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27 Januar 2019

Clark: Preußen - Zurück zu Brandenburg

Im Schlusskapitel "Das Ende" stellt Clark unter dem Titel "Zurück zu Brandenburg" auf den Seiten 773/74 Fontanes Aufsatz von 1894 "Mein Erstling: Das Schlachtfeld von Groß-Beeren" vor, dessen Schlussabsätze lauteten:
Und kaum in meine Berliner Pensionsöde zurückgekehrt, schrieb ich den unter meinen Schulsorgen obenanstehenden »Deutschen Aufsatz nach selbstgewähltem Thema« im Fluge nieder, ein phantastisches Skriptum, dem es, die Wahrheit zu gestehn, an Anklängen an die Zedlitzsche »Nächtliche Heerschau« nicht fehlte. Der Tambour ging in einem fort wirbelnd um, und die Knochenhände streckten, mehr als nötig, die langen Schwerter empor. Denn Kavallerie war kaum zur Aktion gekommen.
Nach acht Tagen erhielt ich aus den Händen Philipp Wackernagels, meines hochverehrten Lehrers, meinen Aufsatz zurück, und wer beschreibt mein Entzücken, als ich, der ich bis dahin über ein »vidi W.« nie hinausgekommen war, jetzt zum ersten und leider auch einzigen Male las: »Recht gut. W.«
Daß meine »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« auf dieses »Recht gut« zurückzuführen seien, will ich nicht gerade behaupten, aber daß der Aufsatz, der den forschen Titel: »Auf dem Schlachtfelde von Groß-Beeren« führte, meine erste Wanderung durch die Mark Brandenburg gewesen ist, das ist richtig.
Dann urteilt Clark über diese Wanderungen: "ein einzigartiges Werk [...] Das vielleicht Bemerkenswerteste an den Wanderungen ist die ausschließliche Beschränkung auf die Regionen der Mark."
Er zitiert dann Fontanes Satz von 1848 "Preußen war eine Lüge." und schließt mit dem Blick auf die Situation nach der deutschen Einigung 1990: "Am Ende war nur noch Brandenburg."

21 Februar 2015

Clark in "Preußen" zu Friedrich II.

Friedrich II. schaffte die Folter 1740 schon drei Tage nach Regierungsantritt ab, zunächst freilich mit der Ausnahme von "Majestätsverbrechen und Landesverrat sowie Massenmord", um Komplizen ausfindig machen zu können. (S.300) 1750 nahm er diese Einschränkung des Folterverbots zurück.

Er nahm Johann Christian Edelmann, der in ganz Europa verfolgt wurde, in Berlin auf, ließ freilich seine Schriften verbrennen und erteilt ihm ein Publikationsverbot. (S.301) 

Trotz dieser Ambivalenzen sahen Aufklärer ihn als Verbündeten, und argumentierten "dass die Liebe des Königs bloße Untertanen in aktive Teilnehmer am öffentlichen Leben des Vaterlandes verwandeln könne" (S.302).
"Der berühmte Satz, den Kant Friedrich in den Mund legte, 'Räsonniert, soviel ihr wollt und worüber ihr wollt; nur gehorcht!', wurde nicht als Wahlspruch eines Despoten aufgefasst. Vielmehr sah man darin das Potential zur Selbstveränderung in einer aufgeklärten Monarchie." (S.302)

Die preußische Regierung stützte sich bei der Abfassung von Gesetzen sehr stark auf Konsultationen, auch wurde die Gesetzesreform, die zum preußischen Landrecht führen sollte, nicht nur Experten vorgelegt, sondern sogar ein öffentlicher Aufsatzwettbewerb ausgeschrieben, der zur Diskussion der Reform aufrief (S.303).

Im siebenjährigen Krieg vertraute Friedrich die staatliche Münzverwaltung zwei Juden an und ließ sie eine Münzverschlechterung einführen, die dem Staat 29 Millionen Taler einbrachte, dabei freilich auch Itzig und Ephraim den reichsten Männern Preußens zuführte. (S.305)

Von den Juden profitierte freilich nur der geringste Teil von dieser Offenheit. Die Masse blieb hoher Diskriminierung ausgesetzt, die viele in Kleinstwarenhandel oder offene Bettelei trieb. Schließlich hatte Friedrich seinerseits ein starkes antisemitisches Vorurteil und sah die Juden - wie frühere Herrscher vor ihm - primär als "Hilfe die Staatseinnahmen zu steigern" (S.306)

19 Februar 2015

Brandenburg-Preußen: Vom 30-jährigen zum siebenjährigen Krieg

Christopher Clark berichtet in "Preußen" (2006), dass die Kabinettskriege Friedrichs II. weit weniger Verheerungen als die im 30-jährigen Krieg verursachten, dass aber dennoch die Freikorps, die russischen Kosaken, die österreichischen Panduren und auch französische Korps, die nicht vom Staat mit Nachschub versehen wurden, sondern sich selbst "bezahlt" machten, schreckliche Gräueltaten vollbrachten. (S.251)
Schon im siebenjährigen Krieg, deutlicher noch im Bayerischen Erbfolgekrieg wusste Friedrich sich zum Vormann der Protestanten in Deutschland zu machen und dadurch sein Gegengewicht gegen den katholischen Kaiser zu verstärken. (S.259/60)
Erstmals im siebenjährigen Krieg kommt ein energischer preußischer Patriotismus auf, der sich extrem von der kritischen Haltung der lutherischen Brandenburger gegenüber ihren calvinistischen Kurfürsten in der Zeit des 30-jährigen Krieges und der Folgezeit unterschied. (Begeisterung für Fehrbellin war 1675 nur Sache einer kleinen Elite gewesen.) (S.261-274)
Christopher Clark: Preußen (2006)

