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23 Juni 2021

Charles Dickens: Oliver Twist

 "And what an excellent example of the power of dress young Oliver Twist was! Wrapped in the blanket which had hitherto formed his only covering, he might have been the child of a nobleman or a beggar;—it would have been hard for the haughtiest stranger to have fixed his station in society. But now that he was enveloped in the old calico robes, which had grown yellow in the same service, he was badged and ticketed, and fell into his place at once—a parish child—the orphan of a workhouse—the humble half-starved drudge—to be cuffed and buffeted through the world, despised by all, and pitied by none.

Oliver cried lustily. If he could have known that he was an orphan, left to the tender mercies of churchwardens and overseers, perhaps he would have cried the louder." (Chapter 1)

"Upon this, the parish authorities magnanimously and humanely resolved, that Oliver should be "farmed," or, in other words, that he should be despatched to a branch-workhouse some three miles off, where twenty or thirty other juvenile offenders against the poor-laws rolled about the floor all day, without the inconvenience of too much food or too much clothing, under the parental superintendence of an elderly female who received the culprits at and for the consideration of sevenpence-halfpenny per small head per week. Sevenpence-halfpenny's worth per week is a good round diet for a child; a great deal may be got for sevenpence-halfpenny—quite enough to overload its stomach, and make it uncomfortable. The elderly female was a woman of wisdom and experience; she knew what was good for children, and she had a very accurate perception of what was good for herself. So, she appropriated the greater part of the weekly stipend to her own use, and consigned the rising parochial generation to even a shorter allowance than was originally provided for them; thereby finding in the lowest depth a deeper still [...]

Oliver Twist's ninth birth-day found him a pale, thin child, somewhat diminutive in stature, and decidedly small in circumference. But nature or inheritance had implanted a good sturdy spirit in Oliver's breast: it had had plenty of room to expand, thanks to the spare diet of the establishment; and perhaps to this circumstance may be attributed his having any ninth birth-day at all. Be this as it may, however, it was his ninth birth-day; and he was keeping it in the coalcellar with a select party of two other young gentlemen, who, after participating with him in a sound threshing, had been locked up therein for atrociously presuming to be hungry"  (Chapter 2)

Oliver entgeht dem Schicksal, als "climbing boy" bei einem Schornsteinfeger angestellt zu werden.

  • Quelle: Wikipedia
  • The one on the left is in the correct climbing position, with right hand above, left in front, moving using back knees and feet.
  • The child on the left is jammed, knees up against the chin and will need to pulled out, or the chimney will need to be broken to retrieve the body.


"[...] "It's a nasty trade," said Mr. Limbkins when Gamfield had again stated his wish.

"Young boys have been smothered [erstickt] in chimneys before now," said another gentleman.

"That's acause they damped the straw afore they lit it in the chimbley to make 'em come down again," said Gamfield; "'that's all smoke, and no blaze; vereas smoke ain't o' no use at all in makin' a boy come down, for it only sinds him to sleep, and that's wot he likes. Boys is wery obstinit, and wery lazy, gen'lmen, and there's nothink like a good hot blaze to make 'em come down vith a run; it's humane too, gen'lmen, acause, even if they've stuck in the chimbley, roastin' their feet makes 'em struggle to hextricate [heraushexen] theirselves." [...]" (Chapter 3)


Als Noah Claypole, der ältere Lehrjunge des Sargmachers Olivers Mutter grob beleidigt, wird dieser so wütend, dass er auf Noah einschlägt. Als Oliver dafür eingesperrt wird und aufgrund falschen Zeugnisses von Noah selbst der Sargmacher, der ihm immer wohl wollte, ihn verprügelt (weil er unfähig ist, sich den Forderungen seiner Frau zu widersetzen) läuft Oliver fort.

Auf dem Weg kommt er in frühster Morgenstunde beim Armenhaus vorbei und trifft einen kleineren Jungen, mit dem er sich gut verstanden hat, und mit ihm macht Oliver eine Erfahrung, die er in seinem ganzen Leben noch nicht hatte:


"Kiss me," said the child, climbing up the low gate, and flinging his little arms round Oliver's neck. " Good-b'ye, dear! God bless you!"

The blessing was from a young child's lips, but it was the first that Oliver had ever heard invoked upon his head; and through all the struggles and sufferings, and troubles and changes of his after life, he never once forgot it." (Chapter 7)

18 Mai 2018

Jean-Paul Sartre: Die Wörter

"Ich wollte gefallen, und ich wollte Kulturbäder nehmen; jeder Tag begann mit neuer Heiligung. Sie wurde manchmal ziemlich nachlässig vorgenommen: es genügte, dass ich mich auf den Boden legte und die Seiten umblätterte; die Werke meiner kleinen Freunde dienten mir häufig als Gebetsmühlen. Gleichzeitig aber kam es vor, dass ich wirkliche Angst und Freude empfand. Dann vergaß ich meine Rolle und wurde plötzlich von dem riesigen Walfisch, der kein anderer war als die Welt, davongetragen. Bitte schließen Sie daraus, was sie wollen! Auf alle Fälle bearbeitete mein Blick die Wörter: man musste sie versuchen, ihren Sinn bestimmen; mit der Zeit wurde ich durch diese Kulturkomödie kultiviert.

Trotzdem las ich auch richtig: außerhalb des Sanktuariums, in unserem Zimmer oder unter dem Tisch im Esszimmer; von diesem richtigen Lesen redete ich zu niemand, und niemand, außer meiner Mutter, redete darüber mit mir. Anne-Marie hatte meine gespielten Leidenschaften ernst genommen. Sie wurde unruhig und sprach darüber mit ihrer Mutter. Meine Großmutter war eine zuverlässige Verbündete und sagte: "Charles ist unvernünftig. Er drängt den Kleinen, ich habe es gesehen. Wenn es so weitergeht, wird das Kind ganz austrocknen." Die beiden Frauen brachten auch die Überanstrengung und die Gefahr einer Gehirnhautentzündung ins Spiel. Es wäre gefährlich und müßig gewesen, meinen Großvater unmittelbar anzugreifen: sie versuchten es auf Umwegen. Bei einem unserer Spaziergänge blieb Anne-Marie wie zufällig vor dem Zeitungskiosk stehen, der sich auch heute noch an der Ecke des boulevard Saint-Michelle und der rue Soufflot befindet: ich sah wunderbare Bilder, war fasziniert von ihren schreienden Farben, wollte sie haben, bekam sie; der Streich war geglückt: nun verlangte ich jede Woche nach 'Cri-Cri' oder den 'Drei Pfadfindern' von Jean de la Hire oder nach der 'Weltreise im Aeroplan' von Arnould Galopin, von denen jeden Donnerstag Fortsetzungsheftchen zu erscheinen pflegten." (
Sartre: Die WörterS. 42-43)

Vermutlich habe ich den rororo Taschenbuchband, nach dem ich zitiere, in den Jahren 1965/1966 das erste und letzte Mal gelesen.
Ich erinnerte mich nur daran, dass Sarte beschrieb, dass er als kleines Kind - ganz von Büchern umgeben - in einer umfangreichen Bibliothek gelesen habe. Die merkwürdigen Umstände des gemeinsamen "Kinderzimmers" mit seiner verwitweten Mutter, die zerstrittene Ehe der Großeltern, die gegenüber seiner Mutter aber unangreifbare Autoritäten verkörperten, Sartrs Verwandtschaft mit Albert Schweitzer erinnerte ich nicht.
In den Band hatte ich einen Zeitungsartikel der FAZ vom 8.1.1977 mit dem Anfang von Sartres psychoanalytisch Flaubert deutenden Biografie  (L'idiot de la famille) eingelegt.
Vermutlich hat Sartre besonders angesprochen, dass Flaubert angeblich erst sehr spät lesen gelernt hat, während er schon sehr früh Corneille und Flaubert gelesen hat, wenn auch ohne jedes literarische Verständnis, so doch mit großer Faszination von dem Bücherkult.
Sartre zitiert einen Brief des neunjährigen Flaubert an seinen Freund, Ernest Chevalier, in dem er schreibt, er werde ihm "von meinen Komödien schicken" und ihm anbietet, eine Autorengemeinschaft zu gründen.  - Die ganz unterschiedlichen Motivationen, die Kinder im Grundschulalter dazu motivieren, im Sinne des Schriftstellerns zu "schreiben".

