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11 Juli 2023

Eva von Redecker: Bleibefreiheit

 Eva von Redecker: Bleibefreiheit Fischer Verlage 2023 (mit Leseprobe) (Perlentaucher)

"Eva von Redecker schreibt ihr neues Buch „Bleibefreiheit“ in die aktuellen Freiheitskämpfe hinein. Der Linken will sie ein zeitgenössisches Verständnis emanzipatorischer Freiheit bahnen, das die Verquickung in Machtstrukturen hinter sich lässt. Dafür denkt sie in ihrem schönen Buch über Freiheit nach, findet Freiheitsbilder und erzählt Freiheitsgeschichten.

Als Herausgeberin von Theodor W. Adornos und Max Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ weiß von Redecker um die Gefahren emanzipatorischer Befreiungspraktiken: dass sich Emanzipation in ein neues Regime der Fremdbestimmung verkehren kann, wenn Freiheit mit Herrschaft und Unterdrückung befördert werden soll. Herrschaftslose Freiheit will von Redecker durch einen grundlegend erneuerten Freiheitsbegriff bahnen. [...] Seit der Antike sei Freiheit immer räumlich als Bewegungsfreiheit gedacht worden – und deswegen in Machtverhältnisse verstrickt. Bewegungsfreiheit können Menschen nämlich immer nur in abgesteckten Herrschaftsräumen erlangen. Wenn Freiheit dagegen konsequent zeitlich gedacht und gelebt werde, dann ließen sich ihre Verquickung in Unterdrückung vermeiden – so von Redecker. Ihr Leitbild zeitlicher Freiheit ist „Bleibefreiheit“: die Freiheit von Menschen und nicht-menschlichen Arten auf Erden beziehungsweise in ihren angestammten Erdteilen am Leben bleiben zu können.

So befreiend von Redeckers Freiheitsbuch ist, wird es doch von seiner schematischen Dichotomie zwischen herrschaftsförmiger räumlicher und herrschaftsloser zeitlicher Freiheit eingeholt. Dies beginnt mit der kritischen Zeitdiagnose. Zwar gewinnen Menschen in den globalen Zentren Bewegungsfreiheit in historisch nie dagewesenem Ausmaß durch die Ausbeutung der Erde und Menschen anderer Erdteile. Gleichwohl sind für das individualistisch-neoliberale Freiheitsverständnis auch Zeitaspekte zentral. Angestrebt und gefeiert wird auch das Zurückdrängen von zeitlichen Grenzen: von den Grenzen der eigenen Lebensspanne, Alter, Verfall und Tod. Zugleich wird die Befreiung von räumlichen und zeitlichen Grenzen nicht nur von Raum-, sondern auch von Zeitregimen ermöglicht: durch die Beschleunigung technischer Prozesse, sozialer Veränderungen und des individuellen Lebenstempos.

Von Redeckers These der europäischen Raumfixierung kann aber auch historisch nicht überzeugen: hat die moderne Beschleunigung doch bereits seit Beginn der Neuzeit an Fahrt aufgenommen. Zeitliche Freiheitsbegriffe zeigen sich in den prozesshaften Leitbildern der Neuzeit von Fortschritt, Emanzipation und Befreiung. Realisiert wird die prozessualisierte Freiheit in wissenschaftlichen und politischen Revolutionen. Und gerade in ihrem zeitlichen Verlauf können Befreiungsprozesse in Herrschaft, Zerstörung und Terror umschlagen – wie seit der Französischen Revolution allzu oft hat erlebt werden müssen. [...]

Die Freiheit erfüllter Gegenwart eignet sich dagegen weit besser als Konzept herrschaftsloser Freiheit. [...] Im Unterschied zur Bleibefreiheit hat erfüllte Gegenwart nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft zum eigentlichen Bezugspunkt: Eine Zukunft, die bestehende Lebens- und Herrschaftsformen nicht einfach verlängert, sondern zugunsten von Freiheit ohne Entrechtung, Unterdrückung und Ausbeutung überwindet.

In erfüllten Augenblicken wird hier und jetzt ein Vorgeschmack der Zukunft herrschaftsloser Freiheit gewonnen. [...] Von der Sehnsucht nach künftiger herrschaftsloser Freiheit können alle wichtigen emanzipatorischen Bewegungen der Gegenwart zehren: die Klima-, Demokratie- und Anti-Rassismus-Bewegungen. Zugleich fungiert die Zukunft herrschaftsloser Freiheit als kritische Instanz gegenüber emanzipatorischen Bewegungen: Nähern wir uns ihr doch nur, wenn wir hier und jetzt auf Gewalt verzichten."

