Posts mit dem Label Chamisso werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Chamisso werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

09 Juni 2026

Chamissos Reisebericht von seiner Weltreise in Ausschnitten

Adelbert von Chamisso:  Reise um die Welt


Kapitel 10: Nordfahrt von Kamtschatka aus in die Bering-Straße
»Zur Erforschung einer nordöstlichen Durchfahrt« sind Worte, die die »Entdeckungsreise von Otto von Kotzebue in die Südsee und nach der Berings-Straße« an der Stirne trägt. Nun aber segeln wir nach Norden, der Berings-Straße zu, und es dünkt mich an der Zeit zu sein, euch, die ihr mir bis jetzt auf gut Glück gefolgt seid, ohne zu wissen, wohin die Reise ging und was sie beabsichtigte, nachträglich über den Hauptzweck derselben und den Plan, nach welchem er verfolgt werden sollte, die Aufklärungen zu geben, die ich selber nur nach und nach erhalten hatte. Die Sommerkampagne 1816 sollte einer bloßen Rekognoszierung gewidmet sein. Ein Hafen, ein sicherer Ankerplatz für das Schiff, sollte in Norton-Sound oder, noch besser, im Norden der Straße aufgefunden werden, von wo aus mit Baidaren und Aleuten, diesen Amphibien dieser Meere, den eigentlichen Zweck der Expedition anzugreifen der zweiten Sommerkampagne vorbehalten bliebe. Früh sollten wir dann in Unalaschka eintreffen, wo unsere Ausrüstung für das nächste Jahr von den Beamten der Russisch-Amerikanischen Kompanie beschafft werden sollte: Baidaren, Mannschaft, Mundvorrat für dieselbe und Dolmetscher, welche die Sprachen der nördlichen Eskimos verstünden. Diese Dolmetscher würden von Kodiak bezogen werden müssen, wohin von Unalaschka aus einen Boten auf dreisitziger Baidare die Küsten der Inseln und des festen Landes entlang zu senden je später im Jahre, desto fahrvoller und unzuverlässiger sei. Deshalb durften wir uns jetzt nicht verspäten. Die Zeit des nordischen Winters sollten wir dann in Sommerlanden verbringen, teils der Mannschaft die erforderliche Erholung gönnen, teils anderwärtigen geographischen Untersuchungen obliegen, dann im Frühjahr 1817, nach Unalaschka zurückkehrend, daselbst, was für unsre Nordfahrt vorbereitet worden, uns aneignen und, sobald das nordische Meer sich der Schiffahrt eröffnete, den »Rurik« in den vorbestimmten Hafen fahren, sichern und zurücklassen und mit Baidaren und Aleuten zur Erforschung einer nordöstlichen Durchfahrt so weit nach Norden und Osten zu Wasser oder zu Lande vordringen, als es uns ein gutes Glück gestattete. – Wenn die vorgerückte Jahreszeit oder die sonstigen Umstände unserer Unternehmung ein Ziel gesetzt, sollten wir die Rückfahrt über Kamtschatka antreten und auf der Heimkehr noch die fahrvolle Torres-Straße untersuchen. Wahrlich, es war zweckmäßig, zu Entdeckungen im Eismeer die Söhne des Nordens und ihre Fahrzeuge zu gebrauchen. Nur mißlich war es, die ganze Hoffnung des Gedeihens auf den einzigen Wurf nur einer Kampagne zu setzen, die ein ungünstiges Jahr vereiteln konnte. Aber mit Beharrlichkeit möchten am füglichsten von Unalaschka aus durch Aleuten und wenige rüstige, abgehärtete Seemänner, welche nur die erforderlichen Ortsbestimmungen vorzunehmen befähigt wären, die letzten Fragen zu lösen sein, welche die Geographie dieser Meer- und Küstenstriche noch darbietet.

Die Sommerkampagne 1816, deren Ergebnis in der Karte vorliegt, die Herr von Kotzebue von dem nach ihm benannten Sunde mitteilt, hat, was von ihr erwartet werden konnte, auf das befriedigendste geleistet. Der Kotzebues-Sund, ein tiefer Meerbusen, der im Norden der Straße unter dem Polarkreise in die amerikanische Küste eindringt und dessen Hintergrund beiläufig einen Grad nördlicher und unter gleicher Länge liegt als der Hintergrund von Norton-Sound, bietet den Schiffen im Schutze der Chamisso-Insel den sichersten Ankerplatz und den vortrefflichsten Hafen dar. Herr von Kotzebue hat im Jahre 1817 darauf verzichtet, Vorteil von seiner Entdeckung zu ziehen, um weiteren Entdeckungen in das Eismeer entgegenzusehen. Was der Romanzowschen Expedition aufgegeben war, ist seither von den Engländern verfolgt worden, und Kapitän Beechey mit dem »Blossom« hat in den Jahren 1826 und 1827 von diesem selben Hafen aus einen Teil der amerikanischen Küste im Eismeer aufgenommen.

Ich kehre zu unserer Nordfahrt zurück. Ihr Zweck war die Geographie. Wir haben zwar mit den Eingebornen, den Bewohnern der Sankt-Laurenz-Insel, den Eskimos der amerikanischen Küste, den Tschuktschi der asiatischen, häufig verkehrt; doch haben wir mit und unter ihnen nicht gelebt. Die Karte und der Bericht von Herrn von Kotzebue, das Zeichenbuch des Malers, das er in seinem »Voyage pittoresque« offenhält, werden belehrender sein als mein dürftiges Tagebuch. Übrigens, was ich über diese Völker mongolischer Rasse zu sagen gewußt, habe ich am Schlusse des Aufsatzes, den ich den Nordlanden in meinen »Bemerkungen und Ansichten« gewidmet habe, in wenige Worte zusammengedrängt.

Am 17. Juli 1816 liefen wir aus der Bucht von Awatscha aus und hatten am 20. Ansicht von der Berings-Insel, deren westliches Ende sich mit sanften Hügeln und ruhigen Linien zum Meere senkt. Sie erschien uns im schönen Grün der Alpentriften; nur stellenweise lag Schnee.

