Posts mit dem Label Haffner werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Haffner werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

18 Juli 2024

Sebastian Haffner: Anmerkungen zu Hitler

 Ich habe die "Geschichte eines Deutschen" über die Zeit vor 1933 sehr geschätzt und mich gefragt, weshalb ich die "Anmerkungen zu Hitler" nicht hatte. Vermutlich, weil das Buch 1978 herauskam und wir 1979 nach England gegangen sind.

Und in diesem Buch war mir vor allem der Abschnitt "Leistungen" interessant. Er hebt hervor, das "Wirtschaftswunder" (S. 35), wobei er betont, dass der Ausdruck besser auf Hitlers Leistung als auf Ehrhard passe. Dann nennt er die Aufrüstung und die Entscheidung für die Panzerwaffe. Alles unter den positiven Leistungen, nachdem er zuvor die Beseitigung der Opposition durch KZ, als "psychologische Meisterleistung" (S. 35) bezeichnet hat und in diesem Zusammenhang die Ausschaltung der Parteien und die Gleichschaltung nicht erwähnt hat, sondern erst später zur Sprache bringt (als "Beseitigung des Staates", die ein Chaos hinterließ, was nur er bändigen konnte.)

So gelingt es Haffner, das abgedroschene Hitler-Lob, "aber die Autobahnen" wie neu erscheinen zu lassen und dadurch den Leser fast in die Rolle des Zeitgenossen zu versetzen, der den Terror über dem Staunen über das Erreichte, verdrängte. 

Das hat mir an Haffners Darstellung der Inflation (in "Geschichte eines Deutschen") so imponiert, wo er am Beispiel seines Vaters, eines hohen Regierungsbeamten, vorführt, wie hilflos, der dem Geschehen ausgesetzt war, während die Jugend, die sich auf Spekulation einzustellen vermochte, schlagartig den Lebenserfolg der älteren Generation übertrumpfen und als wertlos erscheinen lassen konnte. 


Haffner erläutert allgemein gesehen dazu:
Nach Hitlers Verständnis ist Geschichte der Lebenskampf von Völkern und jedes Volk hat die Absicht, so viel Lebensraum zu erwerben, dass es sich möglichst weit entwickeln kann. Das Endziel ist dabei, die Weltherrschaft über alle Völker zu gewinnen.
Daneben steht aber die Auffassung, dass ein Volk (oder eine Rasse?) eine andere Absicht verfolge. Das seien die Juden. Denn die Juden kämpften nicht um Lebensraum, sondern darum, die Lebensmöglichkeit aller anderen Völker der Welt zu zerstören. Deshalb müssten  alle anderen Völker Gegner der Juden sein. Haffner verweist darauf, dass der Widerspruch darin liegt, dass einerseits alle Völker gegeneinander kämpfen müssten, um für sich selbst den Sieg zu erringen, dass aber andererseits alle Völker die Juden als gemeinsame Gegner haben müssten.
Das Problem des Gedankengebäudes ist demnach, dass  der Lebenskampf um Lebensraum der Völker und der Kampf gegen die Juden im Widerspruch stehen.
Um das Verhalten der Juden zu erklären, führt Hitler ein, dass die Juden für alles sind, was international ist und was über den Bereich eines Volkes hinausgeht und dass dies zu der Zerstörung der Völker allgemein führen müsse.

Dass beides schon in der Theorie nicht recht zusammenpasst, ist das eine. Das andere ist, dass sein Ziel die Weltherrschaft für das deutsche Volk zu erzielen, in eindeutigem Widerspruch dazu steht, dass er für die Menschheit die Juden insgesamt vernichten will und damit seine Kraft aufspaltet , weil gleichzeitig die Weltherrschaft erreicht und gleichzeitig die Juden auf der gesamten Welt zerstört werden sollen. 

