Posts mit dem Label Brief werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Brief werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

05 Mai 2021

Meister Gottfrieds Späße (G. Keller: Martin Salander)

 So sehr ich im allgemeinen Fontanes Briefe denen von Storm und Keller vorziehe, muss ich eine Ausnahme machen für den Briefwechsel, der nur zwischen diesen beiden stattgefunden hat. Da ist zum einen Kellers großartiges Bild von den Klosterherren:

"Es ist mir übrigens, wenn ich von dergleichen an Sie schreibe, nicht zu Mute, als ob ich von literarischen Dingen spräche, sondern eher wie einem ältlichen Klosterherren, der einem Freunde in einer anderen Abtei von den gesprenkelten Nelkenstöcken schreibt, die sie jeder an seinem Orte züchten."

Zum anderen aber auch der offene Umgang, bei dem beide vom Kunstverstand des anderen zu profitieren suchen. Auch wenn Storm bei seiner Kritik an Kellers Lyrik diesem zu weit ging (Bekannten gegenüber hat er da schon einmal geklagt, Storm gegenüber aber nicht, dafür war ihm sein Urteil zu wichtig), hat Storm es an anderer Stelle sehr gut verstanden, Kritik mit Wertschätzung zu verbinden und zwar in Bezug auf Kellers Rüpelszenen. Sehr eindrucksvoll in seinem Brief vom 27. 2.1878 (schon in seinem dritten Brief an Keller):

"Lassen Sie mich , lieber Herr Confrater, hier eines sagen ! „ Der Dichter will auch seinen Spaß haben ! “ Ich meine, dass der Spruch von Goethe stammt* . Jedenfalls lassen Sie sich dies Recht in keiner Art verkümmern ; ich für meine Person, z.B. wenn das Seldwyler Kriegsherr den Quast in seinen schwarzen Farbetopf taucht, stemme dann die Hände in die Seite, sehe ruhig zu und denke: "Ja so! der Gottfried muss erst seinen Spaß zu Ende machen!" Und er macht ihn dann auch jedes Mal zu Ende. Aber es sind Leute, kein schofles Volk, sondern gute Leute, denen ich gern den kräftigen Born ihrer Dichtung gönnen möchte; die rufen: "Das halt der Deuwel aus!" und laufen mir davon. Diese Leute sollen wir jetzt "Die sieben Aufrechten" lesen, und ich habe alle Hoffnung, dass sie danach, wenn sie wiederum einmal den Dichter auf seinem Spaß betreffen, respektvoll mit dem Hut in der Hand das Ende abwarten werden."

*Goethes Ausspruch "Der Dichter will auch seinen Spaß haben" ist von Johanna Schopenhauer überliefert und zwar in der Form: "Das muss man nun den Künstler zugeben, er will seine Freiheit, will auch seinen Spaß haben"* (nach H. H. Houben: Damals in Weimar, Erinnerungen und Briefe von und an Johanna Schopenhauer, 2. Auflage Berlin 1929 S. 57)

Hier ein Beispiel für eine solche Rüpelszene aus Martin Salander. Dargeboten wird sie von Möni Wighart. Er berichtet, wie Julian Weidelich bei seinen Betrügereien auch zwei alte Geizkragen geschädigt hatte und wie die damit umgingen:

"Noch kurz vor der Abreise hinterlegte er bei der allgemeinen Not- und Hilfsbank einen schönen, neuen, vorstandsfreien Pfandbrief von zehntausend Franken und erhielt darauf sechstausend. Als Schuldner erscheint in dem Instrument ein reicher, filziger alter Bauer hinter Lindenberg, genannt Ägidi, als Pfand dessen Hof und Land, und als Gläubiger der Bruder des Schuldners, ein anderer alter Filz, der sogenannte Schleifer in Nasenbach und bekannter Wucherer. Diese beiden Brüder führen seit Jahrzehnten eine Erbstreitigkeit um die andere, und wenn sie fertig sind, fangen sie von vorn an. Sie leben wie Hund und Katz' gegeneinander und betrachten sich gegenseitig als den Fluch ihres Daseins, ohne alle Not, da jeder für sich genug hätte. 
Gut, die alten Männer waren heute nebst manchen anderen einberufen. Man zeigte ihnen, als die Reihe an sie kam, die schöne Hypothek und fragte, ob sie in Ordnung sei? Zuerst nahm sie der angebliche Schuldner in die Hand, weil er eher mit dem Aufsetzen der Brille fertig war; im übrigen sind beide übelhörig und verstanden zunächst kein gesprochenes Wort. Kaum hatte der Hofbesitzer herausstudiert, daß er dem feindlichen Bruder zehntausend Franken schuldig sein sollte, geriet er in eine fürchterliche Aufregung und zerriß den Brief von oben bis unten so von Zorn zitternd, daß die zwei Stücke zwei Sägen ähnlich wurden. Der Schleifer aber, der nicht anders glaubte, als daß der Bruder eine ihm nützliche und zustehende Urkunde vernichte, fiel über ihn her, und augenblicklich verkrallten sich ihre Hände in den beidseitigen Halsbinden, und die Greise hämmerten sich mit den kurzen, kraftlosen Faustschlägen auf die Köpfe. Mit Mühe brachte man sie auseinander und schrie ihnen, als sie atemlos dastanden, den Sachverhalt in die Ohren. 
Allein, sobald sie vernahmen, daß irgend jemand auf das Schriftstück, das notdürftig zusammengefügt auf dem Tische lag, sechstausend Franken ausbezahlt erhalten habe, gerieten sie, ohne sich um etwas anderes zu kümmern, wieder aneinander, zerklaubten sich aber diesmal in kürzester Frist Kinn und Backen und zerrissen sich die Naslöcher. Abermals wurden sie unter großem Gelächter, das endlich den amtlichen Ernst überwand, gebändigt. Den eingebildeten Gläubiger packten zwei Männer an den Schultern, drückten ihm das Gesicht gegen den Brief und fragten ihn bei Ja und Nein, ob er diese zehntausend Franken dem Notar von Lindenberg für den Ägidibauer, der hier neben ihm stehe, selbst oder durch einen anderen übergeben und diesen nämlichen Brief dagegen empfangen und jemals besessen habe?

Nach ängstlichem Besinnen, während dessen ihm das Blut auf die unglückliche Hypothek tropfte, krächzte er schließlich: »Nein, davon weiß ich nichts! Man soll mich gehen lassen!«

»Aber ich will wissen, wer die Sechstausend auf meinem Hof gekriegt hat!« schrie der andere, dem der Zusammenhang noch immer nicht klar schien. Sie wurden jedoch ohne weiteren Bescheid vor die Tür geführt, wo die übrigen Zeugen harrten. Man gab ihnen ihre Hüte und Stecken und schickte sie fort. 

Kaum auf die Gasse gelangt, benutzte ihre verfluchte Leidenschaft die langentbehrte Gelegenheit und hetzte die betörten Filze aufs neue aneinander. Ohne zu wissen wohin, und ohne sich lassen zu können, so fesselte sie der Haß, liefen sie auf beiden Seiten der Straße fort unter greulichem Schimpfen und Drohen; es war bei Gott ein widerwärtiges Beispiel, wohin der elende Geiz und Neid sogar ein paar betagter Brüder treiben kann. Ich kam gerade dazu und lief mit dem Publikum den Rasenden nach, bis sie unversehens aneinander gerieten und mit den langen Weißdornstöcken dareinhieben, ohne sich zu treffen. Es kam dann ein Stadtpolizist und führte die armen Teufel auf die Wache. Nachher ging ich auf Vier Winden, wo ich das andere vernahm, wie ich es erzählt.

Ist das nicht ein verzwickter Streich von dem Notarius, ein köstlicher Einfall sogar, den geldstollen Brüdergreisen aus einem Pfandbriefe die Haare zu verstricken als Gläubiger und Schuldner? Viel Haare waren es freilich nicht mehr, und die spärlichen Streifen, die noch herumhingen, haben sie sich vollends ausgerauft!« [...]"

