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14 September 2017

Weshalb Verfassungen von den Gesellschaften, die sie ordnen sollen, zerstört werden (in: Wieland: Der goldene Spiegel)

 »Es ist ein trauriges Los aller guten Dinge in der Welt«, fing Danischmend an, als er nach einigen Tagen wieder an das Bette Seiner Hoheit gerufen wurde, »daß sie unter den Händen der Menschen nicht lange unbeschädigt und unverdorben bleiben können. Leider gilt dies von Gesetzgebungen, Staatsverfassungen und Regierungen ganz vorzüglich. Wie vollkommen auch die gesetzmäßige Verfassung eines Staats sein mag, bei der Vollziehung kommt alles auf die Beschaffenheit der Menschen an, in deren Händen die Gewalt ist, welche der Staat dem Fürsten, und der Fürst wieder teilweise denen, die ihm regieren helfen sollen, anzuvertrauen genötigt ist. Wie angelegen ließ sich's nicht der guten Tifan sein, seiner Gesetzgebung eben dadurch die Krone der Vollkommenheit aufzusetzen, daß er ihr die möglichste Dauerhaftigkeit zu geben suchte! Eben darum, weil er einsah, wie sehr alles auf die sittliche Beschaffenheit der Regierten sowohl als der Regierenden ankommt, machte er die moralische Bildung der Scheschianer zum Hauptzweck seiner Erziehungsanstalten, und die Erhaltung der Sitten in der möglichsten Lauterkeit zum Augenmerk aller seiner Verordnungen. Aber eben darum, weil es unmöglich ist unter einem großen Volke die Sitten lange unverdorben zu erhalten, konnt er mit aller seiner Vorsicht mehr nicht bewirken, als daß es mit der sittlichen Verderbnis seines Volkes langsamer zuging, und also der Zeitpunkt des politischen Todes, welchem sich jeder Staat mit immer zunehmender Geschwindigkeit nähert, von dem seinigen etwas weiter entfernt wurde, als es ohne seine Vorkehrungen geschehen wäre. [...]
Niemals wird in irgend einem Staate derjenige, der mit irgend einem Anteil an Macht und Ansehen bekleidet ist, sich lange in der Einschränkung halten, die ihm das Gesetz vorgeschrieben hat. Gibt das Gesetz die höchste Gewalt in die Hand eines Einzigen; so wird dieser Einzige nicht ruhen, bis er sich über das Gesetz erhoben, und es dahin gebracht hat, daß sein Wille, nicht der allgemeine, das höchste Gesetz ist. Verteilt es dieselbe unter mehrere durch einander eingeschränkte Mächte; so wird jede von ihnen, so gut wie jener Einzige, sich so lange auszudehnen streben, bis sie den Damm, der sie einzwängen soll, durchbrochen hat: und ist das Gesetz einer jeden, für sich allein, zu mächtig; so werden sie sich gegen dasselbe vereinigen, oder in geheime Unterhandlungen mit einander treten, und – unter der Bedingung sich in die Vorteile, die sich keine allein zuzueignen vermag, brüderlich zu teilen – die schicklichsten Mittel das Gesetz unkräftig zu machen mit einander abreden. Dieser Umstand ist für sich allein schon mehr als hinlänglich, den immer zunehmenden Verfall und endlich, die gänzliche Auflösung jeder politischen Gesellschaft zu bewirken: aber auch ohne ihn würde bloß die Kultur (ich meine eine solche, wozu Tifan durch seine Gesetze den Grund legte) mit der Zeit die nämliche Wirkung hervorbringen.« »Danischmend ist heute zu paradoxen Behauptungen aufgelegt«, sagte der Sultan: »aber ich seh ihn kommen« – »Ihre Hoheit halten mir zu Gnaden«, fuhr dieser fort, »wenn ich Ihnen etwas sehr Einfältiges zu sagen scheinen werde, das aber darum nicht weniger wahr ist. Damit ein Volk sich gutwillig einer Regierung unterwerfe, welche, vermöge der Natur der Sache und des Menschen, ewig nach ungebundener Willkürlichkeit strebt, muß besagtes Volk sich in einem Zustande von Dumpfheit, Einfalt und Unmündigkeit befinden, der genau so lange und keinen Augenblick länger dauern kann, als es in Unwissenheit und Vorurteile, gleich einem Wickelkinde, um und um eingewickelt bleibt: und wofern ein gewisser Grad von Kultur sich mit diesem Zustande vertragen soll; so muß die vereinigte Gewalt der Gesetze, der Erziehung, der Sitten und der Gebräuche, im Notfall durch die Schrecken eines eisernen Despotismus verstärkt, zusammen wirken, jeden Fortschritt zu höhern Stufen unmöglich zu machen. Ist aber dieser Fortschritt frei gelassen, wird er durch die Verfassung sogar befördert: so ist nichts natürlicher, als daß endlich die Zeit kommen muß, wo das besagte Volk mit seinen Befugnissen und Rechten, und überhaupt mit seinem wahren Interesse so bekannt wird, daß es sich nicht länger zum leidenden Gehorsam bequemen will, geschweige daß die Blendwerke, Gaukeleien und Zauberformeln länger bei ihm anschlagen sollten, womit es sich ehmals in seiner Dumpfheit bemaulkorben und nach der Pfeife seines Führers tanzen machen ließ. Es wird also« – »Erspare dir die Mühe uns zu sagen was es tun wird, Itimadulet«, fiel ihm der Sultan ins Wort – »wir kennen das! Aber meinst du nicht auch, daß sich aus dem, was du uns eben da zu sagen beliebt hast, ein vortreffliches Argument gegen deine fortschreitende Kultur ziehen ließe?«
»O gewiß ein vortreffliches«, sagte Danischmend mir einer lächelnden Grimasse, die nicht ganz so ehrerbietig war als einem ersten Minister, der seinem Gebieter antwortet, geziemen will.
»Nicht daß ich etwas gegen die Kultur hätte«, fuhr der Sultan ganz kaltblütig fort: »im Gegenteil! – Nur mit deiner fortschreitenden Kultur, Herr Danischmend, die so lange fortschreitet bis sich die Leute gar nicht mehr regieren lassen wollen, mit der würde ich mich schwerlich recht vertragen können. Ich liebe Ordnung und Ruhe in meinem Lande; das Ei soll nicht klüger sein wollen als die Henne; und wer zum Dreschflegel, zum Hammer, zur Nadel und zur Ahle geboren ist, soll sich den Kopf nicht damit zerbrechen, was er tun wollte, wenn er Oberrichter, Statthalter, Itimadulet, oder Herr des weißen Elefanten wäre. Das ist meine Meinung von der Sache; und nun weiter im Text, Freund Danischmend!«…  [...]
Unvermerkt gewöhnte man sich daran, die Quelle, aus welcher man immer unbescheidener schöpfte, für unerschöpflich zu halten; und so erschwerte man die Subsistenz der Armen, in der wohltätigen Absicht ihre Emsigkeit aufzumuntern, so lange, bis endlich Mangel, übermäßige Arbeit, und die Verzweiflung sich jemals zu einem bessern Zustand hinauf zu arbeiten, ihnen zuletzt das Dasein selbst unerträglich zu machen anfing;  [...]
(Wieland: Der goldene Spiegel 2. Teil 16. Kapitel)

