27 Juni 2023

Nora Okja Keller: Trostfrau

Nora Okja Keller: Trostfrau 1997

Zu Inhalt und Aussage des Romans (pdf)

Anstoß und Anregung zum Werk

"The genesis of Comfort Woman dated to a 1993 human rights symposium at the University of Hawaii where Keller heard a presentation by Keum Ja Hwang, who had been a comfort woman.[4][5] "Her experience was so extraordinary," Keller has said, "I thought someone should write about it."[7] Keller’s novels explore her own complex ethnic identity in the context of Hawaii’s multi-ethnic society and her relationship with her mother (upon whom "some details"[7] of characters in her fiction are based)." (Nora Okja Keller - engl. Wikipedia)

Vor dem Roman schrieb Keller die Kurzgeschichte Mother-Tongue, die als 2. Kapitel in den Roman einging.

Im Roman wechseln sich als Erzählerin Akiko, die diesen Namen als Trostfrau bekam (und damit als Individuum 'starb'), und ihre Tochter (Re)Beccah ab. Von beiden wird immer wieder Induk genannt, die Frau, die mit ständigem lautstarken Protest sich dagegen wehrte Trostfrau zu werden, und die deshalb von den Japanern grausam ermordet wurde. Wegen dieser Leistung, sich gegen die Erniedrigung und den seelischen Tod zu wehren, wird sie von beiden als eine Urmutter und Göttin verehrt. 

In den Berichten von beiden spielen koreanische Vorstellungen über die Rolle von Geistern eine große Rolle. Akiko ist es möglich, im Trance Verbindung zu ihnen aufzunehmen, und Beccah fürchtet, dass sie ihre Mutter an die Geister verliert und betet zu Induk darum, das zu verhindern.

Akiko ist nach ihrer Befreiung von einem amerikanischen Missionar geheiratet und in die USA mitgenommen worden. Akiko und ihr Mann haben sich dann aber getrennt und Beccah ist in Hawai groß geworden. Das ermöglicht Nora Keller, ihre Erfahrungen aus der Sozialisation in Hawai mit einzubringen.

Zitate:

2. Kapitel: Akiko (Dieses Kapitel wurde zuerst als selbständige Kurzgeschichte - Mother-Tongue - veröffentlicht, bis man Keller dazu riet, zu dem Stoff einen Roman zu schreiben.)
"Das Baby, dass ich behalten konnte, kam, als ich schon tot war.
Ich war zwölf, als ich ermordet wurde, vierzehn, als ich in dem Yalu-Fluss schaute und 
– da ich kein Gesicht entdecken konnte, das zurückschaute – wusste, dass ich tot war. 
Ich wollte, dass der Yalu meinen Körper dorthin trug, wo er vielleicht meinen Geist wieder finden konnte, aber die japanischen Soldaten trieben mich über die Brücke, bevor ich springen konnte.

Ich ließ sie nicht zu nah an mich herankommen. Ich wusste, sie würden den Namen und die Nummer auf meiner Jacke sehen und mich zurück ins Lager schicken, wo man sich nichts dabei dachte, den Körper eines toten Mädchens zu benutzen. Sobald die Wachen einen Schritt auf mich zu taten, war ich so schlau, ihnen durch ein Winken zu signalisieren, dass sie auf ihrem Posten bleiben und nach anderen Koreanerinnen mit diesem 'gewissen Blick' in den Augen Ausschau halten konnten. Ehe die japanische Regierung die Soldaten – 'zum Wohl der Koreaner' – hier postiert hatte, war die Brücke über den Yalu eine beliebte Selbstmordstelle gewesen.
Mein Körper marschierte weiter.
Deshalb konnte mein Körper, zwanzig Jahre, nachdem er meinen Geist in dem Vergnügungslager zurückgelassen hatte, dieses Kind zur Welt bringen. Selbst die Ärzte hier sagen, dass es fast ein Wunder war. Der Lagerarzt sagte, ich würde nie ein lebendes Kind / gebären können, nachdem er mein erstes aus mir herausgeholt hatte. Mein Inneres sei viel zu zerschunden und kaputt, um je wieder richtig zu verheilen.
Daher ist diese Kleine eine Überraschung. Dieses halb weiße und halb koreanische Kind. In meinem Geburtsort würde man es Tweggi nennen, aber hier wird es eine Amerikanerin sein.
[...]" (S.25/26)
"Meine Mutter starb kurz nach meinem Vater. [...] Sie war immer eine gute Ehefrau; sie folgte ihm rasch in den Tod, so wie sie im Leben immer prompt für ihn da gewesen war. Eines Abends, nachdem wir die Wäsche heimgetragen hatten, sagte sie die ganze Zeit, sie sei so müde, so schrecklich müde. Komm, Mutter, sagte ich, leg dich hin. Ich fragte immer wieder: Was kann ich tun? Möchtest du Suppe? Soll ich dich massieren? Bis sie mir schließlich die Hand auf den Mundt legte und meine Finger an ihre Stirn führte. Ich streichelte sie sanft, löste ihren Haarknoten, massierte ihr die Schläfen, spürte die Hitze und das Pumpen ihres Herzens. Als das sprunghaft–wilde Pochen langsamer wurde und dann schließlich ganz aufhörte, streichelte ich sie immer noch weiter. Sie sollte wissen, dass ich sie liebte.
Jetzt berühre ich mein Kind auf dieselbe Weise; das ist die Sprache, die die Kleine versteht: das sanfte, kühle Streicheln meiner Finger auf ihren Augenlidern, ihrem glatten Bauch, ihren knubbeligen Zehen. [...]
[Da die Mädchen jetzt Waisen waren, versuchte die Älteste zu heiraten.]
Die Nachbarn hatten nicht viel Geld, aber sie hatten mehr als wir und wollten sie nicht ohne Mitgift nehmen. Wie sollten sie ohne Kapital Vieh kaufen, argumentierten sie.
Ich war ihre Mitgift, wurde verkauft wie eine Kuh. Du folgst einfach zweiter und dritter Schwester, erklärte sie mir. Die Japaner sagen, in der Stadt gibt es genug Arbeit für alle. Selbst Mädchen können lernen, in der Fabrik zu arbeiten oder in einem Restaurant zu servieren. Du wirst eine Menge Geld verdienen.
Trotzdem weinte ich. Sie umarmte mich, zwickte mich dann. Du musst jetzt erwachsen werden, sagte sie. Keine Mutter, kein Vater. Wir müssen alle unseren Lebensunterhalt verdienen. Sie sah mir nicht ins Gesicht, als die Soldaten kamen, schaute nicht hier, als sie mich auf ihren Lastwagen verfrachteten. Ich hörte, wie die Soldaten sie fragten, ob sie nicht auch mitkommen wollte. Deine Schwester ist noch so klein, kaum zu gebrauchen, sagten sie. Aber du. Du bist groß und hübsch. Du könntest es zu etwas bringen.
Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, meine Schwester hat gelacht. Ich hoffe, sie hatte wenigstens ein Moment lang Angst, sie würden sie auch mitnehmen.
Ich bin schon verheiratet, sagte sie.
Ich denke mir, dass sie dabei die Achseln zuckte, als wollte sie sagen: was soll ich machen? Dann setzte sie hinzu: Meine Schwester wird mal noch hübscher als ich. Sie fragte nicht, wofür das am Fließband wichtig war.
Ich wusste, ich würde die Stadt nicht sehen. Wir hatten die Gerüchte gehört: dass Mädchen aus Dörfern in der Nähe der Stadt gekauft oder geraubt und in japanische Vergnügungseinrichtungen gebracht wurden. Aber wir wussten nicht, was in diesen Vergnügungseinrichtungen los war. schlimmstenfalls dachte ich, musste ich tun, was ich mein Leben lang getan hatte: putzen, kochen, Wäsche waschen, schwer arbeiten. Was konnte ich mir anderes vorstellen?
Und zuerst tat ich das auch. Weil ich noch so jung war, musste ich den Frauen in den Lagern dienen." (S.28-30)
"Ich sorgte gern für die Frauen. Als ihr Dienstmädchen konnte ich mich von Verschlag zu Verschlag und im Bedarfsfall sogar von einem Teil des Lagers zum anderen bewegen. Und wegen dieses Privilegs benutzten mich die Frauen, um Botschaften zu übermitteln. Ich sang, wenn ich Ihnen die Haare flocht und an ihren Vorschlägen vorbeiging, um nach den nach Töpfen zu sehen. Wenn ich bestimmte Liedpassagen summte, wussten sie diese ungesungenen Worte als Botschaft zu deuten. Auf diese Weise konnten wir uns auf dem laufenden halten, herausfinden, wer krank war, wer neu war, wer in der letzten Nacht die meisten Männer gehabt hatte und wer im Begriff war, verrückt zu werden.
Ich glaube bis heute nicht, dass Induk – die Frau, die vor mir die Akiko war – verrückt geworden ist. Die meisten anderen Frauen glaubten es, weil sie nicht mehr aufhörte zu reden. Eines Nachts redete sie los, laut und ununterbrochen. Auf Koreanisch und Japanisch beschimpfte sie die Soldaten, protestierte schreiend gegen die Invasion ihres Landes und ihres Körpers. Noch während sie sie bestiegen, schrie sie: Ich bin Korea, ich bin eine Frau, ich bin lebendig. Ich bin siebzehn, ich hatte eine Familie, genau wie ihr, ich bin eine Tochter, eine Schwester.
Die Männer verließen schleunigst ihren Vorschlag, manche weinten, andere stellten sich wütend in die Schlange nebenan. Sie redete die ganze Nacht, forderte ihren koreanischen Namen zurück, sagte ihren Familienstammbaum her, leierte sogar die Rezepte herunter, die ihre Mutter an sie weitergegeben hatte. Kurz vor Tagesanbruch schleppen Sie sie aus ihrem Verschlag in den Wald, wo wir sie nicht mehr hören konnten. sie brachten sie zurück, durch Scheide und Mund auf einen Fall gespießt wie ein Spanferkel. Eine Lektion, erklären Sie uns, damit wir den Mund hielten.
In jener Nacht war es, als ob tausend Frösche das Lager umringten. Sie öffneten ihre Kehlen für uns, schlucken unsere Tränen, klagten für uns. Die ganze Nacht, so schien es, riefen sie Induk, Induk, Induk, damit wir sie nie vergaßen.
Aber vielleicht habe ich mir das mit den Fröschen nur eingebildet. Das war meine erste Nacht als die neue Akiko. ich bekam ihre Kleider, die mir zu groß waren, und die Soldaten lachten. Die neue P wird sie sowieso so nicht viel tragen, hörten sie. Frisches Poji. Obwohl ich noch nicht einmal meine erste Blutung gehabt hatte, wurde ich meistbietend versteigert. Danach war es ein Gratisvergnügen für alle, und ich dachte, ich würde nie wieder aufhören zu bluten.
Deshalb weiß ich, dass Induk nicht verrückt geworden ist. Im Gegenteil, sie fand ihren klaren Verstand wieder. Sie plante ihre Flucht. Der Leichnam, den die Soldaten aus dem Wald zurückbrachten, war nicht Induk.
Das war Akiko; das war ich. [...]" (S.31-33)


Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg

 Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg, 2006 (Jakobsweg)

Ein Buch, über das mehr gesprochen wurde als über andere Bestseller. Aus einem Austauschbücherregal. Hineingesehen, es ist gekonnt geschrieben. Als ich S.242 aufschlage, bleibe ich längere längere Zeit hängen, blättere dann wegen "Americo, dem Schamanen der Indios aus Peru" weiter nach vorn (S,225) (Die Engländerin kennt dann seine wirkliche (?) Identität: Jorge aus Ecuador.)
Kerkelings Gottesbegegnung: 
"Das, was ich gestern erleben dürfte, kann ich weder erzählen noch aufschreiben. Es bleibt unsagbar. Schweigend und ohne jeden Gedanken zwölf Kilometer zu laufen kann ich nur jedem empfehlen. Larissa hat er mir in Granón etwas gesagt, was ich für ziemlich albern hielt: 'Irgendwann fängt jeder auf dem Weg an zu flennen. Der Weg hat einen irgendwann so weit. Man steht einfach da und heult.
Bei mir war es gestern soweit. Ich stehe mitten in den Weinbergen und fange aus heiterem Himmel an zu weinen. Warum, kann ich gar nicht sagen.
Erschöpfung? Freude? Alles auf einmal? Weinen in den Weinbergen!? Ich muss gleichzeitig darüber lachen.
Ja, und dann ist es passiert! Ich habe meine ganz persönliche Begegnung mit Gott erlebt.
'Yo y Tú' war die Überschrift meiner Wanderung und das klingt für mich auch wie ein Siegel der Verschwiegenheit. In der Tat, was dort passiert ist, betrifft nur mich und ihn. Aber an der Wand der Grundschule standen drei Worte: 'Ich und du'. Die Verbindung zwischen ihm und mir ist nämlich etwas Eigenständiges.
Um Gott zu begegnen, muss man vorher eine Einladung an ihn aussprechen, denn ungebeten kommt er nicht. Auch eine Form von gutem Benehmen. Wir haben die freie Wahl. Zu jedem baut er eine individuelle Beziehung auf. Dazu ist nur jemand fähig, der wirklich liebt.

Ich werde hier von Tag zu Tag freier und das Hin und Her in meiner Gefühlswelt auf dem Camino ergibt plötzlich einen klaren Sinn. Durch alle Emotionsfrequenzen habe ich mich langsam auf die eine Frequenz eingetunt Und hatte einen großartigen Empfang. Totale gelassene Leere ist der Zustand, der ein Vakuum entstehen lässt, das Gott dann entspannt komplett ausfüllen kann. Also Achtung! Wer sich leer fühlt, hat eine einmalige Chance im Leben! Gestern hat etwas in mir einen riesigen Gong geschlagen. Und der Klang wird nachhallen. (S.240/41)

Kerkeling hat nur zu recht. Es verschlägt ihm die Sprache, und dann fängt er an daherzureden: Emotionsfrequenzen, eingetunt, großartiger Empfang. Lauter Metaphern aus seiner Berufswelt, ganz ungeeignet etwas ganz Persönliches auszusagen. Und aufgrund dieses ganz Persönlichen ist Kerkeling gleich imstande, ganz allgemeine Aussagen zu machen: 'muss man' ungebeten kommt er nicht'.
Und Gott kann etwas 'ganz entspannt' und 'komplett'.
Auf dem Weg hat Kerkeling etwas erlebt. Jetzt, in einen ganz anderen Situation, am Schreibtisch will er das für sein Buch festhalten. 
Kein Wunder, dass ihm das nicht gelingt.

Auch wenn ich meine Vorstellung nur unter 'Lektüre am Rande' vorgesehen hatte.  Das muss ich doch gut auffindbar festhalten.

20 Juni 2023

Max Frisch: Kleine Prosaschriften (1931-1939)

 Was bin ich (I) und Was bin ich (II) (1932)

Die erste Version wurde an eine Zeitung geschickt, die sie nicht aufnahm, sondern zurücklegte für eine Zeit, wo der Verfasser sich einen Namen gemacht haben werde. Sie wurde also nicht 1932, sondern erst 1948 veröffentlicht.
Die zweite Fassung wirkt zupackender, sie liest sich deutlich besser, wirkt weniger larmoyant. Vielleicht liegt es daran, dass sie im "Zürcher Student" erschien. Mit dem Adressaten hatte Frisch vielleicht einen besseren Zugang und konnte seinen Text genauer adressieren.

Er liebt die Greta Garbo 
ebenfalls 1932, erschienen in der Neuen Züricher Zeitung
Der Sprecher versucht, sich durch seine Liebe zur Greta Garbo zu etwas Besonderem zu machen. Alle müssten ihn beneiden, weil er Greta Garbo liebt. Dass sie ihn liebt, hält er dafür nicht nötig.


Der unbelesene Bücherfreund (1935 in der Neuen Züricher Zeitung, NZZ)
Dieser Text machte mich auf die kleinen Prosaschriften aufmerksam, die in den Gesammelten Werken in zeitlicher Folge im ersten Band veröffentlicht sind. Er beeindruckte mich durch den originellen Zugang: ein Bücherliebhaber, der [manches] nicht gelesen hat.
Der Gedanke ist mir von Goethe vertraut. Im Blick auf den West-östlichen Divan, wo er sich dem persischen Dichter Hafis angenähert hat, (nicht durch Übersetzungen, sondern durch Dichtungen in seinem Geiste) hat er geäußert, China habe er sich "für später aufgehoben".
Der unbelesene Bücherfreund von Frisch klagt darüber, dass die junge Generation schon möglichst viel von der Literatur in Jan jungen Jahren aufzunehmen versucht. Dadurch nehme sie sich die Freude an zukünftigen Entdeckungen.
 Dass der Verfasser dieses Textes nur 24 Jahre alt war, beeindruckte mich. Er nimmt die Position eines älteren Mannes ein, der die Jugend kritisiert, obwohl er ja selbst noch ganz am Anfang steht, was die Texte Was bin ich? sehr deutlich machen.
Sein Problem war damals, dass er sein Studium abbrechen musste und bei der Bewerbung um Stellen, die seiner Begabung entsprachen, keine Praxis vorweisen konnte (oder so gut wie keine Praxis, denn er hatte schon einige journalistische Texte veröffentlicht).

Den Titel des Textes und seinen Einstieg fand ich so originell, dass er mir an die Fragebögen aus seinen späteren Tagebüchern heranzukommen schien. So viel macht der Name aus. Die Redaktion des Schweizerspiegel wusste schon, weshalb sie den Text noch nicht veröffentlichen wollten.
Es gibt also sehr gute Gründe für viele Förderpreise für junge Schriftsteller. 

19 Juni 2023

Wer rät den Autor?

Kanal von Korinth

 "Sie würden einen weiten Bogen machen um diesen Menschen, wenn sie ihn sehen würden. Indessen gibt es kein Ausweichen auf diesem schmalen Weglein, das hinläuft überm griechischen Kanal. Und zwar im obersten und äußersten Rand, wo silbrige und übermütige Gräser wippen über dem Abgrund und sich abheben vom fernen Wasserband, welches tief und dunkel still liegt wie in einem Sarg. Etwas beklemmend durch die Plötzlichkeit, wenn man den Schacht erblickt inmitten dieser friedlichen Heide, wo die armen Griechen ihre Schiffe rollen mussten, wenn sie nicht wochenlang segeln wollten und übersetzen sollten ins andere Meer, dass eine Marschstunde entfernt liegt. Und auf diesem schwindligen Pfad also kommt jener Sonnenbraune, dessen Gesichtshaut herunterhängt wie eine üble Tapete; und sein dreitägiges Bärtchen ist grauweiß vom Staub und ebenso seine Hosen, die überm Knöchel zusammengeschnürt sind mit Taschentüchern. Wie gesagt: Sie würden ihn nicht grüßen und sogar ich hätte vielleicht Angst vor diesen Landstreicher, wenn ich ihn nicht selber wäre." (S.57)

"Aber einmal muss ich denn noch Abschied nehmen von diesen sieben Säulen, die auf dem Hügel ragen und rostrot sind. Denn unwiderstehlich leuchtet das Meer. Und unter meinen lautlosen Tritten, welche ich hineinsetze in diesen mehlsanften Pfad, nimmt der Wind jedesmal eine Staubfahne weg und verstreut sie in die Mittagsbläue; und ringsum gibt es bloß das leidenschaftliche Zirpen von Grillen. Oder Eidechsen, die wegrascheln über den Steinen. Und aus den Steinen schlängeln sich die Pinien und halten Ihr hinkriechendes Geäst, das sich ausspreizt wie ein Schirm und tuschschwarze Schatten hinkleckst in den Staub. Und aus der Schwärze wachsen dann die Zypressen, welche hinausstechen und das Waagrechte jenes Pinienhaines durchbrechen; hoch hinaus stechen sie, um eine Senkrechte herzustellen, damit dieser Mittagshimmel nicht erdrückend werde, der so nah über Meer hängt. Säulen sind es, welche die Unendlichkeit stützen sollen. Und schwarz und schweigend tun sie es, scharf und sanft zugleich, damit sie dieses Himmelstuch nicht zerreißen." (S.60)

Es ist derselbe Autor* für beide Textstellen. ChatGPT kennt ihn gewiss und könnte seitenlang in diesem Stil weiterschreiben, ohne dass Sie den Autor erkennen würden, wenn Sie ihn noch nicht erkannt haben. 

*wie der des Blogartikels vom 20.6.23

18 Juni 2023

Wieland: Don Silvio von Rosalva, oder der Sieg der Natur über die Schwärmerey (1. Teil)

"[...] Die Natur selbst, deren anhaltende Beobachtung das sicherste Mittel gegen die Ausschweiffungen der Schwärmerey ist, scheint auf der andern Seite durch die unmittelbaren Eindrücke, so ihr majestätisches Schauspiel auf unsre Seele macht, die erste Quelle derselben zu seyn.

Das angenehme Grauen, so uns beym Eintritt in den dunkeln Labyrinth eines dichten Gehölzes befällt, beförderte ohne Zweifel den allgemeinen Glauben der ältesten Zeiten, daß die Wälder und Hayne von Göttern bewohnt würden. Der süsse Schauer, das Erstaunen, die gefühlte Erweiterung und Erhöhung unsers Wesens, die wir in einer heitern Nacht beym Anblick des gestirnten Himmels erfahren, begünstigte vermuthlich den Glauben, daß dieser schimmervolle, mit unzählbaren nie erlöschenden Lampen erleuchtete Abgrund eine Wohnung unsterblicher Wesen sey.

