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12 August 2024

Bildung und Allgemeinbildung

Schwanitz' Buch Bildung  verdient eine Ehrenrettung, denn es verweist mit dem Untertitel "Alles, was man wissen muss"  auf Allgemeinwissen. Zwar braucht man in Zeiten des Internets vieles nicht mehr zu wissen, aber man braucht Grundlagenwissen, um einordnen zu können. Dafür bietet er etwas mehr, als man unbedingt braucht, aber er 

Aber er verweist im zweiten Teil seines Buches zu recht darauf, dass zu Bildung auch eine "Summe von Kenntnissen und Fähigkeiten" (S.395) gehört, andererseits freilich etwas so Komplexes beschreibt, dass es sich der Definition weitgehend entzieht. Darauf reagiert er, indem er Bildung als "soziales Spiel" (S.396) bezeichnet.
Wegen der aufgrund der Mathematisierung, der konsequent aufeinander aufbauenden Grundlagen und der großen Spezialisierung der Naturwissenschaften eignen sich diese nicht für dieses 'soziale Spiel', bei dem man nur Teilkenntnisse braucht und das meiste schon vergessen haben kann, wenn man nur ein paar Grundkenntnisse hat und die Spielregeln kennt. Insofern ist es sogar konsequent, wenn Schwanitz das naturwissenschaftliche Wissen ausklammert.

Was mir aber beim Hineinsehen rund 20 Jahre nach der Erstlektüre auffällt:
die anschauliche Darstellung, die immer wieder anklingen lässt, dass es nicht um eine präzise Wiedergabe von Zusammenhängen, sondern nur um Vorverständnis schaffende Veranschaulichung geht und die Erläuterung zur Wissenschaftsentwicklung nach Thomas S. Kuhn, die verdeutlicht, dass alles wissenschaftliche Wissen nur vorläufig ist und dass es nach Kuhn keinen Weg zu immer besserer Erkenntnis darstellt, sondern eine Entwicklung, die immer wieder von kleinen Revolutionen unterbrochen wird, nach denen vorherige Gewissheiten aufgrund eines Paradigmenwechsels aufgehoben sind.

Link zu einer Rezension 
Meine erste Vorstellung des Buches

Zur Ergänzung:
Nicht für das soziale Spiel, wohl aber als Grundlagenwissen zur Eiordnung braucht man freilich sehr wohl auch mehr naturwissenschaftliche Kenntnisse, als es das Feuilleton im Regelfall bietet. Deshalb hier der Verweis auf:
Ernst Peter Fischer: Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte (Rezension)
sieh auch:

Bei dieser Gelegenheit Maik Riecken zu Bildung (2013) als Inhalt und Struktur oder "Paket" und "Lager" :
"Ich mochte Geschichte als Schüler nie, bemerke aber, dass ich einzelne Wissenspakete jetzt in eine Verbindung bringen, d.h. Strukturen mit Hilfe vorhandener Inhalte aufbauen kann, von denen ich lange Zeit nicht wusste, wo ich sie im Lager hinstellen sollte. Die Pakete waren zur Schulzeit also vollkommen sinnfrei und haben irgendwo in einer Ecke des Lagers gestanden, wo sie verstaubt sind. Dass sie einmal wichtig werden würden, wusste ich damals nicht. Leider ist es schwer vorauszusehen, für welche Pakete das im Leben eines Menschen gelten wird. Daher beruht so etwas wie „Bildungskanon“ im Grunde auf einer breit gestreuten Spekulation."

Die im Anschluss an Maik Rieckens Blogbeitrag stattfindende Diskussion (unter dem Blogbeitrag zu finden) halte ich für ein schönes Beispiel dafür, wie viel Austausch 2013 noch über Blogeinträge möglich war.