Bemerkenswert die Parallelität der Faszination durch Wörter bei Sartre und Ulla Hahn, ohne dass diese (meiner Beobachtung nach) die geringste Anspielung auf Sartre macht, trotz ihrer Liebe zu literarischen Bezügen.   (vgl. Hahn: Das verborgene Wort und Rätsel)

30 April 2018

Fontane über seine Kindheit


Der Text ist diktiert, deshalb neue Rechtschreibung und nur die wichtigsten Namen (u.ä.) korrigiert:

"Wenn ich gefragt werde, welchem Lehrer ich mich so recht eigentlich zu Dank verpflichtet fühle, so würde ich antworten müssen: meinem Vater, meinem Vater, der sozusagen gar nichts wusste, mich aber mit dem aus Zeitungen und Journalen aufgepickten und über alle möglichen Themata sich verbreitenden Anekdotenreichtum unendlich viel mehr unterstützt hat als alle meine Gymnasial- und Realschullehrer zusammen genommen. Was die mir geboten, auch wenn es gut war, ist so ziemlich wieder von mir abgefallen; die Geschichten von Ney und Rapp aber sind mir bis diese Stunde geblieben." (in: Kindheiten, dtv 1459, S.77)

Ein Beispiel für die Lernmethode des Vaters von Fontane:
"Am liebsten jedoch fing er gleich mit dem Historischen an oder doch mit dem, was im Historie schien. Ich muss dabei noch einmal, aber nun wirklich zum letzten Male, seiner ausgesprochenen Vorliebe für alle Ereignisse samt den dazugehörigen Personen, die zwischen der Belagerung von Toulon und der Gefangenschaft auf Sankt Helena lagen, Erwähnung tun. Auf diese Personen und Dinge griff er immer wieder zurück. Seine Lieblinge habe ich schon in einem früheren Kapitel genannt, oben an Ney und Lannes, aber einen der seinen Herzen vielleicht noch näher stand, hab ich doch bei jener ersten Aufzählung zu nennen vergessen, und dieser eine war Latour d'Auvergne, von dem er mir schon in unseren Ruppiner Tagen allerlei Geschichten erzählt hatte. Das wiederholte sich jetzt. Latour d'Auvergne, so hieß es in diesen seinen Erzählungen, habe den Titel geführt: Licht brennen Grenadier gefranzt [le premier grenadier de France] oder erster Grenadier von Frankreich, als welcher er, trotzdem er gerade Generalsrang gehabt, immer in Reih und Glied, und zwar unmittelbar neben dem rechten Flügelmann der alten Garde gestanden habe. Als er dann aber in dem Treffen bei Neuburg gefallen sei, habe Napoleon angeordnet, dass das Herz des ersten Grenadiers in eine Urne getan und bei der Truppe mitgeführt, sein Name Latour d'Auvergne aber bei jedem Appell immer aufs Neue mit aufgerufen werde, wobei dann der jedesmaliger Flügelmann Order gehabt habe, statt des ersten Kanadiers zu antworten und Auskunft zu geben, wo er sei. Das war ungefähr das, was ich von meinem Vater her längst auswendig wusste; seine Vorliebe für diese Gestalt aber war so groß, dass er wenn’s irgend ging, immer wieder auf diese zurückkam und dieselben Fragen tat. Oder richtiger noch, immer wieder dieselbe Szene inszenierte." (
in: Kindheiten, dtv 1459, S.76)
Diese Szene spielten sie dann so, dass der Vater vom Sofa aufstand und die Rolle des Flügelmanns spielte, während das Kind Theodor "die Rolle des appellabnehmenden Offiziers spielte".

Hebbel über die Kindheit

"Das Kind hat eine Periode, und sie dauert ziemlich lange, wo es die ganze Welt von seinen Eltern, wenigstens von dem immer etwas geheimnisvoll im Hintergrund stehenbleibenden Vater abhängig glaubt und wo es sie ebenso gut um schönes Wetter wie um ein Spielzeug bitten könnte. Diese Periode nimmt natürlich ein Ende, wenn es zu seinem Erstaunen die Erfahrung macht, daß Dinge geschehen, welche den Eltern so unwillkommen sind wie ihm selbst die Schläge, und mit ihr entweicht ein großer Teil des mystischen Zaubers, der das heilige Haupt der Erzeuger umschließt, ja es beginnt erst, wenn sie vorüber ist, die eigentliche menschliche Selbstständigkeit. (in: Kindheiten, dtv 1459, Seite 64) 

"Schon in der Kleinkinderschule finden sich alle Elemente beisammen, die der reifere Mensch in potenzierterem Maße später in der Welt antrifft. Die Brutalität, die Hinterlist, die gemeine Klugheit, die Heuchelei, alles ist vertreten, und ein reines Gemüt steht immer so da wie Adam und Eva auf dem Bilde unter den wilden Tieren. Wieviel hiervon der Natur, wieviel der ersten Erziehung oder vielmehr der Verwahrlosung von Haus aus beizumessen ist, bleibe hier unentschieden: Die Tatsache unterliegt keinen Zweifel. Das war auch in Wesselburen der Fall." (in: Kindheiten, dtv 1459, Seite 66)



Mehr zu Kindheit

24 Dezember 2017

Hermann Löns: Kartoffelfeuer

Wenn Ende September Kartoffelfeuer
Mit weißem Schleier bedecken das Land,
Dann denk' ich an manches, was ich als teuer
In meiner Erinnerung halte gebannt.

Verflossene Zeiten, verflogene Tage,
In rosigen Wolken die ganze Welt,
Als noch nicht das Leben die häßliche Frage
»Beruf und Brot?« an uns hatte gestellt.

O Hannes mit knallroten Spitzbubenhaaren,
O Wolf mit dem pechschwarzen Lockenkopf,
Ich selber, ein Nichtsnutz von dreizehnhalb Jahren,
Mit Kletten und Disteln im flachsblonden Schopf.

Barfüßig, barköpfig, zerrissene Hosen,
Am Knie schimmert durch die bräunliche Haut –
O herrliche Zeit, wo mit sorgenlosen
Blauaugen ich keck in die Stunden geschaut.

Kein Wasser zu tief, zu hoch keine Höhe,
Kein Apfel zu sauer, kein Vogel zu flink –
In unserm frechfrohen Raubkönigreiche,
Da wurde geknechtet, was mit uns nicht ging.

Die Katzenjagd stand bei uns mächtig in Blüte,
Es mieden die Hunde sehr schnell unsre Näh,
Dem Flurschützen war'n wir ein Dorn im Gemüte,
Dem Obstbaumbesitzer ein fressendes Weh.

Im Buchwald, am Seerand, da war eine Ecke,
Von Weiden umwuchert, von Dornen geschützt,
Wir brieten in sicherem Räuberverstecke
Uns dort die Kartoffeln, die wir uns stibitzt.

Wir rauchten getrocknete Walnußbaumblätter
Aus Pfeifen, geschnitzelt aus Ellernholz,
Und fühlten uns selig, wie Helden und Götter,
Wir Fürsten der Wildnis, verwegen und stolz.

Wir hauten uns auch, daß die Haare so flogen
Und blaubeulig wurden Kopf und Gesicht,
Und wurde dafür dann auch Wichse bezogen
Zu Haus' vom Papa, das genierte uns nicht.

Jetzt gehn wir geputzt nach der neuesten Mode
Mit schneeweißem Kragen und blitzblankem Hut,
Wir kommen vor Höflichkeit fast noch zu Tode
Und tuen getreu, was ein jedermann tut.

Du wirbelnder Rauch der Kartoffelfeuer,
Erinnrer an alte, verflossene Zeit,
Wie ist mir dein herber Geruch doch so teuer,
Du bleibst mir als Jugenderinnrung geweiht.

Wie der vier Jahre ältere Gerhart Hauptmann hat Hermann Löns (*1866) noch den harten Bruch zwischen freier Kindheit und den engen Konventionen der Kaiserzeit erlebt. 
Intensiv stehen vor ihm die Bilder, immer wieder zeugen Wörter von Nähe zur Natur, dann finden sich Anflüge von Kästnerscher Zivilisationskritik. 
Doch das streng eingehaltene Reimschema, die nur zu oft allein dem Reimzwang geschuldete Wortwahl, das nirgendwo leicht umspielte Metrum, das durch den Reim von Hosen auf  sorglósen ein unnatürliche Leiern erzwingt, das nicht wie etwa bei Heine zur ironischen Distanzierung verwendet wird, schließlich die pompöse Bezeichnung des Kartoffelfeuers als Erinnrer zeugen davon, dass der Dichter - trotz seines für einen Anfänger erstaunlich reichen Sprachschatzes - noch nicht seine eigene Sprache gefunden hat.
Zum Vergleich kann man die Verse des neun Jahre später geborenen Rilke heranziehen, der - freilich als er schon über drei Jahre älter war als Löns bei der Abfassung dieses Gedichts - in seinem Kindheitsgedicht schon ganz souverän schreibt:

Und durch das alles gehn im kleinen Kleid, 
ganz anders als die andern gehn und gingen -: 
O wunderliche Zeit, o Zeitverbringen, 
o Einsamkeit. 
[...]
Und stundenlang am großen grauen Teiche 
mit einem kleinen Segelschiff zu knien; 
es zu vergessen, weil noch andre, gleiche 
und schönere Segel durch die Ringe ziehn, 
und denken müssen an das kleine bleiche 
Gesicht, das sinkend aus dem Teiche schien -: 
O Kindheit, o entgleitende Vergleiche. 
Wohin? Wohin? 

