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04 September 2026

Hermann Hesse: Die Morgenlandfahrt

Hermann Hesse: Die Morgenlandfahrt, 1932

Zitate:

 "[...] habe ich mich entschlossen, den Versuch, einer kurzen Beschreibung dieser unerhörten Reise zu wagen: eine Reise, wie sie seit den Tagen Hüons und des rasenden Roland von Menschen nicht mehr gewagt worden war bis in unsere merkwürdige Zeit: die trübe, verzweifelte und doch so fruchtbare Zeit nach dem großen Kriege. Über die Schwierigkeiten meines Versuches glaube ich mich keiner Täuschung hinzugeben; Sie sind sehr groß, und sie sind nicht nur subjektiver Natur, obwohl schon diese beträchtlich genug wären. Denn nicht nur besitze ich heute aus der Zeit der Reise keinerlei Erinnerungsstücke mehr, keine Andenken, keine Dokumente, keine Tagebücher – nein, es ist mir in den seither verflossenen schweren Jahre des Missgeschicks, der Krankheit und tiefen Heimsuchung auch ein großer Teil der Erinnerungen verloren gegangen; infolge von Schicksalsschlägen und immer neuen Entmutigungen ist sowohl mein Gedächtnis selbst / wie auch mein Vertrauen und in dies früher so treue Gedächtnis beschämend schwach geworden." (S. 7/8) 

"Dagegen geschah es in der Nähe von Urach, dass ein Abgesandter der Kronenwächter [...]" (S.19)

"Was mir die Erzählung besonders erschwert, das ist die große Verschiedenheit meiner einzelnen Erinnerungsbilder. Ich sagte ja schon, dass wir bald nur als kleine Gruppe marschierten, bald eine Schar oder gar ein Heer bildeten, zuweilen blieb ich aber auch nur mit einem einzigen Kameraden, oder auch ganz allein, in irgendeiner Gegend zurück, ohne Zelte, ohne Führer, ohne Sprecher. Schwierig wird das Erzählen ferner dadurch, dass wir ja nicht nur durch Räume wanderten, sondern ganz ebenso durch Zeiten. Wir zogen nach Morgenland, wir zogen aber auch ins Mittelalter oder ins goldene Zeitalter, wir streiften Italien oder die Schweiz, wir nächtigten aber auch zuweilen im zehnten Jahrhundert und wohnten bei den Patriarchen oder bei Feen. In den Zeiten meines Alleinseins fand ich häufig Gegenden und Menschen meiner eigenen Vergangenheit wieder, wanderte mit meiner gewesenen Braut an den Waldufern des oberen Rheins, zechte mit Jugendfreunden in Tübingen, in Basel oder Florenz, oder war ein Knabe und zog mit dem Kameraden meiner Schulzeit aus, um Schmetterlinge zu fangen oder einen / Fischotter zu belauschen, oder meine Gesellschaft bestand aus den Lieblingsfiguren meiner Bücher, es ritten Almansor und Parzival, Witiko oder Goldmund neben mir, oder Sancho Pansa, 

[Sancho ist im Gegensatz zu seinem Herrn Don Quichote "klein, dick, praktisch und mit einem gesunden Menschenverstand denkend, ängstlich. Er durchschaut die Narrheiten seines Herrn, leistet ihm aber trotzdem die Gefolgschaft. Don Quijote hat ihm nämlich, entsprechend den Vorgaben in den Ritterromanen und als seinem Knappen, die Statthalterschaft über eine Insel in Aussicht gestellt. Diese Verlockung bindet Sancho trotz aller Bedenken an seinen Herrn.] 

oder wir waren bei den Barmekinden zu Gast. Fand ich mich dann in irgendeinem Tal wieder zu unserer Gruppe zurück, hörte die Bundeslieder und lagerte dem Führerzelt gegenüber, so war mir alsbald klar, dass mein Weg in die Kindheit oder mein Ritt mit Sancho notwendig mit zu dieser Reise gehörten; denn unser Ziel war ja nicht nur das Morgenland, oder vielmehr: unser Morgenland war ja nicht nur ein Land und etwas Geographisches, sondern es war die Heimat und Jugend der Seele, es war das überall und nirgends, war das Einswerden aller Zeiten. Doch wurde mir dies nur je und je für einen Augenblick bewusst, und darin eben bestand das große Glück, dass ich damals genoss. Denn später, sobald dies Glück mir wieder verloren gegangen war, sah ich diese Zusammenhänge deutlich ein, ohne doch den mindesten Nutzen oder Trost davon zu haben. Wenn etwas Köstliches und Unwiederbringliches dahin ist, haben wir wohl das Gefühl, aus einem Traum erwacht zu sein. In meinem Falle ist dies Gefühl unheimlich richtig. Denn mein Glück bestand tatsächlich aus dem gleichen Geheimnis wie das Glück der Träume, es bestand aus der Freiheit, alles irgend Erdenkliche gleichzeitig zu/erleben. Außen und Innen spielend zu vertauschen, Zeit und Raum wie Kulissen zu verschieben. So wie wir Bundesbrüder ohne Auto oder Schiff die Welt durchreisten, wie wir die vom Kriege erschütterte Welt durch unseren Glauben bezwangen und zum Paradies machten, so riefen wir das Gewesene, das Zukünftige, das Erdichtete schöpferisch in den gegenwärtigen Augenblick." (S. 27-29)

