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23 Juni 2022

Uwe Wittstock: Februar 33 : Der Winter der Literatur

 Uwe Wittstock: Februar 33 : Der Winter der Literatur München C.H.Beck 2021


Carl Zuckmayer (S.11-21) Ernst Udet (S.17-21)

Erich Maria Remarque (S.26-30)

Th. Mann und Hanns Johst* verstanden sich in der Zeit kurz nach dem 1. Weltkrieg noch recht gut, beide waren nationalistisch deutsch. (S.70-72)
"In den 1920er Jahren wurde Johst einer der bekanntesten deutschen Nachwuchs-Dramatiker, den die politisch Rechten für sich reklamierten. In dieser Zeit war er auch gut bekannt mit Thomas Mann, den er bewunderte. 1922 kündigte Johst diese Verbindung wegen Manns Bekenntnis zum demokratischen Staat aber auf.[2]" (Hanns Johst - Wikipedia) Ja, er schrieb sogar an Himmler, man könne "vielleicht Herrn Thomas Mann, München, für seinen Sohn ein wenig inhaftieren? Seine Produktion würde ja durch eine Herbstfrische in Dachau nicht leiden.“ (Hanns Johst)

10.2.33 Th. Mann: Leiden und Größe Richard Wagners (Vortrag auch auf Auslandstournee)
"Er nennt Wagner einen 'Sozialisten und Kulturutopisten' [...] lobt [...] seine 'europäische Artistik' und behauptet sogar, dass man Wagner inzwischen 'ganz sicher einen Kulturbolschewisten nennen würde.' " (S.91)

14.2.33 Vicki Baum Menschen im Hotel Uraufführung des Hollywood-Films in Berlin (S.105-109)
15.2.33 Max von Schillings lässt sich von Bernhard Rust drängen, Käthe Kollwitz und Heinrich Mann aus der Akademie zu drängen. (S.109-123) "Während seiner Amtszeit als Präsident der Preußischen Akademie der Künste begannen die erzwungenen Austritte und Ausschließungen bedeutender jüdischer und unangepasster Künstler (Käthe Kollwitz, Heinrich Mann, Ricarda Huch, Alfred Döblin, Thomas Mann, Max Liebermann, Alfons Paquet, Franz Werfel, Jakob Wassermann). Max von Schillings betrieb auch die Entlassung zweier bedeutender Kompositionslehrer: er drängte Arnold Schönberg zum Rücktritt von seinem – eigentlich auf Lebenszeit geltenden – Vertrag und er versetzte Franz Schreker zwangsweise in den Ruhestand." (Wikipedia)
Ricarda Huch tritt allerdings nicht gedrängt, sondern aus Empörung über den Schutz des Rechtes auf freie Meinungsäußerung zurück und verfasst dabei einen Brief, der schon vor Thomas Mann Wesentliches von dem formuliert, was dessen Brief an den Rektor der Bonner Universität so auszeichnet. 
16.2.: Brecht und Margarete Steffin (S.125-27), Else Lasker-Schüler (S.127/28)
17.2.: Oskar Maria Graf u. Mirjam Sachs ( (1890–1959), eine Cousine von Nelly Sachs). (S.129/32) - Görings Schie0ßerlass (S.132/33); Überfall auf Staatliche Kunstschuele (S.133/34); Carl von Ossietzky will bleiben, Hans Sahl berichtet später davon. (S135/36)
18.2.: Heinrich George tendiert von links nach rechts. Georg Kaisers Silbersee wird aufgrund von Protesten von Nazis u.a. nach drei Premieren abgesetzt. (Danach bis 1945 kein Stück von Kaiser mehr gespielt).  Die wesentlichen Mitwirkenden gehen ins Exil, Gustav Brecher begeht dort Selbstmord aus Angst vor den Deutschen. (S.137/40)
22. Februar: Göring ernennt 40.000 SA- und SS-Männer und 10.000 Angehörige des Stahlhelms zu Hilfspolizisten
H. Johsts Stück Schlageter wird ein riesiger Bühnenerfolg, Johst wird reich und später Chef der Reichsschrifttumskammer, Präsident des deutschen PEN-Zentrums und Gruppenführer der SS. (S.169-71)
24.2.: Therese Giehse (S.171/72)  
25.2.: Gabriele Tergit (S.174/5) Ferdinand Bruckner u. Gustav Hartung (S.175-179)
27.2.: Walter Mehring, Bert Brecht, Mascha Kaléko (S.180-191);  Benn schreibt an Egmont Seyerlen (Gottfried Benn/Egmont Seyerlen, Briefwechsel 1914–1956. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Gerhard Schuster. Stuttgart 1993)