Aus dieser Quelle kommt es vermuthlich, daß die Landleute, denen ihre Arbeiten keine Zeit lassen, die verworrenen Eindrücke, so die Natur auf sie macht, zu deutlicher Erkenntniß zu erhöhen, überhaupt abergläubischer als andre Leute sind; daher die körperlichen Geister, womit sie die ganze Natur angefüllt sehen; daher die unsichtbare Jagden in den Wäldern, die Feen, die des Nachts auf den Fluren im Kreise tanzen, die freundlichen und die boshaften Kobolte, der Alp, der die Mädchen drückt, die Berg-Geister, die Wasser-Nixen, die Feuer-Männer, und wer weiß, wie viel andre Hirn-Gespenster, von denen sie so vieles zu erzählen wissen, und deren Würklichkeit bey ihnen so ausgemacht ist, daß man sie nicht läugnen kan, ohne in den Augen der meisten von ihrer Classe entweder albern oder gottlos zu scheinen.

Nehmen wir nun alle diese Umstände zusammen, welche sich vereinigten, der romanhaften Erziehung unsers jungen Ritters ihre volle Kraft zu geben, so werden wir nicht unbegreiflich finden, daß er nur noch wenige Schritte zu machen hatte, um auf so abentheurliche Sprünge zu gerathen, als seit den Zeiten seines Landsmanns, des Ritters von Mancha, jemals in ein schwindlichtes Gehirn gekommen seyn mögen."

Wieland: Don Silvio, 1. Buch 3. Kapitel (gutenberg.org)


Wie Don Sylvio mit den Feen bekannt wird
Zum Unglück für seine Vernunft befanden sich unter den Büchern, womit eine grosse Kammer des Hauses angefüllt war, eine Menge Feen-Märchen, wovon Don Pedro ein grosser Liebhaber gewesen war [...] Allein, vermuthlich wollte die Fee, die sich in das Schicksal des jungen Sylvio mischte, nicht zugeben, daß er seine Bestimmung verfehlen sollte; und da er einst in Abwesenheit seiner Tante, deren Ernsthaftigkeit und ewige Sittenlehren ihm sehr beschwerlich zu werden anfiengen, in der Bücher-Kammer herum stöberte, um sich etwas zur Zeitkürzung auszusuchen, so gerieth er, es sey nun von ungefehr oder durch den geheimen Antrieb der besagten Fee, auf ein starkes Heft von Feen-Märchen. Er steckte es voller Freude zu sich, und zog sich, so geschwind er konnte, in den Garten zurück, um den Werth seines Funds ungestört erkundigen zu können; denn es schwante ihm schon beym Anblick der Titel, daß es sehr angenehme Sachen seyn müßten.

Die Kürze dieser Erzählungen war das erste, wodurch sie ihm gefielen, so sehr war er der dicken Folianten müde, woraus er seiner Tante täglich etliche Stunden lang vorlesen mußte. So bald er aber eine oder zwey davon durchlesen hatte, war nichts dem Vergnügen zu vergleichen, das er darüber empfand, und der Gierigkeit, womit er alle die übrigen verschlang.

Ein gewisser Instinct, der auch die einfältigsten unter den jungen Leuten lehrt, was sie ihren Aufsehern sagen dürfen oder nicht, warnte ihn, seine liebe Tante nichts von der Entdeckung merken zu lassen, die er gemacht hatte; allein der Zwang, den er sich hierüber anthun mußte, machte ihm die Feen nur desto lieber, und er würde die ganze Nacht durch gelesen haben, wenn man, wie Tasso ehmals in seinem Gefängniß wünschte, bey den Augen einer Katze lesen könnte. Denn die Vorsicht der Donna Mencia für seine Gesundheit, und für die Ersparung der Kerzen hatte ihm schon von langem her die Mittel zu gelehrten Nacht-Wachen benommen.

Allein, so bald der Tag anbrach, war er schon wieder munter; er nahm sein Heft unter seinem Haupt-Küssen hervor, durchlaß mit fliegenden Blicken ein Märchen nach dem andern, und wie er mit der ganzen Sammlung fertig war, fieng er wieder von vorn an, ohne es müde zu werden. So oft er konnte, begab er sich in den Garten oder in den angränzenden Wald, und nahm seine Mährchen mit. Die Lebhaftigkeit, womit seine Einbildungskraft sich derselben bemächtigte, war ausserordentlich, er las nicht, er sah, er hörte, er fühlte. Eine schönere und wundervollere Natur, als die er bisher gekannt hatte, schien sich vor ihm aufzuthun, und die Vermischung des Wunderbaren mit der Einfalt der Natur, welche der Charakter der meisten Spielwerke von dieser Gattung ist, wurde für ihn ein untrügliches Kennzeichen ihrer Wahrheit.

Dieser Punct fand desto weniger Schwierigkeit bey ihm, da er durch seine bisherige Lebensart vollkommen dazu vorbereitet war. Denn seit dem Anfang seiner Studien, der mit den Verwandlungen des Ovidius gemacht worden, war ihm bisher kein einziges Buch in die Hand gekommen, das ihm richtigere Begriffe hätte geben können; im Gegentheil verschiedene Schriftsteller aus den Zeiten, da die Pythagorisch-Cabbalistische Philosophie durch ganz Europa im Ansehen stund, hatten durch ihre systematische Träumereyen von Planetarischen und Elementarischen Geistern, von Beschwörungen, geheimnisvollen Zahlen, und Talismannen, und von jener vorgeblichen Weisheit, die ihren Besitzer zum Meister der ganzen Natur machen könne, ihn so sehr in seinen Einbildungen befestiget, daß selbst die wundervolle Haselnuß der Babiole, und das Stück Leinwand von vier hundert Ellen, welches der Liebhaber der weissen Katze aus einem Hirsen-Körnlein auspackte, und sechsmal durch das feinste Nadel-Oehr zog, in seinen Augen nichts unbegreifliches hatte.

Es hinderte ihn also nichts, sich dem Vergnügen gänzlich zu überlassen, welches er aus den Feen–Mährchen schöpfte, von denen er nach und nach unter der Maculatur, die den Boden der Bücher-Kammer deckte, noch eine grosse Menge hervor zog, wovon immer eines abentheurlicher als das andre war, und worinn er eine Unterhaltung fand, die er um alle Lustbarkeiten der Welt nicht vertauschet hätte.

Er konnte nicht so vorsichtig seyn, daß seine eben so strenge als scharfaugichte Aufseherin nicht endlich die Ursache seiner häufigen Spatziergänge in das Lustwäldchen entdeckt, und ihm eine sehr scharfe, sehr gelehrte und sehr langweilige Strafpredigt deßwegen gehalten hätte; allein das diente, wie es zu gehen pflegt, zu nichts anderm, als daß Don Sylvio behutsamer wurde, und sich besser in Acht nahm, seine Neigungen und angehende Entwürfe vor ihr zu verbergen.

Die Wahrheit zu sagen, er hatte sie jederzeit mehr gefürchtet als geliebt; allein seit dem sein Gehirn mit Florinen, Rosetten, Brillianten, Cristallinen, und wer weiß, wie vielen andern überirrdischen und unnatürlich schönen Schönheiten angefüllt war, so wurde er nicht selten versucht, die gute alte Tante für eine Art von Caraboße anzusehen, deren tyrannische Ober-Herrschaft ihm von Tag zu Tag unerträglicher wurde.

Sie mochte also sagen, was sie wollte, die Bezauberungen, die Schlösser von Diamanten und Rubinen, die verwandelten oder in Thürme und unterirdische Palläste eingesperrte Princessinnen und die zärtlichen Liebhaber, die unter dem wunderthätigen Schutz einer guten Fee den Nachstellungen einer bösen glücklich entgehen, blieben im gänzlichen Besitz seiner Einbildungs-Kraft; er las nichts anders, er staunte und dichtete nichts anders, er gieng den ganzen Tag mit nichts anderm um, und träumte die ganze Nacht von nichts anderm."

Wieland: Don Silvio, 1. Buch 4. Kapitel (gutenberg.org)


[...] In kurzem gieng er noch weiter; er bemühte sich die Phantasien, womit sein Kopf angefüllt war, zu realisiren, und sich, so gut er konnte, in die Feen-Welt zu versetzen.

Er gab deswegen allem was um ihn war, Namen aus seinen Mährchen. Ein artiges Hündchen, das er hatte, mußte an statt Amorett, wie es vorher hieß, Pimpimp heissen, weil das Hündchen der Princeßin Wunderschön so geheissen hatte; und er verstieß eine aschfarbe Katze mit weissen Pfoten, die sein Günstling gewesen war, um einer ganz weissen willen, die zu Ehren der Princeßin Weißkätzgen mit allen ersinnlichen Höflichkeiten überhäuft wurde. [...]

Inzwischen legte er in einer Ecke seines Gartens eine Art von Laube an, die dem Blumen-Schloß ähnlich seyn sollte, worinn die Fee Immerschöne die süssen Augenblicke, die sie in den Armen ihres geliebten Schäfers genoß, vor ihrem Hofe zu verbergen pflegte. Er ließ etliche Linden, die er dazu bequem fand, so zurichten, daß ihre Stämme die Grundpfeiler, die untersten Aeste den Fußboden, und ihre Wipfel das Dach dieses seltsamen Lusthauses wurden; die Wände waren von Myrthen mit Rosenhecken und Geißblatt durchwunden  [...] In diesem Cabinet brachte er oft halbe Nächte mit Träumereyen über die wunderbaren Begebenheiten zu, die er sich wünschte, und die er in kurzem zu erfahren hofte. Unvermerkt schlief er über diesen phantastischen Betrachtungen ein, und günstige Träume setzten die Abentheuer fort, worinn er wachend sich zu verirren angefangen hatte. Eine schöne Princeßin die er liebte, war gemeiniglich der Gegenstand davon; nur war das beschwehrliche dabey, daß er sie allemal in der Gewalt der Fee Fanferlysch oder einer andern neidischen alten Hexe sah, die seiner Liebe die verdrießlichsten Hindernisse in den Weg legte. [...] Der Gedanke einen unsichtbaren Feind von solcher Wichtigkeit zu haben, beunruhigte unsern jungen Helden nicht wenig; jedoch da er in seinen Mährchen keinen von Feen oder Zauberern verfolgten Prinzen gefunden hatte, der nicht von einer andern Fee beschützt worden wäre, so ermunterte ihn die Hofnung wieder, daß er nicht der erste seyn werde, an dem diese Regel eine Ausnahme leiden sollte.

Weil es nun in der Feen-Welt eben so wie in unserer Alltags-Welt der Gebrauch ist, daß man selten jemand Dienste zu leisten pflegt, von dem man nicht eben dergleichen oder noch grössere zurück erwartet; so wünschte sich Don Sylvio nichts so sehnlich, als eine Gelegenheit zu bekommen, sich die Dankbarkeit irgend einer grosmüthigen Fee verbinden zu können.

Indem er einst in diesen Gedanken an einem Graben in seinem Garten vorbey gieng, sah er auf der andern Seite einen Storch, (einige Nachrichten sagen, wiewohl ohne genugsamen Grund, daß es eine Störchin gewesen) im Begriff einen artigen Laubfrosch zu erhaschen, der unbesorgt quackend im Gras herum hüpfte.

