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05 Dezember 2013

Cäsarenwahnsinn

Was Pest und Krieg verdarben, ist wenig gegen die verhängnisvolle Verwüstung der Völker, welche durch dies besondere Leiden der Herrscher angerichtet wurde. Denn diese Krankheit, welche noch lange nach Tacitus unter den römischen Imperatoren wütete, ist kein Leiden, welches auf das alte Rom beschränkt war, sie ist zuverlässig so alt, wie die Despotien des Menschengeschlechts, sie befiel auch später in den christlichen Staaten zahlreiche Herrscher, sie brachte in jeder Zeit anders geformte, groteske Gestalten hervor, sie war durch Jahrtausende der Wurm, welcher, in der Hirnschale eingeschlossen, das Mark des Hauptes verzehrte, das Urteil vernichtete, die sittlichen Empfindungen zerfraß, bis zuletzt nichts übrigblieb als der hohle Schein des Lebens. Zuweilen wurde es Wahnsinn, den auch der Arzt nachweisen kann, aber in zahlreichen anderen Fällen hörte die bürgerliche Zurechnungsfähigkeit nicht auf und der geheime Schaden barg sich sorgfältig. Es gab Zeiträume, wo nur einzelne festgefügte Seelen sich billige Gesundheit bewahrten, und wieder andere Jahrhunderte, wo ein frischer Luftzug aus dem Volke die Häupter, welche das Diadem trugen, frei erhielt. Ich bin überzeugt, wer den Beruf hat, die Zustände späterer Zeit genau zu untersuchen, wird im Grunde denselben Verlauf der Krankheit selbst noch in den milderen Formen unserer Bildung erkennen. Meinem Leben liegen diese Beobachtungen fern, auch zeigt der römische Staat allerdings die abenteuerlichsten Formen der Krankheit, denn dort sind die größten Verhältnisse und eine so mächtige Entfaltung der Menschennatur in Tugend und Verkehrtheit, wie seitdem selten in der Geschichte.«
»Den Herren Gelehrten aber macht das besondere Freude, diese Leiden früherer Herrscher ans Licht zu stellen?« fragte der Fürst.
»Sie sind gewiß lehrreich für alle Zeiten,« fuhr der Professor sicher fort, »denn sie prägen durch furchtbare Beispiele die Wahrheit ein, daß der Mann, je höher er steht, um so stärkere Schranken nötig hat, welche die Willkür seines Wesens bändigen. Ew. Hoheit freies Urteil und reiche Erfahrung werden schärfer als jemand aus meinem Lebenskreise beobachten, daß diese Krankheitserscheinungen sich stets da zeigen, wo der Regierende weniger zu scheuen und zu ehren hat als ein anderer Sterblicher. Was den Menschen in gewöhnlicher Lage gesund erhält, ist doch nur, daß ihm eine strenge und unablässige Kontrolle seines Lebens in jedem Augenblick fühlbar wird, seine Freunde, das Gesetz, die Interessen anderer umgeben ihn von allen Seiten, sie fordern gebieterisch, daß er Denken und Wollen der Ordnung füge, durch welche andere ihr Gedeihen sichern. Zu jeder Zeit ist die Gewalt dieser Fesseln bei dem Regenten minder stark; was ihn einengt, vermag er leichter niederzuwerfen, eine ungnädige Handbewegung scheucht den Warnenden für immer von seiner Seite, vom Morgen bis zum Abend ist er mit Personen umgeben, welche ihm bequem sind, ihn mahnt kein Freund an seine Pflicht, ihn straft kein Gesetz. Hundert Beispiele lehren, daß frühere Herrscher selbst bei großen äußeren Erfolgen an innerer Verwüstung litten, wo nicht eine starke öffentliche Meinung und kräftige Teilnahme des Volkes am Staat sie unablässig zwang, sich selbst zu behüten. Es liegt nahe, an die riesengroße Kraft eines Feldherrn und Eroberers zu denken, den die Erfolge und Siege des eigenen Lebens ins Wüste und Maßlose getrieben haben, er war ein furchtbarer Phantast geworden, Lügner gegen sich selbst, Lügner gegen die Welt, bevor er gestürzt wurde, und lange bevor er starb. Doch dergleichen zu untersuchen, ist, wie gesagt, nicht mein Beruf.«
»Nein,« sagte der Fürst tonlos.
»Die entfernte Zeit,« begann der Obersthofmeister, »welche Sie im Auge haben, war aber nicht nur für die Regenten, auch für die Völker eine traurige Epoche. Wenn mir recht ist, war das Gefühl des Absterbens allgemein, auch bewunderte Schriftsteller taugten nicht viel, mir wenigstens sind solche Männer wie Apulejus und Lucian als eitle und kläglich gemeine Menschen erschienen.«
Der Professor sah überrascht auf den Hofmann.
»In meiner Jugend las man dergleichen häufiger,« fuhr dieser fort. »Ich verdenke den Besseren jener Zeit nicht, wenn sie sich mit Widerwillen von solchem Treiben abwandten und sich in das engste Privatleben oder in die Thebanische Wüste zurückzogen. Deshalb, wenn Sie von einer Krankheit der römischen Imperatoren sprechen, möchte ich entgegnen, daß sie nur Folge einer ungeheuern Erkrankung der Völker ist, obgleich ich sehr wohl einsehe, daß sich während diesem Verderb der einzelnen ein großer Fortschritt des Menschengeschlechts vollzogen hat, die Befreiung der Völker aus abschließendem Volkstum zu einer Kultureinheit, und der neue Idealismus, welcher durch das Christentum auf die Erde kam.«
»Zuverlässig ist die Form des Staates und die Form der Bildung, welche die einzelnen Kaiser vorfanden, entscheidend für ihr Leben gewesen. Jedermann ist in diesem Sinne Kind seiner Zeit, und wenn es gilt, das Maß ihrer Schuld zu bestimmen, dann wird vorsichtiges Abwägen ziemen. Aber was ich die Ehre hatte, Sr. Hoheit als besonderen Vorzug des Tacitus anzuführen, ist auch nur die Meisterschaft, mit welcher er die eigentümlichen Symptome und den Verlauf des Zäsarenwahnsinns schildert.«
»Sie waren alle wahnsinnig,« unterbrach der Fürst mit heiserer Stimme.
»Verzeihung, gnädiger Herr,« entgegnete der Professor arglos. »Augustus wurde auf dem Throne ein besserer Mann, und nach der Zeit, in welcher Tacitus schrieb, haben noch manche gute und maßvolle Herrscher gelebt. Etwas von dem Fluch, welchen übel beschränkte Macht auf die Seelen ausübte, mag an der Mehrheit der römischen Kaiser erkennbar sein. In den besseren aber lag er wie eine Kränklichkeit, welche, nur selten bemerkbar, immer wieder durch Tüchtigkeit oder gute Natur gebändigt wurde. Eine Anzahl freilich verdarb durchaus, und in ihnen entwickelte sich die Krankheit nach einer bestimmten Stufenfolge, deren innere Gesetzlichkeit wir wohl begreifen.«
»Sie wissen also auch, wie den Leuten zumute war?« fuhr der Fürst auf, den Professor scheu anblickend.
Der Obersthofmeister trat in eine Fensternische.
»Der Verlauf der Krankheit ist im allgemeinen nicht schwer zu verfolgen,« versetzte der Professor, erfüllt von seinem Gegenstande. »Die Übernahme der Regierung wirkt zunächst erhebend. Der höchste Erdenberuf steigert auch beschränkte Menschen wie den Claudius, verdorbene Buben wie den Caligula, Nero und Domitian während der ersten Wochen zu einem gewissen pathetischen Adel. Lebhaft ist das Bestreben, zu gefallen, beflissen die Arbeit, sich durch Gnade festzusetzen; die Scheu vor einflußreichen Persönlichkeiten oder vor dem Widerstreben der Masse zwingt zur Vorsicht. Die Herrschaft aber hat den Menschen zum Sklaven gemacht, und der Sklavensinn trägt eine Verehrung entgegen, welche den Kaiser äußerlich über andere Menschen hinausstellt, er ist von den Göttern besonders begnadigt, ja seine Seele ein Ausfluß der göttlichen Kraft. In dieser knechtischen Unterwürfigkeit aller und der Sicherheit der Herrschaft wuchert bald der Egoismus. Die zufälligen Forderungen eines ungebändigten Willens werden rücksichtslos, die Seele verliert allmählich das Urteil über Bös und Gut, der persönliche Wunsch erscheint dem Regierenden sofort als Bedürfnis des Staates, jede Laune des Augenblicks heischt Befriedigung. Das Mißtrauen gegen Unabhängige führt zu kopflosem Argwohn, wer sich nicht fügt, wird als Feind beseitigt, wer sich geschmeidig anzupassen versteht, ist sicher, eine Herrschaft über den Herrscher auszuüben. Die Familienbande reißen, die nächsten Verwandten werden als geheime Feinde umlauert, der gleißende Schein eines herzlichen Vertrauens wird bewahrt, plötzlich durchbricht eine Missetat den Schleier, mit welchem Heuchelei ein innerlich hohles Verhältnis umzogen hat.«
Der Fürst rückte mühsam seinen Sessel von dem Kaminfeuer in das Dunkel.
Der Professor fuhr eifrig fort: »Die Idee des römischen Staates verliert sich zuletzt ganz aus den Seelen, ja sie wird als feindselig gehaßt, nur persönliche Anhänglichkeit wird gefordert, treue Hingabe an den Staat erscheint als Verbrechen. Diese Hilflosigkeit und das Schwinden des Urteils über die Tüchtigkeit, ja über die wirkliche Ergebenheit der Menschen bezeichnen einen Fortschritt der Krankheit, durch welchen bereits die Zurechnungsfähigkeit beeinträchtigt wird. In dieser Zeit werden die Bildungselemente immer beschränkter und einseitiger, das Wollen immer eitler und kleinlicher. Ein kindisches Wesen wird sichtbar, Freude an elendem Tand und eitlen Possen, daneben eine bubenhafte Tücke, welche zwecklos verdirbt, es wird Genuß, nicht nur zu quälen, auch die Qualen anderer zu schauen, unwiderstehlich wird das Gelüst, Hervorragendes in das Gemeine herabzuziehen, ja auch Gleichgültiges zu vernichten. Sehr merkwürdig ist, wie mit dieser Abnahme der Denkkraft eine unruhige und zerstörende Sinnlichkeit überhandnimmt. Ihre dunkle Gewalt wird übermächtig. Während sonst die Würde des höheren Alters auch dem Schwachen Haltung gibt, verletzt hier das widerliche Bild bejahrter Wüstlinge wie Tiberius und Claudius. In einer schamlosen und raffinierten Hingabe an Lüste wird die letzte Lebenskraft zerstört.«
»Das ist sehr merkwürdig,« wiederholte tonlos der Fürst.
Der Professor schloß: »So vollendet sich der Verderb in vier Stufen, zuerst maßlose Selbstsucht, dann Argwohn und Heuchelei, dann knabenhafte Unvernunft, das letzte tut widerwärtige Ausschweifung.«

G. Freytag: Die verlorene Handschrift, Kapitel 33

Hofleben

Nun, an jedem Privilegium hängt ein alter Fluch, der die meisten trifft, welche daran teilhaben. Das mag auch von den Vorrechten des Hofes gelten. Das Leben unserer Fürsten ist in den Bann bestimmter Kreise eingeschlossen, Anschauung und Vorurteil einer Umgebung, die sie sich nicht frei wählen dürfen, umgibt sie vom ersten Tage ihres Lebens bis zum letzten. Daß sie nicht stärker und freier sind, rührt zum großen Teil von der engen Atmosphäre, in welche sie durch die Etikette gebannt sind. Das ist ein Unglück nicht nur für sie selbst, ist für uns alle ein Leiden, daß unsere Fürsten so häufig die bürgerliche Gesellschaft mit den Augen eines Kammerjunkers betrachten. Diesen Übelstand mag man als Mitlebender schmerzlich fühlen. Und ich meine allerdings, der Kampf, welcher in unserm Vaterlande auf verschiedenen Gebieten entbrannt ist, wird nicht eher mit einem guten Frieden enden, als bis die Gefahren beseitigt sind, welche die alte Hofordnung der Erziehung unserer Fürsten bereitet. [...]
Ich begreife, daß die Arbeit der Gelehrten für jeden, der zu ihrer stillen Gemeinde gehört, einen unwiderstehlichen Reiz ausüben muß.  [...]

die Menschen, von denen ich umgeben bin, auch die guten, sie alle denken und sorgen behaglich um sich selbst und schließen bequeme Verträge zwischen ihrem Pflichtgefühl und ihrem Egoismus. Hier aber erkenne ich eine Selbstlosigkeit und eine unablässige Hingabe des eigenen Daseins an die höchste Arbeit des Menschen.