Ein Kuriosum:
Kant hatte bei seinem Tode 1804 nur 450 eigene Bücher. Alle übrigen muss er sich ausgeliehen haben. Die meisten vermutlich beim Buchhändler Kanter, der Bücher nicht nur verkaufte, sondern  auch in einem Lesesaal zur Verfügung stellte und verlieh. (S.296)

*"[...] K.s eigentliche Wirkung – und das ist ein seltener Fall – ging von der Sortimentsbuchhandlung aus, über deren Modernität, Großzügigkeit, Lebendigkeit anschauliche Schilderungen vorliegen. Sie war gesellschaftlicher Treffpunkt, Diskussionsraum, Informationsstätte (über alle wichtigen Neuerscheinungen) für die Gelehrten, aber auch für Studenten. Vermutlich war sein Bücherangebot zu groß. Eine geschäftliche Krise machte sich schon 1769 bemerkbar, 1781 mußte auch die Buchhandlung verkauft werden, K.s andere Unternehmungen waren eine zu große Belastung. [...]" (NDB: Kanter)

22 Januar 2012

Gustav Freytag: Die Geschwister (aus: Die Ahnen)

Der Rittmeister von Alt-Rosen

Den Dreißigjährigen Krieg führt Gustav Freytag am Beispiel des Rittmeisters Bernhard König von Alt-Rosen und seiner Schwester Regina vor, Anlass genug, die Erzählung mit der folgenden (Der Freikorporal bei Markgraf-Albrecht) unter dem Titel "Die Geschwister" zu vereinigen.
Wir erleben das Lagerleben von Regimentern, die sich vom Marschall Turenne getrennt haben, um die evangelische Sache nicht verraten zu müssen, das Schicksal der in den Wald flüchtenden Bauern, den Privatbereich Herzog Ernsts des Frommen (einem Vorfahr von Ernst II. von Sachsen-Coburg-Gotha, dem Maezen Gustav Freytags) und schließlich auch eine Hexenverfolgung, deren Opfer Judith, die Geliebte Bernhard Königs, wird.
Bernhards Beitrag zum Kriegsrat der einen obersten Führer suchenden Regimenter:
Ansehnliche Herren und lieben Brüder! Da ich einer der jüngsten bin, ziemt mir mehr zu hören als zu raten. Was dem Heere am vorteilhaftesten ist für Sold, Quartiere und Ruhm, darüber haben viele unter uns mehr Erfahrung als ich. Ich aber will sagen, was uns allen während unserer Händel mit den Franzosen am Herzen gelegen hat: Wir haben uns von dem Marschall darum geschieden, weil wir Deutsche sind und unser Blut nicht länger für den Eigennutz fremder Potentaten vergießen wollen. Wir hören viel von der alten Herrlichkeit des deutschen Landes, wo ist sie hingeschwunden? Ich kenne manchen unter euch, der mitten in Brand und Plünderung aus tiefem Herzen erseufzte über das Unglück, welches wir ertragen und anderen zufügen, und ich hörte manchen Kriegsmann mit grauem Haar einen Fluch ausstoßen gegen die vornehmen Perücken, welche Frieden im Munde führen und den Krieg im Herzen begehren. Fünf Jahre verhandeln die Schreiber über den Frieden, und wir sind weiter davon entfernt als je. Ich aber lebe des Glaubens, daß der römische Kaiser als der hartnäckigste und diffizilste Gegner des Friedens gegen uns steht. Er fühlt in seinen Erblanden wenig von der Kriegsnot und ist wohl zufrieden, wenn die Dörfer und Städte der evangelischen Landesherren verwüstet werden. Und ich sage euch, ihr Herren und Brüder, nicht eher wird er sich einem billigen Vertrage zuneigen, als bis ein deutsches Heer über seine Berge zieht und seine Hofburgen ausbrennt. Darum, wenn die Großen üblen Willen haben, das deutsche Land in einen besseren Zustand zu bringen, so meine ich, sollen wir Kleinen dazu helfen. Habt ihr den Mut und den Willen, euch als Helden zu erweisen und den Kaiser zum Frieden zu zwingen, so wählt euch einen kühnen Kriegsobersten, dem ihr zutraut, daß er sich mit eurer Hilfe hoher Anschläge vermesse. Und in diesem Falle rate ich, daß ihr den General Königsmark zuzieht, obgleich er den Schweden dient. Denn wir wissen, daß er von allen großen Befehlshabern am fröhlichsten schlägt und in seinen Reiterstiefeln weder Tod noch Teufel fürchtet. Wollt ihr jedoch so hohes Wagnis nicht auf euch nehmen, so wahrt wenigstens euer Gewissen, auf daß ihr nicht ferner an der Zerstörung teilhabt, und sucht einen gerechten protestantischen Landesherrn, dem ihr euch zum Schutz seines Landes anbietet und der vielleicht, wenn er die Regimenter entlassen will, mit unseren Völkern, ihren Weibern und Kindern die leeren Bauernhöfe seines Landes besetzt. Wollt ihr in solcher Weise für das Heil des gemeinen Reiters sorgen, so fragt den Herzog Ernestus, den Bruder unseres seligen Kriegsherrn, ob er die Regimenter auf billige Bedingungen in seine Gewalt aufnimmt. (G.Freytag: Die Ahnen, Der Rittmeister von Alt-Rosen, Kapitel "Der Kriegsrat", S.974)