Zitate:

"Die Geschichte Frankreichs zwischen 1919 und 1939, die Geschichte eines bitter-schwer errungenen und dann ganz und gar verlorenen Sieges und eines stufenweisen Abstiegs von stolzestem Selbstbewusstsein zur fast schon vollzogenen Selbstaufgabe, ist eine Tragödie. In Deutschland, wo man Frankreich immer noch als den boshaften Quälgeist der ersten Nachkriegsjahre im Gedächtnis hatte, wurde sie natürlich nicht so gesehen. Vielmehr: Sie wurde überhaupt nicht gesehen. Man glaubte, es immer noch mit noch nicht nur mit dem triumphierenden Frankreich von 1919, sondern auch mit dem heroischen Frankreich von 1914 zu tun zu haben. Die deutschen Generale hatten vor einer neuen Marne und einem neuen Verdun fast ebenso viel Angst wie die Franzosen. und nicht nur die Deutschen – das war das erstaunliche: die ganze Welt, England und Russland voran , setzten in ihre Rechnungen bei Kriegsausbruch 19 39 wie selbstverständlich ein Frankreich ein, dass jederzeit, wie 1914, bereit sein würde, zur Verteidigung seines Bodens das Blut seiner Söhne in Strömen fließen zu lassen. Nur Hitler tat nichts dergleichen." (S.85)

"Hitler war seiner Sache sicher. Und man muss es ihm/lassen, er hatte recht. Der Frankreichfeldzug wurde sein größter Erfolg. (S. 86/87).

"Hitler, so sehr er in Fragen der Taktik und des Timing, seinem Instinkt – seiner "Intuition" – vertraute, richtete sich in seiner politischen Strategie durchaus nach festen, sogar starren Grundideen, die er sich über dies so zurechtgelegt hatte, dass sie ein in sich einigermaßen schlüssiges, wenn auch an den Rändern ausgefranztes System bildeten– eine "Theorie" im marxistischen Sinne." (S. 90)

"Träger, alles geschichtlichen Geschehen sind nur Völker oder Rassen – weder Klassen noch Religionen und streng genommen nicht einmal Staaten. Geschichte "ist die Darstellung des Verlaufs des Lebenskampfes eines Volkes"  Oder auch, wahlweise: "Alles weltgeschichtliche Geschehen aber ist nur die Äußerung des Selbsterhaltungtriebes der Rassen."  Der Staat ist "prinzipiell nur ein Mittel zum Zweck und faßt als seinen Zweck die Erhaltung des rassischen Daseins der Menschen auf". Oder, etwas weniger defensiv: "Sein Zweck liegt in der Erhaltung und Förderung einer Gemeinschaft physisch und seelisch gleichartiger Lebewesen." "Die Innenpolitik hat einem Volk die innere Kraft zu sichern für seine außenpolitische Behauptung." / Diese außenpolitische Behauptung besteht im Kampf: "Wer leben will, der kämpfe also, und wer nicht streiten will in dieser Welt des ewigen Ringens, verdient das Leben nicht", und der Kampf zwischen Völkern (oder Rassen) spielt sich normaler- und natürlicherweise als Krieg ab.  Richtig betrachtet, "verlieren Kriege den Charakter einzelner mehr oder minder gewaltiger Überraschungen, sondern gliedern sich ein in ein natürliches, ja selbstverständliches System einer gründlichen, gut fundierten, dauerhaften Entwicklung eines Volkes." "Politik ist die Kunst der Durchführung des Lebenskampf eines Volkes um sein irdisches Dasein. Außenpolitik ist die Kunst, einem Volke den jeweils notwendigen Lebensraum in Größe und Güte zu sichern.  Innenpolitik ist die Kunst, einem Volke den dafür notwendigen Machteinsatz in Form seines Rassenwertes und seiner Zahl zu erhalten." (S.93)

