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10 Juli 2018

Moltke: Unter dem Halbmond - Rückkehr


61. Rückkehr nach Konstantinopel 

Konstantinopel, den 10. August 1839
Der Großherrliche Ferman, welcher Hafiz-Pascha vom Oberbefehl entband und ihn vorläufig nach Sivas beschied, wurde am 28. Juli feierlich verlesen. Mehmed-Aly-Bey, der kaiserliche Abgesandte, hatte uns eingeladen ihn auf seiner Reise zu Lande nach Konstantinopel zu begleiten, da er aber noch in Angora und Kutahia verweilen sollte, so zogen wir es vor, mit dem am 3. August von Samsun abgehenden Dampfboot uns einzuschiffen. Ich begleitete meinen Pascha nach Sivas und es kam nun darauf an, jenen Hafen noch frühzeitig genug zu erreichen, was nur durch einen Gewaltritt geschehen konnte.
Laue und ich beschlossen den Versuch zu wagen, Vincke war zwei Tage früher abgereist; wir nahmen einen Tataren, dem wir die Bedingung stellten, dass, wenn wir vor Abgang des Schiffes ankämen, er einen Beutel oder 50 Gulden als Belohnung, wenn wir aber nur eine Minute später einträfen, er gar nichts bekommen solle. Der Mann überlegte sich die Sache, denn vor uns her zogen eine Menge türkischer Beys und Agas, welche wahrscheinlich alle Postpferde schon in Beschlag genommen hatten, dann sagte er: »Eyi söiledin!« – »Du hast gut gesprochen!« – »Bakalum...« – »Wir wollen es versuchen; bei meinem Kopf, wir werden ankommen!« – »... basch üstüne!« Nach einer Stunde saßen wir im Sattel und jagten über die Hochebene auf den Jildis-Dagh oder »Sternberg« zu. Am folgenden Morgen stiegen wir die steilen Waldschluchten nach Tokat hinab und erreichten spätabends Turhall; dort waren nun aber keine Pferde mehr zu beschaffen, erst am folgenden Morgen kamen einige aus Amasia zurück; wir nahmen sie sogleich in Beschlag, aber die Tiere waren so ermüdet, dass wir fürchten mussten liegen zu bleiben, ehe wir den zwölf Stunden weiten Ritt vollendet haben würden; deshalb entschlossen wir uns zu einem Umweg über Sileh, dem alten Zehlah, wo wir Pferde zu finden hofften. Die Stadt hat eine schöne Lage in einer fruchtbaren Ebene am Fuß des Gebirges; ein hoher künstlicher Berg trägt die alte Zitadelle und Mauern mit Türmen umschließen den Ort; dieser ist fast zugrunde gerichtet durch die Bedrückungen Hassan-Beys, welcher sich dafür ein prachtvolles Konak zu Sivas erbaut hat. Obwohl die Einwohner drohten sich gegen die Pforte zu erheben, fanden wir eine gute Aufnahme und treffliche Pferde; es fing schon an dunkel zu werden, als wir in das tiefe schöne Tal des Tokat-suj hinabstiegen, und erst um Mitternacht erreichten wir Amasia. Obwohl uns die Temperatur nördlich des Taurus um vieles gemildert erschien, so war doch die Nacht drückend heiß; in eine dichte Staubwolke gehüllt, ging es in der Dunkelheit auf dem holprigen, steinigen Pfad in vollem Rennen vorwärts; aber auf dem Hof des Müsselims fanden wir das ganze Gefolge Mehmed-Aly-Beys und nicht ein Pferd war zu haben. Unser Tatar war selbst sehr ermüdet und glaubte, dass es wohl nicht solche Eile haben werde: »Ne japalym?« – »Was können wir tun?« –, fragte er, zündete seine Pfeife an und fasste sich in Geduld. Das war nun unsere Absicht nicht, wir forderten durchaus Pferde. » Olmaz!« – »Es ist unmöglich!« –, sagte der Türke; »Olur!« – »Es wird gehen!«–, wir. Der Mann zuckte die Achseln und blieb bei »ne japalym«. Jetzt gab ich die Hoffnung auf, aber Laue hatte einen trefflichen Gedanken: Er eröffnete dem Tataren, dass, nachdem er sein Versprechen nicht erfüllt habe, er auch nicht weiter mit uns zu gehen brauche, und dass er sich vor Hafiz-Pascha in Acht nehmen möge, den wir von seinem Mangel an Eifer benachrichtigen würden. »Dann werdet ihr gar keine Pferde bekommen, auch morgen und übermorgen noch nicht.« – »Nichts ist leichter als das, wir haben dir 500 Piaster versprochen, die wir jetzt sparen; ich werde sogleich 250 davon auf dieser, die übrigen 250 auf der nächsten Station dem Imrahor bieten und heute Abend sind wir in Samsum.« Wirklich würde der türkische Postmeister für ein so bedeutendes Trinkgeld dem Bey selbst ein Pferd gestohlen und uns zugewendet haben, und eine einfache Algebra lehrte unseren Tataren, dass er wohl tun werde, sich selbst mit dem Mann für ein Geringeres zu arrangieren. Die Reise ging nun unaufgehalten weiter, nur dass wir alle aufs Äußerste ermüdet und erschöpft waren; in den letzten 36 Stunden hatten wir 38 Wegstunden zurückgelegt. Von einem Bergrücken mit prächtigem Laubwald erblickten wir endlich das flimmernde Meer und brachen, wie die xenophontischen Griechen, in lautes Freudengeschrei aus; in gestrecktem Galopp ging es zwei Stunden den steilen Hang hinunter in die Quarantäne von Samsun. Aber eine türkische Quarantäne dauert nicht länger, als nötig ist, um ein Empfehlungsschreiben des Paschas zu lesen oder 50 Piaster auf ein Sofakissen hinzuzählen. Zu unserer großen Freude trafen wir Vincke noch an, der nicht mehr gehofft hatte, dass wir ihn einholen würden, und schifften uns am folgenden Morgen zusammen ein.
Der eine Schritt von Samsun auf das österreichische Dampfboot führte uns in die europäische Verfeinerung. Wir forderten zuallererst Kartoffeln, die wir anderthalb Jahre am schmerzlichsten entbehrt hatten, und eine Flasche Champagner, um auf unseres Königs Gesundheit an seinem Geburtstag hier auf den Wellen des Schwarzen Meeres zu trinken. In unserer zerlumpten türkischen Kleidung, mager und abgezehrt, mit langen Bärten und türkischem Gefolge, wollte man uns erst gar nicht in die erste Kabine lassen, bis wir den Kapitän auf Französisch anredeten. Es ist nicht zu beschreiben, wie behaglich uns alles vorkam; da gab es Stühle, Tische und Spiegel, Bücher, Messer und Gabeln, kurz, lauter Bequemlichkeiten und Genüsse, deren Gebrauch wir fast verlernt hatten. [...]

62. Sultan Mahmud II.

Konstantinopel, den 1. September 1839
Heute besuchte ich das Grab des verstorbenen Großherrn. Auf dem Bergrücken zwischen dem Marmarameer und dem Hafen, unfern der Moschee Nuri-Osman, überschaut man das ganze Panorama von Städten und Meeren, Gebirgen, Inseln, Schlössern und Flotten, das sich an keinem anderen Punkt des Erdballs so reich zusammenstellt; dort, hatte einst Sultan Mahmud geäußert, wolle er begraben sein und dahin hatte man seinen Sarg gebracht; ein Zelt war über demselben aufgeschlagen und das Türbeh oder Grabmal wird nun über das Zelt gewölbt, denn die Asche des hingeschiedenen Herrschers darf nicht noch einmal gestört werden. Ruhe und Friede sei mit ihr! Sultan Mahmud hat ein tiefes Leid durchs Leben getragen: Die Wiedergeburt seines Volkes war die große Aufgabe seines Daseins und das Misslingen dieses Planes sein Tod.
Man hat erzählt, die Mutter Sultan Mahmuds sei eine Europäerin gewesen: Diese Behauptung möchte sehr schwer zu beweisen sein; so viel ist gewiss, dass der Großherr nicht eine Silbe Englisch, Französisch oder Deutsch verstand; er konnte daher auch die Kenntnis der Weltverhältnisse aus Büchern nicht schöpfen und seine wissenschaftliche Bildung beschränkte sich auf den Koran und auf die Kenntnis der arabischen und persischen Sprache, so weit beide nötig sind, um türkisch zu schreiben. Der osmanische Prinz verkehrte nur mit den wenigen Personen, welchen die Eifersucht des Despotismus Zutritt gestattete, und dies waren Weiber, Verschnittene oder Mullahs.
So war Mahmud 23 Jahre alt geworden, als eine Empörung ihn in die Welt hinausrief, die er bisher nur durch die vergoldeten Gitter des Serajs erblickt hatte. Als man ihn in dem weißen Kiosk über dem Eingangstor an der Gartenseite des Serajs unter einem Haufen Binsenmatten hervorzog, glaubte er, es geschehe, um ihn auf Geheiß seines Bruders zu erdrosseln; stattdessen umgürtete man ihn mit dem Säbel Ejubs und machte ihn zum unumschränkten Beherrscher eines weiten Reichs, von dem er gerade nur die Lustgärten am Bosporus kannte.
Was der neue Großherr überhaupt von den inneren und äußeren Angelegenheiten seines Landes wusste, das verdankte er unstreitig seinem unglücklichen Oheim, dem entthronten Sultan Selim, zu dessen Gunsten eben die Empörung eingeleitet war, welche ihm das Leben kostete und Mahmud zum Padischah erhob. Von Selim hatte dieser unstreitig die Anerkennung europäischer Überlegenheit, die Liebe zur Reform, den Hass gegen die Janitscharen geerbt.
Sultan Mahmud erkaufte den Thron durch Unterhandlung mit Empörern, denen er alle Forderungen bewilligen musste, und durch das Todesurteil seines Bruders. Die Familienbande sind im Orient lockerer als bei uns und zerreißen auf dem Thron leichter als in der Hütte; Mustapha war für Sultan Mahmud nur der Sohn seines Vaters mit irgendeiner Sklavin und sein Todfeind; selbst wenn er ihm das Leben hätte schenken wollen, so würde er es gegen den Willen des empörten Volkes nicht vermocht haben. Indem Mahmud nachgab, opferte er den Mustapha seiner Sicherheit und war der letzte und einzige noch übrige Sprössling vom Stamm Osmans.
Die Regierungsperiode Sultan Mahmuds ist bezeichnet durch das Erwachen zum Selbstbewusstsein der christlichen Völkerschaften, die seit Jahrhunderten unter dem Druck der Türkenherrschaft geschmachtet hatten, und der neunundzwanzigste Enkel Osmans büßte für das Unrecht seiner Vorfahren. Die Rajahs in Serbien, Moldau, der Walachei und Hellas griffen zu den Waffen; unter den Moslems selbst tauchte eine puritanische Sekte (die Wachabiten) feindselig auf; der Erbfeind, der Moskowiter, bedrängte die Nordgrenzen des Reiches, und die Paschas von Rumelien und Widdin, von Bagdad, Trapezunt und Akre, von Damaskus und Aleppo, von Latakia und Janina pflanzten einer nach dem anderen das Banner der Empörung auf, während die Hauptstadt selbst von den Meutereien der Janitscharen unaufhörlich bedroht war.
Die herbe Erfahrung von achtzehn Regierungsjahren hatte in Sultan Mahmud die innige Überzeugung erweckt, dass er bei den bestehenden Staatseinrichtungen nicht fortregieren könne und dass er Herrschaft und Leben an eine Umgestaltung der Verhältnisse setzen müsse, zu welcher er die Muster in den Einrichtungen des glücklichen Abendlandes suchte. Wie unvorbereitet er auch die Bahn der Reformen betrat, so hatte er gesunden Verstand genug, um ihre unabwendbare Notwendigkeit zu erkennen, und Mut genug sie durchzuführen. Zur Erreichung seines Zieles gehörte unerlässlich, dass er jede zweite Gewalt im Reich zu Boden warf und die ganze Fülle der Macht in seiner Hand vereinte; dass er den Bauplatz freimachte, bevor er sein neues Gebäude errichtete. Den ersten Teil seiner großen Aufgabe hat der Sultan mit Klugheit und Festigkeit gelöst, an dem anderen ist er zugrunde gegangen.
Zunächst war es die zügellose, mutwillige Gewalt der Janitscharen, die gebeugt werden musste. Dieses Unternehmen, bei dem bereits vier Großherren Thron und Leben eingebüßt hatten, wurde durch Sultan Mahmud jahrelang klug und beharrlich vorbereitet und an einem Tag, in einer Stunde kühn und glücklich vollendet. Am Mittag des 14. Juni 1826 hörte man in Pera den Donner der Kanonen von Konstantinopel herüberschallen und die nächste Nachricht war schon, dass die türkischen Strelitzen, die Prätorianer des Islam, nicht mehr existierten. Gestützt auf die unter allerlei Namen und Verkappungen gebildeten regulären Truppen und ganz besonders auf einen großen Teil der türkischen Bewohner der Hauptstadt selbst, ausgerüstet mit dem heiligen Banner des Propheten und einer Verdammungsfetwa des Scheich-ül-Islam, trat der Großherr aus dem Seraj hervor; Hussein-Pascha, der Janitscharen-Aga, war das tätigste Werkzeug ihrer Vertilgung. Aber während man die Kaserne auf dem Atmeidan frontal mit Kanonen beschoss, ließ man die Türen der Rückseite zur Flucht offen, und obwohl Ströme von Blut innerhalb der alten Mauern von Rumeli-Hissar und an vielen anderen Punkten des Reiches flossen, war man froh, die Kinder Hadschi-Becktaschs nicht zu sehen, welche sich verbergen wollten; denn die Janitscharen, die 199 Orta oder Bataillone zählten, bildeten den streitbarsten Teil des osmanischen Volkes selbst. Nur die am höchsten Stehenden, die Gefährlichsten und Trotzigsten wurden mit schonungsloser Strenge geopfert, so die berüchtigte Otuss-bir oder 31. Orta, welche in den europäischen Dörfern am Bosporus hauste, bis auf den letzten Mann vertilgt. Die bei weitem größere Menge der Janitscharen blieb im Land verborgen und noch heute siehst du in allen Provinzen des Reiches alte, kräftige Gestalten, denen das Abzeichen ihrer Orta auf dem rechten Arm mit unverlöschlichen blauen Zügen eingeätzt ist. Die Individuen blieben, aber das Korps ist vernichtet. [...] 
Seitdem der Großherr mit einem Schlag das Gewicht vernichtet hat, das die Türkei bisher in die politische Waagschale Europas geworfen, seit der Vernichtung der Janitscharen, büßte er Länder und Reiche an Feinden und Untertanen ein. Hellas, Serbien, Moldau und die Walachei entzogen sich seiner Macht, Ägypten, Syrien, Kreta, Adana und Arabien fielen einem aufrührerischen Vasallen zu; Besarabien und das nordöstliche Kleinasien wurden von den Russen erobert; Algier durch die Franzosen besetzt; Tunis machte sich unabhängig; Bosnien, Albanien und Tripolis gehorchten fast nur noch dem Namen nach; zwei Flotten gingen verloren, die eine im Kampf, die andere durch Verrat; ein russisches Heer überschritt den Balkan und erschien unter den Mauern der zweiten Hauptstadt des Landes; ja, um das Unglück voll zu machen, mussten die Waffen der Ungläubigen den Padischah in seiner eigenen Residenz gegen ein moslemisches Heer beschützen. [...]
Sultan Mahmud hinterließ seinem jungen Nachfolger das Land im traurigsten Zustand, denn abgesehen von der augenblicklichen Verwicklung, ist das Osmanische Reich mit Bezug auf die neuen Einrichtungen, die noch nicht Wurzel geschlagen haben, schwach wie ein Kind und hinfällig wie ein Greis in den älteren Institutionen, welche sich überlebt haben. Die unparteiische Beurteilung wird Peter dem Großen einen sehr viel höheren Platz in der Geschichte anweisen als Mahmud dem Zweiten; sie wird aber auch einräumen müssen, dass die Aufgabe des Sultans, wenn sie überhaupt zu lösen, noch unendlich schwieriger war als die des Zaren. [...]