(Gottfried Keller: Martin Salander Kapitel 17)


*Wie wichtig es Goethe war, auch mal seine Freiheit, seinen Spaß zu haben, hat Albrecht Schöne bei seinen Studien der Paralipomena zu Goethes Klassischer Walpurgisnacht in Faust II aufgezeigt. Goethe hat da seinen Figuren allerlei sexuell Explizites in den Mund gelegt, was er zu seinen Lebzeiten seinem Publikum nicht hätte zumuten können. Er hat es aber sehr fein säuberlich abgeschrieben (oder schreiben lassen?) und zur eventuellen Verwendung nach seinem Tod zurückgelegt.
Dass es über 200 Jahre gedauert hat, bis diese Stellen einer Ausgabe von Faust II hinzugefügt wurden, beweist einerseits, wie richtig er seine Zeitgenossen eingeschätzt hat, und andererseits, wie gut er vorausgesehen hat, dass die Zeiten sich einmal ändern würden (und dass sein Werk dann immer noch so ernst genommen würde, dass man sich für seine Freiheiten so interessieren würde, dass sie der breiten Öffentlichkeit vorgestellt würden). 

Heute liest man so wohl einerseits respektvoller und andererseits mit weniger empathischer Liebe als Storm, der 'mit eingestemmten Händen' den Meister Gottfried 'seinen Spaß zu Ende machen' ließ.

Mehr zu den letzten Kapiteln von Martin Salander findet man im vorigen Blogbeitrag.

07 Dezember 2020

Briefe in Fontanes "Unwiederbringlich"

  Im Vergleich zu Raabe schien mir Fontane relativ wenig Abstand zu seinen Personen zu haben, wo sich doch so viel in Konversation und Briefen abspielt. So war ich über die Formulierung "Alle Romane und Novellen sind aus einem auktorialen Gestus erzählt" der Wikipedia nicht angemessen, doch beim näheren Hinsehen nutzt Fontane gerade die Briefe, obwohl sie ja nur die Person sprechen lassen, wegen der Nachbemerkungen, auch wenn diese nur die Gedanken einer Person berichten, immer wieder dazu, die Position des Erzählers zu verdeutlichen. 

Für Unwiederbringlich habe ich das bereits in einem Post von 2011 für den ersten Teil des Romans herausgestellt, jetzt tritt es mir im zweiten Teil wieder entgegen.

Graf Holks Schwager Arne schreibt : "[...]  Ich habe Deine Briefe gelesen – es waren ihrer nicht allzuviel, und keinen einzigen traf der Vorwurf, zu lang gewesen zu sein –, aber die Hälfte dieser wenigen beschäftigt sich mit der märchenhaften Schönheit der doch mindestens etwas sonderbaren Frau Brigitte Hansen und die zweite Hälfte mit den Geistreichigkeiten des ebenfalls etwas sonderbaren Fräulein Ebba von Rosenberg. Für Deine Frau, Deine Kinder hast Du während dieser langen Zeit keine zwanzig Zeilen gehabt, immer nur Fragen, denen man abfühlte, daß sie nach Antwort nicht sonderlich begierig waren. Ich glaube, lieber Holk, daß es genügt, Dich auf all das einfach aufmerksam gemacht zu haben. Du bist zu gerecht, um Dich gegen das Recht der hier vorgebrachten Klage zu verschließen, und bist zu gütigen und edlen Herzens, um, wenn Du das Recht dieser Klage zugestanden hast, nicht auf der Stelle für Abhülfe zu sorgen. Die Stunde, wo solcher Brief auf Holkenäs eintrifft, wird zugleich die Stunde von Christinens Genesung sein; laß mich hoffen, daß sie nahe liegt. Wie immer Dein Dir treu und herzlich ergebener Schwager"

Die Nachbemerkung ist ganz aus der Sicht des Grafen geschrieben, und doch, wie deutlich klagt hier der Erzähler den Grafen an: 

"Holk war so getroffen von dem Inhalt dieses Briefes, daß er darauf verzichtete, die beiden andern zu lesen. Petersen schrieb vielleicht ähnliches. Zudem war die Stunde da, wo er bei der Prinzessin erscheinen mußte, vor der er ohnehin fürchtete seine Erregung nicht recht verbergen zu können." (23. Kapitel)


06 März 2020

Fontane in Briefen

"Und nun lebe wohl und ertrage mein zu frühes Kommen wie so oft, denn ich kann mich kaum erinnern, dass mein Kommen jemals nicht mit einem kleinen Schreck verknüpft gewesen wäre. Erst allmählich finden sich Frauen wieder in die Tatsache, "dass er wieder da ist". Aber "darum keine Feindschaft nich." (Fontane aus Wyk an Emilie, 27.8.1891)

24 Januar 2020

Gottfried Keller: Autobiographisches

Brief an die Mutter

München, den 9. September 1841.
Liebe Mutter!
Ich melde Dir hiermit den Empfang des Geldes sowohl, als Deines werten Briefes, und muß Dir gestehn, daß ich das Paket nur mit Angst eröffnete, weil ich wußte, daß nur durch liebevolle Aufopferung und Entbehrung von Deiner Seite die Sendung dieses Geldes möglich geworden war. Desto unerwarteter und befremdender mußten mich Deine Berichte von Herrn Vogel und Frau Schinz berühren, und wirklich sind solche Aussprüche von Leuten, die sonst mehr Kenntnis besitzen, hart zu verdauen. Daß Hr. Vogel ungern in die Sache einging, sie sogar ablehnte, mag daher kommen, daß Du zu ihm gegangen bist, ohne daß er etwas von mir gesehen hat. Er urteilte halt nur nach Steiger etc. und vermutet wahrscheinlich in mir einen der gewöhnlichen Koloristenlehrjungen, welche derselbe sonst zu halten pflegt. Daß er sich meiner nicht erinnerte, ist merkwürdig, indem er mich doch durch Kaspar Rordorf in seinem letzten Briefe grüßen ließ. Die Gründe und Ansichten des Herrn Vogel, das schwere Auskommen, die nötigen Talente usw. betreffend sind mir ebenso oft schon von Anfang an von allen Leuten vorgeleiert worden und werden jedem jungen Menschen gesagt, daß es eigentlich gar keine Künstler mehr gäbe, wenn jeder darauf horchen wollte. Es ist nur die Frage, welche auch Du mir stellst und welche ich deswegen jetzt frisch wieder reiflich überdenke, ob ich wirklich zum Maler geschaffen sei und die nötigen Talente habe oder nicht. Hier muß ich nun bemerken, daß mir von allen Leuten, Kennern und Nichtkennern, weder in Zürich noch hier gesagt worden ist, ich tauge nichts dazu. Frau Dekan Schinz selbst hat mich nur immer aufgemuntert und gelobt, wenn ich zu ihr kam; und worauf sie nun ihren jetzigen Ausspruch gründet, ist mir nicht recht klar. Wenn man in Zürich nun sagt, ich werde nichts, so kann ich wiederum die Stimme meiner jetzigen Umgebung, die eben nicht aus Mistfinken besteht, auch nicht verachten, und welche mich nur aufmuntert. Wenn ich nun meinen Eifer und die einzige Neigung zur Landschaftsmalerei dazu rechne, welche ich immer gehegt, und daß ich mir gar keinen Beruf denken kann, bei dem ich mich besser finden würde, so denke ich, die Frage ist nicht schwer zu entscheiden. Daß Herr Vogel sagt, er könnte mit seinem Verdienst seine Familie nicht ernähren, benimmt mir eben das Zutrauen an seine anderen Aussagen; denn, wenn er wollte, so konnte er sechs Familien, wie seine, ernähren. Daß er sich nicht nach anderen Leuten zu richten braucht und seine Gemälde selbst zu behalten vermag, ist kein Grund zu seinen Ansichten.
Dem sei nun, wie es will, ich werd in den nächsten Wochen zwei entworfene und leicht gemalte Landschaften heimschicken und dem Ausspruche unterwerfen; Herrn Vogel werde ich natürlich seinem Wunsche gemäß nicht schreiben; wenn Du meinst, er werde einige Augenblicke zum Ansehen der Bilder verwenden, so kannst Du ihn ja dazu noch bitten. Hingegen werde ich einen Brief an Herrn Ulrich mitschicken und ihn bitten, die Sachen anzusehen.
Indessen würde ich mich, selbst in dem Falle, daß man mir Talent nicht abspräche, nicht besinnen, etwas anderes zu ergreifen, wenn sich Gelegenheit zu einer schicklichen Stelle finden würde. Daß ich kein eigentliches Handwerk mehr erlernen könnte, oder etwa in einer Handlung als Postbub einstehen würde, wirst Du selbst begreifen; und es möchte daher schwer sein, irgend einen ordentlichen Platz zu kriegen, wo ich nicht zu lang umsonst schaffen müßte. Hätte ich Vermögen oder Unterstützung, so würde ich vielleicht nicht ungern die Rechte studieren; aber so wird es am besten sein, ich bleibe bei meinem Leisten, und werde in diesem Entschluß durch das Beispiel von tausend andern bestärkt, die nur durch Not und Erfahrungen aller Art auf einen grünen Zweig gekommen sind. Diese Beispiele sind etwa nicht aus alten Zeiten und Geschichten, sondern sie bewähren sich noch täglich. Daß ich einstweilen nicht zu kolorieren vermag, habe ich folgende Gründe: erstens will ich es so lange vermeiden, solange noch irgend ein anderer Ausweg ist; denn es ist doch gewiß besser, wenn man sich durch ein momentanes Opfer in kürzerer Zeit eine gute Existenz verschaffen kann, als durch solche langweilige Hülfsmittel sich Jahre lang durchzuschleppen. Denn während ich koloriere, lerne ich nicht nur nichts, sondern vergesse noch das Gelernte. Zweitens gibt es hier nicht so hübsche Kolorierarbeit, wie in der Schweiz, sondern nur Sachen, die jede Jungfer machen kann, und werden meistens auch nur von Jungfern gemacht. Fischer hat nun genug zu kolorieren, aber er denkt nicht weiter. Er hat auch Spinner und Kündig hieher zitiert, welche auch zu tun haben werden. Allein ich mag nun einmal nicht, denn ich bin zu gewiß, daß ich in weniger Zeit der Entsagung mehr verdienen kann, als diese Schmierhänse. Ich kenne hier zu Dutzenden junge Künstler von drei-, vier- bis fünfundzwanzig Jahren, welche alle im Anfang die gleiche Geschichte und Not hatten, wie ich, und die nun sehr gut stehen. Wir wollen es also einstweilen getrost darauf ankommen lassen; denn, wenn mir etwas anderes bestimmt wäre, so wären gewiß meine Gedanken etwa schon darauf gefallen, und ich habe bis jetzt keine Ursache, an der Vorsehung zu zweifeln.
Der Frau Dekan Schinz wirst Du schon das Nötige für mich sagen zur Danksagung; es ist mir nicht sehr lieb, etwas von Leuten annehmen zu müssen, welche doch glauben, es sei schlecht angewendet. Was meinen neuen Rock betrifft, so war derselbe schon notwendig; denn der andere war nur ein ganz geringer grüner Rock und wurde nun fast ein Jahr lang alle Tage, Sonn- und Werktag, getragen. Jedoch ist er noch gut, nur konnte ich ihn nicht mehr brauchen am Sonntag oder bei sonstigen Anlässen, denn ich gehe mit ordentlichen und gut gekleideten Leuten und kann einmal nicht den Kniffer spielen ... Herr Vogel mag wohl sechs Jahre lang in einem abgeschabten Rock umhergegangen sein. Es war wahrscheinlich unter den damaligen Künstlern so Mode. Hier geht es einmal nicht; denn München ist noch ziemlich kleinstädtisch, wo man auf dergleichen Sachen so gut sieht, wie in Zürich ...
Einstweilen kann ich nur in wenigen Worten für Deine Güte danken; jedoch versteht sich's, daß Du, im Falle Du meinem Plane entsprechen wirst, die vier Louisdor sogleich an dem Gelde, so Du für mich borgst, abziehen wirst, damit Du in Deiner häuslichen Rechnung nicht zu kurz kömmst; denn meine Sache muß getrennt sein von Euren Angelegenheiten, damit ich später alles richtig wieder in Ordnung bringen kann. - Bis dahin muß ich Dich nur wieder bitten, die Sache nicht so schwer aufzunehmen: die Not ist gar nicht so groß, und wenn ich denken muß, daß Du meinetwegen immer in Sorgen seist, so verbittert und verleidet mir dies alle Arbeit. Tausend Grüße an alle.
Dein Sohn.

