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13 August 2018

Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint - Nach Breslau

Einundzwanzigstes Kapitel
"[...] Quint selber, nachdem er das Forsthaus verlassen hatte, trat an jenem Abend mit seinen Jüngern jene lange Wanderung an, die, wenn irgend etwas in seinem Leben, eine gewisse Denkwürdigkeit auszeichnet. Er sagte den ungeduldigen Bürgern des kommenden Tausendjährigen Reichs, die ihn eigentlich in die Bahn seines Schicksal hineingedrängt hatten, er sagte ihnen zum Anbeginn, wie es nun seine Hoffnung wäre, daß sie sich bis zu dem Tage, wo alles geschehen würde, was er voraussehe, nicht mehr trennen würden. Er fuhr fort, sie zu streicheln, abwechselnd jedem im Gehen die Hände zu reichen und sie zu liebkosen. Nach einiger Zeit begann eine milde, unerhört reine und ruhighelle Vollmondnacht. Da ersuchte er seine Anhänger, sie möchten ihm immer von jetzt ab, sofern er nichts anderes bestimme, im Gehen eines Steinwurfs Weite den Vorsprung lassen. Und so geschah es. Er blieb ihnen, einsam, meist in dieser Entfernung voran. Sooft er stillstand, blieben auch seine Jünger stehen, wie denn überhaupt von nun an ein Gehorsam bis zur Unmündigkeit ihr Glück und ihre Genugtuung ward. In ihrer Ordnung waren sie bis in die Nähe des Miltzscher Schlosses gelangt, dessen erleuchtete Bibliothek samt dem Speisesaal – da die Gurauer Dame gekommen war – mit vielen hohen Fenstern durch die Bäume des Parkes schimmerte. Ungesehen und unbemerkt zog der ehemalige Günstling und Narr in Christo, Emanuel Quint, durch die verlassenen Wege des Parkes längs des stillen Sees, in dem er zu baden pflegte, dahin. Schweigend folgten ihm seine Begleiter. Da sahen sie, wie er stillestand und wie ein Schwan und nachher ein zweiter, glänzend weiß, aus dem dunklen Teile der Spiegelfläche in jenen hellen, darin sich der Mond und der Himmel spiegelte, zu ihrem Meister herübergerudert kam. Sie sahen, wie er die Tiere fütterte. Quint winkte den Brüdern und sagte halblaut: »Sie wissen noch nicht, daß ich geächtet bin. Aber des Menschen Sohn«, fuhr er fort, »war von jeher von seinen Brüdern und Schwestern verachtet und von seinen Nächsten verfolgt. Er muß auch jetzt noch verachtet, geknechtet und geächtet sein.« Furchtlos ging er mit seinen Jüngern an dem von Stimmengewirr erfüllten Schlosse vorbei, durch ein Mauerpförtchen in das Bereich des Nutzgartens hinein, wo ein unendlich langer, schnurgerader Weg durch verpackte Rosenstöcke, Johannisbeersträucher und gedüngte Beete führte, der im Mondschein gleißend vor ihm und den ängstlich flüsternden, leise tretenden Jüngern lag. Diese sahen nach einiger Zeit, wie Emanuel wiederum stehenblieb und lange nach einem von Efeu dicht übersponnenen Giebel blickte, aber es war nicht die Seite des Hauses, darin sein eigenes Zimmer, sondern die andere, in der Ruth Heidebrands kleines, reinlich gehaltenes Gemach gelegen war. Die Jünger hörten den Meister aufseufzen.  [...]
Der Pfarrer sprach: »Was meinst du damit? Ich verstehe dich nicht.« Quint dagegen: »Ehe man nicht in eure Folterkammern Gottes die Brandfackeln werfen wird, so daß sie vertilgt werden von der Erde, bis man die Stätte nicht mehr erkennt, wo sie gestanden haben, werdet ihr Gott täglich hinrichten.« »Mein Sohn«, sprach der Pfarrer mit halber Stimme, »solche Gedanken sind nicht bloß närrisch: sie sind verbrecherisch.« »Aber es muß die Zeit kommen«, fuhr der Tor in Christo mit Härte fort, »wo man Gott weder auf diesem noch auf jenem Hügel, weder auf diesem noch auf jenem Berge, noch in diesem oder in jenem Hause, noch in dieser oder in jener Kirche, weder in dieser Kathedrale noch in jenem Dom anbeten wird, sondern allein im Geist und in der Wahrheit.« [...]
