leichter zu entziehen. Die Scheinbarkeit ihrer Gründe, durch die Beredsamkeit ihrer Augen und den Reitz ihrer Stimme und ihres ganzen Wesens verstärkt, überwältigte mich für den Augenblick; sie glaubte mich gewonnen zu haben, und genoß schon im voraus den Triumf, den ihr meine Bekehrung (wie sie es nannte) über den Unglauben ihres Bruders verschaffen werde. Sie kündigte mir nun an, daß der Statthalter von Syrien einer ihrer wärmsten Freunde sey, ohne mir zu verbergen, was für Rechte sie sich während ihres ehemahligen Aufenthalts in den Bädern von Dafne an seine Dankbarkeit erworben habe. Alles sey bereits zu meiner Befreyung vorgearbeitet; ich würde morgen von dem Statthalter selbst vernommen werden, welchem sie die Meinung beygebracht habe, daß ich ihr naher Anverwandter, und, einen unschuldigen Hang zur Schwärmerey ausgenommen, ein Mann von vorzüglichen Gaben, und in jeder Betrachtung werth sey, daß der allzu großen Wärme meiner Einbildungskraft etwas zu gut gehalten werde. Sie unterrichtete mich hierauf umständlich, wie ich mich bey diesem Römischen Satrapen zu benehmen hätte, und, nachdem sie mir gesagt hatte, wo sie mich nach meiner Freylassung anzutreffen hoffte, schieden wir von einander als die besten Freunde von der Welt. [...]

Ich hinterließ einen Brief an Diokleen, worin ich ihr sagte: »Die Aufschlüsse, die ich über das Geheimniß des Ordens, in welchen mich meine unvorsichtige Gutherzigkeit verflochten habe, seit kurzem erhalten hätte, machten mir eine gänzliche Aufhebung aller Gemeinschaft mit besagtem Orden und seinen Vorstehern zum unumgänglichen Gesetz. Ich begäbe mich hiermit freywillig und wohlbedächtlich alles Anspruchs an alle Summen, welche Hegesias und Kerinthus während unsrer Verbindung von mir erhalten oder in meinem Nahmen bezogen hätten; und hoffte dagegen, daß Sie so billig seyn würden, mich für ein so beträchtliches Lösegeld hinwieder aller Pflichten zu entlassen, die ich beym Eintritt in ihren Orden übernommen, und deren Erfüllung mir von nun an moralisch unmöglich sey. Im Übrigen werde ihnen ihre Kenntniß meines Herzens Bürgschaft dafür leisten, daß keines von ihnen jemahls etwas nachtheiliges von mir zu besorgen haben könne.« [...]

