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29 Oktober 2014

Welt des Adels

[...] weiße Meubles mit goldnen Leisten standen umher, von Konsolen herab sahen die Büsten der großen Dichter. Heitre und doch ernsthafte italienische Landschaften füllten die Zwischenräume aus; auf einem runden Tische lagen rote vergoldete Bände. Der Advokat schlug einige derselben auf, und fand »Hermann und Dorothea«, »Tasso«, »Iphigenia«, Homer, die Gesänge unsres Schiller. Die Herzogin hatte dieses Zimmer vor kurzem erst einrichten lassen; man brachte dort den Abend zu, wenn es draußen zu schwül war, und genoß der Aussicht auf die neuen Anlagen, welche in stetiger Folge die Blüten jeder Jahreszeit spendeten. Alle Hausgenossen, welche zum Zirkel gehörten, besaßen den Schlüssel zu diesem Gemache, um nach Bequemlichkeit dort verweilen zu können. Er war eine geraume Zeit lang allein, und seine Empfindungen wurden immer trüber, je länger er diese gewölbten Marmorstirnen, diese Prospekte auf Felsen und Palmen, Himmel und Meer betrachtete, oder in die gelbrot glühenden Georginenbeete der holden Fürstin schaute. Der junge Mann hatte nichts von dem, was man heutzutage ästhetische Bildung nennt, aber er folgte einem natürlichen Gefühle. Seine erste Empfindung war stets, andre Menschen für edler und klüger zu halten als sich, und das Lied eines Dichters konnte ihn bis zu Tränen rühren. In diesem, der geistigen Erholung gewidmeten Orte, drängten sich ihm nun alle Anregungen der vergangnen Tage zusammen. Schon erblickte er hier, wo das Schöne gute Menschen beseligt hatte, ein ödes rechnendes Comptoir, schon sah er dort, draußen, quer über die armen Blumen, über den samtnen Rasen einen Weg für Karren und Schleifen zu irgendeiner trostlosen Fabrikhütte führen. Er kam sich selber hassenswürdig und niedrig vor, daß er zu solchem Beginnen die mithelfende Hand bieten wollte. Mit dem Buchstaben eines ungerechten Rechts den geheiligten Zustand so verehrungswerter Personen zu zerstören, es erschien ihm gemein und ruchlos. Aber was sollte er tun? Wie durfte er eine Treulosigkeit begehn, gegen welche sich alle seine Begriffe sträubten? Im heftigen Kampfe mit sich selbst ging er auf und nieder, und blickte bald diese bald jene Büste an, als fragte er die Helden des Gesangs um Rat in seiner Not. Denkverse standen mit goldnen Buchstaben unter jeder Konsole. Er las den Spruch unter Schillers Haupt:   Die Weltgeschichte ist das Weltgericht!   Und plötzlich kam ihm, wie durch innre Erleuchtung der Entschluß. »Ja«, rief er, »es gibt etwas Höheres, als die Form, und das ist der Gehalt. Über alle Worte und Satzungen hinaus liegen die Quellen des Wahren und Guten. Kein Kontrakt kann uns zu einer Schlechtigkeit verpflichten. Mein Machtgeber kennt den ganzen Stand der Sache, ausführlich will ich ihm melden, was ich hier verhandelt habe, aber dann rühre ich keine Feder mehr für ihn an!«

Immermann: Epigonen,  

Flämmchen

Flämmchens Fluchtgeschichte war einfach genug. Das Mädchen war die Tochter eines polnischen Offiziers, der, unter den Fahnen des Eroberers dienend, Mutter und Kind auf den Kriegszügen durch Deutschland mit sich umhergeführt hatte. Er blieb in einer großen Schlacht, bald nachher starb auch seine Geliebte, eine Spanierin, von Klima und Mangel aufgezehrt. Aus den Händen armer Leute empfing der Komödiant das elternlose Geschöpf. Er war ein gutmütiger Mensch und spielte schon damals edle Väter. Der Anblick des kleinen Wesens, dem die Augen wie Kohlen im Kopfe brannten, und welches aus seinen Lumpen so keck hervorsah, als sei es eine Prinzessin, rührte ihn. Er ließ das Kind sich abtreten, und beschloß, es zu seinem Gewerbe anzuführen. Indessen brachte ihm diese wohltätige Handlung keinen Segen, sondern nur Herzeleid. Fiametta, die lieber Flämmchen heißen wollte, war das eigensinnigste, widerspenstigste Ding, was polnisches und spanisches Blut, vereinigt erzeugen können. Die sogenannte Erziehung, welche ihr in jener Komödiantenwirtschaft zuteil wurde, fruchtete nichts, und unmöglich war es, sie zum Auftreten zu bewegen. Sie begreife nicht, sagte sie, wozu das dumme Zeug, wie sie das Schauspiel nannte, diene? der falsche Vater lüge ja den ganzen Tag über, warum er denn des Abends zu seinen Lügen die fremden Kleider anziehe?