Mit diesen Worten fiel im Dunkel des Raumes ein Geräusch vieler harter Schläge zusammen, deren Ursache, wie sie bald von einem stürzenden Gefäß, dem Geklirr eines auf die Steinfliesen fallenden Metalleuchters und dem Klingklang von Porzellan und Glasscherben begleitet wurden, dem Pfarrer so wenig wie den Begleitern Quints sogleich deutlich ward. Dann freilich war nicht mehr zu verkennen, daß der persönliche Wahn des Narren einen tobsuchtartigen Ausbruch genommen hatte und er mit seinem derben Schäfer- oder Gartenstock wie rasend unter die heiligen Gegenstände auf den Altären schlug. »Mensch, hebe dich weg«, schrie der Pfarrer, sprang hinzu und suchte die Arme des Tobenden festzuhalten. »Fluch über dich! der du ein entsetzlicher, gottverworfener Kirchenschänder bist!« »Ich bin Christus!« schrie dagegen Emanuel laut, ja gewaltig, so daß es von allen Gewölben widerklang. »Ich sage dir« – und er schlug mit einem mächtigen Schlage das Standkreuz des Hauptaltars herunter –, »dies ist kein Bethaus, sondern es ist eine Mördergrube!« Jetzt hatte der Pfarrer, hatten die Jünger den wütenden Schwärmer und Bilderstürmer angepackt, und nachdem im Dunkel der hallenden Kirche ein längeres, stummes Ringen sein Ende erreicht hatte, schien auch der Kirchenschänder gesättigt zu sein. »Geh! Laß dich nie wieder blicken! Geh! Du bist vom höllischen Dämon besessen! Geh! Gott straft mich durch dich! Geh! Ich befehle es dir!« Diese Worte des Pfarrers, mit starker, befehlender Stimme gesprochen, duldeten keinen Widerspruch. Quint sagte: »Kommt!« und ging, hochatmend, starken Schritts, mit den Seinen davon. [...]"

Dreiundzwanzigstes Kapitel
"[...] Dominik war ein Mensch von bewunderungswürdigen, vielfältigen Anlagen und von einer für sein Alter staunenswerten Gelehrsamkeit und Belesenheit. Er besaß einen Reichtum an Kenntnissen aus der Naturwissenschaft. [...]
Als ob er im Innersten zu ihr gehöre, schloß er sich der einstigen Romantischen Schule an. Er liebte Novalis, der das Wort gesagt hatte: »Deutschheit ist echte Popularität.« Er liebte die ganze Gruppe, weil ihr freies und kühnes Denken nicht in Rationalismus versandete, sondern das Mysterium des Daseins fortgesetzt als solches erkannte und bestehen ließ. Dieser Jüngling vereinigte den Geist und Stolz freier Forschung mit der mystischen Inbrunst eines mehr katholischen Christentums, das ihn mit einem weichen, sehnsuchtsvollen Lyrismus erfüllte. Sein Lieblingsdichter außer Novalis war Hölderlin. Nicht nur sprach er in stillen Stunden gern dieses und jenes seiner Gedichte aus dem Kopfe vor, sondern er führte auch den »Hyperion« in einem zerlesenen Exemplar fast stets in der Tasche. [...]
Was Dominik an Emanuel fesselte, wird vielleicht nach alledem einigermaßen begreiflich sein. Entscheidend für die neuentstandene Abhängigkeit des jungen Genies war natürlich vor allem der Eindruck, den Quintens ganze Erscheinung hervorbrachte. War ihm schon der platteste und gewöhnlichste Mensch ein Mysterium, wieviel mehr dieser Quint, dessen geheimen Anspruch er kannte. So stürzte er sich mit einer vielleicht mehr künstlerischen als blindgläubigen Sucht in die verwirrende Atmosphäre um Quint hinein. Aber es war dabei ein bewußtes, entschlossenes Wollen in ihm, weil er spürte, daß der Weg des Meisters, den er gefunden hatte, dorthin ging, von wo auch ihm die größte Lockung der Ruhe oder des Paradieses ausstrahlte. Dieser, wie er ihn bereitwillig und aus Überzeugung nannte, heilige Mensch war, wie er selber, gleichsam nur verirrt in die Welt. Seht – der Fremdling ist hier – der aus demselben Land sich verbannt fühlt wie ihr; traurige Stunden sind ihm geworden – es neigte früh der fröhliche Tag sich ihm ... Bleibt dem Fremdlinge hold – spärliche Freuden sind ihm hienieden gezählt – doch bei so freundlichen Menschen sieht er geduldig nach dem großen Geburtstag hin. Im Umgang mit Dominik zeigte Quint seltsamerweise eine wie ein Ausruhen wirkende, ungeschraubte Schlichtheit und menschliche Einfachheit. Zwischen beiden, schien es, war, ohne jede Verhandlung, stillschweigend ein fester Pakt geschlossen. Es herrschte eine fast magische Einigkeit. Dominik, der, über einem verrufenen Lokal, bei Bahnschaffnersleuten in Schlafstelle war – wo er ein Kruzifix über dem Bett angebracht und ein anderes auf sein Nachttischchen gestellt hatte –, beschäftigte sich trotzdem nicht viel mit der Heiligen Schrift, und es wurde auch zwischen ihm und Quint kaum je eine Bibelstelle besprochen, ja überhaupt nur ein religiöses Gespräch geführt. Durch ein Wort, das Quint eines Tages geprägt hatte, als der Name des Heilands gefallen war, ward Dominik betört oder, nach seiner Ansicht, aufgeklärt: »Christus? Ich kenne ihn nicht oder bin es selbst!« hatte es gelautet. [...]"
(Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint Kapitel 21 und 23)

31 Juli 2018

Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint - Emanuel zu Hause, seine Befragung durch den Pfarrer

Achtes Kapitel 
Emanuel wurde zunächst im Gefängnis des Amtsgerichts seiner Kreisstadt inhaftiert. Er sollte sich wegen Vagabundierens, wegen Kurpfuscherei und Verübung öffentlichen Unfugs in wiederholten Fällen verantworten. Das Verhör setzte aber den Richter mehr als Emanuel in Verlegenheit, denn er konnte, trotz aller Fragen, das Zugeständnis der zu erweisenden strafbaren Handlungen aus dem Beklagten weder herausbekommen noch sich auf andere Weise davon überzeugen. »Sie maßen sich an, Kranke, und wären sie mit unheilbaren Übeln behaftet, gesund zu machen?« hatte die erste Frage des Richters gelautet: die Antwort aber lautete: »Nein!« – »Sie pflegen unwissenden Leuten weiszumachen, daß Sie gleichsam in einer besonderen Sendung von Gott auf dieser Erde erschienen seien. Wollen Sie diese Behauptung auch mir gegenüber aufrechterhalten?« [...]
Zwei Tage nachher befand sich Quint in einer nahen Irrenanstalt zur Beobachtung. Ein Assistenzarzt stellte die sonderbarsten Fragen an ihn. Er wollte wissen, wie alt er sei. Er wollte das Datum des gegenwärtigen Tages wissen, die Jahreszahl. Er gab ihm Rechenexempel auf. Er vergewisserte sich, ob Quint die Uhr kannte. Er führte den armen Menschen ans Fenster und ließ ihm das Licht in die Augen fallen, um festzustellen, ob die Pupille sich verengte, was richtig geschah. Und plötzlich nahm er, gleichsam in einer Anwandlung von Mitleid und Menschenfreundlichkeit, ein blankes Markstück aus seiner Geldbörse und händigte es Emanuel ein. Es rollte aber gleich darauf aus der Rechten des Narren zur Erde herunter. Nun zeigte sich allerdings, daß Quint zwar auf Befehl des Arztes das Geld von der Erde hob, aber auch, wie er es unter keiner Bedingung annehmen und behalten wollte. Ihn dennoch dahin zu vermögen, gelang dem Arzte durch keinerlei List: er drohte, er lachte, er stellte sich zornig, er gab schließlich vor, beleidigt zu sein. Quint beharrte bei seiner Weigerung. Alsdann nach der Ursache seines Betragens gefragt, sagte er, er möchte um keinen Pfennig reicher als unser Heiland auf Erden sein. Es schien beinahe, als wollte er mehr sagen, aber da faßte ihn schon ein Wärter an, und der Arzt hatte sich bereits einer schreienden Patientin zugewandt, die einige Wärterinnen in weißen Schürzen nur mit Mühe festhalten konnten. Quint wurde in seine Zelle zurückgeführt. Das psychiatrische Gutachten hatte die Ansicht vertreten, daß der pp. Quint zu den Sonderlingstypen gehöre, im übrigen aber als gesund und höchstens mit Zeichen leichten Schwachsinns behaftet anzusprechen wäre: doch könne man ihm die volle Verantwortung für seine Handlungen schwerlich aufbürden, weshalb er am besten in die Hut des elterlichen Hauses zu stellen und ganz besonderer Aufsicht zu empfehlen sei. [...]