63. Reise durchs Schwarze Meer und auf der Donau bis Orsowa

Ibrail, am Bord des »Fernandos«, den 13. September 1839
Wir verließen Konstantinopel am 9. September mittags; es blies ein ziemlich frischer Nordostwind und unser Kalk hatte Mühe, an das Dampfschiff das in Bujukdere zu unserer Aufnahme anhielt, heranzukommen.
Kaum waren wir über die Leuchttürme hinaus, so schaukelte das Schiff so gewaltig, dass ein Reisender nach dem anderen krank wurde, und erst am folgenden Morgen, nachdem das Wetter ruhiger geworden war, sah man sich wieder; wir erreichten um Mittag Varna, wo wir dem Pascha einen Besuch machten, und setzten bei ziemlich ruhiger See und klarem Himmel unsere Reise fort. [...]
Die Festung Neu-Orsowa mit dem gegenüberliegenden Fort Elisabeth gewährt einen sehr schönen Anblick. Die Festung ist, soviel ich weiß, unter Kaiser Leopold I. von den Österreichern erbaut worden; kaum fertig, ging sie nach dem Fall von Belgrad ohne Widerstand an die Türken verloren, die sich damit begnügt haben, der Kirche ein hölzernes Minarett anzufügen und alles Übrige zu lassen, wie sie es vorgefunden haben.
Den Serben können wir das Zeugnis geben, dass sie ihre neuen Quarantänevorschriften gewissenhaft befolgen: Als wir beim Eisernen Tor an Land stiegen, waren wir von Wachen umgeben; jedes Läppchen Leinwand, jede Feder wurde aus unserem Weg entfernt, weil, wenn sie unseren Fuß berührte, das Eiserne Tor kompromittiert werden konnte. Der Posten, der mit geladenem Gewehr vor uns herging, uns also den Rücken kehrte, befand sich in einer schwierigen Lage, und die mit Silber- und Goldmünzen und Blumen geputzten serbischen Mädchen, die zu einer Hochzeit nach Fekie gingen, liefen schnell und in einem weiten Bogen um unsere verdächtige Gesellschaft herum. Uns kam diese Ängstlichkeit sehr komisch vor, aber wenn man den Zweck bedenkt, kann man sie doch nur loben.
Als wir in Alt-Orsowa österreichischen Boden betraten, sah man, dass hier die Sache nicht mehr so neu war; wir wurden ohne Pedanterie, aber doch mit Vorsicht in die eine Viertelstunde entfernte Quarantäne von Schupaneck abgeführt. Als Vorsichtsmaßregel waren aber doch die Schwänze der Zugochsen festgebunden, damit sie nicht etwa einen der Fremden und gleich darauf den Fuhrmann anwedeln möchten. In der Quarantäne wurden wir zu einem zehntägigen Zwangsaufenthalt verurteilt.
(Moltke: Unter dem Halbmond, Kapitel 61 - 63)

