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30 Dezember 2012

100 Jahre Universität Göttingen: Das Fest der Bürger

"In der Voraussicht, daß die Einladungen zum Banket des Königs nur wenige Frauen und Töchter aus dem Bürgerstande treffen würden, welche seit Wochen thätig gewesen waren, für den Schmuck der Stadt an diesen Festtagen zu arbeiten, hatte ein Comité jüngerer Leute, zu dem der Candidat der Advocatur, Bruno Baumann, gehörte, einen Subscriptionsball veranstaltet, der in denselben Räumen wie der Königsball stattfinden sollte. Die Unternehmer hatten mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen, mit der akademischen Bureaukratie, welche ihre paar Sessel und andere Utensilien nicht dem profanen Publikum überlassen wollte, mit der Polizei, welche eine Menge unnützer Präventivmaßregeln zu treffen sich verpflichtet glaubte, mit dem Stallmeister Ayerer, welcher die »Boutike« von seiner offenen Reitbahn so früh wie möglich entfernt und den Tanzsalon in den Winterreitsaal verwandelt zu sehen wünschte. Als alle diese Dinge überwunden waren, hatte der Magistratsdirector Ebel die Herablassung, sich und noch ein Magistratsmitglied an die Spitze des Comité stellen zu lassen und der Sache den Charakter einer von der Stadt gegebenen Festlichkeit zu vindiciren. Die jungen Unternehmer übersahen die Tragweite einer solchen Aenderung, sie sollten aber schon nach wenigen Stunden die Bedeutung fühlen. Der Subscriptionsball sollte um acht Uhr seinen Anfang nehmen. Da zu dem gestrigen Königsballe eine einfache Pastorentochter gar nicht, noch weniger eine sonstige »Landviole« eine Einladung bekommen hatte, so war der Zudrang zur Subscription noch am Tage des Balles selbst ungemein groß. [...]
Der Beginn des Balles war auf acht Uhr bestimmt, um zehn Uhr sollte soupirt werden, allein eine Menge tanzlustiger Damen hatte sich schon eine halbe Stunde vor dieser Zeit eingefunden, um einen passenden Platz zu finden, oder weil man es mit den Freundinnen verabredet hatte. Auch die jungen Herren, die damals noch nicht so tanzfaul waren wie heute, waren Schlag acht Uhr sämmtlich am Platze. Man hatte zwar nicht, wie am gestrigen Tage, zwei Musikcorps, sondern nur den Stadtmusikus, verstärkt durch einige Violinen und Clarinetten des mündener Jägercorps, dagegen aber hatte man die ganze große Reitbahn als einen Tanzsalon, und wer diesen durchwalzte, der hatte etwas Tüchtiges geleistet. Nun schlug es acht Uhr, schlug acht ein Viertel, ein Halb, das Tanzcomité war vollständig versammelt, bis auf den einen, den Chef der Stadt, den Würdenträger des Subscriptionsballes.
Endlich gegen drei Viertel acht Uhr erschien er in der vollen Würde seines Amtes, aber ohne seine Damen, die noch eine halbe Stunde auf sich warten ließen. Das galt für vornehm. Wie lang den jungen tanzlustigen Leuten die Stunde von acht bis neun wurde, ist unmöglich zu beschreiben. Die tanzlustigen Damen versuchten auf alle mögliche Weise das Tanzcomité zu veranlassen, den Tanz beginnen zu lassen, und die »Aufforderung zum Tanz« von Weber, die man zu Vertreibung der Zeit aufspielen ließ, dämpfte das Feuer nicht, sondern verstärkte es.
»Dreihundert oder vierhundert Mann können doch unmöglich darauf warten«, hieß es, »bis es der Magistratsdirectorin und ihren beiden Fräulein Töchtern gefällt, mit ihrer Toilette fertig zu werden?« Auch außerdem versprach es langweilig, steif zu werden. Die beiden Geschlechter saßen oder standen bis auf wenige Ausnahmen getrennt; die Damen auf den etwas erhöhten Tribünen hatten schon von vornherein angefangen, sich nach Ständen zu sondern. Den Platz unter dem Orchester hatten die Magistratsdamen eingenommen, daneben hatten sich die Frauen der königlichen Beamten, die sich höher dünkten, besonders gruppirt, eine dritte Gruppe bildeten die Frauen und Töchter der Kaufleute, Aerzte und Advocaten, dann kamen die Pastorentöchter und sonstige Landviolen, der eigentliche Bürgerstand hatte sich ganz auf die südliche Seite zurückgezogen, dem Orchester gegenüber, um sich dort wieder nach Reichthum oder sonstigen Familien- und andern Beziehungen in Gruppen zu sondern. Durch die Fürsorge der göttinger Freunde und Baumann's hatte die uns befreundete wiener Familie nebst Heloise von Finkenstein im Kreise einiger göttinger Professorenfrauen, die sich wiederum von den übrigen sonderten, nahe dem Eingange in den Banketsaal einen guten Platz gefunden.
Die Herren standen in der Mitte des Saales, viele jüngere Bürger, Angestellte, die gestern keine Berücksichtigung gefunden, vielleicht zweihundert Studenten, die mehr oder weniger eine Herzensflamme unter den Tänzerinnen hatten; man unterhielt sich von einer Menge tragikomischer Scenen vom gestrigen Königsballe. Was hatte die Tochter des Ministers des Innern, die schöne Augusta, sich gestern sagen lassen müssen? Wo hatte Graf von Schlottheim sich am Morgen gefunden? Was war aus den funfzig Flaschen Wein geworden, die eine lustige Compagnie ergaunert und, um solche vorläufig zu sichern, hinter der Mauer, an einem Orte, wo Feuerleitern oder sonstige Dinge aufbewahrt werden, verborgen hatte, um noch mehr zu acquiriren? Jeder hatte irgendein Abenteuer gehabt, auch an Liebesabenteuern, Bekanntschaftmachen, Bestellungen auf die nächsten Tage hatte es nicht gefehlt. Endlich gab der Magistratsdirector das Zeichen zum Beginn des Tanzes, die »Faustpolonaise« rauschte von dem Orchester herab, und, die Frau des Stadtsyndikus zur Seite, eröffnete er mit feierlich langsamem Hahnentritt die Polonaise. Ein Theil der schwerfälligen alten Welt, Bureaukraten und Würdenträger folgten ihm, alle mit häßlichen aufgeputzten Damen am Arme, die ihre Toiletten, welche seit einem halben Jahre Gegenstand ihrer Gedanken und Gespräche gewesen waren, nun wenigstens...[...]

Bruno Baumann schloß sich, die schöne Heloise von Finkenstein am Arme, gleichsam als Repräsentant der jungen Welt, der eine goldene Zukunft noch lächelt, der Welt des Werdenden, dem steif voranschreitenden Zopfe an. Er hatte auf dem Wege nach dem Hohenhagen mit seiner Tänzerin schon alle Touren, die man tanzen wolle, überlegt, denn er war von den Unternehmern als Vortänzer bestimmt gewesen. Nun hatte der Magistratsdirector diese Rolle übernommen und diesem schien die Polonaise in einem Umschreiten des Saales zu bestehen. Es war eine lange Colonne, die dem Würdenträger folgte. Als er wieder an seinem Platze angekommen war und im Begriff stand, die Frau des Syndikus mit einem feierlichen Diener zu ihrem Platze zu führen, stand Baumann am entgegengesetzten Ende des Saals, er kannte den Musikdirigenten gut und dieser Baumann's Art, die Polonaise zu tanzen. Bruno winkte mit dem Taschentuche. Die Musik begann in ein schnelleres Tempo zu fallen, und nun fiel er mit seiner Tänzerin von dem Zuge ab, dem er bisher gefolgt war, und durcheilte, mit schnellerm Tritt die Tänzerin um sich herumdrehend, die umgekehrte Richtung, um der alten Welt Zeit zu lassen, sich abzuthun und ihre Plätze zu finden. Seine Nachmänner folgten und bald hatte sich in dem schönen Saal ein buntes Gewirr, wie es die Polonaise erheischt, und wie die göttinger Jugend es durch Hölzke's, des Tanzlehrers, Unterricht allgemein kannte, verbreitet, jetzt bildeten alle Tänzer eine große nicht enden wollende Schlange, die sich selbst in den Schweif biß, dann fielen die Herren zur Linken, die Damen zur Rechten ab, um sich am andern Ende des Saals zu fangen, bildeten einen großen Kreis, liefen Sturm und durchbrachen die Gegenseite. Man wickelte sich zum Knäuel auf und wickelte sich ab, bildete drei große Windmühlenflügel, in deren Winkeln gewalzt wurde, legte eine Ecossaisentour ein, die jedes Tanzpaar mit den übrigen in Verbindung brachte, und vergnügte sich sehr. Der Magistratsdirector hatte das Weitertanzen verhindern wollen, er fühlte sich in seiner Amtswürde verletzt und hat Bruno Baumann diesen bösen Streich, wie er ihn nannte, nie vergessen. Aber das Eis des conventionellen Tanzes war gebrochen, der steife Ton war dahin, die Jugend hatte den Sieg davongetragen, von jetzt bis zum andern Morgen herrschte nur Lust und Frohsinn. »Ach welch ein schöner Ball«, seufzten die schönen Göttingerinnen noch einige Jahre später, »und was wäre daraus geworden, wenn der Dr. Baumann nicht die langweilige Ebel'sche Polonaise in eine lustige umgewandelt hätte!«"
Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 6. Buch, 5. Kapitel