In dieser ihm vertrauten, heimischen Gegend überfiel den armen Emanuel mehr und mehr eine fürchterliche Beängstigung. Der Gendarm, der vollkommen gleichgültig war, dachte auch nicht entfernt daran, als er sah, wie Quint seine Lippen bewegte, daß sich nur immer mit Inbrunst der eine Anruf: »Mein Gott, mein Gott!« aus seinem gequälten Inneren freimachen wollte. Das Grauen aber nahm zu in der Seele Quints. Es kam ihm vor, als müsse er mit jedem Schritt, von Stufe zu Stufe, in ein unterirdisches, lichtloses Foltergewölbe hinuntersteigen, wo jede Hoffnung, jeder Glaube und alle Liebe seit Jahrmillionen erloschen ist. Es kam ihm vor, als wenn Jesus Christus dort unten vollkommen machtlos sei, und seine Seele wand sich in Zweifeln. Sollen wir einen Augenblick bei dem eigentümlichen Zustand verweilen, der das Wesen des sonderbaren Schwärmers ergriff, beengte und gleichsam rückbildete, so sei erinnert, wie sehr die Welt der Jugend an den Kreis von Sinneseindrücken gebunden bleibt, die wir im Heimatskreise empfangen haben, und wie diese Welt, auch wenn sie lange versunken gewesen ist, durch die alten Eindrücke bis zu einem qualvollen oder, je nachdem, beseligenden Grade wieder gegenwärtig gemacht werden kann. Emanuel war unter dem Drucke der ausgesuchten Verachtung seiner Umwelt herangewachsen. Verachtung schien ihm das natürliche Erbe des Menschen zu sein. Ohne daß er jemals davon ein besonderes Wesen machte, litt er unsäglich unter allen Formen dieser Verachtung und Geringschätzung, wie sie ihm täglich, stündlich, im Hause wie außer dem Hause, entgegenkam. So stark, so furchtbar empfand er diese Herabwürdigung, daß er, im zehnten Jahre etwa, zu der festen Ansicht reifte, wie Verachtung des Nächsten eine der schwersten und furchtbarsten Sünden sei. Sie hatte bei ihm zunächst die völlige Selbstverachtung zur Folge gehabt: eine Selbstverachtung, die ihn mehr als einmal über die irdische Einsamkeit hinaus in eine tiefere, ewige, das heißt in den Tod treiben wollte. Und irgendwann, gerade in einem solchen gefährlichen Augenblick, hatte ihn die Gestalt des Heilands zuerst berührt und ihm den wundervollen Trost des göttlichen Menschensohnes gegeben. Er wurde von da ab des armen Verachteten einziger Freund. Was Wunder, wenn dieser sich, der Verachtete, an seinen gütigen Freund und Tröster schloß, mit verzehrender Inbrunst ohnegleichen. Während einer Reihe von Jahren wußte nicht einmal die Mutter Emanuels von dem göttlichen Umgang, den ihr Sohn im geheimen genoß. Da es sich aber nicht um einen Menschen von Fleisch und Blut, sondern doch nur um ein Gebilde handelte, das aus einer mühsam entzifferten Schrift ein phantastisches Leben gewann, so wurde vielleicht mit dieser gewaltsam erzeugten Traumeswelt der Grund zu seiner späteren, so verhängnisvollen Torheit gelegt.  [...]

Neuntes Kapitel 
Von den Halbbrüdern Quints war der jüngste, Gustav, zwölfjährig; dieser hing ihm im stillen an. In den ersten Tagen, als der Vater erzwingen wollte, daß Emanuel in der ärmlichen und verwahrlosten Werkstelle mit dem Halbbruder August zusammen arbeite, ging er Emanuel überall an die Hand. August, der tüchtigste Arbeiter in der Familie, war ihm dagegen keineswegs freundlich gesinnt, obgleich Emanuel immer alles getan hatte, um ihm ein Verständnis zu ermöglichen für dasjenige Fremde und Sonderbare des eigenen Wesens, woran jener sich immer aufs neue stieß. Emanuel an der Hobelbank zu sehen, war allerdings ein Anblick von einem gewissen Widersinn, der einen nachdenksamen Beobachter stutzig machen, einen Tischlergesellen zum Lachen reizen oder empören mußte. August fand sich daher empört, und mit der Moral seiner eigenen Tüchtigkeit stand er nicht an, dem trägen und wenig geschickten Bruder von früh bis spät zu Leibe zu gehen.   [...]