1919 schreibt Friedrich Castelle bei der Herausgabe von dessen Jugendgedichten in der Sammlung "Junglaub":
"Das älteste, wenigstens mir bis jetzt bekannt gewordene Gedicht des jungen Löns ist das in dieser Sammlung auf Seite 50 veröffentlichte »Segelfahrt«. Es ist in der Apffelstaedtschen Handschrift datiert: »Deutsch-Krone 1884«. Hier ist Löns ganz der romantisch überschwängliche Junge, den seine Mitschüler den »springenden Hirsch« nannten, der Naturschwärmer, der die Moor- und Seengebiete um Deutsch-Krone leidenschaftlich durchstreifte und der die Erinnerungen an diese abenteuerlich-fremdländische Jugend bis zu seinem Mannesalter nicht vergessen hat.
Wie stark er dieses Land geliebt hat, sagt uns ein leider hier nicht veröffentlichtes Gedicht, eines der ersten, das September 1886 in Münster entstanden ist: »Heimatklänge«. Drei Klänge aus der Jugend liebt er: das Rauschen der dunklen Föhrenwälder, das Wellenklatschen vom See und das Lied aus Volksmund. In drei breiten Strophen rollt er dann die dunklen Schönheiten der westpreußischen Jugendheimat auf und schließt mit den wehmütigen, ahnungsvollen Worten:
»Du Wellenklang vom grünen See,
Du Lied aus Volksmund wild und weh,
Du Rauschen von dem dunklen Föhr:
Wer weiß, ob ich dich nochmals hör'!«
An der Schwelle des freien Studentenlebens steht diese echte, große Dichtung. Die in ihr angeschlagenen Töne klingen weiter durch die ganze erste Schaffenszeit, durch die Jahre 1886 bis 1890, die Löns zunächst als Zoologe und Naturwissenschaftler in Münster, dann als Mediziner in Greifswald und wiederum in Münster verbringt."

"Echte, große Dichtung" möchte ich die Reime von Föhr und hör sowie von See auf wild und weh nicht nennen. (Da spricht m.E. zu sehr der Ideologe Castelle, der sich später ganz in die nationalsozialistische Ideologie einreihte.) Aber beeindruckend ist, wie deutlich die Naturliebe des späteren Journalisten Löns aus seiner Kindheit und Jugend hervorgeht und wie weit seine Zivilisationskritik noch nicht von der reaktionären Haltung seines "Wehrwolf"-Romans entfernt ist. 

Hermann Löns hatte eine vielseitigere Begabung, als das übliche Bild von ihm erkennen lässt. 
(Dazu: Hermann Löns: Die Hunde beheulen den Tod des Herzogs. Der andere Löns, herausgegeben von Michael Schulte Düsseldorf 1981 und Thomas Dupke: Mythos Löns: Heimat, Volk und Natur im Werk von Hermann Löns, 1993)
Freilich, auch dass Löns nie ganz vom Alkoholismus loskam, gehört zum Bild des anderen Hermann Löns.
"Echte, große Dichtung"  finden wir im Werk Georg Büchners, der mit 24 Jahren starb, in dem Alter, in dem Löns noch ganz auf dem Wege war.  Allerdings halten den Vergleich mit Büchner auch weit bedeutendere Dichter als Hermann Löns nicht aus. 

Zu Löns sieh auch:

22 Oktober 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (Kap.1), Kindheit

Gerhart Hauptmann wurde 1862 im niederschlesischen Obersalzbrunn geboren. Seine Eltern waren die Eheleute Robert (1824–1898) und Marie Hauptmann, geborene Straehler (1827–1906), die am Ort ein Hotel betrieben. Hauptmann hatte drei ältere Geschwister: Georg (1853–1899), Johanna (1856–1943) und Carl (1858–1921). In der Nachbarschaft war der junge Hauptmann als fabulierfreudig bekannt. Seinen Rufnamen Gerhard änderte er später in Gerhart.
Ab 1868 besuchte er die Dorfschule, ab dem 10. April 1874 die Realschule in Breslau, für die er nur knapp die Eignungsprüfung geschafft hatte. Hauptmann hatte Schwierigkeiten, sich in die neue Umgebung der Großstadt einzuleben; gemeinsam mit seinem Bruder Carl wohnte er zunächst in einer heruntergekommenen Schülerpension, ehe sie bei einem Pastor unterkamen. (Wikipedia: Gerhart Hauptmann)

Erstes Kapitel 
Anfang und Ende des Lebens, heißt es, sind dem Lebenden selbst in Dunkel gehüllt. Niemand kann sein geistiges Dasein vom Tage seiner Geburt datieren. So bin ich erst am Beginn meines zweiten Lebensjahres zum Bewußtsein erweckt worden und bewahre davon bis heute die Erinnerung. Ich konnte weder sitzen noch liegen, weil mein Rücken und mein Gesäß, wie man mir später erklärt hat, zerprügelt und zerschunden war. Mein eigener Gedanke und deutlicher Lichtblitz aber war: Was soll aus mir werden, wenn ich beim Sitzen und Liegen maßlose Schmerzen habe? Es ist meine Amme gewesen, die mich so mißhandelt hat. An die Prügelprozedur selbst habe ich jedoch keine Erinnerung. Schmerz also hat meinen Geist erweckt, Leiden mich zum Bewußtsein gebracht. [...]
Waisenkinder leben ohne Mütter, sie leben und entwickeln sich. Die Seeleneinheit, die mich mit meiner Mutter verband, machte mir das unbegreiflich. Durch das Herz meiner Mutter, durch ihre Liebe bin ich im Verlaufe des ersten Dezenniums erst sozusagen ausgetragen worden. [...]
Ich hatte am Dasein ununterbrochen leidenschaftliche Freude wie an einer über alle Begriffe herrlichen Festlichkeit. Ich sträubte mich, wenn ich sie abends durch den Schlaf unterbrechen sollte. Im Einschlafen packte mich Freude und Ungeduld in Gedanken an den kommenden Morgen. [...]
Der Befehl eines menschlichen Gottes war meines Vaters Gebot. Eine Mutter wird ihre Kleinen täglich viele Male vergeblich mit den Worten ermahnen: »Bettle nicht!« Die ersten Worte der Kleinsten sind: »Haben, haben!« Mein Vater aber wollte unbedingt vermieden sehen, daß unsere Begehrlichkeit etwa gar den Kurgästen zur Last fiele. Ich, ein besserer kleiner Adam, hielt mich mit bebendem Gehorsam an sein Bettelverbot. Eines Tages kam jedoch einem alten Kurgast, Ökonomierat Huhn, der Gedanke, mich mit einem Spielzeug zu beschenken, das ich mir selber beim Händler aussuchen sollte. Ich wählte einen herrlichen blauen Rollwagen mit Fässern darauf und vier Pferden davor, drückte das Riesengeschenk mit ausgebreiteten Armen an meine Brust und vermochte es kaum fortzuschleppen. Unterwegs nach Hause fiel mir des Vaters Verbot aufs Herz. Zwar gebettelt hatte ich nicht, aber man konnte es leicht voraussetzen, und schließlich sollten wir überhaupt von Fremden nichts annehmen. Bei dieser Erinnerung schrie ich sofort aus Leibeskräften, als ob mich das größte Unglück betroffen hätte. Eine solche tragikomische Mischung des Gefühls in der Brust eines Kindes ist vielleicht eine Seltenheit. Ungeheure Freude über den völlig märchenhaften Neubesitz ward von Entsetzen über den Bruch des Gehorsams überwogen. Ununterbrochen schreiend trat ich mit meinem Schatz ins Haus und vor meine verblüfften Eltern hin, die den scheinbaren Widersinn meines Betragens nicht durchschauen konnten. [...]
Eine Zeitlang teilte ich mit den Eltern das Schlafzimmer. Wenn ich, was vorkam, schlaflos lag und beim Scheine des Nachtlichtchens Vater und Mutter bewußtlos schnarchend in ihren Betten sah, waren sie mir wie atmende Leichname. Daß sie vom Tode wieder erwachen würden, ja daß ich sie wecken konnte, wußte ich. Aber ebenso war mir bekannt, daß man dies nicht darf, weil jemand, der weiterleben will, allnächtlich diesen Tod erleiden muß. Und so mußte ich denn das Gefühl einer grenzenlosen Verlassenheit auskosten.[...]
Uns Deutschen kann der volle Begriff eines Festes nur noch an diesem Feste klarwerden. Es erhebt sich aus unabsehbaren Tiefen der Vergangenheit, und seine lebendige, oberirdische Tradition wird von Generation auf Generation in der gleichen Empfängnis entgegengenommen. Die Freude dieses Festes war nicht die unmittelbare gesunde, irdische, sondern sie war eine mystische. Sie erhob sich in überirdischer Steigerung. Über ihr stand eine immergrüne Tanne, ein Nadelbaum, aus dessen Zweigen Kerzen emporwuchsen und ihn zu einer Pyramide von Flämmchen machten. Der Baum war gesunde Waldnatur, die Kerzen auf ihm und er als ihr Träger Mysterium. O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter! Du grünst nicht nur zur Sommerzeit, nein, auch im Winter, wenn es schneit. O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter! Welche widersinnige Einfalt beseelt dieses kleine Lied, und welche Tiefen des Entzückens werden durch es im Gemüt des Kindes ausgelöst. Geschenke, Gaben brachte wohl das ganze Jahr hie und da, aber sie waren nicht von dem Zauber berührt und erfüllt wie die Bescherung unterm Weihnachtsbaum. »Vom Himmel hoch, da komm' ich her.« Nicht die Eltern hatten uns mit Geschenken beglückt, sondern sie waren diesmal wirklich vom Himmel gekommen. Der Vater, die Mutter waren Treuhänder, die sie uns übermittelt hatten. Darum war die Freude, die Spannung zu Weihnachten übergroß, mitunter so groß, daß mein Organismus sich in der Folge durch eine kurze Krankheit wiederherstellen mußte. Trotzdem stellte man sogleich Berechnungen über das kommende Weihnachten an, über die Monate, Wochen, Tage, die man bis dahin noch zu bestehen hatte."
(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)