29 Dezember 2012

Das hundertjährige Jubiläum der Georgia Augusta 1837

Das Fest des Königs

"Ernst August, der sein Quartier auf der Domäne Weende aufgeschlagen, gab in den Räumen der Paulinerkirche unter dem sogenannten historischen Saale der Bibliothek an allen drei Fasttagen Diners, zu denen neben Diplomaten und hohen Herrschaften, Abgesandten auswärtiger Universitäten, göttinger Hofräthen und Professoren, auch jeden Tag an funfzig bis sechzig Studenten – aus der Zahl der Offiziere und Fahnenträger – eingeladen waren. Dem jungen Nordamerikaner als Träger des Sternenbanners traf die Einladung für den zweiten Tag. Ernst August war splendid, er ging den Gästen mit gutem Beispiele voran, und alt wie jung hatte man den Weinen der königlichen Tafel etwas reichlich zugesprochen; man konnte es den vielen Herren, »die über Leichen dinirt hatten«, wie Dahlmann sagte, im Ballsaale der Reitbahn deutlich ansehen, daß sie Gäste des Königs gewesen waren.  [...]
Studenten pflegen nun aber weder Freunde von Thee noch von Mandelmilch zu sein und von Sodawasser nur am Morgen nach einem Commerse. Man begehrte also Wein, der alte Schröder, der Hofkellermeister, weigerte sich aber lange standhaft, Wein vor Beginn des Souper zu verabfolgen; als indeß der Sohn des Hofpredigers kam und für seinen Vater um eine Flasche Wein bat, machte er eine Ausnahme und holte sogar eine Flasche Steinberger Cabinet herbei, die beste Sorte, welche Ernst August im Keller führte. Wehe, dreimal wehe dieser Ausnahme, die von vielen neidischen Augen gesehen war. Es traten nun verschiedene alte Herren an das Weinbüffet und begehrten Wein, darunter Leute bei Hofe wohlbekannt und angesehen. Man konnte ihnen nicht abschlagen, was man dem Sohne des Hofpredigers gewährt hatte. Bald trat einer nach dem andern heran und man sagte: »Wir alle sind Gäste des Königs, und was dem einen recht ist, ist dem andern billig!« Es wurde nach und nach jedem, der es forderte, eine Flasche Wein gereicht, wenn auch nicht Steinberger Cabinet, Gläser standen auf der Tafel. Da bot der Eßsalon nun einen sonderbaren Anblick, mehr als fünfhundert Personen saßen mit den Rücken gegen die Tafeln, jede mit einer Flasche Wein zu ihren Füßen oder zwischen den Beinen, das Glas in der Hand. Es wurde fortwährend eingeschenkt und nach burschikoser Manier vor- und nachgetrunken, und ob auch ein Generalsuperintendent ein freundlich saueres Gesicht machte, wenn ein Bursch, ihm unbekannt, zu ihm trat und sagte: »Altes Kamel, es kommt dir eins«, so mußte er doch Bescheid thun und nachtrinken.  [...]
Im Banketsaal wurden inzwischen die Kronleuchter angezündet, die Studenten, welche Wein- und Küchenbüffet erobert hatten, zwangen, den Säbel in der Hand, die goldbetreßten Diener und eine Menge in Uniform gesteckter Stiefelputzer und Aufwärter, aufzutragen, was zu haben war, während andererseits die Köche zu retten und zu verstecken suchten, was zu retten war, und der alte Schröder die ordinärsten Weine massenhaft auf die Tafeln schickte. [...]
Das Tanzen hatte aufgehört, man stand in Gruppen, um zu berathen, was zu thun sei, Magnificus hatte die nüchtern gebliebenen Senioren und Consenioren um sich gesammelt, um zu berathen, was geschehen könne; Baumann zog einen der letztern beiseite und gab den Rath: »Laßt die Musikbande der Dragoner von dort oben kommen, zieht in geordnetem Zuge in den Banketsaal, macht dort an drei Orten halt und laßt, während die Musik schweigt, laut verkünden: alle braven Burschen würden aufgefordert, dem Hofrath Mühlenbruch, der wegen Krankheit zu Hause geblieben und dort seinen Geburtstag feiere, ein Vivat zu bringen, und ziehen dann unter Blasen des »Gaudeamus igitur« durch den Tanzsaal im Polonaisenstil ins Freie; ich wette, kein halbes Dutzend bleibt sitzen, und wer sitzen bleibt, der wird durch die Scheuerweiber, die nöthig sein werden, hinausgescheuert und hinausgefegt.« Der Rath fand Beifall, der Cordon wurde aufgelöst, die Offiziere, die ihn gebildet hatten, zogen an der Tête des Zuges in den Banketsaal, in der Mitte wurde halt gemacht, die Musik schwieg, ein Herold forderte zu dem Zuge nach Mühlenbruch auf. Inzwischen hatten sich im Tanzsalon alle Anwesenden aus dem einen Theile in den andern gezogen, sodaß man, als die Tête und nach ihr die Musik wieder erschien, in der freien Hälfte des Saales einen halben Kreis beschreiten konnte. Die Damen, welche in dem Banketsaale wider ihren Willen bis dahin festgehalten waren, schlichen sich, als der Cordon geöffnet war, zum größern Theil in den Tanzsaal, andere wurden von ihren Tischnachbarn befreit, sobald der Zug den Tanzsalon verließ. Es waren höchst komische Gestalten, die sich hier im Zuge durch den Saal bewegten, alt und jung. Der Banketsaal wurde aber leer, er konnte gereinigt und von neuem gedeckt werden, und wenn auch manche delicate und seltene Speise verschwunden war, so war doch noch so viel übrig, um die Tanzlustigen, welche sich wieder nach dem Anfange des Tanzes sehnten, zu befriedigen. Die ältern Freunde eilten nach Hause, um zur Ruhe zu kommen, nur Hermann Baumgarten blieb zum Schutze der Damen, die bis zum Morgen tanzten."
Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 6. Buch, 5. Kapitel