Der kurze und bärtige Mensch mit dem dunklen Haar, der, seiner Mutter zuliebe, nicht einmal, trotzdem er schon vierundzwanzig Jahre zählte, die übliche Wanderung angetreten hatte, fühlte sehr wohl in Emanuel irgendein geistiges Wesen, das zu begreifen ihm nicht gegeben war: ein Etwas, das er heimlich bewunderte, während er sich es geringzuschätzen, ja zu verachten den äußeren Anschein gab. Und er merkte auch wohl, wie es seiner Mutter in dieser Beziehung nicht anders ging. Auch sie begriff die Narrheiten ihres Sohnes nicht, aber man konnte ihr anmerken, sie war im Grunde nicht ohne einen gewissen schwankenden Respekt vor ihm. Es war ein Respekt, der sich sogar in seltenen, unbewachten Momenten geradezu in Mutterstolz umsetzte und gelegentlich, etwa einer Nachbarin oder dem Schullehrer gegenüber, mit lebhaften Worten überraschend zutage trat. So kam es, daß in der Seele des arbeitsamen Burschen August, der stets an die Werkstatt gefesselt war, während Emanuel immer wieder ein freies und oft müßiges Kommen und Gehen durchsetzte, sich schließlich, mit vieler Bitterkeit, die Sache so darstellte, als ob er alle Lasten zu tragen, Emanuel dagegen nur zum Vergnügen berufen sei, und es ihm schien, dieser sei in jeder Beziehung, sogar in der Liebe und Sorge der Mutter, unrechtmäßig bevorzugt.   Diese Ansicht befestigte sich indessen noch, als am dritten Tage nach der Heimkehr Emanuels der junge Pastor des Ortes mit kurzem Gruß in die Werkstatt trat und, August nur auf eine flüchtige Weise beachtend, sogleich mit Emanuel freundlich zu reden begann. Es war in seinem Verhalten nichts davon zu bemerken, als ob er gekommen wäre zum Zwecke einer gehörigen Abkanzelung. Im Gegenteil zeigte eine gewisse Vorsicht im Verkehr mit Emanuel, die er August gegenüber vermissen ließ, ebendieselbe geheime Achtung, die Augusts durch Mißgunst geschärfter Blick bei allen Menschen wahrnehmen wollte, die mit seinem Bruder in Verkehr traten. Während er, August, dem frischen und jovialen Geistlichen gegenüber in eine stumme Befangenheit hineingeriet, entging es ihm nicht, wie Emanuel gerade hier mit Wort und Gebärde eine ruhige Freiheit an den Tag legte. Vollends ganz unbegreiflich erschien ihm jedoch, was es mit einem Briefe für Bewandtnis haben sollte, den der geistliche Herr aus der Tasche zog, unter allerlei freundlichen Fragen, die er stellte, und schließlich mit einer in liebenswürdigster Form gehaltenen Einladung an Emanuel, ihn am Nachmittag – zu einer Tasse Kaffee, hatte der Bruder deutlich gehört! – zu besuchen. Nachdem sich der Pastor, der eilig war, mit einem Händedruck von dem Narren verabschiedet hatte, hörten ihn beide Brüder noch jenseit des Flurs in die Wohnstube eintreten, wo alsbald die laute Stimme des resoluten Herrn abwechselnd mit den Stimmen von Vater und Mutter hörbar ward. Und August konnte nun erst recht nicht begreifen, warum, wie er deutlich vernahm, der Pastor den Vater mit ganz entschiedenen Worten vermahnte, er möge unbedingt gegen Emanuel nachsichtig sein und sich durchaus zu keiner rohen Züchtigung ferner hinreißen lassen.
Der alte Quint war übrigens ohnedies schon erheblich verändert. Allerlei Zeichen, die sich im Laufe der letzten drei Tage bemerkbar gemacht hatten, waren nicht ganz ohne Eindruck geblieben auf ihn. Schon vom zweiten Tage ab hatten sich nämlich Leute aus nahen Dörfern bis zu dem Häuschen der Quints hindurchgefragt. Sie erklärten dem alten verdutzten Faulenzer und Maulmacher, der einen Hobel fast nie mehr anfaßte, ganz bestimmt gehört zu haben, daß sein Sohn ein berühmter Wunderdoktor sei. Nur selten gelang es, sie abzuweisen, ohne daß vorher, vom Vater gerufen, der Sohn Emanuel selber erschien, wo sie dann meistens ein an Ehrfurcht grenzendes Wesen vorkehrten.