08 Juli 2017

Kinderträume

"[...] Die thematische Verarbeitung dagegen und das Dichten versteht der Traum des Kindes besser. Tausend kleine Dinge und Vorkommnisse des wachen Lebens, die den abgestumpften Erwachsenen gänzlich kalt lassen, die er nicht einmal mehr sieht und, wenn er sie sieht, nicht bemerkt, rühren dem Kinde, weil es noch frisch fühlt und weil ihm die Erdendinge neu sind, bis in die Seele und erzeugen Traumspiegelungen im Schlafe. Ich kann aus meiner Erfahrung berichten, dass mir ein Eisengitter um ein Haus, ein flüchtiger Blick in ein Kellergeschoss in der darauffolgenden Nacht ernste, tiefsinnige Träume verursachten, dass auf grössere Neuigkeiten, zum Beispiel auf den erstmaligen Anblick strömenden Wassers, ein wahrer Traumsturm folgte. Und wie golden schon die Landschaftsbilder in den Träumen des Erwachsenen leuchten mögen, die Landschaften, die der Traum des Kindes malt, sind noch viel seliger und süßer. Die Träume meiner zwei ersten Lebensjahre sind meine schönste Bildersammlung und mein liebstes Poesiebuch. [...]"
(Carl Spitteler: Die Träume des Kindes)

29 September 2015

Kindheit

Kindheit

Da rinnt der Schule lange Angst und Zeit 
mit Warten hin, mit lauter dumpfen Dingen. 
O Einsamkeit, o schweres Zeitverbringen... 
Und dann hinaus: die Straßen sprühn und klingen 
und auf den Plätzen die Fontänen springen 
und in den Gärten wird die Welt so weit -. 
Und durch das alles gehn im kleinen Kleid, 
ganz anders als die andern gehn und gingen -: 
O wunderliche Zeit, o Zeitverbringen, 
o Einsamkeit. 

Und in das alles fern hinauszuschauen: 
Männer und Frauen; Männer, Männer, Frauen 
und Kinder, welche anders sind und bunt; 
und da ein Haus und dann und wann ein Hund 
und Schrecken lautlos wechselnd mit Vertrauen -: 
O Trauer ohne Sinn, o Traum, o Grauen, 
o Tiefe ohne Grund. 

Und so zu spielen: Ball und Ring und Reifen 
in einem Garten, welcher sanft verblaßt, 
und manchmal die Erwachsenen zu streifen, 
blind und verwildert in des Haschens Hast, 
aber am Abend still, mit kleinen steifen 
Schritten nachhaus zu gehn, fest angefaßt -: 
O immer mehr entweichendes Begreifen, 
o Angst, o Last. 

Und stundenlang am großen grauen Teiche 
mit einem kleinen Segelschiff zu knien; 
es zu vergessen, weil noch andre, gleiche 
und schönere Segel durch die Ringe ziehn, 
und denken müssen an das kleine bleiche 
Gesicht, das sinkend aus dem Teiche schien -: 
O Kindheit, o entgleitende Vergleiche. 
Wohin? Wohin? 

Aus: Das Buch der Bilder

(Rainer Maria Rilke)

21 Februar 2015

Rudolf Pörtner: Mein Elternhaus

Rudolf Pörtner: Mein Elternhaus
42 Berichte über Elternhäuser vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg liefern ein erstaunlich vielgestaltiges Bild:

Bittere Armut im Arbeiterhaushalt von Loki Schmidt, geb. Glaser (*1919), die aber durch vielseitige Fähigkeiten, Charakterstärke und hohes Bildungsinteresse der Eltern und einen guten Familienzusammenhalt sowie durch eine gute Schule einen fruchtbaren Bildungshintergrund schufen.
"Die Sommerferien verbrachte die ganze Familie in der Heide. Dort hatten meine Großeltern sich vor der Stadt am Nordrand der Lüneburger Heide (heute gehört es zum Stadtgebiet Hamburg) ein Grundstück gekauft (zwei Pfennig pro Quadratmeter). Die Heidetrockentäler mit kleinen Moorlöchern waren unser Spielplatz." (S.228)
Natürlich hatte der Vater dort ein kleines Holzhaus mit vier Schlafgelegenheiten gebaut, zwei Tanten wohnten nebenan in einem entsprechenden Holzhäuschen. Und der Geburtstag der Großmutter wurde am 28.7. von den 25 Mitgliedern der Familie mit einem selbstgemachten Theaterstück oder Singspiel gefeiert.

Bürgerliche Atmosphäre bei Egon Bahr (*1922), der als Grundschüler beim Zuhören und Zusehen beim väterlichen Stenographieunterricht für Erwachsene spielerisch lernte, was ihn dann von der Sekundarschule bis ins Alter selbstverständlich begleitete.
Er erhielt 50 Pfennig Taschengeld in der Woche und als Sänger des Torgauer Kirchenchores in der Oberstufe 27,50 Reichsmark "Chorgeld" (unklar, auf welchen Zeitraum bezogen). "Wir verreisten zweimal im Jahr", zu Verwandten in Schlesien oder Ostpreußen. (S.241)

Iring Fetscher (*1922) erlebte im bürgerlichen Dresden 1933 die Vertreibung seines Vaters von der Universität und seine Einstufung als "wehrunwürdig", was ihn nicht hinderte, seinerseits an eine Offizierslaufbahn zu denken. Als Arzt hat sein Vater an maßgeblicher Stelle mit der Versorgung der Bombenopfer zu tun, bemüht sich aber in vielen riefen, die Verbindung seines Sohnes zur Familie zu halten. Anfang April wurde der Vater "von einer SS-Streife erschossen, als er - zusammen mit anderen Nazigegnern - auf dem Weg zum sowjetischen Kommandanten war, um ihm die Zusammenarbeit der Antifaschisten anzubieten und so der Stadt Leiden zu ersparen." (S.253)

Der erste Bericht, der der Schauspielerin Ida Ehre, setzt kräftig ein: Nach dem Tod ihres Mannes mit nur 38 Jahren steht die Ungarin Bertha Ehre ohne Versorgung da. Sie entschließt sich aber, sich und ihre sechs Kinder mit Näharbeiten durchzubringen. Das gelingt ihr, auch wenn sie dafür u.a. ihren Ehering ins Pfandhaus tragen muss. So - hält Ida Ehre fest - ist sie nicht in einem Elternhaus aufgewachsen, sondern in ihrem Mutterhaus.
Ida kommt über eine Schauspielerin in höchst prominente Kreise (Grafen, Minister und andere Berühmtheiten) und erhält schließlich ein Stipendium für eine Ausbildung an der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien.
Zu ihrem Standardsatz bei der Ausbildungssuche "Bezahlen kann ich aber nicht." tritt in der Nazizeit der Satz "Ich lebe in einer privilegierten Mischehe." (S.19)
Ihr Mutterhaus verliert Ida, als sie ihre Mutter in der Nazizeit nicht mehr zu sich einladen kann. Aus innerem Drang fährt sie 1938 nach Wien, erfährt, dass ihre Mutter in einem Gestapogefängnis auf ihre Deportation wartet. Ida kann sie noch bei ihrem Abtransport sehen ("Auf Wiedersehen, meine geliebten Kinder").

Der letzte schriftliche Gruß der Mutter enthält den Satz:
"Mein geliebtes Kind - die Welt kann nur miteinander leben, wenn das Wort Liebe groß geschrieben ist - Liebe und Toleranz - nicht hassen - nur lieben."
(Zweite Lektüre nach 1999) 

sieh auch: 
"Meine Heimat ist mein Elternhaus", Interview mit der Armenierin Sesede Terziyan, 6.3.15

15 Februar 2015

Martin Walser: Verteidigung der Kindheit (Quellen)

Manfred Ranft wurde 1929 in Dresden geboren. In der Bombennacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 wurde sein Zuhause vernichtet und mit ihm alle Erinnerungen an seine Kindheit. Auch seine Großeltern sind in dieser Nacht verbrannt. Dieser Verlust lässt Ranft nie wieder los, verzweifelt versucht er, ihn zu kompensieren. Als Erwachsener beginnt er alles zu sammeln, was ihm diese Zeit zurückbringt: Er versucht, alte Fotos von seiner Familie und Erinnerungsstücke zu ergattern, er notiert aus dem Gedächtnis Sätze, die früher gesagt wurden. So verteidigt er die Kindheit gegen die Zukunft – besonders nach dem Tod seiner Mutter, die für ihn das letzte Bindeglied zur Vergangenheit gewesen ist. [...] Das Sammeln bleibt, bis zu seinem Tod 1987, Ranfts große Leidenschaft.
Der Schriftsteller Martin Walser hat Manfred Ranfts Geschichte in dem biografischen Roman Die Verteidigung der Kindheit erzählt, der 1991 erschien und von dem Marcel Reich-Ranicki sagte, er sei eines der wichtigsten Bücher der deutschen Nachkriegsliteratur. Nun sind die Dokumente, auf die sich Walsers Buch stützt, im Militärhistorischen Museum in Dresden zu sehen: Bilder und Aufzeichnungen von Manfred Ranft. Sie sind Teil der Ausstellung Schlachthof 5 – Dresdens Zerstörung in literarischen Zeugnissen,die sich anlässlich des siebzigsten Jahrestages der Bombardierung mit literarischen Zeugnissen der Zerstörung beschäftigt. [...]
(Martin Walser: "Eine unersättliche Gier nach Vergangenheit")