25 Dezember 2012

Göttinger Revolution III

"Es wird sich kaum bezweifeln lassen, daß, wenn man die Leute in der Universitätsstadt ruhig hätte fortwirthschaften lassen, ohne achttausend Mann Truppen zusammenzuziehen, die sogenannte Revolution wahrscheinlich ebenso bald zerfallen wäre, als sie jetzt zu Ende gebracht wurde. Ein Leben, wie man es seit acht Tagen in Göttingen führte, läßt sich nicht wochenlang aushalten. Kein Handwerker arbeitete, auch wenn die Arbeit dringend erforderlich war, es sei denn, daß es auf Befehl des Gemeinderaths geschah und sich etwa um das Schmieden von Piken, deren einige hundert angefertigt wurden, oder um das Setzen und Drucken von Decreten und Bekanntmachungen handle. Alle Philister waren, wenn sie sich nicht auf der Wache befanden, oder zur Parade aufmarschiren mußten, vom Morgen bis zum Abend im Wirthshause, um ihr Dünnbier (Klapütt genannt) und den reinen Korn dazu zu trinken, zu politisiren und die Freunde, welche noch nicht eingeschlachtet hatten, mit den Resultaten der diesjährigen Weiß-, Knack-, Leber-, Rothwursternte näher bekannt zu machen. Diejenigen, welche erst Ende Januar oder im Februar einschlachteten, bezahlten für die Wurstlieferanten natürlich die Getränke und versprachen ihrerzeit frische Wurstlieferung. Die Hauptwachen aber auf dem Rathhause und in der Bosia sowie die Wachen an den Thoren waren weiter nichts als große Kneipen, in denen es vom Morgen bis in die Nacht lustig und guter Dinge herging, bis einer der Wachthabenden in die »Todtenkammer« gebracht werden mußte, um seinen Rausch auszuschlafen, oder sich auf die Pritsche legte, um auszuruhen. Da wurde gesungen, gezecht, Karten gespielt vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen. Was aber das Beste war, das alles ging auf Regimentsunkosten, wie man es nannte. Der wachthabende Offizier requirirte, die Beschlußnahme des Gemeinderaths, daß Requisitionen von diesem signirt und unterzeichnet werden müßten, wurde als zu weitläufig und formell nicht mehr beachtet. Man hielt es für genügend, daß die beiden Offiziere von bürgerlicher und akademischer Seite sich über das Bedürfniß der Wachtmannschaft verständigten. [...]
Diese Bons und Requisitionen hatten in den Rauchkammern der göttinger Hausfrauen binnen acht Tagen mehr Verwüstungen angerichtet als sonst die Monate vom Januar bis zum April; selbst die nur halb geräucherten Blasenwürste, die Sülzen, die für das Osterfest reservirten gesalzenen, jetzt im Rauch hängenden Schweinsköpfe wurden nicht geschont. Wenn zwei Bürgerfrauen zusammenstanden, so konnte man versichert sein, daß sie sich gegenseitig ihr Leid klagten. »Mein Mann hat heute unsere letzte Rothwurst – die Knackwurst ist schon seit drei Tagen aufgefressen – mitgenommen, die Zungenwurst im Magen, die wir sonst Pfingsten auf Mariaspring zu verzehren pflegten«, so klagte die Schusterfrau; »Gesell und Lehrling thun seit acht Tagen keinen Handschlag, essen aber das Doppelte, für die Butter wollten die Bauern aber gestern acht Groschen haben.« [...]
Während in der Stadt viele Kugeln gegossen und Patronen gemacht wurden, weil man an einen ernstlichen Kampf dachte, hielt die neugebildete Schützencompagnie auf dem Schützenhofe eine vertrauliche Versammlung, von der man alle, die man im entferntesten für compromittirt hielt, ausschloß. Dort wurde festgesetzt: Niemand soll fortan im Gemeinderathe sitzen, dem nicht das wahre Wohl und Wehe der Stadt am Herzen liege (das heißt, der nicht mit Grundeigentum angesessen sei). Kein Beschluß sollte ohne Beisein sämmtlicher Gemeinderäthe gefaßt werden können; und da diese nie zusammenzubringen waren, konnte natürlich überhaupt ein Beschluß nicht mehr gefaßt werden. Niemand dürfe bewaffnet in den Gemeinderath kommen (Herr Eberwein hatte infolge der Drohung des Dr. Rauschenplat, ihn todtzuschießen, einen Tag im Bette zubringen müssen). Der Hauptbeschluß aber lautete: Jedes Gemeinderathsmitglied darf frei seine Meinung sagen (die Beschlußfasser gingen von der Ansicht aus, daß das bisher im Gemeinderathe nicht möglich gewesen sei). Diese Beschlüsse der Schützencompagnie waren noch in der Nacht allen Wohlgesinnten der übrigen Compagnien mitgetheilt; zugleich hatten sich die Hauptführer der Contrerevolution, wenn man so sagen darf, mit dem seit acht Tagen unsichtbaren Magistrat, der Polizei und den akademischen Behörden in Verbindung gesetzt, diese ihres Schutzes versichert, und nachdem die Verständigung erfolgt war, krochen Rathsdiener, Polizeidiener und sonstige Beamte aus ihren Mauslöchern, in denen sie sich bisher verborgen gehalten. Unser Freund hatte in seiner ruhigen Straße (der Schwarze Bär ihm gegenüber kam erst nach zwanzig Jahren durch Hofrath von Siebold ins Renommée) vortrefflich geschlafen, auch den Tag vorher dem Onkel Maschinenbauer, der immer wünschte, daß er härter werden möge, voll Selbstbewußtsein die Thaten der letzten Tage gemeldet. Als er am andern Morgen nach dem Rathhause ging, um seine Functionen zu besorgen, fand er das Zimmer des Gemeinderaths von vier Mann des Schützencorps besetzt, die ihm den Eintritt weigerten, da ihm, dem Nichthausbesitzer, das Wohl der Stadt nicht am Herzen liege. Raths- und Polizeidiener brachten von Haus zu Haus eine Proclamation des Herzogs von Cambridge, welche unbedingte Unterwerfung forderte. Der Hubalkanski in Nörten ließ an alle Ecken großgedruckte Plakate anschlagen: »Ich befehlige Truppen, die ihre Schuldigkeit zu thun wissen und ihre Ehre daransetzen, ihrem Anführer bis in den Tod zu folgen.« Es war stiller in der Stadt. Die gewohnten Parademärsche der Bürgercompagnien und akademischen Garde mit Musik, der Marseillaise natürlich – fanden nicht statt. Die Weiber steckten die Köpfe zusammen und erzählten sich, daß der »Meister« stark nach Heringssalat verlange und von dem Gemeinderathe nichts mehr wissen wolle. Gottfried Schulz war froh, von den Functionen eines Schriftführers im Gemeinderathe entbunden zu sein, über die weitern Folgen machte er sich keine Besorgniß. [...]
Ein alter Herr, tief in Pelz gehüllt, stieg aus und befahl dem Postillon, sofort für neue Pferde nach Dransfeld zu sorgen. »Aber Teufelsjunge«, redete der Alte Gottfried an, »was machst du denn da für Streiche? Willst du dich an den Galgen bringen oder im Zuchthause zu Celle zehn Jahre Wolle spinnen? Ha! weißt du noch nicht, daß ein Schulz keine Revolution machen kann? Hättet ihr und alle euere Krähwinkler und Doctoren nur ein Fünkchen Verstand gehabt, so wäret ihr heute vor acht Tagen, statt hier Parademärsche abzuhalten, stracks auf Hannover gezogen, wenn auch nur mit vier- oder fünfhundert Mann. Dann hättet ihr heute, was euer Herz begehrt, denn ihr wäret zu Tausenden dort angekommen, wo alles den Kopf verloren hatte, was zum Adel und der königlichen Dienerschaft gehört. »Jetzt habt ihr nichts! Und dann müssen eine Menge Verräther unter euch sein und schlechte gemeine Subjecte im Gemeinderathe selbst, die sich auf Kosten anderer rein zu waschen suchen. Sieh Gottfried, du Buttermilchseele, Theologenblut, du blonder Sohn meines blonden Bruders, du giltst in Hannover für einen der Schlimmsten unter den Schlimmen, und zwölf Jahre Zuchthaus sind das mindeste, was dir die hannoverischen Juristen – meine Freunde, die Freigesinnten nämlich, zudictiren. Die Aristokraten sähen dich lieber am Galgen. »Man hat dein Manuscript der Ansprache an die Soldaten nach Hannover geschickt und dich dort als Haupträdelsführer angeschwärzt.« Der Neffe wollte sprechen. »Brauchst dich nicht zu entschuldigen, Junge, ich halte dich leider für zu unschuldig, will aber nicht, daß ein Schulz aus meiner Familie erst ein halb Dutzend Jahre in Untersuchungshaft, dann ein Dutzend Jahre im Zuchthause sitzt. Sollst fort von hier. Habe mir für meinen Aeltesten, der ja ebenfalls Gottfried heißt, wenn wir ihn auch Karl nennen, von Freund Rumann einen Paß nach Brüssel ausstellen lassen. Rumann hat in der Eile vergessen, daß mein Junge schwarze Haare hat wie ich, und sich dein Signalement von mir in die Feder dictiren lassen. Siehe hier den Paß, selbst die Sommersprossen in deiner weißen Fratze und der blonde Backenbart sind nicht vergessen. Stand: Ingenieur, Zweck der Reise: Maschinenbau. Das darfst du nicht vergessen. »Nun mache dich reisefertig, in einer halben Stunde fahren wir nach Kassel; den Hasenbraten, der da auf dem Tische steht, wollen wir unterwegs verzehren.« [...]
Als der Gymnasiast am andern Morgen erwachte, kam ihm die Stille auf den Straßen ganz unheimlich vor. Ohne Kaffee zu genießen, machte er sich auf, die Stadt zu durchwandern, die wie ausgestorben war. Auf dem Rathhause sah er ein halbes Dutzend alter Weiber damit beschäftigt, den großen Rathhaussaal zu scheuern, sonst war niemand dort. Er ging zum Weenderthore. In der Nacht hatte man die Verbarrikadirung hinweggeschafft, und Maurer waren beschäftigt, das eingerissene Straßenpflaster wiederherzustellen. Bürger und Studenten sah man nicht; die Kirchenglocken läuteten zum Gottesdienste, aber nur einige alte gebückte Mütter schlichen zur Kirche. Um neun Uhr rückte ein Bataillon Jäger in die Stadt und besetzte das Rathhaus und die Thorwachen. Dann zogen Dragoner ein, darauf folgten zwei leichte Feldbatterien. Bald waren alle Hauptstraßen von Soldaten gefüllt. Die Infanterie schüttete auf Commando das Pulver von den Pfannen. Die Rebellenstadt sollte sehen, daß man es ernst gemeint hatte. [...]
Die meisten Unruhestifter hatten sich durch die Flucht gerettet, nur einige waren gefangen. Drei bis vier Tage war die Stadt von sechstausend Mann Soldaten überfüllt, und die Hannoveraner wütheten, zum Theil von den Offizieren gehetzt, in ihrem eigenen Lande ärger als später die Strafbaiern in Hessen."
Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 6. Buch, 3. Kapitel