28. Februar: Ossietzky entscheidet sich wieder gegen Flucht

Erich Mühsam hat am 27. Februar erstmals Geld für Fahrkarte nach Prag, wird um 5:00 Uhr morgens verhaftet, fast gleichzeitig mit Egon ErwinKisch und Carl von Ossietzky 47 Personen in Gemeinschaftszelle; Brecht und Weigel fahren nach Prag.

Verordnungen des Reichspräsidenten erstens zum Schutz von Volk und Staat und zweitens gegen Verrat am deutschen Volk (Abschaffung der Grundrechte und Erweiterung der Todesstrafe)

Hitler: "Ich brauche keine Bartholomäusnacht." Er hat die Verordnungen, die ihm staatliche Gewalt für die geplanten Verbrechen geben. Martin Buber empfiehlt Willi Münzenberg Flucht über das Saarland; aber 1940 wird Münzenberg aus der KPD ausgeschlossen und stirbt.

Döblin wird verfolgt, kann Verfolger abschütteln; Klaus Mann fährt nicht nach Berlin

130 Kommunisten verhaftet (S. 200-210)

1. März: Döblin meldet sich bei Ludwig Binswanger in Kreuzlingen an. Fritz Langhoff kommt nach Berlin, wird gewarnt flieht zu wechselnden Adressen (S. 211-16)

3. März: Barbara Brecht zweieinhalb Jahre wird von Irene Grand aus Deutschland nach Österreich gebracht. In Nohra bei Weimar "Am 3. März 1933 wurde im Gebäude der Heimatschulbewegung am Rande der Gemarkung Nohra das KZ Nohra als das erste Konzentrationslager in der Zeit des Nationalsozialismus eingerichtet. Heute erinnert nichts mehr an dieser Stelle an das KZ.[4] " (Wikipedia) (S. 216-18)

4. März: Gabriele Tergit  und Benno Reifenberg entkommen dank Verbindungen zur politischen Polizei (Nazis, aber für gesetzliche Regelungen) (Seite 218-221)

5. März: Wahltag Mirjam Sachs, Lebensgefährtin von Oskar Maria Graf, stimmt in München gegen Hitler, kommt nach Wien (S. 222-225)

6. März: Nelly Kröger kann von einem Fischer nach Dänemarkgeschmuggelt werden. (S. 225-30)

7. März: Eine Volksbuchhandlung in Dresden wird von der SA ausgeraubt, die erste Bücherverbrennung der Nazis (S. 230 - 235)

8. März: Harry Graf Kessler fährt ohne Fluchtgedanken nach Paris. Else Lasker-Schüler muss Lesung absagen (Seite 235-36)

10. März: Hermann Kesten, Thomas Mann. Ehemaliger Reichsinnenminister Wilhelm Sollmann von der SPD wird verprügelt, kommt in Schutzhaft, kann dann aber über das Saarland entkommen (Seite 237-44)

11. März: Erika und Klaus Mann sind in München (Seite 244-46)

13. März: Therese Giese erzählt noch einen hitlerfeindlichen Witz, wird denunziert und entkommt über Österreich in die Schweiz. Klaus Mann fährt nach Paris

Gottfried Benn* legt den Mitgliedern der Abteilung für Dichtkunst der Akademie der Künste eine Unterwerfungserklärung unter den NS-Staat vor, die wird von allen Anwesenden unterschrieben. [*Benn verfasste mit Max von Schillings  eine   Loyalitätsbekundung für Hitler, die den Mitgliedern eine nicht-nazistische politische Betätigung verbot: „Sind Sie bereit unter Anerkennung der veränderten geschichtlichen Lage weiter Ihre Person der Preußischen Akademie der Künste zur Verfügung zu stellen? Eine Bejahung dieser Frage schließt die öffentliche politische Betätigung gegen die Reichsregierung aus und verpflichtet Sie zu einer loyalen Mitarbeit an den satzungsgemäß der Akademie zufallenden nationalen kulturellen Aufgaben im Sinne der veränderten geschichtlichen Lage.“[8] Die Mitglieder mussten bei Drohung ihres Ausschlusses unterschreiben.] Lauter NS-treue Schriftsteller treten neu ein. ["darunter Werner Beumelburg, Hans Friedrich Blunck, Hans Carossa, Peter Dörfler, Paul Ernst, Friedrich Griese, Hans Grimm, Hanns Johst, Erwin Guido Kolbenheyer, Agnes Miegel, Börries Freiherr von Münchhausen, Wilhelm Schäfer, Emil Strauß und Will Vesper.[9][10]"(Wikipedia)] Benn ist entsetzt über den Niveauverlust (S. 247-55)