Gustav Freytag: Die verlorene Handschrift

Felix Werner und Ilse

»Ich will dir erst sagen, weshalb ich frage und was ich von dir wissen möchte. Als ich dich heimführte aus Hof und Flur, da warst du trotz deinem innigen deutschen Empfinden nach meiner Rücksicht eine Gestalt, wie wir uns Nausikaa und Frau Penelope behaglich in ihrer Umgebung ausmalen. Unbefangen nahmst du die Bilder der Welt in dich auf, du standest sicher und stark in festumgrenztem Kreis von Rechten und Pflichten; mit kindlichem Vertrauen holtest du von der Sitte deines Kreises und aus heiligen Sprüchen die Richtschnur für Urteil und Handeln. Deine Liebe zu mir, die Berührung mit anders geformten Seelen, der Einblick in ein neues Gebiet des Wissens erweckten in deinem Innern leidenschaftliche Klänge, die Unsicherheit kam und der Zweifel, neue Gedanken arbeiteten heftig gegen alte Vorstellungen, die Forderungen deines gegenwärtigen Lebens gegen den Inhalt deiner Mädchenjahre. Du warst durch Monate unglücklicher als ich wußte. Jetzt aber bist du in einer Zeit, wo ich mich deiner fröhlichen Ruhe und deines Gedeihens freute, zu einem Verständnis des Menschen vorgedrungen, das mich überrascht. Oft habe ich in den letzten Abenden mit heimlicher Freude gesehen, wie warm deine Teilnahme und wie mild dein Urteil die Charaktere des Dramas begriff. Ich hatte erwartet, daß das Herbe und Ungeheure ihres Schicksals dich zuweilen abstoßen würde, und daß du behend sein würdest in Zuneigung und Abneigung, du aber hast dein Mitgefühl den dunkeln Gestalten gegönnt wie den hellen, als wenn deine Seele selbst unter der Ahnung gezuckt hätte, daß sich im eigenen Leben Gutes in Böses verkehren kann und Segen in Fluch, und als wenn du in dir selbst erfahren hättest, daß der Mensch nicht nur dem äußeren Sittengesetze zu folgen hat, wie erhaben sein Ursprung sei, sondern daß in Stunden der Not noch ein anderes Gebot dazukommen müsse, welches aus der Tiefe der Menschenbrust heraufgeholt wird. [...]
Ich dränge mich nicht in dein Vertrauen, aber ist dir's recht, so gib mir Auskunft, wie ist dir die feine Empfindung für die geheimen Kämpfe solcher Menschen aufgegangen, welche ein tragisches Schicksal fortreißt?« Ilse faßte ihn an der Hand und zog ihn in ihr Zimmer. »Auf dieser Stelle war's,« rief sie. »Ein Fremder fragte mich, ob er sich tödlicher Gefahr aussetzen solle um seiner Ehre willen oder ob er einen andern der Gefahr preisgeben dürfe. Ich hatte ihm ein Recht zu solcher Frage gegeben, denn ich hatte schon früher zu ihm mit größerer Offenheit über sein Leben gesprochen, als für eine vorsichtige Frau klug war.

Gustav Freytag: Die verlorene Handschrift

24 November 2013

Die Vorweihnachtszeit aus der Sicht eines Mannes

Wenn man das Urteil des Herrn Hummel als gemeingültig betrachten darf, ist leider auch den Männern, welche die Ehre eines Hauses zu vertreten haben, die Begeisterung dieser Wochen nicht vollständig entwickelt. 
»Glauben Sie mir, Gabriel,« sagte Herr Hummel an einem Dezemberabend, während er einem Jungen nachblickte, der mit Brummteufeln umging, »in dieser Zeit verliert der Mann seine Bedeutung; er ist nichts als Geldspind, in dem sich der Schlüsselbart vom Morgen bis zum Abend dreht. Die beste Frau wird unverschämt und phantastisch, alles Familienvertrauen schwindet, eines geht scheu an dem andern vorüber, die Hausordnung wird mit Füßen getreten, die Nachtruhe gewissenlos ruiniert; wenn gegessen werden soll, läuft die Frau auf den Markt, wenn die Lampe ausgelöscht werden soll, fängt die Tochter eine neue Stickerei an. Und ist die lange Not ausgestanden, dann soll man sich gar noch freuen über neue Schlafschuhe, welche einen Zoll zu klein sind, und bei denen man später die grobe Schusterrechnung zu bezahlen hat, und über eine Zigarrentasche von Perlen, die platt und hart ist wie eine gedörrte Flunder. Endlich zu allerletzt, nachdem man goldene Funken gespuckt hat wie eine Rakete, fordern die Fragen noch, daß man auch ihnen selbst durch eine Schenkung sein Gemüt erweist. Nun, die meinigen habe ich mir gezogen.« »Ich habe doch auch Sie selbst gesehen,« wandte Gabriel ein, »mit Paket und Schachtel unter dem Arm.« »Dies ist wahr,« versetzte Herr Hummel, »eine Schachtel ist unvermeidlich. Aber, Gabriel, das Denken habe ich mir abgeschafft. Denn das war das Niederträchtige bei der Geschichte. Ich gehe jedes Jahr zu derselben Putzmacherin und sage: ›eine Haube für Madame Hummel.‹ Und die Person sagt: ›zu dienen, Herr Hummel,‹ und die Architektur steht reisefertig vor mir. Ich gehe ferner jedes Jahr zu demselben Kaufmann und sage: ›ein Kleid für meine Tochter Laura, so und so teuer, ein Taler Spielraum nach oben und unten,‹ und das Kleid liegt preiswürdig vor mir. Im Vertrauen, ich habe den Verdacht, daß die Frauen hinter meine Schliche gekommen sind und sich die Sachen vorher selbst aussuchen, denn es ist immer alles sehr nach ihrem Geschmack, während in früheren Jahren Widersetzlichkeit stattfand. Jetzt haben sie die Mühe, den Plunder auszuwählen, und am Abend müssen sie noch heucheln wie die Katzen, auseinanderfalten und anprobieren, sich erstaunt stellen und mein ausgezeichnetes Geschick loben. Das ist meine einzige Genugtuung bei dem ganzen Kindervergnügen. Aber sie ist dürftig, Gabriel.«

Gustav Freytag: Die verlorene Handschrift

02 September 2012

Blütenlese aus der "Verlorenen Handschrift"


Die Fremden erzählten von ihrer Stadt und Neuigkeiten aus der Welt, dann wurde, wie Männern ziemt, auch über Politik gesprochen, und Ilse freute sich, daß ihr Vater und die Fremden sich darin vortrefflich verstanden.
[...] es tat dem Landwirt doch sehr wohl, daß er dem Gelehrten auf dessen eigenem Gebiet Bescheid sagen konnte.
»Was macht Flavia?« fragte sie die Magd, welche den Besuch erwartend an der Pforte stand. »Munter,« antwortete Susanne, »und der Kleine auch.« »Es ist die gelbe Kuh und ein junges Ochsenkalb,« erklärte der Pastor dem Professor, während Ilse mit der Magd in den engen Hofraum trat. »Ich sehe nicht gern, wenn die Leute dem Vieh christliche Namen geben, da muß unser Latein aushelfen.«
»Unser Herr Professor steht im Konversationslexikon!« schrien die Kinder.
Es waren kurze Augenblicke, aber zwischen Blitz und Schlag loderte die Glut in ihm zu hellen Flammen auf. Die neben ihm stand im Wetterschein, von blendendem Licht umgossen, sie war es, die er sich forderte für sein Leben.
Wie künstliches Feuer, welches unerwartet aufsprühend einzelne Stellen der dunkeln Landschaft mit buntem Schein erleuchtet, gab ihr seine Rede bald hier bald dort einen fesselnden Blick auf fremdes Leben.
Es war eine Zeit der reinen Begeisterung, eines selbstlosen Entzückens, das der Mann nicht kennt und das nur dem Weibe wird, einem reinen, unwissenden Herzen, dem plötzlich bei gereifter Kraft das Größte des Erdenlebens die empfängliche Seele einnimmt [...] 
(Gustav Freytag: Die verlorene Handschrift)

30 August 2012

Vom Zusammenhang von Mensch und Menschheit

Wenn ich dir sage, daß du ein Kind deines Volkes und daß du ein Kind des Menschengeschlecht bist, so ist dir dies Wort so geläufig, daß du wohl nicht mehr an die hohe Bedeutung denkst. Und doch ist dies Verhältnis das höchste irdische, in dem du stehst. Zu sehr werden wir von klein auf gewöhnt, nur die einzelnen, mit denen uns Natur und freie Wahl verbindet, in unser Herz zu schließen, und selten denken wir daran, daß unser Volk der Ahnherr ist, von dem die Eltern stammen, der uns Sprache, Recht, Sitte, Erwerb und jede Möglichkeit des Lebens, fast alles, was unser Schicksal bestimmt, unser Herz erhebt, geschaffen oder zugetragen hat. Freilich nicht unser Volk allein; denn auch die Völker der Erde stehen wie Geschwister nebeneinander, und ein Volk hilft Leben und Schicksal der andern bestimmen. Alle zusammen haben gelebt, gelitten und gearbeitet, damit du lebst, dich freust und schaffst.«
Ilse lächelte. »Auch der böse König Kambyses und seine Perser?«
»Auch sie,« versetzte der Professor, »denn das große Netz, in welchem dein Leben einer Masche gleicht, ist aus unendlich vielen Fäden zusammengewebt, und wenn einer gefehlt hätte, wäre das Gewebe unvollständig. Denke zuerst an Kleines. Der Tisch, an welchem du sitzest, die Nadel, welche du in der Hand hältst, die Ringe an Finger und Ohr verdankst du Erfindungen einer Zeit, aus welcher Kunde fehlt; damit dein Kleid gewebt werden konnte, ist der Webstuhl in einem unbekannten Volke erfunden, und ähnliche Palmenmuster, wie du trägst, sind in einer Fabrik der Phönizier erdacht worden.«
»Gut,« sagte Ilse, »das lasse ich mir gefallen, es ist ein hübscher Gedanke, daß die Vorzeit so artig für mein Behagen gesorgt hat.«
»Nicht dafür allein,« fuhr der Gelehrte fort, »auch was du weißt und was du glaubst, und vieles, was dein Herz beschäftigt, ist dir durch dein Volk aus eigener und fremder Habe überliefert. Jedes Wort, das du sprichst, ist durch Hunderte von Generationen fortgepflanzt und umgebildet worden, damit es den Klang und die Bedeutung bekam, welche du jetzt spielend gebrauchst. In diesem Sinne sind unsere Ahnen aus Asien ins Land gezogen, hat Armin mit den Römern für Erhaltung unserer Sprache gekämpft, damit du an Gabriel einen Befehl geben kannst, den ihr beide versteht. Für dich haben die Dichter gelebt, welche dir in der Jugendzeit des Hellenenvolkes den kräftigen Klang des epischen Verses erfanden, den ich so gern von deinen Lippen höre. Und ferner, damit du glauben kannst, wie du glaubst, war vor dreihundert Jahren in deinem Vaterlande der großartigste Kampf der Gedanken nötig, und wieder anderthalbtausend Jahre früher in einem kleinen Volke Asiens ein machtvolleres Ringen der Seele, und wieder fünfzig Generationen früher ehrwürdige Gebote unter den Zelten eines wandernden Wüstenvolkes. Das meiste, was du hast und bist, verdankst du einer Vergangenheit, die anfängt von dem ersten Menschenleben auf Erden. In diesem Sinne hat das ganze Menschengeschlecht gelebt, damit du leben kannst.«
Gustav Freytag: Die verlorene Handschrift, S.344-45

28 August 2012

Gustav Freytag über "Die verlorene Handschrift"