Was aber vor allem Mutter, Vater und Bruder Emanuels zu verblüffen geeignet gewesen war, hatte der Briefträger am Morgen des dritten Tages aus seiner Ledertasche gezogen: etwa siebzig Briefe mit der Adresse Emanuel Quint. Die Mehrzahl von diesen Briefen war infolge eines gedruckten Berichtes geschrieben worden, der in einem sozialistischen Blättchen des Kreises gestanden hatte und darin, mit etwa vierzig kleinen Zeilen, Emanuels erste Predigt, sein Verschwinden und seine Rückkehr ironisch, aber nicht unsympathisch behandelt war. Auch des sonderbaren Rufs eines Wundertäters, dessen er bei gewissen Leuten genoß, war gedacht worden. Unter den Briefen gelangte auch, rot angestrichen, die Nummer der »Volksstimme« an Emanuel, die den Bericht enthielt, und ein Schreiben des Redakteurs, worin er seinen Besuch anmeldete.
Emanuel selber befand sich bei alledem in einem Zustand verzweifelter Bitternis. Seine Seele vermochte sich aus einem Gewirr zahlloser grauer und fester Fäden, in die sie, gleichwie die Motte in das Netz einer Spinne, geraten war, nicht loszuwinden. Als hätte er irgendein ätzendes, zauberkräftiges Gift auf die Zunge genommen, das, alles an ihm zwerghaft verkleinernd, ihn wieder in den armen und elenden Jungen verwandelt hätte, den trostlos Gottverlassenen, der er früher gewesen war.
Es war gegen vier Uhr nachmittags, als Emanuel sich nach dem Pastorhaus auf den Weg machte. Die Mutter hatte ihn, so gut es ging, mit den Stiefeln des Vaters und einem alten Rock herausgestutzt, den ihr vor vielen Jahren einmal ein Gastwirt für ihren Mann geschenkt und den sie heimlich aufbewahrt hatte.
Der Pastor empfing Emanuel freundlich.[...]
Hiergegen wandte der Pastor ein, daß immerhin, wie ja auch Emanuel wissen müsse, von Jesu sowohl als von den Aposteln Kranke durch Handauflegen geheilt worden seien. Der Heiland habe sogar Lazarum, Jairi Töchterlein und den Jüngling zu Nain von den Toten erweckt. Hier sah der Geistliche, wie Emanuel Quint kaum merkbar den Kopf schüttelte, und fragte ihn, warum er diese Bewegung gemacht habe. »Warum und zu welchem Zwecke«, gab jener zurück, ohne die Frage zu beantworten, »hätte der Heiland wohl den Mann, den Jüngling und das Kind in diese bejammernswürdige Welt zurückerweckt, die sie ja bereits überwunden hatten?« Der Pastor begriff zunächst diese überraschende Frage nicht. »Ich würde denken«, fuhr der Narr in Christo zu reden fort, »er habe es als Weltenrichter getan und um die Toten durch das erneute Leben für Sünden, die sie begangen hätten, zu strafen. Aber wer hat des Menschen Sohn zum Weltenrichter gemacht? Er kannte den Vater, der in ihm war, wie ich den Vater kenne, der in mir ist. Dieser Vater läßt regnen über Gerechte und Ungerechte und läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute, wie in meinem Herzen geschrieben steht. Herr Pastor: er läßt seine Sonne aufgehen! das ist nicht etwa vor allem diese, die hier auf die Bücherregale scheint, es ist nur die geistliche Sonne des Vaters, die auch den Bösen und Ungerechten zuteil wird. Wenn ich nun aber an den glaube, der nach dem Wort des Apostels Paulus nicht die Gerechten gerecht macht, sondern die Ungerechten und Gottlosen – ja, die Gottlosen! –, so frage ich mich: was wollte er Lazaro, Jairi Töchterlein und dem Jüngling zu Nain, da er sie doch nicht strafen wollte, als er sie auferweckte, tun? Nein! wahrlich, ich sage Ihnen, Herr Pastor: der Gottessohn hat diese Toten nicht auferweckt, außer aber ins ewige Leben! Des Menschen Sohn aber wollte und konnte sie nicht aufwecken. Es ist dem Menschensohne nicht gegeben, Tote aufzuwecken und Kranke gesund zu machen, außer durch menschliche Arzenei. Dem Menschensohn ist es allein gegeben zu leiden und mitzuleiden, das heißt zu lieben, das heißt barmherzig zu sein.« »Du begibst dich auf ein gefährliches Feld, mein Freund«, sagte der Geistliche, indem er warnend den Finger hob, »du bist dir doch wohl bewußt, daß du im Begriff stehst, nichts Geringeres als die Wundertaten unseres Herrn Jesu zu leugnen. Du stellst dich damit zur Heiligen Schrift und zur gesamten christlichen Kirche in Widerspruch.