In seinem zweiten Buch schreibt Hitler über die Juden:
" 'So wie jedes Volk als Grundtendenz seines gesamten, irdischen Handelns, die Sucht der Erhaltung seiner selbst als treibende Kraft besitzt, genauso auch das Judentum.' Er fügt aber gleich hinzu: 'Nur ist hier entsprechend der grundverschiedenen Veranlagung, arischer Völker und des Judentums der Lebenskampf auch in seinen Formen verschieden.' 
Denn die Juden [...] sind in ihrem Wesen nach international, unfähig zur Staatsbildung. 'Jüdisch' und 'international' sind für Hitler geradezu Synonyme; alles, was international ist, ist jüdisch und in diesem Zusammenhang spricht Hitler dann sogar doch von einem jüdischen Staat:  'Der jüdische Staat war nie in sich räumlich begrenzt, sondern universell unbegrenzt auf den Raum, aber beschränkt auf die Zusammenfassung einer Rasse.'. Und daher – nun kommt es – ist dieser 'jüdische Staat', das 'internationale Weltjudentum', der Feind aller übrigen Staaten, die er mit allen Mitteln gnadenlos bekämpft,  Außenpolitisch durch Pazifismus und Internationalismus, Kapitalismus und Kommunismus, innenpolitisch durch Parlamentarismus und Demokratie. Alles / dies sind Mittel zur Schwächung und Zerstörung des Staates, und alles ist die Erfindung der Juden, denn mit allem sind sie nur auf eines aus: die 'arischen' Völker in ihrem prächtigen Kampf um Lebensraum (an dem die Juden listiger Weise nicht teilnehmen) zu stören und zu schwächen, umso ihre eigene, verderbliche Weltherrschaft sicherzustellen. [...]. Warum müssen alle Völker gegen die Juden zusammenstehen, obwohl sie doch eigentlich voll damit beschäftigt sind, untereinander, um Lebensraum zu kämpfen? Antwort: Sie müssen es, gerade weil sie um Lebensraum zu kämpfen haben, und damit sie sich ungestört ihrem Kampf um Lebensraum widmen können.  Die Juden sind in diesem schönen Spiel die Spielverderber; mit ihrem Internationalismus und Pazifismus, ihrem (internationalen), Kapitalismus und (ebenso internationalen) Kommunismus lenken Sie die arischen Völker von ihrer Hauptaufgabe und Hauptbeschäftigung ab, und deswegen müssen sie weg, ganz weg, aus der Welt, nicht etwa nur aus Deutschland;  sie müssen 'entfernt' werden, aber nicht wie ein Möbelstück, dass man entfernt, in dem man es anderswohin schafft, sondern wie ein Fleck, den man entfernt, indem man ihn auslöscht. Man darf Ihnen auch keinen Ausweg lassen. Wenn sie ihre Religion ablegen, bedeutet das gar nichts, da sie ja keine Religionsgemeinschaft sind, sondern eine Rasse;  Und wenn sie sogar ihre Rasse durch Vermischung mit 'Ariern' zu entkommen suchen, dann ist das noch schlimmer, denn damit verschlechtern Sie die 'arische' Rasse und machen das jeweilige Volk untüchtig für seine notwendigen Lebenskampf. Wenn sie aber in diesem Volk aufgehen wollen und deutsche, französische, englische oder sonstige Patrioten werden, dann ist das alles ist das das Allerschlimmste:  Denn dann sind sie darauf aus, 'die Völker in / gegenseitige Kriege zu stürzen (aber ist das denn nicht laut Hitler gerade das, wozu die Völker da sind?) und auf diesem Wege langsam mithilfe der Macht des Geldes und der Propaganda, sich zu ihren Herren aufzuschwingen.' Man sieht die Juden können tun, was sie wollen: im Unrecht sind sie immer; und ausgerottet werden müssen Sie auf jeden Fall." (S. 99-101). 