Ablehnung des Absolutismus oder von der Notwendigkeit einer Verfassung (Wieland in: Der goldene Spiegel")

"Es ist falsche Politik, sich einzubilden, daß es gefährlich sein könnte, der Majestät durch die genaueste Bestimmung ihrer Rechte die Hände zu binden, und das Volk zu einer beständigen Vergleichung der Handlungen seiner Obern mit der Richtschnur derselben zu berechtigen. Weise Gesetze schränken die königliche Macht in keine andre Grenzen ein, als ohne welche das gemeine Wesen, dessen oberste Diener die Könige sind, immer in Gefahr wäre, von ihnen selbst, oder wenigstens von den Dienern seiner Diener gemißhandelt zu werden. Die ganze Schöpfung wird von ihrem Urheber (wiewohl er, und Er allein, im eigentlichsten Verstande ein unumschränkter Herr ist) nach Gesetzen regiert. Welcher irdische Monarch kann sich für berechtigt halten, willkürlicher regieren zu wollen als Gott selbst? Und wenn dieser oberste Monarch seine Wirksamkeit bloß darum an Gesetze gebunden hat, weil er vollkommen weise und gut ist: aus welchem Bewegungsgrunde könnten Könige, die doch nur Menschen sind und über ihresgleichen herrschen, ungebundene Hände verlangen? –"
 (Wieland: Der goldene Spiegel 2. Teil)