8. Abschnitt

Inhalt 

Der schwärmerische Hang zur theurgischen Magie, von welchem Peregrin bisher beherrscht und unter mancherlei Gestalten getäuscht wurde, macht nun allmählich einer andern Art von Schwärmerei Platz, deren erste Wirkung sein plötzlicher Entschluß ist, sich für sein übriges Leben mit der liebenswürdigen Familie von Johanniten zu vereinigen, welche ihn bald nach seiner ersten Bekanntschaft mit Kerinthus, auf seiner Reise von Pergamus nach Pitane, so freundlich aufgenommen hatte. Dieses Vorhaben wird durch das unvermuthete Zusammentreffen mit einem gewissen Dionysius von Sinope vereitelt, mit welchem er vor etlichen Jahren zu Ikonium bekannt worden war. Beide theilen einander die Geschichte ihrer ehemaligen Verbindung mit Kerinthus und die während derselben gemachten Beobachtungen und Erfahrungen mit. Gründe, warum Dionysius Peregrins Trennung von Kerinthus und Diokleen eher mißbilligt als gut heißt, nun aber, da dieser Schritt einmal geschehen war, und Peregrin seinen unüberwindlichen Abscheu, an dem Plan dieser gefährlichen Geschwister Antheil zu nehmen, erklärt,[7] darauf besteht, daß er alle Gemeinschaft mit den Christianern, von welcher Secte sie seyn möchten, gänzlich aufheben müsse. Merkwürdige Aeußerungen des Dionysius über die Tendenz des damaligen Christianismus, und über Hierarchie und Theokratie überhaupt. Peregrin, bei welchem sich inzwischen aus den Trümmern seines ehemaligen Platonisch-magischen Systems eine neue, wiewohl nicht weniger schwärmerische Vorstellungsart entwickelt hat, entschließt sich, die Eudämonie (das ewige Ziel seiner Wünsche) zwar auf einem andern, aber seinem zeitherigen sehr nahe liegenden Wege zu suchen, und das höchste Ideal eines vollkommnen Cynikers zum Zweck und Vorbild seines übrigen Lebens zu machen. Er trennt sich von seinem Freunde Dionysius, der ihm vergebens anbietet sein unscheinbares aber sicheres Glück mit ihm zu theilen, und kehrt im Costume eines Cynikers nach Parium zurück, um die Ueberbleibsel seines, größtentheils dem Kerinthus aufgeopferten, Vermögens in Sicherheit zu bringen. Seine Verwandten verursachen ihm neue Ungelegenheiten und Kränkungen, welchen er sich durch den raschen Entschluß, dem Volk von Parium ein Geschenk von dem Rest seines Erbgutes zu machen, auf einmal entzieht. Er begibt sich nun nach Alexandrien in Aegypten, um die Schule des Philosophen Agathobulus zu besuchen, nachdem er sich von dem Ertrag eines kleinen Maierhofes (dem einzigen, was er sich bei Verschenkung seines Vermögens an die Parianer mentaliter vorbehielt) ein zur höchsten Nothdurft eines Cynikers ungefähr hinreichendes Einkommen versichert zu haben glaubte, welches ihm zwar in der Folge durch die Bemühungen seiner Feinde wieder entzogen, durch einen unverhofften Zufall aber reichlich ersetzt wird. Er findet zu Alexandrien nicht was er suchte, und bestärkt sich dadurch in dem Vorsatz, die[8] Austerität der Heroen des Cynischen Ordens in seinen Maximen, Reden und Handlungen aufs äußerste zu treiben. Charakter seiner Misanthropie, und seltsame Leibesübungen und Selbstpeinigungen, wodurch er die Gewalt über seinen thierischen Theil bis zur völligen Apathie zu treiben sucht. Der große, wiewohl zweideutige Ruf, in welchen er sich durch dieß alles setzt, zieht ihm die Aufmerksamkeit eines vornehmen jungen Römers zu, von welchem er sich bereden läßt, ihn in der Eigenschaft eines Freundes und Hausgenossen nach Rom zu begleiten. Peregrin tritt seine Reise nach der Hauptstadt der Welt mit dem ganzen Enthusiasmus eines Menschen an, der dem glorreichsten Werke, das ein moralischer Hercules unternehmen konnte, der Sittenverbesserung dieser zur tiefsten Unsittlichkeit und Verderbniß herabgesunkenen Stadt, entgegen geht, und findet sich, zu seinem Erstaunen, abermals in allen seinen Erwartungen betrogen. Er verläßt das Haus des jungen Römers; der Unmuth versäuert und erbittert seine Sinnesart immer mehr, und er benutzt die Freiheit, welche der Schutz Marc-Aurels damals allen Griechischen Philosophen zu Rom gewährte, seiner bösen Laune durch die heftigsten Satyren und die schonungsloseste Züchtigung des Lasters und der Lasterhaften Luft zu machen.

"Mein Plan war also, mit dem ersten Schiffe, das nach Cypern und Rhodus befrachtet wäre, abzugehen, von da nach Hause zurückzukehren, die Trümmer meines Vermögens zu Gelde zu machen, und mich dann, wo möglich, unmittelbar mit jenem auserwählten Häuflein echter Jünger unsers guten Meisters zu vereinigen, um in paradiesischer Unschuld und Abgeschiedenheit von der Welt, Ein Leib, Ein Herz und Eine Seele mit diesen engelähnlichen Sterblichen, im reinsten Genuß des gegenwärtigen und in freudigster Erwartung des zukünftigen Lebens, dieser hohen Eudämonie und göttlichen Befriedigung meines Innersten theilhaftig zu werden, welche schon so lange vergebens das letzte Ziel meiner Wünsche gewesen war. Lucian. Bravo, Peregrin! Deine Imaginazion thut wieder ihre Schuldigkeit, wie ich sehe; du genießest wieder so überschwenglich viel voraus, und alles in einer so überirdischen Lauterkeit und Vollkommenheit – daß die guten ehrlichen Seelen, von denen du so viel erwartest, schlechterdings in die Unmöglichkeit gesetzt sind, deiner Fantasie genug zu thun, wenn sie auch noch so guten Willen dazu hätten. [...]