Göttinger Revolution II


"Man saß beim Thee, der in der Wohnstube der Haushälterin parterre eingenommen wurde, als plötzlich Trommelwirbel und Hörnersignal erschallten. Man rief: »Zu den Waffen! Burschen heraus, Lichter heraus!« Bald hörte man auch das Geläut der Sturmglocken. Nun war Bruno nicht mehr im Hause zu halten, er stürmte dem Neuen Markte zu, der Sammelplatz seiner Garden war hier vor dem Gymnasium. Auch an diesem Sammelplatze wie auf dem Markte vor dem Rathhause war ungeheuere Verwirrung. Die Erleuchtung aus den Fenstern der Häuser reichte nicht aus, das Dunkel auf den Plätzen zu erhellen, die einzelnen konnten, da die Plätze noch nicht fest bestimmt waren, ihre Compagnien nicht finden, die Studenten suchten ihre Divisionen, ihre Offiziere. Niemand wußte aber, was eigentlich los war, es ging nur das unbestimmte Gerücht, die Stadt werde vom Weenderthore her durch Soldaten bedroht. Die Burschenschaft, welche vor dem Geismarthore auf ihrer Kneipe, dem »Kaiser« gewesen war, kam zuerst, wohlgeordnet, auf den Markt gezogen, voran der kleine »Bonus«, als dessen Untercommandant der lange G. figurirte, damals noch in dichtem schwarzen Lockenhaar, heute ein vielberedtes Mitglied des Reichstags, Zollparlaments und Abgeordnetenhauses im grünen Käppchen. Die Division sang: »Du Schwert an meiner Linken.« Auch die Westfalen unter dem Commando des Herrn von Loë waren in Ordnung, sie sangen aber das uns von 1816 noch bekannte Windmüllerlied. Bald zogen die Divisionen der Studenten und die Bürgercompagnien (man hatte die alte Eintheilung der Stadt in acht Compagnien beibehalten) eine nach der andern zum Weenderthore. Der ganze Lärm erwies sich aber als ein blinder. Etwa hundert beurlaubte Jäger, die schon früher einberufen waren, hatten sich vor dem geschlossenen Weenderthore zusammengefunden, Einlaß begehrt und mit Gewalt gedroht. Als aber einem Offizier Einlaß gewährt war und dieser mit dem Stadtcommandanten von Poten Rücksprache genommen hatte, kehrten die Soldaten um und nahmen im Dorfe Weende Quartier.
Eine zusammengeblasene und getrommelte Menge will aber nicht umsonst aus ihrer Ruhe, aus ihren Bierstuben oder aus dem Familienkreise hervorgelockt sein. Jede Compagnie wollte sich wenigstens selbst überzeugen, daß »nichts los« sei, und während die Burschenschafter und die Westfalen schon wieder auf dem Markte angekommen waren und dort das Gaudeamus igitur angestimmt wurde, marschirten noch immer andere Compagnien nach dem Orte des Ereignisses. Der Gemeinderath, der sich auf dem Rathhause constituirt hatte, sendete Wachen an die Kirchthürme, damit nicht abermals ohne Noth und ohne Befehl Sturm geläutet würde. Es war ein empfindlich kalter Abend, und die wieder vor dem Rathhause versammelte Menge würde sich bald aufgelöst und verlaufen haben, wenn nicht ein obscurer Student das Bedürfniß gefühlt hätte, sich reden zu hören. Er schwang sich auf den Rand des großen Brunnens und wußte sich durch seine laute, klangvolle Stimme Ruhe zu verschaffen. Dann begann er: »Mitbürger, Freunde, Kampfgenossen! Die feige Soldateska hat nicht gewagt, die Vertreter der Sache der Freiheit anzugreifen! Vergeblich sind wir zu dem Kampfplatze geeilt. Da wir aber einmal hier versammelt sind, so lasset uns dem neuesten Märtyrer unserer Sache ein Vivat bringen. Ich meine unsern lieben Lehrer, den Dr. Gottfried Schulz, dessen Heft über den verruchten Deutschen Bund man eingefordert hat, den man gleich den andern Vertheidigern der Freiheit und des Rechts, die sich an unsere Spitze gestellt, unter polizeiliche Censur stellen wollte. »Hoch die Doctoren Rauschenplat, Schuster und Ahrens! Hoch Gottfried Schulz!« Der Redner verschwand vom Brunnenrande wieder unter die Menge, die laut aufschrie: »Nieder mit der Censur! Nieder mit der Polizei, auf nach Schulz!« Dann setzten die dem südlichen Ende des Marktes Näherstehenden sich die Weenderstraße hinauf nach der Kurzen Straße in Bewegung. Bruno Baumann, der inmitten des stärksten Gedränges stand, das durch sämmtliche Lehrjungen der Stadt, durch Frauenzimmer, Kinder, Straßenbuben noch vergrößert wurde, suchte sich vergeblich durch die Menge Bahn zu brechen, um den Onkel von dem, was er zu erwarten habe, im voraus zu benachrichtigen. So wurde unserm Freunde Gottfried die theuere Ehre eines langnachhallenden Vivats zutheil. Dieses Vivat lenkte die Aufmerksamkeit auf den bescheidenen, nur im Kreise weniger Studenten bekannten jungen Gelehrten, und da man nach französischem Muster einen Gemeinderath gebildet hatte, welcher an der Stelle des Magistrats und der Polizei die Stadt regierte, und am andern Tage durch Cooptation angesehener und reicher Bürger wie Zuziehung der Studiosen Stölting, Hübotter, Hentze verstärkt wurde, so kamen einige Schüler Gottfried's auf den unglücklichen Gedanken, bei dem Chef der akademischen Nationalgarde Dr. Rauschenplat darauf anzutragen, daß man auch unsern Freund in den Gemeinderath wählen möge. [...]
Dr. Rauschenplat leitete die Straßendemonstrationen, seine Führung der akademischen Garde ließ ihm nicht Zeit zu Arbeiten auf dem Rathhause. So wurde der Vorschlag ohne weiteres genehmigt und eine Deputation des Gemeinderaths begab sich in Gottfried's Wohnung, ihm anzuzeigen, daß er zum Mitgliede des Gemeinderaths gewählt sei und seine Functionen sofort anzutreten habe. Man wich nicht vom Flecke, bis er, noch im Schlafrocke, sich angekleidet hatte und mit zum Rathhause ging. Hier wurden ihm die Functionen eines zweiten Schriftführers überwiesen, denn Dr. Ahrens lag auf zwei breiten ledernen Magistratssesseln und schlief. Der Vorsitzende, Procurator Eggeling, gab dem neuen Schriftführer auf, sofort ein Schreiben an sämmtliche Magistrate des Königreichs zu verfassen, mit der Aufforderung, dem Beispiele Göttingens zu folgen und durch eine Immediateingabe an den König auf Verleihung einer freisinnigen Verfassung, Entlassung des Ministeriums Münster, Abhülfe allgemeiner Klagen und das Weitere anzutragen.. [...]
Gottfried erklärte, daß er die Anklage gar nicht kenne. Das schade nichts, hieß es vom Grünen Tische her, er möge nur den großgedruckten Anfang und das großgedruckte Ende lesen, da sei alles zusammengefaßt. [...]
Gottfried glaubte an die Wahrheit der allgemeinen Anklage, die Ausführung und Begründung derselben zu lesen hatte er nicht Zeit. Wie hätte er auch zweifeln sollen, da man ihm von allen Seiten versicherte, der Verfasser, Dr. König in Osterode, sei ein Ehrenmann, [...]
Als Gottfried sein Begleitschreiben, das nicht das tragische Pathos der Anklage theilte, concipirt hatte, ging er in das Berathungszimmer, um dasselbe signiren zu lassen. Er traf dort nur Dr. Rauschenplat, die übrigen Gemeinderathsmitglieder waren zum Frühstück in die Krone gegangen. Rauschenplat sagte: »Wozu diese bureaukratische Weitläufigkeit? Setzen Sie Ihren Namen darunter, College, als Secretär des Gemeinderaths, in dessen Auftrage. Das genügt. »Und hier« fuhr er fort, »quäle ich mich seit einer Stunde ab, eine Resolution des Gemeinderaths, die vor Ihrer Ankunft gefaßt wurde, zu redigiren, um einige Kraft hineinzubringen. Das will mir aber durchaus nicht gelingen. Das dumme Rescript des Ministeriums vom gestrigen Tage, das heute Morgen angekommen ist, hat die Hasenherzen der Philister im Gemeinderathe mit Angst und Schrecken erfüllt. Käme es auf die Herren Pfuscher und Eberwein, Tolle und Wedemeier an, so lieferten sie uns lieber heute wie morgen als Unruhestifter aus. Aber noch habe ich meine akademische Garde und die soll den Dickköpfen Respect einflößen. [...]
Gottfried weigerte sich indessen, einen Beschluß, den er nicht mit gefaßt, über den gar kein Protokoll vorlag als die vielfach modificirte und corrigirte Fassung selbst, von neuem zu redigiren. Während des ganzen ersten Tages seiner Amtsthätigkeit gelang es unserm jungen Freunde nur einmal in der Dämmerung auf eine halbe Stunde nach Hause zu eilen, um der Haushälterin zu sagen, daß sie ihm zum Abend noch etwas Essen und eine Flasche Wein auf das Rathhaus senden solle, wo ihn sein Dienst fessele. [...]
Gottfried hatte am Dienstag, als der erste Schriftführer wieder die Dienste versah, einige Stunden zu Hause zubringen und auch dort schlafen können. Die Frau Koch verlangte, er solle krank werden und sich gar nicht wieder auf dem Rathhause sehen lassen, die Dinge da paßten nicht für ihn. Die gute Frau hatte nur zu sehr recht. Mittwoch wurde er schon früh in den Gemeinderath beschieden, in welchem die eigentlichen Bürger, die zu Hause erst ihren Kaffee trinken und frühstücken mußten, fehlten. Die Privatdocenten, Studenten, die Procuratoren und die Juristen hatten das Uebergewicht. Unser Freund war beauftragt, um der Proclamation aus dem Hauptquartier Nörten ein Paroli zu biegen, eine Ansprache an die Soldaten zu entwerfen, in welcher diese aufgefordert wurden, ihre Aeltern, Geschwister, Freunde und Mitbürger nicht als Feinde zu betrachten, sondern den als den strafbarsten Feind anzusehen, der sie zu der geringsten feindlichen Handlung gegen Mitbürger, in deren Reihe sie ja bald zurücktreten würden, auffordere. Gottfried hielt die Ansprache kurz, einfach, ohne alle Phrase, und freute sich selbst, als er das Werk fertig hatte, über die Energie seiner Sprache. Der Entwurf wurde vorgelesen, fand Beifall und wanderte sofort in die Druckerei. Daß er sich dadurch eines freilich noch unvollendeten Versuchs des Verbrechens, die Armee zum Ungehorsam und zur Meuterei aufzufordern, schuldig gemacht, daran dachte der Privatdocent, der sich wenig um das Strafrecht bekümmert hatte, nicht im entferntesten. Schon nach wenig Stunden war diese Aufforderung an die Soldaten, auf einen halben Bogen mit großen Lettern gedruckt, ohne Unterschrift, in Tausenden von Exemplaren in der Stadt verbreitet und wurde am andern Tage, als gegen dreißig Deputationen aus Städten, Flecken und Dorfschaften der Umgegend erschienen, um dem Gemeinderathe ihre Sympathien auszusprechen und ihm ihre Hülfe anzubieten, diesen zur Weiterverbreitung mitgegeben. Schon wurde aber die Universitätsstadt immer mehr vom Militär umzingelt, in den nur zwei Stunden entfernten Städten waren schon vier- bis fünftausend Mann versammelt. [...]"
Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 6. Buch, 3. Kapitel

