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18 Juli 2026

Jason Stanley: Wie Faschismus funktioniert

 In der Studentenbewegung 1968 und auch gegenwärtig wurde und wird der Faschismusbegriff so inflationär verwendet, dass er seine inhaltliche Bedeutung verliert. Bei Stanley wird er auch ausgeweitet, aber doch bei der Bezeichnung "faschistische Politik", so beschrieben, dass er mir trennscharf verwendbar erscheint. Daher möchte ich schon bevor ich das Buch "Wie Faschismus funktioniert" gelesen habe, darauf hinweisen.

Dazu die KI Gemini:

"In seinem Buch „Wie Faschismus funktioniert“ (Original: How Fascism Works: The Politics of Us and Them, 2018) analysiert der US-amerikanische Philosoph Jason Stanley, wie rechtspopulistische und autoritäre Bewegungen demokratische Strukturen untergraben. Sein zentrales Argument ist, dass ein Land kein vollendeter faschistischer Staat sein muss, um unter faschistischer Politik zu leiden.

Stanley geht es nicht um historische Detailstudien zu Hitler oder Mussolini, sondern um eine Früherkennung von Taktiken, die das Denken einer Gesellschaft schleichend verändern und normalisieren. Das Fundament dieser Politik ist immer die strikte Aufteilung der Gesellschaft in ein „Wir“ gegen „Die“.

Das Buch ist entlang von zehn Säulen (Taktiken) strukturiert, die faschistische Bewegungen nutzen, um an die Macht zu gelangen und diese zu sichern:

Die 10 Säulen der faschistischen Politik

  1. Die mythische Vergangenheit (The Mythic Past)

    Faschistische Bewegungen glorifizieren eine rein erfundene oder stark idealisierte Vergangenheit, in der die eigene Nation angeblich rein, stark und erfolgreich war (z. B. Trumps „Make America Great Again“). Diese Vergangenheit dient als utopischer Maßstab, um die Gegenwart als „verdorben“ darzustellen.

  2. Propaganda (Propaganda)

    Hierbei wird die Sprache der Demokratie gekapert, um sie von innen heraus zu zerstören. Korrupte Absichten werden als hehre Ziele getarnt: Ein systematischer Abbau von Rechten wird beispielsweise als „Kampf für die Freiheit“ oder „Wiederherstellung der Ordnung“ inszeniert.

  3. Anti-Intellektualismus (Anti-Intellectual)

    Bildungseinrichtungen, Universitäten und Experten werden gezielt attackiert und als „ideologisierte Eliten“ delegitimiert. Wissenschaftliche Erkenntnisse (wie zum Klimawandel oder zu Gender-Studies) werden als politische Angriffe („Kulturmarxismus“) verunglimpft, um das Vertrauen in Fakten zu zerstören.

  4. Unwirklichkeit (Unreality)

    Fakten werden durch alternative Realitäten, Fake News und Verschwörungstheorien ersetzt. Wenn die Bürger keine gemeinsame, auf Fakten basierende Realität mehr teilen, bricht der vernünftige demokratische Diskurs zusammen. Macht entscheidet dann darüber, was als wahr gilt.

  5. Hierarchie (Hierarchy)

    Der Faschismus lehnt das demokratische Ideal der Gleichheit aller Menschen ab. Stattdessen wird eine vermeintlich „natürliche“ Hierarchie gepredigt, in der die eigene Gruppe (sei es durch Ethnie, Religion oder Kultur) biologisch oder historisch überlegen ist.

  6. Opferrolle (Victimhood)

    Obwohl die dominante Gruppe die Macht im Staat besitzt, inszeniert sie sich als das „wahre Opfer“. Gleichberechtigung von Minderheiten wird als „Unterdrückung“ oder „Rassismus gegen die Mehrheit“ umgedeutet. Man behauptet, die eigene Kultur stehe kurz vor der Auslöschung.

  7. Recht und Ordnung (Law and Order)

    Diese Rhetorik teilt die Welt in zwei Gruppen: das „von Natur aus gesetzestreue Wir“ und die „von Natur aus kriminellen Anderen“. Als kriminell gelten oft Minderheiten, politische Gegner oder Migranten. „Recht und Ordnung“ dient hier nicht der Gerechtigkeit, sondern der Unterdrückung der „Anderen“.