09 Mai 2013

Brennendes Geheimnis

Der Partner
Er war einer jener jungen Menschen, deren hübschem Gesicht viel geglückt ist und in denen nun beständig alles für eine neue Begegnung, ein neues Erlebnis bereit ist, die immer gespannt sind, sich ins Unbekannte eines Abenteuers zu schnellen, die nichts überrascht, weil sie alles lauernd berechnet haben, die nichts Erotisches übersehen, weil schon ihr erster Blick jeder Frau in das Sinnliche greift, prüfend und ohne Unterschied, ob es die Gattin ihres Freundes ist oder das Stubenmädchen, das die Türe zu ihr öffnet. Wenn man solche Menschen mit einer gewissen leichtfertigen Verächtlichkeit Frauenjäger nennt, so geschieht es, ohne zu wissen, wieviel beobachtende Wahrheit in dem Worte versteinert ist, denn tatsächlich, alle leidenschaftlichen Instinkte der Jagd, das Aufspüren, die Erregtheit und die seelische Grausamkeit flackern in dem rastlosen Wachsein solcher Menschen. Sie sind beständig auf dem Anstand, immer bereit und entschlossen, die Spur eines Abenteuers bis hart an den Abgrund zu verfolgen. Sie sind immer geladen mit Leidenschaft, aber nicht der des Liebenden, sondern der des Spielers, der kalten, berechnenden und gefährlichen. Es gibt unter ihnen Beharrliche, denen weit über die Jugend hinaus das ganze Leben durch diese Erwartung zum ewigen Abenteuer wird, denen sich der einzelne Tag in hundert kleine, sinnliche Erlebnisse auflöst – ein Blick im Vorübergehen, ein weghuschendes Lächeln, ein im Gegenübersitzen gestreiftes Knie – und das Jahr wieder in hundert solcher Tage, für die das sinnliche Erlebnis ewig fließende, nährende und anfeuernde Quelle des Lebens ist. [...]
Die Dame – und nur auf sie hatte der junge Baron acht – war sehr soigniert und mit sichtbarer Eleganz gekleidet, ein Typus überdies, den er sehr liebte, eine jener leicht üppigen Jüdinnen im Alter knapp vor der Überreife, offenbar auch leidenschaftlich, aber erfahren, ihr Temperament hinter einer vornehmen Melancholie zu verbergen. Er vermochte zunächst noch nicht in ihre Augen zu sehen und bewunderte nur die schön geschwungene Linie der Augenbrauen, rein über einer zarten Nase gerundet, die ihre Rasse zwar verriet, aber doch durch edle Form das Profil scharf und interessant machte. Die Haare waren, wie alles Weibliche an diesem vollen Körper, von einer auffallenden Üppigkeit, ihre Schönheit schien im sichern Selbstgefühl vieler Bewunderungen satt und prahlerisch geworden zu sein. Sie bestellte mit sehr leiser Stimme, wies den Buben, der mit der Gabel spielend klirrte, zurecht – all dies mit anscheinender Gleichgültigkeit gegen den vorsichtig anschleichenden Blick des Barons, den sie nicht zu bemerken schien, während es doch in Wirklichkeit nur seine rege Wachsamkeit war, die ihr diese gebändigte Sorgfalt aufzwang. [...]


Rasche Freundschaft
Als der Baron am nächsten Morgen in die Hall trat, sah er dort das Kind der schönen Unbekannten in eifrigem Gespräch mit den beiden Liftboys, denen es Bilder in einem Buch von Karl May zeigte. [...]
Der Junge machte hier, unschlüssig herumirrend, einen recht kläglichen Eindruck. Eigentlich stand er allen im Wege. [...] Unauffällig folgte er dem Buben, der eben wieder zur Türe hinauspendelte und in seinem kindischen Zärtlichkeitsbedürfnis die rosa Nüstern eines Schimmels liebkoste, bis ihn – er hatte wirklich kein Glück – auch hier der Kutscher ziemlich barsch wegwies. Gekränkt und gelangweilt stand er jetzt wieder herum mit seinem leeren und ein wenig traurigen Blick. Da sprach ihn der Baron an.
»Na, junger Mann, wie gefällts dir da?« setzte er plötzlich ein, bemüht, die Ansprache möglichst jovial zu halten. [...]
Der Baron gewann mit Leichtigkeit sein Vertrauen. Eine halbe Stunde bloß, und er hatte dieses heiße und unruhig zuckende Herz in der Hand. Es ist ja so unsäglich leicht, Kinder zu betrügen, diese Arglosen, um deren Liebe so selten geworben wird. [...]
Es war ausgemachte Sache für ihn, daß der mitteilsame Knabe nicht früher ruhen würde, ehe er seine Mama und ihn zusammengeführt hätte. Er selbst brauchte nun keinen Finger zu rühren, um die Distanz zwischen sich und der schönen Unbekannten zu verringern, konnte nun ruhig träumen und die Landschaft überschauen, denn er wußte, ein paar heiße Kinderhände bauten ihm die Brücke zu ihrem Herzen. [...]
Terzett
Der Plan war, wie sich eine Stunde später erwies, vortrefflich und bis in die letzten Einzelheiten gelungen. Als der junge Baron, mit Absicht etwas verspätet, den Speisesaal betrat, zuckte Edgar vom Sessel auf, grüßte eifrig mit einem beglückten Lächeln und winkte ihm zu. Gleichzeitig zupfte er seine Mutter am Ärmel, sprach hastig und erregt auf sie ein, mit auffälligen Gesten gegen den Baron hindeutend. [...]  Der Baron stellte sich vor und glaubte zu bemerken, daß sein klingender Name auf die Eitle einen gewissen Eindruck machte. Jedenfalls war sie von außerordentlicher Zuvorkommenheit gegen ihn, wie wohl sie sich nichts vergab und sogar frühen Abschied nahm, des Buben halber, wie sie entschuldigend beifügte. [...]
Angriff
Nun schien es dem ungeduldigen Jäger an der Zeit, sein Wild anzuschleichen. [...]  Sie war in jenen entscheidenden Jahren, wo eine Frau zu bereuen beginnt, einem eigentlich nie geliebten Gatten treu geblieben zu sein, und wo der purpurne Sonnenuntergang ihrer Schönheit ihr noch eine letzte dringlichste Wahl zwischen dem Mütterlichen und dem Weiblichen gewährt. Das Leben, das schon längst beantwortet schien, wird in dieser Minute noch einmal zur Frage, zum letzten Male zittert die magnetische Nadel des Willens zwischen der Hoffnung auf erotisches Erleben und der endgültigen Resignation. Eine Frau hat dann die gefährliche Entscheidung, ihr eigenes Schicksal oder das ihrer Kinder zu leben, Frau oder Mutter zu sein. [...]
Der Jäger in ihm wachte auf. Er war berauscht, erregt, so rasch hier die richtige Fährte gefunden zu haben, das Wild ganz nahe vor dem Schuß nun zu fühlen. Seine Augen glänzten, das Blut flog ihm leicht durch die Adern, die Rede sprudelte ihm, er wußte selbst nicht wie, von den Lippen. Er war, wie jeder stark erotisch veranlagte Mensch, doppelt so gut, doppelt er selbst, wenn er wußte, daß er Frauen gefiel, so wie manche Schauspieler erst feurig werden, wenn sie die Hörer, die atmende Masse vor ihnen ganz im Bann spüren. [...]
Die Elefanten
Die Mutter blieb noch eine Zeitlang unten mit dem Baron bei Tisch, aber sie sprachen nicht von Elefanten und Jagden mehr. [...]
»Bleiben Sie doch noch«, flüsterte der Baron. Aber schon eilte sie fort mit einer Ungelenkigkeit der Hast, die ihre Angst und Verwirrung augenfällig machte. In ihr war jetzt die Erregtheit, die der andere wollte, sie fühlte, wie alles in ihr verworren war. Die grausam brennende Angst jagte sie, der Mann hinter ihr möchte ihr folgen und sie fassen, gleichzeitig aber, noch im Entspringen, spürte sie schon ein Bedauern, daß er es nicht tat. In dieser Stunde hätte das geschehen können, was sie seit Jahren unbewußt ersehnte, das Abenteuer, dessen nahen Hauch sie wollüstig liebte, um ihm bisher immer im letzten Augenblick zu entweichen, das große und gefährliche, nicht nur der flüchtige, aufreizende Flirt. [...]
Leise bog sie die Türe ins Zimmer. Und schrak schon zurück in der nächsten Sekunde. Irgend etwas hatte sich gerührt in dem Zimmer, ganz rückwärts im Dunkeln. Ihre erregten Nerven zuckten grell, schon wollte sie um Hilfe schreien, da kam es leise von drinnen, mit ganz schlaftrunkener Stimme:
»Bist du es, Mama?«
»Um Gottes willen, was machst du da?« Sie stürzte hin zum Divan, wo Edgar zusammengeknüllt lag und sich eben vom Schlafe aufraffte. Ihr erster Gedanke war, das Kind müsse krank sein oder Hilfe bedürftig.
Aber Edgar sagte, ganz verschlafen noch und mit leisem Vorwurf: »Ich habe so lange auf dich gewartet, und dann bin ich eingeschlafen.«
»Warum denn?«
»Wegen der Elefanten.«
»Was für Elefanten?«
Jetzt erst begriff sie. Sie hatte ja dem Kinde versprochen, alles zu erzählen, heute noch, von der Jagd und den Abenteuern. Und da hatte sich dieser Bub auf ihr Zimmer geschlichen, dieser einfältige, kindische Bub, und im sicheren Vertrauen gewartet, bis sie kam, und war drüber eingeschlafen. Die Extravaganz empörte sie. Oder eigentlich, sie fühlte Zorn gegen sich selbst, ein leises Raunen von Schuld und Scham, das sie überschreien wollte. »Geh sofort zu Bett, du ungezogener Fratz«, schrie sie ihn an. [...]