15. März: Manès Sperber (Seite 258-61); Verprügelungen durch SA,  Rudolf Diels berichtet nach dem zweiten Weltkrieg darüber (S. 263/64) (Gesamtkapitel: S. 256-64)

Lebensabrisse (Seite 265-72)

Nachwort (Seite 273-75)



03 März 2019

Deutsche Rundschau

"Die Deutsche Rundschau hat die deutsche Politik sowie Literatur und Kultur zeitweilig maßgeblich beeinflusst und galt als eine der „bestgelungenen Journalgründungen“ in Deutschland. So veröffentlichten Theodor Fontane seine Effi Briest, Theodor Storm seinen Schimmelreiter sowie Zeitgenossen wie Paul Heyse, Gottfried Keller, Conrad Ferdinand Meyeroder Ernst Robert Curtius ihre Werke in dieser Zeitschrift.
Nach Rodenbergs Tod wurde Bruno Hake ihr Herausgeber, dem 1919 Rudolf Pechel folgte. Bis zum Zweiten Weltkrieg war die Zeitschrift das Sprachrohr der Jungkonservativen und später der konservativen Gegner des Nationalsozialismus. Von 1933 bis 1942 war der Redakteur und Schriftsteller Paul Fechter Mitherausgeber der Zeitschrift.
Im April 1942 wurde Pechel verhaftet und die Zeitschrift vom Reichssicherheitshauptamt verboten. Vier Jahre später erschien die Deutsche Rundschau erneut mit Rudolf Pechel als Herausgeber. Nach Pechels Tod führten seine Söhne Jürgen und Peter Pechel sowie Harry Pross die Zeitschrift bis 1964 weiter." (Deutsche Rundschau (Wikipedia))
Von 1937 bis September 1939 wurde sie vom Reclam verlegt, danach in einem eigenen Verlag betreut, aber bis 1942 weiter von Reclam gedruckt und vertrieben,  Werner Bergengruen sagte, sie sei "nicht fortzudenken aus der Geschichte des deutschen Widerstandes" (zit. nach Reclam. Verlagsgeschichte 2001, S.106). Die Autoren entwickelten eine "Kunst der Verschleierung" (W. Röpke, zit. nach Reclam 2001, S.107), die es ermöglichte, dass "jeder Gebildete in jedem Lande [sie] mit Gewinn und Vergnügen lesen konnte" (Röpke ebd.). 

14 November 2007

Auf den Straßen Roms


Eine junge Frau allein in Rom, nachdem sie drei Tage nach dem Zusammentreffen mit ihrem Mann, erfahren hat, dass er, der Soldat, zum Afrikakorps muss.
Schwanger, vom Arzt aufgefordert, viel zu gehen, immer unterwegs. Mit Blick auf die vielen Adler. Was sollen die deutschen Adler hier? Aber sie sind auch weniger militärisch, natürlicher, streng freilich auch.
Im evangelischen Diakonissenheim auf die Geburt wartend, so war das Arrangement gewesen. Er als Soldat eine halbe Stunde entfert, sie im Heim. Er jetzt in Afrika.

So geht die Mutter von Friedrich Christian Delius durch die Stadt.
Er nennt sein Buch "Bildnis der Mutter als junge Frau". Die Gedanken der jungen Frau bei ihren ständigen Spaziergängen durch eine Stadt, deren Landessprache sie nicht versteht, deren Geschichte sie nur verschwommen kennt, deren Kunstwerke sie nicht einordnen kann, bezeichnet als Bildnis wie das Werk eines Tizian, Botticelli, Lippi oder Cranach.

Dabei sieht sie viele Bilder, den grüngrauen Tiber mit prächtigen hellen Mauern gerahmt. Aber ein Bild ihrer selbst?