Zu Hitlers Kriegserklärung an die USA:
Als im April 1941 der deutsche Aufmarsch gegen Russland unübersehbar wurde, hatte Japan mit Russland ein Neutralitätsabkommen getroffen, das es auch korrekt einhielt; und es waren sibirische Truppen gewesen, von der russisch-japanischen Militärgrenze in der Mandschurei abgezogen, die die deutsche Moskauoffensive zum Stehen gebracht hatten. Hitler wäre nicht nur juristisch, sondern auch moralisch vollkommen im Recht gewesen, Japans Krieg gegen Amerika als willkommene Ablenkungs- und Entlastungsoperation zu behandeln, die er für Deutschland hätte sein können, und ihm ebenso kaltlächelnd, zuzuschauen, wie Japan, dem deutschen Krieg gegen Russland zuschaute –  zumal er ja auch gar nichts tun konnte, um Japan irgendwelchen aktiven Beistand zu leisten. Und dass er nicht der Mann war, seine Politik durch sentimentale Anhänglichkeitsgefühle beeinflussen zu lassen, schon gar nicht gegenüber Japan, braucht wohl nicht gesagt zu werden.
Nein, was Hitler veranlasste, den Eintritt Amerikas in den deutschen Krieg, den er bisher nach Kräften hintangehalten hatte, nun selbst herbeizuführen, war nicht der japanische Angriff auf Pearl Harbor, sondern die erfolgreiche russische Gegenoffensive vor Moskau, die bezeugtermaßen Hitler, die intuitive Erkenntnis vermittelt hatte, 'daß kein Sieg mehr errungen werden konnte'. Soviel lässt sich mit einiger Sicherheit sagen. Aber erklärt ist Hitlers Schritt damit nicht." (S.138) 

Haffner bringt als Motivation ins Spiel, dass Hitler jetzt, da er nicht mehr an einen Sieg glauben konnte, das deutsche Volk aufgegeben hat und sich auf sein zweites Ziel: 'Vernichtung der Juden' konzentriert hat.
"[...] vor zwei ausländischen Besuchern, dem dänischen Außenminister Scavenius und dem kroatischen Außenminister Lorkowitsch, hatte er schon am 27. November – als die russische Gegenoffensive noch nicht einmal eingesetzt hatte, sondern nur die deutsche Offensive auf Moskau zum Stehen gebracht worden war – seltsame Reden geführt, die aufgezeichnet worden sind. 'Ich bin auch hier eiskalt', hatte er gesagt. 'Wenn das deutsche Volk einmal nicht mehr stark und opferbereit genug ist, sein eigenes Blut für seine Existenz einzusetzen, so soll es vergehen und von einer anderen stärkeren Macht vernichtet werden… Ich werde dann dem deutschen Volk keine Träne nachweinen.' " (S.141)

"Während die deutschen Armeen ihren langen opferreichen und vergeblichen Verzögerungskampf führe, rollen Tag für Tag Züge mit Menschenfracht in die Vernichtungslager. Im Januar 1942 ist die 'Endlösung der Judenfrage' angeordnet worden." (S.143)

"Die Vernichtung Deutschlands war das letzte Ziel, das Hitler sich setzte. Er hat es nicht ganz erreichen können, so wenig wie seine anderen Vernichtungsziele. Erreicht hat er damit, dass Deutschland sich am Ende von ihm lossagte – schneller als erhofft, und auch gründlicher. Dreiunddreißig Jahre nach dem endgültigen Sturz Napoleons wurde in Frankreich ein neuer Napoleon zum Präsidenten der Republik gewählt.  Dreiunddreißig Jahre nach Hitlers Selbstmord hat niemand in Deutschland auch nur die kleinste politische Außenseiterchance, der sich auf Hitler beruft und an ihn anknüpfen will. Das ist nur gut so. Weniger gut ist, dass die Erinnerung an Hitler von den älteren Deutschen verdrängt ist und dass die meisten Jüngeren rein gar nichts mehr von ihm wissen.  Und noch weniger gut ist, dass viele Deutsche sich seit Hitler nicht mehr trauen, Patrioten zu sein. Denn die deutsche Geschichte ist mit Hitler nicht zu Ende. Wer das Gegenteil glaubt und sich womöglich darüber freut, weiß gar nicht, wie sehr er damit Hitlers letzten Willen erfüllt ." (Haffner, S.190)

Von heute aus, 46 Jahre nach Haffners Buch, ist seine damals durchaus sehr treffende Aussage leider überholt.