09 Juli 2018

Moltke: Unter dem Halbmond - Die Schlacht bis Nisib Asbusu

60. Die Schlacht bis Nisib Asbusu
bei Malatia, den 12. Juni 1839
Du bist sehr lange ohne direkte Nachricht von mir geblieben, weil in der letzten Zeit die Ereignisse sich so drängten, dass kein Augenblick zum Schreiben blieb. Jetzt sitze ich wieder in meinem schattigen Quartier auf der Brücke unter dem Corneliuskirschbaum in Asbusu; aber manches hat sich geändert, seit ich diesen Ort verließ. Zu unserem festen Lager zu Biradschik standen wir so unbeweglich den ganzen Monat Juni still, dass die Schwalben anfingen sich Nester an meinen Zeltstangen zu bauen und Zeit und Weile uns lang wurde. Ein furchtbares Ereignis unterbrach jedoch die Einförmigkeit, als am 29. Mai mittags unser Pulvermagazin mit mehr als 1000 Zentner fertiger Munition in die Luft flog; man hatte zur Unterbringung derselben ein Hann oder gewölbtes steinernes Gebäude am Ufer des Murad innerhalb unserer Stellung gewählt. Nur auf wiederholte Vorstellung war es mir gelungen, sechzig Mann Wache aus dem inneren Hof des vierseitigen Gebäudes zu entfernen, die dort kochten und rauchten; es ging aber später noch, wie bei allen türkischen Pulvermagazinen, so arg her, dass ich bei dem ersten Knall keinen Augenblick im Zweifel war, welches Unglück uns betroffen hatte. Mein Zelt stand etwa tausend Schritt weit auf einer Höhe, die Tür gegen das Hann gewendet, entfernt genug, um außer aller Gefahr zu sein, nahe genug, um das Schauspiel deutlich mit anzusehen. Sobald der erste heftige Knall meine Aufmerksamkeit erregte, sah ich eine Feuergarbe aus dem inneren Hof emporsteigen, wo man eben Kisten mit Infanteriemunition öffnete; unmittelbar darauf flog das Hann selbst auf. Eine dichte Rauchsäule erhob sich bis zu einer unglaublichen Höhe in die klare blaue Luft, aus ihr aber zuckten helle Blitze, und ein Regen von Gewölbsteinen und Kugeln rasselte herab; das Platzen mehrerer hunderter gefüllter Granaten in derselben Minute verursachte ein Getöse, das viele Stunden weit in den Bergen widerhallte. Nun musst du wissen, dass in einer Entfernung von 80 Schritt zu beiden Seiten des Hanns 200 geladene Munitions- und Granatwagen standen; eine Protze flog wirklich in die Luft, und doch wurde wunderbarerweise der ganze Rest des Fuhrwerks gerettet. Einer meiner Kameraden, der Hauptmann Laue, war in größter Gefahr gewesen; er arbeitete zur Zeit der Explosion nur einige hundert Schritt weit vom Magazin und wurde an drei Stellen leicht verwundet; dennoch war er der Erste, der mit Hilfe einiger Artilleristen eine bereits brennende Granatprotze wieder löschte. Als wir mit der Infanterie herbeikamen, wurden schnell alle Munitionswagen aus der Nähe des Vulkans fortgezogen;
[...]
Die Wahrscheinlichkeit eines Erfolgs war auf der Seite der Pforte, aller Vorteil aber wurde aufgehoben durch einen Kardinalfehler: In Syrien befehligte ein Mann, um dessen Existenz es sich handelte; in Asien vier unabhängige Feldherren, jeder mit besonderen Interessen und einer eifersüchtig auf den anderen. So kam es, dass wir schon in Scharmützel verwickelt waren mit dem Gegner, als das Korps Isset-Paschas noch in Kalsarieh 150 Stunden rückwärts stand und das Hadschi-Aly-Paschas zu Konieh sich in einer solchen Passivität verhielt, dass Ibrahim diese Pässe fast von allen Verteidigern entblößen und sich dadurch verstärken konnte. Hafiz-Pascha wollte den Krieg und war gewiss, dadurch den geheimsten Wünschen seines Gebieters zu entsprechen; den Vorwand suchte er in einigen Plänkeleien der Araber. Es war mir zu jener Zeit sehr peinlich, immer abzuwehren, stets der Hemmschuh für alle Unternehmungen zu sein, immer auf die Ankunft der übrigen Korps zu verweisen und es blieb mir, um meinen Kredit zu retten, nur übrig, den tätigsten Anteil an solchen Expeditionen zu nehmen, deren Ausführung zu hintertreiben mir nicht gelungen. Ibrahim-Pascha hatte offenbar nicht die mindeste Lust den Streit anzufangen, er ließ sich viel gefallen. In einem Gefecht der irregulären Truppen hatten wir ihm achtzig Gefangene abgenommen und unsere Rekognoszierungen, bei der die Kavallerie ihre gänzliche Untauglichkeit dokumentierte, überschritten fünf Stunden weit die Grenzen; in Aintab hatten die Einwohner ihre Garnison in die Zitadelle gesperrt; diese hielt eine sehr schwache Kanonade aus, ergab sich aber nicht nur gegen Zusicherung ihres rückständigen Soldes von achtzehn Monaten, sondern nahm sogar Dienst bei uns. Das war nun mehr, als der syrische Generalissimus vertragen konnte, und am 20. Juni erschien er mit seinem ganzen Heer, überschritt gegen Mittag das Defilee von Misar und lagerte in dichten Haufen diesseits desselben, nur anderthalb Stunden vor unserer Front. [...]
Nachdem wir einmal auf unsere gute Stellung von Biradschik freiwillig verzichtet hatten, mussten wir die Schlacht da annehmen, wo Ibrahim sie uns bot. Es kam jetzt darauf an, schnell eine neue Front herzustellen, deshalb ließ ich den rechten Flügel, die große Batterie und die Garden stehen, sie bildeten den rechten der neu zu nehmenden Aufstellung; links von ihnen kamen drei Linien-Infanteriebrigaden; die Rediffs oder Landwehrbrigaden blieben in Reserve, eine hinter dem rechten, eine hinter dem linken Flügel und zwei hinter der Mitte. In der ersten Linie standen 14 Bataillone und 92 Geschütze, in der zweiten Linie 13 Bataillone, in der Reserve 24 Bataillone, 9 Kavallerieregimenter und 13 Geschütze. Vor der Front befanden sich zwei während der Nacht durch den Hauptmann von Mühlbach aufgeworfene Schanzen, der rechte Flügel lehnte an Ravins, der linke stand in einem lichten Olivenwald; die Reserve befand sich in einer Vertiefung des Terrains, ungesehen, die irregulären Truppen waren ganz links in das Gehölz gestellt.
Nachdem jedes Bataillon, jede Batterie und jedes einzelne Kavallerieregiment auf seinen Platz gestellt war, befand sich der Gegner noch auf dem Marsch in Richtung Biradschik. Ich hatte Zeit, mit dem Hauptmann Laue ein Huhn gemächlich zu verzehren, wobei die Umstehenden unseren guten Appetit bewunderten: Dann ritt ich noch etwa tausend Schritt vor die Stellung und brachte dem Pascha, der noch immer um seine linke Flanke besorgt war, die Versicherung zurück, dass dem rechten ebenso bedeutende Massen gegenüberstanden wie dem linken Flügel. Ibrahim-Pascha hatte in allen früheren Schlachten diesen Flügel umgangen und sein Marsch am Morgen deutete dieselbe Ansicht an. In der Schlacht am 24. Juni aber fand durchaus kein Überfall statt, und der Umgehung war vor Anfang des Gefechtes bereits durch eine neue Aufstellung begegnet. Alles stand seit einer Stunde bereit und die Soldaten hatten ihre Tornister hinter sich gelegt, um bequemer zu feuern. Die Bataillone der ersten Linie hatten deployiert, die des linken Flügels ihre Tirailleurs vorgezogen, die Reserveinfanterie stand in Kolonne nach der Mitte.
Im gerechten Vertrauen auf die Untüchtigkeit unserer Kavallerie hatte der Feind in Entfernung von einer Stunde vor unserer Front seinen Flankenmarsch ausgeführt; uns zunächst marschierte der größte Teil seiner Kavallerie und Artillerie, wohl 120 Geschütze, rechts derselben die Infanterie und die Reserve von allen Waffen; die Tiefe dieser Kolonne betrug wohl drei Viertelstunden. Es wurde ein kurzer Halt gemacht, dann ging die Artillerie im Trab vor und eröffnete ihr Feuer; die Infanterie blieb anfangs ganz aus unserer Schussweite zurück, zur Deckung der Artillerie ging die Kavallerie mit vor. Diese Anordnung war sehr verständig, sie hatte die Folge, dass unser sehr lebhaftes Feuer sich auf einen weiten Raum zersplitterte und die feindliche Reserve gar nicht erreichte, während das des Gegners den ganzen Raum unserer Aufstellung mit Kugeln überschüttete. Die feindliche Artillerie war in sehr großer Entfernung abgeprotzt, von unserem rechten Flügel war sie gewiss 2000 Schritt entfernt, auf dem linken etwas näher, sie schoss daher mit einem großen Erhöhungswinkel. Die Kanonenkugeln kamen wie die Granaten von oben herab, auch so matt, dass man sie mit den Augen verfolgen konnte; dieser Umstand war besonders ungünstig für uns: Rückte der Feind gleich nahe heran, so konnte die erste Linie allerdings noch mehr leiden, die zweite aber stand schon zum Teil, die Reserve ganz gegen den geraden Schuss gedeckt; so aber hatten wir schon in wenig Minuten kaum ein einziges Bataillon, das nicht durch Verluste moralisch erschüttert worden wäre. Sieben Achtel dieser Leute hatten noch nie eine Kugel sausen gehört; wenn zuweilen eine Granate in eine Kolonne einschlug und dort krepierte, so stäubten ganze Kompanien auseinander. [...]
Unter dem Vorwand, Verwundete wegzubringen, entfernten sich Trupps von vier, fünf Mann; die Reserve rückte hin und her, um dem Strichfeuer auszuweichen; kurz, moralisch war die Schlacht schon verloren. Eine lebhafte Kanonade war allerdings das Unangenehmste, was dieser Truppe begegnen konnte. Ein Bataillon von 480 Mann hatte nach Aussage des Kommandeurs 60 Tote. Die des linken Flügels werden wohl ebenso viel gehabt haben, dennoch glaube ich nicht, dass wir auf dem Schlachtfeld mehr als 1000 Tote und Verwundete gehabt haben.
In dem Augenblick, als ich den Pascha aufmerksam darauf machte, dass es unerlässlich sei, den linken Flügel wieder vorzunehmen, stürzte die Gardekavalleriebrigade ohne Befehl, wohl nur aus Unbehagen, aus der Reserve zu einem Angriff vor, der nicht einmal bis über unsere erste Infanterielinie hinaus gekommen ist; einige Granaten schlugen in diese Massen ein, sie kehrten in wilder Eile um und brachten die Infanterie in Verwirrung. Der Pascha war nach dem rechten Flügel geritten, wo er wohl den Tod suchte. Er selbst führte die Fahne eines Garderediffbataillons vor, aber das Bataillon folgte nicht. Von dem weiteren Verlauf der Schlacht lässt sich wenig sagen: Die Brigade Halid-Paschas wurde durch den Tod ihres tapferen Anführers erschüttert, dem eine Kugel den Kopf fortriss, während er vor der Front durch sein Fernglas sah; die Brigaden Ismael und Mustapha wichen zuletzt zurück, nachdem sie einen Kavallerieangriff abgeschlagen hatten; das erste Regiment der Brigade Heider-Pascha, das zuerst seinen Platz auf dem linken Flügel verlassen hatte, hielt nachher am längsten stand gegen die feindliche Infanterie, und sein Anführer wurde gefangen genommen; sonst aber ist ein eigentliches Nahgefecht gar nicht vorgekommen. Die Infanterie feuerte in ungeheurer Entfernung, oft aus der Kolonne, das Gewehr in die Höhe ab, die Kavallerie zerstreute sich und bald löste sich alles auf. Die Artillerie hatte sich eigentlich noch am besten gewehrt.
Da ich so glücklich gewesen war mit meinen zwei Kameraden gegen Ende des Gefechts im Zentrum zusammenzutreffen, so beschlossen wir uns aneinander zu halten. Uns kam es besonders darauf an, einen Vorsprung vor den Flüchtlingen zu gewinnen, denn sobald der Rückzug angefangen hatte, waren alle Bande der Disziplin gelöst. Die Kurden, und diese bildeten die größere Hälfte unseres Korps, waren unsere Feinde; sie schossen auf ihre eigenen Offiziere und Kameraden, sperrten die Gebirgswege und machten mehrere Angriffe auf Hafiz-Pascha persönlich. Andere Flüchtlinge warfen die Gewehre weg, streiften die lästige Uniform ab und wanderten fröhlich und singend ihren Dörfern zu. Wir gelangten am Abend bis Aintab, neun Stunden weit; dort aber ergriffen noch in derselben Nacht sämtliche Einwohner die Flucht aus Frucht vor Ibrahims Rache; wir mussten daher auch diese Nacht noch mit unseren müden Pferden aufbrechen, ritten den ganzen folgenden Tag ohne Lebensmittel für uns und ohne Gerste für die Tiere und trafen abends an einem Bach, vier Stunden vor Marasch ein, wo sich wenigstens Wasser und Gras vorfand.
Ich selbst war bis zur gänzlichen Kraftlosigkeit erschöpft, als wir am 26. morgens in Marasch eintrafen, wo wir einige Erholung fanden. Mein Pferd hatte ich in der Nacht vor der Schlacht, dann während derselben und zwei Tage und eine Nacht danach geritten, ohne dass das Tier etwas anderes als dürres Gras zu fressen bekam.
In Marasch sammelten sich allmählich viele Flüchtlinge. Bemerkenswert schienen mir die Äußerungen der Offiziere, welche die früheren Schlachten von Homs, Baylan und Konieh mitgemacht hatten, wo die Türken ihren Gegnern an Zahl weit überlegen gewesen waren; sie behaupteten, dass die von Nisib weit blutiger und der Widerstand besser und kräftiger als in allen vorhergehenden Gefechten gewesen sei!! Der Rückzug aber kostete fünf Sechstel des ganzen Korps und außerdem das ganze Material der Artillerie; die Landwehr ging fast in corpore nach Hause. Die Brigade Mahmud-Paschas besteht heute aus 65 Mann, die von Bekir-Pascha, welche 5800 Mann stark war, aus 351 usw. Nur die Kavallerie, welche aus Spahis (Lehnsmänner) besteht, ist größtenteils beisammen. Du siehst hieraus, mit was für Elementen wir zu tun hatten.
Die Unordnung in Ibrahims Korps muss indes fast ebenso groß gewesen sein. Am Tage einer siegreichen Schlacht gingen zwei Bataillone zu uns über und ägyptische Kürassiere begleiteten unsere Reiter auf ihrer Flucht; 3000 Gewehre wurden an diesem Tag im Lager von Biradschik von Flüchtlingen abgeliefert, die sich dort über den Euphrat retteten, und es wurde behauptet, dass Ibrahim auf seine eigenen zurückweichenden Bataillone gefeuert habe, was ich jedoch nicht für bestimmt ausgeben kann. So hing die Entscheidung an einem Fädchen, und so kam es, dass der Sieger auch nicht die kleinste Verfolgung unternahm. Bei der Disposition unserer Truppen schien dies freilich kaum noch nötig, aber dadurch wurde es möglich, dass der größte Teil der Flüchtlinge sich rechts in die Berge warf und auch Hafiz-Pascha den Weg nach Rumkaleh und Bohesne einschlug, auf dem aber kein einziges Geschütz fortgebracht werden konnte.
Mein Weg vom Schlachtfeld hatte mich durch unser altes Lager geführt und ich ritt heran, um zu sehen, was aus meinen Leuten und Pferden geworden war. Vor meinem von einer Kugel durchlöcherten Zelt fand ich einen meiner Maulesel erschossen, in dem Zelt meine sämtlichen Sachen zum Aufladen bereit und einen fremden Menschen; die Dienerschaft aber mit acht Pferden war davon. Unsere eigene irreguläre Reiterei war die erste gewesen, welche die Zelte plünderte, wobei sie von feindlicher Kavallerie gestört worden zu sein scheint. Der Tschausch, der mich im Gefecht begleitete, hatte sich auch etwas früh fortgemacht, ich traf ihn aber glücklicherweise später wieder, und unter diesen Umständen war eine türkische Bedeckung für unsere Sicherheit unentbehrlich. Ich bedauere hauptsächlich den Verlust eines Teils meiner Karten, von denen ich keine Kopien besitze. [...]
Nachdem ich zwei Tage in Marasch der Ruhe genossen, die unentbehrlich war, und wir erfahren hatten, dass Hafiz-Pascha nach Malatia gegangen sei , brachen wir dahin auf. Alle direkte Kommunikationen waren jedoch durch die Kurden und durch die turkmenischen Wanderstämme unterbrochen; wir schlossen uns daher 80 Reitern an, die unter Mystik-Bey in Payas einen kleinen Insurgentenkrieg geführt hatten und auf dem Umweg durchs Gebirge zur Armee zurückzukehren suchten. [...] 
Nachdem ich zwei Tage in Marasch der Ruhe genossen, die unentbehrlich war, und wir erfahren hatten, dass Hafiz-Pascha nach Malatia gegangen sei , brachen wir dahin auf. Alle direkte Kommunikationen waren jedoch durch die Kurden und durch die turkmenischen Wanderstämme unterbrochen; wir schlossen uns daher 80 Reitern an, die unter Mystik-Bey in Payas einen kleinen Insurgentenkrieg geführt hatten und auf dem Umweg durchs Gebirge zur Armee zurückzukehren suchten."
(Moltke: Unter dem Halbmond, Kapitel 60)

02 Juli 2018

Moltke: Unter dem Halbmond - Bei der Taurus-Armee

57. Aufbruch der Taurus-Armee 
Lager zu Karakalk am Murad, 5 Stunden unterhalb Samsat, den 29. April 1839 
Im Frieden und von keinem Feind belästigt, mit Benutzung aller Hilfsquellen des eigenen Landes haben wir soeben den Taurus auf den gangbarsten Straßen überschritten. Kommandos von 2000 Mann waren vierzehn Tage vorher mit Schneeschippen, Steinsprengen, Ebnen und Brückenbauen beschäftigt. Am Mittag des 14. April brachen die Korps von allen Seiten auf. Wahr ist es, dass wir das unglücklichste Wetter von der Welt haben, seit wir Malatia verlassen haben, regnet es in Strömen.
[...]

58. Versammlung des Korps zu Biradschik
Beledjik, den 7. Mai 1839 
Der Pascha hatte mich nach Karakalk vorausgeschickt, wo ich einen guten Lagerplatz für das gesamte Korps fand; mittlerweile war er selbst nach Biradschik gegangen, hatte sich in die Stellung verliebt und befahl ohne weiteres, dass alles direkt dahin abrücken sollte. Unsere Stellung hier vor Biradschik ist ohne Rückzug und die schulgerechte Kritik wird sie also tadeln; ich rechne ihr das als einen Vorzug mehr an. Eine Brücke würde unmittelbar hinter dem Schlachtfeld nur den Ausreißern nützlich werden, jetzt weiß jedermann, dass er stehen oder verderben muss. Unsere Stellung hat eine Verteidigungsfront von 3500 Schritt, auf welcher vier Schanzen ihrer Vollendung nahen, beide Flügel lehnen an den Murad, vor der Front ein Glacis von 600 Schritt, dann ein kleines, vollkommen eingesehenes Tal und jenseits sanft ansteigende Höhen; rückwärts fällt der Höhenzug stark, das zweite Treffen ist schon vom Feind nirgends mehr einzusehen und die Reserven sind ganz gedeckt. Der Anblick der 4000 Zelte von der Schanze herab gesehen, der Euphrat und das alte Schloss von Biradschik bilden, beiläufig gesagt, einen sehr malerischen Anblick. Die Stimmung unter den Truppen ist gut; sie glauben 80 000 Mann stark zu sein und begreifen nicht, warum wir hier so lange stehen bleiben. Wir lassen ihnen gern diese Meinung. [...]
Ich brauche dir nicht zu sagen, dass wir wieder sehr viele Menschen, namentlich durch Desertion, verloren haben; ich schätze die wirkliche Stärke auf 25 000 bis 28 000 Mann Infanterie mit 5000 Pferden und 100 Geschützen. Wenn wir 30 000 Mann ins Gefecht bringen, will ich zufrieden sein, das ist aber auch höchst wahrscheinlich mehr als alles, was Ibrahim an regulären Truppen gegen uns verwenden kann, da er doch den Kuleck-Boghas nicht wird entblößen dürfen, ohne dass Hadschi-Aly nachfährt. [...]

59. Das Lager 
Lager von Biradschik am Euphrat, den 10. Juni 1839 
Es ist so lange her, seit du keine Nachricht hast, dass ich dir gern heute einen langen Brief schriebe, aber das wird kaum mehr möglich sein, der Tatar geht morgen früh ab und mein Lichtstümpfchen ist beinahe schon in die Bajonettdille hinabgebrannt, die als Leuchter neben mir in die Erde eingepflanzt ist. Um dich jedoch nicht länger ohne Kunde von hier zu lassen, melde ich für heute nur das Wichtigste, dass wir von Malatia aufgebrochen und mit unserem ganzen Korps hier im Lager stehen, dass ich gesund und wohl, bei sehr starkem Appetit und etwas abgerissenen Kleidern und Stiefeln bin, denn wir haben einen beschwerlichen Marsch durch den Taurus hinter uns. Hoher Schnee, tiefer Dreck, ein neunundzwanzigtägiger Regen und beschwerliche Gebirgswege haben uns viel zu schaffen gemacht; jetzt wollen wir uns hier ein wenig ausruhen und uns die Zeit mit Exerzieren und Manövrieren vertreiben. [...]
Von der Höhe unserer Verschanzungen habe ich eine prächtige Aussicht; unten im Tal am Euphrat haben wir eine Stadt aus 4000 Zelten gebaut, der gewaltig angeschwollene Strom krümmt sich um drei Seiten unseres Lagers, und jenseits erhebt sich an der weißen Felswand Biradschik mit seinen Mauern und Türmen, Moscheen und Gärten, und über alles ragt das seltsame alte Schloss Kalai-Beda empor. Hunderte von beladenen Kamelen, je fünfundzwanzig unter dem Vortritt eines Esels, steigen langsam die Berge hinab, hoch auf dem vordersten sitzt ein Araber, der auf zwei Pauken verkündet, dass er uns Mehl, Zwieback und Reis zuführt; kleine Flotten von Flößen aus Hammelfellen eilen den Strom hinab, um Holz, Stroh und andere Bedürfnisse zu bringen; zahlreiche Herden von Schafen und Ziegen hüpfen an den Talhängen, und tausende von Pferden stehen angefesselt in den Gerstenfeldern. Die Bajonette, die Lanzen und Kanonen blitzen in der Sonne und von allen Seiten erschallen Trommeln und Hörner; dort zerren Hunderte von Soldaten einen uralten 36-Pfünder, der einst Bagdad beschossen hat, den Hügel hinan, hier schaufeln und hacken andere hunderte in der harten Erde, um Schanzen aufzuwerfen. Vor den Zelten wimmelt es von Menschen: Der eine backt Brot, wie man bei uns Eierkuchen macht, indem er einen dünnen Fladen auf einer Scheibe von Eisenblech über einem Feuer von Kamelmist breitet, der andere wäscht seine Hemden, dieser putzt sein Gewehr, jener flickt seine Schuhe und alle rauchen den Tschibuk, ich nicht ausgenommen. Mitten durch das Gewühl zieht ein Regiment Spahis auf Vorposten und blickt stolz auf die irregulären Reiter herab, die mit vierzehn Fuß langen Rohrlanzen und in der alten prächtigen Tracht ihre arabischen Hengste tummeln. Wie schade, dass ich nicht eine Camera obscura von Daguerre hier habe.