Rezension von Katharina Döbler
in der ZEIT, 8.11.2006

31 Oktober 2007

Doktor Faustus: Vereinnahmung - Montage-Technik

Kunstvoll, viele Ebenen ineinanderschiebend, anspruchsvoll in der Verabeitung des politischen Gegenstandes, der ethischen Frage, sowie der dämonisch-religiösen-antichristlichen Dimension der Kunst ist Thomas Manns Doktor Faustus auch ein Werk, das in manchem die Herübernahme des im realen Leben Geliebten in die Sphäre des literarisch Teuflischen sehr weit treibt.
Der geliebte Enkel, den er im Roman unter gräßlichen Schmerzen sterben lässt, seine Geliebten, die er porträtiert und durch die Art seiner Darstellung auch wieder herabsetzt, schließlich die Zwölftonmusik Schönbergs, von der er in der "Entstehung des Doktor Faustus" zu Recht sagt, dass es "fast etwas von Kränkung gehabt hätte, im Text seinen Namen zu nennen".
Ob mit Namen oder ohne Namen, der Zusammenhang, in den ein Mensch oder das Lebenswerk eines Menschen hier gestellt wird, hat etwas Kränkendes. Auch wenn Kunstnotwendigkeit es befiehlt und hohe Kunst das Ergebnis ist.
Ist aber nicht das Auslassen des Holocaust, die Parallelisierung des deutschen Geschehens von 1933 bis 1945 mit dem Teufelspakt eines Künstlers eine unzulässige Stilisierung des Banal-Bösen?
Doch darf andererseits die Verarbeitung (nicht die "Bewältigung") von Gegenwart durch Kunst dem Künstler verboten sein? Wenn die Satire alles darf, sollte die Kunst es nicht auch dürfen?
Was dürfen Satire und Kunst wirklich?

Thomas Mann hat selbst in der "Entstehung" von der "mich dauernd bestürzenden Rücksichtslosigkeit im Aufmontieren von faktischen, historischen, persönlichen, ja literarischen Gegebenheiten" gesprochen, wobei diese "Montage-Technik" aber zur "Idee des Buches" gehört habe. Möglich sei ihm diese Technik geworden, wegen des Charakters des Buches "als Geheimwerk und Lebensbeichte, der die Vorstellung seines öffentlichen Daseins überhaupt von mir fernhielt, solange ich daran schrieb". (Die Entstehung des Doktor Faustus, Schriften u. Reden zur Literatur, Kunst u. Philosophie Bd 3, Fischer Bücherei Moderne Klassiker 115, S.103)
Wir brauchen diese Äußerung freilich nicht für mehr zu nehmen als als Rechtfertigung der Kunstnotwendigkeit. Denn vorher hat er schon gesagt, dass sein "Lebensplan, der immer ein Arbeitsplan gewesen war" dies Thema "an das Ende gestellt hatte".
Alle seine vollendeten Arbeiten hatte er veröffentlicht. Der Plan sah mit der Verschränkung der Zeitebenen von Biographie und Erzählzeit Zeitblooms eine Abrechnung mit dem Nationalsozialismus vor. Die sollte der Öffentlichkeit vorenthalten werden?
Das ist nicht zu glauben, eher, dass Thomas Mann den Gedanken an die Veröffentlichung fernhielt, damit er "Gegebenheiten" einbringen könne, die bewusst der Öffentlichkeit vorzustellen, er sich nicht gestattet hätte. Wusste er doch, dass er die Episode mit Frido, "die Geschichte des Gotteskindes" in einer Sphäre der "Unmenschlichkeit" ("Entstehung des Doktor Faustus", S.101) erzählen würde.

10 Oktober 2007

Das britische Ultimatum 1939

Paul Schmidt berichtet, Ribbentrop habe das britische Ultimatum am 3.9.1939 nicht selbst entgegennehmen wollen, sondern dies seinem Chefdolmetscher überlassen.
Als Schmit Hitler das Ultimatum übersetzt habe, habe dieser zunächst versteinert dagesessen und dann Ribbentrop wütend gefragt "Was nun?", weil dieser ihm immer angekündigt hatte, Großbritannien werde keinen Krieg wagen.
Göring habe seinerseits gesagt: "Wenn wir diesen Krieg verlieren, dann möge uns der Himmel gnädig sein!" Und über Goebbels sagt Schmidt: Er "sah buchstäblich aus wie der bewußte begossene Pudel". (S.464)