In dieser Erzählung schilderte ich Lebenskreise, welche mir seit meiner eigenen akademischen Zeit vertraut waren: die Wirtschaft auf dem Lande und die Universität. Möchte man den Schilderungen ansehen, daß ich hier recht mühelos und froh aus dem Vollen geschöpft habe. Bei den Gestalten der akademischen Welt würde man vergebens nach bestimmten Vorbildern suchen, denn Herr und Frau Struvelius, Raschke und andere sind Typen, denen wohl auf jeder deutschen Universität einzelne Persönlichkeiten entsprechen. [...]
Denn als wir einmal zu Leipzig, noch vor seiner Berufung nach Berlin, allein beieinander saßen, offenbarte er  Moritz Haupt mir im höchsten Vertrauen, daß in irgend einer westfälischen kleinen Stadt auf dem Boden eines alten Hauses die Reste einer Klosterbibliothek lägen. Es sei wohl möglich, daß darunter noch eine Handschrift verlorener Dekaden des Livius stecke. Der Herr dieser Schätze aber sei, wie er in Erfahrung gebracht, ein knurriger, ganz unzugänglicher Mann. Darauf machte ich ihm den Vorschlag, daß wir zusammen nach dem geheimnisvollen Hause reisen und den alten Herrn rühren, verführen, im Notfall unter den Tisch trinken wollten, um den Schatz zu heben. Weil er nun zu meiner Verführungskunst bei gutem Getränk einiges Zutrauen hatte, so erklärte er sich damit einverstanden, und wir kosteten das Vergnügen, den Livius für die Nachwelt noch dicker zu machen, als er ohnedies schon ist, recht gewissenhaft und ausführlich durch. Aus der Reise wurde nichts, aber die Erinnerung an jene beabsichtigte Fahrt hat der Handlung des Romans geholfen.
In Leipzig hatte ich kurze Zeit auf der letzten Straße am Rosental bei einem Hutmacher gewohnt, der in seiner Fabrik [623] Strohhüte verfertigte, neben ihm war zufällig ein anderes wohlbekanntes Geschäft, welches den Bedürfnissen des männlichen Geschlechts durch Filzhüte entgegenkam. Dieser Zufall veranlaßte die Erfindung der Familien Hummel und Hahn, doch auch hier sind weder die Charaktere noch die Familienfeindschaft der Wirklichkeit nachgeschrieben. Nur die Tatsache ist benützt, daß mein Hauswirt besondere Freude daran fand, seinen Hausgarten durch immer neue Erfindungen auszuschmücken: die weiße Muse, die Hängelampen und das Sommerhaus am Wege habe ich dem Gärtchen entnommen. Außerdem sind zwei Charaktere seines Haushalts, gerade die, welche wegen ihres mtythischen Charakters Anstoß erregt haben, genaue Kopien der Wirklichkeit, die Hunde Bräuhahn und Speihahn. Diese hatte mein Hauswirt irgend woher als Wächter seines Besitzes erstanden, sie erregten durch ihr köterhaftes Verhalten den Unwillen der ganzen Straße, bis sie einmal von einem erzürnten Nachbar vergiftet wurden, Bräuhahn starb, Speihahn blieb am Leben und wurde seit der Zeit ganz so struppig und menschenfeindlich, wie er im Roman abgeschildert ist, so daß ihn nach zahllosen Missetaten, die er verübt, sein Besitzer wieder auf das Land geben mußte.
(Gustav Freytag über seinen Roman "Die verlorene Handschrift", S.621-623)

27 August 2012

Bräuhahn und Speihahn

An einem der nächsten Abende stand Gabriel vor der Thür, sah auf den Himmel und wartete, ob eine kleine schwarze Wolke, welche dort oben langsam dahinschiffte, das Bild des Mondes verdecken würde. Gerade als dies Ereigniß eintrat und die Straße und die beiden Häuser im Dunkel lagen, fuhr ein Wagen vor das Haus und die Stimme des Hausbesitzers frug hinter dem Leder hervor: »Alles in Ordnung?«
»Alles in Ordnung,« erwiederte Gabriel und knöpfte den Schurz auf. Herr Hummel stieg schwerfällig herab, hinter ihm klang ein unwilliges Knurren. »Was steckt da in der Finsterniß?« frug Gabriel neugierig und griff in den Wagen, aber er zog schnell die Hand zurück: »Das Grobzeug will beißen.«
»Ja, das hoffe ich,« versetzte Herr Hummel, »es soll beißen. Ich bringe Wachhunde mit gegen die Glockenspieler.« Er zerrte am Strick zwei undeutliche Gestalten heraus, welche auf dem Boden mit heiserem Gekläff umherfuhren, Gabriels Beine bösartig umkreisten und den Strick wie eine Schlinge um ihn zogen. »Die Menge muß es bringen,« rief Gabriel, »zwei Stück!« Der Mond hatte die Wolke überwunden und beleuchtete hell die beiden Hunde. »Das sind seltsame Thiere, Herr Hummel, es ist eine schwierige Race. Zwei Köter,« fuhr er abschätzend fort, »kaum von Mittelgröße, es ist dickes Format und ihr Haar ist zottig, über die Schnauze hängen die Borsten wie ein Schnurrbart. Die Mutter war eine Pudelin, der Vater ein Affenpintsch, auch ein Mops muß mit in der Verwandtschaft gewesen sein und der Urgroßvater war ein Dachshund. Ein schöner Bau, Herr Hummel, so etwas ist selten. Wie sind Sie zu diesen Mondkälbern gekommen?«
»Das war ein eigener Zufall. Im Dorfe hatte ich für heut keinen Hund erhalten; als ich durch den Wald zurückfuhr, scheuten die Pferde und wollten nicht vorwärts. Während der Kutscher mit ihnen hantirte, sah ich auf einmal neben dem Wagen einen großen schwarzen Mann stehen, wie aus dem Boden heraufgeschossen. Er hielt die zwei Hunde am Stricke und lachte höhnisch über die Schelte des Kutschers. ›Was soll's?‹ rief ich ihn an, ›wohin führt ihr die Hunde?‹ ›Dem, der sie haben will,‹ rief der Schwarze.«
»Hebt sie in den Wagen,« sagte ich.
»Ich reiche nichts,« brummte der Fremde, »ihr müßt sie euch holen.« Ich stieg ab und frug: »Was verlangt ihr dafür?«
»Nichts!« sagte der Mann. Die Sache wurde mir bedenklich, aber ich dachte, man kann's doch probiren, ich trug die Burschen in den Wagen, sie waren lammfromm. »Wie heißen die Hunde?« rief ich aus dem Wagen.
»Bräuhahn und Gose,« sagte der Mann und lachte wie ein Teufel.
»Das sind keine Hundenamen, Herr Hummel,« warf Gabriel kopfschüttelnd ein.
»Das sagte auch ich dem Manne, und er versetzte: ›Getauft sind sie nicht.‹ ›Aber der Strick ist euer,‹ sagte ich, und denken Sie, Gabriel, dieser schwarze Kerl antwortete mir: ›Behaltet ihn, ihr könnt euch dran hängen.‹ Ich wollte ihm die Hunde wieder aus dem Wagen werfen, da war der Mann im Walde verschwunden wie ein Irrwisch.«
»Das ist eine niederträchtige Geschichte,« rief Gabriel bekümmert, »diese Hunde sind in keinem christlichen Hause gewachsen. Und wollen Sie wirklich solche Gespenster behalten?«
»Ich will's probiren,« sagte Herr Hummel. »Zuletzt ist ein Hund ein Hund.«
»Nehmen Sie sich in Acht, Herr Hummel, in den Thieren steckt etwas.«
»Dummes Zeug!«
»Sie sind scheusälig,« fuhr Gabriel fort und zählte an den Fingern: »sie haben keine menschlichen Hundenamen, sie sind angeboten ohne Geld, kein Mensch weiß, was diese Bestien fressen.«
»Auf den Appetit werden Sie nicht lange zu warten haben,« versetzte der Hausherr. Gabriel zog ein Stück Semmel aus der Tasche, die Hunde schnappten darnach. »In dieser Weise sind sie zuverlässig,« sagte er ein wenig beruhigt. »Aber wie soll man sie in Ihrem Hause rufen?«
»Der Bräuhahn mag bleiben, was er ist,« versetzte Herr Hummel, »aber in meiner Familie soll kein Hund Gose heißen. Ich leide dieses Getränk nicht.« Er sah feindselig auf das Nachbarhaus hinüber. »Andere Leute lassen sich das Zeug täglich über die Straße holen, das ist für mich kein Grund, ein solches Wort in meinem Haushalt zu dulden. Der Schwarze heißt von jetzt ab Bräuhahn und der Rothe Speihahn. Damit abgemacht.«
»Aber, Herr Hummel, das sind lauter injuriöse Namen,« rief Gabriel, »damit wird das Uebel ärger.«
»Das ist meine Sorge,« sagte Herr Hummel entschlossen. »Bei Nacht bleiben sie im Hofe, sie sollen das Haus bewachen.«
»Wenn sie nur leibhaftig aushalten,« wandte Gabriel ein, »die Art kommt und verschwindet wie sie will und nicht wie wir wollen.«
»Sie werden doch nicht des Teufels sein,« lachte Herr Hummel.
»Wer spricht vom Teufel?« versetzte Gabriel schnell. »Einen Teufel gibt es nicht, das leidet der Professor nimmer, aber von Hunden hat man Beispiele.«
(Gustav Freytag: Die verlorene Handschrift, 1. Teil, S.129-132)

26 August 2012

Bauerntochter und Professor


"Sie standen an einem Garbenhaufen. Ilse bog einige Aehrenbündel zum Sitz zurecht und sah über die Felder nach den fernen Bergen.
»So ist's mit uns gerade umgekehrt und anders, als man denken sollte,« begann sie nach einer Weile, »wir sind hier wie die Vögel, die Jahr aus, Jahr ein lustig mit den Flügeln schlagen, Sie aber denken und sorgen um andere Zeiten und andere Menschen, die lange vor uns waren; Ihnen ist das Fremde so vertraut, wie uns der Aufgang der Sonne und die Sternbilder. Und wie Ihnen wehmüthig ist, daß der Sommer endet, ebenso wird es mir schmerzlich, wenn ich einmal von vergangener Zeit höre und lese, und am traurigsten machen mich die Geschichtsbücher. So viel Unglück auf Erden, und gerade die Guten nehmen so oft ein Ende mit Leid. Ich werde dann vermessen und frage, warum hat der liebe Gott das so gewollt? Und es ist wohl recht thöricht, wenn ich das sage, ich lese deshalb nicht gern in der Geschichte.«
»Diese Stimmung begreife ich,« erwiederte der Professor. »Denn wo die Menschen ihren Willen durchzusetzen streben gegen ihr Volk und gegen ihre Zeit, werden sie am Ende fast immer als die Schwächeren widerlegt; auch was der Stärkste etwa siegreich durchsetzt, hat keinen ewigen Bestand. Und wie die Menschen und ihre Werke, vergehen auch die Völker. [...]

Viel Schwaches, viel Verdorbenes und Absterbendes umgibt uns, aber dazwischen wächst eine unendliche Fülle von junger Kraft herauf. Wurzeln und Stamm unseres Volkslebens sind gesund. Innigkeit in der Familie, Ehrfurcht vor Sitte und Recht, harte, aber tüchtige Arbeit, kräftige Rührigkeit auf jedem Gebiet. In vielen Tausenden das Bewußtsein, daß sie ihre Volkskraft steigern, in Millionen, die noch zurückgeblieben sind, die Empfindung, daß auch sie zu ringen haben nach unserer Bildung. Das ist uns Modernen Freude und Ehre, das hilft wacker und stolz machen. Und wir wissen wohl, die frohe Empfindung dieses Besitzes kann auch uns einmal getrübt werden, denn jeder Nation kommen zeitweise Störungen ihrer Entwicklung, aber das Gedeihen ist nicht zu ertöten und nicht auf die Dauer zurückzuhalten, solange diese letzten Bürgschaften der Kraft und Gesundheit vorhanden sind. Deshalb ist jetzt auch glücklich, wer den Beruf hat, längst Vergangenes zu durchsuchen, denn er blickt von der gesunden Luft der Höhe hinab in die dunkle Tiefe.«
Ilse sah hingerissen in das Antlitz des Mannes; er aber bog sich über die Garbe, welche zwischen ihm und ihr lehnte, und fuhr begeistert fort: »Jeder von uns holt aus dem Kreise seiner persönlichen Erfahrungen Urtheil und Stimmung, welche er bei Betrachtung großer Weltverhältnisse verwendet. Blicken Sie um sich her auf die lachende Sommerlandschaft, dort in der Ferne auf die thätigen Menschen, und was Ihrem Herzen näher liegt, auf Ihr eigenes Haus und den Kreis, in dem Sie aufgewachsen sind. So mild das Licht, so warm das Herz, verständig, gut und treu der Sinn der Menschen, die Sie umgeben. Und denken Sie, welchen Werth auch für mich hat, das zu sehen und an Ihrer Seite zu genießen. Und wenn ich über meinen Büchern recht innig empfinde, wie wacker und tüchtig das Leben meines Volkes ist, welches mich umgibt, so werde ich fortan auch Ihnen zu danken haben.« Er streckte seine Hand aus über die Garben, Ilse faßte sie, hielt sie mit beiden Händen fest, und eine warme Thräne fiel darauf. So sah sie mit feuchten Augen zu ihm hin, eine ganze Welt von Seligkeit lag in ihrem Antlitz. Allmählich ergoß sich ein helles Roth über ihre Wangen, sie stand auf, noch ein Blick voll hingebender Zärtlichkeit fiel auf ihn, dann schritt sie flüchtig von ihm abwärts, den Rain entlang. [...]
Der ihr so groß gegenüberstand, er hatte sich zu ihr hinabgeneigt, sie hatte seinen warmen Atem, den schnellen Druck seiner Hand gefühlt. Als sie dahinging durch das Feld, strömte ihr die Glut in die Wangen, und was sie umgab, Erde und Himmel, Flur und sonniger Waldessaum, das floß vor ihr in leuchtende Wolken zusammen. Mit beflügeltem Fuß eilte sie hinab in den Waldgrund, wo das Baumlaub sie umhüllte. Jetzt erst fühlte sie sich allein, und ohne es zu wissen, faßte sie einen schlanken Birkenstamm und schüttelte ihn mit voller Kraft, daß der Baum laut rauschte und seine Blätter auf sie herabstreute. Und sie hob die Hände zu dem goldenen Licht des Himmels und warf sich nieder auf den Moosgrund. In heftigen Atemzügen hob sich ihre Brust und die kräftigen Glieder zuckten von der inneren Erregung. Wie vom Himmel herab war die Leidenschaft in das junge Weib gesunken und faßte ihr Leib und Seele mit unwiderstehlicher Gewalt."
(Gustav Freytag: Die verlorene Handschrift, 1. Teil, S.156-164)

