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23 Juni 2021

Charles Dickens: Oliver Twist

 "And what an excellent example of the power of dress young Oliver Twist was! Wrapped in the blanket which had hitherto formed his only covering, he might have been the child of a nobleman or a beggar;—it would have been hard for the haughtiest stranger to have fixed his station in society. But now that he was enveloped in the old calico robes, which had grown yellow in the same service, he was badged and ticketed, and fell into his place at once—a parish child—the orphan of a workhouse—the humble half-starved drudge—to be cuffed and buffeted through the world, despised by all, and pitied by none.

Oliver cried lustily. If he could have known that he was an orphan, left to the tender mercies of churchwardens and overseers, perhaps he would have cried the louder." (Chapter 1)

"Upon this, the parish authorities magnanimously and humanely resolved, that Oliver should be "farmed," or, in other words, that he should be despatched to a branch-workhouse some three miles off, where twenty or thirty other juvenile offenders against the poor-laws rolled about the floor all day, without the inconvenience of too much food or too much clothing, under the parental superintendence of an elderly female who received the culprits at and for the consideration of sevenpence-halfpenny per small head per week. Sevenpence-halfpenny's worth per week is a good round diet for a child; a great deal may be got for sevenpence-halfpenny—quite enough to overload its stomach, and make it uncomfortable. The elderly female was a woman of wisdom and experience; she knew what was good for children, and she had a very accurate perception of what was good for herself. So, she appropriated the greater part of the weekly stipend to her own use, and consigned the rising parochial generation to even a shorter allowance than was originally provided for them; thereby finding in the lowest depth a deeper still [...]

Oliver Twist's ninth birth-day found him a pale, thin child, somewhat diminutive in stature, and decidedly small in circumference. But nature or inheritance had implanted a good sturdy spirit in Oliver's breast: it had had plenty of room to expand, thanks to the spare diet of the establishment; and perhaps to this circumstance may be attributed his having any ninth birth-day at all. Be this as it may, however, it was his ninth birth-day; and he was keeping it in the coalcellar with a select party of two other young gentlemen, who, after participating with him in a sound threshing, had been locked up therein for atrociously presuming to be hungry"  (Chapter 2)

Oliver entgeht dem Schicksal, als "climbing boy" bei einem Schornsteinfeger angestellt zu werden.

  • Quelle: Wikipedia
  • The one on the left is in the correct climbing position, with right hand above, left in front, moving using back knees and feet.
  • The child on the left is jammed, knees up against the chin and will need to pulled out, or the chimney will need to be broken to retrieve the body.


"[...] "It's a nasty trade," said Mr. Limbkins when Gamfield had again stated his wish.

"Young boys have been smothered [erstickt] in chimneys before now," said another gentleman.

"That's acause they damped the straw afore they lit it in the chimbley to make 'em come down again," said Gamfield; "'that's all smoke, and no blaze; vereas smoke ain't o' no use at all in makin' a boy come down, for it only sinds him to sleep, and that's wot he likes. Boys is wery obstinit, and wery lazy, gen'lmen, and there's nothink like a good hot blaze to make 'em come down vith a run; it's humane too, gen'lmen, acause, even if they've stuck in the chimbley, roastin' their feet makes 'em struggle to hextricate [heraushexen] theirselves." [...]" (Chapter 3)


Als Noah Claypole, der ältere Lehrjunge des Sargmachers Olivers Mutter grob beleidigt, wird dieser so wütend, dass er auf Noah einschlägt. Als Oliver dafür eingesperrt wird und aufgrund falschen Zeugnisses von Noah selbst der Sargmacher, der ihm immer wohl wollte, ihn verprügelt (weil er unfähig ist, sich den Forderungen seiner Frau zu widersetzen) läuft Oliver fort.