Hitlers große Enttäuschungen 1940

Paul Schmidt weist in seinen Memoiren darauf hin, dass Hitler nach seinem Sieg über Frankreich vier große Enttäuschungen erlebte: Franco und Marschall Pétain ließen sich nicht dafür gewinnen, ein Bündnis gegen England einzugehen. (Franco knüpfte seine angebliche Bereitschaft an so anspruchsvolle Bedingungen - Waffen- und Getreidelieferungen (S.501) -, dass Hitler sie kaum erfüllen konnte. Ribbentrop scheiterte bei dem Versuch, dem spanischen Außenminister nachträglich durch Druck den Deutschen passendere Bedingungen aufzudrängen. (S.503))
Die dritte Enttäuschung erlebte Hitler, als Mussolini ihn mit seinem Angriff auf Griechenland vor vollendete Tatsachen stellte (so wie Hitler es zuvor immer wieder Mussolini gegenüber getan hatte).
Von Gesprächen zwischen Hitler und Mussolini bekam dieser übrigens nur von Hitler persönlich gekürzte Fassungen der Protokolle Paul Schmidts, die Schmidt freilich ebenfalls zu unterzeichnen hatte. (S.481)

Die vierte Enttäuschung, das "unendlich viel folgenschwerere Fiasko" (S.515) war nach Schmidt das Ergebnis der Gespräche mit Molotow im November 1940. Schmidt ist der Überzeugung*, dass Hitler aufgrund des Ausgangs dieser Gespräche sich für den Angriff auf die Sowjetunion entschloss (S.525) (und sieht sich darin durch die Memoiren des ehemaligen amerikanischen Außenministers Byrnes bestätigt).
Auf die vagen Angebote Hitlers forderte Molotow so konkrete Zusagen zur freien Hand in Finnland und zu freiem Zugang zur Nordsee - und viele andere - ein, dass Hitler den drohenden Fliegeralarm (wegen britischer Bomber) zum Anlass nahm, das Gespräch abzubrechen. (S.524)

* "Ich erkannte daraus, daß zwischen November 1940 und März 1941 die Schicksalsentscheidung Hitlers getroffen wurde, Rußland anzugreifen, die das Ende Deutschlands besiegelte." (S.517)

Hitler zuckte zurück

"Unter diesen Umständen ist es das beste, wenn ich gleich wieder abreise." (S.397) Diese Worte hat Neville Chamberlain nach der Darstellung des deutschen Chefdolmetschers Paul Schmidt am 15.9.1938 Hitler entgegengehalten, als er den Eindruck gewann, Hitler wolle auf jeden Fall gegen die Tschechoslowakei vorgehen. Daraufhin sei Hitler zurückgezuckt.

Insgesamt stellt Schmidt Chamberlain weit energischer vor, als das heutige Bild von der Appeasement-Politik ihn erscheinen lässt.

07 August 2007

Bündische Jugend

Wie weit 1927 von uns sprachlich entfernt ist, wird deutlich, wenn wir in Else Frobenius Darstellung der Jugendbewegung lesen: ich "habe versucht, als schlichter Chronist eine Geschichte der Jugendbewegung zu schreiben" und dann, wenn sie von der bündischen Jugend spricht, zu lesen: "Neues Seelentum wird geboren, das sich bündigen will in neuen Gemeinschaften, um in ihnen seine Werke zu schaffen." (S.280) "Die Vorstellung eines selbständigen deutschen Jugendlebens, das Form gewinnen soll, schreitet durch die Jugendbünde." (S.281)
Selbst wenn wie von Joachim Boeckh (im "Weißen Ritter") "eine unglaublich nüchterne Arbeit: die Politisierung der jungen Männer" gefordert wird, geschieht es mit Worten wie diesen: "Ich kann mir kein männlicheres und stolzeres Ziel für eine nicht von Idealismen und Lyrismen umnebelte Jungmannschaft vorstellen, als aus dem rohen Block unseres Staates mit unermüdlicher Hand ein gerundetes Werk herauszuschlagen" (S.285)
Zu Recht hat man bei einem Rückblick auf 100 Jahre Wandervogel von "Affinitäten zu einer rückwärtsgewandten Romantik von Volk und Heimat, Volksgenossenschaft und "blutsmäßiger" Bindung an die "Scholle" als eines Verblendungszusammenhangs, der kaum Widerstandskräfte gegen Ausgeburten wie den "germanischen Herrenmenschen" und eine auf ethnische "Säuberungen" zielende "Blut-und-Boden"-Politik enthalten konnte" gesprochen und dennoch oder gerade deswegen den Titel der Darstellung von Else Frobenius wieder aufgegriffen: "Mit uns zieht die neue Zeit"