25 Mai 2020

Sebastian Haffner: Geschichte eines Deutschen (Erinnerungen1914-33)

Rezensionen bei Perlentaucher

"Es war eigentlich nichts Neues an der Abwertung der Mark. Schon 1920 hatte die erste Zigarette, die ich heimlich geraucht hatte habe, fünfzig Pfennig gekostet. Bis Ende 1922 hatten sich die Preise allmählich auf das Zehn- bis Hundertfache des Vorkriegsniveaus erhöht, und der Dollar stand bei etwa 500 Mark. Dies hat sich jedoch allmählich ereignet: Löhne, Gehälter und Preise hatten sich im großen und ganzen gleichmäßig erhöht. [...] Aber nun wurde die Mark verrückt. Schon bald nach dem Ruhrkrieg schoss der Dollar auf 20.000, hielt eine Weile an, kletterte auf 40.000, zögerte kurze Zeit, und fing dann an mit kleinen periodischen Schwankungen stoßweise die Zehntausende und Hunderttausende abzuleiern. Keiner wusste genau, wie es geschah. Wir folgen wir folgten augenreibend dem Vorgang, als ob es sich um ein/ Naturphänomen handelte. Der Dollar wurde Tagesthema, und dann plötzlich sahen wir uns um und erkannten, dass das Ereignis unser Alltagsleben zerstört hatte. (S.56/57)
Wer ein Sparkonto, eine Hypothek oder sonst eine Geldanlage besaß, sah es über Nacht verschwinden. Bald machte es nichts aus, ob es sich um einen Spargroschen oder ein großes Vermögen handelte. Alles wurde ausgelöscht. Viele Leute wechselten schnell ihre Anlagen, nur um zu sehen, dass es überhaupt nichts ausmachte. [...] 
Die Lebenshaltungskosten hatten angefangen davon zu jagen, denn die Händler folgten dem Dollar dicht auf den Fersen. Ein Pfund Kartoffeln, das noch am Vortage 50.000 Mark gekostet hatte, kostete heute schon 100.000; ein Gehalt von 65.000 Mark, dass man am vorigen Freitag nach Hause gebracht hatte, reichte am Dienstag nicht aus, um ein Paket Zigaretten zu kaufen.
Was sollte geschehen? Plötzlich entdeckten Leute eine Insel der Sicherheit: Aktien. Das war die einzige Form der Geldanlage, die irgendwie der Geschwindigkeit standhielt.[...] Unbekannte neue Banken schossen wie Pilze aus dem Boden und machten ein reißendes Geschäft. Täglich verschlang die ganze Bevölkerung den Börsenbericht. Manchmal stürzten einige der Aktien, und mit ihnen stürzten Tausende schreiend dem (S.57/58) Abgrund entgegen. [...]
Den Alten und Weltfremden ginge es am schlechtesten. Viele wurden zum Betteln getrieben, viele zum Selbstmord. Den Jungen, Flinken ging es gut. Über Nacht wurden sie frei, reich unabhängig. Es war eine Lage, in der Geistesträgheit und Verlass auf frühere Erfahrung mit Hunger und Tod bestraft, aber Impulshandeln und schnelles Erfassen einer neuen Lage mit plötzlichem ungeheuren Reichtum belohnt wurde. Der einundzwanzigjährige Bankdirektor trat auf, wie auch der Primaner, der sich an die Börsenratschläge seiner etwas älteren Freunde hielt. [...] die Jungen, die in jenen (S.58/59) Tagen lieben lernten, übersprangen die Romantik und umarmten den Zynismus. Ich selber und meine Zeitgenossen gehörten nicht dazu. Wir waren mit fünfzehn, sechzehn gerade zwei, drei Jahre zu jung. In den folgenden Jahren, als wir die Rolle des Liebhabers mit rund zwanzig Mark Taschengeld spielen mussten, haben wir oft insgeheim die älteren Jungen beneidet, die damals ihre Chance gehabt hatten. Wir hatten gerade einen flüchtigen Blick durchs Schlüsselloch getan, gerade genug um den Duft der Zeit für immer in der Nase zu behalten. Zu einem Fest mitgenommen zu werden, wo Verrücktes sich ereignen musste; ein frühreifes, ermüdendes Sichgehenlassen, und ein kleiner Kater von zu vielen Cocktails; all die Geschichten der älteren Jungen, deren Gesichter seltsam ihre ausschweifenden Nächte verrieten; der plötzliche, entzückende Kuss eines gewagt geschminkten Mädchens.
Es gab eine andere Seite des Bildes. Die Bettler häuften sich mit einem Mal; auch die Berichte über Selbstmorde in den Zeitungen, und die "Gesucht wegen Einbruch"-Anzeigen der Polizei auf den Litfaßsäulen, denn Raub und Diebstahl fanden überall in großem Maße statt. [...]
Ja, mein Vater war einer von denen, die die Zeit nicht verstanden, oder nicht verstehen wollten, wie er sich schon geweigert hatte, den Krieg zu verstehen. Er begrub sich hinter dem Leitspruch "Ein preußischer Beamter spekuliert nicht und kauft keine Aktien." Damals hielt ich das für ein außerordentliches Beispiel von Engstirnigkeit, das schlecht zu seinem Charakter passte, denn er war einer der (S.59/60) klügsten Männer, die ich gekannt habe. Heute verstehe ich ihn besser. Rückblickend kann ich ein bisschen den Ekel nachempfinden, mit dem er diese Ungeheuerlichkeit ablehnte und die ungeduldige Abscheu, die sich hinter der Plattitüde, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, verbarg. [...] Und die Posse hätte zur Tragödie werden können, wenn sich meine Mutter nicht auf ihre Art der Lage angepasst hätte. [...] (S.60/61)
Für meine Eltern muss dies eine böse und schwere Zeit gewesen sein. Für mich war sie seltsam eher als unangenehm. Die Tatsache, dass mein Vater zur Arbeit einen überaus umständlichen Umweg nehmen musste, hielt ihn den größten Teil des Tages von Zuhause fern, und gab mir dadurch viele unbeaufsichtigte Stunden der absoluten Freiheit. Ich hatte kein Taschengeld mehr, aber Meine älteren Schulgenossen waren buchstäblich reich, und man raubt Ihnen nichts, in dem man sich zu ihren verrückten festen einladen ließ. Ich schaffte es, eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber unserer Armut zu Hause und dem Reichtum meiner Freunde zu bewahren. (Seite 61)