27 Februar 2019

Zur Ehrenrettung von Schwanitz: Bildung. Alles, was man wissen muss

Man hat an Schwanitz' Buch kritisiert, dass es nicht über Bildung, sondern über Allgemeinbildung handele und damit einer verfälschenden Gleichsetzung Vorschub leiste und dass er bei seiner Darstellung die Naturwissenschaften ausklammerte.
Dies zugegeben, ist dagegen anzuführen, dass er mit dem Untertitel "Alles, was man wissen muss" erstens sein Unternehmen selbst ironisiert und gleichzeitig mit den Worten "alles" und "wissen" auf den eigentlichen Gegenstand Allgemeinwissen verweist.
Mehr noch, im zweiten Teil seines Buches, der freilich nur etwa ein Füftel des Textes ausmacht und den Schwanitz mit "Können" überschreibt, stellt er klar, dass Bildung zum einen eine "Summe von Kenntnissen und Fähigkeiten" (S.395) ist und zum anderen etwas so Komplexes beschreibt, dass es sich der Definition weitgehend entzieht. Dann geht er noch weiter, indem er Bildung als "soziales Spiel" (S.396) bezeichnet.
Dass im Zeichen von Internet und Smartphone manche seiner Aussagen über dies Spiel überholt sind, bedeutet nicht, dass seine Ausführungen nicht Verständnishilfen dafür böten, was heute als Allgemeinbildung verstanden wird.
Wegen der aufgrund der Mathematisierung, der konsequent aufeinander aufbauenden Grundlagen und der großen Spezialisierung der Naturwissenschaften eignen sich diese nicht für dies 'soziale Spiel', bei dem man nur Teilkenntnisse braucht und das meiste schon vergessen haben kann, wenn man nur ein paar Grundkenntnisse hat und die Spielregeln kennt. Insofern ist es konsequent, wenn Schwanitz das naturwissenschaftliche Wissen ausklammert.

Was mir aber beim Hineinsehen knapp 20 Jahre nach der Erstlektüre auffällt:
die anschauliche Darstellung, die immer wieder anklingen lässt, dass es nicht um eine präzise Wiedergabe von Zusammenhängen, sondern nur um Vorverständnis schaffende Veranschaulichung geht und die Erläuterung zur Wissenschaftsentwicklung nach Thomas S. Kuhn, die verdeutlicht, dass alles wissenschaftliche Wissen nur vorläufig ist und dass es nach Kuhn keinen Weg zu immer besserer Erkenntnis darstellt, sondern eine Entwicklung, die immer wieder von kleinen Revolutionen unterbrochen wird, nach denen vorherige Gewissheiten aufgrund eines Paradigmenwechsels aufgehoben sind.

Als ich vor kurzem feststellte, dass Teenager das Buch mit Vergnügen lesen können, war mir noch nicht klar, wie viel von meinen Kenntnissen über Wissenschaftsentwicklung und Philosophie darin veranschaulicht werden.
Wenn Schwanitz diese Kenntnisse Teenagern nahe bringen konnte, dann sollte dies Buch keinesfalls in Vergessenheit geraten.

Link zu einer Rezension 
Meine erste Vorstellung des Buches

Zur Ergänzung:
Ernst Peter Fischer: Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte (Rezension)
Bildungskanon
Bildung und Lernen

24 September 2017

Johnson: Jahrestage 19. September - Was Gesinde für Marie tut oder: Klassenschranken

19. September, 1967    Dienstag
Für dein Kind, Gesine Cresspahl, mußte es gleich ein privater Kindergarten sein, und es machte dir nichts aus, daß er veranstaltet wurde in einer Kirche, die Gott von einem Rockefeller zum Andenken an seine Mutter gestiftet war, in geräumigen, sauberen Klassenzimmern hoch über dem Riverside Park und dem Hudson, mit Erzieherinnen, denen es nicht an Lohn fehlte zur Geduld mit den Kindern des Mittelstands, Mrs. Jeuken, Mrs. Davidoff, die Marie glauben machten an eine Welt, in der Freundlichkeit und Mangel an Neid und Gehorsam sich auszahlen, dafür legtest du dich krumm mit anderthalb Monatsgehältern, und deine Entschuldigung war »sie soll es bequem haben beim Lernen der fremden Sprache«. Sollte dein Kind nicht Ansprüche lernen?

Die Briten haben den Sowjets ihren entlaufenen Physiker zurückgegeben. Jetzt sind beide Seiten noch darin einig, daß er ein kranker Mensch ist, und beide Mächte halten einander Mangel an Benehmen vor.

Dein Kind, Gesine Cresspahl, kam aber mit sechs Jahren immer noch nicht in eine städtische Schule, in einen der schäbigen Ziegelkästen, die stinken nach fiskalischem Geiz, in überfüllte Klassen, in denen die Kinder der Armen die Streite ihrer Eltern ausschlafen, in denen unterbezahlte Lehrer mehr auf die eigene Verteidigung bedacht sein müssen als auf den Unterricht, in eine Welt, in der Hieb gilt und Stich und Schlag. Gefielen dir nicht die zerbrochenen Bänke, die stinkenden Toiletten, die öden Zementhöfe hinter deftigem Maschendraht? Oder sollte das Kind nicht Lernen entbehren vor Streiks wie diesem seit sechs Tagen, der heute vier Fünftel der Lehrer von New York von den Schulen fernhält, in dem es nicht nur um ihre Gehälter geht sondern um neue Schulen, kleinere Klassen, disziplinarische Rechte gegen aufsässige Kinder? Sollte in einer Schule für Marie nicht die Polizei erscheinen und Abgesandte der farbigen Bevölkerung aus dem Gebäude prügeln? Gibt es für dich Kenntnisse, vor denen du dein Kind bewahren willst?

