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06 Juli 2025

Stefan Zweig: Ungeduld des Herzens

 »Wer da hat, dem wird gegeben«, dieses Wort aus dem Buche der Weisheit darf jeder Schriftsteller getrost in dem Sinne bekräftigen: »Wer viel erzählt hat, dem wird erzählt.« Nichts Irrtümlicheres als die allzu umgängliche Vorstellung, in dem Dichter arbeite ununterbrochen die Phantasie, er erfinde aus einem unerschöpflichen Vorrat pausenlos Begebnisse und Geschichten. In Wahrheit braucht er nur, statt zu erfinden, sich von Gestalten und Geschehnissen finden zu lassen, die ihn, sofern er sich die gesteigerte Fähigkeit des Schauens und Lauschens bewahrt hat, unausgesetzt als ihren Wiedererzähler suchen; wer oftmals Schicksale zu deuten versuchte, dem berichten viele ihr Schicksal.

Auch dieses Begebnis ist mir beinahe zur Gänze in der hier wiedergegebenen Form anvertraut worden und zwar auf völlig unvermutete Art. Das letzte Mal in Wien suchte ich abends, von allerhand Besorgungen abgemüdet, ein vorstädtisches Restaurant auf, von dem ich vermutete, es sei längst aus der Mode geraten und wenig frequentiert. Doch kaum eingetreten, wurde ich meines Irrtums ärgerlich gewahr. Gleich von dem ersten Tisch stand mit allen Zeichen ehrlicher, von mir freilich nicht ebenso stürmisch erwiderter Freude ein Bekannter auf und lud mich ein, bei ihm Platz zu nehmen. Es wäre unwahrhaftig, zu behaupten, daß jener beflissene Herr an sich ein unebener oder unangenehmer Mensch gewesen wäre; er gehörte nur zu jener Sorte zwanghaft geselliger Naturen, die in ebenso emsiger Weise, wie Kinder Briefmarken, Bekanntschaften sammeln und deshalb auf jedes Exemplar ihrer Kollektion in besonderer Weise stolz sind. Für diesen gutmütigen Sonderling – im Nebenberuf ein vielwissender und tüchtiger Archivar – beschränkte sich der ganze Lebenssinn auf die bescheidene Genugtuung, bei jedem Namen, der ab und zu in einer Zeitung zu lesen war, mit eitler Selbstverständlichkeit hinzufügen zu können: »Ein guter Freund von mir« oder »Ach, den habe ich erst gestern getroffen« oder »Mein Freund A hat mir gesagt und mein Freund B hat gemeint«, und so unentwegt das ganze Alphabet entlang. Verläßlich klatschte er bei den Premieren seiner Freunde, telephonierte jede Schauspielerin am nächsten Morgen glückwünschend an, er vergaß keinen Geburtstag, verschwieg unerfreuliche Zeitungsnotizen und schickte einem die lobenden aus herzlicher Anteilnahme zu. Kein unebener Mensch also, weil ehrlich beflissen und schon beglückt, wenn man ihn einmal um eine kleine Gefälligkeit ersuchte oder gar das Raritätenkabinett seiner Bekanntschaften um ein neues Objekt vermehrte. [...]


Wir gingen. Er wandte sich mit einem Mal zu mir zu:

»Glauben Sie mir, ich mache wirklich keine Phrasen, wenn ich sage, daß ich jahrelang unter nichts mehr gelitten habe als unter diesem für meinen Geschmack allzu auffälligen Maria Theresienorden. Das heißt, um ehrlich zu sein – als ich ihn damals im Feld draußen umgehängt kriegte, ging mir's natürlich zunächst durch und durch. Schließlich ist man zum Soldaten auferzogen worden und hat in der Kadettenschule von diesem Orden wie von einer Legende gehört, von diesem einen Orden, der vielleicht nur auf ein Dutzend in jedem Kriege fällt, also tatsächlich so wie ein Stern vom Himmel herunter. Ja, für einen Burschen von achtundzwanzig Jahren bedeutet so etwas schon allerhand. Man steht mit einem Mal vor der ganzen Front, alles staunt auf, wie einem plötzlich etwas an der Brust blitzt wie eine kleine Sonne, und der Kaiser, die unnahbare Majestät, schüttelt einem beglückwünschend die Hand. Aber sehen Sie: diese Auszeichnung hatte doch nur Sinn und Gültigkeit in unserer militärischen Welt, und als der Krieg zu Ende war, schien's mir lächerlich, noch ein ganzes Leben lang als abgestempelter Held herumzugehen, weil man einmal wirklich zwanzig Minuten couragiert gehandelt hat – wahrscheinlich nicht couragierter als zehntausend andere, denen man nur das Glück voraus hatte, bemerkt zu werden, und das vielleicht noch erstaunlichere, lebendig zurückzukommen. Schon nach einem Jahr, wenn überall die Leute hinstarrten auf das kleine Stückchen Metall und den Blick dann ehrfürchtig zu mir heraufklettern ließen, wurde es mir gründlich über, als ambulantes Monument herumzustiefeln, und der Ärger über diese ewige Auffälligkeit war auch einer der entscheidenden Gründe, weshalb ich nach Kriegsende so bald ins Zivil hinübergewechselt habe.«

Er ging etwas heftiger.

»Einer der Gründe, sagte ich, aber der Hauptgrund war ein privater, der Ihnen vielleicht noch verständlicher sein wird. Der Hauptgrund war, daß ich selbst meine Berechtigung und jedenfalls mein Heldentum gründlich anzweifelte; ich wußte doch besser als die fremden Gaffer, daß hinter diesem Orden jemand steckte, der nichts weniger als ein Held und sogar ein entschiedener Nichtheld war – einer von denen, die in den Krieg nur deshalb so wild hineingerannt sind, weil sie sich aus einer verzweifelten Situation retten wollten. Deserteure eher vor der eigenen Verantwortung als Helden ihres Pflichtgefühls. Ich weiß nicht, wie das bei euch ist – mir wenigstens erscheint das Leben mit Nimbus und Heiligenschein unnatürlich und unerträglich, und ich fühlte mich redlich erleichtert, meine Heldenbiographie nicht mehr auf der Uniform spazierenführen zu müssen. Noch jetzt ärgert's mich, wenn jemand meine alte Glorie ausgräbt, und warum soll ich's Ihnen nicht gestehen, daß ich gestern knapp auf dem Sprung war, an Ihren Tisch hinüberzugehen und den Schwätzer anzufahren, er solle mit jemand anderem protzen als gerade mit mir. Den ganzen Abend hat mich Ihr respektvoller Blick noch gewurmt, und am liebsten hätte ich, um diesen Schwätzer zu dementieren, Sie genötigt, anzuhören, auf welchen krummen Wegen ich eigentlich zu meiner ganzen Heldenhaftigkeit gekommen bin – es war schon eine recht sonderbare Geschichte, und immerhin könnte sie dartun, daß Mut oft nichts anderes ist als eine umgedrehte Schwäche. Übrigens – ich hätte kein Bedenken, sie Ihnen noch jetzt kerzengrad zu erzählen. Was ein Vierteljahrhundert in einem Menschen zurückliegt, geht nicht mehr ihn an, sondern längst einen andern. Hätten Sie Zeit? Und langweilt Sie's nicht?«

Selbstverständlich hatte ich Zeit; wir gingen noch lange auf und nieder in den schon verlassenen Straßen und waren noch in den folgenden Tagen ausgiebig zusammen. In seinem Bericht habe ich nur weniges verändert, vielleicht Ulanen gesagt statt Husaren, die Garnisonen, um sie unkenntlich zu machen, ein wenig auf der Landkarte herumgeschoben und vorsorglich alle richtigen Namen wegschraffiert. Aber nirgends habe ich Wesentliches hinzuerfunden, und nicht ich, sondern der Erzähler beginnt jetzt zu erzählen.

 

»Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mit-leiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele. Und das andere, das einzig zählt – das unsentimentale, aber schöpferische Mitleid, das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus.«

Die ganze Sache begann mit einer Ungeschicklichkeit, einer völlig unverschuldeten Tölpelei, einer »gaffe«, wie die Franzosen sagen. Dann kam der Versuch, meine Dummheit wieder einzurenken; aber wenn man allzu hastig ein Rad in einem Uhrwerk reparieren will, verdirbt man meist das ganze Getriebe. Selbst heute, nach Jahren, vermag ich nicht abzugrenzen, wo mein pures Ungeschick endete und meine eigene Schuld begann. Vermutlich werde ich es niemals wissen.

Ich war damals fünfundzwanzig Jahre alt und aktiver Leutnant bei den x...er Ulanen. Daß ich jemals sonderliche Passion oder innere Berufung für den Offiziersstand empfunden hätte, darf ich nicht behaupten. Aber wenn in einer altösterreichischen Beamtenfamilie zwei Mädel und vier immer hungrige Buben um einen schmalgedeckten Tisch sitzen, so fragt man nicht lange nach ihren Neigungen, sondern schiebt sie frühzeitig in den Backofen des Berufs, damit sie den Hausstand nicht allzulange belasten. Meinen Bruder Ulrich, der sich schon in der Volksschule die Augen mit vielem Lernen verdarb, steckte man ins Priesterseminar, mich dirigierte man um meiner festen Knochen willen in die Militärschule: von dort aus spult sich der Lebensfaden mechanisch fort, man braucht ihn nicht weiter zu ölen. Der Staat sorgt für alles. In wenigen Jahren schneidert er kostenlos, nach vorgezeichnetem ärarischem Muster, aus einem halbwüchsigen, blassen Buben einen flaumbärtigen Fähnrich und liefert ihn gebrauchsfertig an die Armee. Eines Tages, zu Kaisers Geburtstag, noch nicht achtzehn Jahre alt, war ich ausgemustert und kurz darauf mir der erste Stern an den Kragen gesprungen; damit war die erste Etappe erreicht, und nun konnte der Turnus des Avancements in gebührenden Pausen mechanisch sich weiterhaspeln bis zu Pensionierung und Gicht. Auch just bei der Kavallerie, dieser leider recht kostspieligen Truppe, zu dienen, war keineswegs mein persönlicher Wunsch gewesen, sondern die Marotte meiner Tante Daisy, die den älteren Bruder meines Vaters in zweiter Ehe geheiratet hatte, als er vom Finanzministerium zu einer einträglicheren Bankpräsidentschaft übergegangen war. Reich und snobistisch zugleich, wollte sie es nicht dulden, daß irgend einer aus der Verwandtschaft, der gleichfalls Hofmiller hieß, die Familie »verschandeln« sollte, indem er bei der Infanterie diente; und da sie sich diese Marotte hundert Kronen Zuschuß im Monat kosten ließ, mußte ich bei allen Gelegenheiten vor ihr noch submissest dankbar tun. Ob es mir selber zusagte, bei der Kavallerie oder überhaupt aktiv zu dienen, darüber hätte nie jemand nachgedacht, ich selber am wenigsten. Saß ich im Sattel, dann war mir wohl, und ich dachte nicht weit über den Pferdehals hinaus.

In jenem November 1913 muß irgend ein Erlaß aus einer Kanzlei in die andere hinübergerutscht sein, denn surr – auf einmal war unsere Eskadron aus Jaroslau in eine andere kleine Garnison an der ungarischen Grenze versetzt worden. Es ist gleichgültig, ob ich das Städtchen beim richtigen Namen nenne oder nicht, denn zwei Uniformknöpfe am selben Rock können einander nicht ähnlicher sein als eine österreichische Provinzgarnison der andern. Da und dort dieselben ärarischen Ubikationen: eine Kaserne, ein Reitplatz, ein Exerzierplatz, ein Offizierskasino, dazu drei Hotels, zwei Kaffeehäuser, eine Konditorei, eine Weinstube, ein schäbiges Variété mit abgetakelten Soubretten, die sich im Nebenamt liebevollst zwischen Offizieren und Einjährigen aufteilen. Überall bedeutet Kommißdienst dieselbe geschäftig leere Monotonie, Stunde für Stunde eingeteilt nach dem stahlstarren, jahrhundertealten Reglement, und auch die Freizeit sieht nicht viel abwechslungsreicher aus. In der Offiziersmesse dieselben Gesichter, dieselben Gespräche, im Kaffeehaus dieselben Kartenpartien und das gleiche Billard. Manchmal wundert man sich, daß es dem lieben Gott beliebt, wenigstens einen anderen Himmel und eine andere Landschaft um die sechs- oder achthundert Dächer eines solchen Städtchens zu stellen.