Auf dem Weg kommt er in frühster Morgenstunde beim Armenhaus vorbei und trifft einen kleineren Jungen, mit dem er sich gut verstanden hat, und mit ihm macht Oliver eine Erfahrung, die er in seinem ganzen Leben noch nicht hatte:


"Kiss me," said the child, climbing up the low gate, and flinging his little arms round Oliver's neck. " Good-b'ye, dear! God bless you!"

The blessing was from a young child's lips, but it was the first that Oliver had ever heard invoked upon his head; and through all the struggles and sufferings, and troubles and changes of his after life, he never once forgot it." (Chapter 7)

24 September 2017

Johnson: Jahrestage 19. September - Was Gesinde für Marie tut oder: Klassenschranken

19. September, 1967    Dienstag
Für dein Kind, Gesine Cresspahl, mußte es gleich ein privater Kindergarten sein, und es machte dir nichts aus, daß er veranstaltet wurde in einer Kirche, die Gott von einem Rockefeller zum Andenken an seine Mutter gestiftet war, in geräumigen, sauberen Klassenzimmern hoch über dem Riverside Park und dem Hudson, mit Erzieherinnen, denen es nicht an Lohn fehlte zur Geduld mit den Kindern des Mittelstands, Mrs. Jeuken, Mrs. Davidoff, die Marie glauben machten an eine Welt, in der Freundlichkeit und Mangel an Neid und Gehorsam sich auszahlen, dafür legtest du dich krumm mit anderthalb Monatsgehältern, und deine Entschuldigung war »sie soll es bequem haben beim Lernen der fremden Sprache«. Sollte dein Kind nicht Ansprüche lernen?

Die Briten haben den Sowjets ihren entlaufenen Physiker zurückgegeben. Jetzt sind beide Seiten noch darin einig, daß er ein kranker Mensch ist, und beide Mächte halten einander Mangel an Benehmen vor.

Dein Kind, Gesine Cresspahl, kam aber mit sechs Jahren immer noch nicht in eine städtische Schule, in einen der schäbigen Ziegelkästen, die stinken nach fiskalischem Geiz, in überfüllte Klassen, in denen die Kinder der Armen die Streite ihrer Eltern ausschlafen, in denen unterbezahlte Lehrer mehr auf die eigene Verteidigung bedacht sein müssen als auf den Unterricht, in eine Welt, in der Hieb gilt und Stich und Schlag. Gefielen dir nicht die zerbrochenen Bänke, die stinkenden Toiletten, die öden Zementhöfe hinter deftigem Maschendraht? Oder sollte das Kind nicht Lernen entbehren vor Streiks wie diesem seit sechs Tagen, der heute vier Fünftel der Lehrer von New York von den Schulen fernhält, in dem es nicht nur um ihre Gehälter geht sondern um neue Schulen, kleinere Klassen, disziplinarische Rechte gegen aufsässige Kinder? Sollte in einer Schule für Marie nicht die Polizei erscheinen und Abgesandte der farbigen Bevölkerung aus dem Gebäude prügeln? Gibt es für dich Kenntnisse, vor denen du dein Kind bewahren willst?

»Als Polizist Clarke mit verbundenem Kopf vom Flur heruntergeführt wurde, riefen einige der weiblichen Demonstranten: ›Hoffentlich wirst du sterben!‹«
[...]
Und dein Kind, Mrs. Cresspahl, geht zu den ärztlichen Untersuchungen nicht in eine städtische Klinik, muß nicht warten auf den verwanzten vergammelten Korridoren neben Blutenden, Bewußtlosen, Schwachsinnigen; dein Kind fährt zu einer Praxis an der Park Avenue, angemeldet wie eine Dame, begrüßt wie eine Freundin, ein Besuch fünfzehn Dollar, eine Blutzählung vierzig Dollar. Dein Kind kennt seinen Arzt bei Namen, schreibt ihm Briefe, wagt mit ihm zu telefonieren. Der Arzt deines Kindes hat seine extravaganten Zensuren nicht erworben an einer staatlichen Universität sondern an der von Harvard, und zu deinem Kind kommt der Arzt ins Haus. Wo gibt es das, ein Arzt in New York, jährlicher Umsatz über hunderttausend, kommt bei ein wenig Fieber ins Haus und beschließt die Behandlung mit einem uneiligen Gespräch, locker und müßig auf seinem Stuhl, nicht der freiberufliche Unternehmer, fast ein Freund bei privater Visite? Für dein Kind ist dir das Beste eben genug, Mrs. Cresspahl? Warum für dein Kind? Du hast auch Post, Gesine.

