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07 März 2016

Lisa Barendt: "Danziger Jahre"

Lisa Barendt: "Danziger Jahre" aus dem Verlag Frieling und Partner C. 1992, ISBN 3-89009-368-X 

Es ist die Autobiographie einer Arbeiterfrau aus Danzig, die Kindheit, Jugend und erste Ehejahre in Danzig erlebt hat. Aufgrund Kriegsgefangenschaft bis 1920 und ab 1923 beginnender Arbeitslosigkeit des Vaters ist die Familie lange sehr arm. Dann bekommt das Mädchen Kinderlähmung. Da sie aus sozialdemokratischen Kreisen stammt, hat ihre Verwandtschaft, nicht zuletzt ihr Geliebter und Ehemann einiges unter nationalsozialistischer Verfolgung zu leiden. Nach dem Einmarsch der Russen wird sie mehrmals von russischen Soldaten vergewaltigt und flieht dann mit ihren drei Kindern zunächst nach Mecklenburg und von dort nach Hamburg. 

In einer Rezension über

W. Gippert: Kindheit und Jugend in Danzig 1920 bis 1945

"Die erste Autobiografie behandelt Lisa Barendt, die 1916 im Arbeiterviertel Schidlitz-Stolzenberg geboren ist. Sie wird damit mitten im Ersten Weltkrieg geboren, der Vater befindet sich während ihrer Geburt in Russland. Der Wohnraum ist knapp, Kinderreichtum und -sterblichkeit prägen ihre Kindheit, die sich erst nach der Rückkehr des Vaters, 1920, verbessert. Das Umfeld, in dem Lisa Barendt aufwächst, ist ein sozialdemokratisches. Der Vater ist Mitglied in der SPD, und Themen wie Inflation oder Arbeitslosigkeit werden offen diskutiert. Lisa wird Mitglied in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), in der sie auch ihren zukünftigen Mann kennen lernt. Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus erlebt Lisa Barendt mit ihrer Familie und ihren Freunden nationalsozialistische Repressionen: Ihr Freund wird zusammengeschlagen, verhaftet, und in ihrem Elternhaus werden die Scheiben eingeschlagen. Lisa Barendt zieht sich ins Private zurück. Im Krieg muss sie ihre drei Kinder versorgen, während ihr Mann eingezogen wurde. Lisa Barendt hat ihre Lebensgeschichte unter dem Titel „Danziger Jahre. Aus dem Leben einer jungen Frau bis 1945/46“ im Alter von 68 Jahren verschriftlicht. In der Längsschnittstudie verzichtet Gippert nicht, historische Lücken aufzufüllen, während er die Biografien nachzeichnet. So erläutert er beispielsweise die SAJ, die bisher kaum erforscht wurde." (W. Gippert: Kindheit und Jugend in Danzig 1920 bis 1945, Essen 2005)

vgl. auch:


20 September 2007

Danzig

[...] ei, ist denn Hochzeit heute?
Da stehen die hohen Häuser, schlank und steil wie vornehme Damen und haben ihren schönsten Staat angezogen. In vielen Farben prangen sie und jedes hat sein besonderes Schmuckstück. Das eine graue eine grellleuchtende grüne Tüt mit feiner Schnitzerei, ein anderes leuchtende Messingklopfer, ein drittes einen besonders verzierten Giebel. Ein viertes und fünftes bildhafte Darstellungen auf der ganzen Front und alle haben die schönen Beischläge. Das sind weit ausgebaute breite Treppen, die zum Hauseingang führen. Meistens steht vor dem Aus oben auf dem Beischlag eine Laube oder doch eine Bank. Das haben die Danziger Häuser als ihren ganz besonderen Schmuck. Und nur ungern hat man in den Verkehrsstraßen die Beischläge abgerissen. Die neuen Häuser haben jetzt keine Beischläge, nur die alten hatten sie.
Aber die Krone des Hochzeitssaales ist doch das Rathaus mit seinem leichten, zierlichen Turm. Und dahinter taucht ernst und schweigsam der große eckige Turm der Marienkirche auf. Der Rathausturm aber kümmert sich nicht um seine ernste Nachbarin, sondern spielt laut und freudig bei jeder vollen Stunde einen herzhaften Choral. Die Katharinenkirche bei der großen Mühle tut es ihm nach und spielt ihr "Befiehl du deine Wege". 76 m ist der Marienturm hoch, der Rathausturm steigt aber luftig noch 6 m höher.
Seht Euch nun die Marienkirche an. Backsteingotik nennt man den Stil, in dem sie gebaut ist. Nur kleine Steine sind aufeinandergeführt und - welche Wucht, welche Einheit spricht aus dem Ganzen! Ein Sinnbild der Kraft, der Einheit und Festigkeit und Schönheit. Das Gewaltige wird durch die feinen neun anderen Türmchen zur veredelten Kraft.
(1927)