Von der Berings-Insel richteten wir mit günstigem Winde unsern Kurs nach der Westspitze der Sankt-Laurenz-Insel. Wir waren in den dichtesten Nebel gehüllt; er zerteilte sich am 26. auf einen Augenblick; ein Berggipfel ward sichtbar; der Vorhang zog sich wieder zu. Wir lavierten in der gefährlichen Nähe des nicht gesehenen Landes.

An diesem Tage war die Erscheinung einer Ratte auf dem Verdeck ein besorgniserregendes Ereignis. Ratten sind auf einem Schiffe gar verderbliche Gäste, und ihrer Vermehrung ist nicht zu steuern. Wir hatten bis jetzt keine Ratten auf dem »Rurik« gehabt; war diese in Kamtschatka an unsern Bord gekommen, konnten auch mehrere schon in den untern Schiffsraum eingedrungen sein. Eine Rattenjagd ward auf dem Verdeck als ein sehr ernstes Geschäft angestellt, und drei Stück wurden erlegt. Es ist von da an keine mehr verspürt worden. [...]"

"Ich habe hier eine Frage zu beantworten, die in den Gedanken der Wissenschaft den unaufhaltsamen Fortschritt der Zeit und der Geschichte bezeichnet. – Ihr Starren, die ihr die Bewegung leugnet und unterschlagen wollt, seht, ihr selber, ihr schreitet vor. Eröffnet ihr nicht das Herz Europas nach allen Richtungen der Dampfschiffahrt, den Eisenbahnen, den telegraphischen Linien und verleihet dem sonst kriechenden Gedanken Flügel? Das ist der Geist der Zeit, der, mächtiger als ihr selbst, euch ergreift. – Gauß aus Göttingen zuerst fragte mich im Herbst 1828 zu Berlin, und die Frage ist seither wiederholt an mich gerichtet worden: ob es möglich sein werde oder nicht, die geodätischen Arbeiten und die Triangulierung von der asiatischen nach der amerikanischen Küste über die Straße hinaus fortzusetzen. Diese Frage muß ich einfach bejahend beantworten. Beide Pfeiler des Wassertores sind hohe Berge, die in Sicht voneinander liegen, steil vom Meer ansteigend auf der asiatischen Seite und auf der amerikanischen den Fuß von einer angeschlemmten Niederung umsäumt. Auf der asiatischen Seite hat das Meer die größere Tiefe und der Strom, der von Süden in die Straße mit einer Schnelligkeit von zwei bis drei Knoten hineinsetzt, die größere Gewalt. Wir sahen nur auf der asiatischen Seite häufige Walfische und unzählbare Herden von Walrossen. Die Berghäupter mögen wohl die Nebeldecke überragen, die im Sommer über dem Meere zu ruhen pflegt; aber es wird auch Tage geben, wie der 30. Juli 1816 einer war. [...]

Kapitel 11

"Die Bucht, worin wir waren, erhielt den Namen Eschscholtz; die Insel, in deren Schutz der »Rurik« vor Anker lag, den meinen. (Sie ist in meinen »Bemerkungen und Ansichten« ungenannt.) Sowohl auf der sandigen Landzunge, auf welcher wir bivouakierten, als auf der urfelsigen Insel war die Variation der Magnetnadel durchaus unregelmäßig.

Auf Exkursionen wie diese hatte meine Sekundenuhr von Schunigk zu Berlin die Ehre, Chronometerdienst zu tun; selbst ihrer nicht bedürftig, hatte ich sie dem Kapitän zum Gebrauch ganz überlassen. Nach zweitägigem Bivouak, wobei uns das englische Patentfleisch (frisches Fleisch und Brühe in Blechkasten eingefüllt, die ohne leeren Raum zugelötet sind) sehr guten Dienst geleistet hatte, kehrten wir am dritten Tage, am 9. August morgens, zu dem Schiffe zurück. Während unserer Abwesenheit hatten uns die Eingeborenen auf zwei Baidaren einen Besuch zugedacht, der aber nach dem Befehl des Kapitäns nicht angenommen worden war. Der Hintergrund von Kotzebues-Sund ist unbewohnt, und man findet an dessen Ufern nur Landungs- und Bivouakplätze der Eingeborenen. Ein solcher findet sich zum Beispiel auf der Chamissos-Insel und ein anderer bei den Eisbergen der Eschscholtz-Bucht; diesen besuchen sie vielleicht hauptsächlich nur, um Elfenbein zu sammeln.[...] 

Diese Walfische rufen mir ins Gedächtnis, was ich einst von einem genialen Naturforscher ins Gespräch werfen hörte. Der nächste Schritt, der getan werden muß, der viel näher liegt und viel weiter führen wird als die Dampfmaschine mit dem Dampfschiffe, diesem ersten warmblütigen Tiere, das aus den Händen der Menschen hervorgegangen ist – der nächste Schritt ist, den Walfisch zu zähmen. Worin liegt denn die Aufgabe? Ihn das Untertauchen verlernen zu lassen! Habt ihr je einen Flug wilder Gänse ziehen sehen; und ein altes Weib gesehen, mit einer Gerte in der zitternden Hand ein halb Tausend dieser Hochsegler der Lüfte auf einem Brachfeld treiben und regieren? Ihr habt es gesehen und euch über das Wunder nicht entsetzt; was stutzt ihr denn bei dem Vorschlag, den Walfisch zu zähmen? Erziehet Junge in einem Fjord, ziehet ihnen einen von Schwimmblasen getragenen Stachelgurt unter die Brustflossen, stellt Versuche an! Wahrlich, beide Meere zu vereinigen und die Entfernung zwischen Archangel und Sankt Peter und Paul auf acht bis vierzehn Tage Zeit zu verringern ist wohl des Versuchens wert. – Ob übrigens der Walfisch ziehen oder tragen soll, ob und wie man ihn anspannt oder belastet, wie man ihn zäumt oder sonst regiert und wer der Kornak des Wasserelefanten sein soll, das alles findet sich von selbst.