Don Sylvio würde auch aus blossem Antrieb seines Herzens, welches sehr gütig und mitleidig war, nicht saumselig gewesen seyn, dem nothleidenden Frosche zu Hülfe zu kommen; Allein der Gedanke, daß es vielleicht eine Fee und wohl gar eben der wohlthätige Frosch seyn könnte, so der Princeßin Mufette und ihrer Mutter so gute Dienste geleistet hatte, setzte ihm Flügel an; er sprang über den Graben, und verjagte mit einem Stecken, den er eben in der Hand hatte, den langbeinichten Erbfeind der Frösche in eben dem Augenblick, da er im Begriff war, den kleinen unschuldigen Quäcker hinunter zu schlingen. Der Storch ließ seinen Raub fallen und entfloh, und das Fröschchen sprang in den Graben, ohne sich zu bekümmern, wem es seine Rettung zu danken habe.

Don Sylvio blieb an dem Graben stehen und erwartete, daß es in Gestalt einer schönen Nymphe, oder doch mit seiner Rosen-Haube auf dem Kopf wieder hervor kommen werde, um sich für einen so wichtigen Dienst gar schön bey ihm zu bedanken: er wartete über eine halbe Stunde, aber zu seiner nicht geringen Befremdung wollte weder Frosch noch Nymphe zum Vorschein kommen.

Eine so ungewöhnliche Undankbarkeit an einer Fee war ihm unbegreiflich. [...] 

An einem anderen Tage ging er auf Schmetterlingsjagd. Er "ließ nicht nach, bis er endlich so glücklich war den Papilion zu erhaschen, der ihm mehr Mühe gemacht hatte, als jemals eine Spröde, seit dem es Spröden gibt, ihrem Liebhaber gemacht hat. [...] Er bildete sich so gar ein, (denn Einbildungen kosteten ihn nichts) daß er so laut geseufzt habe, als ein Papilion nur immer seufzen kan.

Mehr brauchte es nicht, um ihn auf seine gewöhnliche Grille zu bringen, und es kam ihm ganz wahrscheinlich vor, daß es vielleicht eine Fee oder eine verwandelte Princeßin seyn möchte. Denn, dachte er, ist die Prinzeßin Burzeline eine Heuschrecke gewesen, so kan eine andre eben so gut ein Sommer-Vogel seyn. Er besann sich also keinen Augenblick ihm die Freyheit wieder zu schenken, um die er ihn so beweglich zu bitten geschienen hatte.

Der erledigte Sommer-Vogel flatterte fröhlich davon; und Don Sylvio gieng ihm nach, voll Erwartung, was daraus werden möchte, als er ein paar Schritte vor sich etwas im Grase blinken sah, welches seine Aufmerksamkeit an sich zog. Er hob es auf, und fand, daß es eine Art von Kleinod war, mit grossen Brillianten besetzt, und an einer Schnur der feinsten Perlen befestiget. Er betrachtete es auf allen Seiten, aber wie groß war sein Erstaunen, als er, von einem ungefehren Druck auf eine Feder, die er nicht bemerkt hatte, einen grossen Türkis in der Mitte auf die Seite springen, und ein kleines sehr künstlich auf Email gemachtes Brustbild entdecken sah, welches eine junge Schäferin von ungemeiner Schönheit vorstellte. [...] Don Sylvio mußte also nothwendig von der Schönheit dieser Schäferin ausserordentlich gerührt werden, da sie unter den Figuren, an die er seine Augen hatte gewöhnen müssen, nicht anders ausgesehen hätte, als wie Latona unter den Einwohnern von Delos, als sie in Frösche verwandelt, ihr am Ufer entgegen quäkten. Kurz, es deuchte ihn unmöglich, daß Gracieuse, Bellebelle, die Schöne mit den goldnen Haaren, oder Venus selbst so schön gewesen seyn könnten, und er wurde vom ersten Anblick an so verliebt in dieses Bildniß, als es jemals ein irrender Ritter, oder ein Arcadischer Schäfer in seine Dulcinea oder Amyrillis  gewesen ist.

Endlich, rief er in seiner Entzückung aus, endlich hab ich sie gefunden, sie, die ich mit ahnender Sehnsucht überall suchte, die ich zu lieben bestimmt bin, und o! daß keine zu kühne Hofnung mich täusche! sie, die mein glückliches Schicksal bestimmt hat, mich durch ihre Liebe den Göttern an Wonne gleich zu machen. O! gütige Fee, die du meiner dich annimmst, wer du auch seyst, dir allein danck ich dieses überraschende Glück! Wer anders als du legte in dieser öden Wildniß, die vielleicht vor mir keines Menschen Fuß betreten hat, dieses himmlische Bildniß in meinen Weg? O! [...] 

Bald darauf begegnete er dann wirklich der guten Fee. Davon berichtete er seinem Diener Pedrillo:

"Ich war nicht lange auf und nieder gegangen, so sah ich einen plötzlichen Glanz, der die Bäume und Gesträuche weit umher vergüldete. Ich stutzte auf, und erblickte eine feurige Kugel in der Luft, die weit höher als der Mond zu schweben schien, und sich langsam gegen den Ort, wo ich stund, herab senkte. Du kanst dir nicht vorstellen, Pedrillo, wie groß die Freude war, die ich über diesen Anblick empfand.

Die Freude? unterbrach ihn Pedrillo, nun wahrhaftig, Herr, ihr seyd doch nicht wie andre Leute gemacht; ich würde über ein solches Wunderzeichen gleich zu Tod erschrocken seyn, und ihr konntet euch freuen? Sagte ich dir nicht, daß ich keine Zwischenreden haben wollte? versetzte Don Sylvio; wenn ich mich freute, so hatte ich eine sehr gute Ursache dazu; denn ich wußte wohl, daß es eine Fee war, und mein Herz sagte mir vor, daß es diejenige sey, die ich suchte. Meine Erwartung betrog mich nicht. Die feurige Kugel, die im Annähern immer grösser wurde, zersprang nah über mir mit einem grossen Knall, und an ihrer statt sah ich eine wunderschöne Dame auf einem Wagen von Carfunkeln, der von zween feuerfarben geflügelten Schlangen gezogen wurde. Um sie her flatterten auf einer kleinen silbernen Wolke eine Menge Salamander, in Gestalt kleiner geflügelten Knaben von überirrdischer Schönheit; ihre Haare schienen gekräuselte Sonnenstralen, ihre Flügel Feuerflammen, ihr Leib weisser als der Schnee im Sonnenschein, und die Farbe der Morgenröthe schimmerte um ihre Stirn und auf ihren Wangen. Dem ungeachtet wurden sie alle von dem Glanz der Fee verdunkelt, welcher so blendend war, daß mir das Gesicht davon vergangen wäre, wenn sie die Vorsicht nicht gebraucht hätte, mich mit ihrem Stabe zu berühren.

Don Sylvio, sagte sie zu mir, ich bin die Fee Radiante, welcher du neulich in der Gestalt eines kleinen Frosches ein Leben gerettet hast, von welchem so verächtlich es schien, dasjenige abhieng, worinn du mich jezt siehest. Du weißst, daß wir alle hundert Jahre acht Tage lang die Gestalt irgend eines Vogels oder Thiers annehmen müssen, daß wir in dieser Zeit den Gebrauch aller unsrer Macht verliehren, und allen Zufällen ausgesetzt sind, denen die thierische Natur unterworffen ist. Die acht Tage, in denen ich genöthiget war ein Laubfrosch zu seyn, waren bis auf etliche Stunden verstrichen, als das Vergnügen, mich bald wieder in meiner eigenen Gestalt zu sehen, mich unvorsichtig genug machte, meinen Graben zu verlassen, und mich der Gefahr auszusetzen, die mir ohne deine großmüthige Hülfe verderblich gewesen wäre. Der Schrecken, den ich in dem Schnabel des Storchs ausgestanden hatte, hielt mich ab, dir sogleich für meine Errettung zu danken, und da ich in wenigen Stunden meine eigne Gestalt wieder erlangt hatte, nöthigten mich die Salamander, deren Königin ich bin, meine ersten Augenblicke ihren Angelegenheiten zu schenken. Allein so bald ich wieder Zeit hatte an die Meinigen zu gedenken, erinnerte ich mich, wie viel ich dir schuldig sey, und dachte auf Mittel, dir meine Dankbarkeit zu beweisen. Meine Bücher, die ich zu Rathe zog, belehrten mich, daß du vom Schicksal bestimmt seyest eine gewisse Princeßin zu lieben, aber daß deinem Glück Schwierigkeiten entgegen stünden, die du ohne einen mächtigen Beystand schwerlich zu besiegen vermögend seyn werdest. Ich komme nun dir diesen Beystand anzubieten. Deine Geliebte wird von der Fee Fanferlüsch verfolgt, weil sie sich nicht überwinden konnte, einen gewissen Zwerg zu heurathen, der ein Neffe dieser Fee ist, und wegen seiner grünen Farbe der grüne Zwerg, oder auch, weil er gemeiniglich auf einer Bremse zu reiten pflegt, der Bremsen-Reiter genennt wird. Weil die Princeßin unbeweglich blieb, so ist sie vor kurzem von dieser grausamen Fee in einen blauen Papilion mit purpurfarbem Saum verwandelt worden, mit der Bedingung, daß diese Bezauberung nicht eher aufhören solle, bis sie in diesem Zustand einen geliebten Liebhaber gefunden hätte, der ihr den Kopf und die Flügel abreissen würde. Unglücklicher Don Sylvio! der blaue Sommer-Vogel, den du diesen Morgen fiengest, war deine Princeßin; sie sah dich im Walde, und liebte dich so bald sie dich sah; sie floh nur vor dir, weil sie sehen wollte, ob du ihr nachgehen würdest; und ließ sich willig fangen, so bald sie versichert war, daß sie dir selbst in Gestalt eines Sommer-Vogels nicht gleichgültig sey. Als sie sich in deiner Hand sah, bemühte sie sich dir zu sagen, wie angenehm ihr diese Gefangenschaft sey; aber die grausame Fanferlüsch hatte ihr auch die Sprache geraubt, und sie konnte nichts hervor bringen als einen Seufzer, den du unglücklicher Weise für ein Zeichen hieltest, daß sie den Verlust ihrer Freyheit beklage. Dein mitleidiges Herz bewog dich, sie wieder fliegen zu lassen; sie flatterte traurig fort, würde aber vermuthlich bald wieder zurück gekehrt seyn, wenn sie nicht in eben demselben Augenblick den grünen Zwerg erblickt hätte, der auf seiner Bremse angeritten kam, und die Zähne so abscheulich gegen sie blöckte, daß sie sich vor Angst zehen tausend Flügel wünschte, um desto schneller entfliehen zu können. Zum Glück für sie war ich eben im Begriff dich aufzusuchen; ich sah die Gefahr, worinn sich die arme Princeßin befand, und eilte ihr zu Hülfe, nachdem ich einem meiner Salamander befohlen hatte, das Bildniß der Prinzeßin in deinen Weg zu legen. Ich setzte dem grünen Zwerge nach, welcher, zu schwach sich mit mir in einen Kampf einzulassen, alle mögliche Gestalten annahm, um mir zu entwischen. Endlich verwandelte er sich in eine kleine Wolcke, allein ich ward es so gleich gewahr, und drückte ihn zwischen meinen Händen so fest zusammen, daß er in Tropfen zerfloß. Die Leute, die unten im Feld arbeiteten, sahen daß es Blut regnete, und hielten es für eine böse Vorbedeutung. Der grüne Zwerg befand sich so übel in dieser Presse, daß er in seine eigene Gestalt zurück trat; allein er behielt sie nicht lange; ich verwandelte ihn in einen elfenbeinernen Zahnstocher, mit der Bedingung, daß er seine natürliche Gestalt nicht eher wieder bekommen sollte, bis er gedient hätte, den hintersten Stockzahn eines achtzigjährigen Mädchens auszustochern, die noch eine unbefleckte Jungfer wäre.