Einen Vorteil allerdings bot meine neue Garnison gegenüber der früheren galizischen: sie war Schnellzugsstation und lag einerseits nahe bei Wien, andererseits nicht allzuweit von Budapest. Wer Geld hatte – und bei der Kavallerie dienen immer allerhand reiche Burschen, nicht zuletzt auch die Freiwilligen, teils Hochadel, teils Fabrikantensöhne – der konnte, wenn er rechtzeitig abpaschte, mit dem Fünfuhrzug nach Wien fahren und mit dem Nachtzug um halb drei Uhr wieder zurück sein. Zeit genug also, um ins Theater zu gehen, auf der Ringstraße zu bummeln, den Kavalier zu spielen und sich gelegentliche Abenteuer zu suchen; einige der Beneidetsten hielten sich dort sogar eine ständige Wohnung oder ein Absteigequartier. Leider lagen derlei auffrischende Eskapaden jenseits meines Monatsetats. Als Unterhaltung blieb einzig das Kaffeehaus oder die Konditorei, und dort verlegte ich mich, da mir die Kartenpartien meist zu hoch ins Geld gingen, auf das Billard oder spielte das noch billigere Schach.

So saß ich auch diesmal eines Nachmittags, es muß Mitte Mai 1914 gewesen sein, mit einem gelegentlichen Partner, dem Apotheker zum Goldenen Engel, der gleichzeitig Vizebürgermeister unseres Garnisonsstädtchens war, in der Konditorei. Wir hatten unsere üblichen drei Partien längt zu Ende gespielt, und man redete nur aus Trägheit, sich aufzurappeln – wohin denn in diesem langweiligen Nest? – noch so hin und her, aber das Gespräch qualmte schon schläfrig wie eine abgebrannte Zigarette. Da geht mit einem Mal die Tür auf, und ein wehender Glockenrock schwingt mit einem Büschel frischer Luft ein hübsches Mädel herein: braune, mandelförmige Augen, dunkler Teint, famos gekleidet, gar nicht Provinz, und vor allem ein neues Gesicht in diesem gottsjämmerlichen Einerlei. Leider schenkt die smarte Nymphe uns respektvoll Aufstaunenden keinen Blick; scharf und rassig, mit sportlich festem Schritt quert sie an den neun kleinen Marmortischchen des Lokals vorbei geradewegs auf das Verkaufspult zu, um dort gleich en gros ein ganzes Dutzend Kuchen, Torten und Schnäpse zu bestellen. Mir fällt sofort auf, wie devotissime sich der Herr Kuchenbäcker vor ihr verneigt – nie habe ich die Rückennaht seines Schwalbenrocks so straff hinabgespannt gesehen. Sogar seine Frau, die üppig-grobschlächtige Provinzvenus, die sich sonst von allen Offizieren nachlässigst hofieren läßt (oft bleibt man ja bis Monatsende allerhand Kleinigkeiten schuldig), erhebt sich von ihrem Sitz an der Kasse und zergeht beinahe in pflaumenweicher Höflichkeit. Das hübsche Mädel knabbert, während der Kuchenbäcker die Bestellung ins Kundenbuch notiert, achtlos ein paar Pralinés an und macht ein bißchen Konversation mit Frau Großmaier; für uns aber, die wir vielleicht ungebührlich eifrig die Hälse recken, fällt nicht einmal ein Augenblink ab. Natürlich beschwert sich die junge Dame nicht mit einem einzigen Päckchen die hübsche Hand; es wird ihr alles, wie Frau Großmaier submissest versichert, zuverlässig geschickt. Und sie denkt auch nicht im mindesten daran, wie wir gewöhnlichen Sterblichen an der stählernen Automatenkasse bar zu bezahlen. Sofort wissen wir alle: extrafeine, vornehme Kundschaft!

Wie sie sich jetzt nach erledigter Bestellung zum Gehen wendet, springt Herr Großmaier hastig vor, um ihr die Tür zu öffnen. Auch mein Herr Apotheker erhebt sich von seinem Sitze, um sich von der Vorbeischwebenden respektvollst zu empfehlen. Sie dankt mit souveräner Freundlichkeit – Donnerwetter, was für samtene, rehbraune Augen! – und ich kann kaum erwarten, bis sie, überzuckert von vielen Komplimenten, den Laden verlassen hat, um neugierigst meinen Partner nach diesem Hecht im Karpfenteich zu fragen.


Besprechung des Buches in Youtube

12 April 2022

James Joyce

"[...] Da saß meist allein in einer Ecke des Café Odeon ein junger Mann mit einem kleinen braunen Bärtchen, auffallend dicke Brillen vor den scharfen dunklen Augen; man sagte mir, daß es ein sehr begabter englischer Dichter sei. Als ich nach einigen Tagen James Joyce dann kennenlernte, lehnte er schroff jede Zusammengehörigkeit mit England ab. Er sei Ire. Er schreibe zwar in englischer Sprache, aber er denke nicht englisch und wolle nicht englisch denken – „ich möchte“, sagte er mir damals, „eine Sprache, die über den Sprachen steht, eine Sprache, der sie alle dienen. In Englisch kann ich mich nicht ganz ausdrücken, ohne mich damit in eine Tradition einzuschließen.“ Mir war das nicht ganz klar, denn ich wußte nicht, daß er damals schon an seinem „Ulysses“ schrieb; er hatte mir nur sein Buch „Portrait of an artist as a young man“ geliehen, das einzige Exemplar, das er besaß, und sein kleines Drama „Exiles“, das ich damals sogar übersetzen wollte, um ihm zu helfen. Je mehr ich ihn kennenlernte, desto mehr setzte er mich durch seine phantastische Sprachkenntnis in Erstaunen; hinter dieser runden, fest gehämmerten Stirn, die im elektrischen Licht wie Porzellan glatt glänzte, waren alle Vokabeln aller Idiome eingestanzt, und er spielte sie in brillantester Weise durcheinander. Einmal als er mich fragte, wie ich einen schwierigen Satz in „Portrait of an artist“ deutsch wiedergeben würde, versuchten wir die Formung zusammen in Italienisch und Französisch; er hatte für jedes Wort vier oder fünf in jedem Idiom parat, selbst die dialektischen, und wußte ihren Valeur, ihr Gewicht bis in die kleinste Nuance."

(Stefan Zweig: Die Welt von Gestern. Im Herzen Europas)

25 Oktober 2021

Stefan Zweig: Jeremias Gotthelf und Jean Paul

 Angesichts der Neuausgab der Werke von einerseits Gottheld und andererseits Jean Paul reflektiert Zweig:

Und nun, da sie uns, die beiden Vergessenen, wiedergegeben sind, sei die Frage versucht, erstlich warum sie einmal so lange und so tief verloren und vergessen gehen konnten, und zum zweiten, ob sie und wieviel sie nach unserem gegenwärtigen Gefühl noch bedeuten. [...] 

Die erste Frage, warum die beiden so lang und so tief vergessen waren, läßt sich gemeinsam beantworten: sie waren beide zu umständlich, zu breit, zu abschweiferisch für das Jahrhundert geworden. Sie schrieben im Postkutschentempo und spannen die Erzählung wie einen Spinnrocken, und das vertrug die Epoche der Eisenbahnen und mechanischen Webstühle nicht mehr. Sie hatten Zeit in ihrem Abseits, in ihrem kleinen Dörfchen, der Pfarrer Bitzius und der emsige Skribent Jean Paul Richter, sie setzten sich jeden Morgen, wenn die Hähne krähten, vor ihren Tisch und schrieben Bogen um Bogen voll, und die Menschen, die ihnen zuhörten, waren kleine Leute, die Zeit hatten: sentimentale Mädchen bei Jean Paul und Geistliche und Bauern bei Jeremias Gotthelf, die abends beim Kienlicht diese Erzählungen langsam und geduldig lasen, wie den Bauernkalender und die Postille. Dann aber begann die Zeit rascher zu kreisen, die Menschen Bedürfnisse zu haben nach stärkeren Spannungen, drastischeren Geschehnissen. Den Weltmenschen vergnügungssüchtigeren Sinnes waren die engen Milieus, die moralischen Erörterungen des Pfarrers und Dorfträumers nicht mehr genug, und so verstaubten allmählich die einst so zerlesenen Bände in den Schränken der alten Leute, und die junge Generation schlug sie nicht mehr auf. [...]

da die beiden Werke so ziemlich vollzählig vorliegen, kann man die zweite Frage wagen, was von diesen beiden Werken, von diesen beiden sonderbaren und großen Dichtern unsere Welt denn noch wirklich zu werten vermag.

Hier aber gabelt sich (wenigstens bei mir) die Empfindung, und man kann diese beiden Dichter gleichen Schicksals nicht mehr einhellig, sondern eher im Gegensatz behandeln. Ich gestehe offen, und gegen viele laute (und vielleicht nicht immer ehrliche) Bewunderung, daß ich von Jean Paul kaum mehr als je drei oder vier Seiten hintereinander zu lesen vermag, so restlos ich sonst seine ganz einzige Sprachvielfältigkeit, seinen krausen Einfall und seine sinnreiche Behendigkeit bewundere. [...] Das gewaltsam Schrullige, das unablässig Hyperbolische, das Spielerische und Verspielte seiner krausen, beständig irrlichternden und nie klar bildenden Phantasie verdirbt mir die Fähigkeit der Einfügung, ja sogar die Fähigkeit des bloßen zu Ende-Lesens [...] Ein paar einzelne Seiten bedeuten mir jedesmal unerhörten Genuß, führen mich gleichsam in eine neue Welt der Sprache, in eine heitere Sphäre der Betrachtung, wo sich die Welt aus Chaos oder Geschäften in ein behaglich katzenhaftes, schnurrendes Spiel verwandelt, ich genieße mit innigster Freude die naive ebenso wie die wissende Romantik mancher Szenen und den skurrilen Humor der ›Badereise‹ – aber doch, diese kleinen Stimmungen, so sehr sie befeuern, ermüden, wenn man sie zu einer regelrechten Lektüre dehnen will [...] Ich bin immer umgekehrt vor dem Ende, niemals enttäuscht und immer wieder zufrieden, einen kleinen Spaziergang im Ziergarten Jean Pauls zu tun, aber im ganzen finde ich ihn doch nicht als Welt von unserer Welt, mein Gefühl weicht ab von seinen weiblichen Sentimenten, und ich verstehe, daß diese überschwengliche Seele trotz ihrer Fülle niemals mehr die unsere in Schwung versetzen kann. [...]

Ganz anders dagegen, urmächtig und gewaltig, eine unbekannte riesenhafte Kraft, erhebt sich Gotthelf vor uns, ein mächtiges Schweizer Gebirge, das nun, da die Nebel von ihm gesunken sind, die anmutige und bezaubernde Höhe Gottfried Kellers in vielem überragt. Gotthelf hat den Genius des unbestechlichen Blickes. Er sieht klar in Menschen und Dinge hinein, mit mehr durchdringendem als sentimentalischem Auge. Er hat eine ungeheuere Kenntnis des Lebens, sowohl der Natur als des menschlichen Betriebes und seiner geheimsten Innenwelt der Seele. Er hat die Gabe der Plastik, das saftige sinnliche Wort, das nicht Unzucht mit der Literatur getrieben hat, sondern gesund genährt vom schweizerischen Volksklang, strotzend und saftig aufgewachsen ist. Er hat alle Vorzüge eines großen epischen Erzählers und dazu noch die sittliche Reinheit eines entschiedenen Charakters, der mit seinem Werke nicht nur Zeitungsblätter füllen, sondern eine Jugend bessern, eine Zeit aus ihrer moralischen Verworrenheit herausheben wollte. [...]  Nur scheinbar fehlt es seinen Romanen an Weltweite, wenn sie auch von den großen Schweizer Bergen umgrenzt sind, aber in diesen engen Tälern ist ein unendlicher Reichtum, eine unsagbare Vielfältigkeit von Charakteren und Begebenheiten, eine kulturhistorische unvergleichliche Fülle von Details des bäuerlichen und bürgerlichen Lebens, die sie schon rein dokumentarisch für alle Zeiten unentbehrlich macht. Auch er, Gotthelf, läßt sich ebenso wie Jean Paul nicht in einem Zuge durchlesen, auch er müdet stellenweise durch Breite, durch Predigereinschuß und politische Diskussionen, auch von ihm muß ich bekennen, nicht gleich auf einen Hieb alle seine Romane gelesen zu haben, aber den vieren oder fünfen danke ich seltensten Genuß und den Eindruck mächtigster Persönlichkeit. Kaum an irgendeinem deutschen Gestalter (außer Stifter) hat die immer zu sehr nach Norddeutschland orientierte Literaturgeschichte der letzten Jahrzehnte so sehr Unrecht getan, als an dem Pfarrer von Lützelflüh [...]"


