Posts mit dem Label Ein Tag im Jahr werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Ein Tag im Jahr werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

11 September 2024

Rückbesinnung: Christa Wolf - Was ist nach 1989 falsch gelaufen, was hätte es gebraucht, um Fehlentwicklungen zu verhindern

 In "Ein Tag im Jahr" hat Christa Wolf seit ihrem 31. Lebensjahr immer wieder ihr Leben dokumentiert und das Denken, das zu diesem Leben gehörte. Das ist mutig.

Ich komme immer wieder auf das Buch zurück, versuche dabei auch, Stellen zu finden, die ich vielleicht noch nicht gelesen habe, finde aber in der Phase relativ kurz (5-10 Jahre) vor dem 9.11.1989 und und der Phase danach (5-10 J.) immer wieder so viel, was mich beeindruckt, dass ich den Eindruck, festhalten und vertiefen möchte. 

In ihrem Gespräch mit Günter Gaus 1993 spricht sie von Krisen, teilweise klinischer Depression, die ihr dazu verholfen haben, nach Phasen der Anpassung zu sich selbst zu finden. Die Art, wie sie das tut, vermittelt einen sehr unmittelbaren Eindruck, den ich als Verstärkung zu dem schriftlich Festgehaltenen der Lektüre noch hinzufügen möchte. 

Gaus fragt, wie man es von ihm kennt, hart. 

Im Tagebucheintrag von 1999 wird deutlich, dass sie schon länger mit ihm befreundet ist. Es geht um die Zeit nach seiner 3. Chemotherapie, er sagt auf Band "es gehe 'ganz gut' " und "er fragt, ob wir uns am 10. Oktober, dem Wahlsonntag, bei uns sehen können. Ich denke sehr oft an ihn, mir liegt so viel daran, daß er die Krankheit 'besiegt' - aber ist das nicht schon wieder ein Wort aus einer ganz falschen Kategorie für den Vorgang, den ich so sehr für ihn erhoffe?"

Wenn man das Gespräch hört, ist klar, dass Gaus - wie eigentlich immer in diesen Gesprächen - seine Gesprächspartnerin dazu bringen will, dass sie sich deutlich darstellt.  Ich frage mich, ob er es vielleicht sogar im Bewusstsein tut, dass sie durch die Art, wie sie auf diese harten Fragen reagiert, beim Zuschauer und -hörer gewinnt. Gerade in einer Situation, wo sie wegen der Anfeindungen bewusst Abstand von der deutsche Öffentlichkeit gesucht hat, sich mit dem Interview aber auch wieder hineinbegibt. 

Ich möchte empfehlen, Die Lektüre von "Ein Tag im Jahr" mit dem Sehen und Hören des Interviews zu verbinden. 

Mein Eindruck ist, dass mit "Fridays for Future" etwas von der Veränderung von unten herauf passiert ist, die sich Wolf am Ende des Gesprächs erhofft, und dass mit der Verurteilung der Parteinahme Greta Thunbergs für die angegriffenen Palästinenser auf dem Gazastreifen etwas von dem passiert ist, was Christa Wolf widerfahren ist, als ihr ihre IM-Tätigkeit vorgeworfen wurde.

Die moralische Autorität, die beide Frauen durch ihren mutigen Einsatz für eine grundlegende Veränderung gewonnen haben, soll ihnen genommen werden, weil man sonst nicht weitermachen könnte wie bisher. 

Christa Wolf gefährdete das Gefühl, mit dem Westen habe das Gute über das Minderwertige gesiegt. Greta Thunberg verdeutlicht zu sehr die Herausforderung, die die Klimakatastrophe bedeutet.

Diese Parallele sehe ich persönlich. Aber auch ohne das scheint mir die Verbindung der Lektüre von "Ein Tag im Jahr" in Verbindung mit Wolfs Gespräch mit Gaus sehr fruchtbar

Ganz allgemein scheinen mir die Gespräche von Günter Gaus mit Persönlichkeiten aus der ehemaligen DDR wertvoll für ein Verständnis der heutigen Situation:












Steffi Spira 1991



27 Mai 2024

Christa Wolf: Ein Tag im Jahr - 3. Folge

Zum vorigen Artikel zu "Ein Tag im Jahr"

Christa WolfEin Tag im Jahr

Nach einigen Monaten Pause habe ich die Lektüre wieder aufgenommen und zunächst den letzten Artikel etwas ergänzt. Jetzt geht es weiter mit der Lektüre

27.9.1960

"Annette ist endlich fertig. Sie ist ein bisschen bummelig und unordentlich, wie ich als Kind gewesen sein muss. Damals hätte ich nie geglaubt, dass ich meine Kinder zurechtweisen würde, wie meine Eltern mich zurechtwiesen. Annette hat ihr Portmonee verlegt. Ich schimpfe mit dem gleichen Worten, die meine Mutter gebraucht hätte: So können wir mit dem Geld auch nicht rumschmeißen, was denkst du eigentlich?

Als sie geht, nehme ich sie beim Kopf und gebe ihr einen Kuss. Mach’s gut! Wir blinzeln uns zu. Dann schmeißt sie die Haustür unten mit einem großen Krach ins Schloss.  
Tinka ruft nach mir. Ich antworte ungeduldig, setze mich versuchsweise an den Schreibtisch. Vielleicht lässt sich wenigstens eine Stunde Arbeit herausholen. Tinka singt ihrer Puppe lauthals ein Lied vor, dass die Kinder neuerdings sehr lieben: 'Abends, wenn der Mond scheint, ins Städtele hinaus…', die letzte Strophe geht so:
Eines Abends in dem Keller.
aßen sie von einem Teller
eines Abends in der Nacht.
hat der Storch ein Kind gebracht… 

Wenn ich dabei bin, versäumt Tinka nie, mich zu beschwichtigen: sie wisse ja genau, dass der Storch gar keine Kinder tragen könne, das wäre ja glatt Tierquälerei. Aber wenn man es singt, dann macht es ja nichts.

Sie beginnt wieder nach mir zu schreien, so laut, dass ich im Trab zu ihr stürze. Sie liegt im Bett und hat den Kopf in die Arme vergraben.

 Was schreist du so?

Du kommst ja nicht, da muss ich rufen.

Ich habe gesagt, ich komme gleich.

Dann dauert es immer noch lange, lange lange bange, bange, bange. Sie hat entdeckt, dass Wörter sich reimen können. Ich wechsle die Binde von ihrem zerschnittenen Fuß. Sie schreit wie am Spieß. Dann spritzt sie die Tränen mit dem Finger weg.  Beim Doktor wird’s mir auch weh tun.

Willst du beim Doktor auch so schreien? Da rennt ja die ganze Stadt zusammen. – Dann musst du mir die Binde abwickeln. – Ja, ja. – Darf ich heute früh Puddingsuppe? – Ja, ja. – Koch mir welche! – Ja, ja.

Der Fußschmerz scheint nachzulassen. Sie kratzt beim Anziehen mit dem Fingernägeln unter der Tischplatte und möchte sich ausschütten vor Lachen. Sie wischt sich die Nase mit dem Hemdenzipfel ab. He! Schreie ich, wer schneuzt sich da in Hemde? – Sie wirft den Kopf zurück, lacht hemmungslos: wer schneuzt sich da ins Hemde, Puphemde…?

Morgen habe ich Geburtstag, da können wir uns heute schon ein bisschen freuen, sagt sie. Aber du hast ja vergessen, dass ich mich schon alleine anziehen kann. – Hab’s nicht vergessen, dachte nur, dein Fuß tut dir zu weh. – Sie fädelt umständlich ihre Zehen durch die Hosenbeine: ich mach das nämlich viel vorsichtiger als du. – Noch einmal soll es Tränen geben, als der rote Schuh zu eng ist. Ich stülpe, einen alten Hausschuh von Annette über den verletzten Fuß. Sie ist begeistert: jetzt habe ich Annettes Latsch an!

Als ich sie aus dem Bad trage, stößt ihr gesunder Fuß an den Holzkasten neben der Tür. Bomm! ruft sie. Das schlägt ein wie eine Bombe! – Woher weiß sie, wie eine Bombe schlägt? Vor mehr als sechzehn Jahren habe ich zum letzten Mal eine Bombe detonieren hören. Woher kennt sie das Wort? 

Gerd liest in Lenins Briefen an Gorki, wir kommen auf unser altes Thema: Kunst und Revolution, [...]" (S.10/11)


1961:
"Als ich ins Zimmer komme, um sie zum Abendbrot zu rufen, klappt Tinka gerade einen der Bildbände zu: habt ihr nur Bilder von Arbeitern? – Warum? – Die will ich nicht mehr sehen. – Warum nicht? – Weiß nicht. Sie sind langweilig.– aber Arbeiter sind doch sehr wichtig. – Wichtig schon. Aber ich will sie nicht immer zusehen. – Was willst du denn lieber sehen? – Na, andere Menschen. Oder wie ich mit Berit im Kinderzimmer spiele…
Gerd ist entzückt. Literaturkritik auf hohem Niveau, sagt er  Der künftige Leser, meldet seine Ansprüche an. Das lass dir mal gesagt sein, Frau Autorin, keine Arbeiter, wenn’s möglich ist. – Dafür muss ich ihn boxen, Tinka wirft sich sofort auf seine Seite und stellt sich schützend vor ihn, während Annette mit ihrem Gerechtigkeitssinn findet, Vater hätte mir nicht die Freude an den Arbeitern verderben dürfen. Sie weiß, woran ich gerade schreibe. 
Das Abendbrot ist ziemlich turbulent, Tinka, versucht, mit durchsichtigen Tricks nacheinander aus jedem von uns rauszukriegen, was für Geschenke sie morgens zu erwarten hat, wir drei sind eine undurchdringliche Front, Annette hat es gern, wenn sie bei solchen Gelegenheiten zu den Erwachsenen zählt. Sie darf den Geburtstagstisch in meinem Zimmer mit aufbauen,  Die fünf Kerzen in den nassen Sand auf dem Teller stecken und ihn mit Asternblüten schmücken, während Tinka schon im Bett liegt und einsames, verstoßenes Kind spielt. Am Ende kriegen beide noch ihr Gute-Nacht-Lied, am liebsten 'Der Mond ist aufgegangen', weil es so viele Strophen hat. Nach der letzten Strophe sagt Tinka jedesmal: Aber wir haben zum Glück keinen kranken Nachbarn, nicht? " (S.37)

1979.