Göttinger Revolution 1831 I

"In diesem Augenblick ging die Hausthür auf, Bruno stürmte die Treppe herauf und schrie aus Leibeskräften: »Vivat, Onkel, Vivat, es ist Revolution! Hast du keinen Säbel oder keine Pistole, die du mir pumpen kannst? Gegessen wird heute nichts, wir Primaner wollen auch eine Nationalgarde bilden, wie die Caroliner es in Braunschweig gethan haben.«
Frau Koch schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und seufzte: »Ach lieber Herrgott, ich habe es mir doch gleich gedacht, daß das Feuerwerk von gestern Abend am Himmel ein Unglück bringen würde.«
Der Gelehrte war erstaunt: »Nun erzähle doch, was ist denn los?«
»Wie wir aus der Klasse kamen, die des Jahrmarkts wegen um eine halbe Stunde früher geschlossen wurde, und auf dem Markte unter den Buden herumbummelten, kam auf einmal eine ganze Schar bewaffneter Bürger und Studenten, alle mit weißen Binden um den Arm, und gingen die Rathhaustreppe hinauf. Nun kam auch der kleine Hübotter mit der Hildesia aus der Bosia und bald verkündete eine Stimme von der Rathhaustreppe herab, der Magistrat habe eingewilligt, daß der Polizeicommissar Westphal entlassen werde und daß sich eine Bürgergarde und akademische Nationalgarde zur Erhaltung der Ruhe und Ordnung bilde. Das ist alles, was ich weiß. Jetzt muß ich aber wieder fort.«
»Aber Herr Doctor, dulden Sie das doch nicht«, jammerte Frau Koch, »der Bruno hat seit Morgen nichts genossen als eine Semmel und eine Tasse Kaffee, wenn er nun keinen warmen Löffel Suppe ißt, so wird der Mosjö bei dem abscheulich kalten Wetter krank. Die Revolution läuft Ihnen nicht weg, junger Mann, setzen Sie sich erst, es kommt Ihr Lieblingsgericht auf den Tisch, Sauerkraut und Pökelfleisch, Schnauzen und Ohren sogar.«
»Ja, Bruno, setze dich und erzähle ordentlich, wer steht an der Spitze und was wollen die Leute?«
»Das will ich dir sagen. Da sind die Kanzleiprocuratoren Eggeling, Kirsten und Laubinger, der Dr. Seidenstiker, der Gastwirth Ulrici, und von akademischer Seite die Privatdocenten Dr. von Rauschenplat,. Dr. Ahrens und Dr. Schuster und die Studiosen: Vater Hentze, Hübotter, Stölting, Gerding, die haben von der Rathhaustreppe aufgefordert, eine Nationalgarde zu bilden. O Onkel, du mußt mit ansehen, wie spaßhaft das auf dem Jahrmarkte aussieht, das ist ärger als im Jahrmarkte zu Plundersweil. Die Galanteriekrämer vor der Krone und alle sonstigen Verkäufer haben Angst, geplündert zu werden. Alles packt ein über Hals und Kopf und in einer Stunde werden alle Buden verschwunden sein. Nur die braunschweiger Pfefferküchlerinnen fürchten sich nicht und verkaufen frisch darauf los, immer wiederholend: ›Heeren Se mal, kaufen Se mich was ab, von uns Braunschweigern kennen Se lernen, wie man Revolution machen muß.‹ Aber Onkel, ich muß ein Gewehr haben, um vier Uhr ist Appell, da muß ich dabei sein.«
Der junge Mann nahm sich kurze Zeit zum Essen; im Hause des Onkels ein Gewehr oder einen Säbel zu finden, das mochte schwer sein, denn Gottfried hatte nie eine Schießwaffe, selten ein Rappier in der Hand gehabt; ein Gewehr mußte aber zuerst aufgetrieben werden. Dem Gymnasiasten fiel ein, daß er bei dem Vater eines Freundes eine ganze Gewehrsammlung gesehen, richtig, da mußte er hin, zu Dr. Wadsack, dem Gerichtshalter in Geismar, der auch nicht sehr fern in der Nikolaistraße wohnte.
Gottfried setzte sich hin, um seinem Vater ein langes und breites von dem Nordlicht des gestrigen Abends und sehr viel von dem »viel Lärm um Nichts«, wie er die Revolution nannte, zu schreiben.
Es wurde auch eine Proclamation vertheilt des Inhalts: »Um den durch die allgemeine Noth erzeugten Beschwerden abzuhelfen und die durch dieselben bereits entstandenen und noch drohenden Unruhen für die öffentliche Ordnung gefahrlos zu machen, sei man zu einer Nationalgarde zusammengetreten, um alle für einen und einer für alle die öffentliche Ruhe aufrecht zu erhalten. Zugleich wolle man an Se. Majestät den König unmittelbar eine unterthänigste Vorstellung richten, daß auch den Hannoveranern eine freie Verfassung mit einer durchaus frei und selbstgewählten Ständeversammlung gewährt werde.«
»Was in Kassel die Bierbrauer erzwungen, was die Braunschweiger, die Sachsen durchgesetzt, das wollen wir auch haben!« schrien die Philister und drängten sich, die von Dr. Rauschenplat aufgesetzte Proclamation zu unterzeichnen. Auch eine andere Parole wurde schon ausgegeben. »Fort mit dem Magistrat« hieß es, »wir müssen einen freigewählten Gemeindeausschuß haben.« Wer etwas hinter die Coulissen sehen konnte, der gewahrte, daß die jungen Privatdocenten ganz nach französischer Schablone arbeiteten.
Hofrath Langenbeck machte freilich noch am Abend den Versuch, die akademische Garde von der Bürgerschaft und dem politischen Treiben abwendig zu machen, allein die Studenten wollten nichts davon wissen, Polizeisoldaten des akademischen Senats zu spielen.
Am Abend wurde die Stadt erleuchtet, bewaffnete und unbewaffnete Scharen zogen mit Musik durch die helle Stadt; man sang: »Das Volk steht auf, der Sturm bricht los«, und ließ sich auf dem Marktplatze von dem scharfen Ostwinde durchpusten, um die Marseillaise und Parisienne, diese bis dahin verbotenen Weisen, von den Stadtmusikanten vorspielen zu lassen. Dann wurden aber alle Kneipen voll, man mußte sich erwärmen und man politisirte, kritisirte, schimpfte, tobte über akademische und bürgerliche Polizei.
Die Wachen vor den Thoren waren von einer gemischten Mannschaft von Soldaten, Bürgern, Studenten besetzt; man trank, sang und fraternisirte die ganze Nacht hindurch, das nöthige Getränk wurde aus dem nächsten Wirthshause auf Rechnung der Stadtkasse requirirt.
Der nächste Tag war ein Sonntag; er wurde benutzt, um die Nationalgarde zu organisiren, Offiziere und Unteroffiziere, Adjutanten und einen Generalissimus zu wählen, und was die Hauptsache war, sich mit dreifarbigen breiten Bändern und Schärpen zu versehen. Da konnte man, als mittags zur Parade aufgezogen wurde, sehen, wie viel Vaterländchen Deutschland hatte, es waren so ziemlich alle siebenunddreißig Farben repräsentirt. Nur die Burschenschafter, etwa funfzig Mann, waren mit Schwarz-Roth-Gold geschmückt, ziemlich gut bewaffnet und, wie es schien, wohldisciplinirt.
Gottfried hatte das Haus nicht verlassen; er hatte dem Onkel Maschinenbauer in Hannover nach den Referaten des Gymnasiasten Baumann eine ausführliche Beschreibung der Ereignisse gemacht und die erschienene Proclamation beigelegt, da er wußte, daß der Onkel sich für solche Dinge interessire. Bruno war mehr auf den Straßen als im Hause; erst gegen Abend kehrte er wieder heim mit Büchse, Säbel und Pistole bewaffnet, die er von seinem Freunde Wadsack geliehen hatte, ganz glücklich darüber, daß er von der Gymnasialgarde zum Offizier gewählt war, und nur in Sorgen, wie er sich einen »Stürmer« mit Federbusch verschaffe."
Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 6. Buch, 3. Kapitel