Tagebuch 1843
»Ein Mann ohne Tagebuch (er habe es nun in den Kopf oder auf Papier geschrieben) ist, was ein Weib ohne Spiegel. Dieses hört auf Weib zu sein, wenn es nicht mehr zu gefallen strebt und seine Anmut vernachlässigt; es wird seiner Bestimmung gegenüber dem Manne untreu. Jener hört auf, ein Mann zu sein, wenn er sich selbst nicht mehr beobachtet und Erholung und Nahrung immer außer sich sucht. Er verliert seine Haltung, seine Festigkeit, seinen Charakter, und wenn er seine geistige Selbständigkeit dahin gibt, so wird er ein Tropf. Diese Selbständigkeit kann aber nur bewahrt werden durch stetes Nachdenken über sich selbst, und geschieht am besten durch ein Tagebuch. Auch gewährt die Unterhaltung desselben die genußvollsten Stunden.« Diese Worte habe ich vor fünf Jahren, im Heumonat 1838, in meinem neunzehnten Jahre, niedergeschrieben, ohne daß ich bis jetzt irgend einmal ein Tagebuch angefangen hätte. Ich denke aber, es geht mir nicht allein so, und ich habe schon oft geahnt und an mir selbst erfahren (ich müßte denn eine tüchtige Abnormität sein), ich habe schon oft bemerkt, sage ich, daß in der Welt sehr viel Schönes, Wahres, sehr gründlich und solid Scheinendes, dem, der es sagt, zur Ehre Gereichendes gesprochen, geschrieben und behauptet wird, ohne daß es dem Autor im mindesten in den Sinn käme, das mit so viel Energie Geäußerte auf sich selbst anzuwenden oder auszuüben. 
So ist es mir nun auch mit meinem Tagebuch gegangen, und ich habe die so lehrreiche Zeit meines ersten Ausfluges in die Welt, die drei Jahre, welche ich in München zubrachte, samt allen Eindrücken, die ich dort empfangen, das heitere, schöne Künstlerleben, die bangen sorgenvollen Tage, die ich erlebt, und sonst noch so vieles, was mein Gemüt lebhaft ergriffen; die Rückkehr und Flucht ins mütterliche Haus: das alles habe ich handelnd und leidend an mir vorbeiziehen lassen, ohne eine Silbe darüber niederzuschreiben. 
Ich habe mir zwar das ganze Bild in seinen Umrissen und mit seinen Lokalfarben ziemlich treu bewahrt, und wenn ich einst aus mir selbst heraustreten und, als ein zweites Ich, mein ursprüngliches eignes Ich in seinem Herzkämmerlein aufstören und betrachten, wenn ich meine Jugendgeschichte schreiben wollte, so würde mir dies, ungeachtet ich bis jetzt nie ein Tagebuch führte, und nur früher, vor bereits sechs Jahren, dann und wann, aber sehr selten, einzelne abgerissene Vorgänge der Außen- und Innenwelt aufzeichnete, dennoch ziemlich gelingen.
Aber wie viele, viele Gedanken und Ideen, wie sie Sonne und Mond uns bringen, gingen mir nicht verloren? Wie viele Erfahrungen und Erlebnisse hatten keinen oder nur wenigen Nutzen für mich, weil ich sie mir nicht genugsam einprägte? 