C. Wolf berichtet über eine Lesung aus 'Kein Ort. Nirgends', das Buch, das sie 1978 während der Arbeit daran noch Günderode-Scheiß genannt hatte. Zusammenfassend schreibt sie über das Gespräch danach und das Gespräch mit einer Lehrerin, zu dem sie mit ihrem Mann Gerd eingeladen wird: "Der Abend war außerordentlich." (S.268)  Es war ein Gespräch, wie man es sich bei Wolf vorstellt.

"Eine andere Bibliothekarin [...] sagte, was mich sehr berührte: Sie empfinde bei der Lektüre solcher Bücher wie der meinen, daß sie, die Leser, in ihren tiefsten Anliegen doch eigentlich wortlos seien und daß da ausgedrückt werde, was sie nicht sagen könnten. [...]

Es bleibt die Erkenntnis, dass Literatur bei uns oft als Ersatz für andere, vorenthaltene Möglichkeiten der Selbstverwirklichung herhalten muss." (S.264)

"Herr St. tritt auf den Plan. Zu tun, was einem Spaß mache, sei nun mal im normalen Alltagsleben selten möglich. Dann müsste man eben tun, was notwendig ist, und man werde merken, es mache einem dann oft auch allmählich Spaß: wenn etwas dabei heraus komme. Auf den Erfolg komme es allerdings an.

Ein schönes blondes Mädchen [... ] widersprach ihm: So sei doch die Frage nicht gemeint gewesen. Gemeint sei, wie man sich verhalten soll, wenn man andauernd etwas gegen seine Überzeugung tun müsse." (S.266)

"Im Raum lag eine deutliche Spannung zwischen der Tendenz, sich an konservativen Normen festzuhalten und einem Drang nach Neuem; einigen Gesichtern sah ich an, dass sie manchen Gedanken zum ersten Mal hörten, verblüfft lachten sie auf. Nicht einer verwahrte sich gegen irgendetwas, dafür war nicht die Atmosphäre. Man merkte, daß sie diese Fragen sonst nirgends aussprachen, daß sie aber auch wussten, wie weit sie gehen, wo sie nicht konkret werden durften." (S.267)

Noch einmal lese ich in den Einträgen ab 1990, besonders 1991, 1992, wo sie in Santa Monica, Californien schreibt und 1993, wo ich schon einiges unterstrichen hatte, um mir den Übergang von der DDR zur Einigung oder Übernahme ins wieder erweiterte Deutschland vor Augen zu führen. Dort finde ich die Verletzungen, die sie erlebt hat, als man ihr ihre IM-Tätigkeit als junge Studentin vorgeworfen hat. (S.471-524) 

Wo ich sonst so sehr die genaue Darstellung aus der jeweiligen Gegenwart heraus zu schätzen weiß: hier vermisse ich etwas dein einordnenden Überblick aus dem Rückblick (so sehr mir klar ist, dass er die "Verfälschung" wäre, die sie mit ihren Tagebucheinträgen gerade zu vermeiden sucht). Bin gespannt auf Einträge im neuen Jahrtausend, wie sie dann zurückblickt oder wie manches ihr unwichtiger geworden sein könnte angesichts der neuen Probleme.

Vorläufig kann ich mich weiterhin nicht entscheiden, was ich daraus hier festhalten will. - Habe ich doch in dieser Zeit mich meinerseits mehr mit ihr identifiziert als je, bevor ich angefangen habe, ihre ausführlichen Tagesberichte zu studieren.


Die 80er Jahre

1982

Wolf ist angefragt worden, jemandem zu helfen, der im Gefängnis sitzt.

"[...] Das führt schon zu den zweiten Grund, der mir solche Briefe so schwer macht: Ich will mit denen nichts mehr zu tun haben, nicht einmal als Intervent für andere. Andererseits ist die Möglichkeit für solche erfolgreichen Interventionen einer der Gründe, dafür, dass ich hierbleibe und mir sagen kann: Ich werde gebraucht. Ich kann, wenn auch in noch so begrenztem Umfang etwas tun. Wenn ich den Faden nach oben vollkommen durchtrennen würde, wären zugleich diese wenigen Möglichkeiten abgeschnitten. Aber ich wäre freier. Ich könnte und müsste meinen Abscheu gegenüber Praktiken, unbekannte Leute für die gleichen Delikte einzusperren, für die man bei uns Bekannteren durch die Finger sieht, offen aussprechen. [...]" (S.325) 
Andererseits sieht sie auch die Möglichkeit, ihre Kinder zu schützen. 
"Gerd gibt eine Sentenz aus seinem  Freeman Dyson zum besten, es sei interessant, ich müßte es auch mal lesen: wie der Mann vom Mitarbeiter an der Neutronenbombe zum Anhänger von Friedenspolitik geworden ist… Einer von den beiden Großen muss anfangen, aufzuhören, sagen wir. Aber besteht dafür irgendeine Chance? Der Kehrreim aller meiner Gedanken." (S.326)
Drei Jahre darauf kam Gorbatschow und 'fing an aufzuhören'. Francis Fukuyama mit seinem Ende der Geschichte überschätzte die möglichen Folgen total. Das Zeitfenster für die deutsche Einigung wurde genutzt, aber die Chancen einer Friedensdividende - wenn sie überhaupt gegeben war - in Überschätzung des erreichten Erfolges vom Westen nicht genutzt.
1983
Gespräch mit Christoph Geiser (S.342u-346oben)

1984
"Helene hat ihre Haltepunkte: der Springbrunnenwasserfall vor dem Hotel Metropol, das Wasser der Spree, und diesmal entdeckt sie auf den Masten der Weidendammer Brücke die golden angemalten Sonnen. 'Eine Sonne!' schreit sie und ich muss lange suchen, ehe ich sie finde, und sehe sie durch Helene zum ersten Mal. Merkwürdig: Sie zeigt mir diese Sonnen, und ich habe ihr den ersten Mond ihres Lebens gezeigt, und das hat sie bis heute nicht vergessen: 'Oma Hond zeiget', sagt sie heute noch, wenn sie einen Mond sieht, ob in Natur oder im Bilderbuch. Sie bildet die Vergangenheitsform durch Anhängen von -et an den Wortstamm: 'zeiget, kommet'. Mich wundert, dass sie überhaupt schon das Bedürfnis hat, verschiedene Zeitformen auszudrücken. Wir gehen noch schnell in den Kosmetik-Intershop, weiche Taschentücher für Tinka kaufen. Auf der Straße sehe ich immer in die Gesichter, unbewusst auf der Suche nach einem, in das ich mich hineinfühlen kann. In letzter Zeit habe ich das Gefühl, die werden wir immer fremder, besonders die auf Punk-Art oder im Fünfziger-Jahre-Look frisierten jungen Leute, von denen wir wohl nichts mehr wissen." (27.9.1984)

Ch. Wolf ist jetzt 55 Jahre, das Alter, wo man durchschnittlich den Höhepunkt seiner Karriere im Berufslaben erreicht hat. Einerseits fühlt sie sich überfordert von der Erwartungshaltung an sie, was man sich von ihrer Intervention verspricht. Andererseits fühlt sie sich bestärkt darin, in der DDR auszuharren, weil sie hier gebraucht werde ("Es bleibt die Erkenntnis, dass Literatur bei uns oft als Ersatz für andere, vorenthaltene Möglichkeiten der Selbstverwirklichung herhalten muss.", S.264) Sicher ist auch die Rolle als mehrfache Großmutter und die Möglichkeit, in Notsituationen eine Bestärkung des Gefühls der Gebrauchtwerdens.

1989 27.9.
Wie so kurz vor dem Wendepunkt zwei deutsche Ehepaare (das westdeutsche: Otl Aicher und Inge Aicher-Scholl) zusammenkommen, die beide unter ihrem Deutschland leiden, zu dem sie sich in Widerstand befinden, dessen Vorteile sie aber auch sehen, die sie in der Zukunft bewahrt sehen wollen, indem beide Teile aufeinander zu wachsen. All das noch ohne Wissen über den 9. November! Dann beide Deutschland, "Rücken an Rücken" nach Westen und nach Osten sehend. Dann die vertraute Kenntnis der in Mecklenburg Lebenden mit dem Werk Barlachs (Güstrow), eingehend auf die eher rundköpfigen Nord ostdeutschen (slawischer Ursprung, Barlach Figuren, Angela Merkel) im Unterschied zu den Nordwestdeutschen.


111


















Rotis im Allgäu, Wohnort der Aichers, nach dem die Schriftart, die Otl A. 1988 veröffentlichte, benannt ist.  
















(S.451)









1990 27.9.
"Schreib alles auf, sagte er noch. Was man nicht aufschreibt, vergisst man. Du sollst das nicht vergessen. [...] In meinem Kalender finde ich, daß wir am 12. Mai an Brechts und Helene Weigels Gräbern auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof standen und Blumen niederlegten. Ihre Grabsteine waren mit Nazisymbolen und der Schmähung 'Saujud' beschmiert worden. Ich wollte mir nicht eingestehen, daß auch dies nun zur Normalität gehören würde." (S.464)

"Unverhohlen verlangte man meinen Schuldbekenntnis als Entreebillet in die westliche Medienlandschaft." (S.465 oben)

"Natürlich handelt es sich um eine Kampagne gegen Sie. Natürlich geht es gar nicht um Ihre Vergangenheit, sondern um Ihre Aktivitäten in der Gegenwart. Das stört. Und natürlich soll bei Ihnen alles, was einen an Hauch von links hat, zerschlagen werden. Die DDR muss unbedingt delegitimiert werden. (S.465 unten)

"Merkwürdigerweise bringt die Art und Weise, wie die Wiedervereinigung betrieben wird, vorher sehr DDR-kritische Leute dazu, sich jetzt gegen die undifferenzierte Verdammung zu wehren. (In der NZZ las ich, dass man 'Reagans Reich des Bösen' nun auch in der DDR ausmachen könne!)" (S.467/468)

1993 27.9.