(Moltke: Unter dem Halbmond , Kapitel 57-59)

30 Juni 2018

Moltke: Unter dem Halbmond - Kleidung, Ramadan,


48. Die orientalische Nacht

Hauptquartier Asbusu bei Malatia, den 2. September 1838
Kleidung
Meine Tracht zu Hause ist ein großer weißer Mantel von dünnem wollenem Zeug, wie er bei den Kurden üblich ist und wie ihn die Malteser-Ritter aus diesen Ländern nach Europa mitgebracht haben. Nichts Zweckmäßigeres und Angenehmeres als diese Tracht; man kann unter dem Mantel anhaben, so viel und so wenig man will, er schützt beim Reiten gegen Sonne wie gegen Regen; nachts dient er als Bettdecke und je nachdem man ihn umhängt, anzieht oder umbindet, ist er Mantel, Kleid, Gürtel oder Turban. Die Konstruktion dieses Gewandes ist die einfachste, nämlich die eines in der Mitte aufgeschlitzten Sackes; dessen ungeachtet drapiert er sehr gut und die irreguläre Reiterei mit solchen Mänteln, bunten Turbanen und langen Flinten sieht wirklich malerisch aus. Die Türken steigen in demselben Anzug zu Pferde, in dem sie schlafen, und brauchen weder Sprungriemen noch Sporen anzulegen. Niemand braucht ein anderes Kleid anzuziehen, weil er zu einem vornehmen Mann geht, ausgenommen die reichen Rajahs, welche sich zu diesem Anlass einen zerlumpten Rock borgen. Hier sieht man überall noch das schöne alte Kostüm; der Turban ist ebenso kleidsam wie zweckmäßig. Je nachdem man sich gegen die Sonne oder den Regen von der einen oder der anderen Seite schützen will, wird der Schal anders gewickelt, mit dem Hut hingegen liefe man beständig Gefahr einen Sonnenstich zu bekommen. Das Beinkleid ist ein oft neun Ellen weiter Sack, der um den Leib zusammengeschnürt wird und an dessen unteren Ecken zwei Löcher sind, aus denen die Füße mit bunt gestrickten Socken hervorkommen; zwei, drei, sechs oder acht Jacken von leichtem Zeug, oft reich gestickt, schützen den Körper nach Maßgabe des Bedürfnisses; ein breiter Gurt oder ein Schal um den Leib nimmt Geldkatze, Tabaksbeutel, Handschar, Messer, Pistolen und Schreibzeug auf; eine Pelzjacke und darüber ein langer Pelz vervollständigen den Anzug, und ein Mantel von Ziegenhaar oder Filz schützt gegen Unwetter und dient als Lager. Jede Bewegung des Mannes in diesem faltenreichen Anzug gibt ihm ein stattliches Ansehen und alle Augenblick sieht man eine Figur, die man zeichnen möchte. [...]

50. Reise nach Iconium – Der Erdschiesch und Cäsarea – Kara-Djehennah – Iconium – Die Kilikischen Pässe – Der Bischof von Tomarse – Der Awscharenfürst 

Malatia, den 3. November 1838 
Am 3. Oktober verließ ich Malatia, begleitet von einem Dragoman, einem türkischen Tschausch, einem Tataren und einem Seïs oder Pferdeknecht mit dem Handpferd. [...]
Konieh liegt gegenwärtig außerhalb der alten Mauer und bildet eigentlich eine weite Vorstadt von einer Stadt, die nicht mehr existiert. Hadschi-Aly, der Gouverneur des ausgedehnten Sandschaks von Konieh, ein Pascha vom alten Schlag, hatte mich sehr freundlich empfanden und mir den Konak des Müsselims zur Wohnung angewiesen, der besser logiert war als Se. Exzellenz in ihrem Seraj aus Lehm; er wünschte, dass ich die Reise nach dem Külek-Boghas in Begleitung Ejub-Paschas, des Zivilgouverneurs der Provinz, machen sollte, und ich musste deshalb ein paar Tage in Konieh verweilen; zum Abschied schickte der alte Herr mir vier Beutel durch seinen armenischen Bankier. [...]
Die beiden Hanns neben der Brücke waren neu aufgebaut und dienten den Arbeitern zur Behausung; die Berge ertönen von der Axt der Holzhauer und dem Sturz der alten Pinienstämme. Aber in dieser Szene der Tätigkeit suchte ich den Urheber vergebens; ich fand meinen Kameraden in einem feuchten Stübchen des Hanns von einem heftigen Fieber geschüttelt. Bei einer so wichtigen Aufgabe war indes keine Zeit, krank zu sein, und noch am selben Tag beritt er mit mir die nächste Umgebung; wir kehrten erst bei dunkler Nacht heim, an den Thermen oder heißen Quellen vorüber, von denen schon Xenophon spricht. Am folgenden Morgen ritt Fischer mit dem Pascha und mir über Tagta-Köpry bis eine Stunde von Akköpry vor, wo die ägyptischen Grenzposten stehen; dann über hohe Berge nach Dschevisly-Hann, wo dieselbe Tätigkeit herrschte wie bei Tschifte-Hann, und tags darauf nach Maaden. Die Kraft des Willens siegte bei Fischer über die Schwäche des Körpers; wenn der Fieberanfall kam, so legte er sich eine Stunde unter einen Baum oder neben einer Fontäne nieder, wir machten ein Feuer aus Reisig und trockenem Gras, kochten einen Tee und setzten dann den Weg, so gut es gehen wollte, fort. In Maaden verließ ich meinen Kameraden und habe leider seit der Zeit noch keine Nachricht von ihm.  [...]
Die vorhandenen Karten von Kleinasien vermögen durchaus keine Vorstellung von der wirklichen Beschaffenheit des Landes zu geben; ich hatte erwartet, von Ekrek aus über lauter hohe Gebirge fortzuziehen, und war nicht wenig überrascht, eine weite Ebene zwischen schneebedeckten Bergen in der Richtung von Westen nach Osten zu finden, eine Öffnung in diesem Hochgebirge, als ob die Natur selbst den Menschen einen Durchgang bahnen wollte. So geht es bis Albistan oder El-bostan fort, einem sehr hübschen Städtchen mit prächtigen Pappeln und Obstbäumen in einer Ebene, die mit zahlreichen Dörfern und Feldern bedeckt ist. Hinter dem Städtchen erhebt sich schroff der schöne Scherr-Dagh, an dessen schwarzen Wänden die weißen Minaretts und Kuppeln sich abzeichnen. Die besonderen Verhältnisse, unter denen ich reise, schließen mir Gegenden auf, die zu durchstreifen jedem Europäer bisher unmöglich war; Gegenden, die man noch heute zum Teil nicht ohne militärische Eskorte durchziehen oder, wie den Karsann-Dagh, nur im Gefolge eines Heeres betreten kann. So günstige Umstände vereinigen sich selten und ich benutze sie gewissenhaft; ich habe jetzt auf mehr als 700 geographischen Meilen dies Land durchkreuzt und von sämtlichen die Wegeaufnahmen gezeichnet. 

51. Der Ramadan – Türkische Reiterkünste 
Malatia, den 8. Dezember 1838 
Wir befinden uns jetzt im Ramadan-scherif, d. h. in der edlen Fastenzeit; solange die Sonne am Himmel ist, dürfen wir weder essen noch trinken, der Geruch einer Blume, eine Prise Tabak, ein Trunk Wasser und, was schlimmer als alles, der Tschibuk sind verboten. Abends um 5 Uhr gehe ich in der Regel zum Kommandierenden, wo die Paschas versammelt sind, jeder mit der Uhr in der Hand; die große Messingscheibe ist schon mit Früchten, eingemachten Oliven, an der Sonne getrocknetem Rindfleisch, Käse, Scherbet usw. besetzt. Jetzt fehlt nur noch eine Minute an 12 (der türkischen Uhr), der Deckel wird von der Suppe aufgehoben und der verführerische Dampf steigert die Ungeduld aufs Höchste; endlich nach einer Minute, die gewiss 160 Sekunden hat, ruft der Imam sein »Lah-illah il Allah!« und mit einem »Bismillah« und »El ham d'illah!« fällt jeder über das, was ihm zunächst steht, her und rächt sich an Hammelfleisch und Pillaw für die lange Entbehrung. Da es unseren Freunden, den Türken, unmöglich ist, zu arbeiten, ohne zu rauchen, so geschehen jetzt alle Geschäfte des Nachts; die Kanzlei ist versammelt, Briefe werden gelesen und spediert, Meldungen angenommen, Geschäfte besprochen. Du kannst dir eine Vorstellung von der Wirtschaft machen, wenn ich dir sage, dass zwei Stunden nach Mitternacht dem Soldaten das zweite Essen verabreicht wird; gegen Morgen geht jedermann zu Bett und hat den folgenden Tag einen verdorbenen Magen und üble Laune. 
(Moltke: Unter dem Halbmond Kapitel 48-51)

28 Juni 2018

Moltke: Unter dem Halbmond - Heerlager, Deserteure

52. Die Winterquartiere

Malatia, den 23. Dezember 1838
Nichts von dem fröhlichen Treiben, das bei uns eine große Truppenversammlung bezeichnet, darfst du hier suchen. Es ist, als ob diese Leute den kriegerischen Geist ihrer Väter ganz abgestreift hätten; vor ein paar Tagen haben wir einen Tschausch erschossen, der sechs Schildwachen von ihrem Posten mitgenommen hat und mit ihnen desertiert ist, die anderen sahen zu und dachten: »Armer Teufel!« Der Pascha zahlt 250 Piaster für jeden eingebrachten Deserteur.
Täglich erblicke ich zwei, drei traurige Gestalten an einem Halfterstrick, die Hände auf den Rücken gebunden, geduldig von irgendeinem Kurden hergetrieben.
Ich habe sie zuweilen gefragt: »Eure Nahrung ist reichlich, eure Wohnung gut, eure Kleidung ist warm, ihr werdet nicht misshandelt, wenig angestrengt, gut bezahlt... Warum desertiert ihr?« – »Ischte beule olmüsch.« – »So ist es gekommen.« – »Ne japalym!« – »Was können wir tun!« Der Mann nimmt seine zweihundert Schläge seufzend hin und desertiert bei der nächsten Gelegenheit wieder. Von dem Regiment Boli sind auf dem Hermarsch dreihundertundvierundsechzig Mann ausgerissen. [...]

53. Reise nach Orfa – Das Dscheridwerfen – Die Höhlen – Das Schloss des Nimrod 
Biradschik, den 27. Januar 1839
Am 19. verließ ich Malatia und war recht froh, dass ich das Städtchen einmal im Rücken hatte. Ich reiste mit eigenen Pferden, da aber der Weg sehr schwierig und mein Tschausch mir eines meiner besten Tiere gleich auf dem ersten Marsch lahm geritten hatte, so schickte ich meinen Seïs zurück und nahm Postpferde. [...]
Nach einem mühsamen Marsch erreichte ich, über Adiaman und Samsat, Orfa am Abend des fünften Tages. Diese Stadt liegt am Abhang eines niedrigen, finster und seltsam aussehenden Gebirges und am Anfang der Tschöll oder Wüste, auf der Grenze der kurdischen und der arabischen Bevölkerung. Innerhalb der Ringmauern erheben sich eine Menge Kuppeln, Minaretts, Zypressen und Platanen, und die aus Steinen sehr zierlich erbauten Häuser mit dünnen Säulen, Spitzbögen und Fontänen erinnern an das, was die Araber einst waren, als sie, durch Mohammeds Lehre begeistert, die Eroberer eines Teils der gesitteten Welt und selbst die Bewahrer der Gesittung, der Wissenschaft und Künste wurden.  [...]
In Orfa stehen jetzt die meisten der Truppen, mit denen ich im Sommer gegen die Kurden gezogen war; hier wurde ich als alter Bekannter empfangen und die Aufnahme, die mir zuteil wurde, macht mir in der Tat viel Freude; Mehmed-Pascha, der Gouverneur von Orfa geworden ist, behielt mich gleich bei sich und hat mir Zimmer im Seraj eingeräumt, welches eine Art Zitadelle bildet; Pferde, Dienerschaft und gute Mahlzeiten, Ehrenbezeugungen und Komplimente, kurz, alles, was man in diesem Land anbieten kann, stehen zu meinem Dienste. [...]

