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24 Dezember 2017

Hermann Löns: Kartoffelfeuer

Wenn Ende September Kartoffelfeuer
Mit weißem Schleier bedecken das Land,
Dann denk' ich an manches, was ich als teuer
In meiner Erinnerung halte gebannt.

Verflossene Zeiten, verflogene Tage,
In rosigen Wolken die ganze Welt,
Als noch nicht das Leben die häßliche Frage
»Beruf und Brot?« an uns hatte gestellt.

O Hannes mit knallroten Spitzbubenhaaren,
O Wolf mit dem pechschwarzen Lockenkopf,
Ich selber, ein Nichtsnutz von dreizehnhalb Jahren,
Mit Kletten und Disteln im flachsblonden Schopf.

Barfüßig, barköpfig, zerrissene Hosen,
Am Knie schimmert durch die bräunliche Haut –
O herrliche Zeit, wo mit sorgenlosen
Blauaugen ich keck in die Stunden geschaut.

Kein Wasser zu tief, zu hoch keine Höhe,
Kein Apfel zu sauer, kein Vogel zu flink –
In unserm frechfrohen Raubkönigreiche,
Da wurde geknechtet, was mit uns nicht ging.

Die Katzenjagd stand bei uns mächtig in Blüte,
Es mieden die Hunde sehr schnell unsre Näh,
Dem Flurschützen war'n wir ein Dorn im Gemüte,
Dem Obstbaumbesitzer ein fressendes Weh.

Im Buchwald, am Seerand, da war eine Ecke,
Von Weiden umwuchert, von Dornen geschützt,
Wir brieten in sicherem Räuberverstecke
Uns dort die Kartoffeln, die wir uns stibitzt.

Wir rauchten getrocknete Walnußbaumblätter
Aus Pfeifen, geschnitzelt aus Ellernholz,
Und fühlten uns selig, wie Helden und Götter,
Wir Fürsten der Wildnis, verwegen und stolz.

Wir hauten uns auch, daß die Haare so flogen
Und blaubeulig wurden Kopf und Gesicht,
Und wurde dafür dann auch Wichse bezogen
Zu Haus' vom Papa, das genierte uns nicht.

Jetzt gehn wir geputzt nach der neuesten Mode
Mit schneeweißem Kragen und blitzblankem Hut,
Wir kommen vor Höflichkeit fast noch zu Tode
Und tuen getreu, was ein jedermann tut.

Du wirbelnder Rauch der Kartoffelfeuer,
Erinnrer an alte, verflossene Zeit,
Wie ist mir dein herber Geruch doch so teuer,
Du bleibst mir als Jugenderinnrung geweiht.

Wie der vier Jahre ältere Gerhart Hauptmann hat Hermann Löns (*1866) noch den harten Bruch zwischen freier Kindheit und den engen Konventionen der Kaiserzeit erlebt. 
Intensiv stehen vor ihm die Bilder, immer wieder zeugen Wörter von Nähe zur Natur, dann finden sich Anflüge von Kästnerscher Zivilisationskritik. 
Doch das streng eingehaltene Reimschema, die nur zu oft allein dem Reimzwang geschuldete Wortwahl, das nirgendwo leicht umspielte Metrum, das durch den Reim von Hosen auf  sorglósen ein unnatürliche Leiern erzwingt, das nicht wie etwa bei Heine zur ironischen Distanzierung verwendet wird, schließlich die pompöse Bezeichnung des Kartoffelfeuers als Erinnrer zeugen davon, dass der Dichter - trotz seines für einen Anfänger erstaunlich reichen Sprachschatzes - noch nicht seine eigene Sprache gefunden hat.
Zum Vergleich kann man die Verse des neun Jahre später geborenen Rilke heranziehen, der - freilich als er schon über drei Jahre älter war als Löns bei der Abfassung dieses Gedichts - in seinem Kindheitsgedicht schon ganz souverän schreibt:

Und durch das alles gehn im kleinen Kleid, 
ganz anders als die andern gehn und gingen -: 
O wunderliche Zeit, o Zeitverbringen, 
o Einsamkeit. 
[...]
Und stundenlang am großen grauen Teiche 
mit einem kleinen Segelschiff zu knien; 
es zu vergessen, weil noch andre, gleiche 
und schönere Segel durch die Ringe ziehn, 
und denken müssen an das kleine bleiche 
Gesicht, das sinkend aus dem Teiche schien -: 
O Kindheit, o entgleitende Vergleiche. 
Wohin? Wohin? 