Ich stelle diese - stark gekürzte - Passage hier unkommentiert ein. Im Zusammenhang mit anderen Liebesszenen aus Erzählungen des 19. Jahrhunderts habe ich sie hier kommentiert.

09 Februar 2012

Gustav Freytag: Die Ahnen

Gustav Freytag war Literaturwissenschaftler, politischer Journalist, Liberaler und insofern Bismarckkritiker, Dramatiker, Dramentheoretiker, Romancier mit seinem Kaufmannsroman "Soll und Haben", Kulturhistoriker ("Bilder aus der deutschen Vergangenheit") und hat es unternommen, in seinem historischen Roman "Die Ahnen" die germanisch-deutsche Geschichte am Beispiel der Mitglieder einer Familie von der Zeit der Völkerwanderung bis nahe an seine Gegenwart darzustellen.

Dabei beginnt er mit dem Vandalen Ingo aus königlicher Familie, der in Thüringen ein kleines Königreich gründet und endet im bürgerlichen Milieu.
"Freytag beschreibt eine eindeutige historische Entwicklung von der Völkerwanderung bis hin zum "bürgerlich-patriarchalischen Idyll" (Jahn, Werner: Der geschichtliche Fortschritt im bürgerlichen historischen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts; Rostock 1958, S.39). Für ihn ist es nur konsequent, wenn die Handlung vor der Revolution von 1848 endet. Der Bürger im wilhelminischen Deutschland ist zufrieden. Man darf allerdings nicht die Rolle dieses Bürgers dem Adel gegenüber unterschätzen. Selbstbewußt und fast gleichgestellt verhandelt der Kaufmann Markus König mit dem Hochmeister des deutschen Ritterordens, Albrecht von Brandenburg. Und gerade mit den "Ahnen" erstellt Freytag seinen bürgerlichen Helden des 19.Jahrhunderts einen Stammbaum bis hin zum vandalischen Königshaus; auf eine derartig lange und noble Ahnenreihe können weder Hohenzollern noch Habsburg zurückblicken (Hartmut Eggert ("Studien zur Wirkungsgeschichte des deutschen historischen Romans 1850-1875, S.202f.) kritisiert gerade die Demonstration des historischen Fortschritts an der Entwicklung eines Geschlechts). [...]
Ein Ergebnis dieser versuchten Objektivierung ist, daß Freytag fast ganz auf die übliche Schwarz-Weiß-Malerei verzichtet; die Feinde, ob es sich um arabische Moslems während der Kreuzzüge oder um einen napoleonischen Offizier handelt, werden mit viel Verständnis und auch Sympathie beschrieben. Dem Roman fehlt völlig die Aggressivität die spätere völkisch-konservative Romane auszeichnet." Frank Westenfelder: "Genese, Problematik und Wirkung nationalsozialistischer Literatur am Beispiel des historischen Romans zwischen 1890 und 1945" Frankfurt, Bern, New York, Paris 1989 - Abschnitt II,2 zu Freytag: Die Ahnen

Die Einzelerzählungen oder -romane des Gesamtromans sind auf diesem Blog schon früher vorgestellt worden und können unter dem zusammenfassenden Link "Die Ahnen" aufgerufen werden.
Recht ausführliche Selbstzeugnisse Freytags zu den "Ahnen" findet man in seinen Lebenserinnerungen.

01 Februar 2012

Aus einer kleinen Stadt

Diesem ersten Besuch des Feindes folgten andere, deutsche Bundestruppen des Kaisers, Franzosen und Italiener; die Deutschen aber roher und zügelloser als die Fremden. Dennoch hielten sie im ganzen in der Stadt so leidliche Manneszucht, daß die Bürger sich verwunderten und erzählten, es sei strenger Befehl des Kaisers, die Städte zu schonen. Jämmerlich aber waren die Botschaften, welche von den Dörfern kamen. Dort hausten die Feinde ganz unmenschlich, alle Gewalttaten und Greuel, welche dem zuchtlosen Sieger möglich sind, wurden begangen. Und wenn der Doktor über Land fuhr, oft angehalten und in eigener Gefahr, hörte er Klagen, die ihm das Herz zerrissen, und sah, was ihn entsetzte, geleerte Höfe, verdorbenen Hausrat, gemißhandelte Frauen und Männer, die an Schlägen und Wunden elend darniederlagen. (Die Verlobung, S.1209)
So schreibt Gustav Freytag am Anfang von  Aus einer kleinen Stadt, einem Teilroman seines Romanzyklus "Die Ahnen" (veröffentlicht 1880).  Er schidert damit die Situation in Schlesien nach der von Preußen verlorenen Schlacht von Jena und Auerstedt. Weiter heißt es da:
Aus der Hauptstadt aber kamen immer neue Erzählungen von dem Übermute der Sieger, den Erpressungen der Befehlshaber; der eine hatte alles Silbergeschirr aus dem Laden eines Goldschmieds für sich requiriert, der andere brauchte täglich ein Faß Wein, sich darin zu baden; die königlichen Offizianten wurden mit kaltem Hohn wie Bediente behandelt, vornehme Gutsbesitzer standen demütig harrend im Vorzimmer der Fremden und erbaten als Gunst, ihnen Feste veranstalten zu dürfen. Von dem König aber und von dem Heere, die weit entfernt im äußersten Norden lagerten, drang selten eine Kunde in das Land.
Viele gaben die Hoffnung auf, daß das alte Wesen jemals wiederkehren werde, und nicht wenige freuten sich darüber. Mancher, den die schlechte Zeit wundgedrückt hatte, dachte, daß es nützlicher sei, den Sieger zum Freunde und Herrn zu haben, als den schweren Druck länger zu ertragen.
Denn das meiste, was der Bürger bis dahin mit scheuer Ehrfurcht betrachtet, hatte sich verächtlich gezeigt. Streng waren die Kleinen bevormundet worden, jetzt waren die höchsten Behörden, die ersten Offiziere in ihrer hohlen Eitelkeit und in der Erbärmlichkeit ihres Charakters erwiesen. Darüber klagte das warmherzige Volk mit Bitterkeit und die Schlechten mit hämischer Freude.
 "Bilde, Künstler, rede nicht!", könnte man ihm entgegenhalten, wenn man damit Fritz Reuters früherer Darstellung der Franzosentid (1859) vergleicht, auch wenn man ihm zugute halten muss, dass er auch einzelne Situationen szenisch vor Augen führt, wie hier:

»Es war eine schwere Zeit«, antwortete der Geistliche, welcher kränklich und gebeugt vor ihm saß, »und ich besorge, die Prüfungen sind noch nicht zu Ende. Es ist uns im vorigen Herbst und Winter übel zugesetzt worden. Zuerst kamen kleine Kommandos, sie nahmen uns das Vieh aus den Ställen, kaum daß den Frauen gelang, die letzte Milchkuh zu verstecken; bis endlich an einem Sonnabend, [1215] da ich gerade memorierte, das Unglück hereinbrach.« Er hielt inne und sah den Doktor unruhig an. »Wir sind Ihnen bereits Dank schuldig, und Ihr Besuch erscheint mir wie eine Fügung des Schicksals; ich weiß, daß meine Henriette großes Vertrauen zu Ihnen hat, und es könnte sein, daß wir bald einmal Ihre Hilfe für Sie erbitten müssen.« »Ist sie krank?« fuhr der Doktor auf.
»Ich fürchte, obgleich sie im Hause umhergeht wie sonst.« Er hielt wieder inne. »Dem Arzte soll man mit Vertrauen entgegenkommen«, fuhr er, sich selbst ermutigend, fort, »und ich will Ihnen alles erzählen, wovon wir sonst ungern reden.« An jenem Sonnabend war der Hof im Augenblick durch wilde Gestalten, durch Pferde und schreiende Soldaten gefüllt; sie drangen in die Stube mit wütenden Gesichtern und rohen Flüchen; der ganze Haufe war betrunken, leider waren es Deutsche. Sie hielten mir Pistolen an die Schläfen, drehten das Tuch um meinen Hals, um mich zu ersticken, und forderten das Geld und Silberzeug.
Während meine Frau zitternd in der Kammer herbeisuchte, was sie begehrten, hielt mich die Tochter fest umschlungen, um meinen Leib vor den Schlägen der Bösewichter zu schützen. Aber zwei, die Offiziersepauletten trugen, rissen sie von meinem Herzen und wollten sie mit rohen Liebkosungen zur Stube hinausziehen. Da hörte ich in halber Ohnmacht, wie unsere alte Magd, die an der Tür auf den Knien lag, jemanden anschrie: »Herr, rettet unser junges Fräulein!« In dem Augenblick sprang ein junger Offizier über die Schwelle, ein schöner Mann, wie vom Himmel kam er. Er sah sich in der Stube um und schlug den Bösewichtern, welche mich quälten, die Pistolen zur Seite, und wie mein Kind, welches gebrochen auf den Knien lag, von den zwei Wüterichen fortgeschleift wurde, fuhr er auf diese zu und gebot ihnen mit flammendem Blick: ›Lassen Sie das Mädchen los.‹ Als die beiden sich unter Flüchen weigerten, packte er den Frechsten bei der Brust, warf ihn zurück und rief: ›Wagt es, ihr Hunde, die Braut eines französischen Offiziers anzurühren.‹ ›Braut?‹ schrien die andern, ›Lügner! Schlagt den französischen Windbeutel nieder.‹ Der Franzose zog seinen Säbel heraus und sagte jetzt ganz ruhig: ›Ich ersuche alle Anwesenden, Zeugen meiner Verlobung zu sein.‹ Er beugte sich zu meiner Tochter herab, welche im Schoß der Mutter auf dem Boden lag, zog ihr den Ring vom Finger, der ein Geschenk ihrer Pate war, und steckte ihr einen andern an, den er an der Hand trug. ›Herr Pfarrer, so verlobe ich mich mit Ihrer Tochter‹, sagte er, und gleich darauf fuhr er die beiden Bösewichter an: ›Hinaus.‹ (S.1214-1215)

Man merkt daran, was man an Reuters lebendiger Darstellung hat.
Diese "Verlobungsszene" hat freilich bei Freytag noch eine wichtige Funktion für die Komposition des Gesamtromans.

"Als sie zwischen den Getreidefeldern heimkehrte, lief die Wachtel im Korn neben ihr dahin und ließ ihren Ruf erschallen. Lange hatte die Jungfrau der Hoffnung entsagt und in herber Trauer tröstende Stimmen, die leise an ihr Ohr klangen, weggescheucht; heut hörte sie auf die Sängerin, welche sich immer verbirgt und aus dem Versteck Günstiges kündet." (Freytag: Aus einer kleinen Stadt. Die Begegnung, S.1260)
Hier hat Henriette Hoffnung, Hoffnung auf die Auflösung der merkwürdigen "Verlobung". Wenn es kein Kitsch sein sollte, so wäre doch der Kitsch nicht weit entfernt.