Immermann: Epigonen, 

28 Oktober 2014

Wir sind Epigonen

Man muß noch zum Teil einer andern Periode angehört haben, um den Gegensatz der beiden Zeiten, deren jüngste die Revolution in ihrem Anfangspunkte bezeichnet, ganz empfinden zu können. Unsre Tagesschwätzer sehen mit großer Verachtung auf jenen Zustand Deutschlands, wie er gegen das letzte Viertel des vorigen Jahrhunderts sich gebildet hatte, und noch eine Reihe von Jahren nachwirkte, herab. Er kommt ihnen schal und dürftig vor; aber sie irren sich. Freilich wußten und trieben die Menschen damals nicht so vielerlei als jetzt; die Kreise, in denen sie sich bewegten, waren kleiner, aber man war mehr in seinem Kreise zu Hause, man trieb die Sache um der Sache willen, und, daß ich bei der Schutzrede für die Beschränkung mit einem recht beschränkten Sprüchlein argumentiere: der Schuster blieb bei seinem Leisten. 

Jetzt ist jedem Schuster der Leisten zu gering, woher es auch rührt, daß kein Schuh mehr uns bequem sitzen will. Wir sind, um in einem Worte das ganze Elend auszusprechen, Epigonen, und tragen an der Last, die jeder Erb-und Nachgeborenschaft anzukleben pflegt. Die große Bewegung im Reiche des Geistes, welche unsre Väter von ihren Hütten und Hüttchen aus unternahmen, hat uns eine Menge von Schätzen zugeführt, welche nun auf allen Markttischen ausliegen. Ohne sonderliche Anstrengung vermag auch die geringe Fähigkeit wenigstens die Scheidemünze jeder Kunst und Wissenschaft zu erwerben. Aber es geht mit geborgten Ideen, wie mit geborgtem Gelde, wie mit fremdem Gute leichtfertig wirtschaftet, wird immer ärmer. Aus dieser Bereitwilligkeit der himmlischen Göttin gegen jeden Dummkopf ist eine ganz eigentümliche Verderbnis des Worts entstanden. Man hat dieses Palladium der Menschheit, dieses Taufzeugnis unsres göttlichen Ursprungs, zur Lüge gemacht, man hat seine Jungfräulichkeit entehrt. Für den windigsten Schein, für die hohlsten Meinungen, für das leerste Herz findet man überall mit leichter Mühe die geistreichsten, gehaltvollsten, kräftigsten Redensarten. Das alte schlichte: Überzeugung, ist deshalb auch aus der Mode gekommen, und man beliebt, von Ansichten zu reden. Aber auch damit sagt man noch meistenteils eine Unwahrheit, denn in der Regel hat man nicht einmal die Dinge angesehn, von denen man redet, und womit beschäftigt zu sein, man vorgibt.«


Immermann: Die Epigonen, 2. Buch, 10. Kapitel
(Hervorhebungen von mir)

 Wir sind, um in einem Worte das ganze Elend auszusprechen, Epigonen


Will sagen: Wir sind keine Originalgenies wie die Stürmer und Dränger Goethe und Schiller, die dann zu den Klassikern wurden. 

Ohne sonderliche Anstrengung vermag auch die geringe Fähigkeit wenigstens die Scheidemünze jeder Kunst und Wissenschaft zu erwerben.

Will sagen: Das 19. Jahrhundert mit seiner Entwicklung von Germanistik, den verschiedenen Philologien, Geschichte ... hat nicht nur geniale Dilettanten wie Goethe, von Arnim und Brentano beim Sammeln von Liedern, Märchen, Sagen ... gesehen wie das Ende des 18. Jahrhunderts, sondern - nicht zuletzt aufgrund des Wirkens der Brüder Grimm (und ihrer heute weitgehend vergessenen Konkurrenten) - die Entwicklung von Geisteswissenschaften und wissenschaftlichem Positivismus, die ihre Erkenntnisse der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung stellten. 
Diese freilich sind nicht wirklich wertloses Kleingeld. Scheidemünze waren die ständigen Goethe- und Schillerzitate, mit denen den eigenen beschränkten Vorstellungen der Anschein von Größe gegeben werden sollte ("für das leerste Herz findet man überall mit leichter Mühe die geistreichsten, gehaltvollsten, kräftigsten Redensarten").

Immermann kritisiert sich damit selbst, freilich nicht ohne, den Sprecher dieser Kritik seines Zeitalters, den Gelehrten Wilhelmi, seiner eigenen ironischen Kritik zu unterwerfen. 