Geplänkel
[...] Der Baron antwortete unwirsch. Dieses ewige Auflauern des Kindes, die Läppischkeit der Fragen, wie überhaupt die unbegehrte Leidenschaft begann ihn zu langweilen. Er war müde, nun tagaus, tagein mit einem zwölfjährigen Buben herumzuziehen und mit ihm Unsinn zu schwatzen. Ihm lag jetzt nur daran, das heiße Eisen zu schmieden und die Mutter allein zu fassen, was eben durch des Kindes unerwünschte Anwesenheit zum Problem wurde. Ein erstes Unbehagen vor dieser unvorsichtig geweckten Zärtlichkeit bemächtigte sich seiner, denn vorläufig sah er keine Möglichkeit, den allzu anhänglichen Freund loszuwerden.
Immerhin: es kam auf den Versuch an. Bis zehn Uhr, der Stunde, die er mit der Mutter zum Spaziergang verabredet hatte, ließ er das eifrige Gerede des Buben achtlos über sich hinplätschern, warf hin und wieder einen Brocken Gespräch hin, um ihn nicht zu beleidigen, durchblätterte aber gleichzeitig die Zeitung. Endlich, als der Zeiger saß senkrecht stand, bat er Edgar, wie sich plötzlich erinnernd, für ihn ins andere Hotel bloß einen Augenblick hinüberzugehen, um dort nachzufragen, ob der Graf Grundheim, sein Vetter, schon angekommen sei.
Das arglose Kind, glückselig, endlich einmal seinem Freund mit etwas dienlich sein zu können, stolz auf seine Würde als Bote, sprang sofort weg und stürmte so toll den Weg hin, daß die Leute ihm verwundert nachstarrten. [...]
Edgar wartete geduldig. Seine Arglosigkeit vermutete nichts Böses. Sie konnten ja nur eine kurze Weile wegbleiben, dessen war er sicher, denn der Baron brauchte ja seinen Bescheid. [...]
Wie seltsam aber war erst dies, daß sie jetzt, da sie endlich zurückkamen, heiter plaudernd blieben und gar keine Verwunderung bezeigten. Es schien, als hätten sie ihn gar nicht sonderlich vermißt: »Wir sind dir entgegengegangen, weil wir hofften, dich am Weg zu treffen, Edi«, sagte der Baron, ohne sich nach dem Auftrag zu erkundigen. Und als das Kind, ganz erschrocken, sie könnten ihn vergebens gesucht haben, zu beteuern begann, er sei nur auf dem geraden Wege der Hochstraße gelaufen, und wissen wollte, welche Richtung sie gewählt hätten, da schnitt die Mama kurz das Gespräch ab. »Schon gut, schon gut! Kinder sollen nicht soviel reden.«
Edgar wurde rot vor Ärger. [...] Und Edgar beschloß, heute bei Tisch kein Wort mit ihr zu reden, nur mit seinem Freund allein.
Doch das wurde ihm hart. Was er am wenigsten erwartet hatte, trat ein: man bemerkte seinen Trotz nicht. Ja, sogar ihn selber schienen sie nicht zu sehen, ihn, der doch gestern Mittelpunkt ihres Beisammenseins gewesen war! Sie sprachen beide über ihn hinweg, scherzten zusammen und lachten, als ob er unter den Tisch gesunken wäre. [...] 
Was ging da vor? Etwas war verändert zwischen ihnen, und das Kind wußte nicht, warum. Unruhig ließ es die Augen wandern. In seinem Herzen hämmerte ein kleiner, hastiger Hammer: der erste Verdacht.

Brennendes Geheimnis
»Was hat sie so verwandelt?« sann das Kind, das ihnen im rollenden Wagen gegenübersaß. »Warum sind sie nicht mehr zu mir wie früher? Weshalb vermeidet Mama immer meinen Blick, wenn ich sie ansehe? Warum sucht er immer vor mir Witze zu machen und den Hanswurst zu spielen? Beide reden sie nicht mehr zu mir wie gestern und vorgestern, mir ist beinahe, als hätten sie andere Gesichter bekommen. Mama hat heute so rote Lippen, sie muß sie gefärbt haben. Das habe ich nie gesehen an ihr. [...] Sie sind so, als ob sie etwas angestellt hätten, das sie sich nicht zu sagen getrauen. Sie plaudern nicht mehr wie gestern, sie lachen auch nicht, sie sind befangen, sie verbergen etwas. Irgendein Geheimnis ist zwischen ihnen, das sie mir nicht verraten wollen. Ein Geheimnis, das ich ergründen muß um jeden Preis. Ich kenne es schon, es muß dasselbe sein, vor dem sie mir immer die Türe verschließen, von dem in den Büchern die Rede ist und in den Opern, wenn die Männer und die Frauen mit ausgebreiteten Armen gegeneinander singen, sich umfassen und sich wegstoßen. Es muß irgendwie dasselbe sein, wie das mit meiner französischen Lehrerin, die sich mit Papa so schlecht vertrug und die dann weggeschickt wurde. All diese Dinge hängen zusammen, das spüre ich, aber ich weiß nur nicht, wie. Oh, es zu wissen, endlich zu wissen, dieses Geheimnis, ihn zu fassen, diesen Schlüssel, der alle Türen aufschließt, nicht länger mehr Kind sein, vor dem man alles versteckt und verhehlt, sich nicht mehr hinhalten lassen und betrügen. Jetzt oder nie! Ich will es ihnen entreißen, dieses furchtbare Geheimnis.« [...] Nichts schärft Intelligenz mehr als ein leidenschaftlicher Verdacht, nichts entfaltet mehr alle Möglichkeiten eines unreifen Intellekts, als eine Fährte, die ins Dunkel läuft. Manchmal ist es ja nur eine einzige, dünne Tür, die Kinder von der Welt, die wir die wirkliche nennen, abtrennt, und ein zufälliger Windhauch sprengt sie ihnen auf.
Edgar fühlte sich mit einem Male dem Unbekannten, dem großen Geheimnis so greifbar nahe wie noch nie, er spürte es knapp vor sich, zwar noch verschlossen und unenträtselt, aber nah, ganz nah. Das erregte ihn und gab ihm diesen plötzlichen, feierlichen Ernst. Denn unbewußt ahnte er, daß er am Rand seiner Kindheit stand.
Die beiden gegenüber fühlten irgendeinen dumpfen Widerstand vor sich, ohne zu ahnen, daß er von dem Knaben ausging. Sie fühlten sich eng und gehemmt zu dritt im Wagen. [...]  Ihr Gespräch stieß immer auf Lücken und Stockungen. Es blieb stehen, wollte weiter, aber stolperte immer wieder über das hartnäckige Schweigen des Kindes. [...]

Er wartete. Es galt ja die entscheidende Probe. Sie saßen zusammen bei Tisch. Es wurde neun Uhr, aber die Mutter schickte ihn nicht zu Bett. Schon wurde er unruhig. Warum ließ sie ihn gerade heute so lange hier bleiben, sie, die sonst so genau war? Hatte ihr am Ende der Baron seinen Wunsch und das Gespräch verraten? Brennende Reue überfiel ihn plötzlich, ihm heute mit seinem vollen vertrauenden Herzen nachgelaufen zu sein. Um zehn erhob sich plötzlich seine Mutter und nahm Abschied vom Baron, Und seltsam, auch der schien durch diesen frühen Aufbruch keineswegs verwundert zu sein, suchte auch nicht, wie sonst immer, sie zurückzuhalten. Immer heftiger schlug der Hammer in der Brust des Kindes.
Nun galt es scharfe Probe. Auch er stellte sich nichtsahnend und folgte ohne Widerrede seiner Mutter zur Tür. Dort aber zuckte er plötzlich auf mit den Augen. Und wirklich, er fing in dieser Sekunde einen lächelnden Blick, der über seinen Kopf von ihr gerade zum Baron hinüberging, einen Blick des Einverständnisses, irgendeines Geheimnisses. Der Baron hatte ihn also verraten. Deshalb also der frühe Aufbruch: er sollte heute eingewiegt werden in Sicherheit, um ihnen morgen nicht mehr im Wege zu sein.
»Schuft«, murmelte er.
»Was meinst du?« fragte die Mutter.
»Nichts«, stieß er zwischen den Zähnen heraus. Auch er hatte jetzt sein Geheimnis. Es hieß Haß, grenzenloser Haß gegen sie beide.