»Als Polizist Clarke mit verbundenem Kopf vom Flur heruntergeführt wurde, riefen einige der weiblichen Demonstranten: ›Hoffentlich wirst du sterben!‹«
[...]
Und dein Kind, Mrs. Cresspahl, geht zu den ärztlichen Untersuchungen nicht in eine städtische Klinik, muß nicht warten auf den verwanzten vergammelten Korridoren neben Blutenden, Bewußtlosen, Schwachsinnigen; dein Kind fährt zu einer Praxis an der Park Avenue, angemeldet wie eine Dame, begrüßt wie eine Freundin, ein Besuch fünfzehn Dollar, eine Blutzählung vierzig Dollar. Dein Kind kennt seinen Arzt bei Namen, schreibt ihm Briefe, wagt mit ihm zu telefonieren. Der Arzt deines Kindes hat seine extravaganten Zensuren nicht erworben an einer staatlichen Universität sondern an der von Harvard, und zu deinem Kind kommt der Arzt ins Haus. Wo gibt es das, ein Arzt in New York, jährlicher Umsatz über hunderttausend, kommt bei ein wenig Fieber ins Haus und beschließt die Behandlung mit einem uneiligen Gespräch, locker und müßig auf seinem Stuhl, nicht der freiberufliche Unternehmer, fast ein Freund bei privater Visite? Für dein Kind ist dir das Beste eben genug, Mrs. Cresspahl? Warum für dein Kind? Du hast auch Post, Gesine.

Liebe(r/s) Herr / Frau / Frl. Cresspahl
Ich bin plötzlich und kurzfristig zum aktiven Militärdienst einberufen worden. Bitte regeln Sie offenstehende Rechnungen mit meinem Rechtsvertreter. Seien Sie versichert, daß ich Sie benachrichtige, wenn ich zurückkomme …

Washington, 18. Sept. (AP)
Nach einer heutigen Mitteilung des Verteidigungsministeriums sind die folgenden Männer im Kampf in Viet Nam getötet worden: Leutnant William D. Huyler der Jüngere aus Short Hills, New Jersey; Fachsoldat 4. Grades Harald J. Canan aus Oceanside, Long Island; Gemeiner Laifeit Grier aus Brooklyn: von der Armee; Gefreiter James P. Braswell aus der Bronx und Gemeiner Robert C. Wallace aus Plattsburgh, New York: vom Marineinfanteriekorps. (19.9.1967)