Freytag hat selbst die größte Schwierigkeit bei seinem Familienroman über die Jahrhunderte hinweg in der neuesten Zeit gesehen. Er schrieb dazu in seinen Lebenserinnerungen:
Das Bedenkliche der Arbeit lag nicht vorzugsweise in dem Zurückgehen auf frühe Vergangenheit, wie wohl der freundliche Leser annimmt, sondern in dem Fortführen bis zur Gegenwart.
Für die alten Zeiten ist durch die Vergangenheit selbst der Stoff episch zugerichtet. Es ist leicht, das Schicksal eines Helden in Weltbegebenheiten einzuflechten und ihn zum Teilnehmer an großen Ereignissen zu machen. Je näher die Erzählungen der Gegenwart kommen, desto mehr engt das Privatleben den Horizont und die Tätigkeit der handelnden Personen ein. Die geschichtliche Kenntnis der Leser verstattet den frei erfundenen Gestalten nur eine untergeordnete Teilnahme an Ereignissen, welche eine historische Würde und Größe haben, und eine Erzählung, die in großen epischen Linien angelegt war, kommt, bis zur Gegenwart fortgeführt, in Gefahr, als kleine Novelle zu verlaufen. (Gustav Freytag: Erinnerungen aus meinem Leben, S.674

Ein Vorbild für Freytags Schilderung der "kleinen Stadt" war seine Vaterstadt Kreuzburg. Über seine persönlichen Erlebnisse in Kreuzburg berichtet er in seinen Lebenserinnerungen.

22 Januar 2012

Gustav Freytag: Die Geschwister (aus: Die Ahnen)

Der Rittmeister von Alt-Rosen

Den Dreißigjährigen Krieg führt Gustav Freytag am Beispiel des Rittmeisters Bernhard König von Alt-Rosen und seiner Schwester Regina vor, Anlass genug, die Erzählung mit der folgenden (Der Freikorporal bei Markgraf-Albrecht) unter dem Titel "Die Geschwister" zu vereinigen.
Wir erleben das Lagerleben von Regimentern, die sich vom Marschall Turenne getrennt haben, um die evangelische Sache nicht verraten zu müssen, das Schicksal der in den Wald flüchtenden Bauern, den Privatbereich Herzog Ernsts des Frommen (einem Vorfahr von Ernst II. von Sachsen-Coburg-Gotha, dem Maezen Gustav Freytags) und schließlich auch eine Hexenverfolgung, deren Opfer Judith, die Geliebte Bernhard Königs, wird.
Bernhards Beitrag zum Kriegsrat der einen obersten Führer suchenden Regimenter:
Ansehnliche Herren und lieben Brüder! Da ich einer der jüngsten bin, ziemt mir mehr zu hören als zu raten. Was dem Heere am vorteilhaftesten ist für Sold, Quartiere und Ruhm, darüber haben viele unter uns mehr Erfahrung als ich. Ich aber will sagen, was uns allen während unserer Händel mit den Franzosen am Herzen gelegen hat: Wir haben uns von dem Marschall darum geschieden, weil wir Deutsche sind und unser Blut nicht länger für den Eigennutz fremder Potentaten vergießen wollen. Wir hören viel von der alten Herrlichkeit des deutschen Landes, wo ist sie hingeschwunden? Ich kenne manchen unter euch, der mitten in Brand und Plünderung aus tiefem Herzen erseufzte über das Unglück, welches wir ertragen und anderen zufügen, und ich hörte manchen Kriegsmann mit grauem Haar einen Fluch ausstoßen gegen die vornehmen Perücken, welche Frieden im Munde führen und den Krieg im Herzen begehren. Fünf Jahre verhandeln die Schreiber über den Frieden, und wir sind weiter davon entfernt als je. Ich aber lebe des Glaubens, daß der römische Kaiser als der hartnäckigste und diffizilste Gegner des Friedens gegen uns steht. Er fühlt in seinen Erblanden wenig von der Kriegsnot und ist wohl zufrieden, wenn die Dörfer und Städte der evangelischen Landesherren verwüstet werden. Und ich sage euch, ihr Herren und Brüder, nicht eher wird er sich einem billigen Vertrage zuneigen, als bis ein deutsches Heer über seine Berge zieht und seine Hofburgen ausbrennt. Darum, wenn die Großen üblen Willen haben, das deutsche Land in einen besseren Zustand zu bringen, so meine ich, sollen wir Kleinen dazu helfen. Habt ihr den Mut und den Willen, euch als Helden zu erweisen und den Kaiser zum Frieden zu zwingen, so wählt euch einen kühnen Kriegsobersten, dem ihr zutraut, daß er sich mit eurer Hilfe hoher Anschläge vermesse. Und in diesem Falle rate ich, daß ihr den General Königsmark zuzieht, obgleich er den Schweden dient. Denn wir wissen, daß er von allen großen Befehlshabern am fröhlichsten schlägt und in seinen Reiterstiefeln weder Tod noch Teufel fürchtet. Wollt ihr jedoch so hohes Wagnis nicht auf euch nehmen, so wahrt wenigstens euer Gewissen, auf daß ihr nicht ferner an der Zerstörung teilhabt, und sucht einen gerechten protestantischen Landesherrn, dem ihr euch zum Schutz seines Landes anbietet und der vielleicht, wenn er die Regimenter entlassen will, mit unseren Völkern, ihren Weibern und Kindern die leeren Bauernhöfe seines Landes besetzt. Wollt ihr in solcher Weise für das Heil des gemeinen Reiters sorgen, so fragt den Herzog Ernestus, den Bruder unseres seligen Kriegsherrn, ob er die Regimenter auf billige Bedingungen in seine Gewalt aufnimmt. (G.Freytag: Die Ahnen, Der Rittmeister von Alt-Rosen, Kapitel "Der Kriegsrat", S.974)

Der Freikorporal bei Markgraf Albrecht (1721)

Um ein möglichst umfassendes Bild  der von ihm in den vorhergehenden Erzählungen behandelten Gebiete, in denen Deutsche siedelten, zu bieten,  verbindet Gustav Freytag einen Bericht aus dem Sachsen und Polen Augusts des Starken mit einem aus dem Preußen des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I..
Dabei setzt er, um das Interesse des Lesers und die Dramatik des Geschehens zu erhöhen, nicht nur zwei Liebesgeschichten, sondern auch das Motiv der unbedingten Opferbereitschaft für den Freund ein, wie wir es aus Schillers Bürgschaft kennen. Nur sind es hier Brüder, die beide bereit sind, sich für den anderen zu opfern, nicht zwei Freunde und zusätzlich bestand vorher eine ganze Zeit lang eine Rivalität zwischen ihnen.

Um die negativen Seiten der Herrschaft des Soldatenkönigs zu zeigen, lässt er den Sachsen August König freiwillig in preußische Dienste treten und dabei die Schrecken absoluter militärischer Unterordnung und des Rekrutierungssystems kennen lernen. Doch gerade als August höchst negative Erfahrungen mit dem System gemacht hat, trifft er auf einen hilfreichen Zivilisten, der seine Vorzüge herausstellt:
»Ich glaub's wohl«, sagte der Wirt, »denn manchen trifft es hart und grausam. Jedoch dazu sind wir alle da, die einen zahlen die Steuern, während die anderen marschieren, damit die Fremden Respekt vor uns behalten. Als mein Großvater jung war, hausten die fremden Kriegsvölker hier am Orte wie Mordbrenner und Kannibalen, und die Bürger wurden wie die Hunde erschlagen, von den Weibern und Kindern gar nicht zu reden. Als aber mein Vater jung war, hieben wir Brandenburger den Schweden, der sich noch einmal ins Land gewagt hatte, mit unseren Fäusten hin aus; seitdem haben wir Sicherheit, unsern Weibern wird keine Schmach mehr angetan, und unsere kleinen Kinder werden nicht mehr unter die Hufe der Pferde geworfen. Wenn nur von den Herren Offizieren Billigkeit geübt wird, so ist die Last für das Volk zu ertragen. Unsere Landeskinder, soweit sie wirklich eingezogen werden, dienen nicht gar lange und kommen klüger nach Hause zurück, als sie gegangen sind. Ich denke, es ist bei uns in Stadt und Land, obgleich wir viele Soldaten unterhalten, mit der Nahrung und mit dem Verdienst nicht schlechter bestellt als bei Ihnen in Sachsen oder anderswo in Deutschland. Denn unser König führt einen schweren Stock, aber er sorgt auch wie ein Vater für die Blauen und für uns andere in Hemdsärmeln.«
August freute sich über die kluge Rede, denn auch er fühlte zuweilen [1120] wieder den Stolz eines Preußen, ... (G. Freytag: Der Freikorporal bei Markgraf-Albrecht, Kapitel Alles verwandelt", S.1119/20)
Die Verhältnisse in Polen lässt Freytag den Kandidaten der Theologie Friedrich König erleben und das bietet dem Erzähler die Möglichkeit, seinen Helden darüber dem Soldatenkönig berichten zu lassen:

»Was habt Ihr sonst in Thorn gesehen?« fragte der König. »Erzählt geradeaus und ehrlich.«
Friedrich begann seinen Bericht über die Standhaftigkeit und die letzten Stunden des Konsuls Roesner und der übrigen Gerichteten. Der König setzte sich und hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu, bis der Erzähler mit den Worten schloß: »Königliche Majestät, in diesen schrecklichen Tagen habe ich das Größte erlebt, was einem Diener des heiligen Amtes zuteil werden kann, denn ich sah fromme deutsche Männer, welche mit Gottvertrauen mutig in einen elenden Tod gingen. Jeder von den zehn Gerichteten konnte sich Leben und Freiheit retten, wenn er seinen Glauben abschwor. Aber nur einer von elfen wurde schwach, die anderen zehn blieben treu bis zum Tode.« Da faltete der König die Hände: »Was sagtet Ihr vorhin über eine Hilfe, die sie von mir begehrt haben?«
(G. Freytag: Der Freikorporal bei Markgraf-Albrecht, Kapitel Von Thorn nach Berlin, S.1138)
Freilich, da der Theologe groß ist, hilft es ihm nichts, dass er die protestantische Seite im Soldatenkönig anspricht. Dieser will ihn behalten und lässt ihn nur gehen, als er versprochen hat, sich wieder zum Dienst zu stellen, falls sein Bruder nicht aus seinem Diensturlaub zurückkehrt. Damit beginnt die Geschichte des Edelmuts der Brüder ...