"[...] erzählen uns Anekdoten von dem Abend, die uns merkwürdigerweise immer erst Tage später einfallen, immer wieder finden wir, wie vorteilhaft es ist, ein Erlebnis miteinander zu teilen, es bekommt noch eine Dimension, mehr Dichte, und sogar unsere oft / unterschiedliche Beurteilung von Leuten, über die wir früher erbittert streiten konnten, lassen wir nun gelten, um sie – was wir erst lange Zeit später bemerken – allmählich in die eigene Sicht mit einfließen zu lassen."   (S.513/514) 


1996
"Es stellt sich heraus, dass viele der Anwesenden die meisten meiner Bücher kennen, nicht vergessen haben und immer wieder betonen, sie hätten in der DDR 'mit ihnen gelebt'. Aber eine DDR Nostalgie verspüre ich nur bei der einen Frau, die, wie sie später herausstellt, Theaterwissenschaftlerin war und ihre Arbeit verloren hat, Jetzt arbeitet sie mit Kindern und findet, wie sie später erzählt, dass die nicht mehr richtig lesen, lernen wie zu DDR-Zeiten und auch keine Bücher mehr lesen. Andere widersprachen, wollten auch nicht zugeben, dass in der DDR alle Leute anspruchsvolle Literatur gelesen hätten, sonst wäre der Run auf Trivialliteratur nach dem Mauerfall nicht so stark gewesen. [...]
Die meisten der anwesenden Frauen haben in der DDR eine gute Ausbildung bekommen, machen jetzt etwas Berufsfremdes, sind dabei aber nicht unzufrieden: C. war Informatikerin, die Leiterin des Frauenzentrums Theaterwissenschaftlerin, ihre Stellvertreterin, Naturwissenschaftlerin. – Sie fragen, wie wichtig das intellektuelle Gewissen für eine Gesellschaft ist, reden über die Beliebigkeit der moralischen Werte in der Wissenschaft. 

Die Diskussion dauert über eine Stunde, ich setze mich danach noch mit einem Glas Wein ins Café, wir reden jetzt persönlicher, sechs, sieben Frauen in der Runde, eine gelöste, freundschaftliche Atmosphäre, familiär. So würde es wohl im Westen auch im kleineren Kreis nicht sein können, das liegt daran, dass wir alle / von unseren Erfahrungen wissen, darüber  muss nicht gesprochen werden. Manche erzählen, dass sie mir schon lange schreiben wollten, leider wird es die eine oder andere es nun tun. Die Rede kommt auch auf den Herbst '89, die Jahre seitdem scheinen sich zu verkürzen." (1996 S. 573/74) 

Ich habe nicht mit Christa Wolfs Büchern 'gelebt'. "Der geteilte Himmel" hat mir gefallen, die Einleitung fand ich sprachlich sehr gelungen. Hermann Kants "Die Aula" fand ich gelungener, moderner.  'Nachdenken über Christa T.' fand ich schwierig, 'Kindheitsmuster' hat mich weniger angesprochen als bei jetzigem Hineinsehen. Den 'Störfall' habe ich mit Interesse (wohl Anfang der 1990er Jahre) gelesen, Kleist/Günderode auch, fand aber wohl etwas weniger hinein. Zu 'Medea' habe ich damals keinen Zugang gefunden. - Jetzt bin ich dankbar, dass eine Person von ihrem Rang mich so nah an ihr Leben heran lässt. Es ist ja etwas anderes als kurze Tagebuchnotizen und etwas ganz anderes als eine gestaltete Autobiographie, wo alles eingeordnet ist.
Christa Wolf war mir vor allem, als sie im Westen plötzlich heruntergemacht wurde, menschlich nahe. Bei der Kritik von Biermann an ihr stand ich auf ihrer Seite, obwohl mir Biermanns Werke deutlich besser gefallen als ihre. 

Christa Wolf  Ein Tag im Jahr 2001 - 2011

2001 
27.9. "[...] Während ich dusche, mich anziehe – bequeme Sachen, vorläufig kann ich zu Hause bleiben –, höre ich, Hunderttausende von Flüchtlingen verlassen Afghanistan in Richtung Pakistan, oder sie ziehen sich aus den von Bombardements bedrohten Städten aufs Land zurück – in beiden Fällen haben sie keine Nahrungsmittel, die UNO warnt vor einer humanitären Katastrophe und fordert Millionen, um das Schlimmste zu verhindern, und ich, unverbesserlich, muss ich mir für den Bruchteil einer Sekunde vorstellen, die an dem künftigen, schon als unausweichlich akzeptierten Krieg beteiligten Länder, allen voran die USA, würden die Hälfte der Milliarden Dollar, die dieser Krieg verschlingen wird, nicht auf die Unterstützung ihrer Rüstungsindustrie durch die Erzeugung neuen Bedarfs verwenden, sondern diese Unsummen den von Hungertuch bedrohten Menschen für Nahrungsmittel, Medikamente, für den Aufbau ihres schon jetzt zerstörten Landes / und für die Bestechung ihre anscheinend käuflichen Stammesführer geben und so womöglich künftigen Terroristen Boden entziehen… 
Unrealistisch? Umso schlimmer für die Realität. Rasend schnell, denke ich, gleitet die gute alte Wirklichkeit ins Absurde ab, die Grenzen des Erzählbaren scheinen immer mehr zu schrumpfen. Darüber wäre zu schreiben, denke ich. – Doch wozu? [...]" (S.17/18)

Wolf ist inzwischen 72 Jahre alt. Ihre Gedanken sind im Jahre 2024 genauso aktuell wie 2001. Ein Unterschied: Die israelische Regierung kennt die Erfahrungen, die die USA seit 2001 gemacht hat. 
Andererseits: Die USA haben die Erfahrungen in Afghanistan und dem Irak gemacht, und sie versuchen nicht, sich "am Hindukusch zu verteidigen", sondern eine andere Lösung. Die steht dem Staat Israel nicht zu Gebot.

Joschka Fischer rechtfertigte sich 1999 in Sachen Kosovo* mit "nie wieder Auschwitz". Dieser Gedanke steht in Israel aus verständlichen Gründen so und so an erster Stelle. 
*[Dort ging es um die Rechtfertigung der ersten Beteiligung Deutschlands an einem Krieg und zwar einem Angriffskrieg auf Serbien, der aufgrund eines Ultimatums an Jugoslawien erfolgte, das die Annahme des Vertrages von Rambouillet forderte, der Geheimbedingungen enthielt, die - aus der Sicht Außenstehender - unannehmbar waren. ]

07 Januar 2024

Christa Wolf: Ein Tag im Jahr - Fortsetzung und Neuansatz

Ich habe meinen Artikel zum Thema "Ein Tag im Jahr"  von Christa Wolf aus dem Oktober 2023 noch einmal gelesen und merke, dem Buch werde ich nicht gerecht, wenn ich ihm nicht weit mehr Raum gebe: Christa WolfEin Tag im Jahr.

Daten zu Ch. Wolfs Leben

Christa Wolf im Jahr 2021 Briefausgabe, Archivmöglichkeiten (genderblog)

(Rezension von Evelyn Finger, 2003)

Was das Besondere an dem Buch ist, wurde in dem Artikel dargestellt. Es bietet so viel, dass ich mir weit mehr Zeit nehmen will zum Lesen.

Christa Wolf, geb. Ihlenfeld, ist 1929 in Landsberg an der Warthe, im heutigen Gorzów Wielkopolski, geboren, sie wuchs unter der Naziherrschaft auf. Ihre Erfahrungen aus dieser Zeit hat sie literarisch verfremdet in ihrem Roman Kindheitsmuster (1976) dargestellt und verarbeitet. Ich habe das Buch in der 3. Auflage des Aufbauverlags 1978 erworben, in meinem Lektüretagbuch aus der Zeit kommt es nicht vor. Ein Lesezeichen findet sich bei den Seiten 368/69. Was für eine Bedeutung das frühere Buch Nachdenken über Christa T. (1968) hatte, habe ich gewiss aus Rezensionen erfahren, als ich es in den Jahren 1981/83 in England las. 

Was für Schwierigkeiten Wolf schon 1962 mit ihrer Rolle als Schriftstellerin hat, wo sie erfahren hat, dass sie nicht mehr schreiben kann, was sie schreiben will. (Freundschaft mit dem alten Kommunisten und Widerstandskämpfer Friedrich Schlotterbeck, der aus Westdeutschland in die SBZ kam, dann aber 1953 wegen Verdachts von Kontakten zu 6 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde "Von den eigenen Leuten eingesperrt zu werden, sagt Frieder, fast entschuldigend, das schlaucht dich natürlich ungeheuer." Ein Tag im Jahr, S.52

Das habe ich erst in ihrem Eintrag 1962 gelesen. Das war ein Jahr, bevor ihr Roman Der geteilte Himmel (1963) herauskam, den ich geschätzt habe, aber auch als zu angepasst angesehen habe. Als sie 1964 den Nationalpreis für Literatur (3. Klasse) erhält, leidet sie bereits unter der ständigen Aufmerksamkeit und wacht erstmals nachts schreiend auf. - Ihre Wahrheit schreiben zu wollen, aber nur verfremdet schreiben zu dürfen, aber bis 1989 aus Solidarität mit ihren Lesern die DDR noch reformieren zu wollen 'schlaucht [sie] natürlich ungeheuer'. ("und ich frage mich, inwieweit die Schwierigkeiten dieses Jahres nicht einfach meine ganz persönlichen Schwierigkeiten sind, eines zu kleinen Talents, eines zu großen Ehrgeizes, eines zu schwächlichen, halbherzigen Lebens, aus dem eben nicht mehr heraus zu holen ist." (1966) Tag im Jahr, S. 83) Am Tag dieses Eintrags geht sie wegen ihrer psychisch-somatischen Probleme zum Arzt, legt aber mehr Make-up auf, um weniger krank auszusehen und nicht zu sehr von ihm durchschaut zu werden. (Auf dem Weg "versuche ich dann hochmütig auszusehen", S.88.)