Freilich, irgendwie kommt uns die Aussage doch sehr aktuell vor:
"Ohne sonderliche Anstrengung vermag auch die geringe Fähigkeit wenigstens die Scheidemünze jeder Kunst und Wissenschaft zu erwerben."
Haben wir nicht schon hundertmal gehört und gelesen: "Heute erarbeitet sich niemand mehr etwas selbst. Alles wird nur noch gegoogelt oder aus der  Wikipedia abgeschrieben."


27 Oktober 2014

Krankheit als Glück

Eine bedeutende Krankheit kann bisweilen ein Glück sein. Unser Leben wird zur größeren Hälfte von Gewohnheiten, und nur zur kleineren von Freiheit und Entschluß genährt. Gewohnheiten aber sind meistens die Polster, welche die schwachen Seiten unsrer Natur sich unterlegen. Eine Krankheit unterbricht nun den einschläfernden Gang dieser Nachgiebigkeiten, und macht es dem Genesenden möglich, sich nicht bloß im körperlichen, sondern auch in einem höheren Sinne, wie neugeboren zu fühlen.

Immermann: Die Epigonen

26 Oktober 2014

Zitate aus Immermanns "Epigonen"

»Traurig für mich, wenn ich in Deutschland etwas wollte«, erwiderte sein Freund. »Als ob in unsrer mit Dünsten geschwängerten Atmosphäre ein Entschluß nur entstehn, geschweige denn ausgeführt werden könnte. Aber eben, weil ich nichts mehr will, tauge ich auch nirgend mehr hin, als nach Deutschland. Ich habe abgeschlossen mit dem Leben. Seit ich das getan, bin ich ruhig. Ich wünsche nichts, ich verlange nichts; die Zeit der Täuschungen ist für mich vorüber. [...]
O gäbe mir ein Gott die glückliche Dunkelheit, die hoffnungsreiche Nacht, statt des kalten Lichtes, welches Verstand und Erfahrung uns Spätlingen unwiderstehlich anzünden.«
Immermann: Die Epigonen
Nach der Erstlektüre 1994, einer Zweitlektüre 2011, finde ich gerade die Zeit, noch einmal in dies Buch hineinzusehen, dessen Titel lange den Literaturgeschichten die Möglichkeit gab, eine Reihe von Schriftstellern der Nach-Goethezeit unter einem einfachen Stichwort einzuordnen.

25 Juli 2011

Immermann: Epigonen

Immermanns Epigonen sind Goethes Wilhelm Meister nachgebildet, aber mit dem Thema des verfallenden Adels. Im romantischen Stil. Voll der rasendsten Unwahrscheinlichkeiten: Der positive Held Hermann läßt Flämmchen im Wald zurück. Kümmert sich, als er in den Ort gekommen ist, erst um alles andere, bevor er wieder an sie denkt. Sucht erst am nächsten Tag (oder noch später?) ihren Pflegevater auf, der sie angeblich verkuppeln will. Erzählt Lügengeschichten, um daraufhin einen Mann verdächtigen zu können, mit dem es darüber zum Duell kommt. Herzogin gibt für das Mädchen "eine Rolle Geldes", ohne sich weiter um ihr Geschick zu kümmern (dies ist evtl. realistisch). Jede Menge Verwandtschafts­verhältnisse durch uneheliche Kinder, Liebesnächte der Verwechslung. Flämmchen, die Mignon-Figur, und die Zigeunerin. Nachdem Hermann Wilhelmi in einem freimaurerisch-ähnlichen Bund geschworen hat, die Wahrheit zu sagen, geraten nicht nur beide in ein wüstes Trinkgelage (um der Parodie/Satire wohl erforderlich), sondern er fängt gleich seine nächste Unternehmung mit einer haltlosen Lüge an (er sei Lehramtskandidat Schmidt). Flämmchen entführt von einem Domherren, auf das Sorgloseste begünstigt durch den Arzt, der als äußerst rational geschildert wird, etc..
Von alten Papieren, Briefen und Tagebuchnotizen, die von Papageien ausgestreut, hinter alten Schränken verborgen, ungelesen von Nicht-eigentümern verwahrt (Herzogin mit Briefen Hermann betreffend) werden, ganz zu schweigen. Das schreckliche Ritterfest, natürlich als Parodie gemeint, aber doch, seltsam an Wilhelm Meisters Hamlet-Aufführung erinnernd, vom Helden gutwillig weiterorganisiert, ist zwar lustig, aber passt nicht zum Helden, macht Herzog und Herzogin mehr als zulässig zu Witzfiguren.

Und dennoch gefällt mir das Buch, weshalb?