Liebe(r/s) Herr / Frau / Frl. Cresspahl
Ich bin plötzlich und kurzfristig zum aktiven Militärdienst einberufen worden. Bitte regeln Sie offenstehende Rechnungen mit meinem Rechtsvertreter. Seien Sie versichert, daß ich Sie benachrichtige, wenn ich zurückkomme …

Washington, 18. Sept. (AP)
Nach einer heutigen Mitteilung des Verteidigungsministeriums sind die folgenden Männer im Kampf in Viet Nam getötet worden: Leutnant William D. Huyler der Jüngere aus Short Hills, New Jersey; Fachsoldat 4. Grades Harald J. Canan aus Oceanside, Long Island; Gemeiner Laifeit Grier aus Brooklyn: von der Armee; Gefreiter James P. Braswell aus der Bronx und Gemeiner Robert C. Wallace aus Plattsburgh, New York: vom Marineinfanteriekorps. (19.9.1967)

22 Februar 2015

Die Fellachen wirken in westlichen Augen ärmer, als sie sind

Die Häuser der Fellahs sind meistens kleine Hütten von an der Sonne gedörrten Lehmsteinen oder auch nur von getrocknetem Lehm aufgeführt, ohne eine andere Öffnung als die Türe. Aber diese Wohnungen sind meistens dicht und warm im Winter, immer vor leichtem Regen und Unwetter, was ohnedem so selten hier eintritt, geschützt, schattengebend im Sommer und geräumig genug für die geringen Bedürfnisse dieser Leute, während in Griechenland selbst die Wohlhabenderen unter den Landleuten selten ein Dach besitzen, das nicht Schnee und Regen durchließe, und erinnert man sich vollends der von erstickendem Rauch angefüllten Schweineställe, in denen die armen Irländer hungern und die in jenem verhältnismäßig so kalten Klima fast gar keinen Schutz gewähren, so richtet sich das Mitleid nach einer ganz andern Seite. Die Fellahs sind arm; aber in den geringsten Dörfern Ägyptens, wo ich hinkam, fand ich fast immer Brot, Milch, Butter, Käse, Eier, Gemüse in Fülle, auch Geflügel, in den größeren selbst Schlachtfleisch, was man uns gern für einen sehr billigen Preis zum Verkauf anbot, sobald nur kein Gouvernementsbeamter dabei war, deren Raubsucht allerdings zu den Kalamitäten Ägyptens gehört – während in Griechenland häufig Zwiebeln und ein fast ungenießbares Maisbrot das einzige sind, was man sich verschaffen kann, auch die Leute selbst dort in der Regel von gleicher Kost leben müssen wie in Irland von Kartoffeln und Whiskey. Endlich hörte ich noch nie, daß ein Fellah verhungert sei, was zur Schande der Menschheit bei den irländischen Bauern notorisch schon öfters vorgekommen ist und vielleicht heute noch möglich sein mag. Die Fellahs sind ferner höchst elend gekleidet, aber auch hier ist der Vergleich zu ihrem Vorteil, denn erstens bedürfen sie bei dem milden Klima fast gar keiner Kleidung; zweitens habe ich bis jetzt noch nicht gesehen, daß die hiesigen Weiber, gleich den irländischen Frauen und Mädchen der gemeinen Klasse, nicht einmal Lumpen genug besaßen, um ihre Blöße soweit zu bedecken, als es die Schamhaftigkeit gebietet. Im Gegenteil erblickt man die Weiber der Fellahs, wenn auch oft in zerrissenen Gewändern, doch immer wie die übrigen Morgenländerinnen bis an den Mund verhüllt, wozu sie meisten 5-6 Goldstücke, in einer Reihe vorn vom Antlitz bis auf die Brust herab aufgenäht, tragen, was ebenfalls mit der bodenlosen Armut nicht recht übereinstimmen will, von der unsre philantropischen Reisenden uns ein so abschreckendes Bild entwerfen, weil sie wohl den Strohhalm im fremden Auge, aber den Balken im eigenen nicht sehen. Ich glaube, daß mitten in Paris und London teilweise gräßlicheres Elend nachzuweisen ist, als in ganz Ägypten gefunden werden kann. Auch hörte ich nie von Selbstmorden, die bei uns so häufig sind, und die außerordentliche Abneigung der Fellahs, Soldaten zu werden, die sie zu den grausamsten Selbstverstümmlungen treibt, ist gleichfalls kein Beweis, daß sie sich in ihrem jetzigen Zustande so überschwenglich elend fühlten. Wer aber frisch aus Europa hier debarkiert und zum erstenmal das gemeine Volk in Schmutz und Lumpen gehüllt sieht, was im Orient gang und gäbe, in Europa aber nur die Livree des höchsten Elends ist, dessen Einbildungskraft wird zu leicht ergriffen, und er sieht von nun an mit gefärbter Brille, im Fall er nicht gar absichtlich falsch sehen will. Dahin gehören aber viele.
(Pückler-Muskau: Aus Mehemed Alis Reich)