"Eines der schönsten Erlebnisse war die Bundesfeier in Bremgarten, dicht war da der magische Kreis um uns geschlossen. Von den Schlossherren Max und Tilly empfangen, hört wir Othmar im hohen Saale auf dem Flügel Mozart spielen, fanden den Park von Papageien und anderen sprechenden Tieren bevölkert, hörten am Springbrunnen, die Fee Armida singen, und mit wehender Locke nickte das schwarze Haupt des Sterndeuters Longus neben dem lieben Antlitz Heinrichs von Ofterdingen. Im Garten schrien die Pfauen und Louis unterhielt sich auf Spanisch mit dem gestiefelten Kater, während Hans Resom, erschüttert durch seine Einblicke in das Maskenspiel des Lebens, eine Wallfahrt an das Grab Karls des Großen gelobte." (S.30)

"Unsere Fahrt nach Morgenland und die ihr / zugrunde liegende Gemeinschaft, unser Bund, ist das Wichtigste, das einzig Wichtige in meinem Leben gewesen, etwas, wo neben meine eigene Person vollkommen nichtig erschien. Und jetzt, wo ich dies Wichtigste, oder doch etwas davon, aufzeichnen und festhalten will, ist alles nur eine auseinanderscherbende Masse von Bildern, die sich in einem Etwas gespiegelt haben, und dies Etwas ist mein eigenes Ich, und dies Ich, dieser Spiegel erweist sich überall, wo ich ihn befragen will, als ein Nichts, als die oberste Haut, einer Glasfläche. Ich lege meine Feder fort, zwar mit der Absicht und Hoffnung, morgen oder ein anderes Mal fortzufahren, vielmehr nochmals neu zu beginnen, aber hinter der Absicht und Hoffnung, hinter meinem ganzen unbändigen Drang nach dem Erzählen unserer Geschichte steht ein tödlicher Zweifel. Es ist jener Zweifel, der auf der Suche nach Leo im Tal von Morio begonnen hat. Dieser Zweifel stellt nicht nur die Frage: Ist deine Geschichte denn erzählbar? Er stellt auch noch die Frage: War sie denn erlebbar? Wir erinnern uns ein Beispiele, dass sogar die Kämpfer des Weltkrieges, denen es doch wahrlich an Tatsachenberichten, an beglaubigter Geschichte nicht fehlt, zuweilen diese Zweifel haben kennen lernen müssen. (S. 44/45). 