Marcus König

Der Thorner Kaufmann Marcus König hat mit dem Hochmeister des Deutschen Ordens Albrecht von Hohenzollern einen Vertrag geschlossen, wonach der Kaufmann seinen gesamten Besitz dem Hochmeister zu Truppenwerbung zur Verfügung stellt, wenn dieser lieber sein Leben verliert, als für den Deutschen Orden dem polnischen König den Lehnseid zu leisten.
Albrecht wendet sich nach dem Auftreten Luthers der Reformation zu, erklärt sich zum weltlichen Herzog von Preußen und schwört seinem Onkel, dem polnischen König den Lehnseid.
Als der Kaufmann 1530 in Coburg seine Sache Luther vorträgt, argumentiert dieser:

 »Wenn der Herzog Euch gelobt hat, etwas zu tun, was er nach dem Willen Gottes nicht durchsetzen konnte, so war das Gelübde ein Unrecht, nicht die Vereitlung; und der Zorn über den vorschnellen Eid steht dem Herrn zu, nicht Euch. Mein Amt ist nicht, weltklug zu sein, doch muß ich Euch sagen, daß gerade Euer heißer Wunsch für das deutsche Wesen Eurem Haß gegen den Herzog unrecht gibt. Ihr wolltet Eure Heimat unter deutscher Herrschaft sehen, und deshalb wolltet Ihr, daß der Herzog lieber untergehen sollte, als dem Polen huldigen. War's nicht so?«
»So war es, Herr.«
»Nun gebt acht. Gesetzt, der Herzog wäre seinem Versprechen, das er Euch töricht gegeben, so treu nachgekommen, wie Ihr fordert, was hätten wir erlebt? Wäre er Hochmeister und Knecht des Papstes geblieben, so hätten ihn seine eigenen Untertanen verachtet und ausgestoßen, denn wir wissen wohl, daß der ganze Orden zerfiel wie morsches Gestein. Und hätte er bis zum Tode widerstehen wollen, so wäre ihm nichts übriggeblieben, als sich auf der Heide von polnischen Säbeln niederhauen zu lassen. Dann war er tot und seines Gelübdes quitt. Doch was wurde aus dem Ordensland, wenn der letzte Herr wie ein Katzbalger erschlagen war? Es wäre den Polen gänzlich anheimgefallen, kein Hahn hätte darum gekräht; und was Ihr hartnäckig begehret, das wurde nach menschlichem Erkennen für alle Zeit vereitelt. Aber gerade, weil der Herzog erkannte, daß sein Versprechen gegen Euch eine sündige Vermessenheit war, und weil er sich beim Leben und bei der Regierung erhielt, bewahrte er seinem Lande ein deutsches Regiment. Und daß er den geistlichen Stand aufgab und ein weltlicher Herr wurde, verschaffte dem Lande die Hoffnung auf fürstliche Nachkommenschaft und auf ein Herrengeschlecht, welches sich dort behaupten und Euer deutsches Wesen, wie Ihr wollt, für künftige Zeiten bewahren kann. Ihr seht [952] also, das Versprechen, welches Ihr von ihm erhieltet, war nicht nur ein Unrecht vor dem Herrn, die Erfüllung wäre auch nachteilig für das, was Ihr selbst begehrt.« (G. Freytag: Marcus König. Schluss, S.951-952)
Der Roman schließt:
Da klang über den Lauten der Natur die feierliche Stimme des Mannes, in welchem sich die Kraft, die Größe und die Einfalt des deutschen Wesens vereinten wie nie vorher in einem einzelnen Menschen. [...] alle späteren, wohin sie auch der himmlische Landwirt nach dem Bedarf seiner Wirtschaft säte, wurden Dank schuldig für ihre Freiheit und für ihre Frömmigkeit dem Doktor Martinus Luther.G. Freytag: Marcus König. Schluss, S.954)
Der Nationalliberale Gustav Freytag, der 1870 aus dem Reichstag ausschied, weil er Bismarcks Politik nicht mitmachen wollte, schreibt nach der Begründung des Deutschen Reiches einen Roman, in dem er die Gründung des ersten Staates mit dem Namen Preußen durch die damals höchste evangelische Autorität in Deutschland, Martin Luther, rechtfertigen lässt.
Nach Bonifatius ist es diesmal Martin Luther, der einen Angehörigen des Thüringer Geschlechtes, an dessen Familiengeschichte Freytag in "Die Ahnen" die deutsche Geschichte veranschaulichen will, erkennen lässt, dass er einen falschen Weg gegangen ist und dass er seinen Frieden nur findet, wenn er der geistlichen Autorität folgt.
Bei aller Liberalität Freytags zeichnet er hier doch ein bemerkenswertes Bündnis von Thron und Altar.

08 Januar 2012

Gustav Freytag: Die Ahnen - Das Nest der Zaunkönige (1003)

Versehentlich habe ich meine Inhaltsangabe und Würdigung dieses Teilromans von Gustav Freytags Ahnen gelöscht. Daher jetzt nur ein ganz kurzer Hinweis: 
Immo, der Nachkomme des Märtyres Ingraban, hat für König Heinrich II. gekämpft, aber dessen Zorn erregt, weil er – selbstlos – für einen von Heinrichs Gegnern eingetreten war und dann auch dessen Tochter, die ins Kloster geschickt werden sollte, im letzten Augenblick – mit ihrem Einverständnis – entführt hatte.
Ihm und seinen sechs Brüdern droht daher die Todesstrafe. Doch kommt es nicht dazu. Weshalb, das mag man aus diesen Schlusspassagen der Erzählung entnehmen. (Der Hauptteil der Erzählung ist künstlerisch gelungener, doch gibt es keine andere Passage, in der sich ihre Gesamtaussage so konzentriert.)

Da der Erzbischof sah, daß der König ihm die Mühlburg versagte, so war ihm lieb, daß die Mönche von St. Wigbert sie auch nicht erhielten, sondern ein Knabe, den er sich einst geneigt machen konnte, und er antwortete lächelnd: »Der König hat weise entschieden und uns allen das Herz erfreut, indem er das Geschlecht eines seligen Bekenners vor den Edlen ehrte. Du aber Jüngling, denke daran, daß du fortan als Herr auf eigenem Grunde gebietest.«Der Knabe stand nachdenkend, dann trat er vor den König. »Ist's an dem, lieber Herr König, daß ich jetzt Herr bin über die Mühlburg?«Der König zog einen Ring vom Finger und faßte die Hand des Knaben. »Schwach ist deine Hand, du mußt ihn auf dem Daumen tragen«, sagte er. »Wie ich diesen Ring hier abziehe und dir anstecke, so übergebe ich, was dem Reiche an Berg und Burg deiner Väter gehört, dir zu freiem Eigen.«Gottfried küßte die Hand des Königs und rief freudig: »Und ich darf mit dem Gut beginnen, wozu nur immer ein Herr sein Gut gebrauchen will?«»Das darfst du, Jüngling«, versetzte der König unruhig, denn er sah den jungen Burgherrn zwischen dem Erzbischof und dem Mönch Reinhard stehen. »Nur beachte wohl, daß du es nicht zum Schaden des Königs gebrauchst.«Da schlug der Knabe froh die Hände zusammen und rief: »Nicht zum Schaden des Königs, sondern zu seinem Nutzen, denn ich will der Burg einen Herrn geben, der dem Könige besser dienen kann als ich.« Und er zog den Ring von seinem Daumen, lief damit durch die Versammlung zu seinem Bruder Immo, kniete vor diesem nieder und rief: »Nimm den Ring, mein Bruder, und nimm den Berg aus meiner Hand und dulde, daß ich dich als meinen Herrn ehre, denn lieb bist du mir, und gütig warst du mir immer wie ein Vater.« […]Der König, dem ganz ungewohnt war, daß ihn Kinderarme umschlangen, machte zuerst, seiner Würde gedenkend, eine Bewegung, den Weinenden abzuschütteln. Aber das Zutrauen und das heiße Weinen bewegten ihm das Herz, und er sprach leise: »Habt ihr je, edle Herren, bessere Rede eines Bittenden gehört? Auch du schweigst, Immo, und auch dir rinnt Tau von den Wangen? Ist das euer Lied, womit ihr die Herzen rührt? Noch mehr!« fuhr er fort, als er sah, daß die Brüder und die Mutter vor ihm knieten, »ihr versteht gut, wie man eines Königs Gnade gewinnt, leise nur dringt der Gesang in das Ohr, aber er vermag wohl den Zorn zu tilgen. Steh auf, Knabe; und du tritt näher, Immo, dein Recht sollst du erhalten im Guten und Bösen, wie du verdient hast.«Mit bleichem Antlitz trat Immo vor den Stuhl des Herrn und beugte das Knie. »Ich sehe dich vor mir«, fuhr Heinrich fort, »wie an jenem Abende, wo du den Brief des Grafen zu meinen Füßen niederlegtest. Damals war ich unwillig, weil du zum Vorteil eines anderen schwere Sorge auf mein Haupt sammeltest, und ich habe seitdem in meinen Gedanken mit dir gezürnt. Denn, Immo, ich war dir von Herzen zugetan, und ich vertraue ganz fest deiner Treue und deiner guten Gesinnung zu mir. An jenem Abend nun meinte ich mich von dir verraten, und daß du, um das Grafenkind zu gewinnen, die Treue gegen mich verleugnet hättest. Das tat mir von dir weh, und darum war seitdem dein Tun mir verhaßt. Heut aber habe ich erkannt, daß du redlich gegen mich warst, wenn auch unbedacht. Darüber bin ich froh. Und obgleich du gegen den Frieden des Landes gefrevelt und meinen Willen gekreuzt hast, und obgleich ich einen Spruch gegen dich finden muß als Herr, der über Recht und Frieden zu walten hat, so will ich dir doch vorher die Ehre geben, die der König einem Edlen gibt, der ihm lieb ist.« Der König erhob sich schnell, streckte die Hand nach dem knienden Immo aus, hob ihn auf, küßte ihn auf den Mund und lachte ihn freundlich an, und sein Antlitz, das sonst bleich war wie das eines leidenden Mannes, rötete sich, wie einem geschieht, der sich heimlich freut.
G. Freytag: Das Nest der Zaunkönige, Das Gericht des Königs 
Immo hob die Hand gen Himmel. »Unter den Engeln weilt ihr, liebe Väter, blickt günstig auf den Mann herab, den ihr als wilden Schüler gesegnet habt. Den guten Lehren, die ihr mir übergeben habt, verdanke ich Leben und Glück. Einem Spruch habe ich nicht gehorcht, der Mutter und den Brüdern habe ich zu lange meine Kriegslust geborgen, dadurch habe ich uns allen das Herz krank gemacht. Daß ich aber in der eigenen Bedrängnis meinen Helfer Heriman nicht im Stiche ließ, sondern die letzte Kraft daran setzte, ihn zu retten, das hat, wie ich merke, dem König bessere Gedanken über mich eingegeben, gerade als er mir am meisten zürnte. Und daß ich mir von Gerhard, als er in Not lag, nicht die Tochter angeloben ließ, das hat mir die Neigung des Königs und die Braut wiedergewonnen. Mein Erbteil habe ich nicht in fremde Hand gelegt, darum stehe ich jetzt als froher Herr auf freiem Eigen. So hat sich jede Lehre als heilbringend bestätigt.«Da rief Edith ihm zu: »Zornig trugst du das Schülerkleid. Dennoch sollst du heut die Mutter preisen, daß sie dich, den Widerwilligen, zu den Altären sandte. Denn nicht die Weisheit allein, sondern auch, was wenigen glückt, die liebe Hausfrau gewannst du dir unter den Mönchen durch die Klosterschule.«

07 Januar 2012

Die Brüder vom deutschen Hause (1226)