Sie geht ins Regierungskrankenhaus. "Wie immer der höfliche Ton der Schwester, die meinen Namen nennt. Die Schwestern werden hier besser bezahlt als in anderen Krankenhäusern. [... Der Arzt] Er sagte plötzlich, dass weder die Patienten des Regierungskrankenhauses noch seine Kollegen, die nur dort arbeiteten, überhaupt wüssten, wie es in unserem Gesundheitswesen wirklich aussieht. Dass man in Krankenhäusern ganze Stationen wegen Personalmangel schließen müsse. Bei ihm lägen manchmal Leute mit Gehirntumor drei Wochen lang und könnten nicht operiert werden, daran sterben natürlich auch einige. Aber dafür gäbe es die famose Lösung: Jeder Beruf helfe sich mit seinen eigenen Kräften. In der Landwirtschaft aber kommen sie seit fünfzehn Jahren nicht mit ihrem Käse zurecht, jedes Jahr krauchten die Studenten vier Wochen lang auf Kartoffelecken herum, anstatt wenigstens als Pfleger in die Krankenhäuser zu gehen. Dann würde sich der Beruf mit seinen eigenen Kräften helfen. Aber für die Landwirtschaft scheint diese Lösung nicht zu gelten. Wenn man aber etwas sagt, heißt es von der Fakultätsparteileitung: Genossen, darüber gibt es keine Diskussion, das müsst ihr einsehen! – Ich: ich habe voriges Jahr eine Woche hier im Krankenhaus gelegen. Da ist mir klar geworden, was es heißt, nie mit der Realität in Berührung zu kommen. – Selbstverständlich. Diese Leute fahren nur in ihren Wagen, sie wissen nicht mehr, was in der S-Bahn vor sich geht, noch weniger, was die normalen Leute denken mögen. Die kommen sich doch verhöhnt vor, wenn in der Gemüseverkaufsstelle ein Plakat hängt: Einwecken - Vorsorge für den Winter! Und in ganz Berlin gibt es kein Einweck-glas zu kaufen. Dann soll sowas doch wenigstens die Stasi berichten, die sich auf den Straßen herumtreibt…" (S.91)

Natürlich ist eine so genaue auf die Biographie Wolfs bezugnehmende Darstellung auf die Dauer nicht durchzuhalten, aber - wegen Erkältung mich nicht zu entfremdeter Arbeit verpflichtet glaubend - leiste ich sie mir mal, weil sie mir im Rückblick besser erlaubt, mich zu erinnern, was das Buch mir gegeben hat.

27. September 1975:

"[...] Das Bedürfnis nach Sicherheit, das wir früher – wann war 'früher'? – nicht kannten. Hängt wohl auch damit zusammen, daß es mit dem neuen Buch so schleppend vorangeht und ich insgeheim immer damit rechne, nicht mehr schreiben zu können. Und daß ich mich für die Kinder, die keine Kinder* mehr sind, auch materiell weiter verantwortlich fühle. Zum Beispiel kaufe ich immer für sie mit ein, denke unaufhörlich an sie, denke für sie mit. Verschaffe mir Erleichterung, in dem ich mich an die schwierigen Zeiten in meinem Leben erinnere und daran, dass ich es ja auch 'geschafft' habe. Unaufhörlich das schlechte Gewissen, das ein Mann nicht kennt." (S. 197)
*Annette Wolf *1952, ihre Tochter Jana Simon, Kathrin (Tinka) *1956

"Dienstag 27.September 1977

Wolf schreibt - möglichst aktuell, aber doch immer wieder auch erst nachträglich oder auf mehrere Tage verteilt. Am 27.9.77 beginnt sie am Tag selbst, Nach 4,5 Druckseiten schreibt sie "Es ist jetzt 9 Uhr 45." - Da hat sie inzwischen [ab S.217] berichtet, dass sie morgens "vielleicht gegen drei" raus musste. 

Buchtext:

"Ich schlief bald wieder ein. erwachte endgültig um sechs. Obwohl ich mir abends – getreu eines Ratschlages in einer Fernsehsendung über Träume – den Befehl gegeben hatte, bei einem wichtigen Traum aufzuwachen und ihn zu behalten, verflüchtigte sich der Morgentraum unaufhaltsam. In meinem noch halbdämmrigen Bewusstsein setzte ein Suchen und Tasten nach festen Gegenständen ein, an denen die Gedanken sich halten könnten. Ich versuchte mir diese Gegenstände zu merken, da mir nach einiger Zeit einfiel, dass heute "Tag des Jahres" ist. Jetzt schon fällt es mir schwer, sie im Gedächtnis zu reproduzieren.

Immer noch geht es, wenn ich unwillkürlich mich denken lasse, um die Bewältigung des Schocks dieses Jahres – Biermann-Ausbürgerung und die Folgen. Immer noch bin ich verstrickt in einen inneren Monolog über dieses Thema, bemüht um Rechtfertigung und Selbstrechtfertigung. Ich probte im Innern einen Dialog mit Übersetzern in Buckow, zu denen ich morgen fahren werde, minutenlang verfiel ich in dem Wunschtraum, Sarah käme zurück und wir richten ihr eine Wohnung ein. Beobachte auch seit Tagen an mir eine Verfestigung meines Willens zum Hiersein, was immer das nun für die Zukunft bedeuten mag. Überlegte eine Atmosphäre, eine Stimmung für den Mittelteil meiner Kleist-Günderode-Geschichte, der mir zu schwerfällig, noch ohne Inspiration zu sein scheint. Diese Art Inspirationen, die kleineren, handwerklichen, muss ich mir langwierig und mühsam [S.217/218] erarbeiten. Andere, "größere" Einfälle kommen öfter, scheinbar mühelos. (Eben, als Gerd sagt, in seinem Fürnberg-Nachwort habe der Verlag den Namen "Ernst Fischer" gestrichen, denke ich, man müsste einmal etwas schreiben unter dem Titel und Person. So in diesem Sommer eine Fülle von Plänen: vorgestern Nacht fiel mir ein Dialog zu dem Thema "Demontage" ein, den ich gestern Vormittag aufschrieb, der von Gerd sofort als zu platt erkannt und gar nicht erst zu Ende gelesen wurde.) Froh bin ich über den Einfall, der "Fiction" zu einem vielschichtigen Stoff gemacht hat, zu dem ich auch an diesem Morgen, nach sechs, neue Einfälle hatte, den ich nun "nur" noch ausarbeiten muss. Wie so oft denke ich über die Grenzen nach, an die unser an Tabus geschultes Denken ständig stößt. Ich sehe, da es immer hell dafür, die Rose bei der Schreibmaschine vom Bett aus, finde sie schön, freue mich. Gerd fragt, wie spät es sei. – Halb sieben.. (Er hat nie eine Uhr in Reichweite.) Gar nicht so warm hier drin, sagt er. – Ich gestehe, mein Hals ist etwas dick. Immer die erste raue Luft im Herbst legt sich mehr auf den Rachen. Er will dagegen sofort etwas unternehmen, weiß bloß nicht, was, trauert den guten Tabletten nach, die wir voriges Jahr in Tübingen hatten, als ich eine Angina niederkämpfen musste. Oder war es vor zwei Jahren in der Schweiz (mir ist es unglaublich, dass Tübingen erst ein Jahr hier sein soll. Aufregung und Trauer und Verzweiflung scheint die Zeit zu dehnen.
Gegen dreiviertelsieben stehe ich auf, lasse Badewasser ein, höre die Nachrichten vom Deutschlandfunk: Norwegen ist bereit, an einem Wirtschaftsembargo gegen Südafrika teilzunehmen. Israel will Vertreter der Palästinenser in der Genfer Verhandlungsdelegation dulden. [...] [S. 218] 

[S.222] Freitag 30.9. 77, wieder in Meteln. Inzwischen ist das Wetter umgeschlagen, gestern kam ich bei Regen wieder in Schwerin an, um die Erkenntnis reicher, dass ich so stabil nicht bin, wie ich vor drei Tagen noch dachte, dass Meldungen über bestimmte Versammlungen mich immer noch deprimieren können. Aber ich muss den Dienstag rekonstruieren, ohne auf Notizen zurückgreifen zu können. [...] mache Spiegeleier, wasche das Frühstücksgeschirr ab… Was ich dabei dachte, weiß ich nun nicht mehr, so wird jetzt ein veräußerlichtes Bild dieses Tages hier entstehen müssen. Es zeigt sich – was auch am Erzählen nachprüfbar –: die äußeren Geschehnisse, Handlungen bleiben schärfer in der Erinnerung als das, was an inneren Leben – oft nicht synchron damit - abläuft. Ebenso, man sagt es mir auch von "Kindheitsmuster" immer wieder: die fast konventionell erzählten Partien, die dort entwickelten Figuren prägen das Erinnerungsbild des Buches bei vielen Lesern, viel stärker jedenfalls als die Reflektionen. Die Frage einer jungen Polin vorgestern auf dem Übersetzerseminar: Man lebe so mit der Familie [S.223] Jordan mit, man identifiziere sich so mit ihr – könne man da nicht die sechs Millionen Toten in Polen darüber vergessen? Zielte auf dieses Phänomen, auf die Kraft des Erzählten, auf sein Durchsetzungsvermögen gegenüber dem nur Gedachten. Muß überlegt werden für künftige Arbeiten.