Am 7. September 1816 brachte uns ein günstiger, aber schwacher Wind in den Eingang der Bucht, woselbst er uns zwischen den hohen Bergen der Insel plötzlich gebrach, so daß wir uns in einer ziemlich hülflosen Lage befanden, da dort kein Anker den Grund findet. Aber der Agent der Kompanie, Herr Kriukow, kam uns mit fünf zwanzigruderigen Baidaren entgegen und bugsierte uns in den Hafen. Wir ließen um ein Uhr die Anker vor Illiuliuk, der Hauptansiedelung, fallen. Das Dampfbad war vorsorglich für uns geheizt.

Herr Kriukow, verpflichtet durch den Befehl der Direktoren der Kompanie in Sankt Petersburg, die Forderungen des Herrn von Kotzebue zu erfüllen, war in allem gegen ihn von einer unterwürfigen Zuvorkommenheit. Von den wenigen Rindern, die auf der Insel sind, wurde sogleich eines für uns geschlachtet, und unsere Mannschaft ward mit frischem Fleische, Kartoffeln und Rüben versorgt, dem einzigen Gemüse, das hier gebaut wird.

Die Forderungen des Herrn von Kotzebue bestanden in folgendem: eine Baidare von vierundzwanzig Rudern, zwei einsitzige und zwei dreisitzige Baidaren verfertigen zu lassen; fünfzehn gesunde, starke Aleuten mit ihrer ganzen Ammunition für das nächste Frühjahr bereitzuhalten; Kamlaikas von Seelöwenhälsen für die sämtliche Mannschaft bis zu derselben Zeit zu beschaffen und sogleich einen Boten nach Kodiak abzufertigen, um dort durch den Agenten der Amerikanischen Kompanie einen Dolmetscher zu erhalten, der die an der nördlicheren Küste Amerikas gesprochene Sprache verstünde und übersetzen könnte. Die gefahrvolle Sendung zu übernehmen, fanden sich drei entschlossene Aleuten bereit.

Die dreisitzige Baidare ist nach dem Muster der einsitzigen gebaut, nur verhältnismäßig länger und mit drei Sitzlöchern versehen. Darin läßt sich ein Europäer, der in Aleutentracht mit Kamlaika und Augenschirm (gegen das Bespritzen der Wellen) den mittleren Sitz einnimmt, von zwei Aleuten fahren. Ich selber habe mich an einem schönen Sonntagsmorgen im Hafen von Portsmouth zur unendlichen Lust der Engländer auf die Weise in einer solchen Baidare fahren lassen. [...]"

Kapitel 12: Von Unalaschka nach Kalifornien. Aufenthalt zu San Francisco

"[...]  Keine Seevögel hatten uns über dem Winde der Sandwich-Inseln das Land angesagt, und zwischen demselben sahen wir auch keine. Nur hoch in den Lüften der Tropikvogel und nah über dem Spiegel der Wellen der Fliegende Fisch.

Wir richteten unsern Lauf nach der Nordwestspitze von O-Waihi, um diese zu umfahren und, nach dem Rate von Herrn Elliot, Haul-Hanna, Herrn Jung, in der Bai von Tokahai, Gebiet Kochala, zu sprechen, woselbst dieser in der Geschichte der Sandwich-Inseln rühmlichst bekannte Mann seinen Wohnsitz haben sollte. Herr Jung würde uns die nötigen Nachrichten über den jetzigen Zustand der Dinge und den Aufenthalt des Königs mitteilen. Dem Könige aber mußten wir uns vorstellen, bevor wir in den Hafen Hana-ruru der weiter westwärts liegenden Insel O-Wahu einliefen.

In der Nacht zum 22. November und am Morgen dieses Tages enthüllten sich uns die Höhen der großartig in ruhigen Linien sich erhebenden Landmasse, über welche sich mittags und abends die Wolken senken. Noch sahen wir nur Mauna-Kea, den Kleinen Berg, welcher, wenngleich der kleinere, sich höher über das Meer erhebt als der Montblanc über die Täler, von welchen aus er gesehen werden kann. Die Nordküste am Fuße des Mauna-Kea ist die unfruchtbarste der Insel.

Wir umschifften gegen Mittag das nordwestliche Vorgebürge von O-Waihi, fuhren durch den Kanal, der diese Insel von Mauwi trennt, und verloren den Passat unter dem Winde des hohen Landes. Wir hatten längs der Westküste von O-Waihi sehr schwache Land- und Seewinde und gänzliche Windstille.

Zwei Insulaner ruderten in der Gegend des Vorgebürges an das Schiff. Der auf das Verdeck stieg, beantwortete so scheu und zögernd die Fragen des ihm wohlbekannten Najas, daß dieser über das, was auf den Inseln geschehen sein möchte, Besorgnis schöpfte. Wir erfuhren indes, daß Haul-Hanna (ein Berater von Kamehameha_I. mit den mehrsten Fürsten auf O-Wahu und Tameiameia zu Karakakoa sich befinde. Das Kanot, welches an das Schiff angebunden war und worin der andere O-Waihier sich befand, schlug um, und wir hatten Gelegenheit, die Kraft und Gewandtheit dieser Fischmenschen zu bewundern.

Wir sahen von der hohen See die europäisch gebauten Häuser von Herrn Jung sich über die Strohdächer der Eingebornen erheben. Der ganze Strand ist von den Ansiedelungen der Menschen bekränzt, aber schattenlos. Erst südlicher längs der Küste untermischen sich Kokospalmen den Häusern. Die Wälder, die an den Bergen eine hohe Zone einnehmen, steigen nicht zu Tale. Rauchsäulen stiegen in verschiedenen Gegenden des Landes empor.

Andere Kanots kamen an das Schiff; wir verkehrten mit mehreren Eingebornen und vermochten einen weitgewanderten Mann, einen Mann des Königs, der in Boston, an der amerikanischen Nordwestküste und in China gewesen war, an unserm Bord zu bleiben und uns nach Karakakoa zu lotsen. Wir erfuhren, daß zwei amerikanische Schiffe in Hana-ruru lägen und vor Karakakoa ein drittes, welches, vom Sturme geschlagen, entmastet nach diesen Inseln gekommen. Wir erfuhren endlich, daß Russen der Amerikanischen Handelskompanie das Reich mit Krieg zu überziehen gedroht und daß man die russischen Kriegsschiffe erwarte, welche die Drohung verwirklichen sollten.