Zweigs Charakteristik des Leseerlebnisses von Jean Paul kann ich sehr gut nachvollziehen, auch wenn oder gerade weil ich einige seiner Romane durchgelesen habe. Gotthelf habe ich wohl zu früh zu lesen versucht. Bei ihm kann ich Zweigs Urteil nicht folgen. "auch er müdet", da stimme ich zu - natürlich mit Ausnahme der Schwarzen Spinne, nachdem sie einmal Fahrt aufgenommen hat -, aber den 'unendliche[n] Reichtum, [s]eine unsagbare Vielfältigkeit von Charakteren und Begebenheiten', die wollte ich und will ich selbst jetzt noch nicht wirklich kennen lernen. Ob sich das aufgrund dieser Rezension noch ändert??

Stefan Zweig: Das Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens

 "Als erste einer Reihe von ›Quellenschriften zur seelischen Entwicklung‹ [...] das unverstellte Originaltagebuch eines halbwüchsigen Mädchens von seinem elften bis zum vierzehnten Jahre. Das Seltsame in diesem Buche, das Bedeutsame im psychologischen und pädagogischen Sinne ist nun, daß dieses Tagebuch keineswegs das eines Wunderkindes ist, einer zukünftigen Maria Bashkirtseff, sondern im Gegenteil das eines ganz normalen, gar nicht sonderlich begabten, gar nicht sonderlich sensitiven und gar nicht sonderlich erlebnisreichen Kindes aus der sogenannten guten Wiener Gesellschaft. Nur eben eines jener unzähligen, oft belächelten und verspotteten Tagebücher, wie sie fast jedes Mädchen unfehlbar irgendeinmal in den Schuljahren beginnt. Aber schon die Regelmäßigkeit dieser Erscheinung mag Erkenntnis sein für die Bedeutsamkeit dieses Augenblicks, für das fast Gesetzmäßige, daß Kinder und besonders Mädchen gerade in jenen Entwicklungsjahren aus einem zwingenden Gefühl beginnen, sich täglich schriftliche Rechenschaft von sich  [...]

Unbedeutsam im gewöhnlichen Sinne mag darum auch dieses Tagebuch dem Unbedeutenden gelten, denn es ist weder stilistisch schön geschrieben, noch geistig sonderlich hochwertig, eben nur ein Dutzendtagebuch irgendeines Halbkindes. Aber eben das typische Kleinmädchengeschwätz darin, die ahnungslose Aufrichtigkeit (die dem Dichter ja fehlt), daß jemals ein fremder Blick in diese Blätter eindringe, geschweige denn, daß sie jemals in Buchform vervielfältigt werden könnten, macht seine Lektüre so anregend für alle jene, denen das bloße Verstehen von seelischen Dingen selbst schon eine Art geistiger Lust geworden ist. Es ist voll von zufälligem Geschwätz über Konditoreien, Ausflüge, Kameradinnen, Eifersüchteleien, Schuldummheiten, Familienepisoden, aber eben dadurch ist auch den wesentlichen Dingen der richtige Rang im Seelenleben ausgewertet. Denn der Dichter, die sonst einzige Quelle, der eine Kindheit schildert, die eigene oder eine fremde, in Selbstbiographie oder im Roman, verstellt aus dem innersten Gesetz der Kunst bewußt-unbewußt das Gleichgewicht. Er gibt bloß Abbreviaturen, Verkürzungen des kindlichen Seelenlebens, weil er nur das aufzeichnet, was die Erinnerung nach Jahren noch als wesentlich bewahrt hat, nicht aber das Gleichzeitig-Banale, dem das Besondere entwächst. Er zeigt nur die Meilensteine, statt des ganzen Weges, er schafft Auslese, betont nur das Wissende im Kind, die frühe Weisheit, während hier im Tagebuch noch die ganze breite Folie der Torheit und ahnungslosen Dummheit sich in den Aufzeichnungen naturhaft aufstuft. [...]

Das Erlebnis dieser Jahre, das Wesentliche dieses Buches ist selbstverständlich das Nicht-mehr-Kind-sein-Wollen. Der Wille, als voll gewertet zu werden, um alle Geheimnisse zu wissen, die alle Erwachsenen so krampfhaft vor ihm verbergen. Mit Zorn und Erbitterung notiert die Elfjährige immer, wenn Vater, Mutter oder Schwester sie eine »Kleine« oder »Kind« nennen. Mit Ungeduld will sie schon hinauf in die andere Welt, will sie die verschlossenen Türen zerbrechen, hinter denen sie manchmal unverständliche Worte hört und hinter denen für ihr Empfinden das »eigentliche«, das wirkliche Leben liegt. Jedes dieser aufgelauschten Worte hinter den verschlossenen Türen des großen Geheimnisses wird zum Ereignis, zum Geschehnis, denn ahnend spürt das noch ahnungslose Kind, daß diese abgelösten Worte gleichsam Chiffren sind, mit denen man, wenn einmal die Buchstaben ihres Sinnes auseinandergenommen sind, das ganze Zauberbuch im Fluge durchlesen könne. Wie auf der Wiese hinter Schmetterlingen ist darum dies gespannte Kindwesen mit seinen Freundinnen hinter jedem solchen aufgeflatterten Wort her. Irgendjemand hat »Verhältnis« gesagt und gelächelt dabei – was bedeutet das? Von der Kusine erzählen sie, daß sie »bleichsüchtig« sei, von einem Onkel, er sei »nicht normal«. Mit der Spürkraft aufgereizten Empfindens wittert sie einen besonderen Sinn hinter dem Gewöhnlichen. Und alle die unendlich typischen Schleichwege des Kindes auf dieser Jagd tun sich auf in diesem Tagebuch: Das Tuscheln mit den Freundinnen, das Geschwätz mit den Dienstboten, der heimliche Blick in das Konversationslexikon, bis sich allmählich nach vielen vergeblichen Irrungen – die im einzelnen dem Erwachsenen und besonders dem, der seine eigene Jugend vergessen hat, ein mitleidiges Lächeln entlocken mögen – die richtige Spur findet. Hier, wie vielleicht in jedem aufrichtigen Tagebuche eines Halbwüchsigen ist natürlich der Brennpunkt des Interesses die Sexualität.

Die Sexualität, nicht die Erotik. Denn hier kommt die Neugier noch aus dem Intellektuellen, aus dem wachen Gehirn eines noch unentwickelten Körpers, und die Unruhe quillt aus dem Verstand, nicht aus den noch dumpfen Zonen körperlichen Gefühls. Nirgends reagiert hier wirkliche Befriedigung auf Erkenntnis, im Gegenteil: der erste zufällige Einblick wird für das scheue Kind zum seelischen Schock. Mit Ekel, mit Abscheu, Furcht und Angst antwortet ihr noch unreifes Gefühl auf alle Ahnungen des Körperlichen. Statt sie an das feurige Geheimnis näher hinzudrängen, schreckt sie die Mechanik des Liebesaktes vorläufig zurück. [...]

Denn wer vermag zu sagen, ob diese Unruhe, diese brennende Neugier nicht etwas unendliches Kostbares und Schöpferisches in jedem Kinde ist, ob nicht bei einzelnen gerade aus ihr die Möglichkeit entwächst, sich das Mystische des Lebensgefühles über die Kindheit hinaus zu bewahren. Ob vielleicht nicht Menschen, die in ihrer Kindheit die ganze Not dieser Unsicherheit, die Spannung des Geschlechtes so stark empfunden haben, sich auch dann später im Erotischen reiner den heiligen Schauer des kosmischen Gefühls und anderseits die starke Reizsamkeit leidenschaftlicher bewahren. Es ist vielleicht nicht gut, zu verbessern, wo man nicht weiß, was im einzelnen ungestaltete Möglichkeit zum Guten oder zum Bösen ist, und das Schicksal, das wunderbar eigenwillige, das mit Kindern wie mit Menschen nach seinem Sinn spielt, bevormunden zu wollen. Aber es ist immer gut, Menschliches zu verstehen, und zu diesem Verständnis der Kinderseele scheint mir dieses Buch eines der kostbarsten, das je die Wissenschaft Hand in Hand mit dem Zufall dargeboten, und das nicht durch Kunst, sondern einzig dank jener mystischen Schöpfungskraft der Jugend, die immer dichterischer wirkt als die besten Nachdichtungen von Kindheit."

Text des Tagebuchs: Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens, 3. Auflage 1922  Die 1. Auflage war 1919 anonym erschienen;  bei der 3. Aufl. zeichnete Hermine Hug-Hellmuth als Herausgeberin.

Textausschnitte:

Die Verfasserin hat ihr Tagebuch am 12.7. begonnen und dann am 30.7. ihren 11. Geburtstag gefeiert.

1. Jahr: "10. März: Heute hat sich die Franke herausreden wollen; aber die Hella und ich haben ihr gleich gesagt, wir reden nicht mehr mit ihr. Und sie soll nur dran denken, was für Sachen sie uns gesagt hat. Und da hat sie alles abgeleugnet und gesagt, wir haben ohnehin schon alles gewußt. Wir sollen uns nur nicht so verstellen. Das ist eine Gemeinheit. Wir haben eigentlich gar nichts gewußt und sie hat uns alles gesagt. Und schon oft hat die Hella zu mir gesagt, sie wollte, daß wir garnichts wüßten. weil sie immer Angst hat, sich zu verraten. Und dann weil sie oft an so etwas denkt, wenn sie lernen soll. Das ist bei mir gerade ebenso. Und manchmal träumen einem auch solche Sachen, wenn man gerade Nachmittag davon geredet hat. Aber es ist doch besser, wenn man alles weiß.

22. März: Ich komme so selten zum Schreiben, erstens haben wir sehr viel zu lernen und zweitens freut es mich nicht mehr, seit der Papa das gesagt hat. Wie ich das letztemal geschrieben habe, das war an einem Samstag nachmittags, da kommt der Papa herein und sagt: Kommt Kinder, wir fahren nach Schönbrunn. Das ist Euch gesünder als Tagebuchkritzeln, das Ihr dann höchstens irgendwo liegen laßt. Also hat die Maraa es doch dem Papa gesagt in den Ferien. Das hätte ich nie geglaubt von der Mama, denn ich hatte sie gebeten, sie soll mir schwören, daß sie's niemanden sagt. Und sie hat gesagt: Bei so etwas schwört man nicht; aber ich sage es auch so niemanden. Und jetzt muß sie es doch gesagt haben, obwohl sie es mir versprochen hatte, nichts zu sagen. Da ist ja die Falschheit von der Franke nichts dagegen, denn die kennen wir doch erst seit heuer, aber daß die Mama das tut, das hätte ich nie geglaubt. Ich habe es der Hella erzählt, wie wir aufs Tivoli jausnen gingen und sie sagte, sie würde auch ihrer Mama nicht ganz trauen, eher noch dem Papa. Aber der hätte ihr, wenn ihr das passiert wäre, das Tagebuch um die Ohren gebaut. Ich habe mir nichts anmerken lassen, aber am Abend habe ich der Mama nur ein ganz kleines Busserl gegeben. Und sie hat gesagt: Was hast du denn, mein Kleines, ist dir etwas passiert? Und da habe ich mich nicht halten können und habe gräßlich geweint und gesagt: Du hast mich schmählich verraten. Und die Mama hat gesagt: ,,Ich?" Ja, du; du hast dem Papa das vom Tagebuch gesagt, obwohl du mir versprochen hast, nichts zu sagen. Zuerst erinnerte sich die Mama nicht einmal daran; aber dann erinnerte sie sich gleich und sagte: ,,Aber, Kindchen, der Papa darf doch alles wissen. Du hast doch nur nicht wollen, daß die Dora etwas erfährt". Das ist wohl wahr, das wäre schon gar schön gewesen; aber der Papa hätte es auch nicht wissen brauchen. Und die Mama war furchtbar lieb und nett und ich ging erst um 10 Uhr ins Bett. Aber sagen werde ich ihr doch auf keinen Fall mehr etwas und das ganze Tagebuch freut mich nicht mehr. Die Hella sagt: Das ist eine Dummheit; deswegen soll ich nur weiterschreiben; aber ein andermal soll ich nichts verlieren, und dann soll ich nicht gleich immer alles der Mama und dem Papa klatschen. Sie sagt ihrer Mama gar nichts mehr, seit damals im Sommer, wo ihr ihre Mama eine Ohrfeige gegeben hat, weil ihr das fremde Mädchen alles gesagt hat. Es ist wahr, die Hella hat recht, ich bin sehr kindisch, daß ich mit allem gleich zur Mama renne und ihr alles erzähle." [...]