Im Hof von Ingersleben in der Nähe von Erfurt lebt der Ritter Ivo aus dem Geschlecht des Märtyrers Ingram. Seine Herrschaft ist reichsunmittelbar, doch freilich - bemerkt Freytag, der hier als Historiker spricht, nicht als Erzähler - hatte man "in dem Herrenhofe zuweilen erfahren, daß gerade freie Erbschaft Habe und Gut zersplittert und die Angehörigen scheidet, während Dienstbarkeit und Lehnbesitz die Stammgenossen zusammenhält und ein Geschlecht erhöht." 
So war der weniger ritterliche Verwandte Meginhart, der auf der Mühlenburg lebte, zum Grafen aufgestiegen, weil er es nicht ablehnte, immer wieder einmal als Lehnsmann höheren Herren zu dienen.
Ivo ist zunächst stolz darauf, einer unbekannten hohen Herrin zu dienen (vgl. Frauendienst von Ulrich von Liechtenstein) und in Turnieren (Tjost) für ihre Ehre zu kämpfen. (Besiegte Ritter mussten ein Stück ihrer Kleidung abgeben, aus einer Vielzahl solcher Stücke wurde dann ein Frauenmantel genäht, den der erfolgreiche Ritter seiner Herrin schenken konnte.)
Mit glühenden Wangen sprengte Ivo am nächsten Morgen in seinen Hof, er hob die Hand zum Gruß gegen seine Dienstmannen und fragte atemlos: »Wo ist der Schreiber?«, sprang aus dem Sattel und eilte in sein Gemach. Als Nikolaus eintrat, stieß der Herr den entblößten Dolch in den Tisch, um den Schreiber an seinen schweren Treueid zu mahnen, und ein zusammengefaltetes Pergamentblatt aus dem Gewande ziehend, gebot er: »Tritt vor das Messer und lies mir, was in diesem Briefe geschrieben steht, treu und genau, so wahr du leben willst«, und Nikolaus las folgendes:
»Ein armes trauriges Käuzlein schrieb an seinen Gesellen diesen Brief. – Ich, das Käuzlein, vernahm, wie zwei Frauen zueinander von einem Ritter redeten. Die eine lobte in guter Meinung seine Kunst im Speerkampf und sagte: er vermöchte wohl die Wappenzeichen am Gewande der Helden, welche er vom Pferde wirft, zu sammeln und seiner Herrin daraus einen wallenden Mantel zu gewinnen. Die andere Frau aber, welche aus der Fremde gekommen war, lachte spöttisch in argen Gedanken. Dennoch sage ich, könnte dieser Frau ihr Ritter einen ähnlichen Mantel erwerben, sie würde ihn mit Freuden statt ihres Gewandes umtun, wenn sie einmal mit ihrem Gesellen allein wäre. Manche, die sich hart gebärdet, verbirgt mit Mühe vor ihren Hütern Leid und Sehnsucht. Liebe Du mich, wie ich Dich. Der Brief muß liegen auf grünem Ast, ob ihn ein günstiger Wind erfaßt, ob ihn die Pfote des Katers packt, oder ob ihn der Specht zerhackt. – Der Brief ist zu Ende«, schloß Nikolaus verwundert.
»Lies noch einmal«, gebot Ivo, der neben ihm mit heißen Wangen auf das Pergament starrte. – »Und zum drittenmal, damit ich jedes Wort festhalte.« Darauf riß er den Dolch aus dem Tisch und winkte dem Schüler Entlassung. Als er allein war, barg er den Brief nahe bei seinem Herzen und rang die Hände. »Ja, du sagst es, arme Nachtvögel sind wir beide, endlos treibt die Sehnsucht, verhaßt ist mir das Leben, solange ich von dir getrennt bin, und wenn ich einmal vor dein Angesicht trete, wird auch das Wiedersehen zur Qual, denn das eherne Gitter ragt bis zum Himmel zwischen uns beiden, und kein Flügelschlag vermag darüber zu erheben.« Er warf sich in den Sessel und barg das Gesicht in den Händen. Doch nicht lange unterlag er dem Schmerze, denn ihm fiel,[533] wie Liebenden geschieht, wieder etwas Günstiges ein, er sprang auf und lachte: »Verstehe ich meinen Kauz recht, so wäre ihm die Kappe lieb, von der die beiden Frauen zueinander sprachen. Eine frohe Verkündigung finde ich in den Worten, daß sie sich darein hüllen will, wenn das Glück uns zusammenführt. Ich denke, Geliebte, daß ich dir den Mantel gewinne. Einen Mairitt wage ich dir zu Ehren, und das Tuch für dich hole ich mir im Speerkampf von den Edlen dieses Landes.« (G. Freytag: Die Brüder vom deutschen Hause. Der Ritt nach dem Mantel, S.532-533)
Freytag deutet an, dass Ivo der Landgräfin Else, der späteren heiligen Elisabeth, dient und dass die Nichte des Kaisers, Hedwig, den Brief geschrieben hat, der ihn zu seinem "Ritt nach dem Mantel" ermutigt hat.
Nahe vor ihren Füßen ertönte leiser Gesang, die Frauen sahen einander an. »Das klingt nicht wie das Lied eines Bauern, es ist eine ritterliche Weise«, sagte Hedwig und beugte sich über die Brüstung. Unter dem Söller fiel der Fels steil zur Tiefe. Auf einem Vorsprung, der kaum dem Stehenden Raum gab, lehnte ein Mann in ärmlicher Tracht, dem das Haar wirr um das Gesicht [565] hing; einen großen Filzhut, wie ihn die Landfahrer trugen, hatte er abgenommen und hielt ihn, nach der Höhe blickend, über sich, als wollte er eine herabgeworfene Gabe auffangen. »Klimmen bei euch die Bettler mit Lebensgefahr nach Almosen?« fragte Hedwig. »Kann ich ihm spenden, so tue ich's, denn er wagt seinen Hals oder doch seine heile Haut, wenn ihn die Wächter auf der Zinne erblicken.« Sie suchte in der Tasche, welche ihr an der Seite hing. »Fange auf«, rief sie hinab und warf etwas in den Hut, ein undeutlicher Dank wurde gehört, dann klang die frühere Weise fort. Während die Frauen lauschten, schwebte plötzlich ein dunkler Gegenstand vor ihnen in der Luft, ein Bündel, mit Stoff umwickelt, sank vor ihre Füße; die Frauen sprangen auf und sahen über die Mauer, der Felsblock war leer, der Fremde verschwunden. »Ihn deckt der Laubwald, wir aber haben ein Gegengeschenk empfangen«, rief Hedwig mutwillig, »bücke dich nicht darnach, Else, wer mag wissen, was darin ist.«
»Ich sehe silberne Borten glänzen«, versetzte Frau Else erstaunt.
»Rufen wir eine unserer Frauen, daß sie es öffne.« Sie klatschte schnell in die Hände, ihre Dienerin flog von der Mauerecke herzu, Hedwig gebot ihr in fremder Sprache. Die Dienerin löste die Bänder und entrollte einen bunten Mantel, seltsam aus vielen Stücken zusammengenäht, mit allerlei ritterlichen Zeichen, Sternen und Fabeltieren bedeckt. Die Landgräfin sah erschrocken darauf und rang die Hände. »Das ist der Mantel, den Herr Ivo im Kampfe für seine Herrin erworben hat.«
»Weißt du, wer die Herrin ist?« fragte Hedwig mit blitzenden Augen.
Else neigte wie betäubt das Haupt. Wieder machte Hedwig eine heftige Bewegung, die Dienerin raffte den Mantel zusammen. »Was soll aus der Speerbeute werden?« fragte sie wieder.
»Nie habe ich ihm ein Recht gegeben«, klagte Else, »nicht durch Wort, nicht durch Miene, mir so dreist sein Geschenk zu senden. Rein hielt ich mich vor dem Himmelsherrn und vor meinem lieben Hauswirt.«
»Eine andere Frau würde stolz sein, so teuer gewonnene Spende zu empfangen«, versetzte Hedwig kalt. Frau Else aber stieß mit dem Fuß an das Bündel. »Hinweg damit, eine Versuchung erkenne ich, die mir der Böse sendet, meinem Hausherrn will ich die Kränkung klagen.«
»Willst du Herrn Ivo töten oder deinen Gemahl und vielleicht beide, weil ein Ehrengeschenk über die Mauer geflogen ist, welches keine Königin mißachten wird? Wahrlich, bescheiden und demütig rollte der Bund vor unsere Füße. Merke auf, Else, kränkt dich das Gewebe, so strafe den, der es gesandt hat, durch Kälte in Blick und Wort; aber mache keinen Mann zum Vertrauten, keinen, Else, [566] denn du selbst möchtest die Folgen beweinen. Von der Gabe, die der Werber vor unsere Füße gesandt hat, denke ich dich schnell zu befreien.« Sie fragte die stumme Dienerin: »Brennt das Kaminfeuer in meiner Kammer? Trag den Bund eilig hinauf, schließ die Tür, wirf ihn in die Flammen und harre, bis er zu Zunder verbrannt ist.« Und sie fügte einige fremde Worte hinzu.
Als das Sarazenenmädchen die Treppe hinaufeilte, trat ihr ein Mann in dunklem Priesterkleide entgegen, es war Meister Konrad. Er riß das Bündel aus ihrer Hand, und während die Stumme heftig mit den Armen gegen ihn schlug und mißtönendes Geschrei ausstieß, lüftete er das lose Band, sah die Zipfel des zusammengerollten Tuches und gab es mit finsterer Miene zurück. Als das Mädchen entsprungen war, blickte er forschend in die Landschaft hinaus.
Unterdes standen die Frauen einander schweigend gegenüber. Endlich wies Hedwig nach einer Esse, aus welcher ein dicker Qualm aufstieg. »Dort schweben in braunem Dampfe Greifen und Löwen den Wolken zu«, rief sie übermütig. »Getilgt ist der Zauber, mit dem der Kühne edle Frauen umstricken wollte. Stecht Ihr wieder einen Mantel zusammen, Herr Ivo, so sorgt dafür, daß er unverbrennbar werde. Sei ruhig, Else, wären wir Bauernkinder, wie die dort unten, so würden wir den Glasring, den uns ein kecker Werber an den Finger drückt, entweder in den nächsten Bach werfen oder auch heimlich bewahren, und uns fröhlich im Reigen weiter schwingen. Küsse du deinen Trauten um so herzlicher, wenn er zur Heimat kehrt, schweig und vergiß. Denn wir sind nicht allein, dort naht der finstere Meister, der wenig spricht und auf alles merkt, und der in diesem Hause mehr gebietet, als einem leichten Herzen frommt.«
Konrad verneigte sich gemessen vor den Frauen. »Ein Bauer rief klagend in den Schloßhof, daß ihm ein Bär aus den Bergen in seinen Zaun gebrochen sei, Herr Walter rüstet eine Jagd gegen das Untier.« Und zu Frau Else tretend, fuhr er leise fort: »Was soll mit dem Mantel werden?«
Else wies nach der Höhe. »Er ist verbrannt, mein Vater.« Der Meister nickte zufrieden mit dem Haupt.
Als Frau Else sich nach demütigem Gruß dem Hause zugewandt hatte, trat Konrad zu Hedwig, die ihn mit zusammengezogenen Brauen erwartete. »Enthaltet Euch, edle Frau, Eure Kunst an meiner Herrin Elisabeth zu üben. Sie ist seither unsträflich gewandelt in einer verdorbenen Welt, die Unschuld eines Kindes hat sie sich als Hausfrau und Mutter bewahrt, ihr Sinn ist völlig lauter, ihre Rede wahrhaft, und sie gleicht einem Engel des Himmels, soweit irdischer Unvollkommenheit solche Hoheit gegönnt ist. Ich aber habe vor Gott und den Heiligen gelobt, ihr Gemüt dem [567] Himmel rein zu bewahren, wie ich es empfing. Darum rate ich Euch, verlockt sie nicht in das weltliche Treiben, das Euch die Seele füllt. Denn obgleich ich selbst ein sündiger Mensch bin, bei dieser Reinen will ich stehen wie der Wächter vor dem Paradiese, der den Gefallenen wehrt, das Heiligtum zu betreten.« Er sprach in großer Bewegung und seine Augen flammten.
Hedwig antwortete stolz: »Seid Ihr zum Wächter einer Frau gesetzt, die in weltlichen Freuden leben darf, so hütet Euch, Herr, daß Ihr nicht Eifer für den Glauben nennt, was Herrschsucht und Neid gegen andere ist. Wisset, daß ich unter den Sündern die Kunst gelernt habe, durch die Augen der Menschen in ihr Herz zu schauen. Ich sah zuweilen, daß ein Priester ein Weib mit der Geißel zur Nonne schlug, weil er sie anderen Männern nicht gönnen wollte und daran verzweifelte, sie für sich selbst zu gewinnen.«
Aus den Augen des Priesters brach ein heißer Blick des Zornes, aber er erblaßte und sprach leise: »Ich sagte Euch, daß ich ein sündiger Mensch bin. Habe ich mit schweren Gedanken zu ringen, so wissen meine hohen Fürbitter, daß ich mich selbst mit strenger Buße strafe. Ihr aber sprecht nur wie ein böser Feind von den geheimen Sorgen einer frommen Seele, denn Ihr vermögt nichts von der heiligen Freude zu ahnen, die ein Lehrer haben darf über eine Schülerin, wie jene ist. Verständet Ihr die Kunst, in dem Gemüt anderer zu lesen, so würdet Ihr auch in meinem Herzen erkennen, daß ich ein treuer Diener meines Gottes bin und daß ich keine Schonung übe, wo ich Unglauben und Herrschaft des Teufels erkenne, sei der Sünder hoch oder niedrig, Landfahrerin oder Fürstin.«
»Ihr sprecht zu einer Nichte Eures weltlichen Herrn, des Kaisers«, versetzte Hedwig kalt, »und zu einer Frau, welcher der Heilige Vater selbst ihre Rechtgläubigkeit bereitwillig bestätigt hat. Und ich rate Euch, daß Ihr Euer menschenfreundliches Werk zu Rom beginnt unter den Großen der Kirche; denn man sagt, daß Hoffart, Geldgier und was Ihr als Sinnenlust und Werke des Teufels verfolgt, nirgend mehr in Blüte stehen als dort.«  (G. Freytag: Die Brüder vom deutschen Hause, Der Herrin Dank, S.564-567)
Freytags kritische Sicht auf den Beichtvater Elisabeths und den späteren Ketzerverfolger Konrad von Marburg spricht sich auch im weiteren Verlauf des Romans aus, nicht zuletzt darin, dass er den Mann, der ihn später tötet, als ehrenwert darstellt.