01 Juli 2015

Erziehung und Bildung im oströmischen Reich

Eine gute Erziehung war das Ideal eines jeden Byzantiners. Apaideusia, Mangel an geistiger Vervollkommnung, galt als Mißgeschick und Nachteil, ja fast als Verbrechen. Ungebildete waren ständigen Spötteleien ausgesetzt [...]
Inhalte und Methoden der Erziehung blieben sich während der ganzen byzantinischen Geschichte ziemlich gleich. Das erste, worin ein etwa sechsjähriger Knabe unterrichtet wurde, war Grammatik, »um seine Sprache zu hellenisieren«. Darunter verstand man, außer Lesen und Schreiben sowie Grammatik und Syntax im heutigen Sinn des Wortes, die Kenntnis der Klassiker samt der dazugehörigen Kommentare, besonders Homers, dessen Werke jeder Schüler auswendig lernen mußte. Im 5. Jahrhundert erzählt Synesios, daß sein kleiner Neffe Homer aufsagen konnte (er lernte 50 Zeilen am Tag) [...]. So konnte jeder gebildete Byzantiner ein Homerzitat als solches erkennen: Anna Komnene schmückte ihre Alexiade mit sechsundsechzig Zitaten und fügte nur selten hinzu »wie Ho­mer sagt« — es war überflüssig. [...]
In den frühen Jahren des Imperiums erteilten wahrscheinlich Mönche den ersten Unterricht im Lesen; ziem­lich bald aber besuchte der Schüler eine Schule, in der er seine gesamte »weltliche« Bildung erhielt. Konstantin gründete eine Schule in der Stoa, Constantius verlegte sie ins Kapitol; Julianus Apostata erließ ein Gesetz, demzufolge keine Chri­sten an der Schule unterrichten durften, und auch nach Aufhebung des Verdikts scheinen die wichtigsten Lehrer im fünf­ten Jahrhundert heidnischen Glaubens gewesen zu sein. [...]
Alexios selbst stellte über alles andere Wissen
das Studium der Bibel, später erhielten unter den Komnenen die klassischen Fächer einen Vorrang, den sie in so deutlichem Maß noch nie besessen hatten. Dennoch läßt sich nur schwer etwas darüber sagen, welche Schichten der Gesellschaft vom Erziehungswesen noch erfaßt worden sind. Der mittellose Poet Prodromos studierte Grammatik, Rhetorik, Aristoteles und Platon, beklagt aber, daß der rauhe Ton der Märkte die elegante Rede vertrieben habe und die Armen keine Bibliothe­ken hätten, die sie benutzen könnten. Tatsächlich scheint das Nichtvorhandensein von Bibliotheken ständig zu Schwie­rigkeiten geführt zu haben, denn seit 476 existierte keine öffentliche Bibliothek mehr. Zwar besaßen Klöster und Kir­chen zumeist ihre Bibliothek, doch wenn die Bücher der Christodulos-Kirche in Patmos ein repräsentatives Bild für alle zeigen, standen darin vorwiegend theologische Werke: Von 330 Bänden waren 129 liturgischen und nur 15 weltlichen Inhalts. Ohne Zweifel gab es große Privatsammlungen, zu denen auch Studenten Zutritt erlangen konnten, ferner eine Vielzahl von Kopisten — meistens Laien, aber auch ein­zelne Mönche —, die Manuskripte abschrieben. Nicht um­sonst gehörten schöne Bücher zu den Exportgütern von Byzanz, aber sie waren teuer. [...]
1204 brachte die Plünderung der Hauptstadt die gesamte Organisation des Erziehungswesens zum Einsturz. Der Helle­nismus stand in vollster Blüte; Michael Choniates war eben nach Athen gegangen, erfüllt von dem Gedanken an die klas­sische Vergangenheit dieser Stadt, und der berühmte Kirchen­mann Eustathios von Thessalonike hatte vor kurzem erst seine Kommentare zu Pindar vollendet. Jetzt aber waren die Gelehrten in alle Winde zerstreut und finanziell mittellos, ihre Bücher in den lateinischen Flammen vernichtet. Doch die humanistische Gelehrsamkeit überlebte die Verwüstun­gen und fand bald ein neues Zentrum am exilierten Hof von Nikaia. [...] Trotz dieser wissenschaftsfreundlichen Hal­tung bei Hof existierte in Nikaia jedoch offensichtlich weder eine richtige Schule noch eine Universität, wohl auch deshalb nicht, weil die Regierung die erforderlichen Mittel nicht auf­bringen konnte. [...]
Ob es Bildungsstätten für Frauen gab, wissen wir nicht. Auf jeden Fall aber kennt die byzantinische Geschichte viele ge­lehrte Frauen, von der Professorin Hypatia oder Athenais, der Gemahlin Theodosios' II., die alle Wissenschaften stu­diert, Dichtungen verfaßt und Reden gehalten hatte, bis zu Kasia, der geistvollen Hymnendichterin, deren Schlagfertig­keit sie den Thron kostete, oder der großen Historikerin Anna Komnene und den übrigen gebildeten Prinzessinnen der Komnenen und Palaiologen. Ohne Zweifel gab es auch weibliche Doktoren, und die meisten Damen, mit denen die berühmten Briefschreiber korrespondierten, scheinen eine gute Erziehung genossen zu haben. Auf der anderen Seite wissen wir zum Beispiel, daß Psellos' Mutter keinerlei Unter­richt genossen hatte und diesen Nachteil bitter beklagte. Nir­gends in der byzantinischen Geschichte finden wir Mädchenschulen erwähnt. Aber es dürfte den Tatsachen ungefähr ent­sprechen, wenn wir sagen, daß die Mädchen der Oberschicht etwa die gleiche Erziehung genossen wie ihre Brüder; aller­dings wurden sie zuhause von Privatlehrern unterrichtet, während die Töchter der Mittelklassen gewöhnlich nichts lernten außer Lesen und Schreiben.
(Steven Runciman: Byzanz. Von der Gründung bis zum Fall, S.270-280)