54. Konzentrierung der Taurus-Armee
Malatia, den 5. April 1839
Unser Hauptquartier bricht in acht bis zehn Tagen von hier auf und sämtliche Truppen des Korps vereinen sich in einem Übungslager am Südfuß des Taurus, unweit Samsat. Durch die lange Anwesenheit beträchtlicher Massen sind die Vorräte in den bisherigen Unterkünften aufgezehrt und der Mangel an Fourage macht es nötig, eine wärmere Gegend aufzusuchen, wo die Pferde bereits Grasung vorfinden. [...]
Nach allem, was ich sehe, muss ich glauben, dass man in Konstantinopel ernstlich entschlossen ist, es auf die Waffenentscheidung ankommen zu lassen, und wirklich kann der gegenwärtige Zustand unmöglich noch fortdauern.

55. Reise nach Egin an den Frat 
Malatia, den 8. April 1839 
Ich bin vor ein paar Tagen von einer kleinen Reise zurückgekehrt, die ich diesmal auf eigene Faust und einzig für den Zweck unternommen habe das Terrain zwischen den beiden Armen des Euphrat kennen zu lernen, das noch von keiner Karte auch nur ungefähr richtig dargestellt wird. [...]
Die Sonne schoss glühende Strahlen auf die endlos scheinende Schneefläche, was die Augen, besonders bei der türkischen Kopfbedeckung, schrecklich blendet; ich folgte dem Gebrauch der Tataren, Schießpulver unter die Augen zu schmieren, was eine große Erleichterung gewährt.

 [...] sobald man den schroffen Kamm erreicht hat, erblickt man vor sich wieder das Tal des Frat und tief unten die Stadt Egin; diese Stadt und Amasia sind das Schönste, was ich in Asien gesehen. Amasia ist seltsamer und merkwürdiger, Egin aber großartiger und schöner, die Berge sind hier gewaltiger, der Strom bedeutender. Egin besteht eigentlich aus einer Gruppe aneinander stoßender Dörfer; da alle Häuser mitten in Gärten liegen, die von Nuss- und Maulbeerbäumen, Pappeln und Platanen überschattet sind, so bedeckt die Stadt einen sehr großen Flächenraum.
(Moltke: Unter dem Halbmond, Kapitel 52-55)

25 Juni 2018

Moltke: Unter dem Halbmond - Reise auf dem Euphrat

47. Ritt durch das Gebirge vom Tigris an den Euphrat – Reise auf dem Euphrat durch die Stromschnellen – Asbusu 
Karput, den 20. Juli 1838 
Am 30. Juni saßen wir in dem großen Zelt des Paschas auf roten Samtkissen beim Abendessen, als er plötzlich den Befehl gab aufzubrechen. Herzlich froh war ich, denn unser Lager am Fuß des Karsann-Dagh war höchst unangenehm; die Hitze ist dort furchtbar, wir hatten bis zu 32 Grad Reaumur [entspricht ca. 39 Grad Celsius] im Schatten. Unsere armen Pferde standen vom Morgen bis zum Abend in der Gluthitze der Sonne gefesselt, nur durch ihre dicken Filzdecken geschützt; das Ungeziefer quälte sie schrecklich und ihre ganze Nahrung war das frisch geschnittene Heu, das Wasser wurde in Schläuchen herbeigeholt. Aber uns in den Zelten ging's nicht viel besser; eine Menge Taranteln krochen an der Leinwand herum, die Schlangen suchten Schutz unter ihrem Schatten und zahllose Skorpione hausten zwischen den Steinen. [...]
Gegen Morgen erreichten wir Meja-Farkin, das alte Tigranocerta, den Sitz der einst mächtigen Könige von Armenien. Die Stadt liegt auf der untersten Stufe des Gebirges, aus dem ein reicher Fluss hervortritt und in schönen Windungen durch die Ebene dem Tigris zuzieht; aber das Innere zeigt fast nur Trümmer und die frischen Spuren des Zerstörungskrieges, der die Kurden unlängst mit Mühe unter die Herrschaft der Türken gebracht hat. Diese Eroberung hat tausenden nicht bloß von Bewaffneten, sondern auch von Wehrlosen, von Weibern und Kindern das Leben gekostet, hat tausende von Ortschaften zerstört und den Fleiß vieler Jahre nutzlos gemacht. Es ist betrüblich zu denken, dass sie wahrscheinlich auch diesmal, wie so oft früher, nur vorübergehend sein wird, wenn eine bessere Verwaltung den Kurden nicht ihre Unabhängigkeit ersetzt. [...]
Am nächsten Tag ritten wir durch das Gebirge nach Illidscha, und am 4. abends erreichten wir nach einem Gewaltmarsch Sivan-Maaden, nur die besten Pferde hielten noch neben der trefflichen arabischen Stute des Paschas aus, wohl die Hälfte des Gefolges war zurückgeblieben und die minder guten Tiere erlagen der Anstrengung.  [...]
Indem wir einen der Zuflüsse des Tigris hinaufritten, erreichten wir die hohe Wasserscheide zwischen diesem Fluss und dem Euphrat oder Murad; aber sehr überraschend ist es, wie nahe die Quellen des Ersten an dem Ufer des Letzteren liegen, der dort bereits zu einem mächtigen Strom herangewachsen ist. Die Entfernung beträgt kaum mehr als 1000 oder 1500 Schritt.
Ein sehr solides Floß aus sechzig Häuten wurde zu Palu gebaut, wohl verproviantiert und mit vier rüstigen Ruderern bemannt; ich bestieg es am 10. Juli in Begleitung von zweien meiner Leute und einem Aga des Paschas, alle gut bewaffnet, versah mich mit Bussole und Instrumenten und nahm von Ort zu Ort einen des Flusses kundigen Steuermann mit.
Der Strom, welcher bisher zwischen hohen bewaldeten Bergufern floss und bei Chun zwischen senkrechten prachtvollen Steinwänden über Felstrümmer brauste, tritt von Palu an in eine offenere Gegend und fließt schnell aber eben dahin. Bei Palu setzt eine elende Brücke über den Fluss, die letzte, die ihn überschreitet, und prachtvolle Ruinen einer alten Burg, die man hier den Dschenoves oder Genuesern zuschreibt, ragen hoch auf einem Spitzberg über die Stadt, diese ist rings von Gärten und Baumpflanzungen eingeschlossen.
Nachdem der Strom am Fuße der schönen Gebirgsgruppe des Mostar-Dagh vorübergeeilt ist, bildet die weite köstliche Ebene von Karput das linke Flussufer; der Euphrat aber wendet sich ab von derselben, tritt noch einmal in das hohe Gebirge und erreicht den Südrand jener Ebene auf einem vierzig Meilen weiten Umweg. Einige Klippen im Flussbett verursachen Strudel, die jedoch leicht durchschifft werden, und schnell gleitet man bis zu den Ruinen eines alten Bergschlosses, Perteck-Kalessi, fort, die sich auf einem hohen Felskegel am rechten Ufer erheben. Zwischen kahlen Bergen fuhren wir auf dem hier schiffbaren Strom die Nacht hindurch fort und erreichten gegen Morgen die Stelle, wo der Murad sich mit dem fast ebenso großen Frat vereint, der von Erzerum herunterkommt. Zwei Stunden weiter landeten wir in Kierwan oder Kjeban-Maaden.
Der Euphrat wird dicht unterhalb Kjeban-Maaden von rauen Bergen eingeschlossen; bald aber flacht sich das rechte Ufer mehr und mehr ab, und nachdem der Strom im weiten Bogen den Fuß des eirunden Berges umspült, auf dem die Ruinen einer weit sichtbaren alten Kirche sich erheben, hat man rechts die weite Ebene von Malatia. Erst bei Kymyrhan treten hohe wilde Gebirgsmassen von beiden Seiten zusammen und der Strom fließt von nun an in tiefen schauerlichen Felsenspalten fort. Mit außerordentlicher Schnelligkeit glitt unser Fahrzeug dahin und das Strombett war kaum zur Hälfte so breit, wie es oberhalb gewesen war; bald hörten wir ein fernes Brausen, von welchem die schroffen Felswände widerhallten, und die beschleunigte Schnelligkeit, mit der wir fortschossen, benachrichtigte uns, dass wir in die Nähe der Jelan-Degermeni oder Schlangenmühle gekommen seien.
Vorsichtig legten wir an und beschauten an einer vorspringenden Klippe die Örtlichkeit, ehe wir uns in die Wirbel hineinwagten; diese Stromschnellen liegen stets an solchen Punkten, wo das jähe Bett eines kleinen Gießbachs in den Strom mündet. Aus der Schlucht sind im Laufe der Zeit eine Menge größerer und kleinerer Felstrümmer herabgestürzt; sie haben vor der Mündung des Baches eine Landzunge angesetzt, welche die Breite des Stroms vermindert, und oft sind noch zum Überfluss gewaltige Steinblöcke bis in das Bett selbst gerollt, die bei niederem Wasserstand hervorragen, bei höherem aber von der Flut überspült sind, der sie einen unbesiegbaren Widerstand entgegensetzen. Der reißende Fluss, verengt und aus seiner Richtung geworfen, braust gegen die Unebenheiten an, bildet über denselben eine hohe Wassergarbe und jenseits eine gewaltige schäumende und wirbelnde Strömung, wie wenn du Wasser aus einem breiten Gefäß in eine enge Rinne gießt.
Die weniger schlimmen Stellen, die wir bereits passiert hatten, hatten mir schon einen ungefähren Maßstab von dem gegeben, was ein Kelek oder Floß wie unseres zu leisten vermag. Ich ließ »Bismillah– – »im Namen Gottes« – vom Ufer abstoßen; alsbald erfasste uns der allgemeine Wasserzug und ehe wir uns noch recht besinnen konnten, waren wir schon glücklich durch, obwohl zwar vom Kopf bis zu den Füßen durchnässt, denn von allen Seiten schlugen die Wasserwellen über uns zusammen; bei einer Hitze aber von vielleicht 40 Grad war das nur eine angenehme Erfrischung.
Solche Stromschnellen, wie ich dir eben beschrieben, die meisten aber von geringerer Bedeutung, liegen nun, über dreihundert an der Zahl, eine hinter der anderen, und bilden auf einer Strecke von etwa zwanzig Meilen die cataractae Euphratis[...]

Moltke: Unter dem Halbmond - Kurdenkrieg

43. Belagerung eines Kurdenschlosses
Sayd-Bey Kalessi, den 12. Mai 1838 
Die Expedition Mehmed-Paschas besteht aus drei Bataillonen des ersten und drei des zweiten Linien-Infanterieregiments. Das ganze Kommando war etwa 3000 Mann stark; es ist gegen einen kleinen Kurdenfürsten gerichtet, der schon seit fünf Jahren der Autorität der Pforte trotzt, gewaltsam Steuern eintreibt und viele Grausamkeiten verübt. [...]
Wir bezogen am linken Ufer ein Lager und die Anordnung desselben ist später stets beibehalten worden. Einen unerfreulichen Eindruck machen die Posten, die alle 20 oder 40 Schritt Front gegen das Lager stehen und die ganze Nacht jede Minute »Hasir-ol!« – »Sei bereit!« – rufen. Dessen ungeachtet entfernen sich viele der mit Gewalt rekrutierten Kurden. [...]
So weit es mit einer Arschine, einer Lanze und einer Wasserwaage geschehen kann, habe ich die Höhe gemessen und habe gefunden, dass die Spitze des großen Turms 1363 Fuß über dem Zelt des Paschas in der Wiese liegt. Hinter den Kulissen sieht man anders als vom Balkon. Dies Schloss ist stark durch seine Lage, aber schwach durch seine bauliche Ausführung; es kann auf keine Weise mit den soliden, prächtigen Bauten der Genueser verglichen werden, die Mauern sind dünn, gewölbt war nur das Kornmagazin, eine der Zisternen und die obere Etage des Turms, welcher Sayd-Beys Gemach enthielt. Der Baumeister hatte sich nie träumen lassen, dass Kugeln von den Klippen westlich des Schlosses herkommen würden und hatte die Eingangstür dieses Gemachs dorthin gekehrt. Nun kam aber wirklich eine 3-Okalik-Kugel von jenem Adlerhorst, zerschmetterte den Schlussstein des Gewölbes über der Tür und fuhr in den Spiegel über des Beys Ruhebett. Eine Bombe war in die oben offene Zisterne gefallen, war dort geplatzt und hatte das Wasser untrinkbar gemacht. Unser schwaches Kaliber hatte die Mauer stark genug beschädigt, was nur bei der schlechten Beschaffenheit derselben möglich war. Die Gegenwart eines fränkischen Offiziers hatte übrigens dem Bey ein übles Vorgefühl gegeben; meine unschuldigen Messgeräte, welche er auf allen Höhen, bald vor, bald hinter dem Schloss erblickte, schienen ihm eine Art Zauber, welcher ihn umstrickte, und er würdigte sie einer lebhaften Füsilade. Wir haben diese Details gestern von Sayd-Bey selbst erfahren. Im Schloss fand man sehr reichliche Vorräte an Korn, Gerste, Schlachtvieh und Pferden; Wasser war genügend vorhanden, aber von schlechter Qualität. Es herrschte eine Unreinlichkeit, die der Besatzung verderblich werden musste; der Hof lag überdeckt mit Resten von Lebensmitteln, Lumpen und Tiergerippen, und die Luft war von Gestank erfüllt. Unter dem Tor trat mir ein Kurde entgegen, der seinen verwundeten Bruder trug; der arme Mensch war durchs Bein geschossen und er erzählte mit Tränen in den Augen, dass er sich nun schon den siebenten Tag hinquäle. Ich ließ den Feldscher kommen: »Es ist ja ein Kurde«, sagte dieser zu wiederholten Malen mit stets gesteigerter Stimme, wie man jemandem sagt: »Begreifst du nicht, dass du Unsinn forderst?« [...]
Einer unserer Artilleristen ist schon vor acht Tagen überfahren worden; noch heute weiß niemand, ob das Bein gebrochen, verrenkt oder nur gequetscht ist; der Mensch liegt ganz hilflos in seinem Zelt. Diesen Zustand des Wundarzneiwesens, hoffe ich, wird Hafiz-Pascha beim Seraskier zur Sprache bringen; hier oder nirgends können Franken helfen. Beim Arzt steht auch noch die Sprache im Weg, aber der Wundarzt sieht und hat wenig zu fragen.  [...]