Konrad ruft später zum Kreuzzug auf. Ivo wird freilich nicht durch ihn, sondern durch Hermann von Salza und seine Herrin, die Landgräfin Elisabeth, dafür gewonnen, auf den Kreuzzug zu gehen.
Hermann überzeugt ihn unter anderem mit diesen Sätzen:
Soll Jerusalem wiedergewonnen werden und die Herrschaft der Christen dauern, so müssen sie alle einem starken Herrn dienen, der seine Macht nicht ihnen dankt, sondern der sie selbst zu schützen, zu bändigen und zu strafen vermag. Dieser Herr aber ist unser Kaiser Friedrich.  [...] Wenn wir jetzt in edler Schar über das Meer ziehen, so tun wir dies auch, um den Namen der Deutschen zu Ehren zu bringen und eine Herrschaft unseres Blutes über die Länder am Südmeere zu begründen. Das zu bewirken, ist das hohe Ziel meines Lebens. Darum bin ich vor Euch getreten mit hoher Mahnung, als Thüring, und als Meister einer Bruderschaft, welche sich vom deutschen Hause nennt. (G.Freytag: Die Brüder vom deutschen Hause. In harter Zeit, S.589)
Im Dienste Friedrichs II. wird Ivo in Palästina von anderen Christen überfallen und wird beim Versuch, den Sarazenen, der ihm von Friedrich anvertraut ist, zu schützen, schwer verletzt. Als er nach Deutschland zurückkommt, heiratet er die Bauerntochter Friderun und zieht mit seinem Gefolge und bäuerlichen Siedlern mit den Deutschordensrittern ins Preußenland. Diese Entscheidung bereut er nicht:
Auch die deutsche Saat, bei welcher Ivo tätig war, wurde zuweilen durch die Kriegsrosse der heidnischen Preußen niedergetreten. Es war ein harter Kampf, und es war ein sorgenreiches Wachstum, aber ihm erschien er als groß und als heilsam für alle, die er liebhatte. Wenn er mit seinem treuen Gesellen Lutz gegen die Feinde ritt oder wenn er im Rate der Ansiedler tagte, sooft er den alten Sibold gleich einem Ahnherrn zwischen der Kinderschar sitzen sah, welche in seinem Hause aufblühte, und immer wenn er das mutige und hochgesinnte Weib im Arme hielt, welches sich ihm in der Todesnot verlobt hatte, freute er sich des Tages, wo er ein Mitbruder des deutschen Hauses geworden war und aus einem thüringischen Edlen der Ivo, den sie den König nannten, ein Burgmann von Thorn.(G.Freytag: Die Brüder vom deutschen Hause. Schluss, S.722)

03 Januar 2012

Ingraban und Winfried - Missionierung der Deutschen

"[...] Jenen Baum aber habe nicht ich zu scheuen, sondern du, denn weitbekannt ist er im Lande und um ihn schweben seit der Urzeit hohe Gewalten, welche dir Feind sind und nicht mir.«
»Ob sie mir Feind sind, will ich dir zeigen, wenn du mir folgst«, antwortete der Fremde und schritt dem Baume zu. Er hob seine Axt und rief: »Haben sie Grimm, so mögen sie zürnen, haben sie Macht, so mögen sie mich treffen wie ich diesen Stamm.« Und mit starkem Schwunge schlug er die Axt in den Baum. Der Führer trat zurück, griff nach seiner Waffe und starrte nach der Höhe, ob von dort ein Götterzeichen den Frevler treffe; aber alles blieb still, nur ein trockener Zweig mit Eschensamen fiel herab. »Sieh her,« rief der Fremde, auf das Samenbündel weisend, »das ist der Zorn deiner Gewaltigen. Der Baum, vor dem du zagst, war einst ein flatterndes Samenkorn wie dieses hier, aus einem winzigen Kern ist er gewachsen. Wo hausten die Gewaltigen, welche du fürchtest, als der Baum noch ein Samenkorn war? Meinst du, der Baum hat gestanden von Anfang der Menschenerde? Merke, unter seinen Wurzeln fand ich diesen Stein, rissig und gesprengt durch die Kraft des Baumes. Betrachte den Stein, es ist ein Mühlstein, wie ihn die Weiber drehen, um das Getreide zu mahlen. Bevor die Esche war, hat hier ein Hauswesen lebender Menschen gestanden. Geringe Ehre verdienen die Götter, welche erst dann in der Esche mächtig wurden, als die Menschen gestorben waren, die vor dem Baume hier hausten. Der Herr aber, welchem ich diene, ist der Gott, welcher Himmel und Erde gemacht hat, er allein ist ewig und allmächtig von der Urzeit und wird ewig und allmächtig sein, wenn der letzte Span dieses Baumes aus der Welt geschwunden ist.« [...]
du kennst den Ingram, welchen die Heiden Ingraban nennen.«
»Nicht viel Gutes habe ich von ihm genossen, er ist einer von den Feinden des Kreuzes; dort oben haust er auf der Stätte, die sie den Rabenhof nennen, denn die schwarzen Heidenvögel nisten in den Bäumen und krächzen unholde Lieder. Er aber ist voran bei allem Streit und hält die Herzen der Jugend in seiner Hand. Während jener Schlacht sah ich, wie seine Gesellen ihn verwundet aus dem Kampfe trugen: und sie meinen, wäre er im Vorkampf geritten bis zum Ende, dann hätten die Slawen nicht obgesiegt.« [...]
»Ich zürne dir nicht, mein Bruder,« versetzte Winfried, »da ich dich aussandte, wußte ich, daß du kein Säemann warst für steiniges Land, aber von freundlichem Herzen, und daß dich die Heiden hier, weil du wohlmeinend bist, vielleicht dulden würden. Wie ein Kundschafter, der in das gelobte Land gegangen ist, warst du mir. Jetzt bin ich selbst gekommen, dies Volk meinem Herrn zu unterwerfen.« [...]
G. Freytag: Die Ahnen, Ingo und Ingraban

01 Januar 2012

Der Fremde - Zeit der Völkerwanderung

Der Fremde erhob sich: »Ich trage Kunde, die das Herz der Männer bewegt, nicht weiß ich, ob sie euch Freude bereitet oder Trauer. Eine Schlacht ist geschlagen, die größte seit Menschengedenken. Die Wölfe heulen auf der Walstatt, und die Raben fliegen über das Gebein der Alemannen, denen unser Gott den Sieg versagt hat. Die Franken haben dem Römer die Schlacht gewonnen, die Könige der Alemannen Hnodomar und Athanarich sind gefangen, mit ihnen viele Königskinder; die Heerscharen des Cäsars brennen in den Tälern des Schwarzwaldes bis an den Main und treiben die Gefangenen zu Hauf. Der Cäsar ist mächtig geworden über das Grenzland, man sagt, daß die Katten Gesandte in sein Lager geschickt haben, um ein Bündnis zu bieten.«
Ein tiefes Schweigen folgte diesen aufregenden Worten. Fürst Answald sah finster vor sich nieder, auch Hildebrand hatte Mühe, seine Bewegung zu verbergen.
»Wir haben Frieden mit Römern und Alemannen«, sagte er endlich vorsichtig; »und der Thüring fürchtet nicht die Macht des Cäsars. Du selbst aber warst, wie ich erkenne, in der Nähe, als die Schlacht geschlagen wurde, und du hast seitdem die Dörfer der Katten gemieden, die doch, wie du sagst, den Römern wohlgeneigt sind. Ich frage dich nicht, wem du den Sieg gewünscht hast.«
»Ich gebe Bescheid ohne Frage,« rief der Fremde stolz, »ich habe nicht Römersold genommen.«
Ein Strahl von Wohlwollen brach aus den Augen des Häuptlings. »Du bist kein Alemanne,« sagte er. »du bist nach deiner Sprache von den Kindern unseres Gottes, die fern im Osten wohnen.«
»Ein Vandale von der Oder«, versetzte der Fremde rasch.
»Es ist ein weiter Weg von deinem Heimatland bis zu der Walstatt am Rhein, Wanderer. Hat auch dein Volk seine Krieger in den Streit gesendet?« »Ich kam an den Rhein ohne meine Landgenossen, ein schweres Geschick trieb mich aus meiner Heimat Flur.«
»Ein schweres Geschick bereitet ein Gott oder des Mannes trotziger Mut. Wöge dein Herz nicht bedrücken, was dich aus der Heimat gescheucht hat.«
Der Fremde neigte dankend das Haupt. »Des Gastes Sorge ist, daß er seinem Wirt gefalle; verzeih, wenn ich suche, was dir den Fremden vertraulich macht. Ich habe in meiner Heimat ein Lied des Sängers gehört, daß zu der Väter Zeit ein Held aus Thüringeland unter den Kriegern meines Volks gegen die Römer kämpfte, weit südwärts an der Donau, Irmfried war sein Name.«
Der Fürst richtete sich im Sessel hoch auf und sprach: »Seine Hand lag segnend auf meinem Haupt, er war mein Vater.«
»Blutbruder wurde er einem Krieger meines Volkes. Als der Fürst aus meiner Heimat schied, zerbrach er mit starker Hand ein römisches Goldstück und ließ die Hälfte zurück, daß sie ein Zeichen der Gastfreundschaft für spätere Geschlechter sei. Ist die eine Hälfte des Goldstücks dein, so ist die andere mein.«
Er hielt das helle Goldblech dem Fürsten hin. Herr Answald fuhr heftig vom Stuhle und prüfte das Stück am Licht. »Still,« rief er gebietend, »keiner spreche ein Wort. Geh, Hildebrand, und trage deiner Herrin das Wahrzeichen, daß sie es an die andere Hälfte halte; und sage ihr, daß sie allein sei, wenn ich einen Fremden zu ihr führe.« Hildebrand eilte hinaus, der Wirt trat nahe an den Gast und betrachtete ihn erstaunt vom Kopf bis zum Fuß: »Wer bist du, Mann, der mir so hohen Gruß in das Haus trägt?« und freudig fuhr er fort: »Nicht tut es not, das Zeichen zu suchen, seit du die Schwelle betratest, hast du mir das Herz erregt. Komm, Held, daß du mir da deinen Namen kündest, wo die beiden Hälften des geheimen Zeichens sich zusammenfügen.« Er schritt eilig voran, der Fremde folgte.
In ihrem Gemach stand Frau Gundrun, die Fürstin, und hielt die beiden Hälften des Goldstücks aneinander. »Hier sind zwei Ähren von einem Halme,« rief sie dem Gemahl entgegen, »was du mir sandtest, ist König Ingberts Zeichen.«
»Und der sich dem Knie der Herrin naht,« sprach der Fremde, »ist Ingo, König Ingberts Sohn.«
Langes Schweigen folgte dem Ausruf, die Hausfrau sah scheu auf den stolzen Krieger, auf das edle Antlitz, die königliche Gestalt, und sie neigte sich tief zum Gruß; der Fürst aber rief bekümmert: »Oft habe ich gewünscht, das Antlitz der Gastfreunde zu sehen, der erlauchten Helden aus Göttergeschlecht; von reichem Hofhalt hat mir der Vater erzählt, von mächtigem Gefolge in glänzendem Stahlhemd. Aber anders fügten die hohen Gewalten das Wiedersehen. Im Wanderkleide, als werbenden Fremdling schau' ich den großen Volkskönig und Schrecken fühle ich im Herzen. Gutes bedeute die Stunde, wo ich dein Antlitz schaue. Dennoch gedenke ich, daß ich dir ehrbar meine Treue erweise.«
»Ich aber komme nicht als Glücklicher zu dir und der Herrin,« sprach Ingo ernsthaft, »ein Flüchtling bin ich und nicht will ich, mein Schicksal hehlend, deinen Schutz erschleichen. Aus der Heimat bin ich getrieben von dem eigenen Ohm, der nach des Vaters Tode dem Knaben die Krone nahm, mühsam haben getreue Männer mich geborgen, bis ich zum Manne wuchs; Gefahr ist mein Los, des Königs Boten sind mir gefolgt von Volk zu Volk, sie boten Geschenke und forderten meinen Leib. Mit dem kleinen Haufen der Getreuen fuhr ich zum Kampf der Alemannen, ihre großen Könige waren mir hold, am Schlachttag führte ich einen Haufen ihres Volks. Jetzt sucht der Cäsar siegesstolz nach denen, die sich ihm nicht barfuß unterwerfen. Weit reicht seine Nacht in den Königsburgen, ich sah die Boten deiner Nachbarn, der Katten, mit dem Friedenszeichen zum Rhein reiten, und ich bin darum sechs Tage und Nächte heimlich auf Wolfespfad durch ihre Gaue gezogen, fast ein Wunder war's, daß ich ihnen entrann. Das sollst du wissen, bevor du sprichst: Sei Ingo mir willkommen.«
G.Freytag: Die Ahnen. Ingo und Ingraban, 1. Kapitel