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02 Januar 2023

Fontane über Berlin

 Da bin ich nun seit Jahrzehnten Fontanefan, aber noch längst kein Fontanekenner. Der forsche Ton, von dem er sagt., das Hesekiel damit die Frauen fasziniere, der Bummelton, der mehr Beschreibung seines Weges zum Kunstwerk als das Kunstwerk selbst liefert. Und dann die Respektlosigkeit vor dem Kunstwerk bei der Beschreibung des Belvedère: "ein seltsamer jalousienreicher Bau, rund mit vier angeklebten flachen Balkonhäusern [...] auf dessen Spitze drei Genien mit Genhimmelhaltung eines goldenen Fruchtkorbes beschäftigt waren [...] Sentimentalität und Sinnlichkeit, Schäferspiele und kurze Röckchen, Antonius und Kleopatra. Nur alles trivialisiert. Statt des Pharaonenkindes eine Stabstrompetertochter." (S.131)

Oder anlässlich der Behandlung der Grabstätte der Familie Humboldt, der "Pilgerstätte für Tausende" die Empfehlung, durch die Oranienburger Vorstadt zu gehen, "die sich  [...] aus Bahnhöfen und Kasernen, aus Kirchhöfen und Eisengießereien zusammensetzt [...] das Privathaus ist eigentlich nur insoweit gelitten, als es jenen vier Machthabern dient. Leichenzüge und Bataillone mit Sang und Klang folgen sich in raschem Wechsel oder begegnen einander; dazwischen gellt der Pfiff der Lokomotive, und über den Schloten und Schornsteinen weht die bekannte schwarze Fahne." (S.151)
Und danach die Schilderung des Wedding "Was auf fast eine halbe Meile hin diesen ganzen Stadtteil charakterisiert, das ist die völlige Abwesenheit alles dessen, was wohltut, was gefällt." (S.152) Und dazu die Empfehlung  "Wer seinen Füßen einigermaßen vertrauen kann, tut gut. [...] die ganze Tour zu Fuß zu machen." (S.151)

01 Juli 2015

Wolfgang Büscher: Drei Stunden Null

Wolfgang Büscher: "Drei Stunden Null. Deutsche Abenteuer", 1998, ist Büschers erste Buchveröffentlichung. Diese Sammlung von Reportagen hat zwar auch schon viele Qualitäten, reicht aber nicht an seine späteren Reiseberichte heran. 

Drei Stunden Null
Der erste Text "Der schöne Sommer" (S.7ff) handelt von der Schlacht um Breslau.

Auch ich war in Berlin (S.45-85)
"Rasend schnell, schneller als jeder andere, stürzt dieser Brocken Zeit [die Geschichte der DDR] in die Geschichte zurück, in die Schnurre, in die Hoffmanniade, die er immer gewesen war." (Auch ich war in Berlin, S.48)

"Das freie Land dehnte sich bis an die äußerste Kante der Hochhäuser heran. Westberlin war eine dunstige Wand, die ohne Vorwarnung, ohne ersichtlichen Grund aus dem Grasland aufstieg. [...] Berlin von innen war eine ignorante Insel und wollte von der Steppe nichts wissen. Berlin von außen war ein jähes Ereignis in einem leeren Land." (Auch ich war in Berlin, S.70)

Amerika!
Der letzte Flug der Betty Lou: Kampf zwischen von Italien kommender amerikanischer fliegender Festung und einem deutschen Jäger am 24.3.1945, unter Bezug auf das Kind Rudi Dutschke. (S.89-107)
Faust eins. Faust zwei: Konrad Henlein und Ferdinand Porsche, beide aus Maffersdorf an der Neiße, zwei unterschiedliche Schicksale. Beide mit einer selbst gewählten Lebensaufgabe (Sudetendeutschland nach Deutschland zu führen; Fahrzeuge zu konstruieren), die sie für einige Zeit für Hitlers Pläne arbeiten lässt. (S.100-107)
Porsche in Amerika: Ferdinand Porsche besichtigt amerikanische Autofabriken, insbesondere die von Henry Ford. - Bericht von Porsches (angeheiratetem Neffen*) Neffen Ghislaine Kaes: "Ford ist der einzige Große in den USA, der in seinen Werken, ohne Unterschied Neger und Weiße einstellt." (S.107-118)
* sieh: Aloisia Johanna Kaes (Stammbaum der VW-Dynastie)