Wie viele poetische Motive und künstlerische Erscheinungen gingen wie Traumbilder, auf die man sich beim Erwachen nicht mehr besinnen kann, an mir vorüber? Und wie viel reizende und bedeutungsvolle Geschichten, Vorfälle und Anekdoten verweben sich dem sinnigen Menschen in sein tägliches Leben, aus denen er oft die schönsten Geistesblumen ziehen könnte, und die meistens spurlos verloren gehen, wenn er nicht einen gehaltvollen Briefwechsel oder ein Tagebuch führt! 
Der Hauptgrund aber, der mich zur Führung eines solchen trieb, liegt in der Beschäftigung an sich selber, die sie mir verleiht. Das Tagebuch wird mir ein Asyl sein für jene grauen, hoffnungslosen Tage, die mir oft in stumpfem Nichtstun vorübergehen und spurlos in die dämmernde Vergangenheit verschwinden. Es sind dies die Tage, welche man, gehemmt durch äußere, widerliche, oft miserabel kleinliche Umstände, oder durch innere Erschöpftheit, Rat- und Mutlosigkeit dahinbrütet, ohne einen frischen Entschluß zur Arbeit fassen zu können. Ich weiß wohl, es gibt Leute, welche diese Tage nicht kennen; sondern jahraus jahrein, vom Morgen bis Abend, arbeiten können; ich meine hier nicht die Handarbeiter, sondern die Geisteshandlanger, die glücklichen Wesen, welchen materiell kein Augenblick verloren geht, den sie nicht benutzen können, wie man Nadel und Zwirn, Waschwasser u. dgl. benutzt, welche mit der unerträglichsten, selbstzufriedenen Emsigkeit die Werkel- und Schmutztage hindurch fuseln und schlampen und am Sonntage mit fetter Behaglichkeit nichts tun, nichts denken, nichts sehen; sondern ihren Gänsebraten verzehren und mit Weib und Kind hinausschlendern, nicht um Wald und Au zu sehen, vielmehr um Basen und Gevattern anzutreffen, und den feinen, wohl konservierten Sonntagsrock zu lüften; welche nur sprechen: Heute ist Feiertag! und sich dann vor allem Denken so wohl verwahren können, wie man sich vor dem Sonnenscheine schützt, indem man nur in den Schatten tritt. Glücklich sind diese Leute, und ich bin geneigt zu glauben, daß diese Behaglichkeit, verbunden mit einem geregelten, ersprießlichen Fleiße, mit den spätern Jahren auch feurigern und kräftigen Naturen, wenn sie lange genug gelitten und gekämpft haben, zuteil werden könne. Denn jeder Mensch wird am Ende Philister, nur mit dem Unterschiede, daß es der eine innerlich, der andere äußerlich, der dritte aber traurigerweise total wird. 

Ich aber bin noch nicht, noch lange nicht so weit, daß alle meine Entwürfe, oder nur der kleinere Teil derselben, so gediegen, klar und unabänderlich wären, daß nicht Tage, ja Wochen und Monate der Unterbrechung und der Niedergeschlagenheit kämen, wo nichts ans Sonnenlicht dringen will in freudiger Klarheit. Es gibt Zeiten, wo man, geschweige einen warmen Menschen, nicht einmal ein warmes, lebendiges Buch zur Hand hat, an dem man sich bereichern und erquicken könnte. In diesen Zeiten soll das Tagebuch mein Trost sein! Wenn ich einen lieben langen Tag nichts Bleibendes getan habe, so will ich wenigstens dies hineinschreiben, und dann wird das Buch mir entweder einige Gedanken geben, oder einige entlocken, so daß doch etwas, daß doch einige Worte zurückbleiben von der luftigen Blase, der Zeit. Aber nicht bloß in Tagen der Mutlosigkeit – nein! auch in Tagen der festlichen, rauschenden Freude will ich stille Momente verweilen und ausruhen im traulichen Schmollwinkel meines Tagesbuches. Ich will die schönsten Blüten erlebter Freude hineinlegen, wie die Kinder Rosen- und Tulpenblätter in ihre Gebetbücher legen; und wie sie sich dann in späteren Jahren wehmütig erfreuen, wann ihnen so ein verblichnes Blumenblatt in einem alten Buche zufällig wieder in die Hände fällt: so will ich mich in meinen letzten Erdentagen erfreuen an den Bildern entschwundener Freuden. [...]
18.7.1843
Nach der Natur gezeichnet und mich dabei an einem Ameisenbau ergötzt, welcher in meiner Nähe war. Ich warf das ausgerauchte Endchen einer Zigarre hinein. Einige Polizeiinspektoren untersuchten es, machten sich aber spornstreichs wieder davon. Nachher legte ich ein kleines Stückchen von einem Pfannkuchen hin, welchen ich zum Mittagsmahle mitgenommen hatte; sogleich war es mit Ameisen bedeckt, und nun ging das possierlichste Treiben an. Das Stückchen bewegte sich bald fort, hinten und vorn zogen und schoben die Tierlein auf das lustigste. Ich sah ganz deutlich, wie einige im Wege liegende Hindernisse, Reiserchen und dergleichen erst auf die Seite schafften und dann nachher wieder anpackten, während andere solche vorragenden Ecken des fortzuschaffenden Gegenstandes, welche durch die Öffnung nicht hindurchpaßten, abbissen und so wegschleppten. In einer Weile darauf sah ich nichts mehr davon. Nach ungefähr zwei Stunden störte ich den Bau mit einem Rütchen vorsichtig auf, und siehe, das Omelettenfragment war zuunterst, etwa dreiviertel Fuß tief, wohl versorgt, obgleich schon tüchtig angenagt. Jetzt wimmelte aber alles auf, und die erste Sorge war, den Schatz wieder in Sicherheit zu bringen. Erst nachdem sie ihn wieder verborgen hatten, begannen sie die Renovation der Kolonie, welche am Abend beinahe zu Ende war. Das unglückselige Zigarrenendchen aber lag, wie eine verzauberte Prinzessin, immer an der selben Stelle. Die emsige Geschäftigkeit und die anscheinende Freudigkeit der Tierchen über den fremdartigen Fund des Pfannkuchenstücklein erinnerte mich an die Trojaner, als sie das rätselhafte Pferd in Ihrer Stadt führten.

25 Dezember 2019

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich: Dortchen Schönfund und Heinrichs Brief an die Mutter

"Sie war von Seite des Fräuleins an mich abgesandt mit der Aufforderung, sogleich nebst der Botin zu ihr zu kommen und den Frauenzimmern den Ort zu zeigen, wo ich den blühenden Zeidelbast gefunden habe. Das Mädchen lächelte artig und schalkhaft bei seiner Verrichtung, seines vorteilhaften Aussehens wohlbewußt; der schöne Anblick saß mir auch fest im Auge, doch nahm ich denselben lediglich zugunsten der Herrin, deren Schönheit ich ihn zurechnete. Ohne Zögern ließ ich liegen, was ich vorgehabt, und eilte mit dem Mädchen durch Bäume und Herrschaften nach dem Kirchhofe, wo Dorothea wartete.
»Wo stecken Sie denn?« rief sie mir entgegen; »wir wollen noch mehr von dem blühenden Zeiland suchen, das kann man nicht alle Neujahrstage. Überdies sind wir die einzigen jungen Leute hier und dürfen uns auf unsere Weise auch ein bißchen des Lebens freuen!«
Sie ergriff somit meinen Arm, und wir gingen, von Röschen begleitet, nach dem Buchenwald, den wir in acht oder zehn Minuten erreichten. Der Waldboden war trocken wie im Sommer, und sobald wir ihn betraten, fing Dortchen an zu singen, und zwar ein wirkliches Volkslied und im Tone, wie das Volk selber singt, treuherzig und selbst mit den kleinen Schnörkeln verziert, die jenes anzuhängen pflegt. Röschen fiel alsbald mit der zweiten Stimme ein, etwas tief und derb, so daß es klang, wie wenn zwei gesunde Landmädchen durch den sonntäglichen[791] Wald gingen. Natürlich waren es von den wehmütigen Liebesgeschichten, die sie eine nach der anderen anstimmten und andächtig zu Ende führten, ohne daß Dortchen meinen Arm fahrenließ, bis ein rötlicher Glanz uns anzeigte, daß einige Sträucher der gesuchten Pflanze in der Nähe waren; denn die sinkende Sonne streifte durch die Buchenstämme und traf die blühenden Zweige der Daphneen, wie Dortchen sie mit dem botanischen Titel nannte, der mir unbekannt gewesen. Sie jauchzte fröhlich auf, und beide Mädchen liefen sogleich hin, von den narkotisch duftenden Zweigen die schönsten zu brechen, während ich mich auf den Stamm eines gefällten Baumes setzte und ihnen zuschaute, mit Wohlgefallen jeder ihrer Bewegungen mit den Augen folgend.
Als sie ihre Ernte gehalten, ging Röschen weiter, noch mehr Sträucher aufsuchend, und das Mädchen verlor sich allmählich hinter den Bäumen. Dorothea hingegen kam und ließ sich bei mir nieder, indem sie mir ihren Blütenstrauß unter die Nase hielt.
»Ist es nun nicht hübsch hier«, sagte sie, »und sind Sie nicht froh, daß wir Sie aus Ihrem Schlupfwinkel geholt haben?«
»Ich wollte an meine Mutter schreiben«, antwortete ich.
»Haben Sie ihr denn nicht schon früher auf den heutigen Tag einen Neujahrsbrief geschickt?«
»Ich habe ihr noch nicht geschrieben, seit ich hier bin; sie weiß gar nicht, wo ich lebe!«
»Sie weiß es gar nicht? Wie können Sie so was tun?«
Ich blickte seitwärts und kratzte mit den Fingern ein kleines Moosgärtlein weg, das auf der silbergrauen Rinde des Stammes saß. Dann sagte ich, daß ich einen so langen Aufenthalt nicht vorhergesehen und endlich gedacht hätte, die Mutter um so froher zu überraschen, wenn ich schließlich selber käme.
»Das muß ich sagen«, rief sie, »morgen müssen Sie aber schreiben, ich leid es nicht länger! Wer ein solches Mütterchen hat, sollte seinem Schöpfer danken! Wissen Sie, daß Ihr Buch aussieht wie ein Herbarium? Überall, wo mir etwas Freude machte oder wo ich Ihnen gern die Leviten gelesen hätte, legte ich ein grünes Blatt oder Gras hinein. Es liegt in meinem Sekretär eingeschlossen. Mehr als einmal, wenn ich von Ihrer Mutter las, dachte ich: Könntest du doch bei einem solchen Mütterchen mit unterkriechen, die du keines gekannt hast! Aber morgen wird geschrieben! Sie müssen auf meinem Zimmer schreiben, und ich geh Ihnen nicht von der Seite, bis der Brief fertig und zugemacht ist, und wenn Sie folgsam sind, so schreib ich selbst noch einen Gruß mit hinein!«"
(Gottfried Keller: Der grüne Heinrich, 4. Teil 13. Kapitel)