1919 schreibt Friedrich Castelle bei der Herausgabe von dessen Jugendgedichten in der Sammlung "Junglaub":
"Das älteste, wenigstens mir bis jetzt bekannt gewordene Gedicht des jungen Löns ist das in dieser Sammlung auf Seite 50 veröffentlichte »Segelfahrt«. Es ist in der Apffelstaedtschen Handschrift datiert: »Deutsch-Krone 1884«. Hier ist Löns ganz der romantisch überschwängliche Junge, den seine Mitschüler den »springenden Hirsch« nannten, der Naturschwärmer, der die Moor- und Seengebiete um Deutsch-Krone leidenschaftlich durchstreifte und der die Erinnerungen an diese abenteuerlich-fremdländische Jugend bis zu seinem Mannesalter nicht vergessen hat.
Wie stark er dieses Land geliebt hat, sagt uns ein leider hier nicht veröffentlichtes Gedicht, eines der ersten, das September 1886 in Münster entstanden ist: »Heimatklänge«. Drei Klänge aus der Jugend liebt er: das Rauschen der dunklen Föhrenwälder, das Wellenklatschen vom See und das Lied aus Volksmund. In drei breiten Strophen rollt er dann die dunklen Schönheiten der westpreußischen Jugendheimat auf und schließt mit den wehmütigen, ahnungsvollen Worten:
»Du Wellenklang vom grünen See,
Du Lied aus Volksmund wild und weh,
Du Rauschen von dem dunklen Föhr:
Wer weiß, ob ich dich nochmals hör'!«
An der Schwelle des freien Studentenlebens steht diese echte, große Dichtung. Die in ihr angeschlagenen Töne klingen weiter durch die ganze erste Schaffenszeit, durch die Jahre 1886 bis 1890, die Löns zunächst als Zoologe und Naturwissenschaftler in Münster, dann als Mediziner in Greifswald und wiederum in Münster verbringt."

"Echte, große Dichtung" möchte ich die Reime von Föhr und hör sowie von See auf wild und weh nicht nennen. (Da spricht m.E. zu sehr der Ideologe Castelle, der sich später ganz in die nationalsozialistische Ideologie einreihte.) Aber beeindruckend ist, wie deutlich die Naturliebe des späteren Journalisten Löns aus seiner Kindheit und Jugend hervorgeht und wie weit seine Zivilisationskritik noch nicht von der reaktionären Haltung seines "Wehrwolf"-Romans entfernt ist. 

Hermann Löns hatte eine vielseitigere Begabung, als das übliche Bild von ihm erkennen lässt. 
(Dazu: Hermann Löns: Die Hunde beheulen den Tod des Herzogs. Der andere Löns, herausgegeben von Michael Schulte Düsseldorf 1981 und Thomas Dupke: Mythos Löns: Heimat, Volk und Natur im Werk von Hermann Löns, 1993)
Freilich, auch dass Löns nie ganz vom Alkoholismus loskam, gehört zum Bild des anderen Hermann Löns.
"Echte, große Dichtung"  finden wir im Werk Georg Büchners, der mit 24 Jahren starb, in dem Alter, in dem Löns noch ganz auf dem Wege war.  Allerdings halten den Vergleich mit Büchner auch weit bedeutendere Dichter als Hermann Löns nicht aus. 

Zu Löns sieh auch:

26 Oktober 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (Kap.2), Elternhaus

Zweites Kapitel 
"Mein Elternhaus hatte zwei Daseinsformen, die so voneinander verschieden waren wie voll und leer, Wärme und Kälte, Lärm und Stille, Leben und Tod. Damit ist nur das Gebäude, der Gasthof zur Preußischen Krone gemeint, der dem Verkehr nur im Sommer geöffnet war und im Winter geschlossen blieb. Ende April bezog ihn zunächst ein recht zahlreiches Personal: Köche, Küchenmädchen, Hausmamsell, sogenannte Schleußerinnen, Oberkellner, Kellner und einige Hausdiener. Dann füllten sich bald alle Zimmer mit Kurgästen. Für den Gasthof also war das die lebendige, der Winter die tote Zeit, für die Familie dagegen war der Sommer die tote, der Winter die lebendige. Vater und Mutter gehörten sommers der Öffentlichkeit, sie waren den Winter über Privatleute. Die zweite Daseinsform meines Geburtshauses verband sich am tiefsten mit meinem Wesen und prägte es in frühen, entscheidenden Zeiten aus. In dieser stillen, leeren Verfassung gehörte das Haus uns, im Sommer war es uns gänzlich entzogen und uns Kindern auch Vater und Mutter. Sie gehörten mit allem, in allem der Öffentlichkeit. [...]
Der durch Jahre vorausgeworfene Schatten des ersten Schultags verdichtete sich. Eines Tages nach Weihnachten sagte meine Mutter zu mir: »Wenn das Frühjahr kommt, mußt du in die Schule. Ein ernster Schritt, der getan werden muß. Du mußt einmal stillsitzen lernen. Und überhaupt mußt du lernen und lernen, weil auf andere Weise nur ein Taugenichts aus dir werden kann.« Also du mußt! du mußt! du mußt! Ich war sehr bestürzt, als mir diese Eröffnung gemacht wurde. Daß ich erst etwas werden solle, da ich doch etwas war, begriff ich nicht. [...]
Etwas auf andere Weise zu lernen als die, welche mir halb bewußt geläufig war, hatte ich weder Lust, noch fand ich es zweckmäßig. War ich doch durch und durch Energie und Heiterkeit. Ich beherrschte den Dialekt der Straße, so wie ich das Hochdeutsch der Eltern beherrschte. Erst heute weiß ich, welch eine gigantische Geistesleistung hierin beschlossen ist und daß sie, geschweige von einem Kinde, nicht zu ermessen ist. Spielend und ohne bewußt gelernt zu haben, hantierte ich mit allen Worten und Begriffen eines umfassenden Lexikons und der dazugehörigen Vorstellungswelt. Ob ich mich nicht wirklich vielleicht ohne Schule schneller, besser und reicher entwickelt hätte? Vielleicht aber war das Schlimmste ein Seelenschmerz, den ich empfand. Meine Eltern mußten doch wissen, was sie mir antaten. Ich hatte an ihre unendliche, uferlose Liebe geglaubt, und nun lieferten sie mich an etwas aus, ein Fremdes, das mir Grauen erzeugte. [...]
Nein, die Dorfschule mit dem alten, immer mißgelaunten Lehrer Brendel zerbrach mich nicht. Kaum wurde mir etwas von meinem Lebensraum und meiner Freiheit weggenommen und gar nichts von meiner Lebenslust."
Gerhart HauptmannDas Abenteuer meiner Jugend, 1937