  8. Sexuelle Ängste (Sexual Anxiety)

    Faschistische Politik schürt die Angst, dass die Frauen und Kinder der Eigengruppe durch die (oft als triebhaft dargestellten) Fremden bedroht seien. Gleichzeitig wird das Patriarchat gestärkt: Die Rolle des Mannes als starker „Beschützer“ wird verabsolutiert, während Abweichungen von traditionellen Geschlechterrollen als Schwächung der Nation gelten.

  9. Sodom und Gomorrah (Appeals to the Heartland)

    Es wird eine Spaltung zwischen Stadt und Land heraufbeschworen. Das ländliche Leben wird als rein, fleißig, gläubig und als das „wahre Herz der Nation“ idealisiert. Städte hingegen werden als Orte der moralischen Dekadenz, Korruption und der Überfremdung gebrandmarkt.

  10. „Arbeit macht frei“ (Dismantling of Welfare)

    Der Titel dieses Kapitels spielt bewusst auf die zynische Parole an den Toren der Konzentrationslager an. Stanley beschreibt damit die Taktik, die eigene Gruppe als „hart arbeitend“ und Minderheiten oder Geflüchtete als „faul“ darzustellen, die das Sozialsystem ausnutzen. Dies dient dazu, die soziale Solidarität zu zerbrechen und den Sozialstaat abzubauen.

Stanleys Fazit und Warnung

Stanley betont, dass das Vorhandensein einzelner dieser Merkmale ein Land noch nicht in eine Diktatur verwandelt. Die eigentliche Gefahr liegt in der schleichenden Normalisierung. Wenn faschistische Rhetorik im alltäglichen politischen Diskurs akzeptiert wird, verschieben sich die Grenzen des Sagbaren.

Sein Buch ist ein Plädoyer für Wachsamkeit: Demokratien sterben heute oft nicht mehr durch einen plötzlichen Militärputsch, sondern dadurch, dass ihre Bürger Schritt für Schritt die Werkzeuge der Aufklärung, der Wahrheit und der Toleranz aufgeben."

Jürgen Kocka: Zur Kritik an der Ausweitung des Faschismusbegriffs:

https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/historiker-juergen-kocka-gegen-rechts-hilft-vor-allem-resilienz-93421078.html

Zugleich hat die Warnung vor rechtsextremer Politik dieselbe Stoßrichtung.

02 März 2026

Lektüreanregungen von J-P Martin nicht nur für Politiker

 https://jeanpol.wordpress.com/2026/03/02/warum-jean-pol-martin-meint-dass-politiker-diese-zwei-bucher-lesen-sollten/

  • Das Endorphin-Prinzip von Borwin Bandelow
  • Not the End of the World von Hannah Ritchie

Warum gerade diese beiden?


1. Weil Angst Demokratien destabilisieren kann

Nach Jean-Pol Martin unterschätzen viele Politiker, wie stark Angst das Denken verändert. Der Psychiater Borwin Bandelow beschreibt, wie unser Gehirn auf Unsicherheit reagiert. Wenn Menschen das Gefühl haben, keine Kontrolle mehr zu haben, geschieht etwas Vorhersehbares:

  • Denken wird einfacher, aber weniger differenziert.
  • Komplexität wird als Bedrohung erlebt.
  • Der Wunsch nach klaren, schnellen Lösungen wächst.
  • Polarisierung nimmt zu.

Für Martin ist das entscheidend: Eine Demokratie braucht Bürgerinnen und Bürger, die komplex denken können. Wenn politische Kommunikation jedoch dauerhaft Krisenrhetorik verstärkt, wenn Unsicherheit betont wird oder Entscheidungsprozesse undurchsichtig bleiben, entsteht Stress. Und Dauerstress schwächt die Fähigkeit zur sachlichen Urteilsbildung. Deshalb meint Martin: Politiker sollten verstehen, wie Angst wirkt – und wie man Stabilität erzeugt, statt Unruhe zu verstärken.