07 August 2019

Fontane an Emilie 20.5.1868


Fontane an Emilie Thale Hotel Zehnpfund 20.5.1868 

"Nach Tisch, von 3-6, setz' ich mich in eine Weinlaube, die aber noch nicht zugewachsen ist und mir den Blick in die schöne Berglandschaft gönnt. In dieser Laube lese ich mit ungeschwächter Erbauung, W. Scotts Erzählungen eines Großvaters*. Er schrieb diese Erzählungen, die eine poetische Darstellung der Geschichte Schottlands sind, vor 50 Jahren für seinen siebenjährigen Enkel, der jetzt Abbotsford besitzt und dessen Bildnis im Husaren-Uniform ich gesehen habe. Der Enkel wird sich wohl damals und vielleicht auch später nicht viel daraus gemacht haben. Aber der große Waverly-Dichter schrieb es, noch weit tiefer hinunter, für einen Wickelkind, das damals eben geboren in der Löwen-Apotheke zu Neuen-Ruppin in einer Wiege lag und besagtes Wickelkind, jetzt leidlich ausgewachsen, liest es in einer Weinlaube am Fuße der Rosstrappe, entzückt sich ein jeder Zeile, an der Kindlichkeit, an der klassischen Einfachheit des Ausdrucks und ruft lauter denn je:"Hoch, Scott; – ihr andern seid doch alle nur Nachtwächter.« Dies ist der höchste Trumpf. Hiermit will ich schließen."

*Links zum Text

08 Februar 2019

Briefe Paul Celans

Vom Fiepen der Zeit von Oliver Jungen FAZ 8.2.19

28 Februar 2017

Zwei Briefe (Fanny Burney: Evelina)

I wrote to Lord Orville.
"My Lord,
"I am so infinitely ashamed of the application made yesterday for your Lordship's carriage in my name, and so greatly shocked at hearing how much it was injured, that I cannot forbear writing a few lines, to clear myself from the imputation of an impertinence which I blush to be suspected of, and to acquaint you, that the request for your carriage was made against my consent, and the visit with which you were importuned this morning without my knowledge.
"I am inexpressibly concerned at having been the instrument, however innocently, of so much trouble to your Lordship; but I beg you to believe, that the reading these lines is the only part of it which I have given voluntarily. I am, my Lord,
"Your Lordship's most Humble servant,
"EVELINA ANVILLE."
Kaum hat Evelina ihren Brief dem Boten übergeben, zweifelt sie schon, ob es recht war, ihn zu schreiben. Sie will ihm nacheilen, um ihn zurückzuholen, wird aber durch die Umstände gehindert.

Die Antwort stürzt sie in Verwirrung:

"To Miss Anville.
"With transport, most charming of thy sex, did I read the letter with which you yesterday morning favoured me. I am sorry the affair of the carriage should have given you any concern, but I am highly flattered by the anxiety you express so kindly. Believe me, my lovely girl, I am truly sensible to the honour of your good opinion, and feel myself deeply penetrated with love and gratitude. The correspondence you have so sweetly commenced, I shall be proud of continuing; and I hope the strong sense I have of the favour you do me will prevent your withdrawing it. Assure yourself, that I desire nothing more ardently than to pour forth my thanks at your feet, and to offer those vows which are so justly the tribute of your charms and accomplishments. In your next I intreat you to acquaint me how long you shall remain in town. The servant, whom I shall commission to call for an answer, has orders to ride post with it to me. My impatience for his arrival will be very great, though inferior to that with which I burn to tell you, in person, how much I am, my sweet girl, your grateful admirer,
"ORVILLE."

What a letter! how has my proud heart swelled every line I have copied! What I wrote to him you know; tell me, then, my dear friend, do you think it merited such an answer? – and that I have deservedly incurred the liberty he has taken? I meant nothing but a simple apology, which I thought as much due to my own character as to his; yet by the construction he seems to have put upon it, should you not have imagined it contained the avowal of sentiments which might indeed have provoked his contempt?
The moment the letter was delivered to me, I retired to my own room to read it; and so eager was my first perusal, that, – I am ashamed to own, – it gave me no sensation but of delight. Unsuspicious of any impropriety from Lord Orville, I perceived not immediately the impertinence it implied, – I only marked the expressions of his own regard; and I was so much surprised, that I was unable for some time to compose myself, or read it again: – I could only walk up and down the room, repeating to myself, "Good God, is it possible? – am I then loved by Lord Orville?"
But this dream was soon over, and I awoke to far different feelings. Upon a second reading I thought every word changed, – it did not seem the same letter, – I could not find one sentence that I could look at without blushing: my astonishment was extreme, and it was succeeded by the utmost indignation.
If, as I am very ready to acknowledge, I erred in writing to Lord Orville, was it for him to punish the error? If he was offended, could he not have been silent? If he thought my letter ill-judged, should he not have pitied my ignorance? have considered my youth, and allowed for my inexperience?
Oh, Maria! how have I been deceived in this man! Words have no power to tell the high opinion I had of him; to that was owing the unfortunate solicitude which prompted my writing; a solicitude I must for ever repent!
(Fanny Burney: Evelina Brief 58)

Fragen:
1. Angenommen, Evelina ist dazu erzogen worden, propriety als die wichtigste Tugend einer jungen alleinstehenden Frau anzusehen: Was kann sie dazu veranlassen, den ersten Brief zu schreiben?
2. Wieso fasst Evelina diesen Brief als einen Beweis für mangelnde propriety von Lord Orville auf?
3. Wenn Lord Orville dem Leser bisher als Musterbeispiel von propriety erschienen ist: Welcher Verdacht kommt in ihm auf?
4. Auf welche Figur des Briefromans könnte sich der Verdacht des Lesers richten?
5. In welchem Roman von Jane Austen tritt eine Figur mit gleichem Nachnamen wie diese verdächtige Figur auf und welche Rolle spielt sie da?

Wer den Roman nicht kennt, kann den englischen Wikipediaartikel Evelina und sein Personenverzeichnis zur Hilfe heranziehen.