29. März: Heute ist der Dora und mir etwas Gräßliches passiert. Ich kann es gar nicht niederschreiben. Sie war sehr nett und sagte: Vor zwei Jahren ist ihr in der Stadtbahn dasselbe passiert, wie sie mit der Mama einmal, es war am 15. Februar, das merkt sie sich ewig, zur Frau v. Martini nach Hietzing gefahren ist. Außer ihr und der Mama war nur noch ein Herr im Waggon, die Mama fährt nämlich immer II. Kl. Sie sitzen nebeneinander und der Herr steht im zweiten Teil, so daß Mama nicht hinsehen konnte. Und wie die Dora hinschaut, macht er den Mantel auf und - - -! also dasselbe wie heute der Herr unter dem Haustor. Und wie sie aussteigen, bleibt die Boa der Dora in der Tür stecken und sie dreht sich noch einmal um, obwohl sie gar nicht wollte, und da sieht sie wieder - - -1 Sie hat damals einen ganzen Monat nicht schlafen können. An das kann ich mich sehr gut erinnern, aber nur wußte ich nicht warum. Sie hat es auch nie jemanden gesagt, außer der Erika und der war das auch schon passiert. Die Dora sagt, das passiert beinahe jedem Mädchen wenigstens einmal; 61 und solche Männer sind „nicht normal". Ich weiß nicht recht, was das heißt, aber fragen wollt ich doch lieber nicht. Vielleicht weiß es die Hella. Ich habe natürlich nicht genau hingeschaut, aber die Dora hat sich geschüttelt und hat gesagt: Und das muß man ertragen. Und dann sagte sie zu mir im Gespräch, daß die Mama davon krank ist und weil sie fünf Kinder gehabt hat. Da war ich sehr dumm und fragte: ,,Ja, wieso davon?" Davon kriegt man doch nicht die Kinder? ,,Natürlich", sagte sie „Ich habe geglaubt, du weißt das schon. Damals wie der Skandal mit der Mali war wegen des Gürtels, meinte ich, da hättet Ihr, du und die Hella alles erfahren." Und jetzt war ich wieder sehr dumm, d. h. schon blöd; statt zu sagen, was ich wirklich weiß, sagte ich: ,,Jawohl, ich weiß alles nur das nicht." Da lachte sie sehr und sagte: ,,Na, da ist es mit Euren Kenntnissen nicht weit her". Und sie machte endlich ein paar Andeutungen. Wenn das wirklich so ist, dann hat die Dora recht, wenn sie sagt, es ist besser, man heiratet nicht. Verlieben kann und muß man sich, aber man löst die Verlobung einfach wieder auf. Ja, das ist ein Ausweg, da kann niemand sagen, die hat keinen Mann bekommen. Wir sind so oft vor dem Lyzeum auf- und abgegangen, daß· wir beinahe zu spät kamen, gerade erst beim Läuten. Beim Nachhausegehen erzählte ich der Hella die Gemeinheit von diesem Manne. Sie weiß auch nicht, was das in dieser Hinsicht eigentlich bedeutet: ,,Nicht normal". Wir nehmen es aber jetzt als Zeichen für etwas Greuliches. Da versteht uns niemand. Und dann erzählt mir die Hella von einem Betrunkenen, der in Nagy K . . . . so durch die Straßen des Ortes ging und vom Gendarmen eingeführt wurde. Sie sagt auch einen solchen Anblick vergißt man nie, nie mehr. Vielleicht war der heute früh auch betrunken, aber eigentlich sah er nicht so aus. Und wenn er das nicht getan hätte, hätte man ihn überhaupt für einen feinen Herren gehalten. Die Hella weiß das auch, daß man davon die Kinder bekommt. Sie hat mir alles erklärt, und jetzt kann ich wohl begreifen, daß man davon krank werden muß. Gestern war es schon nach 11 Uhr abends und so schreibe ich das alles erst heute zu Ende. Die Hella sagt: Das ist die Erbsünde und das haben auch Adam und Eva begangen, diese Sünde. Ich habe bisher immer geglaubt, die Erbsünde ist etwas ganz anderes. Aber das - das. Ich bin seit gestern furchtbar aufgeregt, ich sehe das immer vor mir; eigentlich hab ich gar nicht hingeschaut, aber ich muß es doch gesehen haben. 

30. März: Ich weiß nicht, wieso, heute in der Geschichtsstunde fiel mir wieder alles das ein und was die Dora vom Papa gesagt hat. Aber ich kann mir das gar nicht vorstellen. \Vegen des Papas ist es mir eigentlich unangenehm, daß ich das ·weiß. Vielleicht ist doch nicht alles so, wie die Dora und die Hella sagen. Im allgemeinen kann ich mich zwar auf die Hella verlassen, aber sie kann sich ja auch einmal irren. 

1. April: Heute hat mir die Dora viel erzählt. Sie ist jetzt ganz anders zu mir als früher. Man sagt nicht P ..... , sondern M ...... . P . . . . . sagen bloß die ordinären Leute oder man kann auch sagen, man ist entwickelt. Also die Dora· hat die M ....... schon seit vorigem Jahre im August und es ist greulich unangenehm, weil jeder Herr es einem anmerkt. Deshalb haben wir im Lyzeum auch nur 3 Herren als Professoren und sonst lauter Doktorinnen und Fräulein. Jetzt hat die Dora die M . . . . . . . manchmal gar nicht, dann wieder sehr stark und das ist eben die Bleichsucht. Wenn alle Herren das wissen, dann ist das furchtbar interessant. 4. April: Wir reden jetzt von solchen Dingen, die Dora weiß entschieden mehr als ich, d. h. nicht mehr, aber viel genauer. Aber ganz aufrichtig ist sie doch nicht. Wie ich sie frage, von wem sie das alles weiß, ob von der Erika, oder der Frieda, sagt sie „Aber keine Idee; das reimt sich doch jedes selbst zusammen; man braucht nur die Augen aufmachen und die Ohren. Und ein bissel Verstand hat man doch auch". Also mit dem Schauen und Horchen ist wirklich nichts erreicht. Denn geschaut habe ich wirklich immer und gar so ohne Verstand bin ich doch auch nicht. Jemand muß es einem schon sagen, von selber kann man nicht draufkommen.  [...]

9. April: Heute ist der Hochzeitstag von Papa und Mama. Jetzt verstehe ich erst, was das eigentlich heißt. Die Dora sagt, daß es unmöglich wahr sein kann, daß das der schönste Tag ist, wie alle, besonders die Dichter immer behaupten. Sie meint, man muß sich doch gräßlich genieren, weil doch alle Leute wissen . . . Das ist richtig und man braucht ja auch schließlich niemanden sagen, wann man seinen Hochzeitstag hat. Die Dora sagt, sie würde ihren Kindern nie sagen, wann ihr Hochzeitstag ist. Das wäre aber doch schade, wenn alle Eltern das so hielten, weil dann in jeder Familie um ein Fest weniger wäre. Und je mehr Feste, desto lustiger ist es.

(73-78pdf 86-90 st  61-90 Orig.)

4. Oktober [...] Der Papa ist wütend und die Mama hat ganz verweinte Augen. Zu Mittag redet · kein Mensch ein Wort. Wenn ich nur wüßte, was er getan hat. Der Papa hat gestern furchtbar geschrieen mit ihm und da haben wir, die Dora und ich gehört, wie er gesagt hat: So ein Lausbub hat es notwendig (Jetzt haben wir etwas nicht verstanden) und dann hat er gesagt, du schau in deine Schulbücheln und nicht auf die Mädeln und die verheirateten Frauen, du Lausbub du. Und die Dora sagt: Ah jetzt versteh ich und ich sag: Ich bitt dich, sag mir was denn, es ist doch mein Bruder so gut wie deiner. Aber sie sagt: ,,Das verstehst du nicht, das paßt nicht für so junge Ohren." Das ist eine Gemeinheit, für ihre Ohren aber paßt es und sie ist doch nur um nicht einmal ganz drei Jahre älter als ich. Aber weil sie das blaue Kleid halblang bekommen hat, bildet sie sich so viel ein und glaubt, Sie ist eine Dame. So schauen sie aus, die Damen und dann nascht sie Kompott, daß sie den Mund ganz voll hat und gar nicht reden kann. Wenn ich so etwas merke, rede ich immer auf sie, daß sie antworten muß. Das ärgert sie furchtbar. 

9. Oktober: Jetzt weiß ich alles!!! Also daher kommen die kleinen Kinder. Und das hat am Ende der Robert damals gemeint. Nein, das tue ich nie, ich heirate einfach nicht. Denn dann muß man es tun; es tut furchtbar weh und doch muß man. Wie gut, daß ich es schon weiß. Aber ich möcht nur wissen wie, die Hella sagt, das weiß sie auch nicht genau. Aber vielleicht sagt es ihr ihre Kousine, die weiß nämlich wirklich alles. Und neun Monate dauert es, bis man das Kind kriegt und dabei sterben sehr viele Frauen. 0, das ist gräßlich. Die Hella weiß es schon lang, aber sie hat sich nicht getraut, mir was zu sagen. Ihr hats heuer am Lande ein Mädel gesagt. Und sie hat es der Lizzi, ihrer Schwester sagen wollen, eigentlich sie hat sie nur fragen wollen, ob das alles wahr ist und die Lizzi rennt zu ihrer Mama und sagt ihr, was die Hella gesagt hat. Und ihre Mama sagt: ,,Das ist schrecklich mit die Kinder, so eine verdorbene Generation, daß du dich nicht unterstehst, einem anderen Kinde das zu sagen, vielleicht zu der Grete Lainer" und gibt ihr ein paar Ohrfeigen. Als ob sie was dafür könnte! [...] Jetzt habe ich geglaubt, ich weiß schon. alles und jetzt hat mir die Hella erst wirklich alles gesagt. Das ist gräßlich mit der P . . . . . . Ich kanns gar nicht weiter schreiben. Sie sagt, natürlich hats die lnspee schon, schon damals, wie ich geschrieben habe, die lnspee braucht nicht baden gehn, wenn sie nicht will; da hat sie es bekommen. Und wie das nur sein muß, da muß man doch immer Angst haben. Ströme von Blut sagt die Hella. Aber da wird ja alles ganz bl ..... . Und darum hat die lnspee immer das Licht abgedreht am Land, wenn sie noch gar nicht ausgezogen war, damit ich nichts sehe. Pfui Teufel, ich hätte auf keinen Fall hingeschaut. Mit 14 Jahre bekommt man es und es dauert bis 20 Jahre. Die Hella sagt, die Franke Berta in unserer Klasse weiß alles. Sie hat ihr in der Rechenstunde auf den Faulenzer geschrieben: weißt du was P . . . . . . bedeutet? Und die Hella hat darunter geschrieben, natürlich schon längst. Und dann hat die Franke um 12 Uhr auf sie gewartet, wie die Katholischen Religionsstunde gehabt haben und sie sind damals mit einander nachhause gegangen. Ich erinnere mich noch ganz gut, ich habe mich sehr geärgert, weil das keine Freundschaft ist. Am Dienstag gehen wir mit der Franke, die Hella hat ihr schon geschrieben unter der Stunde, daß ich a 11 es weiß und sie braucht sich nicht schenieren. Die lnspee ahnt etwas, sie schaut immer herüber und lacht höhnisch, sie glaubt wahrscheinlich, nur sie kann es wissen. [...]