Ich wusch noch das Mittagsgeschirr – jetzt weiß ich es wieder: Ich war unwillig geworden, nahm das ewige Geschirrwaschen zum Vorwand für den Widerwillen, der sich in Wirklichkeit um eine unterdrückte Angst zusammenzog:; dieses Selbstbehauptungsprogramm, das ich mir fest vorgenommen habe, zeigt seine Kehrseite: ich gebe mir weniger gern die Rückfälle zu, die Angst, die durch einen lächerlichen kleinen Artikel ausgelöst wird, die Fantasien – selbstquälerische –, die sich sofort daran knüpfen und mich mutlos machen, gleich wieder den Wunsch nach Selbstzerstörung hervor treten lassen, den ich doch ernsthaft und systematisch niederkämpfen will. Mir ist klar, daß ich damit werde ich leben müssen – aber eben leben: Er darf mich nicht einschränken. Vielleicht sind manche meiner Mutproben diesem unbewußten Vorsatz zu danken, das ich mich von meiner Angst nicht einschränken lassen will. Dabei ungeheuer und unabweisbar nach diesem Jahr (das eigentlich 'zuviel' war, aber Gerd hat natürlich recht: man muss es anders nehmen: so ist diese Zeit, und so bin ich in ihr, und auch das muss ich nicht aushalten, sondern zur Kenntnis nehmen und durchleben…) Eine alles andere zurückdrängende Sehnsucht nach Ruhe. Nach einem Winkel, in dem man mich einfach leben ließe, ohne Verdächtigung, ohne Beschimpfungen, ohne den Zwang, mich andauernd vor anderen und vor mir verteidigen zu müssen dafür, dass ich so bin oder: so werde. Dies niederzuschreiben, kostet Überwindung wegen der bodenlose Naivität und Unerfüllbarkeit eines solchen Wunsches. Es gibt diesen Winkel nicht. Es gibt nur dieses Spannungsfeld (hier oder dort), in dem Leute wie ich immer zwischen den Fronten stehen, immer von beiden Seiten angegriffen sein müssen; da dann damit zu rechnen haben, dass sie sich, unter dieser Belastung, verändern: [S.223/ 224] zu empfindlich, auch ungerecht werden, also Angriffsfläche bieten, was dann die Munterkeit der Kampagne steigert. Es ist fast eine Materialfrage: wir müssen Nerven beschaffen sein, die das auf die Dauer aushalten. Manchmal wünsche ich mir einen Zusammenbruch, der mir vielleicht eine Pause von ein paar Wochen beschaffen könnte. Aber ich bin inzwischen so gefestigt, daß ich sehr lange am Rande meiner Kraft leben kann. Nicht mehr als ein bißchen Blutdruckanstieg manchmal, ein bisschen Herz- und Magenschmerzen, gehäufte Migräne: das war früher schlimmer, aus minderen Anlässen.
Neulich schrieb mir jemand, die Zahl meiner potentiellen Leser in diesem Land müsse immer mehr abnehmen, das sei gesetzmäßig. Das glaube ich auch.
Die Wunden sind noch schmerzempfindlich, und ich habe Angst auch vor diesem Schmerz, der an Grausamkeit alles überstieg, was ich vorher kannte. So, unter diesen Empfindungen, sitze ich dann stumm neben Gerd im Auto, er streicht mir manchmal übers Knie, dringt nicht in mich wie sonst oft, wenn er Charakter und Herkunft einer Stimmung sofort erfahren will, um dagegen zu polemisieren.
Die Luft ist kalt und klar. Als wir in Lübstorf abbiegen sagt Gerd: Hier ist es einem direkt schon heimatlich, findest du nicht. – Ich denke, wie kostbar ein Heimatgefühl ist und wie schwer man es aufgeben würde. Diesen doppelten Boden haben seit ein paar Monaten alle meine Gedanken. Ich denke, nie mehr würde ich mich woanders heimisch fühlen können, wenn ich hier wegginge. Und ich frage mich, wie hoch der Preis unter Umständen wäre, den ich für dieses Heimatgefühl zu zahlen bereit wäre. Ich frage mich, welchen Preis ich täglich unbewußt zahle, einen Preis in der Münze: Wegsehen, weghören, oder zumindest schweigen. Ich denke oft, ob die Rechnung dafür uns noch zu unseren Lebzeiten präsentiert wird. Wenn nicht, muss ich sie mir selber präsentieren. Ich weiß nicht, ob ich noch einmal die Kraft aufbringe zu der Schonungslosigkeit, die da gebraucht würde. Das ist vielleicht, [S.225] die Kernfrage für die Weiterarbeit, die ich manchmal einfach aufgeben möchte. [...]"

Mittwoch, 27. September 1978 Meteln

"[...] Bei Büchner und Wilde: Unterschied von moralisch sein, als Autor, und moralisieren. Dem muss nachgegangen werden. [...] Beim Aufwachen sah ich einen viereckigen Sonnenfleck an dem Podest, auf dem ich arbeite. Also hatte der Himmel, der nachts sternenklar gewesen war, 'gehalten', erfreulich nach der / unaufhörlichem Regenfinsternis dieses Herbstes." (S.233/34)  

"Während ich Wasser in die Wanne laufen lasse, ertappe ich mich bei der Melodie des Liedes: Hörst du mein heimliches Rufen Hörst du mein heimliches Rufen – wahrscheinlich jahrelang nicht mehr gehört, geschweige gesungen: Lass dich nur einmal noch küssen, zeige mir dein liebes Gesicht… Woher kommt das nun? Ich bade,/ dusche kalt. Abrubbeln mit dem neuen Handtuch: gehört auch zu den Lebensgenüssen. [...] Schon wieder summe ich ein Lied von früher, es kommt aus dem gleichen sentimentalen Vorrat wie das erste: Rosemarie, Rosemarie, sieben Jahre mein Herz nach dir schrie… Also was ist los heute morgen? Wohin steuert mein Unbewusstes, oder: wovon lässt es sich treiben? In einer Assoziationskette komme ich auf die anderen, auf 'unsere' Lieder, die mich jahrelang begleiteten – die ganze Kindheit unserer Kinder lang – und die ich jetzt kaum noch singe, es sei denn auch unbewußt. Einige Zwischenglieder, die ich vergessen, kaum wahrgenommen habe – und schon bin ich wieder beim Herbst '76, beim Januar '77, bei jener Versammlung, bei meinem Verteidigungsversuch. Ich muss die Bilderreihe gewaltsam abbrechen. [...] Das Motiv des Sich-selber-fremd-Werdens beschäftigt mich, vielleicht kann es das Übermotiv werden zu jener 'Fiction' genannten fantastischen Geschichte, die in mir arbeitet, aber noch nicht fertig ist.. [...]

Immer neue Pickel von gestörten Hormonhaushalt, bei dem das Weiblichkeitshormon allmählich auszufallen beginnt. Neulich las ich in einem der beschwichtigenden Artikel, daß der Körper ja jahrelang Zeit habe, sich daran anzupassen. Neue geplatzte Äderchen auf der Wange, der Abdeckstift muss immer mehr abdecken. Mich stört es nicht, obwohl ich mich manchmal frage, ob eigentlich auch mein Körper, so wie mein Geist, sein volles reiches Leben gehabt hat, ob 'ich' / ihm nicht etwas schuldig blieb in meiner Einseitigkeit. Jetzt auf dem Lande kommt er ja mehr zu seinem Recht als in der Stadt. Die Sinne tun sich hier auf, und sie verkümmern schnell und schmerzhaft in zwei, drei Stadttagen: das ist eine der Anstrengungen von Berlin.

Was bedeutet es, dass ich, obwohl niemals 'schön' gewesen, obwohl der Mängel meiner Figur immer bewusst, obwohl selten von anderen Männern begehrt, als Frau keinen Minderwertigkeitskomplex habe? Als junges Mädchen war ich eigentlich darauf angelegt. Wahrscheinlich hat das Zusammenleben mit Gerd und die Intensität und vielleicht auch der Erfolg beim Schreiben ausgereicht, meiner Gier nach einem vollen Leben Genüge zu tun." (S. 234-236)

"Ingeborg A. fragte mich, was ich jetzt arbeitete. Ich sagte, da ich den 'Günderode-Scheiß' [1979 veröffentlicht] nun hinter mir habe, würde ich jetzt etwas 'für mich' schreiben und dann noch was nur für mich – um auszuprobieren, ob ich noch ehrlich sein könnte: Wenn man zum Veröffentlichen schreibe, sei man zwar nicht unehrlich, aber es schiebe sich doch immer etwas zwischen den Kopf und die Hand, und es sei ganz gut, hin und wieder auszuprobieren, ob man diese Zwischenschicht noch weg kriege (es ist ja nur einer der Gründe für das 'Für–mich–Schreiben', aber auch einer)." (S.242)

Christa Wolf 1990 im Gespräch mit ihrer Tochter Annette am 27.9. wenige Tage vor der offiziellen deutschen Einigung:

"Es gibt wohl ein physikalisches Grundgesetz, nach dem Energie nicht verloren gehen kann. Ob dies auch auf seelische Energie zutrifft?

Das frage ich Annette, sie muss es doch wissen. Sie sagt, hier in diesem Land war sehr viel Energie angestaut, die jetzt explosionsartig ausgebrochen ist. Vieles davon wird verpuffen, meint sie. Wir haben uns doch alle in einem seelischen Ausnahmezustand befunden und kehren jetzt zur Normalität zurück. – Normalität? sage ich. Du meinst: In die Krise. – Mutter, sagt sie, du weißt es doch selbst: Das ist jetzt die Normalität. Muss es auch sein. Wäre schlimm, wenn wir die Krise verdrängen würden. – Krise als Chance, sage ich, Kluge Tochter." (S.469).

Zum 27.9.1995, S.543 ff.

Eindrucksvoll, wie Wolf an dem Plan festhält, weiterhin jährlich aus ihrer jeweiligen Gegenwart heraus zu schreiben und ungeschützt Tagesgedanken festzuhalten, obwohl sie sich dessen bewusst ist, dass sie so nicht ihre reflektierte Wahrheit festhalten kann, sondern nur 'Augenblicks'gedanken.  Und dann nach über 30 Jahren dieser Arbeit die Formulierung: "Und ich muss darüber nachdenken, was für einen Unterschied es macht, wenn man eine Geschichte oder auch nur einen Tag von ihrem/seinem Ende hier erzählen kann, oder wenn man einfach mitstenografiert, ohne zu wissen was / kommt – dann kann man auch keine Zentren schaffen, keine Schwerpunkte setzen, selbst die Reflektionen geraten dann dünner." (S. 552/553)

Andererseits hat sie vorher zum selben Tag festgehalten:

"Am Nachmittag habe ich in den Text für den Luchterhand Verlag, der den Inhalt des Medea- Manuskripts beschreibt, den Satz geschrieben: 'Die Erzählerin lässt durchscheinen, dass sich die Verhaltensweisen der gesellschaftlich lebenden Menschen nicht geändert haben, seit Geschichte überliefert wurde.' Und dass diese Verhaltensweisen sich auch nicht ändern werden, könnte ich hinzufügen. Und ich frage mich, ob diese anscheinend tief in mich eingedrungene Überzeugung mit dafür verantwortlich ist, dass der Schreibantrieb schwächer geworden ist (was mir Lew Kopelew, wie ich es ihm neulich im Krankenhaus andeutete, verübelte und heftig bestritt). Oder woher sonst rührt das von Trifonov beobachtete 'Nachlassen der Schreiblibido'? Aus dem Nachlassen der Gefühllsintensität? Aus dem häufig aufkommenden Reflex: Aber das habe ich doch alles schon erlebt? So dass auch die Befriedigung, ein Manuskript beendet zu haben – wie vorgestern endlich das der Medea, das jetzt beim Schreibbüro ist – sich in Grenzen hält. Und doch ist da etwas, vielleicht nur eine Gewohnheit, vielleicht eine lange eintrainierte Disziplin –, dass mich anhält, eben doch jeden Tag ein Stück zu schreiben, auch meine Tagesabläufe zu notieren."  (S.544)

Vielleicht ist aber auch gerade dieses Notieren von Tagesläufen, das nicht in Anspruch nimmt, dass das Schreiben etwas Sinnhaftes ist, was ihr ermöglicht, die Schreibkrise zu überwinden, obwohl aus den oben genannten Gründen ihre Schreiblibido so stark abgenommen hat.