Beym Element, unterbrach ihn Pedrillo, ich bin der Fee Radamante ihr gehorsamer Diener, aber sie denkt nicht, was sie thut; auf diese Art wird der arme grüne Zwerg ewig ein Zahnstocher bleiben; denn seht ihr, Herr Don Sylvio, ich will nicht Pedrillo heissen, wenn ihr mir in der alten und in der neuen Welt eine achtzigjährige Jungfer finden könnt, die noch Zähne auszustochern hat, oder ein achtzigjähriges Mädchen mit Zähnen, die noch eine Jungfer ist.

Dafür laß ich den grünen Zwerg sorgen, versetzte Don Sylvio, wenigstens wird er lange genug suchen müssen, daß ich nichts von ihm zu besorgen habe. Aber sagte ich dir nicht schon zweymal, daß ich nicht unterbrochen seyn will? wenn wir gute Freunde bleiben sollen, Herr Pedrillo, so laß michs nicht zum drittenmal sagen.

Gut, Herr, erwiederte Pedrillo, fahret nur fort, und erzürnet euch nicht; ich will so still seyn wie eine Maus, ihr wisset, daß ich sonst kein Plauderer bin, aber wie ihr von dem Zahnstocher und von der achtzigjährigen Jungfer – – – –

Zum Henker, rief Don Sylvio, du verfluchtes Plaudermaul, du fängst ja wieder von vornen an – – – –

Nein, Herr, sagte Pedrillo, ich wollte nur sagen, daß ich euch nicht mehr unterbrechen will, und daß ich es auch dißmal nicht gethan hätte, wenn nicht der Zahnstocher – – – –

Ich wollte, schrie Don Sylvio, daß du selbst ein Zahnstocher wärest; so höre doch und schweige, oder das soll das letzte Wort seyn, das du jemals von mir gehöret hast.

Diese Drohung erschreckte den Pedrillo, der seinen jungen Herrn überaus lieb hatte; er legte die Hand auf den Mund, zum Zeichen, daß er nichts mehr sagen wolle [...]

WielandDon Silvio, 1. Buch 5.-10. Kapitel (gutenberg.org)


Don Silvios Tante will ihn mit einer spukhässlichen Frau verheiraten. Das erklärt er sich dadurch, dass eine böse Fee ihre Gestalt angenommen hat.


"Ganz gewiß ist es die boshafte Fanferlüsch, die ihre Gestalt angenommen hat, um desto gewisser die Anschläge zu zerstören, welche die wohlthätige Radiante zu meinem Glück gemacht hat. Ich habe Merkmale, Pedrillo, die mir keinen Zweifel übrig lassen, denn so gut auch diese anmaßliche Donna Mencia sich zu verstellen wußte, so bemerkte ich doch in der Unterredung, die ich mit ihr hatte, etlichemal etwas gräßliches in ihren Augen, das meine Tante niemals gehabt hat. Kurz; denn ich kan mich jetzt nicht umständlich heraus lassen, ich habe über diesen Punct nicht den mindesten Zweifel. Fanferlüsch wird die Verwandlung des grünen Zwergs erfahren haben, und, um zu verhindern, daß ich mit Hülfe der mächtigen Radiante nicht dazu gelange den blauen Papilion zu entzaubern, ist sie in Gestalt der Donna Mencia hieher gekommen, um mich zu einer Heurath zu nöthigen, die ich verabscheuen würde, wenn gleich diejenige, die sie mir zur Braut aufdringen will, eben so schön wäre als sie abscheulich ist. " (Wieland: Don Silvio 2. Buch 4. Kapitel)

"Die Gelegenheit war günstig, der Liebhaber ungestümm, die Schöne schwach; Kurz, sie thaten, was Jupiter selbst in dergleichen Umständen oft gethan hatte;  [...]" (Wieland: Don Silvio 2. Buch 7. Kapitel)

"Das schlimmste war, daß sich, nachdem sie kaum eine Stunde lang gewandert waren, der Himmel mit Wolken zu bedecken anfieng, die ihnen kaum so viel Heiterkeit übrig liessen, daß sie einen Weg in dem Gehölze finden konnten, ob es gleich keines von den dichtesten war. Dieser Umstand ermangelte nicht die Einbildung des armen Pedrillo vollends in Verwirrung zu setzen. Es fielen ihm auf einmal alle Gespenster-Historien ein, die er von seiner Kindheit an gehört hatte, er glaubte alle Augenblicke etwas verdächtiges zu sehen, und zitterte bey dem mindesten Geräusch, das er merkte, so laut oder noch lauter als ein Klopfstockischer Teufel. Du schnatterst ja als ob du das Fieber hättest, sagte endlich Don Sylvio, der schon lange gemerkt hatte, wo es ihm fehlte. Um des Himmels willen; gnädiger Herr, stotterte Pedrillo, und faßte ihn dabey beym Rock, seht ihr nichts? Ich sehe Bäume, so gut als man sie im Dunkeln sehen kan, versetzte Don Sylvio. GOtt steh uns bey! sagte Pedrillo keuchend, seht ihr dann den greulichen Riesen nicht, der dort auf einmal aus dem Boden hervor kommt, dort linker Hand? Er wird immer grösser und grösser, und streckt, deucht mich, wohl hundert Arme gegen uns aus, seht ihr, er kommt immer näher. – – – – Ich glaube, du bist nicht klug, erwiederte Don Sylvio; thu die Augen besser auf, und schäme dich, daß du einen Baum für einen Riesen ansiehest. GOtt gebe nur, daß es nicht noch etwas ärgers als ein Riese ist, versetzte Pedrillo. Ein Baum sagt ihr? Wo hat denn ein Baum Arme und Füsse? Ich sage dir alberner Tropf, antwortete Don Sylvio, daß es ein Baum ist; was du für Arme ansiehst, sind seine Aeste, er scheint immer grösser zu werden, weil der Grund, worauf wir gehen, etwas erhaben ist, und er kommt uns immer näher, weil wir auf ihn zugehen. Wenn du so furchtsam bist, daß du Eichbäume für Riesen ansiehst, so möcht ich wohl wissen, wofür du die würklichen Riesen halten wirst, die uns vielleicht noch aufstossen werden? Was mich betrifft, so schwör ich dir, daß alle Bäume in diesem Walde zu Riesen werden könnten, ohne daß ich sie fürchten würde. Ich bitte euch, mein lieber Herr, versetzte Pedrillo, redet nicht so laut; die Haare stehen mir zu Berge, wenn ich euch so reden höre. Die Riesen könnten euch beym Worte nehmen; glaubt mir Herr, ein einziger würde euch so viel zu thun geben, daß ihr genug hättet. Ich bitte euch ums Himmels willen, geht ihm aus dem Wege, und thut ihm nichts; es daurte mich nur mein junges Blut; der Popanz würde keinen Unterschied machen, und ich müßte dran glauben, so unschuldig ich immer bin. Das dachte ich wohl, antwortete Don Sylvio lachend, daß es dir nur um deine eigne Haut ist; aber besorge nichts; die Fee Radiante hat dich ja ausdrücklich zu meinem Gefährten ernannt, und du stehest also unter ihrem Schutz so gut als ich selbst. Ich sag es dir noch einmal, wenn aus jedem Baum in diesem Walde ein Riese würde, und aus jedem Blatt ein junger Feldteufel hervor kröche, so hätten wir doch nichts zu besorgen."                         (Wieland: Don Silvio 3. Buch 1. Kapitel)

Als Don Silvio und Pedrillo schlafen, werden sie von zwei sehr jungen Frauen entdeckt, die von Don Silvios Schönheit ganz hingerissen sind. Als Pedrillo erwacht, hält er die etwas ältere wegen ihrer vornehmen Kleidung für eine Fee.

Wer die Dame gewesen, welche Pedrillo für eine Fee angesehen.

Pedrillo, den wir von nun an, oder eigentlicher zu reden, von dem Augenblick an, da ihn die reitzende Laura zum erstenmal angelächelt hatte, als einen Menschen betrachten müssen, von dem ohne Unbilligkeit nicht gefordert werden kan, daß er diejenige Gegenwart des Geistes zeigen soll, wodurch einer, der bey sich selbst ist, sich zu unterscheiden pflegt; Pedrillo, sage ich, hatte die beyden Damen, die ihm in dem vorigen Capitel erschienen, schon eine geraume Zeit aus dem Gesicht verlohren, ehe es ihm einfiel, daß er nicht übel gethan hätte, sich zu erkundigen, wie sie hiessen, oder wo man sie erfragen könnte.

Weil es aber eben so wenig billig wäre, wenn unsre Leser, die vermuthlich nicht verliebt sind, diese Zerstreuung des verliebten Pedrillo entgelten müßten; So halten wir uns verbunden, die Neugier zu befriedigen, die wir uns schmeicheln in ihnen erregt zu haben, indem wir ihnen, ohne die geheimnisvolle Zurückhaltung, womit die Romanen-Dichter uns zuweilen etliche Capitel lang im Zweifel lassen, wer diese oder jene Person sey, mit der sie uns in irgend einem Wirthshauß oder auf der Landgutsche zusammen gebracht haben, jedoch in gröstem Vertrauen, (denn in der That darf Don Sylvio noch nichts davon wissen,) entdecken wollen, wer diese Damen wären, und durch was für einen Zufall sie an den Ort gekommen, wo sie, zum Unglück für die Ruhe ihres Herzens, den schönen Sylvio schlafend und seinen getreuen Achates wachend angetroffen.

Diejenige, welche Pedrillo ihrer Gestalt und ihrer Juwelen wegen für eine Fee angesehen hatte, nannte sich Donna Felicia von Cardena, und befand sich in einem Alter von achtzehn Jahren, die Wittwe von Don Miguel von Cardena, der die Discretion gehabt hatte, ungefehr zwey Jahre nach ihrer Vermählung im siebenzigsten seines Alters zu sterben, und sie als Erbin der unermeßlichen Reichthümer zu hinterlassen, mit deren Erwerbung er beynahe sein ganzes Leben in Mexico zugebracht hatte.