Das waren die Umstände, unter welchen wir vor O-Waihi erschienen und uns glücklich preisen mußten, Herrn Elliot, den Leibarzt des Königs, an Bord zu haben, der Zeugnis von uns ablegen konnte.

Wir lagen die Nacht in vollständiger Windstille. Wir erfuhren am Morgen des 23., daß der König von Karakakoa nordwärts, uns näher, nach Tiutatua am Fuße des Wororai gekommen sei, sich aber daselbst nicht lange aufhalten werde. Herr Elliot ließ ihm Botschaft von uns und sich selber ansagen und den Wunsch des Kapitäns andeuten, Seine Majestät zu Tiutatua nicht zu verfehlen.

Wir kamen sehr langsam vorwärts. Am Abend ward ein Delphin harpuniert. Während der Nacht frischte der Wind; am Morgen des 24. waren wir vor Tiutatua. Das amerikanische Schiff fuhr eben unter allen Segeln in die Bucht. Der Kapitän ließ das kleine Boot aussetzen, worin er Herrn Elliot mit mir, Eschscholtz und Choris an das Land schickte. Wir begegneten einem Europäer, der in seinem Kanot fuhr; er trat in unser Boot über und geleitete uns.

Dazu KI Gemini (leicht gekürzt): "In Tiutatua kommt es zu einem entscheidenden und kulturhistorisch faszinierenden Zusammentreffen: Der legendäre König Tameiameia (Kamehameha I.), der die hawaiischen Inseln vereint hatte, hält sich zu diesem Zeitpunkt genau in dieser Bucht auf. Chamisso beschreibt den Herrscher voller Respekt und ohne koloniale Arroganz als klugen, staatsmännischen Mann, der im einfachen Strohhaus residiert und europäische Kleidung nur zu offiziellen Anlässen trägt. Dank der Vermittlung eines englischen Arztes an Bord gelingt es der Expedition, die friedlichen, rein wissenschaftlichen Absichten der Rurik zu beweisen. Kamehameha sichert ihnen daraufhin Schutz und Proviant zu. Chamisso nutzt den Aufenthalt in Tiutatua für detaillierte ethnologische Beobachtungen. Er beschreibt den dortigen Tempelbezirk [...] das strikte Tabu-System (Tabu) sowie die Bräuche und die Gastfreundschaft der indigenen Bevölkerung.

Chamisso Kapitel 13:

"Der Tisch war für uns in einem Hause, das im Umfang des königlichen Morai lag, auf europäische Weise gedeckt. Der König geleitete uns dahin mit seinen Häuptlingen, doch nahm weder er noch einer von ihnen Anteil an dem Mahle, das wir allein verzehrten. Unsere Matrosen wurden nach uns auf gleiche Weise bewirtet. Wir erfuhren später, daß mit diesem uns gereichten Mahle ein religiöser Sinn verbunden gewesen. Die wir als Feinde angekündigt, als Freunde gekommen waren, aßen ein geweihtes Schwein an geweihter Stelle in dem Morai des Königs.

Nach uns speiste Tameiameia in seinem Hause allein, wobei wir ihm zuschauten, wie er uns selber zugeschaut hatte. Er aß nach altertümlicher Sitte. Gesottene Fische und ein gebackener Vogel waren die Gerichte, Bananenblätter die Schüssel, und der beliebte Tarobrei vertrat die Stelle des Brotes. – Die Diener brachten die Speisen kriechend herbei, die ein Vornehmerer ihm vorsetzte. Herr von Kotzebue spricht von der sonderbaren Tracht der Höflinge Tameiameias, die alle schwarze Fracks auf dem bloßen Leib getragen. Ich kann mich nur erinnern, ein einziges Mal auf den Sandwich-Inseln dieses Kostüm gesehen zu haben, welches keineswegs so allgemein war und auch dem Auge des Künstlers nicht aufgefallen ist. Vergleiche Choris: »Voyage pittoresque«.

Tameiameia behielt Herrn Elliot um sich, von dem nach O-Wahu begleitet zu werden uns wohl erwünscht gewesen wäre. Er gab uns als Geleitsmann und Überbringer seiner Befehle in unserm Betreff einen Edeln geringeren Ranges mit, der seines völligen Vertrauens genoß. Er ließ diesen Mann, namens Manuja, von zehn Meilen herkommen, weshalb er auch spät eintraf Der »Rurik« war unter Segel geblieben. Wir hatten bereits Signalschüsse abgefeuert, Raketen abgebrannt und Laternen aufgezogen, als Herr Cook unsern Schutzmann abends um acht Uhr an Bord brachte.

Wir nahmen mit einem schwachen Landwind unsern Kurs nach O-Wahu. Die aufgehende Sonne fand uns am 25. in Ansicht von O-Waihi und Mauwi. Der Wind hatte uns verlassen. Es war ein schöner Morgen. Größe, Ruhe und Klarheit. Luft und Meer klar und ruhig; rein und wolkenlos die groß und ruhig gezeichneten Höhen beider Inseln. Herr von Kotzebue benutzte den Moment, die Höhen der Berge beider Inseln zu messen.

Zu Nacht erhob sich der Wind; wir hatten den Passat wiedergewonnen. Wir sahen die Feuer der Insel Tauroa brennen. Wir segelten am 26. schnell längs der Inselkette und südlich von derselben vorwärts. Ein paar Walfische (Physeter) spritzten nicht fern von uns ihre Wasserstrahlen. Manuja lag seekrank auf dem Verdecke, und sein Dienstmann war kaum imstande, ihm Hülfe zu leisten. Auch Manuja hatte die Kerne der Äpfel, die er bei uns gegessen, sorgfältig gesammelt und verwahrt. Wir lavierten die Nacht in Ansicht der Insel O-Wahu.[Insel, auf der die heiutige Hauptstadt Honolulu liegt.]