22 Oktober 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (Kap.1), Kindheit

Gerhart Hauptmann wurde 1862 im niederschlesischen Obersalzbrunn geboren. Seine Eltern waren die Eheleute Robert (1824–1898) und Marie Hauptmann, geborene Straehler (1827–1906), die am Ort ein Hotel betrieben. Hauptmann hatte drei ältere Geschwister: Georg (1853–1899), Johanna (1856–1943) und Carl (1858–1921). In der Nachbarschaft war der junge Hauptmann als fabulierfreudig bekannt. Seinen Rufnamen Gerhard änderte er später in Gerhart.
Ab 1868 besuchte er die Dorfschule, ab dem 10. April 1874 die Realschule in Breslau, für die er nur knapp die Eignungsprüfung geschafft hatte. Hauptmann hatte Schwierigkeiten, sich in die neue Umgebung der Großstadt einzuleben; gemeinsam mit seinem Bruder Carl wohnte er zunächst in einer heruntergekommenen Schülerpension, ehe sie bei einem Pastor unterkamen. (Wikipedia: Gerhart Hauptmann)

Erstes Kapitel 
Anfang und Ende des Lebens, heißt es, sind dem Lebenden selbst in Dunkel gehüllt. Niemand kann sein geistiges Dasein vom Tage seiner Geburt datieren. So bin ich erst am Beginn meines zweiten Lebensjahres zum Bewußtsein erweckt worden und bewahre davon bis heute die Erinnerung. Ich konnte weder sitzen noch liegen, weil mein Rücken und mein Gesäß, wie man mir später erklärt hat, zerprügelt und zerschunden war. Mein eigener Gedanke und deutlicher Lichtblitz aber war: Was soll aus mir werden, wenn ich beim Sitzen und Liegen maßlose Schmerzen habe? Es ist meine Amme gewesen, die mich so mißhandelt hat. An die Prügelprozedur selbst habe ich jedoch keine Erinnerung. Schmerz also hat meinen Geist erweckt, Leiden mich zum Bewußtsein gebracht. [...]
Waisenkinder leben ohne Mütter, sie leben und entwickeln sich. Die Seeleneinheit, die mich mit meiner Mutter verband, machte mir das unbegreiflich. Durch das Herz meiner Mutter, durch ihre Liebe bin ich im Verlaufe des ersten Dezenniums erst sozusagen ausgetragen worden. [...]
Ich hatte am Dasein ununterbrochen leidenschaftliche Freude wie an einer über alle Begriffe herrlichen Festlichkeit. Ich sträubte mich, wenn ich sie abends durch den Schlaf unterbrechen sollte. Im Einschlafen packte mich Freude und Ungeduld in Gedanken an den kommenden Morgen. [...]
Der Befehl eines menschlichen Gottes war meines Vaters Gebot. Eine Mutter wird ihre Kleinen täglich viele Male vergeblich mit den Worten ermahnen: »Bettle nicht!« Die ersten Worte der Kleinsten sind: »Haben, haben!« Mein Vater aber wollte unbedingt vermieden sehen, daß unsere Begehrlichkeit etwa gar den Kurgästen zur Last fiele. Ich, ein besserer kleiner Adam, hielt mich mit bebendem Gehorsam an sein Bettelverbot. Eines Tages kam jedoch einem alten Kurgast, Ökonomierat Huhn, der Gedanke, mich mit einem Spielzeug zu beschenken, das ich mir selber beim Händler aussuchen sollte. Ich wählte einen herrlichen blauen Rollwagen mit Fässern darauf und vier Pferden davor, drückte das Riesengeschenk mit ausgebreiteten Armen an meine Brust und vermochte es kaum fortzuschleppen. Unterwegs nach Hause fiel mir des Vaters Verbot aufs Herz. Zwar gebettelt hatte ich nicht, aber man konnte es leicht voraussetzen, und schließlich sollten wir überhaupt von Fremden nichts annehmen. Bei dieser Erinnerung schrie ich sofort aus Leibeskräften, als ob mich das größte Unglück betroffen hätte. Eine solche tragikomische Mischung des Gefühls in der Brust eines Kindes ist vielleicht eine Seltenheit. Ungeheure Freude über den völlig märchenhaften Neubesitz ward von Entsetzen über den Bruch des Gehorsams überwogen. Ununterbrochen schreiend trat ich mit meinem Schatz ins Haus und vor meine verblüfften Eltern hin, die den scheinbaren Widersinn meines Betragens nicht durchschauen konnten. [...]
Eine Zeitlang teilte ich mit den Eltern das Schlafzimmer. Wenn ich, was vorkam, schlaflos lag und beim Scheine des Nachtlichtchens Vater und Mutter bewußtlos schnarchend in ihren Betten sah, waren sie mir wie atmende Leichname. Daß sie vom Tode wieder erwachen würden, ja daß ich sie wecken konnte, wußte ich. Aber ebenso war mir bekannt, daß man dies nicht darf, weil jemand, der weiterleben will, allnächtlich diesen Tod erleiden muß. Und so mußte ich denn das Gefühl einer grenzenlosen Verlassenheit auskosten.[...]
Uns Deutschen kann der volle Begriff eines Festes nur noch an diesem Feste klarwerden. Es erhebt sich aus unabsehbaren Tiefen der Vergangenheit, und seine lebendige, oberirdische Tradition wird von Generation auf Generation in der gleichen Empfängnis entgegengenommen. Die Freude dieses Festes war nicht die unmittelbare gesunde, irdische, sondern sie war eine mystische. Sie erhob sich in überirdischer Steigerung. Über ihr stand eine immergrüne Tanne, ein Nadelbaum, aus dessen Zweigen Kerzen emporwuchsen und ihn zu einer Pyramide von Flämmchen machten. Der Baum war gesunde Waldnatur, die Kerzen auf ihm und er als ihr Träger Mysterium. O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter! Du grünst nicht nur zur Sommerzeit, nein, auch im Winter, wenn es schneit. O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter! Welche widersinnige Einfalt beseelt dieses kleine Lied, und welche Tiefen des Entzückens werden durch es im Gemüt des Kindes ausgelöst. Geschenke, Gaben brachte wohl das ganze Jahr hie und da, aber sie waren nicht von dem Zauber berührt und erfüllt wie die Bescherung unterm Weihnachtsbaum. »Vom Himmel hoch, da komm' ich her.« Nicht die Eltern hatten uns mit Geschenken beglückt, sondern sie waren diesmal wirklich vom Himmel gekommen. Der Vater, die Mutter waren Treuhänder, die sie uns übermittelt hatten. Darum war die Freude, die Spannung zu Weihnachten übergroß, mitunter so groß, daß mein Organismus sich in der Folge durch eine kurze Krankheit wiederherstellen mußte. Trotzdem stellte man sogleich Berechnungen über das kommende Weihnachten an, über die Monate, Wochen, Tage, die man bis dahin noch zu bestehen hatte."
(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)

07 März 2016

Lisa Barendt: "Danziger Jahre"

Lisa Barendt: "Danziger Jahre" aus dem Verlag Frieling und Partner C. 1992, ISBN 3-89009-368-X 

Es ist die Autobiographie einer Arbeiterfrau aus Danzig, die Kindheit, Jugend und erste Ehejahre in Danzig erlebt hat. Aufgrund Kriegsgefangenschaft bis 1920 und ab 1923 beginnender Arbeitslosigkeit des Vaters ist die Familie lange sehr arm. Dann bekommt das Mädchen Kinderlähmung. Da sie aus sozialdemokratischen Kreisen stammt, hat ihre Verwandtschaft, nicht zuletzt ihr Geliebter und Ehemann einiges unter nationalsozialistischer Verfolgung zu leiden. Nach dem Einmarsch der Russen wird sie mehrmals von russischen Soldaten vergewaltigt und flieht dann mit ihren drei Kindern zunächst nach Mecklenburg und von dort nach Hamburg. 