44. Die Berge von Kurdistan 
Sayd-Bey-Kalessi, den 18. Mai 1838 
Sobald man den Tigris überschreitet, erhebt sich ein köstliches Hügelland und steigt allmählich zum hohen Gebirge an, das noch heute mit Schnee bedeckt ist. [...]

Die Kurden
Der Kurde ist fast in allen Stücken das Gegenteil von seinem Nachbarn, dem Araber. Die Araber üben nur die Gewalt, wo sie eben die Stärkeren sind; sie fürchten das Schießgewehr und suchen auf ihren trefflichen Pferden das Weite; sie verschmähen den Ackerbau und die Städte, das Kamel ersetzt ihnen alles und befähigt sie ein Land zu bewohnen, in dem niemand sonst leben kann. Der Kurde hingegen ist Ackerbauer aus Bedürfnis und Krieger aus Neigung; daher die Dörfer und Felder in der Ebene und die Burgen und Schlösser im Gebirge; er kämpft zu Fuß, Mauern und Berge sind sein Schutz und das Gewehr seine Waffe. Der Kurde ist ein vortrefflicher Schütze, das reich ausgelegte damaszierte Gewehr vererbt sich vom Vater auf den Sohn und er kennt es wie seinen ältesten Jugendgefährten. Der Religion nach sind die meisten Kurden dieser Gegend Mohammedaner, nach der persischen Grenze zu aber wohnen viele jakobitische Christen. Es ist der Pforte nie gelungen, in diesen Bergen alle erbliche Familiengewalt so zu Boden zu werfen wie in den übrigen Teilen ihres Reiches.
Die Kurdenfürsten üben eine große Macht über ihre Untertanen; sie befehden sich untereinander, trotzen der Autorität der Pforte, verweigern die Steuern, gestatten keine Truppenaushebung und suchen ihre letzte Zuflucht in den Schlössern, welche sie sich im hohen Gebirge erbaut. Die Expedition Mehmed-Paschas ist glücklich gewesen; fünf Tage nach Eintreffen des Geschützes war der Platz zur Übergabe gezwungen, der Gesundheitszustand der Truppen ist vortrefflich, der Verwundeten sind nur wenige, fast nur unter den verbündeten Kurden, und diese werden nicht gezählt. An der Eroberung einer kleinen Gebirgsfestung, die ohnehin jetzt ein Schutthaufen ist, kann freilich dem Padischah wenig gelegen sein, sie war aber einer der Zentralpunkte des Widerstandes gegen die Pforte.


45. Zug gegen die Kurden

Karsann-Dagh, den 4. Juni 1838
Der Widerstand der Kurden war mit dem Fall Sayds nicht so allgemein beseitigt, wie wir gehofft hatten;[...]
Das Schlimmste ist, wie soll man einen Volkskrieg im Gebirge ohne jene Scheußlichkeiten führen? Unsere Verluste sind nicht unbedeutend. Mehmed-Bey und Mehmed-Pascha traf ich beim Sturm in der vordersten Reihe der Tirailleuren; Letzterem wurde das Pferd erschossen. Den folgenden Tag war Ruhe, dann ging es weiter in die Berge, wo eine unglaubliche Menge Gefangener aller Art eingetrieben worden sind; ich konnte diesem Zug nicht mehr folgen, nur mit meinen letzten Kräften und unter Eskorte des Paschas kam ich hierher in das Lager, welches außerhalb der Berge zurückgelassen ist und wo ich vier Tage recht elend krank gewesen bin. Der Krieg ist aber zu Ende und alles bittet um Gnade. Seitdem ich mit den türkischen Truppen diese freilich unbedeutende Kampagne mitgemacht habe, habe ich einiges Vertrauen gewonnen; wenn sie nur alle so sind wie diese zwei Regimenter. Die Leute gingen prächtig ins Feuer; der Fatalismus in ungeschwächter Kraft und Beutelust sind freilich bei dieser Gelegenheit mächtige Hebel für ihren Mut, denn ihre Gegner sind wohlhabend. Unsere Ausrüstung ist schlecht, aber der Himmel ist milde; den schwierigen Marsch hierher über steinige Gebirgspfade und durch zahllose Bäche und Flüsse machte unsere Brigade barfuß, die elenden Schuhe in der Hand; zum Gefecht wickelt sich der Soldat seine ganze Toilette samt dem Mantel als Gurt um die Hüften, was gar nicht übel ist. Die Gewehre sind schlecht und machen wenig Anspruch auf Treffen; auch zielen die Leute gar nicht. Während man das Dorf stürmte, bemerkte ich einen Tschausch, der mit abgewandtem Gesicht in Gottes blaue Luft hineinfeuerte. » Arkardasch – Kamerad«, sagte ich, »wohin hast du denn eigentlich geschossen?« » Sarar-jok Babam – es schadet nichts, Väterchen –, inschallah vurdu! – Will's Gott, so hat's getroffen«, antwortete er und feuerte rasch noch eins in dieselbe Richtung. Es ist aber auch wahr, dass wir die meisten Verwundeten von unseren eigenen Kugeln hatten, die immer von hinten über uns wegpfiffen.  [...]

46. Türkische Steuererhebung und Konskription – Kurdenkrieg 
Lager zu Karsann-Dagh (in Kurdistan), den 15. Juni 1838 
Ich habe mir Mühe gegeben mich über den Zustand dieses Landes zu unterrichten, das erst seit drei Jahren wieder der türkischen Herrschaft unterworfen ist. Die Kurden klagen über zwei Dinge, über die Besteuerung und die Truppenaushebungen. Die Kurden zahlten früher gar keine Steuern, aber fortwährende Fehden zertraten ihre Saatfelder, zerstörten ihre Dörfer und niemand fand Schutz gegen einen Mächtigen, außer in seiner eigenen Gegenwehr. [...]
Der Pascha hatte nicht gewollt, dass wir diesen Zug mitmachten, und ich gestehe dir, dass es mir ganz recht war. Um diesen Krieg brauchst du uns nicht zu beneiden, er ist voller Scheußlichkeiten. Nebst mehreren tausend Stück Vieh kamen etwa 600 Gefangene an; die Hälfte besteht aus Weibern mit kleinen Kindern: Ein Junge von sechs bis sieben Jahren hatte Schusswunden und die Kugel, die hier neben mir liegt, haben wir ihm herausgezogen, er wird aber wahrscheinlich durchkommen. Auch Frauen sind verwundet, dass es aber Kinder mit Bajonettstichen gibt, wirft ein trauriges Licht auf die ganze Handlung. Gestern Abend um 5 Uhr hatten die Unglücklichen, von Angst und durch den langen Marsch erschöpft, noch keine Krume Brot erhalten; nur mit Mühe schafften wir für die Soldaten selbst das nötige Mehl herbei und nun kommt unerwartet Zuwachs von mehreren hundert  Zuwachs von mehreren hundert Hungrigen, gerade als wir noch einen neuen Transport erwarteten. Ich brachte gestern den ganzen Tscharsi oder Markt an mich, aber was war da zu holen! Sechzig Ocka Rosinen und etwas Käse. Mehl haben die Leute in den Dörfern selbst nicht, denn unsere Pferde und Maulesel haben ihren schönen Weizen aufgezehrt; heute war ich so glücklich, einen Viertelzentner Reis aufzutreiben, von dem ich einen kolossalen Pillaw bereiten ließ. Kinder und Weiber stürzten darüber her, die Männer aßen Baumblätter; glücklicherweise ist heute Mehl angekommen, auch gestern spät hat man noch ein wenig Brot aufgetrieben; die Verpflegung ist jetzt regelmäßig.
Unter solchen Umständen machen einzelne hübsche Züge doppelte Freude. Ein Soldat des zweiten Regiments fand ein Kind von drei oder vier Tagen hinter einem Stein; während die anderen sich mit Beute beladen, trägt er das Würmchen wie eine Amme den weiten halsbrecherischen Weg hierher. Hier angekommen, findet sich, dass das kleine Wesen weder Vater noch Mutter mehr hat; der arme Mensch wusste gar nicht, wie er seinen Fund wieder loswerden sollte; eine Frau nahm sich endlich des Säuglings an und der Soldat ging auch nicht unbelohnt davon.
Man kann über dieses Unglück Hafiz-Pascha keinen Vorwurf machen; nach den Gräueln in Papur hat er nur zu lange gezaudert, weil man ihm Unterwerfung versprach und ihn täuschte. Endlich musste denn doch Gewalt gebraucht werden; und wo man solche Diener hat wie die Baschi-Bosuks, da kann man sich denken, dass viel Böses geschieht, dem kein Einhalt zu tun ist. Wie soll auch überhaupt ein Krieg mit Milde geführt werden, wo Felsen und Dörfer erstürmt werden müssen, auf die sich Weiber und Kinder mit ihrer Habe geflüchtet haben? Da ist solch Unglück unvermeidlich. Wir werden jetzt in wenigen Tagen hier aufbrechen, so viel ich weiß, nach Malatia.


24 Juni 2018

Moltke: Unter dem Halbmond - Reise auf dem Tigris und mit einer Karawane

Dschesireh am Tigris, den 1. Mai 1838
[...]
Reise auf dem Tigris
Man kann nicht bequemer reisen, als wir es taten: Auf weiche Polster hingestreckt, mit Lebensmitteln, Wein, Tee und einem Kohlenbecken versehen, glitten wir schnell und ohne Anstrengung mit der Schnelligkeit einer Extrapost vorwärts. Aber das Element, welches uns beförderte, verfolgte uns in anderer Gestalt; der Regen strömte seit unserer Abreise von Diarbekir unaufhörlich vom Himmel, unsere Schirme schützten uns nicht mehr und Kleider, Mäntel und Teppiche waren durchweicht. Am Osterfeiertag, als wir Dschesireh verließen, war die Sonne hervorgebrochen und durchwärmte unsere erstarrten Glieder; nun liegen aber eine halbe Stunde unterhalb der Stadt die Trümmer einer zweiten Brücke über den Tigris und ein Pfeiler derselben verursacht bei hohem Wasserstand einen gewaltigen Strudel; alle Anstrengung der Ruderer half nichts, unwiderstehlich zog diese Charybdis unsere kleine Arche an sich, wie ein Pfeil schoss sie in den tiefen Schlund hinab und eine hohe Welle ging über unsere Köpfe hinweg. Das Wasser war eisig kalt, und als das Fahrzeug im nächsten Augenblick, ohne umzuschlagen, schon harmlos weitertanzte, konnten wir das Lachen über die trübselige Gestalt nicht zurückhalten, die jeder von uns zur Schau trug. Das Kohlenbecken war über Bord gegangen, ein Stiefel schwamm neben uns her, und jeder fischte noch eine Kleinigkeit im Strom. Wir landeten auf einem Eiland und da unsere Mantelsäcke ebenso durchnässe waren wie wir selbst, so blieb nichts übrig, als uns auszuziehen und die gesamte Toilette, so gut es gehen wollte, an der Sonne zu trocknen. In geringer Entfernung, auf einer anderen Sandbank, saß ein Schwarm Pelikane, die, als wollten sie uns verhöhnen, ebenfalls ihr weißes Gewand sonnten; plötzlich merkten wir, dass unser Floß sich losgemacht und auf und davon schwamm, der eine Aga stürzte sich sogleich ins Wasser und erreichte es noch glücklich, sonst wären wir im Naturzustand auf der wüsten Insel zurückgeblieben. Nachdem wir uns notdürftig getrocknet hatten, setzten wir unsere Reise fort, aber neue Regengüsse machten die Arbeit unnütz; die Nacht war so finster, dass wir aus Besorgnis, in neue Strudel zu geraten, anlegen mussten. Trotz der empfindlichsten Kälte und durchnässt bis auf die Haut, wagten wir nicht, ein Feuer anzuzünden, weil wir sonst die Araber herbeigelockt hätten; wir zogen unser Floß in aller Stille unter einen Weidenbaum und warteten sehnsüchtig, dass die Sonne hinter dem persischen Grenzgebirge emporsteigen möchte uns zu erwärmen. [...]
An den Trümmern des sogenannten alten Mossul schifften wir vorüber und entdeckten gegen Abend die Minaretts von Mossul; dies ist der östlichste Punkt, den ich erreicht habe, und meine türkischen Begleiter mussten, als sie ihr Abendgebet verrichteten, sich gegen Westen wenden. Mossul ist die große Zwischenstation der Karawanen auf dem Weg von Bagdad nach Aleppo; eine Oase mitten in der Wüste, muss die Stadt stets auf ihrer Hut gegen die Araber sein; die Mauern, welche sie rings umschließen, sind schwach, aber hoch und genügen vollkommen gegen die unregelmäßigen Reiterhaufen der Beduinen; das Tor Bab-el-ämadi, das in den Kreuzzügen schon erwähnt wird, steht noch heute, ist aber zugemauert; die Wohnungen sind meist aus Luftziegeln und einer Art Kalk erbaut, der in wenigen Augenblicken erhärtet. Nach altmorgenländischer Sitte legt man hier einen hohen Wert auf die Schönheit und Größe des Tors (Bab), bei jeder Wohnung siehst du gewölbte Portale aus Marmor (der dicht vor der Stadt gebrochen wird) vor Häusern und Lehmhütten, die mit ihrem Dach kaum bis an die Spitze des Bogens reichen. [...]