Sie wohnten seit ihrer Vermählung zu Valencia, einer Stadt, die ihrer Schönheit und angenehmen Lage wegen von den Spaniern Vorzugsweise die Schöne genannt wird. Allein so bald Donna Felicia durch den Tod ihres Alten Meisterin von sich selbst wurde, entschloß sie sich, aufs Land zu ziehen, wo sie einem gewissen romanhaften Schwung ihrer Phantasie und ihres Herzens sich ungehinderter überlassen konnte.

Die Poeten hatten bey ihr ungefehr die nehmliche Würkung gethan, wie die Feen-Märchen bey unserm Helden. Wenn dieser seine Einbildungs-Kraft von Verwandlungen, Zaubereyen, Princeßinnen, Popanzen und Zwergen voll hatte, so war die ihrige mit poetischen Gemählden, arcadischen Schäfereyen und zärtlichen Liebesbegegnissen angefüllt; und sie hatte sich den frostigen Armen eines so unpoetischen Liebhabers als ein Ehmann von siebenzig Jahren ist, aus keiner andern Absicht überlassen, als weil die Reichthümer, über welche sie in kurzem zu gebieten hofte, sie in den Stand setzen würden, alle die angenehmen Entwürfe zu realisieren, die sie sich von einer freyen und glücklichen Lebensart, nach den poetischen Begriffen, machte.

(Wieland: Don Silvio 3. Buch 10. Kapitel)


Eilftes Capitel.

Eines von den gelehrtesten Capiteln in diesem Wercke.

Der Geschmack der Leute in der Welt ist so verschieden, daß wir nicht davor stehen können, ob sich nicht Leser finden werden, die sich für die Dame Laura, ob sie gleich nur eine Schöne von der zweyten Classe, oder, um uns gelehrt auszudrücken, eine Dea minorum Gentium ist, vielleicht stärker intereßiren als für ihre Gebieterin selbst. Sollte es solche Liebhaber geben, so werden sie vermuthlich nicht wohl auf uns zu sprechen seyn, daß wir ihnen nicht auch einen Auszug der Geschichte der schönen Laura mittheilen. Allein wir ersuchen sie, sich zu erinnern, daß wir bereits so viel von diesem jungen Frauenzimmer gesagt haben, als man nöthig hatte, um zu sehen, daß sie eine artige, hübsche, witzige und ziemlich lebhafte kleine Person war, und dieses ist, däucht uns, das merkwürdigste, was wir von ihr sagen konnten. Denn was ihre Geschichte betrift, so war sie ein Kammer-Mädchen, und die Geschichte der Kammer-Mädchen ist, wie man weiß, wenigstens nach dem ordentlichen Lauf der Natur, in der ganzen Welt eine und eben dieselbige.

Der berühmte P. Sanchez merket in seinem eben so keuschen als lehrreichen Buche, de Matrimonio an, daß eine angehende Liebe anders auf eine junge Wittwe, und anders auf ein junges Mädchen würke; die erste, sagt er, wird davon munter, aufgeweckt, muthwillig; da man hingegen an der andern ein in sich selbst hinein gezogenes Staunen, und eine stille Schwermuth bemerkt, welche (setzt dieser vortreffliche Mann hinzu) die Würkung des geheimen innerlichen Abscheus ist, den die Seele vor der Gefahr empfindet, aus dem glorreichen Stande der Engel herab zu stürzen, und in eine grobe materielle Leidenschaft zu sinken, die in ihren Folgen endlich zu einer so unanständigen Verkörperung führt, als diejenige ist, wodurch die Welt mit Sünden bevölkert wird.

Wir haben eine zu tiefe Ehrfurcht für die H. Inquisition, als daß wir uns unterstehen sollten, einen so grossen Mann auch nur des kleinsten Irrthums zu beschuldigen; wir wollen also lieber sagen, die Natur habe sehr unrecht gethan, daß sie, ohne die geringste Achtung für die Autorität eines Mannes, der so viel neue Sünden erfunden hat, in der schönen Felicia und ihrer Vertrauten gerade das Wiederspiel von seiner Beobachtung zu würken sich erkühnt habe. Denn so widersinnisch es immer scheinen mag, so gewiß ist es, und so wenig können wir läugnen, daß auf der Reise nach Lirias, wovon jetzt die Rede ist, die junge Wittwe staunend und stillschweigend, und das Mädchen, ungeachtet der Gefahr, vor der ihrer jungfräulichen Seele hätte schauern sollen, so fröhlich und bey so guter Laune war, daß die allerseraphischste Schwester der H. Clara in Versuchung hätte gerathen mögen, sich an ihren Platz zu wünschen. Sie hatten bereits ein ziemliches Stück Weges zurück gelegt, ohne daß Donna Felicia, so begierig auch die muntere Laura auf das Signal wartete, ihren Einfällen Luft zu machen, nur einen einzigen Laut von sich gegeben hätte; es wäre dann, daß man einen Seufzer hieher rechnen wollte, der ihr ungefehr entwischte, eigentlich zu reden aber nur ein Fragment von einem Seufzer war, indem sie ihn eben noch früh genug ertappt hatte, um zwey Drittel davon in ihren verschwiegenen Busen zurück zu drücken. [...]"

(Wieland: Don Silvio 3. Buch 11. Kapitel)

"Daß dieser unbekannte Schläfer der schönste unter allen Sterblichen sey, das hatten ihnen ihre Augen gesagt, und sie breiteten sich mit desto größrer Gefälligkeit über diesen Punct aus, da sie noch keine Gelegenheit gehabt hatten, andre Verdienste an ihm kennen zu lernen. Aber wer er sey, und ob sein Stand und seine moralischen Eigenschaften mit einer so einnehmenden Aussen-Seite übereinstimme, das war eine Frage, gegen deren Bejahung Donna Felicia tausend Zweifel zu erregen wußte, um das Vergnügen zu haben, sie von Lauren beantwortet zu sehen. Nachdem sie nun alles, was nur möglich war, dafür und dawider gesagt hatten, so wurde man endlich einig, daß es im äussersten Grad unwahrscheinlich sey, daß ein Jüngling, dessen Gestalt die Natur mit allem Fleiß dazu gemacht zu haben scheine, um eine vortreffliche Seele anzukünden, nicht der edelste, der tugendhafteste, der tapferste, der angenehmste, mit einem Wort, der liebenswürdigste unter allen, die jemals von Weibern gebohren worden, seyn sollte. [...] 

Allein was sollte man aus dem bezauberten Sommervogel, der Princeßin, den Feen und dem Zwerge machen, welche Pedrillo in seine Geschichte eingeflochten hatte? Was sollte man von der Ernsthaftigkeit, dem aufrichtigen Gesicht und dem zuverläßigen Ton denken, womit dieser Bursche, der die Mine gar nicht hatte, als ob er seinen Zuhörerinnen etwas hätte weiß machen wollen, sie versichert hatte, daß sein Herr in eine bezauberte Princeßin verliebt sey, die er mit Hülfe einer grossen Fee zu erlösen im Sinn habe? [...]

Von einem Liebeshandel, worinn Don Sylvio jemals verwickelt gewesen seyn sollte, wollte der Barbier nicht das geringste wissen; hingegen verschwieg er nicht, daß er in der That etwas sonderbares und romanhaftes an sich habe, so ihm jedoch nicht übel lasse, und daß er aus einem gewissen Gespräch, das sie vor etlichen Wochen mit einander geführt, so viel ersehen hätte, daß Don Sylvio einen ausserordentlichen Geschmack an den Feen-Märchen finde, und sich in den Kopf gesetzt habe, daß es lauter wahrhafte Geschichten seyen, daß es würklich Feen gebe, und daß es gar nichts seltsames seyn würde, wenn ihm selbst dergleichen Dinge begegneten. Diese Nachrichten enthielten bey nahe alles, was Donna Felicia zu ihrer Beruhigung nöthig hatte. Allein ob gleich der romanhafte Schwung seiner Einbildungskraft etwas desto angenehmeres für sie hatte, weil er mit ihrer eigenen Sinnesart sympathisierte; So war sie doch auf der andern Seite nicht sehr vergnügt, daß er die Liebe zur Feerey bis zu einem Grad der Schwärmerey trieb, der ihn zu einer Art von Narren machte. Vielleicht, dachte sie, ist er in eine idealische Princeßin verliebt, die er nie gesehen hat, und damit seine Liebe ein desto feen-mäßigers Ansehen bekomme, hat er sich selbst beredet, daß sie von einer Fee, die sich seines Nebenbuhlers annimmt, in einen Sommervogel verwandelt worden sey. Diese Einbildung däuchte sie närrisch genung; aber wenn Don Sylvio lächerlich war, in eine blosse Idee verliebt zu seyn, war es Donna Felicia weniger, da sie über diese arme Idee eyfersüchtig war? [...]

(Wieland: Don Silvio 4. Buch 7. Kapitel)

Inzwischen setzte Don Sylvio mit seinem getreuen Achates, unter mancherlei Gesprächen, wozu ihre Begebenheiten Anlaß gaben, seine irrende Reise fort, und ruhete von Zeit zu Zeit in den anmuthigen Gebüschen aus, womit die bezaubernden Landschaften von Valencia, wie mit Kränzen durchwunden sind. Sie befanden sich würklich in einem kleinen Cypressen-Wald, wohin sie die zunehmende Hitze getrieben hatte, und wo sie sich an der lachenden Aussicht über die blühenden Ebnen ergötzten, die sich zu beyden Seiten des Guadalaviars verbreiteten; als Pedrillo plötzlich eine Entdeckung machte, welche allen Bekümmernissen, Liebesschmerzen und Herumirrungen unsers Helden auf einmal ein erwünschtes Ende zu versprechen schien. Hey sa, gnädiger Herr, rief er, Freude über Freude, wir haben unsre Princeßin gefunden, oder meine Augen müssen bezaubert seyn; seht ihr den blauen Sommervogel nicht, der dort um die Rosenstauden herum flattert? Pedrillo betrog sich nicht gänzlich; es war würklich ein blauer Sommervogel, und Don Sylvio wünschte zu sehr, daß es seine Princeßin seyn möchte, als daß er einen Augenblick daran gezweiffelt hätte. Ich will auf diese Seite herüber gehen, gnädiger Herr, sagte Pedrillo, und ihr schleicht indessen allgemach auf ihn zu; er soll uns nicht entwischen, und ich denke, die Princeßin braucht euch nur zu sehen, so wird sie euch von selbst in die Hände fliegen. [...]