 Bei einer Besichtigung des KZ Groß-Rosen: "wir bogen hinauf und sahen das Tor, ein körperlicher Schlag. Ich weiß, dieses Tor ist es, dass mich nicht schlafen lässt, 'Arbeit macht frei', ich überwand mich,  im Näherkommen zu fotografieren, für Honza, dachte ich, auch für Franci [Franci ­Faktorová (1926–1997), Mutter von Jan Faktor]. [...Dann berichtet Wolf, dass"Eva Erban, die polnische Vorsitzende der Kreisau-Stiftung, die aus Wroclaw herüber gekommen war, sich plötzlich veranlasst sah, von ihren sieben Jahren Sibirien zu sprechen, davon, dass die Russen anderthalb oder zwei Millionen Polen nach Sibirien verschleppt haben, Intellektuelle, Richter, Militärs sowieso, Flüchtlinge aus den Westgebieten… Erinnere mich an die dunklen Augen von Eva Urban, an ihrer Verhaltenheit, wie sie sagt, die Nazis hätten nur zwölf Jahre gehabt, die Sowjets aber siebzig ... . Aber nun wollen wir das Thema wechseln, sagte sie, erinnere ich mich, sie ist dreiundsiebzig und geht schwerfällig, auf einen Stock gestützt. Sie habe 'Kindheitsmuster' vor zwanzig Jahren 'mit brennenden / Ohren' gelesen. – Ich aber sehe hinter allen, vor allen anderen Bildern das Tor." (S.603)

Gerhard Wolf  "Er wiederholt, dass er kaum begreifen kann, wie viel wir noch unterwegs sind, [...] und wenn ich ihn so reden höre, kann ich es selber nicht begreifen und nehme mir vor, für das nächste Jahr noch einige Termine abzusagen. [...]

Ich fange an, darüber nachzudenken, was ich im Februar bei den Poetik-Vorlesungen an der Uni in Göttingen machen könnte. Vielleicht sollte ich über das Tagebuch als literarische Gattung und als Rohstoff für Literatur reden, mir die Frage stellen, wie eigentlich aus den Stück für Stück durchlebten Alltagen 'Schicksal' wird, 'ein Leben', wann und wodurch sich / das banale Alltägliche verwandelt in etwas Tieferes, in Zeitgenossenschaft; überhaupt der Zeitbegriff, unantastbar in seiner schlichten Ausdehnung Minute für Minute, in denen meist gar nichts 'passiert', ich stelle mir die endlosen Minuten der KZ-Häftlinge vor, diese Eintönigkeit, die sicherlich diese Zeit in ihrer Erinnerung unförmig macht und unsere Sucht nach Erleben, nach 'events', die ihrerseits auch die Zeit totschlägt. (Jana sagt, zu ihrem Kummer habe sie kaum Erinnerungen an die Wendezeit, sie ärgert sich, dass sie nichts aufgeschrieben hat.)
Mein Verlangen, möglichst alles festzuhalten, durch diese Aufzeichnungen die Zeit aufzufressen, die ich für das eigentliche Schreiben benötigen würde, und später, wenn ich die tagebuchartigen Manuskripte wieder lese, festzustellen, dass ich beinah alles vergessen hätte, wenn ich es nicht aufgeschrieben hätte. Wohin entschwindet das Erlebte? Und inwiefern prägt es uns doch? Was ja Literatur behauptet, wenn sie aus dem Alltagsstrom verfälschend bestimmten Vorgängen, bestimmten Gedanken und Gefühlserscheinungen Bedeutsamkeit verleiht. Nicht zufällig liegt 'Kindheitsmuster' ein Reisetagebuch zugrunde, nicht zufällig beruht die Struktur von 'Stadt der Engel' auch auf einem Tagebuch, 'Was bleibt' ist die Beschreibung eines Tages, ebenso 'Störfall'. Anscheinend glaube ich, nur so authentisch sein zu können, den Verfälschungen, die Literatur ja auch bedeutet, zu entgehen. [...]
auf einmal höre ich: In den Ostwind hebt die Fahnen – ein Lied, an das ich viele Jahre nicht mehr gedacht habe, Gerd kennt es, er ist erschrocken wie ich über die Zeilen: Und ein Land gibt uns die Antwort / und es trägt ein deutsch Gesicht / dafür haben / viel geblutet / und nun schweigt der Boden nicht.* – Woher jetzt dieses Lied aus einer früheren Geschichtsepoche?" (Seite  604-606)

*  Vollständiger Text:

In den Ostwind hebt die Fahnen,
Denn im Ostwind stehn sie gut,
Dann befehlen sie zum Aufbruch,
Und den Ruf hört unser Blut.
Denn ein Land gibt uns die Antwort,
Und das trägt ein deutsch Gesicht,
Dafür haben wir geblutet,
Und drum schweigt der Boden nicht.


In den Ostwind hebt die Fahnen,
Laßt sie neue Straßen gehn,
Laßt sie neue Straßen ziehen,
Daß sie alte Heimat sehn.
Denn ein Land gibt uns die Antwort,
Und das trägt ein deutsch Gesicht,
Dafür haben wir geblutet,
Und drum schweigt der Boden nicht.

In den Ostwind hebt die Fahnen,
Daß sie wehn zu neuer Fahrt.
Macht euch stark, wer baut im Osten,
Dem wird keine Not erspart.
Doch ein Land gibt uns die Antwort
Und das trägt ein deutsch Gesicht,
Dafür haben wir geblutet,
Und drum schweigt der Boden nicht.

Melodie und Text Hans Baumann


"Auf dem Anrufbeantworter neben Nachrichten für Gerds Verlag [...] auch ein Anruf von Günter Gaus, seine Stimme ist heiser, er hat seine dritte Chemotherapie hinter sich, es gehe 'ganz gut', er fragt, ob wir uns am 10. Oktober, dem Wahlsonntag, bei uns sehen können. Ich denke sehr oft an ihn [...]" (S.607)

Fortsetzung: Ein Tag im Jahr 3

22 Oktober 2023

Christa Wolf: Ein Tag im Jahr

Christa Wolf: Ein Tag im Jahr1960 - 2000, München 2003 [Links zur Wikipedia]

KLAPPENTEXT

1960 erging an die Schriftsteller der Welt ein Aufruf der Moskauer Zeitung Iswestija, sie möge den 27. September dieses Jahres so genau wie möglich beschreiben. Maxim Gorki hatte 1936 damit begonnen, "Einen Tag der Welt", wie es damals hieß, zu porträtieren. Christa Wolf reizte diese Idee, sie hat dann aber nicht nur den 27. September 1960 beschrieben, sondern von diesem Jahr an jeden darauffolgenden 27. September genau beobachtet und festgehalten, "mehr als die Hälfte ihres erwachsenen Lebens".

Rezensionen in Perlentaucher (SZ, ZEIT, NZZ, taz, FR, Sept./Okt. 2003)

Am 22.4.2004 schreibt Arno Widmann eine ungewöhnliche Rezension,
Es ist ein einmaliges Buch. 1960 rief die Moskauer Zeitung Iswestija die Schriftsteller der Welt auf, sie mögen alle einen Tag des Jahres, nämlich den 27. September so genau wie möglich beschreiben. Christa Wolf tat es. Vierzig Jahre lang. "Ein Tag im Jahr" sammelt auf fast 630 Seiten diese Aufzeichnungen. Es gibt keine vergleichbare Chronik der letzten vierzig Jahre. Jeder Leser wird die Schilderungen von Christa Wolf zu seinen Erinnerungen in Beziehung setzen. Christa Wolfs Notizen mobilisieren sein eigenes Gedächtnis. Er erinnert sich, wie sehr auch ihn Moshe Feldenkrais' "Bewusstheit durch Bewegung" (mehr) beeindruckte. Wenn er ein paar Jahre später liest, dass Christa Wolf "Feldenkrais-Exerzitien" macht, dann bewundert er die Kraft, mit der sie versucht, das für richtig Erkannte auch zu tun. Man kann, hat man ein bestimmtes Alter erreicht, "Ein Tag im Jahr" nicht lesen ohne sich dazu in Bezug zu setzen. Zu sehr ist es ein Buch über unser Leben. So anders das Leben der Christa Wolf auch gewesen sein mag als das ihrer Leser. Es sind dieselben Jahre und das übt einen eigenartigen Zauber aus. Identifikation und energische Markierung der Differenz lösen einander ab. Es gibt fast keine Seite, die den Leser ruhig lässt. Er ist zu sehr involviert. Woran Christa Wolf erinnert, beschämt den vergesslichen Leser. Was er bei ihr vermisst, wird dem Leser zu einer wichtigen Spur seiner eigenen Existenz.
Aber neben diesem die Lektüre bestimmenden Grundton gibt es die Themen, die den Leser gefangen nehmen. Da ist gleich vom ersten Jahr an - einen Monat nach dem Mauerbau- die schärfste Kritik an der DDR, die tiefgehende Enttäuschung an dem Staat, den sie gewollt und gestützt hat und die Reflexion darüber, dass sie doch bleiben muss. Um das Bessere zu ermöglichen, um dem weniger Schlimmen aufzuhelfen oder dann später nur noch, weil sie glaubt, es den Freunden, den Lesern schuldig zu sein: "denn hier werde ich gebraucht".
Die Grundspannung bleibt all die Jahre dieselbe. Sie wird nie gelöst. Sie wird gelebt, bedacht, beschrieben und erzählt. In immer neuen Gestalten. Vom "Geteilten Himmel" über "Kassandra" bis "Was bleibt?" 1979 notiert Christa Wolf: "Heute drückt mir dieses ganze Land auf meine Schultern, und nur manchmal werde ich frei davon und kann mich leichter aufrichten. Aber das wäre natürlich woanders genau so. - Nicht ganz, sagt er. Woanders würde es dich nichts angehen. - also eine Selbsttäuschung. - Ja. Aber woher eigentlich diese unauflösbare Identifizierung mit diesem Land. Warum wird man die nie los. - Ich sage, wenn sie es hätten loswerden können, wären Sarah Kirsch und Günter Kunert nicht gegangen. Das ist es eigentlich, wovor sie fliehen mussten. "Und ich werde mich immer an den Augenblick erinnern - Es war nach der Biermann-Ausbürgerung, es war in Ungarn, im Bus von Hevis zum Flughafen, als ich mir versprach: Wenn ich mich frei machen und weiter schreiben kann, ganz unabhängig, kann ich hier bleiben; wenn nicht, muss ich gehen."