"Ich habe es aber hier mit einem anderen, vielleicht noch interessanteren, wichtigeren und komplizierteren Vorgang ähnlicher Art zu tun: nämlich mit denjenigen seelischen Bewegungen, Reaktionen und Verwandlungen, die in ihrer Simultanität und Massierung das Dritte Reich Hitlers erst möglich gemacht haben, und die heute seinen unsichtbaren Hintergrund bilden.
In der Entstehungsgeschichte des Dritten Reiches gibt es ein ungelöstes Rätsel, das, wie mir scheint, noch interessanter ist, als die Frage, wer den Reichstag angezündet hat. (S.184/85)
Das ist die Frage: wo sind eigentlich die Deutschen geblieben? Noch am 5. März 1933 hat die Mehrheit von Ihnen gegen Hitler gewählt. Was ist aus dieser Mehrheit geworden? Ist sie gestorben? Vom Erdboden verschwunden? Oder, so spät noch, Nazi geworden? Wie konnte es kommen, dass jede merkliche Reaktion von ihrer Seite ausblieb?
Fast jeder meiner Leser wird, von früher her, den einen oder anderen Deutschen kennen, und die meisten werden finden, dass ihre deutschen Bekannten normale, freundliche, zivilisierte Leute sind, Menschen wie jeder andere – abgesehen von ein paar nationalen Eigentümlichkeiten, wie sie auch jeder andere hat. Fast jeder wird, wenn er die reden hört, die heute in Deutschland heraustönen (und die Taten wahrnehmen, die heute aus Deutschland herausduften),  an diese seine Bekannten denken und entgeistert fragen: Was ist mit Ihnen? Gehören Sie wirklich zu diesem Irrenhaus? Merken Sie nicht, was mit ihnen geschieht – und was in ihrem Namen geschieht? Billigen sie es etwa gar? Was sind das für Leute? Was sollen wir von Ihnen halten?
Tatsächlich stecken hinter diesen Unerklärlichkeiten sonderbare seelische Vorgänge und Erfahrungen – höchst seltsame, höchst enthüllende Vorgänge, deren historische Auswirkungen noch nicht abzusehen sind. Mit ihnen habe ich es zu tun. Man kommt ihnen nicht bei, ohne sie dorthin zu verfolgen wo sie sich abspielen: im privaten Leben, Fühlen und Denken der einzelnen Deutschen.[... S.186:...]
Was einer isst und trinkt, wenn er liebt, was er in seiner Freizeit tut, mit wem er sich unterhält, ob er lächelt oder finster aussieht, was er liest und was er sich für Bilder an die Wand hängt – das ist heute die Form, in der in Deutschland politisch gekämpft wird. Das ist das Feld, wo im voraus die Schlachten des künftigen Weltkriegs entschieden werden. Es mag grotesk klingen, aber es ist so. [186-198]