« »Der Herr hat gesagt«, erwiderte Quint, mit tiefen, fieberisch glänzenden Augen, »lasset die Toten ihre Toten begraben. Er hat nicht gesagt, er wolle die leiblich Toten zum Leben im Fleisch und zum geistlichen Tode auferwecken. Was die Schrift aber anbetrifft, so ist sie von irrenden Menschenhänden niedergeschrieben. Der Buchstabe tötet, und nur der Geist ist es, der lebendig macht. Wenn nun der Geist den Buchstaben nicht lebendig macht, so bleibt er tot. Der Geist ist immer mehr als der Buchstabe. Der Buchstabe aber steht im Buch, der Geist dagegen ist in  mir. Alle, die zu lesen verstehen, lesen Buchstaben, aber was wäre der Geist, sollte er in den kleinen Maßen der Buchstaben eingekerkert sein? Das Gewand des Vaters sind nicht Buchstaben, das Gewand des Sohnes sind ebensowenig Buchstaben: beider Gewand ist die Ewigkeit. Und also, Herr Pastor, meine ich: der Vater in mir, der Sohn in mir ist das Wunder, sonst nichts. Ihr Reich ist nicht von dieser Welt. Und weltliche Wunder des Menschensohnes, was sollten sie gelten gegen das himmlische Wunder des Gottessohnes. Und wie der Sohn allein den Vater kennet, so kennet der Sohn allein den Sohn. Und auch der Vater kennet allein den Sohn und sich selber, auch hinter dem toten Vorhang, der sie verbirgt, den Worten der Schrift und ihren Buchstaben. [...]
Der Pastor rief, als Quint sich entfernt hatte, seine Frau zu sich ins Zimmer herein. Sie sahen den Narren durch den Vorgarten schreiten. »Siehst du den langen Menschen, Frau?« fragte er, auf Emanuel hinweisend. – »Na, ganz natürlich«, sagte die Pastorin, »sehe ich ihn!« – »Sage mir mal, wie kommt er dir vor? Was würdest du nach seinem Gang und seinem Äußeren von ihm halten?« – Die Pastorin, die ein junges, gewecktes Weibchen war, sagte unwillkürlich herauslachend: »Ich würde denken, daß es einer ist, der den Gendarm mehr fürchtet als Gott!« – »Meine Liebe«, gab ihr der Pfarrherr zur Antwort, »dieser stromerhaft aussehende Kerl hat mich minutenlang auf eine mir noch nicht vorgekommene Art und Weise verwirrt gemacht. Fasse nur mal meine beiden Hände!« – »Aber Männchen«, sagte die Frau, »sie sind ja kalt und ganz feucht!« – »Ja, denn dieser Mensch behauptet, er sei nichts Geringeres als Jesus Christus von Nazareth.«
(Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint , Kapitel 8 und 9)

20 Dezember 2014

In der Pfarre

Die eigentliche Sehenswürdigkeit Walchows ist aber doch seine Pfarre. Hier wohnt Superintendent Kirchner, ein Sechziger, rüstig im Leben, im Amt und in der Wissenschaft. Fest und freundlich, gekleidet in den langen Rock des lutherischen Geistlichen, das angegraute Haar gescheitelt und in zwei Wellen über die Schläfe fallend, erinnerte mich sein Auftreten an das jener dänischen Pfarrherren, deren mir, während des vierundsechziger Krieges, so viele, von der Koldinger Bucht an bis hinauf an den Limfjord, bekannt geworden waren. »Wie Grundvig« war der erste Eindruck, den ich empfing, und dieser Eindruck blieb auch. In der Tat, eine frappante Ähnlichkeit zwischen dem nordischen und dem märkischen Manne: Strenggläubigkeit, nationale Begeisterung, Einkehr bei der Urzeit des eigenen Volkes, Hang das Dunkel zu lichten, Vorliebe für Hypothesen und zuletzt Identifizierung damit. Grundvig dabei mehr die Sagenüberbleibsel einfangend, die wie Sommerfäden von Heide zu Heide ziehen, Kirchner die Heide selbst durchforschend, bis sie Gräber und Urnen und in beiden ihre Geheimnisse herausgibt; der eine Dichter, der andere Archäolog; jener im Studium alter Lieder aus der geistigen Welt eine sachliche, dieser im Studium alter Waffen, Münzen usw. aus der sachlichen Welt eine geistige konstruierend. Und wirklich, Superintendent Kirchner ist nicht bloß ein Sammler nach Art so vieler seiner Amtsbrüder, die nur im Vorhofe der Wissenschaft, speziell der Altertumskunde wohnen; er gelangt vielmehr zu Schlüssen aus dem Gesammelten, und hier liegt der Unterschied zwischen Wissenschaftlichkeit und Liebhaberei. Die Mappen, die Schubfächer, die Glaskästen sind ihm nicht Zweck, sondern nur Mittel zum Zweck, und der historische Sinn (samt jenem Bedürfnis zu Resultaten zu kommen) erwies sich siegreich in ihm über die bloße Kuriositätenkrämerei. Denn auch die schönste bronzene Streitaxt, die zierlichste Feuersteinlanzenspitze, sie haben nur Anekdotenwert, wenn sie nicht den Wunsch anregen, den Charakter und das Wesen einer Epoche daraus kennenzulernen. Ob richtig, ist zunächst gleichgiltig. Der Weg zur Wahrheit ist mit Irrtümern gepflastert.