Es sind Passagen wie diese, die einem die Augen öffnen für das, was Freiheit ist, wenn sie nur die des Urteils sein kann. Man kommt freilich auch auf den Gedanken, dass man vielleicht nicht alle Freiheiten gleichzeitig haben kann, nicht aus moralischen Gründen, sondern dass man aus ebenso unumstößlichen Gründen nicht gleichzeitig die Freiheit des Handelns wie die des Urteilens und die des Beschreibens haben kann, wie es unmöglich ist, gleichzeitig Ort und Impuls eines Teilchens zu messen. Die von unserer Alltagserfahrung vielfältig gestützte Vorstellung, der handelnde, der sich also in seiner Praxis erfahrende Mensch, sei der, der sich eine klarere Kenntnis seiner Welt und seiner Selbst anzueignen in der Lage wäre, gilt vielleicht nur auf einem bestimmten Niveau unserer Erkenntnis. Auf anderen Ebenen aber verhindert die Fähigkeit zu Handeln gerade die zur Erkenntnis. Auch dafür fehlt es ja nicht an Beispielen, auch allerjüngsten aus Wirtschaft und Politik.

Jeder Leser wird "Ein Tag im Jahr" immer wieder aus der Hand legen, um solchen Tagträumereien nachzuhängen. Wer davor erschrickt, der wird keine zehn Seiten des Buches lesen können, wer dagegen für diese Art von Droge auch nur ein wenig empfindlich ist, der wird dem Buch verfallen. "Ein Tag im Jahr" ist ein stark wirksames Halluzinogen. Wie alle derartigen Substanzen bewirkt es, dass wir die Welt, nachdem wir sie genossen haben, anders wahrnehmen. "Ein Tag im Jahr" lässt einen anders als viele andere Halluzinogene nicht vergessen, wie arm man ohne es war, und gerade diese Erinnerung beflügelt die Einbildungskraft und macht einem Mut, weiter zu denken, selber zu denken. So sehr die Autorin sich ausliefert und so sehr das Regime der schwarzen Galle  hinter jeder Zeile zu drohen scheint, so sehr immer wieder der Generalbass aller Melancholie - die Antriebslosigkeit - aufklingt, so sehr mobilisiert dieses Buch gerade dadurch die Lebenskräfte des Lesers, seinen kindlichen Assoziationsdrang, seine Einfallslust. "Ein Tag im Jahr" ist gerade durch seinen Ernst, durch die Nähe zum Schmerz ein heiteres, ein erheiterndes Buch. 
Und es gibt Sätze darin! Noch ganze Generationen werden ihre Notizbücher und - es wird sie sicher wieder einmal geben - Poesiealben damit füllen: "Das Plenum hat entschieden: Die Realität wird abgeschafft." Das hat Christa Wolf zum berühmt-berüchtigten 11. Plenum des ZK der SED 1965 notiert. Wer Herrn Weltekes langen Abschied vom Amt beobachtete, dem wurde klar, dass man dasselbe von einem Aufsichtsrat sagen kann. Institutionen, die uns helfen sollen beim Umgang mit der Welt, neigen dazu, uns den Blick auf sie zu verstellen. Mein Lieblingssatz aber lautet: "Politik machen, was soviel heißt wie: Gewalt verteilen." Soviel Carl Schmitt hat niemand bei Christa Wolf vermutet. Daneben gibt es Äußerungen, deren Zartheit so beschaffen ist, dass sie einem über Stunden weiterhilft: "Ich wusste auch, noch während ich auf meinem bequemen Kinosessel mir vornahm, klare, mutige Handlungen nicht zu meiden, sondern zu suchen, dass ich diesen Vorsatz nicht ausführen werde, dass ich nicht frei bin zu tun, was ich will, nicht einmal zu wollen, was ich will: das ist eigentlich 'Altern', das zu wissen und doch weiterzuleben und Freude und Genuss zu suchen und zu finden."

Kurzeindrücke von Fontanefan nach der Lektüre von Abschnitten aus unterschiedlichen Perioden
Periode 1993/94 nach dem Kalifornienaufenthalt: Ich staune weiter darüber, wie viel Christa Wolf noch über einen vergangenen Tag zu berichten weiß. Sie ist immerhin in dem Alter, wo andere Leute in Rente gehen oder in Pension (ich habe in dem Alter schon eine Zeit lang nicht mehr meinen Beruf ausgeübt) Und dann lese ich, dass sie bedauert, dass sie in der Zeit, wo sie diese Gedächtnisleistung aufbringt und auch noch sehr sprachbewusst (wenn auch nicht künstlerisch durchformt) das Erinnerte zu Papier bringt, dafür so viel Zeit brauche, ob es nicht verlorene Zeit sei. Dabei tut sie das schon seit über 30 Jahren und muss wissen, wie viel sie dem Vergessenwerden entrissen hat. 
Daneben: Es ist die Zeit, wo sie nach dem Kalifornienaufenthalt wieder in der deutschen Öffentlichkeit auftritt. So spricht sie offen darüber, dass sie schlecht damit zurecht gekommen sei, dass ihr Mann aus der Partei ausgeschlossen wurde, sie aber nicht. Sie habe es aber nicht fertiggebracht, von sich aus auszutreten, als die Versammlung sie nicht ausschloss: "Daß ich in dem Moment überrumpelt war, nicht geistesgegenwärtig genug, das zu tun, was ich da hätte tun müssen. [...] Heute früh fing ich an, meine Offenheit zu bereuen. Natürlich waren Pressevertreter mit im Raum, und natürlich wird man ein solches Bekenntnis gegen mich verwenden." (S.526)


Leseprobe:
 https://www.suhrkamp.de/buch/christa-wolf-ein-tag-im-jahr-t-9783518460078

Achtung! Der Text ist nur über das Link korrekt zu lesen.

"Dienstag, 27. September 1960 Halle/S., Amselweg

Als erstes beim Erwachen der Gedanke: Der Tag wird wieder anders verlaufen als geplant. Ich werde mit Tinka wegen ihres schlimmen Fußes zum Arzt müssen. Draußen klappen Türen. Die Kinder sind schon im Gange. Gerd schläft noch. Seine Stirn ist feucht, aber er hat kein Fieber mehr. Er scheint die Grippe überwunden zu haben. Im Kinderzimmer ist Leben. Tinka liest einer kleinen, dreckigen Puppe aus einem Bilderbuch vor: Die eine wollte sich seine Hände wärmen; die andere wollte sich seine Handschuh wärmen; die andere wollte Tee trinken. Aber keine Kohle gab’s. Dummheit! Sie wird morgen vier Jahre alt. Annette macht sich Sorgen, ob wir genug Kuchen backen werden. Sie rechnet mir vor, daß Tinka acht Kinder zum Kaffee eingeladen hat. Ich überwinde einen kleinen Schreck und schreibe einen Zettel für Annettes Lehrerin: Ich bitte, meine Tochter Annette morgen schon mittags nach Hause zu schicken. Sie soll mit ihrer kleinen Schwester Geburtstag feiern. Während ich Brote fertigmache, versuche ich mich zu erinnern, wie ich den Tag, ehe Tinka geboren wurde, vor vier Jahren verbracht habe. Immer wieder bestürzt es mich, wie schnell und wie vieles man vergißt, wenn man nicht alles aufschreibt. Andererseits: Alles festzuhalten wäre nicht zu verwirklichen: Man müßte aufhören zu leben. – (S.9) [...] Im Wartezimmer großes Palaver. Drei ältere Frauen hocken beieinander. Die eine, die schlesischen Dialekt spricht, hat sich gestern eine blaue Strickjacke gekauft, für hundertdreizehn Mark. Das Ereignis wird von allen Seiten beleuchtet. Gemeinsam schimpfen alle drei über den Preis. Eine jüngere Frau, die den dreien gegenüber sitzt, mischt sich endlich überlegenen Tons in die fachunkundigen Gespräche. Es kommt heraus, daß sie Textilverkäuferin und daß die Jacke gar nicht »Import« ist, wie man der Schlesierin beim Einkauf beteuert hatte. Sie ist entrüstet. Die Verkäuferin verbreitet sich über die Vor- und Nachteile von Wolle und Wolcrylon. Wolcrylon sei praktisch, sagt sie, aber ..." (S.13/14)

Textauszüge:

27.9.1960 bis  27.9.1961 Halle/S., Amselweg

27.9.1962 bis 27.9.1970 

1.10.1964 Kleinmachnow Förster-Funke-Allee S.70/1









































"Dienstag 27.September 1977

Wolf schreibt - möglichst aktuell, aber doch immer wieder auch erst nachträglich oder auf mehrere Tage verteilt. Am 27.9.77 beginnt sie am Tag selbst, Nach 4,5 Druckseiten schreibt sie "Es ist jetzt 9 Uhr 45." - Da hat sie inzwischen [ab S.217] berichtet, dass sie morgens "vielleicht gegen drei" raus musste. 