(Eva von Redecker: „Bleibefreiheit“ – Die Freiheit, auch künftig auf Erden zu sein von Olivia Mitscherlich- Schönherr, FR 10.7.23)

Eva von Redecker arbeitet gern mit neu erfundenen Begriffen, hier mit Bleibefreiheit, in Revolution für das Leben mit Phantombesitz, der Fiktion, man dürfe über Menschen genauso verfügen wie über Tiere, Pflanzen und Gegenstände. Dabei darf ein Besitzer ja durchaus nicht frei über Wohnbesitz verfügen, sondern nur der Eigentümer. (Offenbar hat ihr sprachlich Phantombesitz besser gefallen als -eigentum.) 

Ihr Versuch, dem Bundesverfassungsgericht zu unterstellen, es habe  bei seinem Urteil zum Klimaschutzgesetz den Kindern nur einen Anteil am zukünftig zu verbrauchenden CO2 zugestanden und nicht ein ähnlich lebenswertes Leben in der zukünftigen Umwelt  (sieh Freitag vom 7.7.23), kann mich nicht überzeugen. 

Zur herrschaftslosen Freiheit vgl.  Freiheit darf nicht mit der Unfreiheit anderer erkauft werden.

Sieh auch in diesem Blog:

von Redecker: Revolution für das Leben

06 Januar 2013

Russland als Vielvölkerreich


Andreas Kappeler: Russland als Vielvölkerreich. Entstehung, Geschichte, Zerfall. C.H.Beck Verlag Copyright 1992

Reich von Novgorod/Reich von Moskau: die Ureinwohner werden "sprachlich und religiös assimiliert, und sie verschwinden im 14. Jahrhundert aus den Quellen". (Seite 21)
Expansion: Sammlung der Rus, Sammlung der Länder der Goldenen Horde
In der Zeit der Herrschaft der Goldenen Horde Symbiose zwischen der Ruß und Kind hat Haaren (Seite 26)
"Regeln der Steppe": Forderung von Tribut und Einsetzen von Herrschern, aber nicht Eingliederung in ein anderes Territorium. (Goldene Horde / Mongolen)
Patrimoniales Prinzip (Großfürstentum Moskau) Eingliederung ins Territorium und Vererbung.
Daher wurde von dem Zaren im 19. Jahrhundert als Verrat interpretiert, was von den Vertretern der Steppe nur als wechseln der Koalition gesehen wurde (Seite 28)
Zur Zeit Iwans IV. wurden beide Prinzipien noch abwechselnd verwendet. Die Kirche drängte auf Annexion und religiösen Anschluss . Iwan gab sich mit Rücksicht auf Aufstände hin mit einer lockeren Formen der Unterwerfung zufrieden. (Seite 31 bis 32)
Nach der Eroberung des Khanats von Kazan: "Die tatarisch-muslimische landbesitzende Elite wurde in den erblichen Adel Russlands kooptiert, während die meisten Vertreter der animistischen Oberschichten sich zwar als "Dienstleute" von der Masse der Lastenpflichtigen abhoben, die Gleichberechtigung mit dem russischen Abel aber nicht erreichten. Damit zeichnete sich ein auch in Zukunft gültiges Muster ab: Wo die nichtrussische Oberschicht eine dem russischen Adel vergleichbare Stellung hatte, wurde sie als ebenbürtig anerkannt, wo dies nicht der Fall war, indem etwa Sippen- und Stammesbeziehungen vorherrschten, kam es zwar zur Kooperation mit der nichtrussischen Elite, nicht aber zu ihrer Kooptation in den Adel des Reiches. " (Seite 33)
Die Eroberung und Erschliessung Sibiriens, ein Vorgang von welthistori­scher Bedeutung, begann mit privater Initiative der Unternehmerfamilie Stroganov, die seit Ende des 15. Jahrhunderts "ein vorwiegend auf Salzgewinnung und Pelzhandel basierendes halbautonomes Wirtschaftsgebiet aufgebaut hatten". (Seite 38) Dann zog der Staat nach. "Dieses Wechselspiel von privater und staatlich-militärischer Initiative sollte für die Eroberung ganz Sibir Jans typisch bleiben." (Seite 38)
"1639 standen die ersten russischen Truppen am Pazifik, wo 1648 der Hafen Ochotsk begründet wurde." (Seite 39)