Tief im Westen
Das Schicksal des Wuppertaler Metzgermeisters Karl Hans Rohn, genannt Charly, der sich nach dem Ende seiner geschäflichen Glanzzeit eine jüdische Herkunft andichtet und von einem Neonazi ermordet wird. (S.119-137)

Das Klavier in der Steppe (S.139-191)
Die Mennoniten, die aus ihrem Dorf an der Wolga aufbrechen, sind inspiriert von Jung-Stillings Roman "Das Heimweh" und biegen sich Bibelzitate so zurecht, dass sie zu ihrer Situation und ihren Hoffnungen passen.

24 Januar 2013

1848 nach den Barrikadenkämpfen in Berlin

Wien war erobert, an demselben Tage, an dem die demokratischen Clubs und der Mob Berlins es versuchten, die Constituirende Versammlung in Berlin zu zwingen, den Wienern zu Hülfe zu eilen. Eva hatte anspannen lassen, sie hoffte, ihren Fahnenschwinger wiederzufinden, die Tante und Cousine aus Heustedt waren neugierig, sie hatten noch keine berliner Volksversammlung gesehen. Als man aber auf der Jägerstraße über den Gensdarmenmarkt fahren wollte, fing man an das Wagniß zu bereuen, die Menschenmasse wurde immer größer und dichter, die Art der Menschen nach Anzug und Physiognomie immer abschreckender; wahre Bassermann'sche Gestalten tauchten neben dem Wagen auf und grinsten zähnefletschend durch die Spiegelscheiben der mit der Baronenkrone gezierten Equipage. Als diese im langsamen Schritt so weit vorgefahren war, daß man die Freitreppe des Schauspielhauses und den jetzigen Schillerplatz übersehen konnte, wurde das Gedränge so groß, daß der Kutscher anhalten mußte. Bettina und Sidonie schwebten in tausend Aengsten und verwünschten ihre Neugierde. Eva hatte nur Augen für die Freitreppe, da war ihr Barrikadenheld wieder, die schwarzumflorte schwarz-roth-goldene Fahne in der Hand; neben ihm stand der wohlbekannte große, fette, rothumbartete Volksredner Held und redete mit seiner Riesenlunge und Feuerzunge zu der tobenden Menge, Gehör bittend für ein Mitglied der Deputation des Arbeitervereins aus Wien, welcher die Hülfe der Berliner für die von den Kroaten bedrängte Kaiserstadt erbitten wollte. Karbe, Ottensosser und andere Lieblinge der souveränen Menge standen zur Rechten. Einige Radicale aus der constituirenden Versammlung, D'Ester und andere, hielten sich mehr im Hintergrunde, gleichsam, als schämten sie sich der Gemeinschaft mit den vorn auf der Freitreppe Stehenden. Von dem, was Held sprach, konnte man im Wagen nichts verstehen, bei jedem Schlagworte aber erscholl ein Hurrah oder Bravo, das die Fenster des Schauspielhauses erschütterte. Die Rede war zu Ende, das Volk kam in Bewegung, es sehnte sich nach »Thaten«, zu welchen der Redner aufgefordert hatte. »Hier ist Gelegenheit!« schrie ein kleiner schiefer Kerl und schlug mit einem dicken Prügel in die Fenster der Equipage, sodaß Eva, welche dem Fenster am nächsten saß und nach ihrem Ideal mit dem schwarz-roth-goldenen Banner starrte, von Glassplittern überschüttet wurde und mehrere Wunden ins Gesicht bekam, »hier ist Aristokratenbrut, hängt sie!«
Eine Abtheilung Bürgerwehr, die neben der Freitreppe stand, da, wo an Markttagen Strohmatten, Holzwaaren u. dgl. zum Verkaufe ausgestellt zu sein pflegen, versuchte nach der Equipage vorzudringen. Allein die Menge warf sich nun gegen sie, dadurch bekamen die Pferde etwas Luft. Als das Proletariat nach Westen drängte, sah der Kutscher von seinem hohen Bocke, daß die Räume vor ihm nach der Markgrafenstraße zu von unbewaffneten Maschinenbauern eingenommen waren, unter denen er seinen Bruder, einen Cyklopen von hervorragender Größe und vielem Einfluß bei den Genossen, erkannte. Er rief diesem zu und bat um Platz, gleichzeitig ließ er die Pferde anspringen und beseitigte dadurch noch ein paar Dutzend Proletarier, welche den Wagen von den Maschinenbauern trennten. Letztere theilten sich und ließen den Durchpaß nach der Markgrafenstraße frei; waren sie doch überhaupt nur erschienen, um, wo nöthig, eine Art Vermittlerrolle zwischen Bürgergarde und Arbeitern zu spielen. Die Insassen des Wagens athmeten erst auf, als dieser um die Hedwigskirche und neben dem Opernhause den Linden zufuhr. [...]