26 November 2014

Kurt Tucholsky: Zeitungsdeutsch und Briefstil

 Es ist schon einmal besser gewesen: vor dem Kriege. Das heißt nicht etwa, die gute, alte Zeit heraufbeschwören – man blättere nach, und man wird von damals zu heute einen bösen Verfall der deutschen Sprache feststellen. In zwei Sparten ist das am schlimmsten: in der Presse und in den Briefen, die die Leute so schreiben. Was in den Zeitungen aller Parteien auffällt, ist ein von Wichtigkeit triefender und von Fachwörtern schäumender Stil. Die Unart, in alle Sätze ein Fachadverbium hineinzustopfen, ist nunmehr allgemein geworden. Man sagt nicht: »Der Tisch ist rund.« Das wäre viel zu einfach. Es heißt: »Rein möbeltechnisch hat der Tisch schon irgendwie eine kreisrunde Gestalt.« So heißt das. 
Sie schwappen über von »militärwissenschaftlich«, städtebaupolizeilich« und »pädagogisch-kulturell«. Gesagt ist mit diesem Zeug nicht viel: man weiß ja ohnehin, daß in einem Aufsatz über das Fußballspiel nicht von Kochkunst die Rede ist. Aber der betreffende Fachmann will dem Laien imponieren und ihm zeigen, wie entsetzlich schwer dieses Fach da sei... Die meisten Zeitungsartikel gleichen gestopften Würsten. In den Briefen ist es etwas andres. Da regiert die Nachahmung des flegelhaften Beamtenstils. 
Es ist rätselhaft, wie dieses Volk, das angeblich so unter seinen Beamten leidet, sich nicht genug tun kann, ihnen nachzueifern – im Bösen, versteht sich. Ist es denn nicht möglich, höflich zu schreiben? Aber jede Speditionsfirma sieht ihre Ehre darin, Briefe herauszuschicken, die wie »Verfügungen« anmuten. Da wird ehern »festgestellt« (damit es nicht mehr wackelt); da wird dem Briefempfänger eins auf den Kopf gehaun, daß es nur so knallt, und das ist nun nicht etwa »sachlich«, wie diese Trampeltiere meinen, die da glauben, Glattheit lenke von der Sache ab – es ist einfach ungezogen. Sie haben vor allem von den Beamten gelernt, jeden Zweifel von vornherein auszuschalten. 

Liest man die Briefe, so sieht man immer vor dem geistigen Auge: 


Tagesbefehl 
Es stehen bereit: 8.30 Uhr vormittags Abteilung Löckeritz auf der Chaussee Mansfeld-Siebigerode... 
Ich befinde mich im Schloß und so fort – 
als ob man nicht auch in einem Geschäftsbrief an den entscheidenden Stellen leicht mildern könnte. Aber nein: sie regieren. 


In erotisch-kultureller Beziehung denke ich mir den Liebesbrief eines solchen Korrespondenten so: Geheim! 
Tagebuch-Nr. 69/218. 
Hierorts, den heutigen 
Meine Neigung zu Dir ist unverändert. 
Du stehst heute abend, 7 ½ Uhr, am zweiten Ausgang des Zoologischen Gartens, wie gehabt. 
Anzug: Grünes Kleid, grüner Hut, braune Schuhe. 
Die Mitnahme eines Regenschirms empfiehlt sich. 
Abendessen im Gambrinus, 8.10 Uhr. 
Es wird nachher in meiner Wohnung voraussichtlich zu Zärtlichkeiten kommen. 
(gez.) Bosch, Oberbuchhalter 

»An einer Seite Prosa wie an einer Bildsäule arbeiten...«, schrieb Nietzsche. So siehst du aus. 

1929

29 März 2014

Schiller an Goethe

"Ich habe mich schon lange vor dem Augenblick gefürchtet, den ich so sehr wünschte, meines Werks los zu seyn; und in der That befinde ich mich bei meiner jetzigen Freiheit schlimmer als der bisherigen Sclaverei. Die Masse, die mich bisher anzog und fest hielt, ist nun auf einmal weg, und mir dünkt, als wenn ich bestimmungslos im luftleeren Raume hinge. Zugleich ist mir als wenn es absolut unmöglich wäre, daß ich wieder etwas hervorbringen könnte; ich werde nicht eher ruhig seyn, bis ich meine Gedanken wieder auf einen bestimmten Stoff mit Hoffnung und Neigung gerichtet sehe. Habe ich wieder eine Bestimmung, so werde ich diese Unruhe los seyn, die mich jetzt auch von kleineren Unternehmungen abzieht."
          Schiller an Goethe, Jena, den 19. März 1799

Ich weiß nicht, wie gut die Links oben rechts auf den Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe wahrgenommen werden. Deshalb hier ein Zitat daraus, das sehr modern klingt.
Man könnte hochtrabend vom Fluch der Freiheit sprechen, der sich so sehr von der Muße (otium) der Antike unterscheidet. 

06 Oktober 2013

Briefliche Ermahnung und Gelegenheit, Eigenschaften zu erwerben Konkurrenz zweier Thronbesteigungen

In solcher Weise verging die Zeit, da empfing Ulrich einen Brief seines Vaters.
»Mein lieber Sohn! Es sind nunmehr wieder Monate verflossen, ohne daß Deinen spärlichen Nachrichten zu entnehmen gewesen wäre, daß Du auf Deiner Laufbahn den geringsten Schritt vorwärts getan oder einen solchen vorbereitet hättest.
[...]
In Deutschland soll im Jahre 1918, u. zw. in den Tagen um den 15. VI. herum, eine große, der Welt die Größe und Macht Deutschlands ins Gedächtnis prägende Feier des dann eingetretenen 30jährigen Regierungsjubiläums Kaiser Wilhelms II. stattfinden; obwohl es bis dahin noch mehrere Jahre sind, weiß man doch aus verläßlicher Quelle, daß heute schon Vorbereitungen dazu getroffen werden, wenn auch selbstverständlich vorläufig ganz inoffiziell. Nun weißt Du wohl auch, daß in dem gleichen Jahre unser verehrungswürdiger Kaiser das 70jährige Jubiläum Seiner Thronbesteigung feiert und daß dieses Datum auf den 2. Dezember fällt. Bei der Bescheidenheit, die wir Österreicher allzusehr in allen Fragen haben, die unser eigenes Vaterland betreffen, steht zu befürchten, daß wir, ich muß schon sagen, wieder einmal ein Königgrätz erleben, das heißt, daß uns die Deutschen mit ihrer auf Effekt geschulten Methodik zuvorkommen werden, so wie sie damals das Zündnadelgewehr eingeführt hatten, bevor wir an eine Überraschung dachten.

Glücklicherweise wurde meine Befürchtung, die ich eben äußerte, von anderen patriotischen Persönlichkeiten mit guten Beziehungen schon vorweggenommen, und ich kann Dir verraten, daß in Wien eine Aktion im Gange ist, um das Eintreffen dieser Befürchtung zu verhindern und das volle Gewicht eines 70jährigen, segens- und sorgenreichen Jubiläums gegenüber einem bloß 30jährigen zur Geltung zu bringen. Da der 2. XII. natürlich durch nichts vor den 15.VI. gerückt werden könnte, ist man auf den glücklichen Gedanken verfallen, das ganze Jahr 1918 zu einem Jubiläumsjahr unseres Friedenskaisers auszugestalten. Ich bin darüber allerdings nur soweit unterrichtet, als die Körperschaften, denen ich angehöre, Gelegenheit hatten, zu der Anregung Stellung zu nehmen, das Nähere wirst Du selbst erfahren, sobald Du Dich bei Gf. Stallburg meldest, der Dir im vorbereitenden Komitee eine Deine Jugend ehrende Stellung zugedacht hat.
Desgleichen muß ich Dir nahelegen, die Beziehungen zu der Familie des Sektionschefs Tuzzi vom Ministerium des Äußeren und des Kaiserlichen Hauses, die ich Dir schon so lange empfohlen habe, nicht länger in der gleichen, für mich geradezu peinlichen Weise nicht aufzunehmen, sondern sofort seiner Gattin, welche, wie Du weißt, die Tochter eines Vetters der Frau meines verstorbenen Bruders und sonach Deine Kusine ist, Deine Aufwartung zu machen, denn, wie man mir sagt, nimmt sie eine hervorragende Stellung in dem Projekt ein, von dem ich Dir soeben schrieb, und mein verehrter Freund, Graf Stallburg, hatte bereits die überaus große Güte, ihr Deinen Besuch in Aussicht zu stellen, weshalb Du keinen Augenblick zögern darfst, das zu erfüllen.
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, 19. Kapitel

Ulrich ist der "Mann ohne Eigenschaften", der nach drei Versuchen, ein bedeutender Mann zu werden, darauf verzichtet hat. Das ist durchaus nicht im Sinn seines Vaters.