07 Juni 2026

Adelbert von Chamisso

 Adelbert von Chamisso

Ich bilde mir nicht ein, einem Mann wie Chamisso gerecht zu werden, wenn ich hier au ihn hinweise. Es geht mir nur darum, dem Buch gerecht zu werden, das ich in einem öffentlichen Bücherregal fand und dem Projekt Gutenberg, in dessen Sinne ich nur bei Wikisource   arbeiten konnte. Das versuche ich dadurch, dass ich die Angebote für mich nutze und das, was ich dabei erfahre, öffentlich anbiete.

Chamisso, deutscher Dichter mit französischer Muttersprache und Naturforscher von Rang, beides wohl nur durch die Verbindungen, die er aufgrund seiner Herkunft auch als Flüchtling nutzen konnte und - freilich - seiner Begabung und seines Ehrgeizes. 

Peter Schlemihls wundersame Geschichte (1814)  Das Riesenspielzeug (1831)

Chamisso über seinen Schlemihl (An Hitzig Cunersdorf, Spätherbst 1813).

"»Dieses zur Erinnerung, daß Du einen Freund in Cunersdorf hast, dem Du eben nicht sehr oft schreibst. Es ist eine ganz fatale Empfindung, wenn alle Tage der Postbote einläuft, und die Austheilung der Briefe im Salon geschieht und für einen Jeden etwas da ist, und für den Herrn von Chamisso – nischt niche!

... Ich kratze immer an meinem ›Schlagschatten‹, und wenn ich's Dir gestehen muß, lache und fürchte ich mich manchmal darüber, so wie ich daran schreibe; – wenn die anderen nur für mich nicht darüber gähnen. Mein viel gefürchtetes viertes Kapitel habe habe ich mir, nach vielem Kauen, gestern aus einem Stücke, wie eine Offenbarung, aus der Seele geschnitten und heute abgeschrieben. Es ist auch schon eher Morgen als Nacht, darum ade. Das Blitz-Prosa-schreiben wird mir ungeheuer sauer, mein Brouillon sieht toller aus als alle Verse, die ich je gemacht.«
Bald nach diesem Briefe scheint Chamisso nach Berlin zurückgekehrt zu sein. Es wird zwar in Cunersdorf erzählt, er habe sich zunächst nach Nennhausen hin, zu Fouqué, auf den Weg gemacht, um diesem seinen Schlemihl vorzulesen; es liegen aber doch wohl Monate dazwischen, da, wie wir aus dem letztzitierten Briefe ersehen, bis etwa Mitte Oktober erst vier Kapitel von elf beendigt waren. Übrigens stand Fouqué damals auch wohl im Felde."

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Das Oderland. Das Oderbruch und seine UmgebungenCunersdorf.Graf und Gräfin Itzenplitz. Chamisso in Cunersdorf, S.164-166

Aus Chamissos Einleitung seiner Reise um die Welt (sieh auch: Rurik-Expedition)"

[...] Aus einem alten Hause entsprossen, ward ich auf dem Schlosse zu Boncourt in der Champagne im Januar 1781 geboren. Die Auswanderung des französischen Adels entführte mich schon im Jahre 1790 dem Mutterboden. Die Erinnerungen meiner Kindheit sind für mich ein lehrreiches Buch, worin meinem geschärften Blicke jene leidenschaftlich erregte Zeit vorliegt. [...] 

So stand ich in den Jahren, wo der Knabe zum Manne heranreift, allein, durchaus ohne Erziehung; ich hatte nie eine Schule ernstlich besucht. Ich machte Verse, erst französische, später deutsche. Ich schrieb im Jahre 1803 den »Faust«, den ich aus dankbarer Erinnerung in meine Gedichte aufgenommen habe. Dieser fast knabenhafte metaphysisch-poetische Versuch brachte mich zufällig einem andern Jünglinge nah, der sich gleich mir im Dichten versuchte, K. A. Varnhagen von Ense. Wir verbrüderten uns, und so entstand unreiferweise der »Musenalmanach auf das Jahr 1804«, der, weil kein Buchhändler den Verlag übernehmen wollte, auf meine Kosten herauskam. Diese Unbesonnenheit, die ich nicht bereuen kann, ward zu einem segensreichen Wendepunkte meines Lebens. [...]

Aus Chamissos Bericht über die Weltreise:

Kapitel 4: Vorfreude. Reise über Hamburg nach Kopenhagen

 "[...] Der Hausknecht, der seinen Herrn so freundlich vertraut mit mir umgehen sah und mich beim Globus von weiten Reisen erzählen hörte, fragte einen der Kommis, wer denn der schwarze ausländische Herr sei, für den er manche Gänge zu besorgen gehabt. – »Weißt du das nicht?« antwortete ihm jener; »es ist Mungo Park.« Und froh und stolz, wie ein Zeitungsblatt, das einmal eine große Nachricht auszuposaunen hat, lief der literarische Zwischenträger seine Gänge durch die Stadt, jeden, den er kannte, anhaltend, um ihm mitzuteilen, Mungo Park sei nicht umgekommen; er sei da, er sei bei seinem Herrn, er sehe so und so aus und erzähle viel von seinen Reisen. – Nun kamen einzeln und scharenweise die guten Hamburger zu Perthes in den Laden gelaufen und wollten Mungo Park sehen. – Im »Schlemihl«, und zwar im vierten Abschnitt, steht geschrieben: »Muß ich's bekennen? es schmeichelte mir doch, sei es auch nur so, für das verehrte Haupt angesehen worden zu sein.« [...]"