In einer Rezension über

W. Gippert: Kindheit und Jugend in Danzig 1920 bis 1945

"Die erste Autobiografie behandelt Lisa Barendt, die 1916 im Arbeiterviertel Schidlitz-Stolzenberg geboren ist. Sie wird damit mitten im Ersten Weltkrieg geboren, der Vater befindet sich während ihrer Geburt in Russland. Der Wohnraum ist knapp, Kinderreichtum und -sterblichkeit prägen ihre Kindheit, die sich erst nach der Rückkehr des Vaters, 1920, verbessert. Das Umfeld, in dem Lisa Barendt aufwächst, ist ein sozialdemokratisches. Der Vater ist Mitglied in der SPD, und Themen wie Inflation oder Arbeitslosigkeit werden offen diskutiert. Lisa wird Mitglied in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), in der sie auch ihren zukünftigen Mann kennen lernt. Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus erlebt Lisa Barendt mit ihrer Familie und ihren Freunden nationalsozialistische Repressionen: Ihr Freund wird zusammengeschlagen, verhaftet, und in ihrem Elternhaus werden die Scheiben eingeschlagen. Lisa Barendt zieht sich ins Private zurück. Im Krieg muss sie ihre drei Kinder versorgen, während ihr Mann eingezogen wurde. Lisa Barendt hat ihre Lebensgeschichte unter dem Titel „Danziger Jahre. Aus dem Leben einer jungen Frau bis 1945/46“ im Alter von 68 Jahren verschriftlicht. In der Längsschnittstudie verzichtet Gippert nicht, historische Lücken aufzufüllen, während er die Biografien nachzeichnet. So erläutert er beispielsweise die SAJ, die bisher kaum erforscht wurde." (W. Gippert: Kindheit und Jugend in Danzig 1920 bis 1945, Essen 2005)

vgl. auch:


26 März 2014

Man muß mit seiner Zeit gehn

 Dr. Arnheim hatte den angemeldeten Besuch zweier leitenden Beamten seiner Firma erhalten und lange konferiert; im Salon lagen am Morgen, unaufgeräumt und des Sekretärs harrend, die Akten und Berechnungen umher. Arnheim mußte Beschlüsse fassen, die Delegaten sollten einen Nachmittagszug zur Rückkehr benützen, und er genoß heute wie immer solche Umstände, denn sie gewährleisteten unter allen Bedingungen eine gewisse Spannung. »In zehn Jahren« überlegte er »wird die Technik so weit sein, daß die Firma ihre eigenen Reiseflugzeuge hat; dann werde ich auch aus einer Sommerfrische im Himalaja meine Leute dirigieren können.« Da er seine Beschlüsse schon über Nacht gefaßt und sie bei Tageslicht nur noch einmal zu prüfen und gut zu heißen hatte, war er in diesem Augenblick frei; er hatte sich das Frühstück aufs Zimmer kommen lassen und gab sich bei der Morgenzigarre geistiger Entspannung hin, indem er nun der Zusammenkunft bei Diotima gedachte, die er am Abend vorher etwas vorzeitig hatte verlassen müssen. Es war diesmal eine höchst unterhaltsame Gesellschaft gewesen; sehr viele der Besucher unter dreißig, höchstens fünfunddreißig Jahre alt, fast noch Boheme, aber doch schon bekannt und von den Zeitungen zur Kenntnis genommen; nicht nur Einheimische, sondern auch Gäste aus aller Welt, die von der Kunde angezogen worden, daß in Kakanien eine Frau aus den höchsten Kreisen dem Geiste eine Gasse in die Welt bahne. [...]
Er schüttelte bloß den Kopf, wenn er sich an die Gespräche erinnerte, die er hatte anhören müssen; reichlich verrückt fand er sie, aber »man muß der Jugend nachgeben,« sagte er zu sich »man wird unmöglich, wenn man sie einfach ablehnt.« Er fühlte sich also, wenn man so sagen darf, ernsthaft belustigt davon, denn es war ein bißchen viel auf einmal gewesen. [...]
Was sie für famose Worte hatten! Das intellektuelle Temperament forderten sie. Den rapiden Denkstil, der der Welt an die Brust springt. Das zugespitzte Hirn des kosmischen Menschen. Was hatte er denn sonst noch gehört? Die Neugestaltung des Menschen auf Grund eines amerikanischen Weltarbeitsplans, durch das Medium der mechanisierten Kraft. Den Lyrismus, verbunden mit dem eindringlichsten Dramatismus des Lebens. Den Technismus; einen Geist, der des Zeitalters der Maschine würdig ist. Blériot – hatte einer ausgerufen – schwebe soeben über dem Ärmelkanal mit fünfzig Kilometern Stundengeschwindigkeit! Dieses Fünfzig-Kilometer-Gedicht müßte man schreiben und die ganze andere, mulmige Literatur auf den Mist schicken! [...]
Den Akzelerismus forderten sie, das ist die maximale Steigerung der Erlebensgeschwindigkeit auf Grund sportlicher Biomechanik und zirkusspringerischer Präzision! [...]
Aus der Frage, ob ein Kunstwerk oder die Not zehntausender Menschen wichtiger sei, wurde die Frage, ob zehntausend Kunstwerke die Not eines einzigen Menschen aufwiegen? Ganz robuste Künstler verlangten, daß der Künstler sich nicht so wichtig nehmen dürfe; fort mit seiner Selbstverherrlichung, er werde hungrig und sozial, war ihre Forderung! Das Leben sei das größte und einzige Kunstwerk, sagte jemand. Eine Kraftstimme warf ein: Nicht Kunst macht einig, sondern Hunger! [...]
Solche Gespräche haben einen eigentümlichen Gang, als ob man die Parteien mit verbundenen Augen in einem Vieleck aufstellte und mit einem Stock bewaffnet gerade vorgehen hieße; es ist ein wirres und ermüdendes Schauspiel ohne Logik. Aber ist es nicht ein Abbild des Ganges der Dinge im Großen: Auch der erfolgt nicht aus den Verboten und Gesetzen der Logik, denen höchstens die Wirksamkeit einer Polizei zukommt, sondern aus den ungeordneten Triebkräften des Geistes. [...]