Der Tag, von dem wir sprachen, war der 31. October, ein Dienstag, – die Constituirende hatte an diesem Tage unter Zustimmung Pfuel's den Adel wie die Orden und Ehrenzeichen abgeschafft; – man hielt einen Demokratencongreß ab, in dem man in Fractur sprach; in der Abendsitzung der Constituirenden, die bis zur Nacht dauerte, wurde die Unterstützung Wiens durch Vermittlung der selbst machtlosen Centralgewalt beschlossen, – für Waldeck gab es damals kein Deutschland ohne Oesterreich; am 1. November gab von Pfuel den Vorsitz im Cabinet und das Portefeuille des Krieges auf, der König nahm das an und berief den Grafen Brandenburg zur Bildung eines neuen Ministeriums; am folgenden Tage beschloß die Constituirende eine Deputation von fünfundzwanzig Mitgliedern an den in Sanssouci weilenden König und eine Adresse mit der Bitte um ein volksthümliches Ministerium. Der Minister »der bewaffneten Reaction« suchte Zuflucht in Jung's Wohnung, der diesen Namen erfand. – Bei der Audienz am 3. November spricht Jacoby, sich die Rolle des Präsidenten anmaßend, zum Könige: »Es ist das Unglück der Könige (und die Ursache ihres Falles?), daß sie die Wahrheit nicht hören wollen.« Die Hoffnungen auf ein Ministerium Rodbertus, von Unruh, Harkort, von Berg erweisen sich vergeblich. Am 6. November geht Bassermann als Reichscommissar nach Berlin. – Am 9. wird Robert Blum in Wien standrechtlich erschossen. Die Constituirende wird vertagt und nach Brandenburg verlegt.
Die Majorität erklärt sich für permanent. Die Linke erklärt in Aufrufen an das Volk das Vaterland in Gefahr, die Rechte scheidet aus.
Am 10. November rückt Wrangel mit zwanzigtausend Mann in Berlin ein; Truppen besetzen in der Nacht den Concertsaal. Den folgenden Tag setzt die Linke unter dem Präsidenten von Unruh ihre Sitzungen im Hotel-de-Russie, nachmittags im Schützenhause fort.
Man fürchtet in Berlin jeden Augenblick den Ausbruch eines neuen Barrikadenkampfes. Die Bürgerwehr wird aufgelöst. Am 12. November: Berlin wird in Belagerungszustand erklärt; 13. November: der Rest der Constituirenden Versammlung erklärt das Ministerium des Hochverrats schuldig und wird aus dem Schützenhause durch Wrangel vertrieben – »gegen Demokraten helfen nur Soldaten«; constituirt sich am folgenden Tage noch einmal im Hotel Milenz und decretirt die Steuerverweigerung; 20. November: die Nationalversammlung in Frankfurt erklärt diese für ungültig; 28. November: die Constituirende Versammlung in Brandenburg wird eröffnet.


Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 8. Buch, 1. Kapitel