23 Dezember 2012

Ein studentischer Ulk 1816 in Göttingen

"Am andern Morgen, es war am 18. Januar 1816, sagten sämmtliche Stiefelwichser beim Reinigen der Kleider an, es werde mittags 12 Uhr auf dem Marktplatze an dem Volksverräther Dabelow ein öffentliches Gericht vollstreckt werden. In den Collegien flüsterte der eine dem andern zu, ob man schon wüßte, daß Dabelow's »Artikel 13«* auf öffentlichem Markte verbrannt werden solle? Die eigentlichen Corpsburschen standen zwar der Politik fern, aber jeder »Ulk« war ihnen lieb. Viele schwänzten die Collegia, um sich auf den »Ulk« durch ein ordentliches Frühstück im Rathskeller vorzubereiten und dieser wie die Bosia selbst waren so gefüllt, daß man kaum einen Schoppen Bier oder Wein haben konnte.
Schon um 11 Uhr standen Hunderte von Dienstmädchen, Schusterjungen, Stiefelwichsern auf dem Marktplatze. Die Studentenwelt war unruhig, führte etwas im Schilde, das wußte man allerorten, das hatten »Schäfer und Doris«, das durch Heinrich Heine bekannte Pedellenpaar, auch schon dem Prorector berichtet.
Der Goldaga wie der Silberaga, die Commandanten der sogenannten Schnurren (der akademischen Polizei), waren zum Prorector beordert und hatten Befehl erhalten, für die Nacht doppelte Mannschaften mit den »Bleistiften« zu versehen. Bleistifte nannte man acht Fuß lange, an dem einen Ende mit Blei gefüllte Stangen, welche die »Schnurren« mit großer Geschicklichkeit namentlich unter die nach einem Pereat oder einer Fenstermusik fliehende Schar der Studenten zu werfen wußten, sodaß etliche zur Erde fielen, um »ad wacham« geschleppt werden zu können.
Der Prorector dachte natürlich nicht daran, daß man vor der Nacht etwas unternehmen würde, das glaubten auch weder Pedelle noch Agas, und viele Schnurren gingen ihren täglichen Beschäftigungen, dem Holzsägen und Holzhacken vor den Häusern nach; denn solange die Georgia Augusta existirte, waren alle Studentenexcesse immer nur nachts oder am Spätabend vorgekommen. Die Versammlung Neugieriger auf dem Marktplatze glaubte man durch die außergewöhnliche Morgenkneiperei im Rathskeller hervorgerufen, und hielt es nach hergebrachter Gewohnheit für gerathen, solche Dinge zu ignoriren. Pedelle und Agas hatten deshalb vom Prorector die Weisung bekommen, sich auf der Weenderstraße und dem Markte überall nicht sehen zu lassen, dagegen nachzuforschen, welchem Professor oder Hofrath in der Nacht ein Pereat gebracht werden solle.
Da man hörte, die Sache gelte dem nicht sehr beliebten Dabelow, hatte man zu verstehen gegeben, die Pedellen und Schnurren sollten erst einschreiten, wenn es zu Fenstermusiken käme. Das Rathhaus in Göttingen steht noch heute, wie es seit 1371 gestanden hat, seine Zinnen und festen Erkerthürme sind nur etwas grauer geworden und die hohe Freitreppe mit der Vertheidigungsbrustwehr und ihren starken eisernen Thüren etwas baufälliger und rostiger. Davor auf einem freien der Weenderstraße zugewendeten Platze sprudelte die Fontaine des sogenannten Großen Brunnens, jetzt in neuer Einfassung, damals noch in der ältern. Hinter diesem stand zu der Zeit, von der wir reden, ein hoher hölzerner Pfahl, von dem zwei eiserne Ketten mit Handeisen herabhingen. Das war der Schandpfahl, daran wurden Diebe, liederliche Frauenzimmer, ungehorsame oder diebische Dienstboten und alle, welche aus der Stadt gestäupt wurden, eine Stunde lang der Menge zur Schau und zum warnenden Exempel ausgestellt.
Als nun von den hohen Kirchthürmen der Jakobi und Johanniskirche die Glocke zwölf schlug, da spien alle die verschiedenen Corps- und andere Kneipen ihre Insassen in langen Zügen aus, die sich von der Gronerstraße, der Geismarstraße, der Rothenstraße, der Barfüßler- und Weenderstraße zum Markte bewegten. Auch einige Collegia waren eben geschlossen, aus dem »Pandektenstalle Heise's« und dem Criminalrechte des alten »Strittig«, wie man Meister nannte, kamen allein Hunderte der fleißigen Studenten die Johannisstraße herauf zum Markte."