2. Jahr: 

1. Juni: Gott, was wir heute erlebt haben! Das ist gräßlich; es ist also doch wahr, daß man sich ganz auszieht wenn man jemanden rasend gern hat. Ich habe es nie recht geglaubt, und die Dora offenbar auch nicht, obwohl die Mad ... es ja angedeutet hat; aber es ist wahr. \Y/ir haben uns mit eigenen Augen überzeugt. Ich sitze gerade und lese den Schimmelreiter von Storm und die Dora richtet sich Briefpapier her für Franzensbad, da kommt die Resi und sagt: Fräulein Dora, bitte auf einen Moment, etwas anschauen! An dem Ton merke ich gleich, daß etwas los ist und renne mit. Zuerst will die Resi nicht sagen, was es ist, aber die Dora ist großmüthig und sagt: ,,Das macht nichts, vor meiner Schwester können sie a 11 es sagen." Und da gingen wir ins Zimmer der Resi und schauten hinter dem Vorhang hinüber ins Mezzanin. Dort wohnt nämlich ein junges Ehepaar!!! Das heißt, die Resi sagt, die Leute sagen, sie sind gar nicht verheiratet, sie leben bloß mitsammen ! ! ! ! Also was wir sahen, war gräßlich. Sie war wirklich ganz ausgezogen und lag im Bett nicht einmal zugedeckt, und er kniete vor ihr auch ganz n . . . . und er küßte sie am ganzen Körper ab, überall!!! Die Dora sagte nachher, deswegen ist ihr übel geworden. Und dann stand er auf und - nein, das kann ich nicht schreiben, das ist zu gräßlich, das vergeß ich in meinem Leben nicht. Also so ist das, das ist einfach furchtbar. Das hätte ich nie geglaubt. Die Dora ist ganz schneeweiß geworden und hat gezittert, daß die Resi schreckliche Angst bekam. Und ich habe vor Entsetzen beinahe geweint und doch habe ich auch lachen müssen. Ich habe mich wirklich gefürchtet, daß sie ersticken muß, weil er so groß und sie so klein war. Und die Resi sagte dann, er ist entschieden zu groß für sie, er zerreißt sie beinahe. Also zerreißen wohl nicht, aber erdrücken hätte er sie wirklich können. [...]" (S.105 st)

3. Jahr: 

20. August: Also heute Nacht ist die Ada richtig a u f g e s t an d e n, davon hätten wir wahrscheinlich gar nichts gemerkt, aber sie hat den Monolog der Jungfrau von Orleans deklamiert und da sagt die Dora, die ihn sofort erkannte : ,,R i t a, ich bitte dich, jetzt ist die Ada richtig m o n d s ü c h t i g geworden." Wir rührten uns gar nicht und sie ging ins Speisezimmer, aber dort war zugesperrt und der Schlüssel abgezogen, weil es direkt auf den Gang geht und dann stieß sie an den Streckfauteuil der Mama und da wachte sie auf. Es war gräßlich. Und dann irrte sie sich und ging in unser Zimmer anstatt ins Kabinett, aber sie war schon wach und bat uns vielmals um Entschuldigung und sagte, sie hätte das Kl. . . . gesucht. Dann ging sie in ihr Kabinett. Die Dora sagte, wir dürfen nichts dergleichen tun, denn offenbar geniert sich die Ada sehr. Aber keine Idee, nach dem Frühstück sagte sie : Heute nacht habe ich Euch gräßlich erschreckt ; seid nicht böse, ich muß manchmal aufstehn in der Nacht, es leidet mich nicht im Bett. Die Mutter sagt immer, ich deklamiere dabei, ist das wahr? Habe ich etwas geredet? ,,Ja, sag ich, du hast den Monolog der J. v. 0. deklamiert." ,,Wirklich," sagt sie, ,,ja das kommt daher, weil sie mich nicht zum Theater gehen lassen; ich werde jedenfalls irrsinnig werden; Ihr wißt dann wenigstens den wahren Grund." Dieses Nachtwandeln ist ja sehr interessant, aber mir gruselt's doch ein bißchen vor der Ada und das ist auch wahr, was die-Dora immer gesagt hat: Man weiß nie, wo die Ada eigentlich hinschaut. Wenn sie wirklich einmal irrsinnig würde, das wäre entsetzlich. Übrigens fällt mir gerade ein, daß ihre Mama doch schon einmal in einer Irrenanstalt war. Wenn sie nur nicht am Ende bei uns irrsinnig wird. 

21. August: Die Mama hat es auch gehört gestern Nacht. Sie ist froh, daß sie es uns schon vorher gesagt hat und die Dora sagt, wenn sie es nicht vorher gewußt hätte, hätte sie wahrscheinlich einen Herzkrampf bekommen. Und der Papa sagte: ,,Die Ada ist durch und durch histerisch, das hat sie von ihrer Mutter." Die Lizzi fährt heuer im Herbst nach England und bleibt ein ganzes Jahr dort zur Ausbildung. So gern ich die Ada habe und so leid sie mir tut, ist sie mir doch jetzt unheimlich und ich bin eigentlich froh, daß sie am Dienstag schon wieder fortfährt. Heute sagte sie mir etwas Schreckliches : Der Alexander, das ist nämlich der Schauspieler, ist g es c h 1 e c h ts krank, weil er früher Offizier war; sie sagt, alle Offiziere sind geschlechtskrank, das ist selbstverständlich. Erst wollte ich mich nicht verraten, daß ich nicht sehr genau weiß, was einem da eigentlich fehlt, aber dann fragte ich doch und da sagte die Ada, eben das fehle einem, dieser Körperteil wird entweder immer kleiner und kleiner und ganz zerfressen, oder umgekehrt immer größer, weil er schrecklich angeschwollen ist; die letztere Art ist noch die bessere, weil dann eine Operation nützt; ein pensionierter Oberst, der in H. ein Haus hat, ließ sich daran in Wien operieren; aber er ist trotzdem nicht gesund geworden. Es gibt nur eine Rettung, nämlich daß ein junges Mädchen sich einem geschlechtskranken Mann' hingibt !(so sagte auch manchmal die Mad.), dann bekommt sie die Krankheit und er wird gesund.* Und daran hat die Ada erkannt, daß sie den A . . . nicht wirklich liebt, sondern nur, weil er sie ausbilden würde; denn das täte sie nie und sie wüßte auch nicht, wie sie ihm das sagen sollte, selbst wenn sie wollte. Gewöhnlich verlangt es übrigens der betreffende Herr. Und wie ich sage: ,,Denk' dir .nur, was tätest du dann, wenn du davon ein Kind bekämest, da sagt sie: "Keine Idee, wenn einer geschlechtskrank ist, ist es ausgeschlossen, dass man ein Kind bekommt. Und dann musst du wissen, dass erst ein Kind an die volle Weihe zur Künstlerin gibt. "Also etwas ähnliches hat uns, der Hella und mir, auch die Franke gesagt, deren Kusine beim Theater ist; aber wir haben gedacht, die ist nur im Theater an der Wien, und das ist da ist es schon möglich, aber in der Burg und in der Oper und selbst im deutschen Volkstheater wird es wahrscheinlich gar nicht sein dürfen. Ich erzählte, dass der Ada und die sagte: "Gott, ich bin nur eine Provinzlerin, aber das ich weiß ich schon längst, dass jede Schauspielerin ein Kind hat." [...]"

*Hier wird das Motiv von der Frau, die sich für den geliebten Mann aufopfert, aufgegriffen; allerdings anders als in dem mittelalterlichen Epos Der arme Heinrich hilft das Opfer der Frau dem Mann gar nicht, sondern gefährdet zusätzlich andere Männer.

3. Jahr (13-14 J.)


"12. Juni: Gott, das ist gräßlich; jetzt wollte ich nie mehr an solche Dinge denken und jetzt kommt eine solche Affäre! jetzt sitz ich unschuldig drin in der Patsche. Heute gleich nach 9 kommt eine aus der II. in die Mathematikstunde und sagt: ,,Die Frau Direktorin läßt bitten, die Lainer, die Bruckner und die Franke sollen sofort in die Kanzlei kommen. Alle Mädchen schauen uns an, aber wir wissen nicht, warum. Wie wir in die Kanzlei kommen, ist die Tür von der Frau Dir. zu und das Fräulein N. sagt, wir sollen warten. Dann kommt die Frau Dir. hinaus und ruft mich hinein. Drin sitzt eine Dame, die schaut mich mit dem Lorgnon an. ,,Gehst du öfters mit der Zerkwitz?" fragt die Frau Direktorin. Ja, sag ich, und es ahnt mir gleich nichts Gutes. ,,Diese Dame ist die Mama der Zerkwitz, sie beschwert sich darüber, daß du mit ihrer Tochter sehr unpassende Sachen redest; ist dies so?" ,,Wir, die Hella und ich, haben ihr nie etwas sagen wollen; aber sie hat uns sehr gebeten und dann glaubten wir auch, sie wisse es ohnehin schon und stellt sich nur so." ,,Was soll sie wissen und was habt ihr gesprochen?" fährt die Mama von der Anneliese los. ,,Bitte", sagt die Direktorin, ,,ich werde die Mädchen verhören; also die Bruckner war auch dabei?" ,,Nur ganz selten", sage ich. ,,Ja, die Hauptschuldige ist die Lainer, deren Mama erst vor kurzem gestorben ist." Da habe ich die Tränen verbissen und gesagt: ,,Wenn die Anneliese nicht immer wieder angefangen hätte, hätten wir kein Wort von diesen Sachen geredet." Und dann habe ich überhaupt keine Antwort mehr gegeben. Jetzt mußte die Hella hereinkommen. Sie hat mir dann gesagt, wie sie mich angeschaut hat, hat sie gleich gewußt, wieviel es geschlagen hat. ,,Was habt ihr mit der Zerkwitz geredet?" Zuerst wollte die Hella nichts sagen, aber dann sagte sie ganz kurz: ,,Vom Kinderkriegen und von dem Verheiratetsein!" ,,Gott im Himmel, solche Küken und sprechen von solchen Dingen", sagte die Mama von der Anneliese. ,,Solche verdorbene Geschöpfe." ,,Wir haben nicht geglaubt, daß die Anneliese wirklich nichts weiß, sonst hätten wir nichts mit ihr geredet", sagte auch Hella; sie war großartig. ,,Was den Alfred betrifft, so sind wir ganz unbeteiligt und wir haben ihr oft abgeraten, sich von der Schule abholen zu lassen; aber sie hörte nicht auf unsern guten Rat." ,,Ich (132) spreche jetzt von euren Gesprächen, durch die ihr das arme unschuldige Kind verdorben habt", sagte die Frau v. Zerkwitz. ,,Sie muß unbedingt schon etwas gewußt haben, sonst wäre sie nicht mit dem Alfred gegangen und auch nicht mit uns", sagte die Hella. ,,Ach, du himmlischer Vater, das ist ja die weit Ärgere; eine solche Verdorbenheit!" Dann mußten wir hinausgehen. Draußen hat die Hella furchtbar geweint und ich auch, weil wir uns fürchten wegen zuhause. Wir konnten gar nicht in die Mathematikstunde gehen, weil wir ganz verweint waren. In der Pause ging die Hella an der Anneliese vorbei und sagte ganz laut: „Verräterin" und spuckte vor ihr aus. Deswegen mußte sie aus der Reihe treten. Ich trat auch aus der Reihe und wie die Frau Professor Kreindl sagte: ,,Du Lainer nicht, gehe nur weiter", sagte ich: ,,Bitte, ich habe auch ausgespuckt" und stellte mich neben die Hella. (144pdf 161/62 st131/32 Orig.)

"Knapp vor 12 wurde ich nochmals mit der Hella zur Frau Direktorin gerufen. ,,Mädchen", sagte sie, ,, was habt ihr für abscheuliche Sachen? Was müßt ihr denn das, was eure Phantasie vorzeitig vergiftet, andern auch noch sagen? Und du Lainer, schämst du dich nicht, vor wenigen Wochen wurde deine Mama begraben, und jetzt hört man solche Dinge von dir?" ,,Bitte", sagt die Hella; ,,dies war alles schon im Frühling und noch im Winter; denn da sind wir noch aufs Eis gegangen. Da war die Mama der Rita noch ziemlich gesund. Und die Zerkwitz hat uns schrecklich sekkiert, ihr alles zu sagen. Ich habe die Rita oft gewarnt und gesagt: ,,Trau ihr nicht", aber sie war ganz vernarrt in die Zerkwitz. Bitte Frau Direktorin, sagen Sie nichts davon dem Papa der Rita; denn er würde sich sehr kränken." Die Hella war einfach großartig, ich werde ihr das nie vergessen. Sie will mich das nicht schreiben lassen; wir schreiben nämlich zusammen. Die Hella meint, wir müssen alles wörtlich niederschreiben, man kann nie wissen, wozu man es braucht. Die Hella ist eine Freundin, wie es keine zweite gibt, und dabei so mutig und gescheit. ,,Du bist geradeso gescheit", sagt sie zu mir, ,,aber nur bist du gleich so eingeschüchtert und dann bist noch von deiner Mama ihrem Tod sehr nervös. Wenn nur dein Papa nichts erfährt." Die dumme Gans hat auch die alte Sauce von den zwei Studenten am Eis aufgewärmt, die längst vorüber ist. ,,Nur niemanden sich anvertrauen", sagt die Hella und da hat sie / wirklich recht. Ich hätte das der Anneliese niemals zugetraut. Was mit der Franke war, wissen wir noch nicht. Wie sie heraufkam, legte sie die Finger an die Lippen, das sollte natürlich heißen: ,,Nichts verraten!'' (145pdf 162/63st 133/34 Orig.)  