10 November 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (Kap.36-38) Dichtung, Beerdigung des Vetters Georg

Sechsunddreißigstes Kapitel 
Das schiefe Täntchen Auguste mit ihrer langen Hexennase und ihrem kleinen Rückenverdruß fing damals an, sich für mich stärker zu interessieren. Es wich, wie mir schien, jene Abneigung, die wir früher einer gegen den anderen gespürt hatten, wenn sie auch nicht für mich die gleiche Wärme wie für Carl, geschweige Vetter Georg, aufbringen konnte. Ich wurde durch sie ohne Aufdringlichkeit – denn sie fürchtete meinen Vater – auf das herrnhutische Wesen im Sinne des Grafen Zinzendorf, die aufopfernde Tätigkeit christlicher Missionare unter den Völkern des dunklen Erdteiles und auf die Poesien des Grafen Moritz Strachwitz hingewiesen. [...]
Ich will noch eine Erfahrung berichten, aus der ein Lebensbesitz für mich geworden ist. Das Lächeln auf dem Gesichtchen des kleinen, drei Wochen alten, schlafenden pastörlichen Stammhalters erregte in mir eine unvergängliche, entzückte Betroffenheit. Wie konnte dieses Wesen, das noch ohne alle Erfahrung im Leben war, so glückselig lächeln? Es mußte in Himmeln gelebt haben, deren es sich, jetzt noch ihrer sicher, im Schlaf erinnerte. Wie einen Edelstein lege ich diesen Besitz, ohne mehr darüber zu sagen, in den Behälter meiner Seele zurück. [...]


Eines Tages, mit zwei bis drei Mark in der Tasche, kam mir plötzlich auf dem Großen Ring der Wunsch, irgendein Buch zu besitzen, das nicht Schulbuch war. Ein Appetit oder Hunger nach Süßigkeit führt zur Konditorei, mich führte ein ähnlicher Hunger nach dem Buchladen. Gesegnet sei der junge Mann hinterm Ladentisch, der für mich die Wahl übernahm und die Gedichte Adelbert von Chamissos aus dem Regal herunterholte.
Sogleich vertiefte ich mich hinein und hatte auf einmal einen Freund, dessen Trost nie versagte. Es war die Not, war die geistige Not und Verlassenheit, durch die ich zu Dichtung und Dichtern geführt wurde. Kein anderer Dichter hätte um jene Zeit mir so viel bedeuten können. Das Balladeske, das Gegenständliche, das Goetheverwandte entsprach damals meinem Wesen. 
[...] immer und allezeit gegenwärtig war mir das Gedicht »Schloß Boncourt«, das beginnt:
Ich träum' als Kind mich zurücke 
und schüttle mein greises Haupt; 
wie sucht ihr mich heim, ihr Bilder, 
die lang ich vergessen geglaubt? 

Hoch ragt aus schatt'gen Gehegen 

ein schimmerndes Schloß hervor; 
ich kenne die Türme, die Zinnen; 
die steinerne Brücke, das Tor ... 
[...]
Zwischen meiner dem Spiel und der Einbildungskraft hingegebenen Kindheit, mit ihrer Vermischung der wirklichen und der Bücherwelt Defoes und Coopers, und diesen Dichtungen bestand ein folgerechter Zusammenhang. Die Enden des gewaltsam zerrissenen goldenen Fadens, der durch mein ganzes Leben gehen sollte, hatten sich wieder zusammengefunden. Ich wußte zunächst nicht, daß es so war. Ich nahm diese Schicksalsgabe hin wie etwas ganz Neues in meinem Leben, das ich vor jedermann zu verbergen für notwendig fand. Es führte mich unterirdisch weiter.   
Die Vorstellungen, mit denen sich vom Elternhause her mein Bewußtsein erfüllte, gewannen einerseits an Dramatik, andrerseits verdüsterten sie sich. Zwischen Sorgau und Salzbrunn krachten jetzt täglich die Sprengschüsse. Feldbahnen mit kleinen Lokomotiven schleppten Sand und Geröll hin und her. Eine Armee von fremden Arbeitern, teils Italienern, machte abends und nachts die Gegend unsicher. Das Gestein aus einem tiefen Durchstich bei Sorgau wurde zu einem Damm verwendet, auf dem der Bahnzug das Mitteldorf überqueren sollte. In Salzbrunn wurde ein Bahnhof gebaut. Der Zug nach Breslau, mit dem ich jeweilig fuhr, ging nun an dem künftigen Bahnhof Sorgau vorbei, der mitten im Feld im Entstehen begriffen war. Aufschüttungen gewaltiger Art ließen eine Plattform für viele Gleise erkennen. Das aus seinen Fundamenten mehr und mehr wachsende Gebäude war ein roter Backsteinbau. [...]

Siebenunddreißigstes Kapitel 
Ich komme nun zu dem größten Ereignis während meiner Realschulzeit, das allerdings wie die meisten, die damals mein geistiges Sein heranbildeten, nicht mit der Schule zusammenhing. Pastor Gauda kam zu mir herein, als ich wieder einmal während der Schulstunden zu Bette lag. Er sagte abrupt: »Dein Vetter Georg ist gestorben.« Dies war mir eine Undenkbarkeit. Es ist erzählt worden, welchen Anteil die ganze Verwandtschaft an diesem Wunderkinde nahm, das als eine ausdrückliche Belohnung für exemplarische Frömmigkeit des Schubertschen Hauses von den Tanten aufgefaßt wurde. »Zieh dich an, pack deine Sachen, in einer Stunde geht dein Zug! Du sollst nach dem Wunsche deiner Eltern dem Begräbnis beiwohnen!« Einen Zweifel gab es nicht mehr. Nun aber, als der staunende Schreck überwunden war, mußte ich mit fernerem, heimlichem Staunen feststellen, daß meine nun folgende Erregung überwiegend freudig war. Mit heiterer und befreiter Seele, wie ein Vogel, der Flugwind unter den Flügeln hat, fuhr ich in meinem Abteil dritter Klasse der Heimat entgegen, in die Landschaft hinein. 
Es ist schwer, die Art der Gefühle, die mich bewegten, auch nur andeutungsweise wiederzugeben. Einerseits war es wieder das Große, Regelwidrige, dem menschlichen Schematismus Spottende, das ich trostreich empfunden habe; andrerseits das Aufspringen aller verschlossenen Quellen des Gefühls, daran ich teilhatte und das ich bei allen Verwandten voraussetzte. Ferner: ich lebte noch, und der kleine Georg war tot. Das Geschenk des Lebens an sich erhielt einen neuen, höheren Wert für mich, und diese Erkenntnis machte meine Schulsorgen geringfügig.
Schließlich, ich durfte heut die Schule im Rücken lassen und genoß in tiefen Zügen das Leben und den Augenblick. [...]
Auf dem Bahnhof Striegau erwartete uns eine mit Ackergäulen bespannte Kutsche. Im langsamen Trabe wurde der endlose Weg durch lange, langweilige Dörfer zurückgelegt. Die Stimmung wurde um so bedrückter, je mehr der Streitberg, der ein Kreuz auf der Spitze trägt, mit seinen Granitbrüchen hinter uns blieb und Rittergut Lohnig sich annäherte.