Der ganze Platz war schon voll Menschen. Die Straßenjugend hockte auf den Balustraden der Rathhaustreppe und auf der Umfassung des großen Brunnens, die verschiedenen Corps gruppirten sich nach der Seite, von der sie den Markt betraten. Als die Weißmützen kamen, machte man ihnen Platz.
Dabelow's Buch wurde von der Stange genommen und Hermann übergeben, der, dasselbe in die Höhe haltend, mit lauter Stimme über den Markt rief:
»Diesem Schandbuche eines niederträchtigen Fürstenknechts werde ich den Platz anweisen, der ihm allein gebührt, den Schandpfahl!«
und dann nagelte er das Buch an den Pfahl.
Georg von Schenk schrieb über das Buch mit Kreide an den Schandpfahl: »Dabelow quo peracto!« Die Menge schrie: Pereat Dabelow! und: Nach Dobelow! Polizei ließ sich nicht sehen, und so wogte denn die Masse, vermehrt durch Bürger, die von ihrer Arbeit gelaufen waren, durch einige hundert Dienstmädchen, die für die Burschen das magere Mittagsessen aus den Garküchen holten, und durch die Straßenjugend der ganzen Stadt, nach dem Meißner'schen Hause hin.
Der Weg war kurz, man brauchte sich nur vom Rathhause der Universitätsapotheke an der südlichen Seite des Rathhauses zuzuwenden, so war man am Ziele. Die Göttingia zog voran, Jungen und Frauenzimmer nahmen auf dem Johanniskirchhofe Platz, die Hauptmenge drängte sich auf dem engern Raum zwischen der Universitätsapotheke, der Scharwache und dem Scharren zusammen. Der ganze Raum zwischen Rathhaus und Scharren, wie die Zindelstraße, waren von der »Sonne« bis zur Nikolaistraße mit Menschen gefüllt. Nachdem die Menge so still wie möglich geworden war, rief Hermann:
»Pereat Dabelow, der Mann, der es wagt, die heiligen Verheißungen der Fürsten an ihre Völker zur Lüge machen zu wollen!«
Pereat! pereat! brüllte die Menge, und in demselben Augenblick flogen ein paar hundert Steine in die Fensterscheiben des Geheimen Staatsraths.
»Nun laßt uns zum Prorector ziehen, diesem ein Vivat bringen und dann ruhig auseinandergehen« – rief ein alter Bursch von Ansehen. Der neue Prorector war der nassauische Hofrath Bauer; als Erfinder der Warnungstheorie galt er, der vom jungen Strittig verteidigten Abschreckungstheorie gegenüber, schon für modern und für freisinniger als die übrigen hannoverischen Hofräthe. Bauer wohnte an der Allee, und dahin wälzte sich der Menschenstrom durch die Paulinerstraße, theils durch die Gothmar- und Prinzenstraße. Wenn auch die vordersten Burschen mit ihrem »Gaudeamus igitur« begannen, so war doch keine Uebereinstimmung in die Menge zu bringen. Hier sang eine Verbindung: »So leben wir, so leben wir alle Tage«, dort eine andere: »Und der Windmüller mahlt, wenn der Wind weht«, trotzdem daß die Sonne schien und man hätte glauben sollen, die Jugend würde sich am Tage der Schlußverse geschämt haben. Die Göttingia stimmte ihr Lieblingslied an, den Körner'schen Lobgesang auf die Lützow'sche Schar.
Dem Prorector war ein Vivat gebracht, die Jugend war hungerig geworden. Jeder eilte seinem magern Freitische zu oder auch der gemeinsamen Speiseküche.
Aber die Aufregung begann nun erst in den Kreisen der Hofräthe und Professoren zu wogen. So etwas war unerhört, am hellen Tage eine Fenstermusik und ein Pereat!
Pudel Schäfer, vormaliger wohlbestallter wetzlarischer Reichskammergerichtsdiener, der vom Reichskammergericht nie anders als in der Würde eines königlich-kaiserlichen Beamten mit »Wir« zu sprechen pflegte, hatte den Actus von der Rathhaustreppe aus angesehen und die Attentäter Hermann Baumgarten wie Georg von Schenk wohl erkannt. Pudel Doris, der Wohlbeleibte, zog sich aus dem Gedränge in die Universitätsapotheke zurück, um dort einen Magenbittern zu sich zu nehmen und sich die Anführer zu notiren. Beide berichteten dem Prorector.
Dabelow, dem Geheimrath, war mit einem Steine ein anonymer Brief in das Fenster geworfen, welcher lautete: »Machen Sie, daß Sie fortkommen, gehen Sie nach Würtemberg, der Civilverdienstorden ist Ihnen gewiß, vielleicht werden Sie sogar Premierminister!«

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 5. Buch, 7. Kapitel

*Über den 13. Artikel der deutschen Bundes-Acte die landständischen Verfassungen betreffend, Halle 1816.

02 November 2012

Gottfried August Bürger liest aus dem "Faust" (1790)

Bürger hat zum dritten Mal geheiratet: Elise Hahn. Offenbar ging es ihr aber mehr darum, eine Stellung in der Göttinger Gesellschaft zu gewinnen, als eine Partnerin Bürgers zu werden. 
Führende Persönlichkeiten des Kurfürstentums Hannover machen ihr erfolgreich den Hof. Bürger findet Rückhalt und Anerkennung nicht mehr zu Hause, sondern nur im Kreise der Göttinger Intellektuellen.
Bürger entschuldigte sich, daß er in Schlafrock und Pantoffeln komme, sein Hauswirth habe ihn aber mit Gewalt vom Studium Kant's fortgeführt. Bürger rauchte aus seiner langen Pfeife . . . »seinem Hausprügel«, wie er sie nannte; er wurde in das Sofa genöthigt, und bald kreisten die Punschgläser und vertrieben die finstern Wolken von Bürger's Stirn, die sich in der Regel dort schon lagerten. Man sang eins der damals beliebten, aus dem Kreise des göttinger Dichterbundes stammenden Punschlieder, man sprach über Kant und die Widerwärtigkeiten, die Bürger als Lehrer seiner Philosophie hier zu bestehen habe, stritt, ob Lessing's »Nathan« oder Schiller's »Don Carlos« oder Goethe's »Egmont« das berühmteste deutsche Drama werden würde, machte Muthmaßungen, wer das neue Talent wol sei, das ein Jahr früher seine Auswahl aus des Teufels Papieren in die Welt geschleudert, man kam auch des öftern auf die beiden Platten zurück, welche Riepenhausen zur Zeit in Kupfer stach, um an die Situation allerlei Späße zu knüpfen, denen Bürger nicht abhold war, die aber für unsere heutigen Leser zu derb sein möchten.
Bollmann braute schon an der zweiten Bowle, als ein kleiner, feingepuderter Herr in braunem Frack und eleganten Spitzenmanschetten, gleicher Chemisette und weißem Halstuch in die Stube trat.
»Willkommen, willkommen! Brüderchen!« schallte es von allen Seiten. Es war Heinrich Dietrich, der Jüngere, der Buchhändler.
»Das trifft sich ja, wie von Gott gegeben, wollte eben meinem Freund Bürger dort einen heute hier angekommenen Schatz bringen, und da treff' ich die ganze saubere Gesellschaft wie in Auerbach's Keller. Kinder! Kinder! wenn ihr wüßtet, was ich hier in der Hand trage! . . . Doch welcher sauersüße Duft weht mir dort aus euerer Suppenterrine entgegen? Welcher vernünftige Mensch kann solch Zeug saufen? Riepenkerl! ich will verdammt sein, wenn ich je wieder einen Stich von Euch in meine Almanachs nehme, dafern Ihr mir nicht sofort Papier und Feder und einen dienstbaren Geist schafft. Schüttet das Zeug da zum Fenster hinaus, wenn ich Euch rathen darf, oder schickt es den Burschen hinauf, die bei Frau Professorin oben lärmen, wie ich schon im Garten gehört, das ist ja höchstens Burschengesöff! Mein Schatz kommt nicht aus den Händen, bis dieses unreine Getränk vom Tisch ist.«
Riepenhausen war indeß mit einem Talgstumpf schon in sein Atelier gestürzt, um Tinte und Papier zu holen und um sein Factotum Puddelmeier, der in der Küche Wasser zur dritten Bowle kochte, herbeizurufen.
Bürger rief aber: »Brüderchen, Gevatter und Verleger, hochgeehrtester Gönner und Freund, woher auf einmal diese Verachtung gegen einen Trank, den die Götter selbst uns gegeben? Wie viele Abende und Nächte haben wir uns an diesem Göttertrank gelabt? Nektar und Ambrosia sind uns nichts dagegen gewesen.«
Heinrich Dietrich hatte indeß einige flüchtige Zeilen auf die Rückseite eines verunglückten Abdrucks der Platte I geschrieben und übergab sie Puddelmeier.
»Sklave, geh' sofort zu meiner Wohnung . . . die Gartenpforte steht dir offen, und laß dir von meinem Bedienten und Kellermeister das Getränk geben, das hier verzeichnet ist.«
Währenddeß hatte Bollmann die Gläser vollgeschenkt und brachte dem »Brüderchen«, dem Schutzgeist aller Theologen, die das Unglück hatten, vom Apfel Eva's genascht zu haben und die Quarre zu kriegen vor der Pfarre, »dem Vater aller Theologenkinder«, ein Hoch, in das die Gesellschaft einstimmte.
Die neue Bowle war leer, ehe der Famulus zurück war, und Riepenhausen ging, gefolgt von Heinrich, in die Küche, um eigenhändig die Punschgläser zu spülen, er besaß andere nicht und wußte, daß Brüderchen Dietrich edlern Stoff anfahren ließ, als bisher getrunken war.
Endlich kam Puddelmeier mit dem Bedienten, Kellermeister, Friseur und Inhaber sonstiger geheimen Functionen seines Herrn, mit Hahnmeier zurück, jener einen vollen Korb, dieser vier Flaschen Champagner unter dem Arme.
»Du bleibst hier und schenkst ein«, sagte Heinrich zu seinem Hahnmeier; »Puddelmeier kann sich in die Ecke bei dem Tabackskasten setzen und die Pfeifen stopfen, wer von euch beiden aber das Maul aufthut und ein Wort spricht, schmeckt meine Reitpeitsche«, und er schwenkte diese mit einem Pfiff durch die Stube, der keine Lust zum Ungehorsam zu erzeugen geeignet war.
Die Gläser waren indeß voll Burgunder geschenkt.
»Meine Brüder«, sagte Heinrich Dietrich, »diese Perle des Weins auf die größte Perle deutscher Dichtkunst, Bürger, du und ihr alle, die ihr euch Perlen nennt, seid Schofel und Quark gegen das!« Dabei zog er ein Buch aus der Tasche und reichte es Bürger: »Da lies und ihr andern schweigt.«
Bürger entfaltete das in Broschürenform, ohne Goldschnitt und den reizenden Einband der verschiedenen Dietrich'schen Almanachs, auf schlechtem Papier schlecht gedruckte, vom ersten Leser beim Aufschneiden zerfetzte Buch und las den Titel: »Faust. Ein Fragment.« Den Haupttitel: »Goethe's Werke«, hatte Dietrich herausgeschnitten.
»Brüderchen will einen schlechten Witz machen«, äußerte Bollmann, indem er sich von neuem einschenkte und auch seinen Nachbarn, die ausgetrunken hatten.
»Ruhig«, donnerte Dietrich.
Als nun Bürger mit seiner schönen Stimme den Monolog Faust's . . . (das Vorspiel auf dem Theater und der Prolog im Himmel existirten damals noch nicht) . . . zu lesen anfing, wurde es ruhig, so still und ruhig, daß man von oben das Toben der Gäste der Frau Professorin vernahm, das glücklicherweise dem Leser selbst entging. Und als nun Bürger den Dialog mit dem Geiste schloß mit den Worten:
Ich, Ebenbild der Gottheit?
Und nicht einmal dir!
winkte Brüderchen Dietrich seinem Hahnmeier, um die Gläser zu füllen, sie wurden geleert und wieder gefüllt. Und nun fing Bürger, der während des Trinkens die beiden folgenden Seiten flüchtig überblickt hatte, zu lesen an, mit Ton und Geberde, die vielleicht kein Mime, selbst nicht Ludwig, Emil und Karl Devrient oder wie die Herren Künstler unsers Jahrhunderts sonst heißen mögen, je erreicht hat.
Als er endete:
Der letzte Trunk sei nun mit ganzer Seele
Als festlich hoher Gruß dem Morgen zugebracht
und tief athmend nach dem Glase griff, war es, als ob die ganze Gesellschaft, Puddelmeier und Hahnmeier ausgenommen, die von dem Vorgelesenen kein Wort verstanden, sondern ihre Aufmerksamkeit ganz nach außen lenkten, aus einer geistigen Erstarrung erwachte.
Kaum war Bürger aber so weit gekommen, daß er las:
Welch tiefes Summen, welch ein heller Ton,
Zieht mit Gewalt das Glas von meinem Munde!
als draußen tiefes Summen und heller Lachklang in einer so lauten Weise erscholl, daß der Vorleser sich unterbrach, Riepenhausen zur Thür eilte und Hahnmeier unter seinen Händen zu der geöffneten Thür verschwand, um bald darauf mit der Meldung hereinzutreten, daß die Bedienten und Mädchen der Herrschaften, welche bei der Frau Professorin zum Thee seien, sich versammelten, da es elf Uhr abends sei. Das Gelärm draußen wurde immer größer, namentlich als nun der eine oder andere Studiosus herabkam und bei den weiblichen Dienstboten Entschädigung suchte für das, was ihm die Herrin vielleicht verweigert hatte. Da das Staatszimmer an der Hausflur lag, wurde das Lesen freilich unmöglich und man hielt sich an das Getränk.
Endlich wurde es ruhiger. »Hast du keinen Pokal?« fragte Dietrich den ganz unruhig gewordenen und aus dem Häuschen gekommenen Riepenhausen. Dieser brachte einen alten mit der Kunstfertigkeit des Mittelalters in Glasmalerei, Schneide- und Schleifkunst gefertigten Pokal herbei. . . . »Hahn«, so war die gewöhnliche Anrede an das Factotum, » öffne eine Flasche Champagner . . . schenke den Pokal voll und bring' ihn der Frau Professorin hinauf mit einer Empfehlung von mir, und ihr Herr Gemahl wäre in guter Gesellschaft bei seinem Hauswirth, wünschte, daß sie seinetwegen nicht aufbliebe, sondern sich schlafen legte, um von ihm zu träumen. Hast du verstanden, Hahn? Aber Kerl, wenn du dich länger als eine Minute bei der Köchin Elisabeth aufhältst, holt dich der Teufel, so wahr ich Heinrich heiße.«
Nun wurde weiter gelesen. Bürger hatte seine Pfeife längst ausgehen lassen, er ließ das volle Glas vor sich stehen, was selten geschehen war, er hörte nicht auf das, was um ihn gesprochen wurde, er verschlang das Fragment, das er weiter vorlesen sollte.
So war abermals eine Stunde wol vergangen. Man hatte bei mehr als Einer Scene Pause gemacht, bei mehr als Einem Kraftwort des Mephistopheles das Glas geleert, man war in der Gartenscene, als Bürger offenbar zerstreuter las, dann plötzlich das Buch zur Seite warf, von seinem Platz aufsprang, durch den Kreis der Freunde eilte und zur Treppe, der dunkeln, hinaufsprang.
»Was ist das?« sagte Dietrich.
»Was wird es sein«, antwortete Bollmann, »als daß dein Champagner in Mephistopheles' Gestalt dort oben Spuk anrichtet.«
Indessen hörte man oben bald großen Lärm, laute Stimmen, dann Geräusch, welches ein Mensch zu machen pflegt, der eine Treppe hinuntergeworfen wird. Hahnmeier hatte durch den Augenwink seines Herrn die Erlaubniß bekommen, zu sehen, was draußen geschehe. Er kam mit der Nachricht in die Stube, daß Graf Schlottheim, der sich bei der Köchin Elisabeth wahrscheinlich verspätet, bei der plötzlichen Rückkehr des Herrn Professors sich habe still davonschleichen wollen und die Treppe hinabgestürzt sei. Derselbe sei aber bis auf die Frisur unverletzt.
Jeder dachte das Seine, das Fragment wurde nicht zu Ende gelesen, aber der Wein zu Ende getrunken. Elise wußte ihren Mann zu überzeugen, daß Schlottheim nicht ihrethalben, sondern Elisabeth's wegen zurückgeblieben sei, welche die Frechheit gehabt habe, während sie an ihre Freundin, die Frau von Münchhausen in Braunschweig, geschrieben, dem Grafen in ihrer, der Frau, Schlafkammer, ein Rendezvous zu geben. Bürger bat wegen seiner ungerechtfertigten Eifersucht um Verzeihung, die ihm gnädigst gewährt wurde.
Ja, so war es in der guten alten Zeit.