Ein Studierzimmer von mäßiger Ausdehnung, in das wir jetzt eingetreten, ist, wie Bibliothek, so auch Naturalienkabinett und Museum für nordische Altertümer. Es wurde mir vergönnt, in den Schätzen dieser nicht zahlreichen aber sehr ausgezeichneten Kollektion eine Stunde lang schwelgen zu können, wobei sich mir der alte Satz bewahrheitete, daß Anfänger und Laien in kleinen Sammlungen am meisten zu lernen imstande sind. Museumsmassenschätze staunt man an und geht mit dem trostlosen Gefühl daran vorüber, »dieser 10000 Dinge doch niemals Herr werden zu können«; wo hingegen nur hundert Dinge zu uns sprechen, lächelt uns von Anfang an die Möglichkeit eines Sieges. Und dieser Sieg wird uns sicher, wenn ein Kundiger abermals auszuscheiden und den verbleibenden Rest durch begleitende kleine Vorträge mehr und mehr zu veranschaulichen versteht. Es heißt dann immer aufs neue: »Du wirst dabei in einer Stunde mehr gewinnen, als in des Jahres Einerlei«. Und still dankbar klangen in meinem Herzen diese Worte nach.
Unter den Schätzen, die mir gezeigt wurden, waren folgende: 1. ein Tierkopf von Bronze (wahrscheinlich Ornament an dem Wagen eines Opferpriesters); 2. ein Sandalensporn von Bronze, gefunden bei Frankfurt a. O.; 3. ein goldener Fingerring, blank, gefunden in der Priegnitz; 4. ein goldener Halsring, blank, fünf Zoll im Lichten, gefunden bei Walchow auf einer Torfwiese des vorgenannten Schulzen Hölsche (seltenes Exemplar; Goldwert 42 Taler; leider bald nach dem Funde von einem »Untersucher« zerbrochen); 5. ein römischer Dukaten aus dem fünften Jahrhundert mit dem Bilde des Kaisers Zeno; im Sande der Uckermark gefunden; 6. eine Spindel von Bein; sie lag neben einem sieben Fuß langen Gerippe zwischen drei Eichenbohlen. (Spinnwirtel findet man oft, Spindeln selbst aber sehr selten.) Neben diesen Prachtstücken interessierte mich noch eine nicht geringe Zahl von Armringen, Broschen, Kelten, Paalstäben usw., die zwar in sich selbst keinen außergewöhnlichen Wert darstellten, diesen Mangel aber durch das Interesse, das der Fundort einflößte, mehr als ausglichen. Alle diese Gegenstände nämlich, einige vierzig, waren bei Templin in einem ausgetrockneten Wasserloche, elf Fuß tief, und zwar unter fünf horizontal liegenden Eichen, gefunden worden. Einerseits die verhältnismäßig große Zahl, andererseits der Umstand, daß sie bunt durcheinander gewürfelt an einer und derselben Stelle lagen, gibt ein Rätsel auf. Von einem Begräbnisplatze kann keine Rede sein. Superintendent Kirchner nimmt an, es sei hier ein römischer Händler mit seinem Karren voll Bronzeschmuck verunglückt.
Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg, An Rhin und Dosse. Walchow, S.330 - 332

Die Walchower Pfarre ist Vorbild für die Pfarre des Predigers Seidentopf in Fontanes Roman Vor dem Sturm geworden.