Der General [General Stumm von Bordwehr], als der einzige Offizier, fühlte sich offenbar nicht ganz am Platze und beklagte sich über die Wandelbarkeit der öffentlichen Meinung, weil einige Ausführungen über die Heiligkeit des Menschenlebens Beifall fanden. »Ich verstehe diese Leute nicht«, mit solchen Worten hatte er sich an Arnheim gewandt und ihn, als einen international hervorragenden Geist um Aufklärung gebeten. »Ich verstehe nicht, warum diese neuen Leute mit solcher Unkenntnis von ›Blutgeneralen‹ sprechen? [...]
Der Feldwebel, wenn Sie mir dieses untergeordnete Beispiel gestatten, muß sich natürlich um das Wohlergehen jedes einzelnen Mannes in seiner Kompanie kümmern; der Stratege dagegen rechnet mit dem Menschentausend als kleinster Einheit und muß auch zehn solcher Einheiten auf einmal opfern können, wenn es ein höherer Zweck verlangt. Ich finde, daß es keine Logik hat, wenn man das in dem einen Fall einen Blutgeneral und in dem andern eine ewige Gesinnung nennt, und bitte Sie, es mir zu erklären, wenn das möglich ist!« [...]
Seine eigene Lage war in diesem Kreis auch keine ganz leichte gewesen. Er hatte trotz aller Geltung manche böse Bemerkung zu hören bekommen, als wäre sie gegen ihn selbst gerichtet, und was verdammt wurde, war oft nicht weniger als das, was er in seiner Jugend geliebt hatte, gerade so wie diese jungen Leute nun die Ideen ihrer Generation liebten. Er erlebte es als ein sehr eigentümliches Gefühl, man könnte es beinahe unheimlich nennen, von jungen Leuten geehrt zu werden, die im gleichen Atem eine Vergangenheit, an der er selbst heimlich beteiligt war, rücksichtslos verhöhnten; Arnheim verspürte dabei Elastizität, Verwandlungsfähigkeit, Unternehmungslust in sich, fast könnte man sagen, die kühne Rücksichtslosigkeit eines gut verborgenen schlechten Gewissens. Er überlegte blitzschnell, was ihn von dieser neuen Generation trennte. Die jungen Leute widersprachen einander in allem und jedem, eindeutig gemeinsam war ihnen nur, daß es der Objektivität, der geistigen Verantwortung, der ausgeglichenen Person zu Leibe ging [...]
Er bewunderte, wie Heine, einen Mann seiner eigenen Zeit bekämpfend, Erscheinungen da vorweggenommen hatte, die jetzt erst in vollem Ansehen standen, und es regte ihn zu eigenen Leistungen an, als er sich nun dem zweiten Vertreter großer deutscher idealistischer Gesinnung, dem Dichter des Generals zuwandte. Das war nach dem mageren der fette Geistesschlag. Sein feierlicher Idealismus entsprach jenen großen tiefen Blasinstrumenten in den Orchestern, welche in die Höhe gestellten Lokomotivkesseln gleichen und ein ungefüges Grunzen und Schollern hervorbringen. Sie decken mit einem Ton tausend Möglichkeiten zu. Sie pusten große Pakete voll der ewigen Gefühle aus. Wer in einer von diesen Arten in Versen zu blasen vermag, – dachte Arnheim nicht ganz ohne Bitterkeit – gilt bei uns heute für einen Dichter, im Unterschied vom Literaten. Warum also wirklich nicht gleich für einen General? Solche Leute stehen doch mit dem Tod auf bestem Fuß und brauchen beständig einige Tausend Verstorbener, um den Augenblick des Lebens mit Würde zu genießen. Aber da hatte jemand behauptet, daß sogar des Generals Hund, der in einer Rosennacht den Mond anheult, zur Rede gestellt, antworten könnte: Was wollt ihr, es ist ja doch der Mond, und es sind die ewigen Gefühle meiner Rasse; genau wie einer der Herrn, die dafür berühmt seien! Ja, er könnte eigens noch hinzufügen, daß sein Gefühl ohne Zweifel erlebnisstark sei, sein Ausdruck reich bewegt und doch so einfach, daß ihn das Publikum verstehe, und was seine Gedanken anlange, so treten sie wohl hinter sein Gefühl zurück, aber das entspreche ganz und gar den geltenden Forderungen und sei in der Literatur noch nie ein Hindernis gewesen. [...]
»Diese heraldischen Herrschaften, die sich nicht einmal selbst erhalten können,« dachte er »gehören im Grunde genommen in einen Naturschutzpark, gemeinsam mit den letzten Wisenten und Adlern!«
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Kapitel 89 