Es wuchs der Ernst. Und nicht nur meiner Mutter und meinen Tanten, die unter einem steigenden Drucke standen, sondern auch mir wurde es jetzt eine schwere Fahrt. Die Majestät der Trauer, die Majestät des Todes, die harte Unabwendbarkeit des Ereignisses schlugen nun auch mich in ihren düsteren, atembeklemmenden Bann. Bei der Einfahrt in den weiten Gutshof, die mich stets mit selig überschwenglicher Ungeduld erfüllt hatte, konnte ich es mir kaum erklären, wieso sich hier alles in eine wüstenhafte Öde und Leere verwandelt hatte. Denn an und für sich bestand eigentlich keine Veränderung. [...]
Der Gedanke an dieses Begräbnis mit seinem Um und An beanspruchte in der Übergangszeit meiner Jugend von der knabenhaften zur jünglingshaften Daseinsform einen großen Raum. Das ganze Erlebnis mit seinem unerwarteten Eintritt, seiner gleichsam explosiven Gewaltsamkeit hatte bei mir ein jähes Erwachen zur Folge. Ich fing nun an, schon in Lohnig während der Trauertage, mich in dem neuen Gebiet still und befremdet umzusehen und in ihm die ersten Schritte zu tun.
Alles begünstigte mein stilles Forschen und drängte mich gleichsam zu beobachten. Es waren noch ein oder zwei Jungens von ähnlichem Alter da, aber es gelang mir meistens, sie loszuwerden. So den kleinen, harmlosen Metzig-Karl, der ein Sohn von Onkel Gustavs Schwester war. Der Junge hatte Beziehungen zu dem kleinen Georg nicht gehabt, und ich mochte mit ihm nicht über ihn reden. Im übrigen ließ man mich allein. Die vielen Trauergäste, die unablässig meist in eigener Equipage von nahen und fernen Gütern eintrafen, kannten mich meistens nicht, und eigentlich niemand in diesem Gewirre hatte ein Auge für mich.

Wie der Siegellacktropfen auf der Herzgrube eines Scheintoten hatte mich die jähe Schicksalserfahrung zu einer neuen, stärkeren Form des Bewußtseins erweckt. An diesem Bewußtsein ließ ich nun in der aufgewühlten Stille dieser Tage, in der trauervoll belebten Einsamkeit mein ganzes bisheriges Leben und im besonderen den mit dem kleinen Georg verbrachten Teil vorüberziehn. Da war gewiß niemand außer Tante Julie und Onkel Gustav Schubert, der dem Toten eine so eigentümliche Andacht gewidmet hätte.

Achtunddreißigstes Kapitel

Im Tagebuch Leo Tolstois finde ich: »Die wahre Wissenschaft ist die Erforschung des Verhältnisses unseres geistigen Ich, das Sinnesorgane besitzt und sie gebraucht, zu den äußeren Sinneswahrnehmungen oder, was dasselbe ist, zu der Außenwelt.«
Dieses einfache Erinnerungsbuch verdankt seine Entstehung keiner solchen Anmaßung: aber handelt es sich auch um keine Wissenschaft, so doch um ein geistiges Ich, sein Wachstum und seine Entwicklung, soweit sich dies, wenn auch unzulänglich, meinem Bewußtsein darbietet.
Und da es sich eben nur darum handelt, so liegt es mir fern, eine andere Wirklichkeit zu erstreben und darzustellen. Weder Daten noch Dokumente ziehe ich an. Mir genügt und muß genügen der natürliche Fluß, die natürliche Kontinuität meiner Erinnerung.
Man könnte einwerfen, da ich für andere schriebe, hätte ich die Verpflichtung objektiver Zuverlässigkeit. Aber ich setze kaum voraus, daß die objektiven Mitteilungen eines gewöhnlichen Knabenlebens für andere den Wert besitzen können, den die Teilnahme an einer bloßen Selbstbesinnung zum mindesten haben kann. Ich denke und schreibe dies also im wesentlichen für mich selbst, sozusagen aus der Lauge meines Wesens eine Art Seelenkristall ausscheidend. Und wie Lotze im »Mikrokosmos« sagt: »Völlig verständlich ist uns doch nur das volle, bewußte, geistige Leben, das wir in uns selbst erfahren.«
 Mit der Schulkrankheit war es vorbei. Um so mehr litt ich zunächst unter der erstickenden Beengung und Banalisierung des Klassenzimmers. Die alten, fürchterlichen, von Federmessern zerkerbten Pultbänke mit ihren Reihen von Tintenfässern waren wieder da, die meiner ausgesprochenen Tintenscheu noch besondere Qualen verursachten. Das polternde und verrohte Leben der Klasse und das der Schulmaschinerie ging gleichgültig über mein Erlebnis hinweg, und ich würde auch nicht daran gedacht haben, mich jemandem mitzuteilen. Aber irgendwie waren die Wände des stickigen Schulzimmers undicht für mich geworden. Etwas, das sich fortan durch nichts mehr ausschließen ließ, drang herein. Ich hatte die über uns waltenden Mächte in ihrer unberührbaren Furchtbarkeit oder furchtbaren Unberührbarkeit kennengelernt und, seltsam genug, in meiner Begegnung mit ihnen Trost gefunden, Trost und eine vom engen Getriebe menschlicher, allzu menschlicher Dinge befreiende Sicherheit.
Die möglichen Schläge dieser Schicksalsmacht, der ich doch nun einmal fühlend und denkend nahegetreten war, erregten mir nicht die geringste Furcht. Ihren Entscheidungen gegenüber sind mir die des lieben Direktors Klettke, seiner Lehrer und seiner Schüler verhältnismäßig belanglos geworden. Je ungeheurer die Macht, die über uns waltet, je stärker der Mensch, der sich unter sie beugt, und je weniger erniedrigt. [...]
(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)