06 Oktober 2014

Inwiefern es ägyptischen Fellachen vergleichsweise gut ging

Hier arbeiteten eine große Menge Fellahs, Männer, Weiber und Kinder, deren Lohn der Vizekönig bei allen öffentlichen Arbeiten eben um einen halben Piaster erhöht hatte. Da ich in den meisten Relationen über Ägypten die kläglichsten Jeremiaden über das Elend dieser unglücklichen Klasse gelesen hatte, so war ich nicht wenig verwundert, meistens kräftige, gesund aussehende und lustige Menschen zu finden, die singend und lachend ihre Arbeit verrichteten, von den Aufsehern höchst nachsichtig behandelt wurden und selbst das Bakschis (Trinkgeld), um das sie uns ansprachen, nur im Scherz zu verlangen schienen. Ihr Ansehen war allerdings zerlumpt, aber wo sieht man es im Orient wie auch in Griechenland anders? Das Klima verlangt so wenig, und Ordnung und Reinlichkeit gehört noch nicht zu den Tugenden dieser Länder. Ich habe später diesem Gegenstand fortwährende Aufmerksamkeit geschenkt und die feste Überzeugung gewonnen, daß die hiesigen Fellahs im Vergleich mit manchen andern ihrer Kameraden in Europa, zum Beispiel den irländischen Bauern, welche doch Untertanen des erleuchtetsten Gouvernements in der zivilisierten Welt sind, oder den armen Webern im Vogtlande, von denen ich erst heute, im Jahre 1843, in den Zeitungen las, daß sie ihren täglichen Verdienst höchstens auf zwei Gröschel bringen könnten, und wenn ihre einzige Nahrung, die Kartoffeln, fehlschlugen, dem Hungertode nahe kämen – daß, sage ich, diese Fellahs sich, obgleich mancher Härte und Willkür ausgesetzt, die ich nicht ableugnen will, doch immer noch in einer Lage befinden, welche viele unsrer Proletarier oft beneiden könnten. (Pückler-Muskau: Aus Mehemed Alis Reich)
Da heißt es sorgfältig zwischen angemessener Differenzierung und gekonnter Verschleierung zu unterscheiden, so weit man es kann.