Die Lage der nichtnazistischen Deutschen im Sommer 1933 war gewiss eine der schwierigsten, in der sich Menschen befinden können: nämlich ein Zustand völligen und ausweglosen Überwältigtseins, zusammen mit den Nachwirkungen des Schocks der äußersten Überrumplung. Die Nazis hatten uns, auf Gnade und Ungnade in der Hand. Alle Festungen waren gefallen, jeder kollektive Widerstand war unmöglich geworden, individueller Widerstand nur noch eine Form des Selbstmordes. Wir waren verfolgt bis in die Schlupfwinkel unseres Privatlebens, auf allen Lebensgebieten herrschte Deroute, eine aufgelöste Flucht, von der man nicht wusste, wo sie enden würde. Zugleich wurde man täglich aufgefordert: nicht, sich zu ergeben, sondern überzulaufen. Ein kleiner Pakt mit dem Teufel – und man gehörte nicht mehr zu den Gefangenen und Gejagten, sondern zu den Siegern und Verfolgern.
Das war die einfachste und gröbste Versuchung. Viele erlagen ihr. Später zeigte sich dann oft, dass sie den Kaufpreis unterschätzt hatten und dass sie dem wirklichen Nazisein nicht gewachsen waren. Sie laufen heute [Es ist eine Zeit vor dem Herbst 1939 (Angriff auf Polen), als Haffner das Manuskript beiseite legte, bis es 2002 wiedergefunden und vervollständigt werden konnte.] zu vielen Tausenden in Deutschland herum, die Nazis mit dem schlechten Gewissen, Leute die an ihren Parteiabzeichen tragen wie Macbeth an seinem Königspurpur, die mitgefangen, mitgehangen, eine Gewissenslast nach der anderen schultern müssen, vergeblich nach Absprungsmöglichkeiten spähen, trinken und Schlafmittel nehmen, nicht mehr nach zu denken wagen, nicht mehr wissen, ob sie das Ende der Nazizeit– Ihrer eigenen Zeit! – mehr herbeisehnen oder mehr fürchten sollen, und die, wenn der Tag kommt, ganz bestimmt es nicht werden gewesen sein wollen. Inzwischen aber sind Sie der Albdruck der Welt [...] 
Aber die Situation von 1933 barg noch viele andere Versuchungen neben dieser gröbsten; jeder einzelne eine Quelle des Wahnsinns und der seelischen Erkrankung, für den, der ihr erlag. Der Teufel hat viele Netze: grobe für die groben Seelen, feine für die feinern. (S.198/99)
Wer sich weigerte, Nazi zu werden, hatte eine böse Situation vor sich: völlige und aussichtslose Trostlosigkeit; wehrloses Hinnehmen täglicher Beleidigungen und Demütigungen; hilfloses Mitansehen des Unerträglichen; vollkommene Heimatlosigkeit; unqualifiziertes Leiden. Diese Situation hat wieder ihre eigenen Versuchung: scheinbare Trost- und Erleichterungsmittel, die den Widerhaken des Teufels bergen.
Das eine, bevorzugt von Älteren, war die Flucht in die Illusion: am liebsten in die Illusion der Überlegenheit. Die ihr erlagen, klammerten sich an die Züge von Dilettantismus und Anfängerhaftigkeit, die der narzisstischen Staatskunst gewiß zunächst anhafteten. [...]
Es waren die Leute, die zunächst in völliger ruhiger Überzeugtheit, später mit allen Anzeichen der bewußten krampfhaften Selbsttäuschung, von Monat zu Monat das unvermeidliche Ende des Regimes voraussagten. Das Schlimmste kam für sie erst, als das Regime sich sichtbar konsolidierte und als die Erfolge kamen: Hiergegen waren sie nicht gewappnet. [...]
Ein paar von ihnen halten noch heute die Fahne hoch und lassen nach allen Niederlagen nicht ab, von Monat zu Monat oder wenigstens von Jahr zu Jahr den unvermeidlichen Zusammenbruch zu prophezeien. [...]
Die zweite Gefahr war Verbitterung – masochistische Selbstauslieferung an Haß, Leiden und schrankenlosen Pessimismus. Es ist fast die natürlichste deutsche Reaktion auf Niederlagen. Jeder Deutsche hat in bösen Stunden (seines Privatlebens – oder des nationalen Lebens) mit dieser Versuchung zu kämpfen: ganz und für immer aufzugeben, und sich und die Welt mit einer erschlafften Gleichgültigkeit, die an Bereitwilligkeit grenzt, dem Teufel anheimzustellen; trotzig und böse moralischen Selbstmord zu begehen. [...] (S.199-201)
Noch von einer dritten Versuchung muß ich sprechen. Es ist die, mit der ich selber zu tun hatte, und wiederum ganz und gar nicht als Vereinzelter. Ihr Ausgangspunkt ist gerade die Erkenntnis der vorigen: man will sich nicht durch Haß und Leiden seelisch korrumpieren, man will gutartig, friedlich, freundlich, "nett" bleiben. Wie aber Hass und Leiden vermeiden, wenn täglich, täglich das auf einen einstürmt, was Haß und Leiden verursacht? Es geht nur mit Ignorieren, Wegsehen, Wachs in die Ohren tun, Sich-Abkapseln. Und es führt zur Verhärtung  aus Weichheit und schließlich wieder zu einer Form des Wahnsinns: zum Realitätsverlust.
Sprechen wir einfachheitshalber von mir, aber vergessen wir nicht, daß mein Fall wiederum durch aus mit einem sechs- oder siebenstelligen Multiplikator zu multiplizieren ist.
Ich habe kein Talent zum Haß. Ich habe immer zu wissen geglaubt, dass man schon durch ein tiefes Sich-Einlassen in Polemik, Streiten mit Unbelehrbaren, Haß auf das häßliche etwas in sich selbst zerstört – etwas, das wert zu erhalten und schwer wiederherzustellen ist. Meine natürliche Geste der Ablehnung ist Abwendung, nicht Angriff. [...] (S.203)