06 März 2015

Stifter: Nachsommer - Bildungsprogramm

Das Bildungsprogramm des Freiherrn von Risach für Heinrich

Ihr solltet zu eurem Wesen eine breitere Grundlage legen. Wenn die Kräfte des allgemeinen Lebens zugleich in allen oder vielen Richtungen tätig sind, so wird der
Mensch, eben weil alle Kräfte wirksam sind, weit eher befriedigt und erfüllt, als wenn eine Kraft nach einer einzigen Richtung hinzielt. Das Wesen wird dann im Ganzen leichter gerundet und gefestet. Das Streben in einer Richtung legt dem Geiste eine Binde an, verhindert ihn, das Nebenliegende zu sehen und führt ihn in das Abenteuerliche. Später, wenn der Grund gelegt ist, muß der Mann sich wieder dem Einzigen zuwenden, wenn er irgendwie etwas Bedeutendes leisten soll. Er wird dann nicht mehr in das Einseitige verfallen. In der Jugend muß man sich allseitig üben, um als Mann gerade dann für das Einzelne tauglich zu sein. Ich sage nicht, daß man sich in das Tiefste des Lebens in allen Richtungen versenken müsse, wie zum Beispiele in allen Wissenschaften, wie ihr ja selber einmal angefangen habt, das wäre überwältigend oder tötend, ohne dabei möglich zu sein; sondern daß man das Leben, wie es uns überall umgibt, aufsuche, daß man seine Erscheinungen auf sich wirken lasse, damit sie Spuren einprägen, unmerklich und unbewußt, ohne daß man diese Erscheinungen der Wissenschaft unterwerfe. Darin, meine ich, besteht das natürliche Wissen des Geistes, zum Unterschiede von der absichtlichen Pflege desselben. Er wird nach und nach gerecht für die Vorkommnisse des Lebens. Ihr habt, scheint es mir, zu jung einen einzelnen Zug erfaßt, unterbrecht ihn ein wenig, ihr werdet ihn dann freier und großartiger wieder aufnehmen. Schaut auch die unbedeutenden, ja nichtigen Erscheinungen des Lebens an. [...]

(Stifter: Der Nachsommer

19 März 2011

Eine Powerpointpräsentation von Buchrücken das Bildungsideal der Zukunft?

In der Kindheit das "Klassikerregal" mit einer einheitlichen Aufmachung aller bedeutenderer Autoren von Klopstock bis - ja, wo hörte die auf? Einige Romantiker jedenfalls hatten eine andere Aufmachung, freilich auch die einheitlich. Alles ohne bibliographische Angaben, ohne Register. Und so lasen die Kinder nicht nur im dreibändigen Lexikon (das 20 oder 25-bändige stand für die Kinder zu weit oben, hatte auch nicht das Glanzpapier und die schönen Bilder), sondern auch in "den Klassikern", was sich gerade so ergab. Immer waren es - freilich unvollständige - Gesamtausgaben, nicht gesammelte Werke. Der Anspruch der Ausgaben war, was nicht drin ist, zählt nicht.
Bücher, immer vorhanden, immer bereit, aber nur nach und nach erschließbar. Mit Liebe dann erste eigene Bücher. Mein Lektüretagebuch nennt als erste Titel "Burri", ein Wildesel, "James Cook, der Weltumsegler", "Tom Sawyer".
In der Jugend dann ein vorläufiges Verstehen. Im Studium Fach- und Taschenbücher.

Jetzt ein Zeitungsartikel mit der Überschrift "Bühne für Bücher", Unterüberschrift: "Zeig deine Bildung [...] für die Präsentation seiner Sammlung gibt es viele Möglichkeiten".
Präsentation?! Eine Powerpointpräsentation von Buchrücken das Bildungsideal der Zukunft?
Bücher "sammeln" wie Zigarettenbildchen und Briefmarken?
"In der Privatbibliothek spiegelt sich [...] die eigene Biografie. Diese will gut dargestellt sein [...]."

Nun denn, dann habe ich aufgrund der verschiedenen Formathöhen von Büchern und Regalfächern ein unordentliches Leben geführt. - Wie ordentlich ist ein Klassikerregal. Alles, was man lesen muss, in einheitlichem Format, einheitlicher Aufmachung.
Aber natürlich, es gibt eine Lesebiografie, und die spiegelt sich auch in den Büchern, die man nicht hergeben will. Doch wie viel nicht prägende Zufälligkeiten gibt es daneben.