Der Freikorporal bei Markgraf Albrecht (1721)

Um ein möglichst umfassendes Bild  der von ihm in den vorhergehenden Erzählungen behandelten Gebiete, in denen Deutsche siedelten, zu bieten,  verbindet Gustav Freytag einen Bericht aus dem Sachsen und Polen Augusts des Starken mit einem aus dem Preußen des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I..
Dabei setzt er, um das Interesse des Lesers und die Dramatik des Geschehens zu erhöhen, nicht nur zwei Liebesgeschichten, sondern auch das Motiv der unbedingten Opferbereitschaft für den Freund ein, wie wir es aus Schillers Bürgschaft kennen. Nur sind es hier Brüder, die beide bereit sind, sich für den anderen zu opfern, nicht zwei Freunde und zusätzlich bestand vorher eine ganze Zeit lang eine Rivalität zwischen ihnen.

Um die negativen Seiten der Herrschaft des Soldatenkönigs zu zeigen, lässt er den Sachsen August König freiwillig in preußische Dienste treten und dabei die Schrecken absoluter militärischer Unterordnung und des Rekrutierungssystems kennen lernen. Doch gerade als August höchst negative Erfahrungen mit dem System gemacht hat, trifft er auf einen hilfreichen Zivilisten, der seine Vorzüge herausstellt:
»Ich glaub's wohl«, sagte der Wirt, »denn manchen trifft es hart und grausam. Jedoch dazu sind wir alle da, die einen zahlen die Steuern, während die anderen marschieren, damit die Fremden Respekt vor uns behalten. Als mein Großvater jung war, hausten die fremden Kriegsvölker hier am Orte wie Mordbrenner und Kannibalen, und die Bürger wurden wie die Hunde erschlagen, von den Weibern und Kindern gar nicht zu reden. Als aber mein Vater jung war, hieben wir Brandenburger den Schweden, der sich noch einmal ins Land gewagt hatte, mit unseren Fäusten hin aus; seitdem haben wir Sicherheit, unsern Weibern wird keine Schmach mehr angetan, und unsere kleinen Kinder werden nicht mehr unter die Hufe der Pferde geworfen. Wenn nur von den Herren Offizieren Billigkeit geübt wird, so ist die Last für das Volk zu ertragen. Unsere Landeskinder, soweit sie wirklich eingezogen werden, dienen nicht gar lange und kommen klüger nach Hause zurück, als sie gegangen sind. Ich denke, es ist bei uns in Stadt und Land, obgleich wir viele Soldaten unterhalten, mit der Nahrung und mit dem Verdienst nicht schlechter bestellt als bei Ihnen in Sachsen oder anderswo in Deutschland. Denn unser König führt einen schweren Stock, aber er sorgt auch wie ein Vater für die Blauen und für uns andere in Hemdsärmeln.«
August freute sich über die kluge Rede, denn auch er fühlte zuweilen [1120] wieder den Stolz eines Preußen, ... (G. Freytag: Der Freikorporal bei Markgraf-Albrecht, Kapitel Alles verwandelt", S.1119/20)
Die Verhältnisse in Polen lässt Freytag den Kandidaten der Theologie Friedrich König erleben und das bietet dem Erzähler die Möglichkeit, seinen Helden darüber dem Soldatenkönig berichten zu lassen:

»Was habt Ihr sonst in Thorn gesehen?« fragte der König. »Erzählt geradeaus und ehrlich.«
Friedrich begann seinen Bericht über die Standhaftigkeit und die letzten Stunden des Konsuls Roesner und der übrigen Gerichteten. Der König setzte sich und hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu, bis der Erzähler mit den Worten schloß: »Königliche Majestät, in diesen schrecklichen Tagen habe ich das Größte erlebt, was einem Diener des heiligen Amtes zuteil werden kann, denn ich sah fromme deutsche Männer, welche mit Gottvertrauen mutig in einen elenden Tod gingen. Jeder von den zehn Gerichteten konnte sich Leben und Freiheit retten, wenn er seinen Glauben abschwor. Aber nur einer von elfen wurde schwach, die anderen zehn blieben treu bis zum Tode.« Da faltete der König die Hände: »Was sagtet Ihr vorhin über eine Hilfe, die sie von mir begehrt haben?«
(G. Freytag: Der Freikorporal bei Markgraf-Albrecht, Kapitel Von Thorn nach Berlin, S.1138)
Freilich, da der Theologe groß ist, hilft es ihm nichts, dass er die protestantische Seite im Soldatenkönig anspricht. Dieser will ihn behalten und lässt ihn nur gehen, als er versprochen hat, sich wieder zum Dienst zu stellen, falls sein Bruder nicht aus seinem Diensturlaub zurückkehrt. Damit beginnt die Geschichte des Edelmuts der Brüder ...