Der Sommervogel schien würklich die Hofnung des Pedrillo zu rechtfertigen; er flog in kleinen Kreisen dem Don Sylvio entgegen, und dieser näherte sich ihm schon mit ausgestreckter Hand, von Freude und Sehnsucht zitternd; als der Unstern unsers armen Liebhabers einen andern weißgrauen Sommervogel herbey führte, der den blauen kaum erblickte, als er mit der Dreistigkeit, die dieser verbuhlten Gattung von Geschöpfen eigen ist, auf ihn zuflog, und sich nicht scheute vor den Augen seines Nebenbulers sich Freyheiten heraus zu nehmen, zu denen er desto mehr berechtiget zu seyn glaubte, da es ihm vermuthlich nicht in den Sinn kam, daß seine geflügelte Schöne eine Princeßin seyn könnte. Don Sylvio gerieth, wie man denken kan, über diese Verwegenheit in eine desto grössere Wuth, da er in dem Widerstand des blauen Schmetterlings einen neuen Grund zu sehen glaubte, daß es ganz gewiß seine Princeßin sey; er warf sich also dazwischen, und war glücklich genug, seinen muthwilligen Nebenbuhler mit einem Stabe, den er in der Hand hatte, zu Boden zu schlagen. Allein die vermeynte Princeßin war indessen in der Angst davon geflogen, und je schneller ihr Don Sylvio und Pedrillo nacheilten, desto schüchterner flatterte sie vor ihnen her, vermuthlich, weil sie noch immer von dem weißgrauen Schmetterling verfolgt zu werden glaubte. Von ungefehr trug sich zu, daß drey oder vier Mädchen aus einem benachbarten Dorfe, um von ihrer Arbeit auszuruhen, am Ufer des Flusses sich in den Schatten gesetzt hatten, und sich damit belustigten, aus den Blumen, welche häuffig um sie her blühten, Kränze zu flechten. Der blaue Schmetterling hatte seine Verfolger so weit hinter sich gelassen, daß sie ihn kaum noch mit den Augen erreichen konnten; und weil er sich jetzt ausser Gefahr glaubte, so fieng er an, wieder ruhiger zu werden, und schweifte so lange von Blume zu Blume, bis er einer von den vorbesagten Dirnen in die Hände gerieth, die ihn haschte, und zum Zeitvertreib an einem Faden, den sie um seine Füsse band, um sich her flattern ließ. Don Sylvio, der schon nahe genug war um dieses Spiel zu beobachten, sagte zu Pedrillo: Nun hab ich einmal den Aufschluß des Traumgesichts, dessen Erklärung mir gestern Morgen so viel zu schaffen machte; es war eine Warnung der Fee, meiner Freundin, die mich das, was mir jetzo begegnet, im Traum vorher sehen ließ, damit ich nicht unvorsichtig in den Schlingen meiner Feinde gefangen würde. Siehst du die Nymphe, die dort im Schatten sitzt, und den blauen Sommervogel an einem Faden um sich her flattern läßt. Eine Nymphe, sagt ihr? antwortete Pedrillo; Sapperment, Herr Don Sylvio, sie sieht einer Nymphe gerad so gleich als einem Fuder Heu; Es ist ein Grasmädchen, so gut als die andern, die dort im Schatten beysammen sitzen. Ich bin zu sehr gewohnt, erwiederte Don Sylvio, daß du alles besser wissen willst als ich, als daß ich mich über deine Unverschämtheit entrüsten sollte. [...]

(Wieland: Don Silvio 4. Buch 8. Kapitel)

Zur Fortsetzung (Teil 2)

Mehr zu Wieland:

Jan Philipp Reentsma: Christoph Martin Wieland. Die Erfindung der modernen deutschen Literatur (Rezensionen bei Perlentaucherweitere Rezensionen) und in diesem Blog

11 Juni 2023

Pablo Neruda: Ich bekenne, ich habe gelebt.

 Pablo Neruda: Ich bekenne, ich habe gelebt

Dazu:

Deutschlandfunk (Gedichte und ein Text über Neruda)

Literaturzeitschrift  Rezension: "[...] Sprachlich präzise und klar, zuweilen schwärmerisch und blumig werdend, wenn es um Heimat und Natur geht, sind diese Memoiren sehr angenehm und flüssig zu lesen. Dass hier ein Lyriker schreibt, merkt man schon an den gelegentlichen, vom übrigen Text kursiv abgesetzten, kontemplativen Einschüben, alleinstehende Einzelsätze zumeist mit poetischer Anmutung. Pablo Neruda entführt den Leser in seine ganz eigene, exotische Welt und lässt ihn teilhaben an einer wahrlich außergewöhnlichen Karriere. Man kann ihm vorwerfen, er habe viele Fragen offen gelassen, politisch einäugig den Kommunismus verherrlicht, Privates weitgehend ausgeklammert. Gleichwohl ist seine Vita faszinierend, und das, was er darüber preisgibt, ist allemal die Lektüre wert."

ZEIT 30.8.1974  2 CHARAKTERISTISCHE KAPITEL (vgl. unten)

Zitate:

Vorspruch:

Diese Memoiren oder Erinnerungen brechen häufig ab und sind bisweilen vergesslich wie das Leben. Die Unterbrechungen des Schlafs erlauben uns, die Tage der Arbeit zu ertragen. Viele meiner Erinnerungen sind im Akt der Anrufung zerronnen, sind Staub geworden wie ein unwiederbringlich zerbrochenes Glas.
Die Memoiren des Memoirenschreibers sind nicht die Memoiren des Dichters. Jener hat vielleicht weniger gelebt, doch mehr fotografiert und erfreut uns mit der Schönheit der Einzelheiten. Dieser liefert uns eine Galerie von Gespenstern, erschüttert vom Feuer und Schatten seiner Zeit.
Vielleicht habe ich nicht in mir selbst gelebt; vielleicht habe ich das Leben der anderen gelebt.
Von dem, was ich in diesen Blättern hinterlasse, werden sich – wie in den Baumalleen des Herbstes und wie zur Zeit der Weinernte – die gelben Blätter lösen, die sterben werden und die Trauben, die auferstehen werden im heiligen Wein.

Mein Leben ist ein Leben aus allen Leben: den Leben des Dichters. (Sammlung Luchterhand TB 1977, S.6)

"In diesem Haus der Masons gab es ein Wohnzimmer, zu dem Kinder keinen Zutritt hatten. Ich habe nie die wahre Farbe der Möbel erfahren, weil sie mit weißen Überzügen bedeckt waren, bis ein Brand  sie fortnahm. Es gab ein Album mit Familienfotographien. Diese Fotos waren feiner und zarter als die fürchterlichen, verzierten Vergrößerungen, die später das Grenzland heimsuchten.
Dort hing ein Bild meiner Mutter. Sie war eine schwarz gekleidete Frau, schlank und versonnen. Man hat mir gesagt, sie habe Verse geschrieben, doch ich habe sie nie gesehen; gesehen habe ich nur ihr schönes Abbild.
Mein Vater hatte in zweiter Ehe Dona Trinidad Candia  Marverde geheiratet, meine Stiefmutter. Es scheint mir unglaublich, dem Schutzengel meiner Kindheit diesen Namen geben zu müssen. Sie war besorgt und sanft, besaß einen bäuerlichen Sinn für Humor, eine tätige, unermüdliche Güte.
Kaum erschien mein Vater, wurde sie zu einem milden Schatten wie alle Frauen von damals und von dort." (Sammlung Luchterhand TB 1977, S. 13)

"Manchmal kämpften wir im großen verschlossenen Schuppen mit den Eicheln der Steineiche. Niemand, den der Eichelschluss nicht traf, weiß wie sehr er schmerzt." (S. 15)

"Liebe im Weizen
Vor Mittag erreichte ich frisch und fröhlich das Feldlager der Hernández. Mein einsamer Ritt auf verlassenen Pfaden, der erquickende Schlaf, All das strahlte meine schweigsame Jugend wieder.
Das Dreschen des Weizens, des Hafers, der Gerste wurde noch mit Stuten durchgeführt. Es gibt nichts Lustigeres auf der Welt als die Stuten zum aufmunternden Ruf der Reiter um die Tenne traben zu sehen. [...]
Die Hernández waren eine eigenartige Sippe. Die ungekämmten und unrasierten Männer in Hemdsärmeln, den Revolver im Gürtel, waren fast immer mit Öl, Korn, Staub, Lehm beschmiert oder regennass bis auf die Knochen. Väter, Söhne, Neffen, Vettern besaßen alle den gleichen Gesichtsschnitt. Sie mochten stundenlang unter einem Motor liegen, auf einem Dach oder einer Dreschmaschine kauern. Sie unterhielten sich nie. [...]
Aber auch beim Kälberbraten auf freiem Feld, beim Rotwein und der Gitarre waren sie die ersten. Sie waren Grenzbewohner, Männer nach meinem Geschmack. Ich, ein bleicher Student, kam mir vor wie ein Däumling neben diesen schuftenden Berserkern; aber sie, warum weiß ich nicht, gingen so zartfühlend mit mir um wie mit niemandem sonst. (S. 28)
"Plötzlich erwachte ich, weil etwas auf mich zukam, ein unbekannter Körper bewegte sich unter dem Stroh und näherte sich mir. Ich bekam Angst. Dieses etwas kroch langsam näher. Ich spürte die Strohhalme unter der nähergleitenden unbekannten Gestalt knacken. Mein ganzer Körper war wach, wartete. Vielleicht sollte ich aufstehen oder schreien. Ich hörte mich nicht. Ich hörte atmen, dicht an meinem Kopf.
Und schon kam eine Hand näher, eine große Arbeiterhand, allerdings eine Frauenhand. Sie strich über meine Stirn, meine Augen, mein ganzes Gesicht, zärtlich dann drückte sich ein gieriger Mund auf meinen, und ich fühlte am ganzen Körper bis zu den Beinen einen Frauenkörper, der sich an mich presste." (S. 29) 
"Als ich sie von meinem Tischende aus betrachtete, glaubte ich zu bemerken, dass diese schöne Frau mit langen Zöpfen mir einen raschen Blick und ein winziges Lächeln zuwarf. Und mir war, als würde dieses Lächeln größer und tiefer und entfaltete sich in meinem Körper. (S.30) 

"Die Schüchternheit 
"[...] Seit meiner frühsten Jugend in rituelles Schwarz gekleidet wie die 
echten Poeten des vergangenen Jahrhunderts, fühlte ich unbestimmt, 
dass ich gar nicht so schlecht aussah. Doch statt mich den Mädchen 
zu nähern, wohl wissend, dass ich vor ihnen stottern und erröten würde, 
zog ich vor, ihnen die kalte Schulter zu zeigen und Interessenlosigkeit zu 
heucheln. Sie waren alle ein großes Geheimnis für mich. Ich hätte nichts 
lieber gewünscht, als auf diesem geheimen Scheiterhaufen zu verbrennen, 
in diesen Brunnen rätselhafter Tiefe zu ertrinken, aber ich wagte nicht, 
mich ins Feuer und ins Wasser zu stürzen. Da mir niemand begegnete, 
der mich hätte stoßen können, bewegte ich mich am Rande der 
Faszination, ohne es mit einem Blick, geschweige denn einem Lächeln zu versuchen.
Ebenso erging es mir mit den Erwachsenen, kleinen Leuten, Eisenbahn- und Postbeamten und ihren 'Frau Gemahlinnen', so genannt weil der kleinen Bürger an dem Wort 'Frau' prüden Anstoß nimmt. Zwar hörte ich den Tischgesprächen im Elternhaus zu. Begegnete ich aber am nächsten Tag auf der Straße Menschen, die am Vorabend bei uns gesessen hatten, wagte ich nicht zu grüßen und wechselte sogar den Gehsteig, um der Unannehmlichkeit zu entgehen.
Die Schüchternheit ist ein merkwürdiger Seelenzustand, eine Kategorie, eine Dimension, die sich der Einsamkeit öffnet. Sie ist ein untrennbares Leiden, als habe man zwei Epidermen, und als werde die zweite innere Haut gereizt und verschließt es sich dem Leben. Im Gefüge des Menschen gehört diese Eigenschaft oder dieser Schaden zu der Legierung, welche die Dauer des Seins in hohen Maße sicherstellt. Zwischenraum trotzdem erwachte in gewissen Kreisen eine blasse Neugierde auf den Jungen, soeben 16 Jahre alten Dichter, einen wortkargen Einzelgänger, der kam und ging, ohne ein Wort der Begrüßung oder des Abschieds. Über dies erschien ich in einem langen spanischen Mantel, indem ich wie eine Vogelscheuche aussah. Niemand ahnte, dass mein auffallen der Aufzug die sichtbare Folge meiner Armut war.
Unter den Leuten, die meine Gesellschaft suchten, waren zwei große Snobs derzeit. Pilo Yáñez und seine Frau Mina. Sie verkörperten das vollkommene Beispiel der schönen Muse, In der ich gerne gelebt hätte – ferner als ein Traum. Zum ersten Mal betrat ich ein Haus mit Zentralheizung, mit intimer Beleuchtung, mit bequemen Sesseln, mit Wänden voller Bücher, deren bunte Rücken einen unnahbaren Frühling bedeuteten." (S.36/37)