Die Araber 
Kein Volk vielleicht hat Charakter, Sitte, Gebräuche und Sprache so unverändert durch Jahrtausende und durch die allerverschiedensten Weltverhältnisse bewahrt wie die Araber. Als unstete Hirten und Jäger streiften sie in wenig gekannten Einöden umher, während Ägypten und Assyrien, Griechenland und Persien, Rom und Byzanz entstanden und verfielen. Aber durch einen Gedanken begeistert schwangen sich eben diese Hirten plötzlich empor und machten sich auf lange Zeit zu Beherrschern des schönsten Teils der alten Welt und zu Trägern der dama 154ligen Gesittung und Wissenschaft. Hundert Jahre nach dem Tod des Propheten geboten seine ersten Anhänger, die Sarazenen, vom Himalaja bis zu den Pyrenäen, vom Indus bis zum Atlantischen Meer. Aber das Christentum, die höhere geistige und materielle Vervollkommnung, welche es hervorrief, und die Unduldsamkeit selbst, die seine erhabene Moral hätte ausschließen sollen, trieben die Araber aus Europa; die rohe Gewalt der Türken verdrängte ihre Herrschaft im Orient und die Kinder Ismaels sahen sich zum zweiten Mal hinausgewiesen in die Wüste.  [...]
Während fünf Tagen durchzogen wir die Wüste des nördlichen Mesopotamien, ohne irgendeine menschliche Wohnung zu erblicken. Du musst dir diese Wüste nicht als eine Sandscholle, sondern wie eine unabsehbare grüne Fläche denken, welche nur hin und wieder sanfte Terrainwellen zeigt; die Araber nennen sie »Bahr«, das Meer, und die Karawanen steuern in schnurgerader Linie vorwärts, indem sie sich nach künstlichen Hügeln richten, welche wie große Hünengräber sich über die Fläche erheben. Diese Hügel zeigen an, dass hier früher ein Dorf stand und folglich ein Brunnen oder eine Quelle sich befinde; aber die Hügel liegen oft sechs, zehn bis zwölf Stunden auseinander, die Dörfer sind verschwunden, die Brunnen trocken und die Bäche bittersalzig. Noch einige Wochen später, und diese grüne Ebene, welche jetzt ein reichlicher Tau nährt, ist nichts als eine von der Sonne versengte Einöde; das üppige Gras, das uns jetzt bis an die Steigbügel reicht, ist dann verdorrt und jedes Wasser versiegt. Dann kann man nur auf einem weiten Umweg dem Ufer des Tigris in der Nähe folgen; nur die Schiffe der Wüste, die Kamele, durchschneiden dann noch die Fläche.

Karawane
Sobald die Karawane das Nachtquartier erreicht, sprengt der Kjerwan-Baschi voraus und bezeichnet die Stelle des Lagers. Je nachdem sie ankommen, werden die Lasttiere abgeladen und die großen Säcke zu einer Art Burg oder Schanze in ein Viereck gestellt, innerhalb dessen jeder sein Lager bereitet. Unser Zelt, das einzige der Karawane, stand außerhalb und wurde mit einer besonderen Wache vom Baschi-Bosuks versehen. Die Kamele und Maulesel werden nun ganz frei in das hohe Gras getrieben und suchen sich das Wasser selbst auf, die Pferde aber stehen gefesselt an den Füßen: Ein Strick aus Ziegenhaar vereint mittels zweier wattierter Schleifen den rechten Vorder- und Hinterfuß und wird rückwärts mittels eines Pflocks an der Erde befestigt. Sobald aber die Dämmerung eintritt, werden die Kamele, die sich oft eine halbe Stunde weit zerstreuen, versammelt. Die Führer rufen ihnen mit lauter Stimme zu, jedes kennt das »Poah! Poah!« seines Herrn und kommt folgsam herbei. Innerhalb des Vierecks werden sie aufgestellt; der kleinste Knabe regiert das große, kräftige, aber durchaus harmlose und wehrlose Geschöpf; er ruft: »Krr! Krr!«, und die gewaltigen Tiere werfen sich geduldig auf die Vorderknie, dann falten sie die langen Hinterbeine, und nach allerlei seltsamen schaukelnden Bewegungen liegen sie in Reihen, eins neben dem anderen, am Boden, den langen Hals rings umher bewegend und sich umsehend. Mir ist immer die Ähnlichkeit des Kamelhalses mit dem des Straußes aufgefallen und die Türken nennen diesen Deve-Kusch, »Kamel-Vogel«. Eine dünne Schnur wird dem liegenden Kamel um das gebogene Knie gebunden; wenn es sich erhebt, muss es auf drei Beinen stehen und kann nicht fort. Wenn am Morgen das Tier beladen werden soll, so legt es sich schnarrend und mit kläglichem Gestöhn und Seufzern nieder, um seine Last aufzunehmen, und setzt die Wanderung fort. [...] (Kapitel 42)

Moltke: Unter dem Halbmond - Reise durch Rumelien, Bulgarien und die Dobrudscha

31. Der Turm von Galata 
Bujukdere, den 14. September 1837 
Zu meiner großen Freude trafen am 28. August drei meiner Kameraden, die Hauptleute Baron von Vincke und Fischer vom Generalstab und von Mühlbuch vom Ingenieurkorps in Konstantinopel ein. Das Dampfschiff wurde aus Triest erwartet und ich bestieg einmal über das andere den gewaltigen runden Turm von Galata, von dem ich über das Gewimmel des Hafens, über Konstantinopel und die Bogen des Valens fort in den flimmernden Propontis hinausspähte. [...]

32.  Reise durch Rumelien, Bulgarien und die Dobrudscha  – Der Trajanswall
Varna, den 2. November 1837 
Nach kurzem Aufenthalt in Bujukdere wurden meine Kameraden und ich dem Großherrn vorgestellt, der uns zu Beglerbey sehr gnädig empfing; bald darauf erhielten wir den Befehl zu einer Reise zur Donau. Bei uns würde man sich auf die Schnellpost setzen und wäre in zwei bis drei Tagen da; hier macht das etwas mehr Umstände; unser Gefolge bildet eine kleine Karawane von einigen vierzig Pferden und als wir über die Brücke von Konstantinopel ritten, sah der Zug ganz stattlich aus: Voraus eilte ein Tatar in seinem roten Anzug mit Pistolen und Handschar, der die Quartiere macht und die Pferde auf den nächsten Posten zusammentreibt; zwei andere Tataren schließen den Zug, um alles zu überblicken und die Nachzügler vorwärts zu treiben. Die militärische Bedeckung bilden drei Kawassen oder Gendarmen; außer ihnen folgen zwei armenische Dolmetscher, zwei griechische Bediente, ein Koch, drei türkische Offiziere, vierzehn Packpferde, vier oder fünf Surudschi oder Pferdejungen und ein paar Reservepferde. [...]
In diese öde Gegenwart ragen die Trümmer einer fast zweitausendjährigen Vergangenheit hinein. Auch hier sind es die Römer, die ihren Namen mit unverlöschlichen Zügen dem Erdboden eingegraben haben. Der doppelte, an einigen Stellen dreifache Wall, den Kaiser Trajan von Czernawoda an der Donau hinter der Seereihe von Karasu weg, nach Küstendsche, dem alten Constantiana, am Schwarzen Meer zog, ist überall noch 8 bis 10 Fuß hoch erhalten.

33. Altertümer in Konstantinopel – Die St. Sophia – Der Hippodrom – Das Forum Constantinum – Säulen und Kirchen – Die Stadtmauer 
Konstantinopel, den 28. Dezember 1837
Solche Fluten von Verheerungen sind über Konstantinopel zusammengeschlagen, dass fast jede Spur ihres Altertums verwischt worden ist. Dennoch ragen einige Denkmäler aus der Vorzeit und ich will dich an ihnen vorüberführen. Die meisten Erinnerungen haften an dem Tempel, den Konstantin der göttlichen Weisheit errichtete, und dessen Kalkwände und Bleikuppeln, durch vier riesenhafte Strebepfeiler gestützt, sich noch heute hoch über den letzten Hügel, zwischen dem Propontis und dem Goldenen Horn erheben. Dort steht noch immer die alte Sophia, wie eine ehrwürdige Matrone im weißen Gewand mit grauem Haupt auf ihre mächtigen Krücken gestützt und schaut über das nahe Gedränge der Gegenwart weit hinaus über Land und Meer in die Ferne. Feuersbrünste und Belagerungen, Aufruhr, Bürgerkrieg und fanatische Zerstörungswut, Erdbeben, Stürme und Ungewitter haben ihre Macht gegen diese Mauern gebrochen, welche christliche, heidnische und mohammedanische Kaiser unter ihre Wölbung aufnahm.
[...] obwohl fast alle Reiseschriftsteller über den Anblick der Aya Sophia in Bewunderung ausbrechen, so will ich dir nur gestehen, dass sie auf mich weder den Eindruck eines großen noch eines schönen Bauwerks gemacht hat, bis ich hineintrat. Die Sophia ist darin das Gegenteil der türkischen Moscheen überhaupt, welche von außen gesehen durch ihre geschmackvolle Bauart überraschen, deren Inneres aber keinen Ehrfurcht erweckenden Eindruck macht. Sie entbehrt eine der größten Zierden jener Moscheen, des Vorhofes, und man findet nirgends einen günstigen Punkt, um sie zu beschauen. Aber wenn man durch den Nartek oder Portikus, unter welchem die Büßenden zurückblieben, unter die weite Hauptkuppel tritt und einen Raum von 115 Fuß im Durchmesser ganz frei, ohne Säulen und Stützen vor sich sieht, über dem 180 Fuß hoch eine steinerne Wölbung in der Luft zu schweben scheint, dann staunt man über die Kühnheit des Gedankens, über die Größe der Ausführung eines solchen Baues. Die breiten Hauptkuppeln an den Seiten enthalten zwei geräumige Tribünen, getragen durch die acht Riesensäulen, die Konstantin aus Ephesus, Athen und Rom zusammenbrachte. Die Tempel Europas, Asiens und Afrikas wurden geplündert, um diese christliche Kirche zu schmücken, und du findest auf der zweiten Tribüne einen Wald von Säulen aus Porphyr, Gallo antico, Granit, Jaspis und Marmor.

34. Reise nach Samsun – Die Häfen des Schwarzen Meeres – Dampfschifffahrt 
Tokat in Asien, den 8. März 1838
Kaum finde ich Zeit, dir einige Zeilen zu schreiben, so schnell geht unsere Reise vorwärts; heute erst machen wir einen halben Tag Halt und ich setze mich sogleich neben ein loderndes Kaminfeuer, schichte eine Menge Sofakissen übereinander, um ein hier unbekanntes Möbel, einen Tisch zu konstruieren, und fange an meine Reiseschicksale zu erzählen; aber da kommt alle Augenblick ein Besuch, ein Oberst aus Konstantinopel, der mein alter Reisegefährte in Rumelien war und jetzt Kommandeur der Landwehr ist, ein Imam, ein Jude mit alten Münzen usw. [...]
Der Anblick von Samsum ist höchst angenehm; ein altes genuesisches Kastell, mehrere gut gebaute türkische Konaks, einige steinerne Moscheen und Hanns zeichnen sich schon in der Ferne ab. Das ganze Städtchen ist von einem Olivenwäldchen umgeben, welches das Bergamphitheater bekleidet und aus dem freundliche Kiosks und Gartenhäuser hervorblicken; die Gipfel der Hügel krönt ein griechisches Dorf und dahinter ragen Waldkuppen, die ihre 3000 Fuß Höhe haben mögen. Ich benutzte den Abend, um einen Plan dieses Orts, des Hafens und der Umgebungen aufzunehmen, und es kam mir wirklich seltsam genug vor, in Pontus, im Lande Mithridats, meinen englischen Patentmesstisch aufzustellen. [...]
Es hat sich so getroffen, dass ich nun fast alle Häfen des Schwarzen Meeres von der Mündung der Donau bis zum Kisil-Irmak genauer kennen gelernt habe; sie sind alle schlecht. Das schon von alters her so verrufene Schwarze Meer ist weder stürmischer noch so oft mit Nebel bedeckt wie unsere Ostsee und Untiefen und Klippen, wie jene, hat es gar nicht; die große Gefahr besteht hauptsächlich in dem Mangel an geschützten Reeden und gesicherten Häfen. Der ostindische Handel nahm früher seinen Weg durch die Levante. Die Genueser waren Herren aller Hafenplätze an der kleinasiatischen Küste, wie an so vielen anderen Punkten des Osmanischen Reiches. Überall haben sie dauernde Spuren ihrer Herrschaft hinterlassen; ihre Anlagen zeichnen sich durch Solidität und Tüchtigkeit aus; ihre alten Schlösser stehen noch jetzt und verspotten durch ihr Profil die späteren türkischen Anlagen. Persische Kaufleute besuchten auch früher schon die Leipziger Messe, von wo sie Fabrikwaren und Pelzwerk holten. Die Reise dauerte gewöhnlich fünfzehn Monate und war zahllosen Gefahren und Beschwerden ausgesetzt. Heute geht derselbe Handelsmann von Trapezunt mit den Dampfschiffen in vierunddreißig Tagen über Konstantinopel und Wien nach Leipzig und kehrt in zwanzig Tagen zurück. [...]
35. Amasia –Die Felsenkammern 
Sivas, den 10. März 1838 
Unser erster Marsch von Samsun betrug vierzehn Stunden; es gab mehrere Höhen und Täler zu überschreiten, die von Schnee eben erst entblößt, doppelt mühsam zu passieren waren; auch kamen wir spät in der Dunkelheit und von Regen durchnässe in Ladika an. Dieser Ort hat, wie wir am folgenden Morgen von den hohen schneebedeckten Bergen sahen, eine schöne Lage; wir stiegen nach einigen Stunden in ein breites angebautes Tal hinab, dessen Wände sich immer mehr näherten, bis sie dicht zusammentrafen und eine tiefe enge Schlucht bildeten. Schroff und fast ganz ohne Vegetation erhoben sich wohl 100 Fuß die Felslehnen zu beiden Seiten, während die enge Sohle des Tals zwei Stunden weit einen fortlaufenden Garten bildete, bedeckt mit Häusern und Maulbeerpflanzungen. In dem Augenblick, als wir über eine kleine Anhöhe hervortraten, entfaltete sich plötzlich der eigentümlichste und schönste Anblick, den ich je gesehen – die uralte Stadt Amasia. Der Zusammenfluss zweier beträchtlicher Gebirgswasser aus ganz entgegengesetzten Richtungen, welche dann vereint nordostwärts abfließen, bildet einen tiefen Gebirgskessel, in den Kuppeln, Minaretts und Wohnungen von 20 000 bis 30 000 Menschen zusammengedrängt sind. Schöne Gärten und Maulbeerplantagen, die der rauschende Strom durchteilt, sind ringsum von hohen Felswänden umschlossen, und rechts auf einer hervorragenden Klippe thront ein uraltes, seltsam gestaltetes Kastell. Was aber den befremdendsten Eindruck hervorbringt, sind die wunderbaren Felsenkammern, die in den senkrechten Steinwänden eingemeißelt sind; lange betrachtete ich diese kolossalen Nischen, Gänge und Treppen, ohne mir eine Vorstellung davon machen zu können, was der Zweck einer so mühevollen, vieljährigen Arbeit sein könne. Fünf große Felsenkammern befinden sich nahe aneinander und sind durch Galerien und Treppen verbunden, die mit ihren Balustraden in die Felswand eingehauen sind. Wahrscheinlich waren es Gräber der Könige von Pontus. Obwohl über 2000 Jahre alt, sind die Linien so scharf erhalten, als wenn sie eben fertig geworden. Der Anblick von der Zitadelle herab ist prachtvoll; es war eben Beiram, der größte Feiertag der Türken. Überall war Leben und sämtliche Frauen, in ihren grellen bunten Gewändern, kamen aus den Bädern. Von der Zitadelle wurde mit Böllern geschossen, die in den Tälern prächtig widerhallten, auch wir feuerten unsere Pistolen ab, um nach Kräften zu dieser Feierlichkeit beizutragen. [...]

