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14 Mai 2023

Hanns-Josef Ortheil: Die Nacht des Don Juan

 Hanns-Josef Ortheil: Die Nacht des Don Juan. Luchterhand, München 2000


Ortheil kann schreiben, und das Buch eignet sich sicher als Mustertext an einer Schreibschule.

Ich habe mich gefragt, warum ich zu keiner Person ein Verhältnis gewonnen habe und an keiner Stelle des Bedürfnis hatte, eine Passage festzuhalten.
Ich denke, es ist die Figur Casanova, der alle der Charaktere des Romans beherrscht und wie Figuren auf der Bühne auftreten lässt, Ihnen aber kein Eigenleben gönnt, weil er alle besser kennt als sie sich selbst.
Er ist so aalglatt und ohne wirklich menschliche Erregung. Liebe ist für ihn eine Technik, die er besser beherrscht als alle anderen. Er spielt mit ihr wie auf einer Klaviatur, und so spielt er mit den Menschen.
Auch dem Erzähler traue ich kein menschliches Gefühl für die Personen, die er auftreten lässt, zu. Am abstoßendsten ist, wie er da Ponte in eine Falle laufen lässt, indem er Johanna als Lockvogel benutzt und Paul als Beschützer ihrer Tugend auftreten lässt, der aber falsche Indizien für etwas zu produzieren hat, was nicht geschehen ist.
So könnte eine böswillige Rezension lauten. 
Ich lasse es bei dieser Version, weil es mir schwer fällt, nach Vorzügen des Textes zu suchen.
Dabei las sich der Text ganz flüssig und unterhaltsam

15 Juni 2014

Ortheil: Die Berlinreise

Die Berlinreise schreibt ein knapp Dreizehnjähriger. Der literarische Anspruch ist hoch.
Mir legt sich der Vergleich mit Anne Franks "Tagebuch" nahe. Beide Male sehr genaue Beobachtung und das Bemühen, dem Leser Zusammenhänge zu erklären. Beide Autoren waren um 13 Jahre alt, als sie ihren Text begannen.
Freilich: Ortheil beschreibt eine kurze Reise. Am Ende der Reise ist er noch 12 Jahre. Anne Frank macht ein unfreiwilliges soziales Experiment in dauernder latenter Lebensgefahr durch, das ihre soziale Beobachtungsgabe weit über ihr Alter hinaus reifen lässt. Ihre Texte hat sie mit 14 oder 15 Jahren noch einmal überarbeitet.
In Ortheils Text geht mehr sprachliche Reflexion ein. Anne beschreibt intensive soziale Erfahrungen, die ihr viel zu verarbeiten geben.

Auch Ortheils Buch berührt ungemein sympathisch. Eindrucksvoll die Motive (vier unbekannte tote Brüder, empfindliche Mutter, fürsorglicher, zugewandter Vater), die erst spät in Ortheils literarischer Laufbahn intensiv aufgearbeitet werden. Aber wie!

Was die Bücher unterscheidet, ist,  dass Anne eine glückliche Kindheit hatte und dann ermordet wurde, während Ortheil eine schwierige Kindheit hatte und ihm sein Vater so half, dass er ein erfolgreicher Schriftsteller werden konnte.
Annes Schicksal wurde von vielen 100 000 Kindern und Jugendlichen geteilt. Ortheils Schicksal ist eine Ausnahme.  Anne steht für viele, denen man die Zukunft genommen hat, Ortheil hat ein Sonderschicksal und einen Vater, der durch schier unglaubliche Zuwendung zu einer sehr erfolgreichen Zukunft verholfen hat. Annes Tagebuch ist Weltliteratur. Ortheils Buch ist nicht so bedeutend, doch zeigt es einen Schriftsteller im Werden und ist so faszinierender als viele seiner späteren Werke. 