Da von Rojas Giménes die Rede ist:: Der Wahnsinn, ein bestimmter Wahnsinn, geht oft Hand in Hand mit der Dichtung. So wie es den vernünftigsten Menschen schwer fallen würde, Dichter zu sein, fällt es den Dichtern vielleicht schwer, vernünftig zu sein." (S.43)

Das Wort

Alles, was Sie wünschen, ja, mein Herr, denn es sind die Wörter, die singen, die steigen und fallen... Vor ihnen werfe ich mich nieder... Ich liebe sie, ich schätze sie, verfolge sie, erbeiße sie, lasse sie im Mund zergehen... So sehr liebe ich die Wörter ... Die unerwarteten ... Sie, die man gierig erwartet, belauert, bis sie plötzlich fallen ... Geliebte Vokabeln ... Sie glänzen wie bunte Steine, hüpfen wie Fische aus Platin, sind Schaum, Strahl, Metall und Tau ... Manche Wörter verfolge ich... Sie sind so schön, daß ich sie alle in meinem Gedicht verwenden will... Ich fange sie im Flug, wenn sie summen, und halte sie fest, reinige sie, schäle sie, setze mich vor den Teller, fühle sie kristallin, zitternd, aus Ebenholz, pflanzlich, ölig, wie Früchte, wie Algen, wie Achate, wie Oliven ... Dann lasse ich sie kreisen, bewege sie, schlürfe sie, verschlinge sie, zermalme sie, putze sie heraus, befreie sie.. Lasse sie wie Stalaktiten in meinem Gedicht, wie poliertes Holz, wie Kohle, wie Strandgut, Geschenke der Woge ... Alles ist im Wort... Eine Idee verändert sich, weil ein Wort von der Stelle gerückt ist, weil ein anderes sich wie eine kleine Königin im Satz niederläßt, der sie nicht erwartet hat und ihr nun gehorcht... Sie haben Dunkelheit, Durchsichtigkeit, Gewicht, Federn, Haare, sie haben alles, was an ihnen haften blieb auf der langen Irrfahrt durch den Fluß, auf der langen Wanderschaft in ihrem Vaterland, während ihres langen Wurzeldaseins ... Sie sind uralt und blutjung... Sie leben im verborgenen Sarg und in der kaum begonnenen Blüte... Welch gute Sprache die meine, welche gute Zunge haben wir von den fürchterlichen Konquistadoren ererbt ... Mit Riesenschritten durchwanderten sie die gewaltigen Kordilleren, die verwilderten Amerikas, auf der Suche nach Kartoffeln, nach Preßkopf, Bohnen, schwarzem Tabak, Gold, Mais, Spiegeleiern – mit jenem Heißhunger, den die Welt nie mehr erlebt hat... Alles haben sie verschlungen, Religionen, Pyramiden, Volksstämme, Abgötter gleich denen, die sie in ihren tiefen Taschen trugen... Wo sie auftraten, hinterließen sie verheerte Erde ... Doch von den Stiefeln der Barbaren, von den Bärten, den Helmen, den Hufen fielen wie Kiesel die leuchtenden Wörter, die uns blieben, funkelnd... die Sprache. Am Ende verloren wir ... Am Ende gewannen wir... Sie nahmen Gold und ließen uns Gold... Sie nahmen alles und ließen uns alles. Sie ließen uns die Wörter." (ZEIT 30.8.1974 - Sammlung Luchterhand TB 1977, S.54)


Kapitel 8: Das Vaterland in der Finsternis

Die Salpeterpampa

"Meine Dichtung und mein Leben sind wie ein amerikanischer Fluß verlaufen, wie ein chilenischer Sturzbach, geboren in der geheimen Tiefe der australen Berge, der seinen Strom unablässig einem Meerausgang entgegenlenkt. Meine Dichtung verstieß nichts von dem, was ihr Strom mitführte: Sie nahm die Leidenschaft hin, förderte das Geheimnis zutage und bahnte sich einen Weg unter den Herzen des Volkes.# Mein Teil war, zu leiden und zu kämpfen, zu lieben und zu singen; bei der Aufteilung der Welt war mein Teil Triumph und Niederlage, ich kostete den Geschmack des Brotes und des Blutes. Was will ein Dichter mehr? Alle Empfindungen vom Weinen bis zum Küssen, von der Einsamkeit bis zum Volk durchwehen meine Dichtung, wirken in ihr, denn ich habe für meine Dichtung gelebt, in ihr habe ich meine Kämpfe ausgetragen. Wenn ich manche Anerkennungen gewonnen habe, die so vergänglich sind wie eines Schmetterlings Blütenstaub, so habe ich eine große Anerkennung gewonnen, eine, die viele verachten, weil sie für viele unerreichbar ist. Nach harter Lehre durch die Ästhetik und dem Suchen durch die Labyrinthe des geschriebenen Worts hindurch bin ich der Dichter meines Volkes geworden. Das ist meine Anerkennung, nicht meine übersetzten Bücher und Gedichte, auch nicht die Bücher, die meine Worte beschreiben oder sezieren.

.Meine Anerkennung ist jener große Augenblick in meinem Leben, als tief aus der Kohle 

von Lota, unter der prallen Sonne der versengten Salpeterhalde, aus dem lotrechten Stollen 

wie aus der Hölle ein Mann heraustrat, das Gesicht von der furchtbaren Arbeit entstellt, die 

Augen rot vom Staub, mir die verhärtete Hand entgegenstreckte, die Hand, die mit ihren 

Schwielen und Furchen die Landkarte der Pampa war, und mit leuchtenden Augen zu mir 

sagte: "Ich kenne dich seit langem, Bruder." Das ist der Lorbeer meiner Dichtung, dieses 

Loch in der furchtbaren Pampa, aus dem ein Arbeiter tritt, dem Wind und Nacht und 

Chiles Sterne so oft sagten: "Du bist nicht allein, ein Dichter denkt an deine Qualen."

Am 15. Juli 1945 trat ich in die Kommunistische Partei ein."  (ZEIT 30.8.1974 in Sammlung Luchterhand TB 1977, S.179/180)

Kapitel 9: Anfang und Ende eines Exils

In der Sowjetunion

"Was mich in der UdSSR zu allererst beeindruckte, war das Gefühl der Weite, die Gesammeltheit ihres Raums, die Bewegtheit der Birken auf den Wiesen, die riesigen, wunderbaren reinen Wälder, die großen Flüsse, die über die Weizenfelder wogenden Pferde.

Ich liebte die sowjetische Erde auf den ersten Blick und begriff, dass von ihr nicht nur eine ethische Lehre für alle Gebiete des menschlichen Daseins ausging, ein Ausgleich der Möglichkeiten und ein wachsender Fortschritt im Tun und Teilen, ich ahnte auch, dass sich auf diesem steppenartigen Kontinent mit all seiner naturhaften Reinheit ein mächtiger Aufschwung vollziehen würde. Die gesamte Menschheit weiß, dass dort die gigantischste Wahrheit erarbeitet wird; und die staunende Welt wartet gebannt auf die Dinge, die von dort herkommen sollen. Einige warten mit Schrecken, andere warten einfach, dritte glauben das Kommende zu erahnen. (Sammlung Luchterhand TB 1977, S.203)

Kritik: Wikipedia:

"In seiner postum erschienenen Autobiographie Ich bekenne, ich habe gelebt gibt es im Kapitel 4 (Die leuchtende Einsamkeit) einen Abschnitt (Singapur), in dem der Autor beschreibt, eine Frau vergewaltigt zu haben, als er 1929 Konsul in Ceylon war.[28] Neruda erzählt darin, wie er in einem abgelegenen Bungalow wohnte, den er gemietet hatte, und sich wunderte, dass er den Toilettenbehälter jeden Morgen sauber fand. Als er feststellte, dass dieser von einer schönen und unnahbaren Tamilin „von der Kaste der Parias[29] geleert wurde und mehrere Versuche, sie mit Geschenken zu gewinnen, nicht zum Ziel führten, ließ Neruda sich nach eigener Darstellung zu der folgenden Handlungsweise hinreißen, die der Autor – im Sinne eines Male gaze – jedoch stark ästhetisiert und verklärt (in der Übersetzung von Curt Meyer-Clason):

„Zu allem entschlossen, packte ich sie eines Morgens herrisch am Handgelenk und blickte ihr ins Gesicht. Ich wußte keine Sprache, in der ich sie hätte ansprechen können. Ohne Lächeln ließ sie sich von mir führen, und schon lag sie nackt auf meinem Bett. Ihre schlanke Taille, ihre vollen Hüften, die überquellenden Becher ihrer Brüste machten sie den tausendjährigen Skulpturen Südindiens gleich. Die Begegnung war die eines Mannes mit einer Statue. Die ganze Zeit hielt sie die Augen offen, ungerührt. Sie verachtete mich mit Recht. Die Erfahrung wiederholte sich nicht.“[29]  [Sammlung Luchterhand TB 1977, S.105/06]

Diese „Erfahrung“ stellt Neruda vorgängig in den Zusammenhang mit Erinnerungen an sexuelle Kontakte mit anderen Frauen und insbesondere mit der Erzählung einer jungen Frau, die er berichtend wiedergibt. Darin wird keine offene Gewalt ausgeübt. Diese Frau und ihre Freundinnen seien „brünette[n] und goldene[n] Mädchen mit dem Blut von Buren, Engländern, Drawiden[29] und Hervorbringungen des Kolonialismus[29] – ein Kolonialprodukt[29] – gewesen, aber keine Prostituierte und er betont: „Ihre Erzählung beeindruckte mich, und ich empfand nichts als Sympathie für sie.“[29]