36. Tokat – Siwas
Siwas, den 11. März 1838 Der Pascha dieses Orts ist gestern mit achtzig Pferden von hier fortgezogen, sodass die Post keine mehr hat und wir genötigt sind einen Ruhetag zu machen; ich fahre daher in meiner Erzählung fort. Die acht Wegstunden nach Tokat machten wir am 8. im weiten Tal des Tusanly, fast im beständigen Galopp; Tokat liegt in einer Schlucht, die aus hohen Bergen hervortritt. Eine scharfe Klippenwand schneidet beide Täler voneinander ab und auf dem letzten schroffen Gipfel ist kühn ein altes Schloss erbaut und durch einen unterirdischen Gang mit der Stadt verbunden; diese ist von bedeutender Größe und kann 30 000 bis 40 000 Einwohner haben. Sie liegt schön, aber doch nicht so schön wie Amasia.  [...]

38. Der Euphrat – Kieban-Maaden 
Kieban-Maaden am Euphrat, den 16. März 1838
Durch die einförmige Schnee-Einöde ging es am 14. fort bis Hassan-Tscheleby; die Häuser dieses Dorfes sind mit flachen Erdterrassen eingedeckt und liegen mit dem Rücken gegen eine Anhöhe, sodass, wenn man von dieser Seite kommt, man sie fast gar nicht gewahr wird. So geschah es mir, dass ich auf das Dach eines Hauses hinaufritt und beinahe durch den Rauchfang in den Salon der unterirdischen Familie gefallen wäre. Ich war sehr bestürzt über diesen Vorfall, als wir aber nach dem Frühstück weiterritten, ging die ganze Karawane über die gesamten Dächer der Ortschaft im fröhlichen Trabe fort. Je langweiliger die Gegend, je mühsamer der Weg bisher gewesen, umso erfreulicher war es jetzt, im raschen Galopp durch ein tiefes Felstal längs eines schäumenden Gebirgsbachs hinzueilen; das Wetter war sehr frisch, aber heiter, die Luft hatte schon die schöne blaue Farbe der italienischen Landschaft und die Felsen von rötlichem und blauem Gestein mit schroffen kühnen Abhängen waren malerisch schön. Im Hintergrund erhoben sich zu beiden Seiten mächtige Berge mit Schnee hoch überlagert, von der Abendsonne purpurn gemalt. So aus der Ferne sah der Schnee wundervoll aus, wir waren aber herzlich froh, ihn von unserem Wege vorerst los zu sein; die Nacht brachten wir in Hekimhann zu, eine Palanka oder Festung; der Hof des Hanns nämlich ist von einer Mauer umschlossen und enthält einige Dutzend Hütten, eine Moschee und ein Bad.  [...] Der alte Herr trank aus Gefälligkeit eine Flasche Xeres mit mir aus; nur darüber war er erstaunt, dass ich mit dem Degen äße, so nannte er meine Gabel. [...]

Das Städtchen Kleban-Maaden wird erst jetzt unten sichtbar; es liegt am Fuß einer schmalen Reihe von zackigen Bergen, die den Fluss zu einer weiten Windung nötigen. In seltsam geformten Booten setzten wir über; das Städtchen ist ganz gut gebaut und lebt von dem Ertrag der Silberminen, die sich in dieser schroffen Bergwand finden. Eine Stunde oberhalb fließen die beiden Wasser, der Murad vom Ararat kommend und der eigentliche Frat von Erzerum her, zusammen und bilden nun einen auch im Sommer nicht mehr zu durchwatenden Strom, der hier etwa 120 Schritt breit und überaus reißend ist. Sobald die Fähre in die Mitte des Flusses kam, glitt sie, mit Menschen und Pferden angefüllt, pfeilschnell abwärts und es schien, als ob sie unmöglich das andere Ufer erreichen könne, aber ein Gegenstrom erfasst sie bald und führt sie genau an die Landestelle. Zur größten Freude unseres Effendis gab's keine Pferde auf der Post. Der Pascha gibt uns morgen dreißig von seinen eigenen. Wir benutzten den Aufenthalt uns hier umzusehen und ins Bad zu gehen, denn ein verdächtiges Jucken erinnerte uns daran, dass wir in Asien reisten, und ich benutzte die Ruhe, um diese Zeilen auf meinem Knie niederzuschreiben.

39. Ankunft im Hauptquartier der Taurus-Armee Messre
bei Karput, den 19. März 1838 
Von Kleban-Maaden stiegen wir durch ein tiefes Gebirgstal drei Stunden aufwärts und erreichten dann ein flaches, aber hohes Hügelland, auf dem einzelne Kurdendörfer zerstreut liegen. [...]
Wir hielten eine halbe Stunde vor der Stadt in dem Dorf Messre an, wo das Hauptquartier sich gegenwärtig befindet. Ein weitläufiges Gebäude aus Lehm mit flachem Dach, wie ich es eben beschrieben, war die Wohnung des kommandierenden Generals; eine kleine Wache und zahlreiche Dienerschaft, Kawassen, Tataren, Seymen und Hausoffizianten füllten den Hof. Ich fand den Pascha in einem hohen, mit Balken eingedeckten Zimmer, dessen Fußboden und Diwan mit grauem Tuch überzogen und dessen Fenster mit Papier verklebt waren. An den Wänden hingen Waffen und auf den Sofas lagen eine Menge von Briefen in Stückchen Musselin eingewickelt und mit rotem Wachs versiegelt; Tische, Stühle, Kommoden, Spiegel, Gardinen oder anderes Gerät, welches wir für unentbehrlich halten, war so wenig hier wie in anderen türkischen Gemächern vorhanden; dagegen stand eine große Zahl von Dienern und Offizieren mit vor den Leib verschränkten Armen ehrerbietig schweigend da. Der Pascha saß mit untergeschlagenen Beinen auf einer Tigerhaut an der Erde; er war in einen blauen Mantelkragen mit Zobelbesatz gekleidet, den Fes auf dem Kopf. Se. Exzellenz empfingen uns mit einer leichten Bewegung des Kopfes, winkten uns niederzusitzen und sagten nach einer Pause, dass wir willkommen seien. Hafiz-Pascha ist ein geborener Tscherkesse und wurde für das Serail des Großherrn gekauft, er hat daher eine bessere Bildung erhalten als die meisten seiner Kollegen; er liest und schreibt, kennt etwas von der persischen und arabischen Sprache, hat einige Kenntnisse und viel Interesse für die ältere Geschichte des Landes; er begleitete die Gesandtschaft, die vor fünf Jahren nach Russland ging; in Skodra in Albanien leistete er einen dreizehnmonatigen Widerstand gegen die ihn belagernden Arnauten und als Reschid-Pascha in Diarbekir starb, gab der Großherr ihm das Kommando über die damals mit den Kurden im Krieg begriffene Armee, deren Hauptauftrag jedoch die Beobachtung der ägyptisch-syrischen Armee war. Anders als die meisten seiner Kollegen ist der Pascha blass und mager; der Fes, den er zuweilen zurückschiebt, bedeckt eine hohe, tief gefurchte Stirn. Wenige Wochen, bevor wir ankamen, hatte er eine Tochter und einen Sohn verloren. Obgleich gewiss nicht unempfindlich, beachtete er doch die ruhige, gelassene Haltung, die überall, aber besonders hier, einen Mann von Stande bezeichnet. Nach einigen Fragen über unsere Reise und nachdem wir Kaffee getrunken hatten, waren wir entlassen. Der Diwan-Effendi, unser Begleiter, blieb aber zurück, um seine Briefe und mündlichen Aufträge mitzuteilen. Man führte uns in ein großes Zimmer, ganz dem des Paschas ähnlich; obgleich noch niemand eigentlich wusste, was aus uns zu machen sei, empfingen uns die Leute doch freundlich; der Pascha schickte Betten aus seinem Harem und wir ruhten von den Beschwerden der Reise bis spät den folgenden Morgen. Wir waren noch nicht lange wach, als man vier prächtige arabische Hengste in den Hof führte; ein Geschenk des Paschas für uns.  [...]
In Is-oglu überschritten wir den Strom und kamen mittags nach Malatia, einer bedeutenden Stadt von 5000 aus Lehm erbauten Häusern, mit Terrassen statt Dächern; selbst die Kuppeln der Moscheen und Bäder sind mit Lehm überzogen, alle Höfe mit Lehmmauern umgeben und die ganze Stadt von derselben umformen grauen Farbe. Die Erfindung der Fensterscheiben ist für diesen Teil des Erdballs noch nicht gemacht.  [...]
Am 26. waren wir genötigt, Maulesel zu besteigen; die Tiere gehen sehr gut, nur muss man ihnen gestatten am äußersten Rand der Abgründe zu spazieren und sie nicht mit Zügel oder Sporen inkommodieren. Wir erkletterten an einer sehr steilen Berglehne den Kamm des Taurus und über ein Geröll von Steinen hinunter, welches in der Tat halsbrecherisch genug aussah. In einer wundervoll wilden Felsschlucht klebt an einer Berglehne das Dörfchen Erkeneh, tief unten schäumt ein Bach von Klippe zu Klippe und die schwarzen Felswände scheinen jedes Hinabsteigen unmöglich zu machen. Im Dorf Belveren bildet ein flacher Rücken die Wasserscheide zwischen den Zuflüssen des Arabischen und denen des Mittelländischen Meeres.
Gestern hatten wir einen mühsamen Ritt über hohe Gebirge, es schneite und regnete; als wir aber abends in das weite, prachtvolle Tal von Marasch hinabstiegen, änderte sich die Szene: Die Weide sprosste ihre ersten Blätter, das saftigste Grün färbte die breiten Felder und Wiesenflächen, in welchen sich zwei silberne Flüsse schlängeln, und Allahs goldene Sonne funkelte über der Stadt, während dicke schwere Wolken an den Schneegipfeln des Giaur-Gebirges hingen.
Heute war Ruhetag nach fünfundsechzig Stunden Ritt. Schon gestern Abend, durchnässt und halb erstarrt an dem südlichsten Punkte, den ich je erreicht, erquickte ich mich im heißen türkischen Bade; heute ordnete ich meine Papiere, ritt mit dem Pascha, der mir seine Rediff-Bataillone zeigte, und schreibe dir dies im Hofe eines armenischen Bankiers an einer sprudelnden Fontäne unter blühenden Mandelbäumen. (Kapitel 40)
41. Das turkmenische Lager – Der mittlere Lauf des Euphrats – Rumkaleh – Biradschik – Orfa 
Orfa, den 6. April 1838 [...]
Nach mehrstündigem Ritt über grüne Reisfelder und flache Hügel und nachdem wir den Fluss Akdere durchfurtet, sahen wir uns zwischen einer Menge von Zelten, die in kleine Dorfschaften an den Berglehnen und auf der Ebene gruppiert waren. Wir hatten einige Mühe die Residenz des Kurdenfürsten zu finden, und endlich entdeckten wir in einem kleinen Tal ein Zelt, das wohl 100 Fuß lang und halb so breit war. Der Aga, ein Greis mit schönem grauen Bart, von ehrwürdigem Aussehen, aber in ganz einfacher Tracht, empfing mich am Eingang. Das Innere des Zeltes (wie alle übrigen aus schwarzem Ziegenhaar) war durch niedrige Schilfwände in mehrere Gemächer abgeteilt, in denen die Fremden, die Frauen, die Pferde, Kamele, Kühe, Ziegen, jedes seinen Platz fand; ein mächtiges Feuer brannte in der Mitte. Die Kurden halten sich immer in der Nähe des Waldes auf, sonst wäre es auch fast unmöglich, im Winter, der mindestens ebenso streng und länger als der unsrige ist, in einer solchen Wohnung auszuhalten. Die Wirtschaft des Agas hatte ein ganz patriarchalisches Aussehen; er setzte mir Brot, Milch, Honig und Käse vor, er selbst aber ließ sich erst nieder, nachdem ich ihn dazu aufgefordert hatte. Nirgends war ein Anschein von Macht und Herrlichkeit und doch gebietet dieser Mann über 600 Familien.
(Kapitel 31 - 41)