07 Januar 2012

Die Brüder vom deutschen Hause (1226)

Im Hof von Ingersleben in der Nähe von Erfurt lebt der Ritter Ivo aus dem Geschlecht des Märtyrers Ingram. Seine Herrschaft ist reichsunmittelbar, doch freilich - bemerkt Freytag, der hier als Historiker spricht, nicht als Erzähler - hatte man "in dem Herrenhofe zuweilen erfahren, daß gerade freie Erbschaft Habe und Gut zersplittert und die Angehörigen scheidet, während Dienstbarkeit und Lehnbesitz die Stammgenossen zusammenhält und ein Geschlecht erhöht." 
So war der weniger ritterliche Verwandte Meginhart, der auf der Mühlenburg lebte, zum Grafen aufgestiegen, weil er es nicht ablehnte, immer wieder einmal als Lehnsmann höheren Herren zu dienen.
Ivo ist zunächst stolz darauf, einer unbekannten hohen Herrin zu dienen (vgl. Frauendienst von Ulrich von Liechtenstein) und in Turnieren (Tjost) für ihre Ehre zu kämpfen. (Besiegte Ritter mussten ein Stück ihrer Kleidung abgeben, aus einer Vielzahl solcher Stücke wurde dann ein Frauenmantel genäht, den der erfolgreiche Ritter seiner Herrin schenken konnte.)
Mit glühenden Wangen sprengte Ivo am nächsten Morgen in seinen Hof, er hob die Hand zum Gruß gegen seine Dienstmannen und fragte atemlos: »Wo ist der Schreiber?«, sprang aus dem Sattel und eilte in sein Gemach. Als Nikolaus eintrat, stieß der Herr den entblößten Dolch in den Tisch, um den Schreiber an seinen schweren Treueid zu mahnen, und ein zusammengefaltetes Pergamentblatt aus dem Gewande ziehend, gebot er: »Tritt vor das Messer und lies mir, was in diesem Briefe geschrieben steht, treu und genau, so wahr du leben willst«, und Nikolaus las folgendes:
»Ein armes trauriges Käuzlein schrieb an seinen Gesellen diesen Brief. – Ich, das Käuzlein, vernahm, wie zwei Frauen zueinander von einem Ritter redeten. Die eine lobte in guter Meinung seine Kunst im Speerkampf und sagte: er vermöchte wohl die Wappenzeichen am Gewande der Helden, welche er vom Pferde wirft, zu sammeln und seiner Herrin daraus einen wallenden Mantel zu gewinnen. Die andere Frau aber, welche aus der Fremde gekommen war, lachte spöttisch in argen Gedanken. Dennoch sage ich, könnte dieser Frau ihr Ritter einen ähnlichen Mantel erwerben, sie würde ihn mit Freuden statt ihres Gewandes umtun, wenn sie einmal mit ihrem Gesellen allein wäre. Manche, die sich hart gebärdet, verbirgt mit Mühe vor ihren Hütern Leid und Sehnsucht. Liebe Du mich, wie ich Dich. Der Brief muß liegen auf grünem Ast, ob ihn ein günstiger Wind erfaßt, ob ihn die Pfote des Katers packt, oder ob ihn der Specht zerhackt. – Der Brief ist zu Ende«, schloß Nikolaus verwundert.
»Lies noch einmal«, gebot Ivo, der neben ihm mit heißen Wangen auf das Pergament starrte. – »Und zum drittenmal, damit ich jedes Wort festhalte.« Darauf riß er den Dolch aus dem Tisch und winkte dem Schüler Entlassung. Als er allein war, barg er den Brief nahe bei seinem Herzen und rang die Hände. »Ja, du sagst es, arme Nachtvögel sind wir beide, endlos treibt die Sehnsucht, verhaßt ist mir das Leben, solange ich von dir getrennt bin, und wenn ich einmal vor dein Angesicht trete, wird auch das Wiedersehen zur Qual, denn das eherne Gitter ragt bis zum Himmel zwischen uns beiden, und kein Flügelschlag vermag darüber zu erheben.« Er warf sich in den Sessel und barg das Gesicht in den Händen. Doch nicht lange unterlag er dem Schmerze, denn ihm fiel,[533] wie Liebenden geschieht, wieder etwas Günstiges ein, er sprang auf und lachte: »Verstehe ich meinen Kauz recht, so wäre ihm die Kappe lieb, von der die beiden Frauen zueinander sprachen. Eine frohe Verkündigung finde ich in den Worten, daß sie sich darein hüllen will, wenn das Glück uns zusammenführt. Ich denke, Geliebte, daß ich dir den Mantel gewinne. Einen Mairitt wage ich dir zu Ehren, und das Tuch für dich hole ich mir im Speerkampf von den Edlen dieses Landes.« (G. Freytag: Die Brüder vom deutschen Hause. Der Ritt nach dem Mantel, S.532-533)
Freytag deutet an, dass Ivo der Landgräfin Else, der späteren heiligen Elisabeth, dient und dass die Nichte des Kaisers, Hedwig, den Brief geschrieben hat, der ihn zu seinem "Ritt nach dem Mantel" ermutigt hat.
Nahe vor ihren Füßen ertönte leiser Gesang, die Frauen sahen einander an. »Das klingt nicht wie das Lied eines Bauern, es ist eine ritterliche Weise«, sagte Hedwig und beugte sich über die Brüstung. Unter dem Söller fiel der Fels steil zur Tiefe. Auf einem Vorsprung, der kaum dem Stehenden Raum gab, lehnte ein Mann in ärmlicher Tracht, dem das Haar wirr um das Gesicht [565] hing; einen großen Filzhut, wie ihn die Landfahrer trugen, hatte er abgenommen und hielt ihn, nach der Höhe blickend, über sich, als wollte er eine herabgeworfene Gabe auffangen. »Klimmen bei euch die Bettler mit Lebensgefahr nach Almosen?« fragte Hedwig. »Kann ich ihm spenden, so tue ich's, denn er wagt seinen Hals oder doch seine heile Haut, wenn ihn die Wächter auf der Zinne erblicken.« Sie suchte in der Tasche, welche ihr an der Seite hing. »Fange auf«, rief sie hinab und warf etwas in den Hut, ein undeutlicher Dank wurde gehört, dann klang die frühere Weise fort. Während die Frauen lauschten, schwebte plötzlich ein dunkler Gegenstand vor ihnen in der Luft, ein Bündel, mit Stoff umwickelt, sank vor ihre Füße; die Frauen sprangen auf und sahen über die Mauer, der Felsblock war leer, der Fremde verschwunden. »Ihn deckt der Laubwald, wir aber haben ein Gegengeschenk empfangen«, rief Hedwig mutwillig, »bücke dich nicht darnach, Else, wer mag wissen, was darin ist.«
»Ich sehe silberne Borten glänzen«, versetzte Frau Else erstaunt.
»Rufen wir eine unserer Frauen, daß sie es öffne.« Sie klatschte schnell in die Hände, ihre Dienerin flog von der Mauerecke herzu, Hedwig gebot ihr in fremder Sprache. Die Dienerin löste die Bänder und entrollte einen bunten Mantel, seltsam aus vielen Stücken zusammengenäht, mit allerlei ritterlichen Zeichen, Sternen und Fabeltieren bedeckt. Die Landgräfin sah erschrocken darauf und rang die Hände. »Das ist der Mantel, den Herr Ivo im Kampfe für seine Herrin erworben hat.«
»Weißt du, wer die Herrin ist?« fragte Hedwig mit blitzenden Augen.