29 Juli 2007

Jugendbewegung

Das Buch von Else Frobenius [und Wikipedia] (Mit uns zieht die neue Zeit : eine Geschichte der deutschen Jugendbewegung, Berlin 1927) habe ich erst vor kurzem entdeckt. (Der Titel ist eine Zeile aus dem Lied "Wann wir schreiten Seit an Seit" von Hermann Claudius (1916). Einige Jahre war die Tonfolge dieser Zeile das Pausenzeichen des Deutschlandsenders*)
Im Unterschied zu anderen Büchern über die Jugendbewegung ist es einerseits um eine möglichst unparteiische, umfassende Darstellung der Bewegung bemüht, andererseits aber noch aus unmittelbarer Beziehung zur Jugendbewegung geprägt. So ist es in einer Sprache gehalten, die für uns Heutige starke Anklänge an die Zeit des Nationalsozialismus hat. Und mit Paul de Lagarde und Julius Langbehn werden außer Friedrich Nietzsche Personen als geistige Vorbilder genannt, die mit mehr oder weniger Recht auch als Vorbereiter der nationalsozialistischen Ideologie gesehen werden.
Anders steht es mit Ellen Key, von deren Buch "Jahrhundert des Kindes" Frobenius sagt, dass es "die Heiligkeit der Generationen predigt" (S.34).
Den Wandervogel sieht Frobenius als "Zeitphänomen", "Menschheitsphänomen" und "urdeutsches Phänomen" (S.45) sowie als "Weltanschauung" (S.92).
Für das Deutschland vor dem Krieg habe er eine höchst wichtige Verjüngung bedeutet. Die Situation bei der Gründung des Wandervogels sieht sie so: "Die Unterrichtsmethode in den Schulen beruht auf einer mechanischen Aneignung des Lehrstoffs, die das jugendliche Empfinden leer läßt und den Charakter nicht bildet." (S.31) Dies sei in Deutschland besonders schlimm, denn: "Deutschland ist das Land der alten Leute. Offiziere und Beamte gelangen erst mit 40 Jahren, also mit dem Alter, wo die Franzosen sich schon als Rentner zur Ruhe setzen zu einer Lebensstellung, die die Gründung einer Familie ermöglicht." (S.33)
(Anklänge an heutige Sehweisen von Schule und Altersstruktur Deutschlands sind wohl nicht rein zufällig. Das Verhältnis der Jugendlichen zum Wandergedanken, zur Natur und zu deutschem Liedgut ist freilich heute ein deutlich anderes als 1896. Die Unterscheidung von der vorhergehenden Generation läuft heute nicht auf dieser Schiene.)
Als Einführung in den Geist des Wandervogels, z.B. des Nerother Wandervogels, der sich auf Karl Fischer, den Gründer des ersten Wandervogels, beruft, scheint es mir gerade aufgrund seiner Sprache geeignet.

Die Deutschbaltin Else Frobenius begann 1908 als gut 30-Jährige in Berlin das Studium der Germanistik, fand mit 50 Verbindung zur zur Jugendbewegung, ihr Buch schrieb sie 1927, als sie noch in der Deutschen Volkspartei (DVP) engagiert war. 1933 trat sie - vom Führerprinzip überzeugt - der NSDAP bei und schrieb das Buch "Die Frau im Dritten Reich".
* Meine Erinnerung daran war sehr deutlich, aber Erinnerungen können täuschen. Offenbar hatte ein anderer Sender dies Pausenzeichen, und ich erinnere mich nur daran, dass das Lied in der DDR aufgegriffen worden war.