Schweigen
Edgars Unruhe war nun vorbei. Endlich genoß er ein reines, klares Gefühl: Haß und offene Feindschaft. Jetzt, da er gewiß war, ihnen im Weg zu sein, wurde das Zusammensein für ihn zu einer grausam komplizierten Wollust. Er weidete sich im Gedanken, sie zu stören, ihnen nun endlich mit der ganzen geballten Kraft seiner Feindseligkeit entgegenzutreten. Dem Baron wies er zuerst die Zähne. Als der morgens herabkam und ihn im Vorübergehen herzlich mit einem »Servus, Edi« begrüßte, knurrte Edgar, der, ohne auszuschauen, im Fauteuil sitzen blieb, ihm nur ein hartes »Morgen« zurück. »Ist die Mama schon unten?« Edgar blickte in die Zeitung: »Ich weiß nicht.« [...]

Die Lügner
Aber die Zeit drängte. Der Baron hatte nur mehr wenige Tage, und die wollten genützt sein. Widerstand gegen die Hartnäckigkeit des gereizten Kindes war, das fühlten sie, vergeblich, und so griffen sie zum letzten, zum schmählichsten Ausweg: zur Flucht, um nur für eine oder zwei Stunden seiner Tyrannei zu entgehen.
»Gib diese Briefe rekommandiert zur Post«, sagte die Mutter zu Edgar. Sie standen beide in der Hall, der Baron sprach draußen mit einem Fiaker.
Mißtrauisch übernahm Edgar die beiden Briefe. Er hatte bemerkt, daß früher ein Diener irgendeine Botschaft seiner Mutter übermittelt hatte. Bereiteten sie am Ende etwas gemeinsam gegen ihn vor?
Er zögerte. »Wo erwartest du mich?«
»Hier.«
»Bestimmt?«
»Ja.«
»Daß du aber nicht weggehst! Du wartest also hier in der Hall auf mich, bis ich zurückkomme?«
Er sprach im Gefühl seiner Überlegenheit mit seiner Mutter schon befehlshaberisch. Seit vorgestern hatte sich viel verändert.
Dann ging er mit den beiden Briefen. An der Tür stieß er mit dem Baron zusammen. Er sprach ihn an, zum erstenmal seit zwei Tagen.
»Ich gebe nur die zwei Briefe auf. Meine Mama wartet auf mich, bis ich zurückkomme. Bitte gehen Sie nicht früher fort.«
Der Baron drückte sich rasch vorbei. »Ja, ja, wir warten schon.«
Edgar stürmte zum Postamt. Er mußte warten. Ein Herr vor ihm hatte ein Dutzend langweiliger Fragen. Endlich konnte er sich des Auftrags entledigen und rannte sofort mit den Rezipissen zurück. Und kam eben zurecht, um zu sehen, wie seine Mutter und der Baron im Fiaker davonfuhren.
Er war starr vor Wut. Fast hätte er sich niedergebückt und ihnen einen Stein nachgeschleudert. Sie waren ihm also doch entkommen, aber mit einer wie gemeinen, wie schurkischen Lüge! Daß seine Mutter log, wußte er seit gestern. Aber daß sie so schamlos sein konnte, ein offenes Versprechen zu mißachten, das zerriß ihm ein letztes Vertrauen. Er verstand das ganze Leben nicht mehr, seit er sah, daß die Worte, hinter denen er die Wirklichkeit vermutet hatte, nur farbige Blasen waren, die sich blähten und in nichts zersprangen. Aber was für ein furchtbares Geheimnis mußte das sein, das erwachsene Menschen so weit trieb, ihn, ein Kind, zu belügen, sich wegzustehlen wie Verbrecher? In den Büchern, die er gelesen hatte, mordeten und betrogen die Menschen, um Geld zu gewinnen, oder Macht, oder Königreiche. Was aber war hier die Ursache, was wollten diese beiden, warum versteckten sie sich vor ihm, was suchten sie unter hundert Lügen zu verhüllen?  [...]
Edgar sah, daß seine Mahnung Eindruck machte. Und es verlockte ihn, sie zu sich herüberzureißen, einen Genossen zu haben im Hasse, in der Feindschaft gegen ihn. Weich ging er auf seine Mutter zu, umfaßte sie, und seine Stimme wurde schmeichlerisch vor Erregung.
»Mama,« sagte er, »du mußt es doch selbst bemerkt haben, daß er nichts Gutes will. Er hat dich ganz anders gemacht. Du bist verändert und nicht ich. Er hat dich aufgehetzt gegen mich, nur um dich allein zu haben. Sicher will er dich betrügen. Ich weiß nicht, was er dir versprochen hat. Ich weiß nur, er wird es nicht halten. Du solltest dich hüten vor ihm. Wer einen belügt, belügt auch den andern. Er ist ein böser Mensch, dem man nicht trauen soll.«
Diese Stimme, weich und fast in Tränen, klang wie aus ihrem eigenen Herzen. In ihr war seit gestern ein Mißbehagen erwacht, das ihr dasselbe sagte: eindringlicher und eindringlicher. Aber sie schämte sich, dem eigenen Kinde recht zu geben. Und rettete sich, wie viele, aus der Verlegenheit eines überwältigenden Gefühls in die Rauheit des Ausdrucks. Sie reckte sich auf.
»Kinder verstehen so etwas nicht. Du hast in solche Sachen nicht dreinzureden. Du hast dich anständig zu benehmen. Das ist alles.«
Edgars Gesicht fror wieder kalt ein. »Wie du meinst,« sagte er hart, »ich habe dich gewarnt.«
»Also du willst dich nicht entschuldigen?«
»Nein.«
Sie standen sich schroff gegenüber. Sie fühlte, es ging um ihre Autorität.
»Dann wirst du hier oben speisen. Allein. Und nicht eher an unseren Tisch kommen, bis du dich entschuldigt hast. Ich werde dir noch Manieren lehren. Du wirst dich nicht vom Zimmer rühren, bis ich es dir erlaube. Hast du verstanden?«
Edgar lächelte. Dieses tückische Lächeln schien schon mit seinen Lippen verwachsen zu sein. Innerlich war er zornig gegen sich selbst. Wie töricht von ihm, daß er wieder einmal sein Herz hatte entlaufen lassen und sie, die Lügnerin, noch warnen wollte.
Die Mutter rauschte hinaus, ohne ihn noch einmal anzusehen. Sie fürchtete diese schneidenden Augen. Das Kind war ihr unbehaglich geworden, seit sie fühlte, daß es seine Augen offen hatte und ihr gerade das sagte, was sie nicht wissen und nicht hören wollte. Schreckhaft war es ihr, eine innere Stimme, ihr Gewissen, abgelöst von sich selber, als Kind verkleidet, als ihr eigenes Kind herumgehen und sie warnen, sie verhöhnen zu sehen. Bisher war dieses Kind neben ihrem Leben gewesen, ein Schmuck, ein Spielzeug, irgendein Liebes und Vertrautes, manchmal vielleicht eine Last, aber immer etwas, das in derselben Strömung im gleichen Takt ihres Lebens lief. Zum erstenmal bäumte das sich heute auf und trotzte gegen ihren Willen. Etwas wie Haß mischte sich jetzt immer in die Erinnerung an ihr Kind.
Aber dennoch: jetzt, da sie die Treppe, ein wenig müde, niederstieg, klang die kindische Stimme aus ihrer eigenen Brust. »Du solltest dich hüten vor ihm.« – Die Mahnung ließ sich nicht zum Schweigen bringen. Da glänzte ihr im Vorüberschreiten ein Spiegel entgegen, fragend blickte sie hinein, tiefer und immer tiefer, bis sich dort die Lippen leise lächelnd auftaten und sich rundeten wie zu einem gefährlichen Wort. Noch immer klang von innen die Stimme; aber sie warf die Achseln hoch, als schüttelte sie all diese unsichtbaren Bedenken von sich herab, gab dem Spiegel einen hellen Blick, raffte das Kleid und ging hinab mit der entschlossenen Geste eines Spielers, der sein letztes Goldstück klingend über den Tisch rollen läßt. [...]