Doch genug des Vergleichs. Was ich über Annes Tagebuch zu sagen weiß, ist ohnehin bekannt. Was Ortheils Berlinreise so liebenswert macht, wird wohl am deutlichsten durch ein paar Zitate: 


Das Leben am Wasser An einem großen Wasser fühlt man sich freier als sonst, einfach nur, weil das große Wasser da ist. Das große Wasser verscheucht die ewigen kleinen Gedanken und das Drandenken an dies und das und sagt einem, dass man einmal still und ruhig werden soll. Man wird plötzlich ganz "spiegelglatt", ich meine im Innern. Und man atmet ganz ruhig und spürt die Luft vom vom Wasser her, wie sie das Gesicht kühlt und dafür sorgt, dass die Sonne sich einbrennen  kann in das Gesicht. (S.109/110)
Das Knistern von Ost-Berlin Ost-Berlin wird auf einen ahnungslosen Besucher aus dem Westen sehr fremd. Das besonders Fremde entsteht dadurch, dass man hinter vielen Dingen etwas Russisches vermutet. Das Russische im Deutschen und das Deutsche im Russischen führen zu einem Knistern, wie bei elektrischen Strom . Minus und Plus, Plus und Minus. Dadurch bekommt der ahnungslose Besucher aus dem Westen immer wieder kleine Stromschläge mit und zuckt zusammen. (S.143/144)
Wir frühstückten dann wieder ziemlich lange, und Papa in unterhielt sich mit Paul und Hanna (diesmal vor allem über den Osten), und ihrer Unterhaltung war eine richtig politische, so dass Papa sogar ein Zigarillo rauchte (was zu der politischen Unterhaltung sehr gut passte). [...] Ich habe zwei oder dreimal im Fernsehen die Sendung der Internationale Frühschoppen mit Werner Höfer gesehen. Diese Sendung ist auch eine richtig politische Unterhaltung, und zwar mit mehreren Journalisten aus verschiedenen Ländern. Werner Höfer leitet die Sendung und spricht immer einen anderen Journalisten an, und dann sagt der Journalist etwas nippt an seinem Glas und raucht eine Zigarette oder ein Zigarillo." (S.159/160)

28 April 2010

Entdecker und Erfinder

Johannes Catt ist stumm. Als er in der Schule scheitert, erklärt ihm sein Vater warum.

Seitdem lebt Johannes mit vier Brüdern. Vor allem einer hilft ihm gegen Mobbing-Atacken.

Walter Fornemann ist Entdecker. Er entdeckt den Klavierspieler Catt und er entdeckt den Schriftsteller Catt. Er übernimmt auch für beide die Promotion.

Doch zuvor muss Johannes sich finden und erfinden. Dazu verhilft ihm sein Vater.

Ganz stark ist der Stummfilmteil des Romans "Die Erfindung des Lebens" von Hanns-Josef Ortheil, der hier in seiner Buchvorstellung und hier, im Hörbuch, diesem Johannes seine Stimme leiht.

"Die Geschichte ist völlig autobiographisch [...] andererseits ist es ein Roman" meint Ortheil.
Er lehrt inzwischen Schreiben, hier nimmt er an einer Diskussion über das Schreiben eines Romanes teil.

Ich gönne den Roman vielen Lesern. - Noch bin ich freilich etwas unsicher in meinem Urteil über seinen zweiten Teil. Zu sehr scheint er mir Autobiographiefiktion. Und irgendwie lebt der erste Teil so sehr von seiner Authentiziät - die aus Ortheils Lebensgeschichte belegt ist, dass mir der nomalere, romanhafte Umgang mit dem Stoff, der in den Schnitten der beiden römischen Zeiten deutlich wird, schwächer erscheinen will.

Am Schluss des Romans gibt Marietta ein Konzert und bietet Johannes das Podium für sein großes Konzert, das ihm Jahrzehnte zuvor durch eine Sehnenscheidenentzündung vorenthalten wurde.
Ist mir das zu theatralisch?