02 November 2012

Jugendliche Erfahrungen


Meier war kein Pedant, der von weiter nichts als von den Classikern wußte und wissen wollte; er, der in seiner Jugend ein begeisterter Anhänger Basedow's gewesen, schwärmte noch für eine Neugeburt der Menschheit durch Erziehung und Schule, er kannte jede neue Erscheinung der Literatur und interpretirte in der deutschen Stunde in Prima Lessing so gut wie Aeschylus und Sophokles. [...]
Ehe Karl zu seiner Mutter, Heinrich zu seinen Aeltern zurückkehrte, sollte ein großer Wunsch beider, der, eine größere Stadt zu sehen, Befriedigung finden. Eine solche Sehnsucht kennt unsere heutige Jugend nicht mehr, ein Knabe von vierzehn Jahren hat heutzutage in der Regel mehr von der Welt gesehen als damals ein Greis von achtzig Jahren.
(Heinrich Oppermann: Hundert Jahre,1. Buch 13. Kapitel)

Der Text ist um 1870 geschrieben.
In einer Weise mutet uns seltsam an, dass Lessing moderner als die Klassiker sein sollte, ist er doch ein Vorläufer der deutschen Klassik. (Damals dachte man bei Klassikern vornehmlich an antike Autoren.)
Und doch, wie vertraut ist uns die Erfahrung, dass Begeisterung für Literatur leichter geweckt werden kann, wenn sie an Zeitgenössischem ansetzt. (Lektüre von Schillers Tell in der 8. Klasse als "klassisches" Gegenbeispiel)

"ein Knabe von vierzehn Jahren hat heutzutage in der Regel mehr von der Welt gesehen"
Was haben 14-Jährige um 1870 schon gesehen?
Doch: wie viel Kenntnis unserer Welt haben Jugendliche von heute uns Älteren voraus? Wie selbstverständlich überspringen sie mit elektronischer Kommunikation die größten Entfernungen!

07 August 2007

Bündische Jugend

Wie weit 1927 von uns sprachlich entfernt ist, wird deutlich, wenn wir in Else Frobenius Darstellung der Jugendbewegung lesen: ich "habe versucht, als schlichter Chronist eine Geschichte der Jugendbewegung zu schreiben" und dann, wenn sie von der bündischen Jugend spricht, zu lesen: "Neues Seelentum wird geboren, das sich bündigen will in neuen Gemeinschaften, um in ihnen seine Werke zu schaffen." (S.280) "Die Vorstellung eines selbständigen deutschen Jugendlebens, das Form gewinnen soll, schreitet durch die Jugendbünde." (S.281)
Selbst wenn wie von Joachim Boeckh (im "Weißen Ritter") "eine unglaublich nüchterne Arbeit: die Politisierung der jungen Männer" gefordert wird, geschieht es mit Worten wie diesen: "Ich kann mir kein männlicheres und stolzeres Ziel für eine nicht von Idealismen und Lyrismen umnebelte Jungmannschaft vorstellen, als aus dem rohen Block unseres Staates mit unermüdlicher Hand ein gerundetes Werk herauszuschlagen" (S.285)
Zu Recht hat man bei einem Rückblick auf 100 Jahre Wandervogel von "Affinitäten zu einer rückwärtsgewandten Romantik von Volk und Heimat, Volksgenossenschaft und "blutsmäßiger" Bindung an die "Scholle" als eines Verblendungszusammenhangs, der kaum Widerstandskräfte gegen Ausgeburten wie den "germanischen Herrenmenschen" und eine auf ethnische "Säuberungen" zielende "Blut-und-Boden"-Politik enthalten konnte" gesprochen und dennoch oder gerade deswegen den Titel der Darstellung von Else Frobenius wieder aufgegriffen: "Mit uns zieht die neue Zeit"