Eine KI zu der Sicht der Herausgeberin und der Autoren: Stefan Zweig und Elke Heidenreich auf Mädchentagebücher (sieh hier)

Als die Herausgeberin des Tagebuchs 1924 von ihrem Neffen ermordet worden war, wurde die Authentizität dieses Tagebuchs angezweifelt. Daraufhin "wurde es auf Initiative von Sigmund Freud aus dem Buchhandel zurückgezogen.[9]" "Das Tagebuch wurde 1987 vom Suhrkamp-Verlag erneut aufgelegt. In dem Vorwort von Alice Miller hält diese das Tagebuch für authentisch." (Wikipedia

Unter Wissenschaftlern mag der Streit weitergehen, auch wenn Freud das Buch vermutlich nur deshalb zurückgezogen hat, weil nach der Ermordung der wichtigsten Zeugin für die Authentizität des Tagebuchs sein gesamtes Konzept in den Streit hätte hineingezogen werden können. Nach über 100 Jahren enthält der Text darüber, was die Rolle der Frau und die Unwissenheit von Mädchen betrifft, so viel Zeittypisches, dass die genaue Art der Entstehung des Textes unwichtig ist im Vergleich dazu, wie deutlich er widerspiegelt, was damals als authentisch gelten konnte. (Vergleiche die Rezension von Stefan Zweig)

Andererseits ist die Häufung der Teilerkenntnisse über sexuelle Vorgänge und ihre graduelle Steigerung auffällig und deutet auf  einen gestalterischen Willen hin. 

Die Passage "Ich habe mich wirklich gefürchtet, daß sie ersticken muß, weil er so groß und sie so klein war. Und die Resi sagte dann, er ist entschieden zu groß für sie, er zerreißt sie beinahe. Also zerreißen wohl nicht, aber erdrücken hätte er sie wirklich können." ist zu sehr auf den Gegensatz von zerreißen und erdrücken hin ausgerichtet, als dass sie in einem Mädchentagebuch naheliegend erscheint.  Der Gegensatz dient wohl dazu, deutlich zu machen, dass die Verfasserin des Tagebuchs, die inzwischen glaubt, "alles" zu wissen, über Sexualakt als solchen noch keine rechte Vorstellung hat. Die Formulierung soll deutlich machen, wie unwissend die Verfasserin noch ist. 

Nicht Fälschung, aber - bei aller Annäherung an damalige jugendliche Vorstellungen - bewusste Zuspitzung, darf man daher dem Text wohl schon nachsagen. 

2025: Elke Heidenreich begründet in der ZEIT, warum sie ihr Mädchennotizbücher verbrannt hat und die Mädchentagebücher verbrennen will. 

Joachim geküsst, schon zum zweiten Mal ZEIT Nr.25, 12.6.2025

"[...] ich räume ein bisschen auf und stehe ratlos in meinem riesigen Arbeitszimmer. Alle Regale bis unter die  Decke voll – Bücher, Kataloge, Programmhefte von Oper und Theater, Krimskrams, meine eigenen Bücher, die Übersetzungen, alles zu viel, irgendwo müsste ich anfangen – A ah. Da. Die Notizbücher. Das sind noch nicht die Tagebücher, das sind die Notizbücher: Wann war ich wo, wen habe ich getroffen? Und warum, und bitte, warum stapelt sich das hier? Weg damit. [...] schon mal die Sechziger- und Siebzigerjahre, ab den Achtzigern wurde es interessanter, da muss ich erst mal durchgucken. Aber die kommen auch noch dran, und, ja, die Tagebücher, die auch irgendwann. Doch erst mal also diese kleinen Notizbücher.

Ich habe einen Kamin. Ich trenne die Umschläge ab [...]  hui in den Kamin. Streichholz dran. Brennt schön. 
Ich mache ein Foto. Könnte ich morgen posten, seit Corona poste ich jeden Tag ein Bild und einen Satz, hab ich mir bei Patti Smith abgeguckt. Das gibt ein schönes Bild, die brennenden Notizbücher. Ich lese aber hier und da noch ein bisschen. 'Mathearbeit 5, scheiße' – 'Was kann ich bloß tun, um vom Turnunterricht befreit zu werden? Muss ich mir was brechen?' – 'Uschi 20 Mark geliehen.'. – 'Joachim geküsst, schon zum zweiten Mal,' – 'Mit Rita Krach. Kuh.'– 'Welcher von den Brüdern ist schöner, Jürgen oder Dieter? Ich glaub, Jürgen.' Solche Sachen stehen da drin. Am 25. Mai habe ich in Köln meinen ersten Don Giovanni gesehen, na und? Seitdem bestimmt noch fünfzehn andere. [Sie dokumentiert Proteste, die sie daraufhin erhält ...] Und, am verstörenden von allen: HABEN WIR IN DEUTSCHLAND SCHON WIEDER BÜCHERVERBRENNUNGEN?'
Ja, wir leben in schwer hysterischen Zeiten. Ihr Leute da draußen: Ich darf das, weil es meine Notizen sind, ich muss das, weil ich Platz brauche, ich mach das, weil es alberne Kleinmädchennotizen sind, die die Nachwelt nicht braucht. [...]
Zum ersten Mal geflogen bin ich am 24. März 1962 nach Berlin und war in der Mauer und im Kabarett Die Wühlmäuse. Das ist wahnsinnig wichtig für die Nachwelt, oder? Das hätte ich nie, nie verbrennen dürfen?!  Ach, ihr könnt mich mal.
Bei den Tagebüchern geht’s dann demnächst ans Eingemachte. Auch das ist mein Leben, allerdings bin ich weder am Nachruhm wegen ein paar Bestsellern noch an nachträglicher Aufarbeitung meines Lebens interessiert. Die Tagebücher haben mir geholfen: bei der Bewältigung von Eindrücken, der Überwindung von Kummer, beim Festhalten wunderbarer Erlebnisse, beim Ideensammeln [...], bei Reisebeschreibungen. Viele schöne Geschichten in drei erfolgreichen Büchern sind nachträglich daraus entstanden – ich nenne das meine 'Romantische Trilogie': alles kein Zufall, Männer in Kamelhaarmänteln und Ihr glücklichen Augen. Fast alle Geschichten darin gehen zurück auf Eintragungen in den Tagebüchern. Und damit haben die ihren Dienst getan, ihren Zweck erfüllt und können weg. Ich bin ja nicht Thomas Mann, ich bin auch nicht Max Frisch. Meine Verdauungsbeschwerden (stehen da nicht drin), meine Affären (stehen da reichlich drin) gehen die Nachwelt so wenig an wie jetzt die Mitwelt. It’s my life, baby. Also weg damit. Meine Zukunft ist nur noch eine vage Option. Meine Freunde erben genug Ballast. Da kann ich das, was mich persönlich über die Jahrzehnte zu der gemacht hat, die ich bin – was ich gelesen, geschrieben, geliebt, fantasiert habe –, sehr wohl selbst aussortieren."

Hat sie die große Chance verpasst, ein glaubwürdiges Jungmädchentagebuch aus dem 20. Jahrhundert zu liefern, das nicht wie das von Anne Frank ganz unter dem Zeichen eines Ausnahmeschicksals stand? Mag sein. Aber sie hat das Recht, ihr Bild in der Nachwelt zu bestimmen. Franz Kafka hat es nicht sorgfältig genug ausgeübt. Max Brod hat sich nicht an seinen Wunsch gehalten. Wer will ihn heute dafür kritisieren?

05 Mai 2013

Nach 500 Jahren steht Konstantinopel wieder auf dem Spiel

Der Ausgang der Geschichte ist längst bekannt. Der Spoiler Jahrhunderte alt. 
Doch Stefan Zweig versteht es uns dennoch in Spannung zu versetzen, als ginge es um ein Geschehen mit unbekanntem Ausgang.

Konstantinopel ist belagert und hofft auf eine europäische Flotte, die es vor den Türken rettet:


Es ist Zeit, höchste Zeit, daß Europa, daß die Christenheit sich ihres Versprechens entsinne; Scharen von Frauen liegen mit ihren Kindern den ganzen Tag vor den Reliquienschreinen in den Kirchen auf den Knien, von allen Wachttürmen spähen Tag und Nacht die Soldaten, ob nicht endlich in dem von türkischen Schiffen durchschwärmten Marmarameer die verheißene päpstliche und venezianische Entsatzflotte erscheinen wolle.
Endlich, am 20. April, um drei Uhr morgens, leuchtete ein Signal. In der Ferne hat man Segel erspäht. Es ist nicht die gewaltige, die erträumte christliche Flotte, aber immerhin: langsam vom Wind getrieben, steuern drei große genuesische Schiffe heran und hinter ihnen ein viertes, kleineres, ein byzantinisches Getreideschiff, das die drei größeren zu seinem Schutz in die Mitte genommen. Sofort sammelt sich ganz Konstantinopel begeistert an den Uferwällen, um die Helfer zu begrüßen. Doch gleichzeitig wirft sich Mahomet auf sein Pferd und galoppiert in schärfstem Ritt von seinem Purpurzelt zum Hafen hinab, wo die türkische Flotte vor Anker liegt, und gibt Befehl, um jeden Preis das Einlaufen der Schiffe in den Hafen von Byzanz, in das Goldene Horn, zu verhindern.
Hundertfünfzig, allerdings kleinere Schiffe, zählt die türkische Flotte, und sofort knattern Tausende Ruder ins Meer. Mit Enterhaken, mit Brandwerfern und Steinschleudern bewehrt, arbeiten sich diese hundertfünfzig Karavellen an die vier Galeonen heran, aber scharf getrieben vom Wind überholen und überfahren die vier mächtigen Schiffe die mit Geschossen und Geschrei belfernden Boote der Türken. Majestätisch, mit breit geschwellten runden Segeln steuern sie, unbekümmert um die Angreifer, hin zum sichern Hafen des Goldenen Horns, wo die berühmte Kette, von Stambul bis Galata hinübergespannt, ihnen dann dauernden Schutz bieten soll gegen Angriff und Überfall. Ganz nahe sind die vier Galeonen jetzt schon ihrem Ziel: schon können die Tausende auf den Wällen jedes einzelne Gesicht erkennen, schon werfen sich Männer und Frauen auf die Knie, um Gott und den Heiligen zu danken für die glorreiche Errettung, schon klirrt die Kette im Hafen nieder, um die Entsatzschiffe zu empfangen.
Da geschieht mit einemmal etwas Entsetzliches. Der Wind setzt plötzlich aus. Wie von einem Magnet festgehalten, stehen die vier Segelschiffe völlig tot mitten im Meer, gerade nur ein paar Steinwürfe weit von dem rettenden Hafen, und mit wildem Jubelgeschrei wirft sich die ganze Meute der feindlichen Ruderboote auf die vier gelähmten Schiffe, die wie vier Türme reglos im Meer starren. Rüden gleich, die sich in einem Sechzehnender verbeißen, hängen sich mit Enterhaken die kleinen Schiffe an die Flanken der großen, mit Äxten scharf in das Holzwerk schlagend, um sie zum Sinken zu bringen, mit immer neuer Mannschaft die Ankerketten emporkletternd, Fackeln und Feuerbrände gegen die Segel schleudernd, um sie zu entzünden. Der Kapitän der türkischen Armada treibt entschlossen sein eigenes Admiralschiff gegen das Transportschiff, um es zu rammen; schon sind die beiden Schiffe wie Ringer ineinander verklammert. Zwar können sich, von ihren erhöhten Borden und durch Haubenpanzer geschützt, die genuesischen Matrosen zunächst noch der Emporkletternden erwehren, noch jagen sie mit Haken und Steinen und griechischem Feuer die Angreifer zurück. Aber bald muß das Ringen zu Ende sein. Es sind zu viele gegen zu wenige. Die genuesischen Schiffe sind verloren.
Schauriges Schauspiel für Tausende auf den Mauern! So lustvoll nah, wie das Volk sonst im Hippodrom die blutigen Kämpfe verfolgte, so schmerzvoll nahe kann es jetzt eine Seeschlacht mit nacktem Auge betrachten und den scheinbar unvermeidlichen Untergang der Ihren, denn höchstens zwei Stunden noch, und die vier Schiffe erliegen der feindlichen Meute auf der Arena des Meers. Vergebens sind die Helfer gekommen, vergebens! Die verzweifelten Griechen auf den Wällen von Konstantinopel, gerade nur einen Steinwurf weit von ihren Brüdern, stehen und schreien mit geballten Fäusten in ohnmächtiger Wut, ihren Rettern nicht helfen zu können. Manche suchen mit wilden Gesten die kämpfenden Freunde anzufeuern. Andere wieder, die Hände zum Himmel gehoben, rufen Christus und den Erzengel Michael und alle die Heiligen ihrer Kirchen und Klöster an, die Byzanz seit so vielen Jahrhunderten beschützt haben, sie mögen ein Wunder wirken. Aber auf dem gegenüberliegenden Ufer von Galata wiederum warten und schreien und beten ebenso mit gleicher Inbrunst die Türken um den Sieg der Ihren: das Meer ist zur Szene geworden, eine Seeschlacht zum Gladiatorenspiel. Der Sultan selbst ist im Galopp herangejagt. Umringt von seinen Paschas reitet er so tief ins Wasser hinein, daß sein Oberrock naß wird,und schreit durch die zum Schallrohr gehöhlten Hände mit zorniger Stimme den Seinen den Befehl zu, um jeden Preis die christlichen Schiffe zu nehmen. Immer wieder, wenn eine seiner Galeeren zurückgetrieben wird, beschimpft er und bedroht er mit geschwungenem Krummsäbel seinen Admiral. »Wenn du nicht siegst, dann komme nicht lebend zurück.«
Noch halten die vier christlichen Schiffe stand. Aber schon geht der Kampf zu Ende, schon beginnen die Wurfgeschosse, mit denen sie die türkischen Galeeren zurücktreiben, auszugehen, schon ermattet den Matrosen nach stundenlangem Kampfe gegen die fünfzigfache Übermacht der Arm. Der Tag ist niedergestiegen, die Sonne senkt sich am Horizont. Eine Stunde noch, und wehrlos müssen die Schiffe, selbst wenn sie bis dahin nicht von den Türken geentert sind, durch die Strömung an das von den Türken besetzte Ufer hinter Galata getrieben werden. Verloren, verloren, verloren!
Da geschieht etwas, was der verzweifelnden, heulenden, klagenden Menge von Byzanz wie ein Wunder erscheint. Mit einmal beginnt ein leises Brausen, mit einmal erhebt sich ein Wind. Und sofort füllen sich die schlaffen Segel der vier Schiffe rund und groß. Der Wind, der ersehnte, der erbetene Wind ist wieder erwacht! Triumphierend erhebt sich der Bug der Galeonen, mit einem geschwellten Stoß überholt und überrennt ihr plötzlicher Anlauf die sie umschwärmenden Bedränger. Sie sind frei, sie sind gerettet. Unter dem brausenden Jubel der Tausende und aber Tausende auf den Wällen fährt jetzt das erste, das zweite, das dritte, das vierte in den sicheren Hafen ein, die herabgelassene Sperrkette klirrt schützend wieder empor, und hinter ihnen, auf dem Meere zerstreut, bleibt ohnmächtig die Meute der türkischen Kleinschiffe; noch einmal schwebt Jubel der Hoffnung wie ein purpurnes Gewölk über die düstere und verzweifelte Stadt.