Else neigte wie betäubt das Haupt. Wieder machte Hedwig eine heftige Bewegung, die Dienerin raffte den Mantel zusammen. »Was soll aus der Speerbeute werden?« fragte sie wieder.
»Nie habe ich ihm ein Recht gegeben«, klagte Else, »nicht durch Wort, nicht durch Miene, mir so dreist sein Geschenk zu senden. Rein hielt ich mich vor dem Himmelsherrn und vor meinem lieben Hauswirt.«
»Eine andere Frau würde stolz sein, so teuer gewonnene Spende zu empfangen«, versetzte Hedwig kalt. Frau Else aber stieß mit dem Fuß an das Bündel. »Hinweg damit, eine Versuchung erkenne ich, die mir der Böse sendet, meinem Hausherrn will ich die Kränkung klagen.«
»Willst du Herrn Ivo töten oder deinen Gemahl und vielleicht beide, weil ein Ehrengeschenk über die Mauer geflogen ist, welches keine Königin mißachten wird? Wahrlich, bescheiden und demütig rollte der Bund vor unsere Füße. Merke auf, Else, kränkt dich das Gewebe, so strafe den, der es gesandt hat, durch Kälte in Blick und Wort; aber mache keinen Mann zum Vertrauten, keinen, Else, [566] denn du selbst möchtest die Folgen beweinen. Von der Gabe, die der Werber vor unsere Füße gesandt hat, denke ich dich schnell zu befreien.« Sie fragte die stumme Dienerin: »Brennt das Kaminfeuer in meiner Kammer? Trag den Bund eilig hinauf, schließ die Tür, wirf ihn in die Flammen und harre, bis er zu Zunder verbrannt ist.« Und sie fügte einige fremde Worte hinzu.
Als das Sarazenenmädchen die Treppe hinaufeilte, trat ihr ein Mann in dunklem Priesterkleide entgegen, es war Meister Konrad. Er riß das Bündel aus ihrer Hand, und während die Stumme heftig mit den Armen gegen ihn schlug und mißtönendes Geschrei ausstieß, lüftete er das lose Band, sah die Zipfel des zusammengerollten Tuches und gab es mit finsterer Miene zurück. Als das Mädchen entsprungen war, blickte er forschend in die Landschaft hinaus.
Unterdes standen die Frauen einander schweigend gegenüber. Endlich wies Hedwig nach einer Esse, aus welcher ein dicker Qualm aufstieg. »Dort schweben in braunem Dampfe Greifen und Löwen den Wolken zu«, rief sie übermütig. »Getilgt ist der Zauber, mit dem der Kühne edle Frauen umstricken wollte. Stecht Ihr wieder einen Mantel zusammen, Herr Ivo, so sorgt dafür, daß er unverbrennbar werde. Sei ruhig, Else, wären wir Bauernkinder, wie die dort unten, so würden wir den Glasring, den uns ein kecker Werber an den Finger drückt, entweder in den nächsten Bach werfen oder auch heimlich bewahren, und uns fröhlich im Reigen weiter schwingen. Küsse du deinen Trauten um so herzlicher, wenn er zur Heimat kehrt, schweig und vergiß. Denn wir sind nicht allein, dort naht der finstere Meister, der wenig spricht und auf alles merkt, und der in diesem Hause mehr gebietet, als einem leichten Herzen frommt.«
Konrad verneigte sich gemessen vor den Frauen. »Ein Bauer rief klagend in den Schloßhof, daß ihm ein Bär aus den Bergen in seinen Zaun gebrochen sei, Herr Walter rüstet eine Jagd gegen das Untier.« Und zu Frau Else tretend, fuhr er leise fort: »Was soll mit dem Mantel werden?«
Else wies nach der Höhe. »Er ist verbrannt, mein Vater.« Der Meister nickte zufrieden mit dem Haupt.
Als Frau Else sich nach demütigem Gruß dem Hause zugewandt hatte, trat Konrad zu Hedwig, die ihn mit zusammengezogenen Brauen erwartete. »Enthaltet Euch, edle Frau, Eure Kunst an meiner Herrin Elisabeth zu üben. Sie ist seither unsträflich gewandelt in einer verdorbenen Welt, die Unschuld eines Kindes hat sie sich als Hausfrau und Mutter bewahrt, ihr Sinn ist völlig lauter, ihre Rede wahrhaft, und sie gleicht einem Engel des Himmels, soweit irdischer Unvollkommenheit solche Hoheit gegönnt ist. Ich aber habe vor Gott und den Heiligen gelobt, ihr Gemüt dem [567] Himmel rein zu bewahren, wie ich es empfing. Darum rate ich Euch, verlockt sie nicht in das weltliche Treiben, das Euch die Seele füllt. Denn obgleich ich selbst ein sündiger Mensch bin, bei dieser Reinen will ich stehen wie der Wächter vor dem Paradiese, der den Gefallenen wehrt, das Heiligtum zu betreten.« Er sprach in großer Bewegung und seine Augen flammten.
Hedwig antwortete stolz: »Seid Ihr zum Wächter einer Frau gesetzt, die in weltlichen Freuden leben darf, so hütet Euch, Herr, daß Ihr nicht Eifer für den Glauben nennt, was Herrschsucht und Neid gegen andere ist. Wisset, daß ich unter den Sündern die Kunst gelernt habe, durch die Augen der Menschen in ihr Herz zu schauen. Ich sah zuweilen, daß ein Priester ein Weib mit der Geißel zur Nonne schlug, weil er sie anderen Männern nicht gönnen wollte und daran verzweifelte, sie für sich selbst zu gewinnen.«
Aus den Augen des Priesters brach ein heißer Blick des Zornes, aber er erblaßte und sprach leise: »Ich sagte Euch, daß ich ein sündiger Mensch bin. Habe ich mit schweren Gedanken zu ringen, so wissen meine hohen Fürbitter, daß ich mich selbst mit strenger Buße strafe. Ihr aber sprecht nur wie ein böser Feind von den geheimen Sorgen einer frommen Seele, denn Ihr vermögt nichts von der heiligen Freude zu ahnen, die ein Lehrer haben darf über eine Schülerin, wie jene ist. Verständet Ihr die Kunst, in dem Gemüt anderer zu lesen, so würdet Ihr auch in meinem Herzen erkennen, daß ich ein treuer Diener meines Gottes bin und daß ich keine Schonung übe, wo ich Unglauben und Herrschaft des Teufels erkenne, sei der Sünder hoch oder niedrig, Landfahrerin oder Fürstin.«
»Ihr sprecht zu einer Nichte Eures weltlichen Herrn, des Kaisers«, versetzte Hedwig kalt, »und zu einer Frau, welcher der Heilige Vater selbst ihre Rechtgläubigkeit bereitwillig bestätigt hat. Und ich rate Euch, daß Ihr Euer menschenfreundliches Werk zu Rom beginnt unter den Großen der Kirche; denn man sagt, daß Hoffart, Geldgier und was Ihr als Sinnenlust und Werke des Teufels verfolgt, nirgend mehr in Blüte stehen als dort.«  (G. Freytag: Die Brüder vom deutschen Hause, Der Herrin Dank, S.564-567)
Freytags kritische Sicht auf den Beichtvater Elisabeths und den späteren Ketzerverfolger Konrad von Marburg spricht sich auch im weiteren Verlauf des Romans aus, nicht zuletzt darin, dass er den Mann, der ihn später tötet, als ehrenwert darstellt.