18 Mai 2012

Brief der verstorbenen Mutter an Albano

Höre deine eigne Geschichte aus dem Munde deiner Mutter an; sie wird dir aus einem andern nicht lieber und wahrhafter kommen. Ich und der Fürst lebten lange in einer unfruchtbaren Ehe, welche unserem Vetter in Hh. (Haarhaar) immer lebhafter mit der Hoffnung der Sukzession schmeichelte. Spät vernichtete sie ihnen dein Bruder L. (Luigi). Man konnte uns das kaum vergeben. Der Graf C. (Cesara) bewahrt die Beweise einiger schwarzer Handlungen (de quelques noirceurs), die deinen armen, ohnehin schwächlichen Bruder das Leben kosten sollten. Dein Vater war eben mit mir in Rom, als wir es erfuhren. 'Man wird doch endlich über uns siegen', sagte dein Vater. In Rom lernten wir den Fürsten di Lauria kennen, der seine schöne Tochter dem Grafen C. (Cesara) nicht eher geben wollte, bis er Ritter des goldnen Vlies-Ordens geworden wäre. Der Fürst wirkte ihm diesen Orden am kaiserlichen Hofe aus. Dafür glaubte die Cesara mir sehr dankbar sein zu müssen, une femme fort decidée, se repliant sur elle même, son individualité exagératrice perça à travers ses vertus et ses vices et son sexe. Wir lernten uns lieben. Ihr romantischer Geist teilte sich dem meinigen mit, besonders in dem romantischen Lande. Dazu half mit, daß ich und sie uns im rechten Zustande der weiblichen Schwärmerei zugleich befanden, nämlich der Hoffnung zu gebären. Sie kam nieder mit einem wunderschönen, ihr ganz ähnlichen Mädchen, Severina, oder wie man sie nachher nannte, Linda. Hier machten wir den seltsamen Vertrag, daß wir, wenn ich einen Sohn gebäre, austauschen wollten; ich konnte ohne Gefahr eine Tochter erziehen, und bei ihr konnte mein Sohn ohne diejenige aufwachsen, die deinem Bruder bei mir schon gedrohet hatte. Auch sagte sie, ich könnte besser eine Tochter, sie einen Sohn leiten, da sie ihr Geschlecht wenig achte. Der Graf war es gern zufrieden; der Hh. Hof hatte ihm kurz vorher die älteste Prinzessin, um die er geworben, unter dem spöttischen Vorwande, ihrer noch kindischen Jugend abgeschlagen, und er aus Rache beleidigter Ehre und verletzter Eitelkeit, denn er war der schönste Mann und aller Siege gewohnt, war zu allen Maßregeln und Kämpfen gegen den stolzen Hof bereit. Nur der Fürst billigte es nicht, er fand eine Erziehung außer Landes u. s. w. ganz zweideutig und mißlich. Aber wir Weiber verwebten uns eben desto tiefer in unsere romantische Idee. Zwei Tage darauf gebar ich dich und – Julienne zugleich. Auf diesen reichen Zufall hatte niemand gerechnet. Hier warf sich vieles ganz anders und leichter sogar. 'Ich behalte', (sagt' ich zur Gräfin) 'meine Tochter, du behältst die deinige; über Albano' (so soll er heißen) 'entscheide der Fürst.' Dein Vater erlaubt' es, daß du zwar als Sohn des Grafen, aber unter seinen Augen, bei dem rechtschaffenen W. (Wehrfritz), erzogen würdest. Indes traf er Vorkehrungen, deren guten Wert ich damals im phantastischen Rausche der Freundschaft nicht ganz abzuwägen imstande war. Jetzt wunder' ich mich nur, daß ich damals so mutig war. Die Dokumente deiner Abstammung wurden nicht nur dreimal gemacht – ich, der Graf und der Hofprediger Spener wurden in deren Besitz gesetzt –, sondern später wurdest du auch dem Kaiser Joseph II. als unser Fürstensohn präsentiert, und sein gütiges Blatt, das ich einst deinen Geschwistern vertraue, entscheidet allein genug. Der Graf nahm jetzt selber am Geheimnis tätigen Teil, indem er – sei es aus Liebe für seine Tochter, sei es aus dem Wunsche einer geschärften Rache am Hh. Hofe – als Lohn des Anteils verlangte, daß einst du und Linda ein Paar werden möchten. Hier trat wieder die Gräfin mit ihren Wundern und Phantasien ein: 'Linda wird mir gewiß ähnlich an Gemüt, wie sie jetzt es ist an Gestalt – Gewalt bewegt sie dann nie – aber Magie des Herzens, der Feenwelt, Reiz des Wunders mag sie ziehen und schmelzen und binden.' Ich weiß ihre eignen Worte. Ein sonderbarer Zauberplan wurde dann entworfen, dessen Grenzen der Graf durch die Abhängigkeit, worin sein tausendkünstlerischer Bruder sich zu allem dingen ließ, noch mehr erweiterte, so wie er den Plan dadurch annehmlicher machte. – Linda wird lange vorher, eh' du dies gelesen, dir er schienen, ihr Name genannt, deine Geburt geheimnisvoll verkündigt sein – – Möge, möge dein Geist sich in alles wohl finden, und möge das schwere Spiel dir Gewinn auf seinen aufgeschlagnen Blättern reichen! – Ich bin bange, wie soll ich es nicht sein? [...]

Möge nur das Geisterspiel, das ich der Gräfin zu leichtsinnig zugeschworen, ohne Unglück vorüber ziehen! – Sollt' ich vor dem Fürsten auf das Sterbebette kommen, so muß ich noch deine Schwester und deinen Bruder in das Geheimnis ziehen, um ganz gesichert meine Augen zu schließen. Ach ich werd' es nicht erleben, daß ich dich öffentlich als meinen Sohn in meine Arme schließen darf! Die Ahnungen meiner Hinfälligkeit kommen immer häufiger. Es gehe dir wohl, teueres Kind! Werde fromm und redlich wie dein Vater! Gott lenke alle unsere schwachen Hülfsmittel zum besten!

Deine
treue Mutter
Eleonore.

N. S. Noch sehr wichtige Geheimnisse kann ich nicht dem Papier vertrauen, sondern sterbend wird sie mein Mund in das Herz deiner Schwester niederlegen. Leb wohl! Leb wohl!«
(142. Zykel)

06 Dezember 2011

Aus Kellers Briefen

"Es ist mir von der Intendanz aus erst jetzt ein Freibillett angeboten worden als einem strebenden Jüngling, allein ich nahm es nicht mehr an, da ich doch öfter hingehen müßte und ich gerade jetzt nicht mehr Zeit habe, und mit meinen eigenen Produkten zu sehr beschäftigt bin. Ich habe eine mäßige Reihe von Stoffen, sowohl komische wie tragische, die ich durchführen will. Doch sind diese Sachen nicht das, was ich für das Absolute, auch in Hinsicht meiner persönlichen Verhältnisse, halte, vielmehr betrachte ich sie für eine Übergangstätigkeit oder einen Anfang, da einerseits ich selbst noch nicht bei der höchsten Erfahrung, deren ich mich fähig glaube, angelangt bin, und man andrerseits nicht wissen kann, welche Forderungen die kommenden Jahre durch ihre geschichtliche wie wissenschaftliche Entwicklung, beide nicht vorauszusehen, aufstellen werden. Inzwischen habe ich mir die größte Einfachheit und Klarheit zum Prinzip gemacht; keine Intrige und Verwicklung, kein Zufall usf., sondern das reine Aufeinanderwirken menschlicher Leidenschaften und innerlich notwendige Konflikte; dabei möglichst vollkommene Übersicht und Voraussicht des Zuschauers alles dessen, was kommt und wie es kommt; denn nur hierin besteht ein wahrer und edler Genuß für ihn."
(Keller: Brief an Baumgartner September 1851)

"Ich kann jetzt endlich sagen, daß ich in ein kontinuierliches und ergiebiges Arbeiten hineingekommen bin und denke mich binnen einem Vierteljahre herauszufressen. Das Romanzerogedicht werde ich auf Weihnachten nun doch allein herausgeben, da es in dem Gedichtbändchen nicht mehr Platz hatte, ›weil die vorrätigen gepreßten und vergoldeten Pappdeckel zu eng seien‹. Das kommt von unserer Buchbinderpoesie. Man wird nächstens leere Einbände kaufen mit schönen Titeln. Vieweg hat vor zwei Jahren die starke Zahl von 1500 gedruckt mit der Bedingung, daß er nach einiger Zeit den Rest, der nicht verkauft sei, als zweite Auflage mit Vermehrung, die ich unentgeltlich liefern muß, versende. Die Auflagen der Geibel usw. sind nur 500 stark; Vieweg hat mir also drei Auflagen mit einer abgezwackt. Doch muß er mir nun den Romanzero erklecklich bezahlen..." (Brief an Hettner 15.10.1853)