2. Weil verzerrte Weltbilder zu Fehlentscheidungen führen

Gleichzeitig betont Jean-Pol Martin: Angst ist nicht das einzige Problem. Auch falsche oder verzerrte Informationen sind gefährlich. Hannah Ritchie zeigt in Not the End of the World, dass viele globale Entwicklungen langfristig besser verlaufen, als öffentliche Debatten oft suggerieren:

  • Extreme Armut ist stark gesunken.
  • Die Lebenserwartung ist weltweit gestiegen.
  • Technologische Innovationen ermöglichen Fortschritte im Klimaschutz.

Probleme bleiben – aber die Welt ist nicht nur im Niedergang. Für Martin ist das zentral: Politik braucht belastbare Daten und realistische Einschätzungen. Wenn alles als Katastrophe erscheint, entstehen Panikreaktionen. Wenn Fortschritte ignoriert werden, sinkt Motivation. Wenn Fakten durch Ideologie ersetzt werden, verliert Politik ihre Orientierung.

05 Januar 2018

Gregor Gysi: Ein Leben ist zu wenig

Gregor Gysi: Ein Leben ist zu wenig, 2017

Rezensionen: 
Perlentaucher
ZEIT
Deutschlandfunk

"Langeweile ist die zurückeroberte Zeit. Du schaust um neun auf die Uhr, nach drei Stunden noch einmal - und es ist erst zehn nach neun." (S.58)

Gysi berichtet darüber, dass er im Arbeitszimmer von Schabowski gleichsam am "Katzentisch" ein neues Reisegesetz erarbeitet habe. Dies habe er Schabowski übergeben:

"An jenem Sonntag kündigte er an, meinen Entwurf abends in Wandlitz Egon Krenz zu übergeben. Telefonisch würde er mich über die weitere Verwendung meines Textes informieren. Tatsächlich, der Anruf kam, spät abends, Schabowski teilte mir mit, Egon Krenz habe sich für meine Arbeit nicht interessiert, veröffentlicht würde also der ursprüngliche Entwurf. Da waren sie wieder, die langsam mahlenden Mühlen, zwischen deren Steinen man sich selber zerreiben kann. Die DDR hatte gewiss viele Gegner, aber einer der kräftigsten, der im Wege stand, war das System selber.
Schade, dass es meinen Entwurf nicht mehr gibt, zumindest mich würde interessieren, was ich damals so geschrieben habe.

Von jenem Sommer und Herbst 1989 kann ich mit Fug und Recht sagen: im Grunde geschah beinahe jeden Tag etwas Neues in meinem Leben. Mein Bewegungsraum war bisher hauptsächlich der Gerichtssaal, war das vertraute Gespräch im Kollegen- und Mandantenkreis, nun aber wurde aus einer begrenzten eine ziemlich große Öffentlichkeit." (S. 263) [Hervorhebungen von Fontanefan]

"Die Öffentlichkeit wurde nun mein unmittelbares Arbeitsfeld. Öffentlichkeit inspiriert mich, sie fordert mich, sie hat meine Tätigkeit als Anwalt im Laufe der Jahre um weitere drei Berufsleben erweitert: Politiker, Autor, Moderator. Ich genieße diese Vielfalt, sie bewahrt mich vor langweiliger Einseitigkeit, sie entspricht meinem Naturell. Aber wie gesagt, was mir alles bevorstehen würde, ahnte ich anfangs keineswegs." (S. 280)

Zur Rede von Rudolf Bahro vor dem SED Parteitag: 