Konrad ruft später zum Kreuzzug auf. Ivo wird freilich nicht durch ihn, sondern durch Hermann von Salza und seine Herrin, die Landgräfin Elisabeth, dafür gewonnen, auf den Kreuzzug zu gehen.
Hermann überzeugt ihn unter anderem mit diesen Sätzen:
Soll Jerusalem wiedergewonnen werden und die Herrschaft der Christen dauern, so müssen sie alle einem starken Herrn dienen, der seine Macht nicht ihnen dankt, sondern der sie selbst zu schützen, zu bändigen und zu strafen vermag. Dieser Herr aber ist unser Kaiser Friedrich.  [...] Wenn wir jetzt in edler Schar über das Meer ziehen, so tun wir dies auch, um den Namen der Deutschen zu Ehren zu bringen und eine Herrschaft unseres Blutes über die Länder am Südmeere zu begründen. Das zu bewirken, ist das hohe Ziel meines Lebens. Darum bin ich vor Euch getreten mit hoher Mahnung, als Thüring, und als Meister einer Bruderschaft, welche sich vom deutschen Hause nennt. (G.Freytag: Die Brüder vom deutschen Hause. In harter Zeit, S.589)
Im Dienste Friedrichs II. wird Ivo in Palästina von anderen Christen überfallen und wird beim Versuch, den Sarazenen, der ihm von Friedrich anvertraut ist, zu schützen, schwer verletzt. Als er nach Deutschland zurückkommt, heiratet er die Bauerntochter Friderun und zieht mit seinem Gefolge und bäuerlichen Siedlern mit den Deutschordensrittern ins Preußenland. Diese Entscheidung bereut er nicht:
Auch die deutsche Saat, bei welcher Ivo tätig war, wurde zuweilen durch die Kriegsrosse der heidnischen Preußen niedergetreten. Es war ein harter Kampf, und es war ein sorgenreiches Wachstum, aber ihm erschien er als groß und als heilsam für alle, die er liebhatte. Wenn er mit seinem treuen Gesellen Lutz gegen die Feinde ritt oder wenn er im Rate der Ansiedler tagte, sooft er den alten Sibold gleich einem Ahnherrn zwischen der Kinderschar sitzen sah, welche in seinem Hause aufblühte, und immer wenn er das mutige und hochgesinnte Weib im Arme hielt, welches sich ihm in der Todesnot verlobt hatte, freute er sich des Tages, wo er ein Mitbruder des deutschen Hauses geworden war und aus einem thüringischen Edlen der Ivo, den sie den König nannten, ein Burgmann von Thorn.(G.Freytag: Die Brüder vom deutschen Hause. Schluss, S.722)