Buchtext:

"Ich schlief bald wieder ein. erwachte endgültig um sechs. Obwohl ich mir abends – getreu eines Ratschlages in einer Fernsehsendung über Träume – den Befehl gegeben hatte, bei einem wichtigen Traum aufzuwachen und ihn zu behalten, verflüchtigte sich der Morgentraum unaufhaltsam. In meinem noch halbdämmrigen Bewusstsein setzte ein Suchen und Tasten nach festen Gegenständen ein, an denen die Gedanken sich halten könnten. Ich versuchte mir diese Gegenstände zu merken, da mir nach einiger Zeit einfiel, dass heute "Tag des Jahres" ist. Jetzt schon fällt es mir schwer, sie im Gedächtnis zu reproduzieren.

Immer noch geht es, wenn ich unwillkürlich mich denken lasse, um die Bewältigung des Schocks dieses Jahres – Biermann-Ausbürgerung und die Folgen. Immer noch bin ich verstrickt in einen inneren Monolog über dieses Thema, bemüht um Rechtfertigung und Selbstrechtfertigung. Ich probte im Innern einen Dialog mit Übersetzern in Buckow, zu denen ich morgen fahren werde, minutenlang verfiel ich in dem Wunschtraum, Sarah käme zurück und wir richten ihr eine Wohnung ein. Beobachte auch seit Tagen an mir eine Verfestigung meines Willens zum Hiersein, was immer das nun für die Zukunft bedeuten mag. Überlegte eine Atmosphäre, eine Stimmung für den Mittelteil meiner Kleist-Günderode-Geschichte, der mir zu schwerfällig, noch ohne Inspiration zu sein scheint. Diese Art Inspirationen, die kleineren, handwerklichen, muss ich mir langwierig und mühsam [S.217/218] erarbeiten. Andere, "größere" Einfälle kommen öfter, scheinbar mühelos. (Eben, als Gerd sagt, in seinem Fürnberg-Nachwort habe der Verlag den Namen "Ernst Fischer" gestrichen, denke ich, man müsste einmal etwas schreiben unter dem Titel und Person. So in diesem Sommer eine Fülle von Plänen: vorgestern Nacht fiel mir ein Dialog zu dem Thema "Demontage" ein, den ich gestern Vormittag aufschrieb, der von Gerd sofort als zu platt erkannt und gar nicht erst zu Ende gelesen wurde.) Froh bin ich über den Einfall, der "Fiction" zu einem vielschichtigen Stoff gemacht hat, zu dem ich auch an diesem Morgen, nach sechs, neue Einfälle hatte, den ich nun "nur" noch ausarbeiten muss. Wie so oft denke ich über die Grenzen nach, an die unser an Tabus geschultes Denken ständig stößt. Ich sehe, da es immer hell dafür, die Rose bei der Schreibmaschine vom Bett aus, finde sie schön, freue mich. Gerd fragt, wie spät es sei. – Halb sieben.. (Er hat nie eine Uhr in Reichweite.) Gar nicht so warm hier drin, sagt er. – Ich gestehe, mein Hals ist etwas dick. Immer die erste raue Luft im Herbst legt sich mehr auf den Rachen. Er will dagegen sofort etwas unternehmen, weiß bloß nicht, was, trauert den guten Tabletten nach, die wir voriges Jahr in Tübingen hatten, als ich eine Angina niederkämpfen musste. Oder war es vor zwei Jahren in der Schweiz (mir ist es unglaublich, dass Tübingen erst ein Jahr hier sein soll. Aufregung und Trauer und Verzweiflung scheint die Zeit zu dehnen.
Gegen dreiviertelsieben stehe ich auf, lasse Badewasser ein, höre die Nachrichten vom Deutschlandfunk: Norwegen ist bereit, an einem Wirtschaftsembargo gegen Südafrika teilzunehmen. Israel will Vertreter der Palästinenser in der Genfer Verhandlungsdelegation dulden. [...] [S. 218] 

[S.222] Freitag 30.9. 77, wieder in Meteln. Inzwischen ist das Wetter umgeschlagen, gestern kam ich bei Regen wieder in Schwerin an, um die Erkenntnis reicher, dass ich so stabil nicht bin, wie ich vor drei Tagen noch dachte, dass Meldungen über bestimmte Versammlungen mich immer noch deprimieren können. Aber ich muss den Dienstag rekonstruieren, ohne auf Notizen zurückgreifen zu können. [...] mache Spiegeleier, wasche das Frühstücksgeschirr ab… Was ich dabei dachte, weiß ich nun nicht mehr, so wird jetzt ein veräußerlichtes Bild dieses Tages hier entstehen müssen. Es zeigt sich – was auch am Erzählen nachprüfbar –: die äußeren Geschehnisse, Handlungen bleiben schärfer in der Erinnerung als das, was an inneren Leben – oft nicht synchron damit - abläuft. Ebenso, man sagt es mir auch von "Kindheitsmuster" immer wieder: die fast konventionell erzählten Partien, die dort entwickelten Figuren prägen das Erinnerungsbild des Buches bei vielen Lesern, viel stärker jedenfalls als die Reflektionen. Die Frage einer jungen Polin vorgestern auf dem Übersetzerseminar: Man lebe so mit der Familie [S.223] Jordan mit, man identifiziere sich so mit ihr – könne man da nicht die sechs Millionen Toten in Polen darüber vergessen? Zielte auf dieses Phänomen, auf die Kraft des Erzählten, auf sein Durchsetzungsvermögen gegenüber dem nur Gedachten. Muß überlegt werden für künftige Arbeiten.

Ich wusch noch das Mittagsgeschirr – jetzt weiß ich es wieder: Ich war unwillig geworden, nahm das ewige Geschirrwaschen zum Vorwand für den Widerwillen, der sich in Wirklichkeit um eine unterdrückte Angst zusammenzog:; dieses Selbstbehauptungsprogramm, das ich mir fest vorgenommen habe, zeigt seine Kehrseite: ich gebe mir weniger gern die Rückfälle zu, die Angst, die durch einen lächerlichen kleinen Artikel ausgelöst wird, die Fantasien – selbstquälerische –, die sich sofort daran knüpfen und mich mutlos machen, gleich wieder den Wunsch nach Selbstzerstörung hervor treten lassen, den ich doch ernsthaft und systematisch niederkämpfen will. Mir ist klar, daß ich damit werde ich leben müssen – aber eben leben: Er darf mich nicht einschränken. Vielleicht sind manche meiner Mutproben diesem unbewußten Vorsatz zu danken, das ich mich von meiner Angst nicht einschränken lassen will. Dabei ungeheuer und unabweisbar nach diesem Jahr (das eigentlich 'zuviel' war, aber Gerd hat natürlich recht: man muss es anders nehmen: so ist diese Zeit, und so bin ich in ihr, und auch das muss ich nicht aushalten, sondern zur Kenntnis nehmen und durchleben…) Eine alles andere zurückdrängende Sehnsucht nach Ruhe. Nach einem Winkel, in dem man mich einfach leben ließe, ohne Verdächtigung, ohne Beschimpfungen, ohne den Zwang, mich andauernd vor anderen und vor mir verteidigen zu müssen dafür, dass ich so bin oder: so werde. Dies niederzuschreiben, kostet Überwindung wegen der bodenlose Naivität und Unerfüllbarkeit eines solchen Wunsches. Es gibt diesen Winkel nicht. Es gibt nur dieses Spannungsfeld (hier oder dort), in dem Leute wie ich immer zwischen den Fronten stehen, immer von beiden Seiten angegriffen sein müssen; da dann damit zu rechnen haben, dass sie sich, unter dieser Belastung, verändern: [S.223/ 224] zu empfindlich, auch ungerecht werden, also Angriffsfläche bieten, was dann die Munterkeit der Kampagne steigert. Es ist fast eine Materialfrage: wir müssen Nerven beschaffen sein, die das auf die Dauer aushalten. Manchmal wünsche ich mir einen Zusammenbruch, der mir vielleicht eine Pause von ein paar Wochen beschaffen könnte. Aber ich bin inzwischen so gefestigt, daß ich sehr lange am Rande meiner Kraft leben kann. Nicht mehr als ein bißchen Blutdruckanstieg manchmal, ein bisschen Herz- und Magenschmerzen, gehäufte Migräne: das war früher schlimmer, aus minderen Anlässen.
Neulich schrieb mir jemand, die Zahl meiner potentiellen Leser in diesem Land müsse immer mehr abnehmen, das sei gesetzmäßig. Das glaube ich auch.
Die Wunden sind noch schmerzempfindlich, und ich habe Angst auch vor diesem Schmerz, der an Grausamkeit alles überstieg, was ich vorher kannte. So, unter diesen Empfindungen, sitze ich dann stumm neben Gerd im Auto, er streicht mir manchmal übers Knie, dringt nicht in mich wie sonst oft, wenn er Charakter und Herkunft einer Stimmung sofort erfahren will, um dagegen zu polemisieren.
Die Luft ist kalt und klar. Als wir in Lübstorf abbiegen sagt Gerd: Hier ist es einem direkt schon heimatlich, findest du nicht. – Ich denke, wie kostbar ein Heimatgefühl ist und wie schwer man es aufgeben würde. Diesen doppelten Boden haben seit ein paar Monaten alle meine Gedanken. Ich denke, nie mehr würde ich mich woanders heimisch fühlen können, wenn ich hier wegginge. Und ich frage mich, wie hoch der Preis unter Umständen wäre, den ich für dieses Heimatgefühl zu zahlen bereit wäre. Ich frage mich, welchen Preis ich täglich unbewußt zahle, einen Preis in der Münze: Wegsehen, weghören, oder zumindest schweigen. Ich denke oft, ob die Rechnung dafür uns noch zu unseren Lebzeiten präsentiert wird. Wenn nicht, muss ich sie mir selber präsentieren. Ich weiß nicht, ob ich noch einmal die Kraft aufbringe zu der Schonungslosigkeit, die da gebraucht würde. Das ist vielleicht, [S.225] die Kernfrage für die Weiterarbeit, die ich manchmal einfach aufgeben möchte. [...]"


Zu Wolfs Bericht über den 27.9.94
Ich habe den Eindruck, dass Wolf sich anlässlich des ausführlichen Berichts manches von der Seele schreibt, was sie sonst nicht zu Papier bringen würde, wenn nicht der Auftrag, den sie vor 34 Jahren angenommen hat, ihr die Rechtfertigung böte, einiges relativ ausführlich unverarbeitet als rohen Erlebnis- und Reflexionsstoff  festzuhalten.