Stefan Zweig: Sternstunden der Menschheit, Noch einmal Hoffnung

03 Mai 2013

Autographe - Zeugen des schöpferischen Prozesses

Jene geheimnisvollste Sekunde des Übergangs, da ein Vers, eine Melodie aus dem Unsichtbaren, aus der Vision und Intuition eines Genies durch graphische Fixierung ins Irdische tritt, wo anders ist sie belauschbar, überprüfbar als auf den durchkämpften oder wie in Trance hingejagten Urschriften der Meister? Ich weiß von einem Künstler nicht genug, wenn ich nur sein geschaffenes Werk vor mir habe, und ich bekenne mich zu Goethes Wort, daß man die großen Schöpfungen, um sie ganz zu begreifen, nicht nur in ihrer Vollendung gesehen, sondern auch in ihrem Werden belauscht haben muß. Aber auch rein optisch wirkt auf mich eine erste Skizze Beethovens mit ihren wilden, ungeduldigen Strichen, ihrem wüsten Durcheinander begonnener und verworfener Motive, mit der darin auf ein paar Bleistiftstriche komprimierten Schöpfungswut seiner dämonisch überfüllten Natur geradezu physisch erregend, weil der Anblick mich so sehr geistig erregt; ich kann solch ein hieroglyphisches Blatt verzaubert und verliebt anstarren wie andere ein vollendetes Bild. Ein Korrekturblatt Balzacs, wo fast jeder Satz zerrissen, jede Zeile umgeackert, der weiße Rand mit Strichen, Zeichen, Worten schwarz zernagt ist, versinnlicht mir den Ausbruch eines menschlichen Vesuvs; und irgendein Gedicht, das ich jahrzehntelang liebte, zum erstenmal in der Urschrift sehe, in seiner ersten Irdischkeit, erregt in mir ehrfürchtig religiöses Gefühl; ich getraue mich kaum, es zu berühren.

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern. Umwege auf dem Wege zu mir selbst


 In den Anfängen hatte ich wie jeder Anfänger nur getrachtet, Namen zusammenzuraffen, berühmte Namen; dann hatte ich aus psychologischer Neugier nur mehr Manuskripte gesammelt – Urschriften oder Fragmente von Werken, die mir zugleich Einblick in die Schaffensweise eines geliebten Meisters gewährten. Von den unzähligen unlösbaren Rätseln der Welt bleibt das tiefste und geheimnisvollste doch das Geheimnis der Schöpfung. Hier läßt sich die Natur nicht belauschen, niemals wird sie diesen letzten Kunstgriff sich absehen lassen, wie die Erde entstand und wie eine kleine Blume entsteht, wie ein Gedicht und wie ein Mensch. Hier zieht sie unbarmherzig und unnachgiebig ihren Schleier vor. Selbst der Dichter, selbst der Musiker wird nachträglich den Augenblick seiner Inspiration nicht mehr erläutern können. Ist einmal die Schöpfung vollendet gestaltet, so weiß der Künstler von ihrem Ursprung nicht mehr und nicht von ihrem Wachsen und Werden. Nie oder fast nie vermag er zu erklären, wie in seinen erhobenen Sinnen die Worte sich zu einer Strophe, wie aus einzelnen Tönen Melodien sich zusammenfügten, die dann durch die Jahrhunderte klingen. Das einzige, was eine leise Ahnung dieses unfaßbaren Schöpfungsprozesses gewähren kann, sind die handschriftlichen Blätter und insbesondere die noch nicht für den Druck bestimmten, die mit Korrekturen übersäten, noch ungewissen ersten Entwürfe, aus denen sich dann erst allmählich die künftige gültige Form kristallisiert. Solche Blätter von allen großen Dichtern, Philosophen und Musikern, solche Korrekturen und somit Zeugen ihres Arbeitskampfes zu vereinigen, war die zweite, wissendere Epoche meines Autographensammelns. Es war für mich eine Lust, sie zusammenzujagen auf Auktionen, eine gern getane Mühe, sie aufzuspüren an den verstecktesten Stellen, und zugleich eine Art Wissenschaft, denn allgemach war neben meiner Sammlung von Autographen eine zweite entstanden, die sämtliche Bücher, die je über Autographen geschrieben worden sind, umfaßte, sämtliche Kataloge, die je gedruckt worden sind, über viertausend an der Zahl, eine Handbibliothek ohnegleichen und ohne einen einzigen Rivalen, weil selbst die Händler nicht so viel Zeit und Liebe an ein Spezialfach wenden konnten. Ich darf wohl sagen – was ich nie im Hinblick auf Literatur oder ein anderes Gebiet des Lebens auszusprechen wagen würde –, daß ich in diesen dreißig oder vierzig Jahren des Sammelns eine erste Autorität auf dem Gebiete der Handschriften geworden war und von jedem bedeutenden Blatte wußte, wo es lag, wem es gehörte und wie es zu seinem Besitzer gewandert war, ein wirklicher Kenner also, der Echtheit auf den ersten Blick bestimmen konnte und in der Bewertung erfahrener als die meisten Professionellen war.
Aber allmählich ging mein sammlerischer Ehrgeiz weiter. Es genügte mir nicht, eine bloße handschriftliche Galerie der Weltliteratur und Musik, einen Spiegel der tausend Arten schöpferischer Methoden zu haben; die bloße Erweiterung der Sammlung lockte mich nicht mehr, sondern was ich in den letzten zehn Jahren meines Sammelns vornahm, war eine ständige Veredelung. Hatte es mir zuerst genügt, von einem Dichter oder Musiker Blätter zu haben, die ihn in einem schöpferischen Momente zeigten, so ging allmählich mein Bemühen dahin, jeden darzustellen in seinem allerglücklichsten schöpferischen Moment, in dem seines höchsten Gelingens. Ich suchte also von einem Dichter nicht nur die Handschrift eines seiner Gedichte, sondern eines seiner schönsten Gedichte und womöglich eines jener Gedichte, das von der Minute an, da die Inspiration in Tinte oder Bleistift zum erstenmal irdischen Niederschlag fand, in alle Ewigkeit reicht. Ich wollte von den Unsterblichen – verwegene Anmaßung! – in der Reliquie ihrer Handschrift gerade das, was sie für die Welt unsterblich gemacht hat.
So war die Sammlung eigentlich in ständigem Fluß; jedes für diesen höchsten Anspruch mindere Blatt, das ich besaß, wurde ausgeschaltet, verkauft oder eingetauscht, sobald es mir gelang, ein wesentlicheres, ein charakteristischeres, ein – wenn ich so sagen darf – ewigkeitshaltigeres zu finden. Und wunderbarerweise gelang es in vielen Fällen, denn es gab außer mir nur ganz wenige, die mit solcher Kenntnis, solcher Zähigkeit und gleichzeitig mit einem solchen Wissen die wesentlichen Stücke sammelten. So vereinigte schließlich erst eine Mappe und dann ein ganzer Kasten, durch Metall und Asbest der Verderbnis wehrend, Urhandschriften von Werken oder aus Werken, die zu den dauerhaftesten Manifesten der schöpferischen Menschheit gehören. Ich habe hier, nomadisch wie ich heute zu leben gezwungen bin, den Katalog jener längst zerstreuten Sammlung nicht zur Hand und kann nur aufs Geratewohl einige der Dinge aufzählen, in denen der irdische Genius in einem Ewigkeitsmoment verkörpert war.
Da war ein Blatt aus Lionardos Arbeitsbuch, Bemerkungen in Spiegelschrift zu Zeichnungen; von Napoleon in kaum leserlicher Schrift auf vier Seiten hingejagt der Armeebefehl an seine Soldaten bei Rivoli; da war ein ganzer Roman in Druckbogen von Balzac, jedes Blatt ein Schlachtfeld mit tausend Korrekturen und mit unbeschreiblicher Deutlichkeit seinen Titanenkampf darstellend von Korrektur zu Korrektur (eine Photokopie ist glücklicherweise für eine amerikanische Universität gerettet). Da war Nietzsches ›Geburt der Tragödie‹ in einer ersten, unbekannten Fassung, die er lange vor der Veröffentlichung für die geliebte Cosima Wagner geschrieben, eine Kantate von Bach und die Arie der Alceste von Gluck und eine von Händel, dessen Musikmanuskripte die seltensten von allen sind. Immer war das Charakteristischste gesucht und meist gefunden, von Brahms die ›Zigeunerlieder‹, von Chopin die ›Barcarole‹, von Schubert das unsterbliche ›An die Musik‹, von Haydn die unvergängliche Melodie des ›Gotte erhalte‹ aus dem Kaiserquartett. In einigen Fällen gelang es mir sogar, die einmalige Form des Schöpferischen zu einem ganzen Lebensbilde der schöpferischen Individualität zu erweitern. So hatte ich von Mozart nicht bloß ein ungelenkes Blatt des elfjährigen Knaben, sondern auch als Zeichen seiner Liederkunst das unsterbliche ›Veilchen‹ Goethes, von seiner Tanzmusik die Menuette, die Figaros ›Non piú andrai‹ paraphrasierten, und aus dem ›Figaro‹ selbst die Arie des Cherubin, anderseits wieder die zauberhaft unanständigen, niemals im vollen Text öffentlich gedruckten Briefe an das Bäsle und einen skabrösen Kanon und schließlich noch ein Blatt, das er knapp vor seinem Tode geschrieben, eine Arie aus dem ›Titus‹. Ebensoweit war der Lebensbogen bei Goethe umrandet, das erste Blatt eine Übersetzung des neunjährigen Knaben aus dem Lateinischen, das letzte ein Gedicht, im zweiundachtzigsten Jahre knapp vor dem Tode geschrieben, und dazwischen ein mächtiges Blatt aus dem Kronstück seines Schaffens, ein zweiseitiges Folioblatt aus dem ›Faust‹, ein Manuskript zu den Naturwissenschaften, zahlreiche Gedichte und dazu noch Zeichnungen aus den verschiedensten Stadien seines Lebens; man überschaute Goethes ganzes Leben in diesen fünfzehn Blättern.
Stefan Zweig: Die Welt von Gestern.  Sonnenuntergang