30 Juni 2009

Klepper: Der König und die Stillen im Land

Wie ein Deserteur Pardon erhält

Der Lieblingssohn Friedrich Wilelms I., August Wilhelm, etwa fünf Jahre alt, kommt beim Essen zum König und küsst und streichelt ihn, bis dieser ihn fragt, was er den wolle. "Lass doch den Langen Kerl, der weggelaufen ist, nicht anhängen." - Auf die zusätzlich Fürsprache zweier Generäle und des Leiters der Franckeschen Anstalten Freylinghausen lässt sich der König schließlich dazu überreden.
Am Vortag hatte August Wilhem den König auch schon umschmeichelt, sich aber trotz Einrede von Generälen nicht getraut, etwas zu sagen. Erst als die Königin ihm gedroht hatte, ihn mit der Rute schlagen zu lassen, hatte er es getan.

Königin, Kind und Geistlicher waren nötig für das Erreichen des Pardons. Und dem Kind musste die Rute angedroht werden.

Im übrigen wird Freylinghausen immer wieder gefragt, ob Jagd und Komödie erlaubt seien. Jagd, die Leidenschaft des Königs, Komödie, das Bedürfnis der Königin. Der Geistliche soll die Position der Ehepartner gegeneinander stärken.

Wenn der Soldatenkönig nicht anwesend ist, spricht die Königin Französisch und der 16jährige Kronprinz, der spätere Friedrich II., der in Anwesenheit der Königs stumm ist, geht aus sich heraus.

29 Juni 2009

Preußen

Unter Friedrich I. waren knapp 6000 km² an abgabepflichtigem Land den Behörden entgangen und nicht besteuert worden. (S.119) Ungenügende Vorratshaltung und der Ausbruch der Pest (vermutlich wegen Durchzug sächsischer, schwedischer und russischer Truppen) kosteten 250 000 Menschen, etwa ein Drittel der ostpreußischen Bevölkerung das Leben. (S.114) Daher forderte Friedrichs Sohn, der später als Soldatenkönig bekannt wurde, die Mitregierung und erhielt sie auch zugestanden. Freilich, die aufwändige Hofhaltung seines Vaters schaffte er erst nach dessen Tode ab.
Friedrich I. hatte allerdings geholfen, dass sein aufsässiger Sohn, der seine Lehrer schier zum Wahnsinn trieb, sich schon früh in Verwaltung eingearbeitet hatte. Schon mit 9 Jahren erhielt er sein Gut Wusterhausen zur eigenen Verwaltung. (S.114)
Doch so unterschiedlich die preußischen Herrscher von Anlage und Interessen auch waren, sie verstanden sich doch als Mitwirkende an einem generationenübergreifenden Projekt, wie Christopher Clark es beschreibt:
Wenn man die Geschichte der Dynastie der Hohenzollern nach dem Dreißigjährigen Krieg genauer betrachtet, dann stößt man auf einen Widerspruch. Einerseits ist von Generation zu Generation eine bemer­kenswerte Kontinuität der politischen Ziele zu beobachten. Zwischen 1640 und 1797 gab es keine einzige Regentschaft, in der keine Gebietsge­winne zu verzeichnen waren. Wie aus den politischen Testamenten des Großen Kurfürsten, Friedrichs L, Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs des Großen hervorgeht, sahen sich diese Landesherren als Teil eines generationenübergreifenden historischen Projekts, bei dem jeder Herr­scher die unerreichten Ziele seiner Vorgänger als seine eigenen betrach­tete. Daher die Kontinuität der Ziele, die der brandenburgischen Expan­sion zugrunde lag, daher das weit zurückreichende Gedächtnis dieser Dynastie, mit dessen Hilfe alte Ansprüche reaktiviert wurden, sobald die Zeit dafür reif war.
Im Widerspruch zu dieser scheinbar nahtlosen Kontinuität von einer Generation zur nächsten stand der immer wiederkehrende Konflikt zwi­schen Vater und Sohn.
(Ch. Clark: Preußen, 2007, S.130)

03 Februar 2009

Marschall Keith bei Hochkirch

Es gelingt Keith nicht, Friedrich davon zu überzeugen, dass die ausgewählte Stellung so schlecht ist, dass sie, koste es, was es wolle, verlassen werden muss. In einer der beiden schwersten Niederlagen Friedrichs II. findet Keith den Tod. Friedrich rechtfertigte sich später, es habe noch nicht genug Brot als Marschverpflegung gegeben. De Catts Darstellung seiner Gespräche mit Friedrich macht wahrscheinlich, dass dieser von den Nachrichten über den schlechten Gesundheitszustand seiner Schwester so niedergedrückt war, dass er die Mängel seiner Stellung nicht zu sehen im Stande war.