" '[...] Sehen Sie, genau ebenso ist es mir mit dem Erlebnis des Krieges gegangen. Ich glaubte ihn gut und scharf erlebt zu haben, ich war zum Bersten voll von Bildern, die Filmrolle in meinen Gehirn schienen tausend Kilometer lang zu sein – aber als ich am Schreibtisch saß, auf einem Stuhl, an einem Tisch, unter einem Dach, eine Feder in der Hand, da waren die wegrasierten Dörfer und Wälder, das Erdbebenzittern im Trommelfeuer, das Geknäuel von Dreck und Größe, von Angst und Heldentum, von zerfetzten Bäuchen und Köpfen, von Todesfurcht und Galgenhumor – da war das alles ganz unsäglich weit fort, war nur geträumt, hatte zu nichts Beziehung und war nirgends zu fassen. Sie wissen, dass ich schließlich trotzdem ein Kriegsbuch geschrieben / habe und dass es jetzt viel gelesen und besprochen wird. Aber sehen Sie: ich glaube nicht daran, dass zehn solche Bücher, jedes zehnmal besser und eindringlicher als das meine, dem wohlmeinenden Leser irgendeine Vorstellung von Krieg geben können, wenn der Leser den Krieg nicht selber erlebt hat. Und es sind nicht so sehr viele, die ihn erlebt haben. Auch von denen, die ihn mitgemacht haben, haben längst nicht alle ihn erlebt und selbst wenn viele ihn wirklich erlebt haben sollten – sie haben ihn dann eben wieder vergessen. Vielleicht hat der Mensch nächst dem Hunger nach Erlebnis keinen stärkere Hunger als den nach Vergessen.'
Er stieg und sah versponnen und versunken aus, seine Worte hatten mir eigene Erfahrungen und Gedanken bestätigt.
Vorsichtig fragte ihn nach einer Weile: 'Aber wie war es Ihnen trotzdem möglich, das Buch zu schreiben?'
Er besann sich einen Augenblick, aus Gedanken zurückkehrend. 'Es war mir bloß darum möglich', sagte er, 'weil es notwendig war. Ich musste entweder das Buch schreiben oder verzweifeln, es war die einzige Möglichkeit meiner Rettung vor dem Nichts, vor dem Chaos, vor dem Selbstmord. Unter diesem Druck ist das Buch geschrieben und es hat mir die erwartete Rettung gebracht, einfach weil es geschrieben ist einerlei wie gut oder wie/schlecht. Das war das eine, die Hauptsache. Und dann: beim Schreiben durfte ich nicht einen Augenblick an andere Leser denken als an mich selber oder höchstens hie und da an einen nahen Kriegskameraden, und zwar dachte ich dann nie an Überlebende, sondern immer an solche, die im Krieg umgekommen waren. Ich war während des Schreibens ein Fieberkranker oder Irrsinniger, umgeben von drei, vier Toten mit verstümmelten Leibern – so ist das Buch entstanden. ' " (S. 50-52)

[1928 erschien ab November der Roman Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque. -  Erich Maria Remarque im Gespräch mit Friedrich Luft (1962)]

Im weiteren Verlauf wird dem Icherzähler klargemacht, dass er und alle, die versucht haben, über die Morgenlandfahrt aus ihrer Perspektive zu berichten, völlig daran gescheitert sind, dies höchst umfassende Geschehen angemessen wiederzugeben. 

Zitat: "Wären noch zehn andere Berichte anderer Autoren über Morbio, über Leo und mich aufgefunden worden, sie hätten vermutlich alle zehn einander widersprochen und einer den andern verdächtigt. Nein, es war nichts mit unseren historischen Bemühungen, man brauchte sie nicht fortzusetzen, nicht zu lesen, man konnte sie ruhig in diesem Archivfach verstauben lassen. " (S. 100) 

Max Herrmann-Neiße : "Hesses Prosadichtung ist ein Bekenntnismärchen, ein bedeutungsvoll Fantasiespiel vom tröstlichen Geheimnis der unverfänglichen Gemeinschaft des Geistes. Die Geschichte einer einzigartigen Fabelreise verwebt reizvoll Privates und Allgemeingültiges, Wunschbilder und Wirklichkeiten. Wenn es in unserer Zeit einen Wesensverwandten hat, so ins Franz Kafkas allerdings düsteren, menschlich magischen Werk. Auch in der Erzählung Hesses handelt es sich um ein imaginäres Reich … um eine Entdeckungsreise, die auf die banalen Hilfsmittel moderner Dutzendtouren verzichtet und ins Un- und Überwirkliche vorstößt."

Max Hermann-Neiße verstarb am 8.4.1941 in London, lange bevor Kafkas überragende Bedeutung deutlich geworden war.

Bekanntlich sind neben Remarques "Im Westen nichts Neues", dem ersten und vielleicht wichtigsten Buch der Neuen Sachlichkeit, auch Walter Flex "Der Wanderer zwischen beiden Welten" (1916), Ernst Jünger "In Stahlgewittern" (1920/22) und Der Kampf als inneres Erlebnis (1922) (psychologisch-existenziell) erschienen.* Nach Hesses dringlicher Kritik an der Zustimmung zum Ersten Weltkrieg erscheint Hesses Erklärung,  eine angemessene Darstellung  des Krieges sei unmöglich und seine so gerechtfertigte Darstellung eines "imaginären Reiches" der Morgenlandfahrt wie eine Flucht vor der Wirklichkeit, wenn auch sinnvoller als die Romantisierung durch Walter Flex und als Jüngers problematisch "wertfreie" Darstellung, aber hinsichtlich der künstlerischen Bedeutung sehr weit entfernt vom Werk Franz Kafkas. 

*Problematisch ist die Nennung nur der vielleicht bekanntesten Titel, daher füge ich noch einige weitere Titel hinzu, die Hesse vorgelegen haben könnten: Arnold Zweig: Der Streit um den Sergeanten Grischa (1927), Ludwig Renn: Krieg (1928), Heeresbericht (1930) von  Edlef Köppen.