07 Januar 2015

Chamisso auf Schloss Cunersdorf

Das Jahr 1813 brachte noch einen anderen Gast nach Schloß Cunersdorf und mit seinem Besuche schließen wir wie mit einem Idyll. Dieser Gast war Chamisso.
Chamisso, bekanntlich infolge der französischen Revolution aus Frankreich emigriert26, hatte als preußischer Offizier die unglückliche Kampagne von 1806 und speziell die Kapitulation von Hameln mit durchgemacht. Seitdem lebte er ausschließlich den Wissenschaften, besonders dem Studium der Botanik. Im Frühjahr 1813 waren seine Mittel erschöpft und Professor Lichtenstein, dem Itzenplitzschen Hause befreundet, empfahl den jungen Botaniker nach Cunersdorf hin, wo er, nach bald erfolgtem Eintreffen, die Anlegung einer großen Pflanzensammlung unternahm, eines Herbariums, das einerseits die Flora des Oderbruchs, andererseits alle Garten- und Treibhauspflanzen des Schlosses selbst enthalten sollte. Chamisso verweilte einen Sommer lang in dieser ländlichen Zurückgezogenheit und unterzog sich seiner Aufgabe mit gewissenhaftem Fleiß. Das von ihm herrührende Herbarium existiert noch. Die Mußestunden gehörten aber der Dichtkunst, und im Cunersdorfer Bibliothekzimmer war es, wo unser Chamisso, am offenen Fenster und den Blick auf den schönen Park gerichtet, den »Peter Schlemihl«, seine bedeutendste und originellste Arbeit niederschrieb.
Einige Stellen aus Briefen, die er damals an Varnhagen und Hitzig richtete, mögen hier auszugsweise einen Platz finden.

Er schreibt an Varnhagen, Cunersdorf, den 27. Mai 1813:

»Lieber Varnhagen, thun und lassen war für mich gleich schmerzhaft; durch den Machtspruch von Ehrenmännern in Unthätigkeit gebannt, bring' ich den Sommer bei dem Herrn von Itzenplitz auf seinen Gütern zu, in Cunersdorf bei Wriezen, und beschäftige mich allein mit Botanik, wozu ich die herrlichsten Hülfen habe. Ich helfe hier übrigens auch den Landsturm exerziren und kommt es zu einem Bauernkrieg, so kann ich mich wohl darein mischen – pro aris et focis. – Mit euch unterzugehen, will ich nicht verneinen.«27

An Hitzig, Cunersdorf, Juni 1813:

»Ich arbeite immer an meinen Pflanzen, gehe mit meinem Gärtner botanisiren, vergleiche meine Kataloge, corrigire die französischen Aufsätze der jungen Leute, unterweise sie etwas in der Botanik... Das war ein schwerer Mai (Lützen und Bautzen). Wie klingt doch so seltsam mit einem Male in mir das Wort Fouqués:

Im Mai, im Mai, im jüngsten Mai,
Wo alles Leben sonst geht auf,
Da ist des jungen Helden Lauf
Ganz wider Blumenart vorbei.

O Gott, möchte er es nicht von sich selber gesungen haben! Grüß mir die Bekannten und Freunde, die Dir in den Wurf kommen. Gott verzeihe mir meine Sünden; aber es ist wahr:

Das ist die schwere Zeit der Noth,
Das ist die Noth der schweren Zeit,
Das ist die schwere Noth der Zeit,
Das ist die Zeit der schweren Noth.

Da hast Du ein Thema.«

An Hitzig (Cunersdorf; wahrscheinlich im September).

»... Du hast nichts weniger von mir erwartet als ein Buch! Lies das Deiner Frau vor, heute Abend, wenn Du Zeit hast. Wenn sie neugierig wird zu erfahren, wie es Schlemihl weiter ergangen und besonders, wer der Mann im grauen Kleide war, so schick mir gleich morgen das Heft wieder, auf daß ich daran schreibe; – wo nicht, so weiß ich schon, was die Glocke geschlagen hat. Vom dritten Kapitel ist das erst der Anfang; dies und das folgende sind mir sehr beschwerlich – es stehen die Ochsen am Berge.«

An Hitzig (Cunersdorf, Spätherbst 1813).

»Dieses zur Erinnerung, daß Du einen Freund in Cunersdorf hast, dem Du eben nicht sehr oft schreibst. Es ist eine ganz fatale Empfindung, wenn alle Tage der Postbote einläuft, und die Austheilung der Briefe im Salon geschieht und für einen Jeden etwas da ist, und für den Herrn von Chamisso – nischt niche!
... Ich kratze immer an meinem ›Schlagschatten‹, und wenn ich's Dir gestehen muß, lache und fürchte ich mich manchmal darüber, so wie ich daran schreibe; – wenn die anderen nur für mich nicht darüber gähnen. Mein viel gefürchtetes viertes Kapitel habe habe ich mir, nach vielem Kauen, gestern aus einem Stücke, wie eine Offenbarung, aus der Seele geschnitten und heute abgeschrieben. Es ist auch schon eher Morgen als Nacht, darum ade. Das Blitz-Prosa-schreiben wird mir ungeheuer sauer, mein Brouillon sieht toller aus als alle Verse, die ich je gemacht.«
Bald nach diesem Briefe scheint Chamisso nach Berlin zurückgekehrt zu sein. Es wird zwar in Cunersdorf erzählt, er habe sich zunächst nach Nennhausen hin, zu Fouqué, auf den Weg gemacht, um diesem seinen Schlemihl vorzulesen; es liegen aber doch wohl Monate dazwischen, da, wie wir aus dem letztzitierten Briefe ersehen, bis etwa Mitte Oktober erst vier Kapitel von elf beendigt waren. Übrigens stand Fouqué damals auch wohl im Felde.
Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Das Oderland. Das Oderbruch und seine UmgebungenCunersdorf.Graf und Gräfin Itzenplitz. Chamisso in Cunersdorf, S.164-166