03 Januar 2013

Ernst Augusts Aufhebung der Hannoverschen Verfassung (1837)


"»Apropos«, sagte Detmold, »wenn Sie noch ein Viertelstunden Zeit übrighaben, bleiben Sie. Es wird heute das große längsterwartete Ereigniß erfolgen; das Patent, welches das Staatsgrundgesetz aufhebt, ist in der Druckerei und wird abends in der Hannoverschen Zeitung und der Gesetzsammlung publicirt, in spätestens einer halben Stunde erhalte ich einige Abzüge davon. Wir wollen uns in die Arbeit theilen, ich übernehme für heute die ›Augsburger‹ und den ›Courier‹, Sie können an die ›Börsen-Halle‹ und die Kölner berichten.. Heben Sie die crassesten Sätze heraus und widerlegen Sie solche so kurz und schlagend wie möglich. Morgen wollen wir tauschen, bis dahin können Sie Ihre Gedanken sammeln und sich im ›Deutschen Courier‹ mindestens ausführlicher aussprechen.«
»Ich warte natürlich«, sagte Bruno und stieß einen derben Fluch aus.
In diesem Augenblicke erschien ein Buchdruckerlehrling und überreichte Detmold eine verschlossene Mappe. Als derselbe sich entfernt hatte. schloß jener die Mappe mit einem eigenen Schlüssel auf und zog sechs Fahnen des Gesetzblattes heraus, von denen er eine sofort couvertirte an die Adresse eines obscuren Mannes, der aber Magistratsdiener in Osnabrück war und das Empfangene sofort an Stüve ablieferte. Bruno mußte die Adresse mehrmals schreiben, denn daß seit Ernst August's Ankunft das Briefgeheimniß zu existiren aufgehört habe, glaubte man wenigstens allgemein.
Bruno durchflog das Patent und begleitete einzelne Sätze mit Schimpfreden.
»Das hilft zu nichts«, sagte der Kleine, »gehen Sie nach Hause und seien Sie fleißig, daß die Abendpost Ihre Artikel mitnehmen kann. Abends kommen Sie mit Ihrem Onkel nach Wessel's Schenke, Rumann und andere Leute kommen auch, da wollen wir etwas öffentliche Meinung machen. Ich werde Sie Rumann vorstellen.«
Unser junger Freund eilte zu dem Onkel, der außerhalb der Stadt wohnte und der nach bürgerlicher Manier zu derselben Zeit wie seine Arbeiter das Mittagsessen einnahm, um zwölf, und ihn nun wegen seines Zuspätkommens auszankte, sich aber sofort besänftigte, als Baumann ihm die Neuigkeit des Patents mittheilte.
Friedrich Schulz war noch zorniger, als Baumann es gewesen. »Da soll ja dieses – – –«, sagte er, »das man zu meiner Zeit in London kaum werth achtete, es mit faulen Orangen zu werfen, ein Kreuzdonnerwetter holen. Das wagt er, uns Hannoveranern zu bieten? Meint er, wie 1810 von bestochenen Coroners bei der Leiche seines Kammerdieners, auch von der Weltgeschichte in Beziehung auf uns ein Verdict zu bekommen felo de se? Da wird er verdammt irregehen! Er soll hier erleben, was ein unabhängiger und selbständiger Bürgerstand vermag!«
Der Onkel erzählte nun die dem Neffen gänzlich unbekannte Mordgeschichte vom 31. Mai 1810 nach den Traditionen, welche die Bekannten von Sellis in Umlauf gesetzt hatten und die das Volk wenigstens glaubte.
Baumann hatte über das wichtigere vaterländische Ereigniß seinen persönlichen Kummer vergessen, er schrieb aber mit der Galle, die in sein Blut eingetreten war, zwei der bissigsten Artikel, die wol überhaupt gegen das Patent vom 1. November geschrieben sind, die er jedoch, als er sie später gedruckt zu Gesicht bekam, durch Selbstcensur der Redactionen und dann durch den Rothstift des Censors arg verstümmelt fand."
Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 6. Buch, (6. Kapitel)