Mir selbst hat das Werk wie Hesses "Gertrud" am Anfang gefallen, die Fortsetzung scheint mir wie dort verflacht. Die Erhöhung der Morgenlandfahrt und des Dieners Leo "ins Un- und Überwirkliche" hat mich enttäuscht. Als Vorarbeit für das Glasperlenspiel ist die Arbeit wichtig. Enttäuschend ist die große Abstraktheit der Personen, die sich in Hesses Werk ja öfter findet. (Dazu meine Aussage über das Glasperlenspiel "aber das abstrakte Spiel, die Ordenswelt Kastaliens sollen Hesse ja auch ermöglichen, die Abgrenzung vom nationalsozialistischen Terrorsystem in einem Maße aufrechtzuerhalten, wie es der Schweiz nicht gelungen ist. [...]Das Böse ist aus dem Glasperlenspiel hinausabstrahiert". (Das Glasperlenspiel, 27.9.2019)







12 Oktober 2021

Im Osten manch Unbekanntes

Katarzyna Slivinska stellt in Narrationen vom Untergang des "deutschen Ostens" in einigen Romanen der 1950er Jahre  die folgenden Romane/Erzählungen vor und ordnet sie kritisch ein. 

Edwin Erich Dwinger: Sibirische Trilogie (1929-32)

                Dwinger       : Wenn die Dämme brechen … Untergang Ostpreußens. (1950)

Hanna Stephan: Engel, Menschen und Dämonen (1951)

Werner_Klose: Jenseits der Schleuse (1953)

 Jens Rehn: Feuer im Schnee (1956)

Da ich alle diese Werke nicht kenne, sie mir aber thematisch durchaus nicht unwichtig erscheinen, halte ich sie hier für ein weiteres Studium fest. Das bedeutet nicht, dass ich sie zur Lektüre empfehle, denn ich kenne sie noch nicht. 

Über die Wikipediaartikel zu den Autoren bzw. den Werken ist der Zugang vermutlich zunächst leichter als über Slivinskas Arbeit. 

27 August 2015

Pierre Lemaitre: Wir sehen uns dort oben

Wenn ich nicht eine gewisse Übung darin hätte, fünfzig, hundert oder auch einmal zweihundert Seiten zu überschlagen, hätte ich dies Buch, das seinem Verfasser den Prix Goncourt einbrachte, wohl bald beiseite gelegt. Zu wenig fand ich motiviert, dass ich realistisch vorgeführt bekommen sollte, wie es ist, verschüttet zu werden.
Doch wenn man "Kunst zu rezipieren – und insbesondere zu lesen" –  als einen 'kreativen Vorgang' begreift, bei dem der Leser sich das aus dem Werk herausgreift, was ihn anspricht*, dann muss man auch die Bereitschaft mitbringen, sich gegen die Intention des Autors durchzusetzen. So kam ich dann doch noch so sehr zum trivialen Genuss der parodistisch-spannenden Passagen, dass ich dann wieder Abstand schaffen musste, um nicht zu sehr hineingezogen zu werden. Daher schiebe ich diesen Kurzbericht dazwischen. 

* Dazu Lesen als Kunst der Wieder­erken­nung von Martin Kulik über Gaddis und sein Verständnis des Lesers:
„Everybody has that feeling when they look at a work of art and it´s right, that sudden familiarity, a sort of… recognition, as though they were creating it themselves, as though it were being created through them while they look at it or listen to it.“ William Gaddis: The Recognitions

15 August 2014

Exzellenz von Lychow unterschreibt ein Todesurteil

Der Divisonskommandeur von Lychow ist wie ein Vater zu seiner Truppe. Die Regelungen, die der Oberkommandierende Ober Ost, Schlieffenzahn (steht für Ludendorff) getroffen hat, hält er für falsch, seine Umgebung auch.
Warum unterschreibt er das Todesurteil und legt sich ruhig schlafen?

Arnold Zweig versteht es, von Lychow - wie Fontanes Stechlin - als einen grundgütigen Menschen erscheinen zu lassen, der sein Schicksal mit gutem Humor zu tragen weiß, jedem das Seine und auch sich selbst mal etwas Gutes gönnt. Der Leser begleitet ihn voller Sympathie. Auch jetzt in den Schlaf.
Eben hat er ein Todesurteil unterschrieben.