29 Juli 2007

Harry Potter Band 7

Der siebte Band von Harry Potter lässt deutlicher als vorhergehende erkennen, welche Elemente der Erzählung für Kinderunterhaltung gedacht sind und welche den Entwicklungsroman enthalten.
Dabei bin ich aber überzeugt, dass Rowling sich nicht überwinden muss, die Kinderteile zu schreiben.
Die Aktionsszenen, Verfolgungsjagd, Entkommen, überraschende technische/zauberische Möglichkeiten machen gewiss auch ihr selbst Spaß. (Da ist James-Bond-Faszination für die kleinen und großen Jungen in uns wirksam.)
Schilderungen des Schullebens (im 7. Band der Hochzeit und ihrer Vorbereitungen) mit ihrer Entwicklung sozialer Konstellationen, dem Aufzeigen ungeliebter Zwänge und den verschiedenen Möglichkeiten, darauf zu reagieren, sind wohl für das Mädchen in uns.
Das Verhältnis zur Pflegefamilie, die nicht pflegt, die Unsicherheiten gegenüber der Aufgabe, von der man nur weiß, dass sie da ist, aber "keinen Peil hat", wie sie angegangen werden soll, das ist typische Konstellation für Pubertierende. So wie auch Freundschaften und Feindschaften, Spannungen innerhalb einer Freundschaft und die Probleme einer Dreierkonstellation wie die von Harry, Hermione und Ron.
Das Verhältnis von Gut und Böse. Das Böse in uns. Der Umgang mit dem Tod von Freunden und Verwandten und mit dem eigenen. Die Einsamkeit vor einer Aufgabe. Das sind die Probleme von Erwachsenen, damit freilich auch die von Jugendlichen, deren Hauptherausforderung nun einmal darin liegt, erwachsen zu werden.

Jugendbewegung

Das Buch von Else Frobenius [und Wikipedia] (Mit uns zieht die neue Zeit : eine Geschichte der deutschen Jugendbewegung, Berlin 1927) habe ich erst vor kurzem entdeckt. (Der Titel ist eine Zeile aus dem Lied "Wann wir schreiten Seit an Seit" von Hermann Claudius (1916). Einige Jahre war die Tonfolge dieser Zeile das Pausenzeichen des Deutschlandsenders*)
Im Unterschied zu anderen Büchern über die Jugendbewegung ist es einerseits um eine möglichst unparteiische, umfassende Darstellung der Bewegung bemüht, andererseits aber noch aus unmittelbarer Beziehung zur Jugendbewegung geprägt. So ist es in einer Sprache gehalten, die für uns Heutige starke Anklänge an die Zeit des Nationalsozialismus hat. Und mit Paul de Lagarde und Julius Langbehn werden außer Friedrich Nietzsche Personen als geistige Vorbilder genannt, die mit mehr oder weniger Recht auch als Vorbereiter der nationalsozialistischen Ideologie gesehen werden.
Anders steht es mit Ellen Key, von deren Buch "Jahrhundert des Kindes" Frobenius sagt, dass es "die Heiligkeit der Generationen predigt" (S.34).
Den Wandervogel sieht Frobenius als "Zeitphänomen", "Menschheitsphänomen" und "urdeutsches Phänomen" (S.45) sowie als "Weltanschauung" (S.92).
Für das Deutschland vor dem Krieg habe er eine höchst wichtige Verjüngung bedeutet. Die Situation bei der Gründung des Wandervogels sieht sie so: "Die Unterrichtsmethode in den Schulen beruht auf einer mechanischen Aneignung des Lehrstoffs, die das jugendliche Empfinden leer läßt und den Charakter nicht bildet." (S.31) Dies sei in Deutschland besonders schlimm, denn: "Deutschland ist das Land der alten Leute. Offiziere und Beamte gelangen erst mit 40 Jahren, also mit dem Alter, wo die Franzosen sich schon als Rentner zur Ruhe setzen zu einer Lebensstellung, die die Gründung einer Familie ermöglicht." (S.33)
(Anklänge an heutige Sehweisen von Schule und Altersstruktur Deutschlands sind wohl nicht rein zufällig. Das Verhältnis der Jugendlichen zum Wandergedanken, zur Natur und zu deutschem Liedgut ist freilich heute ein deutlich anderes als 1896. Die Unterscheidung von der vorhergehenden Generation läuft heute nicht auf dieser Schiene.)
Als Einführung in den Geist des Wandervogels, z.B. des Nerother Wandervogels, der sich auf Karl Fischer, den Gründer des ersten Wandervogels, beruft, scheint es mir gerade aufgrund seiner Sprache geeignet.

Die Deutschbaltin Else Frobenius begann 1908 als gut 30-Jährige in Berlin das Studium der Germanistik, fand mit 50 Verbindung zur zur Jugendbewegung, ihr Buch schrieb sie 1927, als sie noch in der Deutschen Volkspartei (DVP) engagiert war. 1933 trat sie - vom Führerprinzip überzeugt - der NSDAP bei und schrieb das Buch "Die Frau im Dritten Reich".
* Meine Erinnerung daran war sehr deutlich, aber Erinnerungen können täuschen. Offenbar hatte ein anderer Sender dies Pausenzeichen, und ich erinnere mich nur daran, dass das Lied in der DDR aufgegriffen worden war.

Gustav Wyneken
Knud Ahlborn
Avenarius
Freideutsche Jugend
Meißner