29 April 2008

Preußische Reformen

Eher "bescheidene Leistungen (S.393) sieht der australische Historiker, wenn er den Ruhm der Reformer im 19. Jahrhundert mir ihren Ergebnissen vergleicht. Im Grunde sei ihnen vor allem wirtschaftliche Deregulierung (S.395/6) gelungen, während bei dem Aufbau von Verfassungsstaaten die Süddeutschen weit erfolgreicher gewesen seien. Dennoch weiß er die Überwindung von Schwierigkeiten und insbesondere auch die Reform des Bildungswesens durch W. v. Humboldt zu schätzen. Den deutschen Zollverein sieht er nicht als wichtige Stufe zu einer wirtschaftlichen Vormachtstellung Preußens, ja er schreibt ihm nicht einmal einen wichtigen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung Preußens zu. Aber die preußischen Politiker hätten bei seiner Vorbereitung gelernt, in deutschen Kategorien zu denken und hätten die "moralische Autorität" Berlins gestärkt (S.454). Preußen habe schon deshalb keine energische Großmachtpolitik betreiben können, weil es nach den Erfahrungen von 1807 und 1812/13 ängstlich bemüht gewesen sei, kein Missfallen Russlands auszulösen.
(Clark: Preußen)

28 April 2008

Preußen - Iron Kingdom

Ein australischer Historiker mit Ausbildung in Cambridge, Christopher Clark, schreibt das neuste Standardwerk über Preußen. Er berichtet über Friedrichs II. schiefe Schlachtordnungen, das Überflügeln und Aufrollen, die ungewöhnliche Disziplin der Infanterie, die Umgruppierungen weit schneller als beim Gegner erlaubte, die Fähigkeit des Feldherrn, in äußerster Gefahr Ruhe zu bewahren, und die, Fehler einzugestehen.
Er bestreitet, dass Preußen den Sonderweg Deutschlands bestimmt habe und sieht nicht Preußen als den Grund für den Untergang Deutschlands, sondern Deutschland als Grund für den Untergang Preußens.
Er teilt mit Fontane die Ambivalenz in seiner Sicht auf Preußen, und sieht die Solidarität seiner Bewohner letztlich auf ihre Heimatprovinz gerichtet wie die Fontanes in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg".
Deutlich stellt er heraus die hervorragende Rolle, die Preußen in der Goebbelsschen Propaganda spielte, die die Nationalsozialisten als die neuen Preußen feierte. Den "Tag von Potsdam" in der Garnisonkirche vor den Särgen der preußischen Könige (in der Fontanes Armgard v. Barby Woldemar v. Stechlin heiraten will) sieht er als einen gekonnt gewählten Höhepunkt dieser Propaganda. Hindenburg als einen Machtpolitiker, der "nahezu jedes seiner Versprechen" brach (S.743), von 'systematischem Ungehorsam' (S.742) gegenüber seinem Kaiser "nährte Hindenburg bewusst den im ganzen Reich betriebenen Personenkult, der das Bild des unbesiegbaren germanischen Kriegers auf ihn projizierte und die Figur des Kaisers zusehends überschattete und marginalisiert." (S.742)
In der DDR beobachtet er beim Versuch, eine eigene DDR-Nationalität zu begründen, ein Sich-Berufen auf die Reformer von 1813 und nach der Auflösung der DDR-Bezirke das intensive Bemühen der Gemeinden, nicht als Bezirk und nicht als Kreis zusammenzubleiben, sondern zum alten Land zurückzukehren. "Am Ende war nur noch Brandenburg." (S.780)

17 September 2007

Preußen und König Friedrich II.

Der Lauf unserer Erzählung führt uns während der nächsten Kapitel von Hohen-Vietz und dem östlichen Teile des Oderbruchs an den westlichen Höhenzug desselben, zu dessen Füßen, heute wie damals, die historischen Dörfer dieser Gegenden gelegen sind, altadelige Güter, deren meist wendische Namen sich schon in unseren ältesten Urkunden finden. Hier saßen, um Wrietzen und Freienwalde herum, die Sparrs und Uchtenhagens, von denen noch jetzt die Lieder und Sagen erzählen, hier hatten zur Reformations- und Schwedenzeit die Barfus, die Pfuels, die Ihlows ihre Sitze, und hier, in den Tagen, die dem Siebenjährigen Kriege unmittelbar folgten, lebten die Lestwitz und Prittwitz freundnachbarlich beieinander; Prittwitz, der bei Kunersdorf den König, Lestwitz, der bei Torgau das Vaterland gerettet hatte. Oder wie es damals in einem Kurrentausdruck des wenigstens sprachlich französierten Hofes hieß: »Prittwitz a sauvé le roi, Lestwitz a sauvé l'état.«
(Fontane: Vor dem Sturm 18. Kapitel: Schloß Guse)