Gustav Wyneken
Knud Ahlborn
Avenarius
Freideutsche Jugend
Meißner

04 Juli 2007

Statist auf diplomatischer Bühne

Als Chefdolmetscher im deutschen Auswärtigen Amt in Weimarer Republik und NS-Zeit hat Paul Schmidt nicht nur die europäischen Außenpolitiker aus nächster Nähe kennen gelernt.
Nachdem ich nach rund vier Jahrzehnten das Buch wieder in die Hand genommen habe, ist aber sofort wieder Aristide Briand mein Liebling. Das muss wohl an der Vorliebe liegen, die Schmidt für ihn und Stresemann hatte, die beiden Politiker, die gegen heftige innenpolitische Widerstände die außenpolitische Annäherung Deutschlands und Frankreichs voranbrachten und gegen Ende ihres Lebens (Stresemann starb 1929, Briand 1932) schon absehen konnten, dass trotz aller ihrer Mühen doch wieder eine Entfremdung zwischen den Ländern auftrat.
Doch wurde ihnen erspart, mitzuerleben, wie ihr Lebenswerk von den Nazis zunichte gemacht wurde.
Dem Anspruch, das Bild, was die bloße Aktenlage hergibt, ganz wesentlich zu ergänzen und damit zu korrigieren, wird Schmidt voll gerecht. Stimmungen, die Offenheit der Situation, dies alles weiß er besser zu schildern, als ein Historiker es aufgrund intensivster Studien tun könnte. Dass sein Urteil abgewogen oder objektiv, gar historisch richtig wäre, braucht man nicht zu erwarten, obwohl Schmidt - das Buch wurde 1949 veröffentlicht, 2005 neu aufgelegt - mit erstaunlich weitem Horizont urteilt. Anders als bei anderer Memoirenliteratur braucht Schmidt nicht nachträglich seine Entscheidungen zu rechtfertigen, so entsteht ein atmosphärisch dichtes Bild, wie es ohne diese Lektüre nicht zu erlangen ist.

24 Juni 2007

Address unknown

Kressmann Taylors Briefnovelle von 1938 lässt eine Freundschaft zwischen zwei deutschamerikanischen Kunsthändlern, Max Eisenstein und Martin Schulze, darüber zerbrechen, dass Martin Ende 1932 nach München geht und schon 1934 am Tod der Schwester seines Freundes mitschuldig wird, weil er der Verführung durch die "Nationale Bewegung" erliegt.
Die Aufführung der deutschen Theaterversion, "Empfänger unbekannt", die ich sah, erleichterte das Verständnis für die an sich etwas unglaubhafte Offenheit, mit der Martin seinem jüdischen Freund Max seine Faszination durch Hitler berichtet, dadurch, dass diese Passagen so übersteigert vorgetragen wurden, dass man sich in eine Naziveranstaltung hineinversetzt fühlte, die mit ihrem Sog individuelle Widerstände hinweg spülte.

Die englische Wikipedia schreibt über den Schluss:
"After a gap of about a month, Max starts writing to Martin at home, carrying only what looks like business and remarks about the weather, but writing as though they have a hidden encoded meaning, with strange references to exact dimensions of pictures and so on. The letters refer to "our grandmother" and imply that Martin is also Jewish. The letters from Munich to San Francisco get shorter and more panicky, begging Max to stop: "My God, Max, do you know what you do? ... These letters you have sent ... are not delivered, but they bring me in and ... demand I give them the code ... I beg you, Max, no more, no more! Stop while I can be saved."
Max however continues, "Prepare these for distribution by March 24th: Rubens 12 by 77, blue; Giotto 1 by 317, green and white; Poussin 20 by 90, red and white." The letter is returned to Max, stamped: Adressat unbekannt. Addressee Unknown. (The title of the book is actually a mistranslation of Adressat unbekannt: The correct translation of "Adressat" is "addressee," not "address"; which is much more in keeping with the plot of the story.)
The book's afterword, lovingly written by Taylor's son, reveals that the idea for the story came from a small news article: American students in Germany wrote home with the truth about the Nazi atrocities, a truth most Americans, including Charles Lindbergh, would not accept. Fraternity brothers thought it would be funny to send them letters making fun of Hitler, and the visiting students wrote back, "Stop it. We’re in danger. These people don’t fool around. You could murder [someone] by writing letters to him." Thus emerged the idea of "letter as weapon" or "murder by mail."
(Kathrine Taylor - (Hervorhebung in Schrägdruck durch Fontanefan)

Adolf Hiler ganz allein

Ein Gedicht von Kurt Bartsch gegen das Unschuldigseinwollen, das freilich auch uns unschuldige Opfer der Globalisierung trifft.