Er sagte zum Beispiel, auch die Sozialisten seien einer "welthistorischen Korruption" verfallen, einem "ökonomischen Materialismus und prinzipiellen Ökonomismus", den die SED offenbar weiter betreiben wollen. Er nannte das ein "Hase-und-Igel-Spiel, dieses Autorennen Trabi-Wirtschaft gegen Mercedes-Wirtschaft, bei dem unsere Wirtschaft auf der Strecke bleiben muss." Das war der Aufruf zur umfassenden Umkehr zu Abkehr vom kapitalistischen Wachstumswahn, und dann entwarf er das Bild einer wahrhaft grünen Landwirtschaft, sie sei zu "entindustrialisierten, entbetonieren, entspezialisieren. Das Dorf wird das Zusammengehörige wieder vereinen. Die Riesenflächen werden verschwinden, die schweren Maschinen auch. Es wird wieder Platz für Raine, Hecken, Büsche, Bäume, Teiche usw. sein." [...]
Die Rede ist für mich heute mehr denn je ein Beispiel für das schwierige Verhältnis von Pragmatismus und Utopie. Wann ist Zeit für den weit ausgreifenden Traum? Denn ein konsequenter Träumer war Rudolf Bahro. Er sprach auf jedem Parteitag das aus, was heute vielfach antikapitalistische Denken und Fühlen prägt. Er entwarf Zukunft, und das mit offener, radikaler Romantik, ohne Rücksicht auf die Zwänge der Realität, ohne Rücksicht darauf, was die Menschen gegenwärtig bewegte. (S. 285/86)


"Es waren Worte im Sinne dessen, was der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, einer der prägenden deutschen Publizisten, 2009 in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" fragte: Wieso bei der Mauereröffnung im Grenzgebiet nicht geschossen wurde. "Wenn die Antwort auch einkalkulieren muss, dass die Fußtruppen des Systems von der totalen Sinnlosigkeit staatlicher Gewalt durchdrungen waren, so bleibt als Faktum: weil Kranz es verboten hatte." Es sei noch immer nicht leicht die Geschichte  so zu erzählen, dass dem letzten, wochenbefristeten SED-Chef Gerechtigkeit schon heute wiederführe. Aber, so Schirrmacher, solange diese Geschichte nicht erzählt sei, "haben wir die wundersamen, beglückend and Ereignisse vom 9. November 1989 nicht verstanden". (S.334/35)

"Tolerierung darf im Kräftemessen der politischen Kräfte nur eine Ausnahme sein, sie schwächt den eigenen Charakter, sie schleift das eigene Profil. Entweder man übernimmt Verantwortung in der Regierung oder man übernimmt Verantwortung in der Opposition. Der Mittelweg jedoch das Dazwischen, das Bindeglied gewissermaßen zwischen Macht und Widerpart – das ist keine wirkliche Option außerhalb vorübergehender Lösungsnöte.
In all den Jahren meiner politischen Tätigkeit habe ich es nie mit der reinen Lehre gehalten. Demokratie ist Beteiligung. Sich unter keinen Bedingungen mit den politischen Gegner gemein zu machen, das mag sehr stolz gelingen, es kann aber auch verhängnisvolle, unfruchtbare Abkehr von der Realität bedeuten.
Wer nicht kompromissfähig ist, ist nicht demokratiefähig – wer allerdings zu viele Kompromisse schließt, gibt seinen Charakter auf. Den richtigen Weg dazwischen zu finden, dies macht den schwierigen Weg politischer Kunst aus. "(S. 439)


"Demokratie baut darauf, dass sich Unanfechtbarkeiten auflösen: Den Weg der Grünen ins Kompatible muss man heftig kritisieren, aber man darf ihn auch sehen als eine Erfahrung mit dem Gesetz des Demokratischen: Man wird verführt, eigene Positionen anderen Kräften auszusetzen – und verändert sich so auch selber. Nie einzig zum Guten, aber auch nie nur zum Schlechten
Frieden machen bedeutet nicht, keine demokratisch–sozialistische Gesellschaft anzustreben. Es schließt aber ein, was gerade uns oft schwer fällt: Frieden zu machen mit dem Menschen, wie er ist. Es geht nicht darum, diesen ewig alten Menschen zu ändern, sondern die Welt so in Balance zu halten, dass der Mensch althergebracht sein darf. Und dies friedlich und frei, gerecht, demokratisch und solidarisch." (S.453/54)