Nach einer Hitler Rede S. 263:

"Als er ausgeredet hatte, kam das Schlimmste. Die Musik signalisierte: Deutschland über alles, und alles hob die Arme. Ein paar mochten, gleich mir, zögern. Es hatte so etwas scheußlich Entwürdigendes. Aber wollten wir unser Examen machen oder nicht? Ich hatte, zum ersten Mal, plötzlich ein Gefühl so stark wie ein Geschmack im Munde – das Gefühl: "Es zählt ja nicht. Ich bin es ja gar nicht, es gilt nicht." Und mit diesem Gefühl hob auch ich den Arm und hielt ihn ausgestreckt in der Luft, ungefähr drei Minuten lang. So lange dauern das Deutschland- und Horst-Wessel-Lied. Die meisten sangen mit, zackig und dröhnend. Ich bewegte ein wenig die Lippen und markierte Gesang, wie man es in der Kirche beim Choralsingen tut.
Aber die Arme hatten alle in der Luft, Und so standen wir vor dem augenlosen Radioapparat, der nur die Arme hochzug wie ein Puppenspieler die Arme seiner Marionetten, und sangen oder taten so, als ob wir sangen; jeder die Gestapo des andern. 

(Sebastian Haffner Geschichte eines Deutschen, Kapitel 36, S. 263)