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 2. Buch, 1. Kapitel 

Göttingen zwischen 1787 und 1837

Wer in den zwanziger und dreißiger Jahren in Göttingen studirte, oder sich dort Studirens halber aufhielt, der ist auch im Hause des witzigsten aller Kroneninhaber, Friedrich Bettmann, gewesen, in der Goldenen Krone* an der Weenderstraße, in welcher Kaiser und Könige zu öftern malen seitdem ihr Nachtquartier aufgeschlagen haben. Wer dort aber jenerzeit ein- und ausging, der fand allda alltäglich ein altes, kleines, zusammengeschrumpftes Männchen, mit gelber Perrüke, die weniger als Haarschmuck, denn zur Erwärmung des Kopfes diente, abends in der hintern Stube vor der Mutterflasche mit gelbem Lack sitzen, sich und den Stammgästen daraus einschenkend und diese lebhaft unterhaltend. Als die Georgia Augusta ihr funfzigjähriges Jubiläum feierte, da war dieser alte Mann schon wohlbestallter Universitäts-Kupferstecher, und als 1837 Göttingen sein hundertjähriges Jubiläum feierte, da war Riepenhausen neben Brüderchen Heinrich Dietrich, dem Sohne des obenerwähnten Buchhändlers Heinrich Dietrich, dem Pastor Luther u. a. m. einer der wenigen, die noch vom Jahre 1787 erzählen konnten als Festgenossen und Universitätsmitglieder von damals. Riepenhausen, der Freund Lichtenberg's, Blumenbach's, Wrisberg's, der Hauswirth Bürger's in seiner schwersten Lebenszeit, der geniale Mann, der Hogarth's Meisterwerke mit seinem Griffel für Deutschland zugänglich, ja mit Lichtenberg's Erklärungen zum Nationaleigenthum gemacht hat, war zu der Zeit nach 1830 nichts mehr als ein alter schwacher Mann und Vater zweier berühmter Söhne, der Gebrüder Riepenhausen, Maler in Rom, während ein jüngerer Sohn bummelnd und nichtsthuend ihm das Mark des Lebens aus dem Beutel sog, und eine Tochter, Präsidentin eines 1822 gestifteten Ypsilanticlubs, nach dem Einen wahren Zukünftigen schmachtete. Riepenhausen war, sobald es dunkelte, Sommer und Winter der erste Gast in der Krone. Er wußte viel zu erzählen, der alte Herr, und er hat mir Dinge berichtet, von denen in unzähligen Büchern, die über Göttingen geschrieben sind, kein Wort steht, und hätte sich Otto Müller von ihm eine Stunde über Bürger erzählen lassen, er würde einen bessern Roman als den uns vorliegenden geschrieben und Novalis nicht mit dem Vetter des Fürsten von Hardenberg verwechselt haben.

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 2. Buch 1. Kapitel

*1951 wurden auf dem Gelände der Gastwirtschaft die Kreissparkasse, die Gastwirtschaft "Alte Krone" und ein Kino errichtet.

sieh auch:
Göttinger Hainbund
Wiki-Göttingen