"Ende des Jahres 1997 entschloss ich mich, in der Justizvollzugsanstalt Saarbrücken den früheren Spion der DDR Rainer Rupp aufzusuchen. Warum? Diejenigen, die in der Bundesrepublik Deutschland für die DDR spioniert hatten, besaßen überhaupt keine Ansprechpartner mehr. Der Staat, dem sie gedient hatten, war untergegangen. Verurteilt wurden sie in dem Staat, gegen den sie gehandelt hatten. [...]
Diese Frage traf den Anwalt in mir, und so fuhr ich nach Saarbrücken. Bei Rainer Rupp kam noch hinzu: Er war Spion bei der NATO, das Gericht musste ihm im Urteil zugutehalten, die Sorgen der Sowjetunion vor einem Atomangriff der NATO real abgebaut zu haben. Denn er überzeugte seine Auftraggeber davon, dass die NATO keinen solchen Plan verfolge. Ihm glaubten sie, den offiziellen Beteuerungen der NATO nicht. Er arbeitete also nachgewiesenermaßen friedensfördernd.
Die zurecht viel diskutierte und auch kritisierte Friedenspreisrede 1996 in der Frankfurter Paulskirche hatte Martin Walser mit einem unvermittelten – von vielen Medien geflissentlich unterschlagenen – Gesuch geschlossen: "Jetzt sage ich nur noch: Ach, verehrter Herr Bundespräsident, lassen Sie doch Herrn Rainer Rupp gehen. Um des lieben Friedens willen." " (S.468/69)


Gysi schlug dem Präsidenten von Serbien vor, sich "an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu wenden; er könne den Sicherheitsrat erklären, die Situation in diesem Krisen- und Kriegsgebiet nicht mehr zu beherrschen und deshalb für Kosovo um eine Ordnungsmacht der UNO zu bitten. Eine Bitte ohne Vorgabe von Soldatenzahl, Bewaffnung und der Befugnisse. Nur eines müsse gewährleistet sein: keine Soldaten aus jenen Ländern die gerade Krieg gegen sein Land führten. [...]"
Er "hörte sich meinen Vorschlag an, auch meine kritische Einschätzung der Menschenrechtslage im Kosovo. Das Gespräch dauerte lange, aber er wirkte unzugänglich. Er war leider davon überzeugt, dass die NATO scheitere, wenn sie gegen seinen Willen im Kosovo einmarschierte. [...]" (S.478/79)
Die Medien schossen sich auf Gysi ein: "Obwohl nicht wirklich zu bestreiten war, dass dieser Krieg auf dem Balkan  völkerrechtswidrig geschah. Es hatte keinen Angriff von Jugoslawien gegen andere Staaten gegeben. Es existierte kein Beschluss des Sicherheitsrates der Organisation der Vereinten Nationen. Ein solcher Entscheid wäre am Veto Russlands geschaltet. Jelzin erklärte sogar, wenn das Völker recht bei Jugoslawien verletzt werde, gelte es auch nicht mehr für Russland. Auch der spätere russische Präsident 
Dmitri Medwedew  wies auf die Konsequenzen hin, die Russland ziehen werde, wenn einige EU-Staaten den Kosovo als unabhängigen Staat an erkannten. Eine dieser Konsequenzen war die spätere völkerrechtswidrige Vereinnahmung der Krim durch Russland.
Der Westen hatte so eindeutig über den Staatssozialismus gesiegt, dass er sich zu der gefährlichen Arroganz verstieg, das Völkerrecht, diesen wichtigen, friedensfördernden Ost-West-Ausgleich seit 1945, nicht mehr zu benötigen. Es gab den Osten nicht mehr. Man ignorierte das Völker recht – indem man es ungerührt selber verletzte. Immerhin war zu merken, wie wirkungslos rechtliche Regeln sind, wenn Starke kein Gegengewicht spüren. Um den Völkerrechtsbruch zu rechtfertigen, griff man mehr und mehr zu moralischen Anschuldigungen. (Seite 478-480)

"Ich habe beim Schreiben dieses Buchs versucht, möglichst persönlich zu werden, ohne privat zu sein." (S.573)

Gregor Gysi: Ein Leben ist zu wenig. Aufbau Verlag, Berlin 2017(Rezension in der ZEIT vom 7.12.17)