Nun ja, nur der unbedarfte Leser wird ihn ganz ohne Hintergedanken in den Schlaf begleiten.*
Zwar ist er außer dem Titelhelden bisher die Identifikationsfigur, die sich am leichtesten anbietet, aber er hat eben gesagt:

"[...] Ich bin ein preußischer General und tue, was meine Pflicht ist. Nicht blindlings, denn wir Junker haben Augen im Kopf und sehen den Dingen auf die Leber, aber wat sien möt, möt sien. Der Mann mag bedauernswert in seiner Falle sitzen. Wir haben die größeren Dinge zu bedenken: Manneszucht, Preußen, Reich."
Zwar sagt er das nur, weil ihm als Alternative Befehlsverweigerung, Kampf mit dem Vorgesetzten, Umsturz des Systems vorgestellt worden ist, und deshalb gehört ihm unreflektiert die Sympathie.

Dann freilich folgt der Satz: "Was kommt es da auf einen Ruski mehr oder weniger an?"

Da läuten denn doch die Alarmglocken. Auch wenn bei der gegenwärtigen Nachrichtenlage in Deutschland alle Opfer mehr zählen als die russischen Opfer der Angriffe der ukrainischen Regierungstruppen beim Kampf gegen die Separatisten in der Ostukraine, (Wer will schon Putinversteher sein?)

"Was kommt es auf einen Menschen mehr oder weniger an?" Zu sehr widerspricht das der geläufigen Formel "Jeder ist einer zu viel, aber ..."

Arnold Zweig wird dafür sorgen, dass von Lychow umdenkt. Und zumindest die Krimileser, werden das bei "Was kommt es da auf einen Ruski mehr oder weniger an?" voraussehen.

Arnold Zweig: Der Streit um den Sergeanten Grischa

*Kenner der klassischen Literatur wird jedes Todesurteil, das in einem literarischen Text unterschrieben werden soll, an das Wort  Camillo Rotas aus Lessings Emilia Galotti erinnern "Recht gern! Recht gern! – Es geht mir durch die Seele dieses gräßliche Recht gern!" (Emila Galotti I,8)

06 August 2011

Walter Flex

Im Ersten Weltkrieg:

"Im Gefecht wertet die Seele die einzelnen Momente ganz verschieden:
In der Deckung und zwischen den Sprüngen vibrierende Wirkung der Gefahr. Im Sprung Ausschalten des Bewußtseins durch den Willen einen ganz kalten, hart begrenzten Willen: Dorthin will ich. Aber dieses "Ich" bin nicht ich, Walter Flex, sondern ich, die Schützenlinie, die Kette, die ich vorreiße. [...] Ein drittes, wiederum anderes Moment ist der Einbruch in die feindliche Stellung: Überflutung des Bewußtseins durch den Rauschzustand, Zerstörungsmaschine und doch ganz helles Bewußtsein, das unter dem Rausch des Erfolgs auflodert. Machtgefühl. Machtrausch."
(Konrad Flex: Walter Flex. Ein Lebensbild, Quell-Verlag Stuttgart, 1937, S.110/1)

Aus der Hauslehrerzeit:
Konrad berichtet über seinen Unterricht für den ältesten Enkel Ottos von Bismarck, Graf Klaus von Bismarck, in Varzin:
"War der Tag mit Arbeit und Spiel, Angeln und Spatzenjagd hingebracht, saßen die beiden abends am Kaminfeuer und plauderten oder lasen: "Ich muß ihm Studentengeschichten erzählen oder Anstiche vorsingen, und er spielt auf seiner Gitarre."" (S.64)

In Friedrichsruh, im fürstlichen Familienzweig der Bismarcks sollte Walter Flex außer dem Unterricht auch die Archive in Ordnung bringen. Doch kommt er dazu wenig, weil er die Söhne auch außerhalb des Unterrichts zu betreuen hat. In einem Brief berichtet er darüber:

"So bauen wir denn unverdrossen tagaus tagein Hütten auf Parkbäumen, zimmern Flöße, fahren Kahn und Motorboot, schießen Eichkatzen, Karnickel und Eichelhäher und füllen die Pausen durch Essen und Schlafen aus." (K. Flex: Walter Flex, S.76)

vgl. auch:
W. Flex: Wolf Eschenlohr
Briefe von Walter Flex, in Verbindung mit Konrad Flex by Walter Flex( Book )
2 editions published between 1927 and 1941 in German and held by 47 libraries worldwide
Briefe von Walter Flex by Walter Flex ( Book )
5 editions published between 1927 and 1941 in German and Undetermined and held by 36 libraries worldwide   
Werke von Konrad Flex:
Walter Flex, ein Lebensbild by Konrad Flex( Book )
10 editions published between 1937 and 1942 in German and Undetermined and held by 88 libraries worldwide