Während daß ich zu Lindus auf ein Fahrzeug wartete, welches mich nach Mitylene bringen sollte, begegnete mir in einer bedeckten Halle ein Mann, der bey meiner Erblickung eben so verwundert still stehen blieb, als ich bey der seinigen. Zu unsrer beiderseitigen Freude entdeckten wir, Ich in ihm den nehmlichen Dionysius von Sinope, mit welchem ich zu Ikonium in der Pflanzschule des Kerinthus Bekanntschaft gemacht hatte, Er in mir den damahligen Vertrauten und Günstling des Profeten, der auf eine geheime Mission nach Syrien abgeschickt worden war. Der bloße Umstand, daß wir uns so allein zu Lindus wiederfanden, sagte uns, daß wir einander merkwürdige Dinge zu entdecken haben würden. Dionysius war seit kurzem, wie er mir sagte, durch eine Erbschaft nach Lindus gezogen worden, und gefiel sich da so wohl, daß er diese anmuthige Stadt zum Ziel seiner Wanderungen zu setzen Lust hatte. Und wie machtest du es, fragte ich etwas voreilig, daß du dich und deine Erbschaft aus den Klauen des Profeten Kerinthus in Sicherheit brachtest? Diese Frage sagt mir viel auf einmahl, erwiederte Dionysius; aber wir müssen einen bequemern Ort suchen, uns einander näher zu erklären: und hiermit führte er mich in seine Wohnung, und nöthigte mich, das Gastrecht bey ihm anzunehmen. – Ich habe dir schon gesagt, Lucian, daß dieser junge Mann den Schlüssel zu meinem Kopf und Herzen bey sich trug; denn in der weiten Welt fand sich schwerlich noch ein anderer, der, was die Schwärmerey betrifft, ein vollkommnerer Gegenfüßer von mir gewesen wäre, und doch in allem übrigen mehr mit meiner Gemüthsart sympathisiert hätte als er. Wir wurden also in wenigen Stunden vertraut genug, um nichts geheimes vor einander zu haben. [...]

»Dein Unglück, lieber Peregrin, (fuhr er fort) war bisher, daß du dich immer blindlings von zwey Führern leiten ließest, die dich nothwendig irre führen mußten. Gefühl und Imaginazion sind sehr angenehme Gefährten, aber gefährliche Wegweiser durch den Labyrinth des Lebens. Du hast dieß nun schon so oft erfahren, daß es wahrlich hohe Zeit ist, es endlich einmahl mit einem Führer zu versuchen, der unmöglich irre führen kann. Laß also, anstatt einem vielleicht betrüglichen Zuge nachzugeben, die Vernunft entscheiden, was für eine Partey du ergreifen sollst. Die Vernunft, glaube mir lieber Peregrin, die Vernunft ist der gute Dämon des Menschen, und die Eudämonie, nach welcher du strebest, ist die Frucht eines nach ihrer Vorschrift geführten Lebens; oder es giebt gar nichts, das diesen Nahmen verdient, diesseits des Mondes. Ich will jetzt nicht untersuchen, ob du, da du dich einmahl so tief mit Kerinthus eingelassen, da deine Fähigkeiten und Vorzüge dich zu einem ansehnlichen Posten in seinem unsichtbaren Reiche bestimmten, und die Freundschaft Diokleens (deren Aufrichtigkeit und Wärme zu bezweifeln, du, so viel ich sehe, keinen Grund hattest) dir unfehlbar das Innerste seines Ordens aufgeschlossen und einen unmittelbaren Antheil an den Vortheilen seiner Unternehmung verschafft haben würde, – ob du, sage ich, nicht klüger gethan hättest, bey ihm auszuharren, und ob nicht gerade das, was dich bewog seine Partey zu verlassen, dich zum Gegentheil hätte bestimmen sollen. »Zwar bin ich so überzeugt als du, daß der außerordentliche Mann, nach welchem die Christianer sich nennen und für dessen Jünger sie sich ausgeben, einen ganz andern Plan hatte, als der ist, an welchem Kerinthus arbeitet. Ganz gewiß war das Reich Gottes, welches Er ankündigte, und zu welchem er (nachdem ihm seine Absicht bey den Juden, seinen Stamm- und Glaubensgenossen, fehl geschlagen war) alle Menschen eingeladen wissen wollte, nichts weniger als eine politische Universalmonarchie. Alles müßte mich trügen, oder dieses Reich hatte mit der Theokratie oder Hierarchie, an welcher seine vorgeblichen Anhänger im Verborgnen arbeiten, und womit sie über lang oder kurz die erstaunende Welt überraschen werden, nicht mehr gemein, als sein Geist mit dem ihrigen. Er war ein Enthusiast im erhabensten Sinne dieses ehrwürdigen Wortes, welches durch Vermengung mit Schwärmerey, Fanatismus und Magismus so häufig entheiligt wird: aber seine Lehre war zu einfach, sein Sinn zu lauter, die Vollkommenheit, zu welcher er einlud und die er an sich selbst darstellte, zu rein und groß, als daß es sich nur denken ließe, sie könnte jemahls das Antheil von Hunderttausenden und Millionen seyn. [...]"