25 April 2013

Viktorianische Erziehungsziele: töricht, ahnungslos, schamhaft, unsicher und lebensfremd


Stefan Zweig war gewiss kein Revolutionär, aber was er von der viktorianischen Erziehung der Mädchen und jungen Frauen und der herrschenden Sexualmoral hielt, hat er deutlich ausgesprochen:
Vielleicht auf keinem Gebiete des öffentlichen Lebens hat sich durch eine Reihe von Faktoren – die Emanzipation der Frau, die Freudsche Psychoanalyse, den sportlichen Körperkult, die Verselbständigung der Jugend – innerhalb eines einzigen Menschenalters eine so totale Verwandlung vollzogen wie in den Beziehungen der Geschlechter zueinander. Versucht man den Unterschied der bürgerlichen Moral des neunzehnten Jahrhunderts, die im wesentlichen eine victorianische war, gegenüber den heute gültigen, freieren und unbefangeneren Anschauungen zu formulieren, so kommt man der Sachlage vielleicht am nächsten, wenn man sagt, daß jene Epoche dem Problem der Sexualität aus dem Gefühl der inneren Unsicherheit ängstlich auswich. [...]
Wir stehen also vor der sonderbaren Tatsache, daß, wenn ein junger Mensch von heute, um zu wissen, wie die Jugend der vorigen und vorvorigen Generation sich durchs Leben kämpfte, die Romane auch der größten Meister jener Zeit aufschlägt, die Werke von Dickens und Thackeray, Gottfried Keller und Björnson, er – außer bei Tolstoi und Dostojewskij, die als Russen jenseits des europäischen Pseudo-Idealismus standen – ausschließlich sublimierte und temperierte Begebnisse dargestellt findet, weil diese ganze Generation durch den Druck der Zeit in ihrer freien Aussage gehemmt war. Und nichts zeigt deutlicher die fast schon hysterische Überreiztheit dieser Vorvätermoral und ihre heute schon unvorstellbare Atmosphäre, als daß selbst diese literarische Zurückhaltung noch nicht genügte. Denn kann man es noch fassen, daß ein so durchaus sachlicher Roman wie „Madame Bovary“ von einem öffentlichen französischen Gericht als unzüchtig verboten wurde? [...]
Auf den ersten Blick wird man gewahr, daß eine Frau, einmal in eine solche Toilette verpanzert wie ein Ritter in seine Rüstung, nicht mehr frei, schwunghaft und grazil sich bewegen konnte, daß jede Bewegung, jede Geste und in weiterer Auswirkung ihr ganzes Gehabe in solchem Kostüm künstlich, unnatürlich, widernatürlich werden mußte. [...]
Vielleicht wird man heute noch verstehen, daß es in jener Zeit als Verbrechen gegolten, wenn eine Frau bei Sport oder Spiel eine Hose angelegt hätte. Aber wie die hysterische Prüderie begreiflich machen, daß eine Dame das Wort „Hose“ damals überhaupt nicht über die Lippen bringen durfte? Sie mußte, wenn sie schon der Existenz eines so sinnengefährlichen Objekts wie einer Männerhose überhaupt Erwähnung tat, dafür das unschuldige „Beinkleid“ oder die eigens erfundene ausweichende Bezeichnung „Die Unaussprechlichen“ wählen. Daß etwa ein paar junge Leute gleichen Standes, aber verschiedenen Geschlechtes, unbewacht einen Ausflug hätten unternehmen dürfen, war völlig undenkbar – oder vielmehr, der erste Gedanke war, es könnte dabei etwas „passieren“. [...]

Es ist durchaus keine Legende oder Übertreibung, daß Frauen als alte Damen starben, von deren Körper außer dem Geburtshelfer, dem Gatten und Leichenwäscher niemand auch nur die Schulterlinie oder das Knie gesehen. [...]
Ein junges Mädchen aus guter Familie durfte keinerlei Vorstellungen haben, wie der männliche Körper geformt sei, nicht wissen, wie Kinder auf die Welt kommen, denn der Engel sollte ja nicht nur körperlich unberührt, sondern auch seelisch völlig ›rein‹ in die Ehe treten. ›Gut erzogen‹ galt damals bei einem jungen Mädchen für vollkommen identisch mit lebensfremd; und diese Lebensfremdheit ist den Frauen jener Zeit manchmal für ihr ganzes Leben geblieben. Noch heute amüsiert mich die groteske Geschichte einer Tante von mir, die in ihrer Hochzeitsnacht um ein Uhr morgens plötzlich wieder in der Wohnung ihrer Eltern erschien und Sturm läutete, sie wolle den gräßlichen Menschen nie mehr sehen, mit dem man sie verheiratet habe, er sei ein Wahnsinniger und ein Unhold, denn er habe allen Ernstes versucht, sie zu entkleiden. Nur mit Mühe habe sie sich vor diesem sichtbar krankhaften Verlangen retten können.
Nun kann ich nicht verschweigen, daß diese Unwissenheit den jungen Mädchen von damals anderseits einen geheimnisvollen Reiz verlieh. Diese unflüggen Geschöpfe ahnten, daß es neben und hinter ihrer eigenen Welt eine andere gäbe, von der sie nichts wußten und nichts wissen durften, und das machte sie neugierig, sehnsüchtig, schwärmerisch und auf eine anziehende Weise verwirrt. Wenn man sie auf der Straße grüßte, erröteten sie – gibt es heute noch junge Mädchen, die erröten? [...]
Aber so wollte die Gesellschaft von damals das junge Mädchen, töricht und unbelehrt, wohlerzogen und ahnungslos, neugierig und schamhaft, unsicher und unpraktisch, und durch diese lebensfremde Erziehung von vornherein bestimmt, in der Ehe dann willenlos vom Manne geformt und geführt zu werden. [...]
Wer heute einen alten Jahrgang der „Fliegenden Blätter“ oder eines der anderen humoristischen Organe jener Zeit aufschlägt, wird mit Grauen in jedem Heft die stupidesten Verspottungen alternder Mädchen finden, die, in ihren Nerven verstört, ihr doch natürliches Liebesverlangen nicht zu verbergen wissen. Statt die Tragödie zu erkennen, die sich in diesen geopferten Existenzen vollzog, die um der Familie und ihres guten Namens willen die Forderungen der Natur, das Verlangen nach Liebe und Mutterschaft, in sich unterdrücken mußten, verhöhnte man sie mit einem Unverständnis, das uns heute degoutiert. Aber immer ist eine Gesellschaft am grausamsten gegen jene, die ihr Geheimnis verraten und offenbar machen, wo sie durch Unaufrichtigkeit gegen die Natur einen Frevel begeht. [...]
Welche Möglichkeiten ergaben sich nun für einen jungen Menschen der bürgerlichen Welt? In allen anderen, in den sogenannten unteren Ständen war das Problem kein Problem. Auf dem Lande schlief der Knecht schon mit siebzehn Jahren mit einer Magd, und wenn das Verhältnis Folgen zeigte, so hatte das weiter keinen Belang; in den meisten unserer Alpendörfer überstieg die Zahl der unehelichen Kinder weitaus die der ehelichen. Im Proletariat wieder lebte der Arbeiter, ehe er heiraten konnte, mit einer Arbeiterin zusammen in ›wilder Ehe‹. Bei den orthodoxen Juden Galiziens wurde dem Siebenjährigen, also dem kaum mannbaren Jüngling, die Braut zugeführt, und mit vierzig Jahren konnte er bereits Großvater sein. Nur in unserer bürgerlichen Gesellschaft war das eigentliche Gegenmittel, die frühe Ehe, verpönt, weil kein Familienvater seine Tochter einem zweiundzwanzigjährigen oder zwanzigjährigen jungen Menschen anvertraut hätte, denn man hielt einen so ›jungen‹ Mann noch nicht für reif genug. Auch hier enthüllte sich wieder eine innere Unaufrichtigkeit, denn der bürgerliche Kalender stimmte keineswegs mit dem der Natur überein. Während für die Natur mit sechzehn oder siebzehn, wurde für die Gesellschaft ein junger Mann erst mannbar, wenn er sich eine ›soziale Position‹ geschaffen hatte, also kaum vor dem fünfundzwanzigsten oder sechsundzwanzigsten Jahr. So entstand ein künstliches Intervall von sechs, acht oder zehn Jahren zwischen der wirklichen Mannbarkeit und jener der Gesellschaft, innerhalb dessen sich der junge Mann um seine ›Gelegenheiten‹ oder ›Abenteuer‹ selber zu bekümmern hatte.
Dafür gab die damalige Zeit ihm nicht allzu viele Möglichkeiten. Nur ganz wenige, besonders reiche junge Leute konnten sich den Luxus leisten, eine Mätresse ›auszuhalten‹, das heißt, ihr eine Wohnung zu nehmen und für ihren Lebensunterhalt aufzukommen. Ebenso erfüllte sich nur einigen besonders Glücklichen das damalige literarische Liebesideal – das einzige, das in Romanen geschildert werden durfte –, das Verhältnis mit einer verheirateten Frau. Die andern halfen sich meist mit Ladenmädchen und Kellnerinnen aus, was wenig innere Befriedigung bot. Denn in jener Zeit vor der Emanzipation der Frau und ihrer tätigen selbständigen Teilnahme am öffentlichen Leben verfügten nur Mädchen aus allerärmster proletarischer Herkunft über einerseits genug Unbedenklichkeit, anderseits genug Freiheit für solche flüchtigen Beziehungen ohne ernste Heiratsabsichten. Schlecht gekleidet, abgemüdet nach einem zwölfstündigen, jämmerlich bezahlten Tagewerk, ungepflegt (ein Badezimmer war in jenen Zeiten noch das Privileg reicher Familien), und in einem engen Lebenskreise aufgewachsen, standen diese armen Wesen so tief unter dem Niveau ihrer Liebhaber, daß diese sich meist selbst scheuten, öffentlich mit ihnen gesehen zu werden. 
[...]

Selten ist ein und derselben Generation beides gegeben; läßt die Sitte dem Menschen Freiheit, so zwängt ihn der Staat ein. Läßt ihm der Staat seine Freiheit, so versucht die Sitte ihn zu kneten. Wir haben besser und mehr die Welt erlebt, die Jugend von heute aber lebt mehr und erlebt bewußter ihre eigene Jugend. Sehe ich heute die jungen Menschen aus ihren Schulen, aus ihren Colleges mit heller, erhobener Stirn, mit heiteren Gesichtern kommen, sehe ich sie beisammen, Burschen und Mädchen, in freier, unbekümmerter Kameradschaft, ohne falsche Scheu und Scham in Studium, Sport und Spiel, auf Skiern über den Schnee sausend, im Schwimmbad antikisch frei miteinander wetteifernd, im Auto zu zweit durch das Land sausend, in allen Formen gesunden, unbekümmerten Lebens ohne jede innere und äußere Belastung verschwistert, dann scheint mir jedesmal, als stünden nicht vierzig, sondern tausend Jahre zwischen ihnen und uns, die wir, um Liebe zu gewähren, Liebe zu empfangen, immer Schatten suchen mußten und Versteck.

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern, Eros Matutinus (3. Kapitel)