Der Überfall
Edgar trat atmend zurück vom Fenster. Das Grauen schüttelte ihn. Noch nie war er in seinem Leben ähnlich Geheimnisvollem so nah gewesen. [...]
Zwischen der inneren Tür und der äußeren, leicht beweglichen Tapetentür, war ein schmaler Zwischenraum, nicht größer als des Innere eines Kleiderschrankes. Dort in diese Handbreit Dunkel preßte er sich hinein, um auf ihre Schritte im Gang zu lauern. Denn nicht einen Augenblick, so hatte er beschlossen, wollte er sie allein lassen. Der Gang lag jetzt um Mitternacht leer, matt nur beleuchtet von einer einzelnen Flamme.
Endlich – die Minuten dehnten sich ihm fürchterlich – hörte er behutsame Schritte heraufkommen. Er horchte angestrengt. Es war nicht ein rasches Losschreiten, wie wenn jemand gerade in sein Zimmer will, sondern schleifende, zögernde, sehr verlangsamte Schritte, wie einen unendlich schweren und steilen Weg empor. Dazwischen immer wieder Geflüster und ein Innehalten. Edgar zitterte vor Erregung. Waren es am Ende die beiden, blieb er noch immer mit ihr? Das Flüstern war zu entfernt. Aber die Schritte, wenn auch noch zögernd, kamen immer näher. Und jetzt hörte er aus einmal die verhaßte Stimme des Barons leise und heiser etwas sagen, das er nicht verstand, und dann gleich die seiner Mutter in rascher Abwehr: »Nein, nicht heute! Nein.«
Edgar zitterte, sie kamen näher, und er mußte alles hören. Jeder Schritt gegen ihn zu tat ihm, so leise er auch war, weh in der Brust. Und die Stimme, wie häßlich schien sie ihm, diese gierig werbende, widerliche Stimme des Verhaßten! »Seien Sie nicht grausam. Sie waren so schön heute abend.« Und die andere wieder: »Nein, ich darf nicht, ich kann nicht, lassen Sie mich los.«
Es war so viel Angst in der Stimme seiner Mutter, daß das Kind erschrickt. Was will er denn noch von ihr? Warum fürchtet sie sich? [...]
Gewitter
[...] 
Im Frühstückszimmer saß seine Mama allein am gewohnten Tisch. Edgar atmete auf, daß sein Feind nicht zugegen war, daß er sein verhaßtes Gesicht nicht sehen mußte, in das er gestern im Zorn seine Faust geschlagen hatte. Und doch, wie er nun an den Tisch herantrat, fühlte er sich unsicher.
»Guten Morgen«, grüßte er.
Seine Mutter antwortete nicht. Sie blickte nicht einmal auf, sondern betrachtete mit merkwürdig starren Pupillen in der Ferne die Landschaft. Sie sah sehr blaß aus, hatte die Augen leicht, umrändert und um die Nasenflügel jenes nervöse Zucken, das so verräterisch für ihre Erregung war. Edgar verbiß die Lippen. Dieses Schweigen verwirrte ihn. [...]
Wieder antwortete die Mutter nicht, wieder sah sie an ihm vorbei. [...]
»Komm dann hinauf, Edgar, ich habe mit dir zu reden.«
Es klang nicht drohend, aber doch so eisig kalt, daß Edgar die Worte schauernd fühlte, als hätte man ihm eine eiserne Kette plötzlich um den Hals gelegt. Sein Trotz war zertreten. Schweigend, wie ein geprügelter Hund, folgte er ihr hinauf in das Zimmer.
Sie verlängerte ihm die Qual, indem sie einige Minuten schwieg. Minuten, in denen er die Uhr schlagen hörte und draußen ein Kind lachen und in sich selbst das Herz an die Brust hämmern. Aber auch in ihr mußte eine große Unsicherheit sein, denn sie sah ihn nicht an, während sie jetzt zu ihm sprach, sondern wandte ihm den Rücken. [...]
»Du wirst dich jetzt sofort beim Baron entschuldigen.«
Edgar zuckte auf, aber sie ließ sich nicht unterbrechen.
»Der Baron ist heute abgereist, und du wirst ihm einen Brief schreiben, den ich dir diktieren werde.«
Edgar rührte sich wieder, aber seine Mutter war fest.
»Keine Widerrede. Da ist Papier und Tinte, setze dich hin.«
Edgar sah auf. Ihre Augen waren gehärtet von einem unbeugsamen Entschluß. So hatte er seine Mutter nie gekannt, so hart und gelassen. Furcht überkam ihn. Er setzte sich hin, nahm die Feder, duckte aber das Gesicht tief auf den Tisch. [...]
»Ich habe um Hilfe gerufen? Du bist toll!«
Edgar wurde zornig. Mit einem Ruck sprang er auf.
»Ja, du hast um Hilfe gerufen, da draußen im Gang, gestern nacht, wie er dich angefaßt hat. ›Lassen Sie mich, lassen Sie mich‹, hast du gerufen. So laut, daß ichs bis ins Zimmer hinein gehört habe.«
»Du lügst, ich war nie mit dem Baron im Gang hier. Er hat mich nur bis zur Treppe begleitet ...«
In Edgar stockte das Herz bei dieser kühnen Lüge. Die Stimme verschlug sich ihm, er starrte sie an mit gläsernen Augensternen.
»Du ... warst nicht ... im Gang? Und er ... er hat dich nicht gehalten? Nicht mit Gewalt herumgefaßt?«
Sie lachte. Ein kaltes, trockenes Lachen.
»Du hast geträumt.«
Das war zuviel für das Kind. Er wußte jetzt ja schon, daß die Erwachsenen logen, daß sie kleine, kecke Ausreden hatten, Lügen, die durch enge Maschen schlüpften, und listige Zweideutigkeiten. Aber dies freche, kalte Ableugnen, Stirn gegen Stirn, machte ihn rasend. [...]

Edgar läuft davon, kauft von seinem Taschengeld eine Fahrkarte und fährt zu seiner Oma. Während der Fahrt spürt er die Hilflosigkeit eines verlassenen Kindes. Bei seiner Oma sind auch schon seine Mutter und sein Vater.
Sein Vater war sehr groß. Und unsäglich klein fühlte sich jetzt Edgar vor ihm, wie er eintrat, nervös und anscheinend wirklich im Zorn.
»Was ist dir eingefallen, du Kerl, davonzulaufen? Wie kannst du deine Mutter so erschrecken?«
Seine Stimme war zornig und in den Händen eine wilde Bewegung. Hinter ihm war mit leisem Schritt jetzt die Mutter hereingetreten. Ihr Gesicht war verschattet.
Edgar antwortete nicht. Er hatte das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, aber doch, wie sollte er das erzählen, daß man ihn betrogen hatte und geschlagen? Würde er es verstehen?
»Nun, kannst du nicht reden? Was war los? Du kannst es ruhig sagen! War dir etwas nicht recht? Man muß doch einen Grund haben, wenn man davonläuft! Hat dir jemand etwas zuleide getan?« Edgar zögerte. Die Erinnerung machte ihn wieder zornig, schon wollte er anklagen. Da sah er – und sein Herz stand still dabei – wie seine Mütter hinter dem Rücken des Vaters eine sonderbare Bewegung machte. Eine Bewegung, die er erst nicht verstand. Aber jetzt sah sie ihn an, in ihren Augen war eine flehende Bitte. Und leise, ganz leise hob sie den Finger zum Mund im Zeichen des Schweigens.
Da brach, das Kind fühlte es, plötzlich etwas Warmes, eine ungeheure wilde Beglückung durch seinen ganzen Körper. Er verstand, daß sie ihm das Geheimnis zu hüten gab, daß auf seinen kleinen Kinderlippen ein Schicksal lag. Und wilder, jauchzender Stolz erfüllte ihn, daß sie ihm vertraute, jäh überkam ihn ein Opfermut, ein Wille, seine eigene Schuld noch zu vergrößern, um zu zeigen, wie sehr er schon Mann war. Er raffte sich zusammen:
»Nein, nein ... es war kein Anlaß. Mama war sehr gut zu mir, aber ich war ungezogen, ich habe mich schlecht benommen ... und da ... da bin ich davongelaufen, weil ich mich gefürchtet habe.«
Sein Vater sah ihn verdutzt an. Er hatte alles erwartet, nur nicht dieses Geständnis. Sein Zorn war entwaffnet.
»Na, wenn es dir leid tut, dann ists schon gut. Dann will ich heute nichts mehr darüber reden. Ich glaube, du wirst es dir ein anderes Mal doch überlegen! Daß so etwas nicht mehr vorkommt.«
Er blieb stehen und sah ihn an. Seine Stimme wurde jetzt milder.
»Wie blaß du aussiehst. Aber mir scheint, du bist schon wieder größer geworden. Ich hoffe, du wirst solche Kindereien nicht mehr tun; du bist ja wirklich kein Bub mehr und könntest schon vernünftig sein!«
Edgar blickte die ganze Zeit über nur auf seine Mutter. Ihm war, als funkelte etwas in ihren Augen. Oder war dies nur der Widerschein der Flamme? Nein, es glänzte dort feucht und hell, und ein Lächeln war um ihren Mund, das ihm Dank sagte. Man schickte ihn jetzt zu Bett, aber er war nicht traurig darüber, daß sie ihn allein ließen. [...] Da war ihm, als ob plötzlich die Türe ginge und leise etwas käme. Er glaubte sich nicht recht, war auch schon zu schlafbefangen, um die Augen aufzutun. Da spürte er atmend über sich ein Gesicht weich, warm und mild das seine streifen, und wußte, daß seine Mutter es war, die ihn jetzt küßte und ihm mit der Hand übers Haar fuhr. Er fühlte die Küsse und fühlte die Tränen, sanft die Liebkosung erwidernd, und nahm es nur als Versöhnung, als Dankbarkeit für sein Schweigen. Erst später, viele Jahre später, erkannte er in diesen stummen Tränen ein Gelöbnis der alternden Frau, daß sie von nun ab nur ihm, nur ihrem Kinde gehören wollte, eine Absage an das Abenteuer, ein Abschied von allen eigenen Begehrlichkeiten. Er wußte nicht, daß auch sie ihm dankbar war, aus einem unfruchtbaren Abenteuer gerettet zu sein, und ihm nun mit dieser Umarmung die bitter-süße Last der Liebe für sein zukünftiges Leben wie ein Erbe überließ. All dies verstand das Kind von damals nicht, aber es fühlte, daß es sehr beseligend sei, so geliebt zu sein, und daß es durch diese Liebe schon verstrickt war mit dem großen Geheimnis der Welt. [...]

Stefan Zweig: Brennendes Geheimnis