"Ihr Brief, liebster Freund, so willkommen er mir ist, hat mich doch in ärgerlicher Weise an meiner Saumseligkeit ertappt, mit welcher ich seit Monaten mit einem Briefe an Sie laborierte. Der Winter ist mir zum ersten Mal fast unerträglich geworden und hat fast alle Schreiberei lahmgelegt. Immer grau und lichtlos, dabei ungewöhnlich kalt und schneereich, nach vorangegangenem Regenjahr, hat er mir fast täglich namentlich die Morgenstunden vereitelt. Ein einziges Mal hatte ich neulich ein Frühvergnügen, als ich eines Kaminfegers wegen um vier Uhr aufstehen mußte, der den Ofen zu reinigen hatte. Da sah ich das ganze Alpengebirge im Süden, auf acht bis zwölf Meilen Entfernung, im hellen Mondscheine liegen, wie einen Traum, durch die vom Föhnwinde verdünnte Luft. Am Tage war natürlich alles wieder Nebel und Düsternis ..." (Brief an Storm, 26.2.1879)

28 Juni 2011

Von Klosterherren und ihren gesprenkelten Nelkenstöcken sowie Meister Gottfrieds Späßen

Als Storm am 27.3.1877 den Briefwechsel begann, mag er einige Zeit darüber nachgedacht haben, wie er wohl das Wohlwollen des Schweizer Hagestolzes gewinnen könne. Davon zeugt außer dem Anfang mit dem Bild der gemeinsamen Keller-Lektüre von Vater und Sohn auch die dem Sohn zugeschriebene Äußerung „Der Stier von Uri wird dich auf die Hörner nehmen und fortschleudern!“
Es waren doch recht unterschiedliche Charaktere, die da aufeinander trafen, auch wenn sie in Heimatliebe, demokratischer Grundhaltung und einer künstlerisch leicht konservativen Haltung ihre Gemeinsamkeiten hatten. Keller, der Zurückhaltendere, von dem Anekdoten berichteten, dass er sich bei seinen abendlichen Bierabenden mit Freunden schon durch ein, zwei Sätze eines Gastes gestört fühlte („Er schwätzt zu viel.“) Storm, der Werbende, der aber vor „goldnen Rücksichtslosigkeiten“ nicht zurückschreckte, wenn es um künstlerische Leistungen ging, die seinem Sentiment nicht entsprachen.
Peter Goldammer mag schon Recht haben, wenn er annimmt, dass die beiden nicht zueinander gefunden hätten, wenn sie schon in ihrer Berliner (Keller) bzw. Potsdamer Zeit (Storm) aufeinander getroffen wären. Storm schon in seiner Gymnasiastenzeit in den Kreis um Geibel eingeführt, examinierter Jurist und andererseits Keller, der Autodidakt, der bemüht ist, sich seines eigenen Wertes gegen das Urteil gesellschaftlicher Autoritäten zu versichern.

Doch als der Briefwechsel 1871 beginnt, finden sich die beiden im Gespräch über ihre Werke.
Keller scheint sich von Storm ein von hohem Kunstverstand geprägtes Urteil zu versprechen, das nicht von Literaturjargon geprägt ist, sondern das Handwerkliche der dichterischen Arbeit in den Mittelpunkt stellt. So verstehe ich jedenfalls seine Bemerkung im zweiten Brief (31.12.77):


"Es ist mir übrigens, wenn ich von dergleichen an Sie schreibe, nicht zu Mute, als ob ich von literarischen Dingen spräche, sondern eher wie einem ältlichen Klosterherren, der einem Freunde in einer anderen Abtei von den gesprenkelten Nelkenstöcken schreibt, die sie jeder an seinem Orte züchten."

(Dabei scheint mir das "jeder an seinem Orte" darauf zu verweisen, dass sie nicht versuchen sollten, es sich gegenseitig recht zu machen, sondern dass sie nur praktische Kniffe bei der Arbeit austauschen sollten.)
Dieser Wunsch wurde Keller durchaus erfüllt. Er hat wiederholt Storms Ratschläge aufgegriffen und im Zusammenhang mit der Umarbeitung des "Grünen Heinrich" sogar wiederholt um Storms Meinung gebeten.
Ein wenig klingt dabei der Austausch zwischen Goethe und Schiller über "Wilhelm Meister" an. In beiden Fällen stellt der, dem der Austausch wichtiger ist, sein kritisches Urteil zur Verfügung, um dem Gegenüber interessant zu bleiben.
Freilich als Storm aus seinem spezifischen Verständnis von Lyrik über Kellers Gedichte "goldene Rücksichtslosigkeiten" äußert, ist Keller wenig angetan, was er gegenüber Bekannten auch geäußert hat. "Gehört das nicht mehr in eine Geschichte der Geisteskrankheiten" und "die etwas unappetitliche Haar- und Bartgeschichte" (Storm am 20.9.1879) hört man sicher nicht gern über seine Gedichte. Doch Storm gegenüber beklagt er sich nicht, weil er die fachlichen Ratschäge durchaus zu schätzen weiß.
Dennoch bleibt er bis zum Ende des Briefwechsels der Zurückhaltendere, und es ist sicher vor allem Storm zuzuschreiben, dass der Briefwechsel noch bis in sein letztes Lebensjahr fortgesetzt wurde.
Auch wenn Storm mit seiner Kritik manchmal recht deutlich werden kann, weiß er sie doch auch manches Mal sehr vorsichtig einzupacken. Am eindrucksvollsten in seinem Brief vom 27. 2.1878 (in seinem dritten Brief an Keller):
"Lassen Sie mich , lieber Herr Confrater, hier eines sagen ! „ Der Dichter will auch seinen Spaß haben ! “ Ich meine, dass der Spruch von Goethe stammt* . Jedenfalls lassen Sie sich dies Recht in keiner Art verkümmern ; ich für meine Person, z.B. wenn das Seldwyler Kriegsherr den Quast in seinen schwarzen Farbetopf taucht, stemme dann die Hände in die Seite, sehe ruhig zu und denke: "Ja so! der Gottfried muss erst seinen Spaß zu Ende machen!" Und er macht ihn dann auch jedes Mal zu Ende. Aber es sind Leute, kein schofles Volk, sondern gute Leute, denen ich gern den kräftigen Born ihrer Dichtung gönnen möchte; die rufen: "Das halt der Deuwel aus!" und laufen mir davon. Diese Leute sollen wir jetzt "Die sieben Aufrechten" lesen, und ich habe alle Hoffnung, dass sie danach, wenn sie wiederum einmal den Dichter auf seinem Spaß betreffen, respektvoll mit dem Hut in der Hand das Ende abwarten werden."

*Goethes Ausspruch "Der Dichter will auch seinen Spaß haben" ist von Johanna Schopenhauer überliefert und zwar in der Form: "Das muss man nun den Künstler zugeben, er will seine Freiheit, will auch seinen Spaß haben" (nach H. H. Houben: Damals in Weimar, Erinnerungen und Briefe von und an Johanna Schopenhauer, 2. Auflage Berlin 1929 S. 57


20 August 2007

Leidige Freiheit

"Ich bitte bloß um die leidige Freiheit, bei Ihnen krank sein zu dürfen." Darum bittet Schiller vor seiner ersten Einladung bei Goethe. Es sollten trotz zunehmender Krankheit die fruchtbarsten Jahre seines Lebens folgen.
Dies, weil er den Mut gehabt hatte, auf Goethe zuzugehen. Auf Goethe, der später über die Zeit vor ihrer Begegnung sagen sollte: "die ungeheure Kluft zwischen unseren Denkweisen klaffte nur umso entschiedener". Schiller wagte es, in einem Brief (mit Goethes Worten:) "mit freundschaftlicher Hand die Summe meiner Existenz" zu ziehen. So erreicht er, dass Goethe innerhalb von drei Wochen sein Urteil völlig wandelt und - jedenfalls an Schiller - schreibt "daß uns nicht allein dieselben Gegenstände interessiren, sondern daß wir auch in der Art sie anzusehen meistens übereinkommen".
Ein bemerkenswertes Stück Einfühlung Schillers, die ihm dann drei Tage später die Einladung bringt, auf die er dann schon mit der Bitte um Gewährung der "leidigen Freiheit" reagieren kann.