Posts mit dem Label Die Akten des Vogelsangs werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Die Akten des Vogelsangs werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

05 November 2019

Wilhelm Raabe: Die Akten des Vogelsangs

Die Akten des Vogelsangs ist ein Roman von Wilhelm Raabe.


Velten Andres berichtet darüber, wie er sich verhielt, als er seine Jugendliebe Helene Trotzendorff als Frau eines reichen Amerikaners wieder traf:
»Es war um das Jahr siebenzehnhundertsiebenundsechzig und der größte Egoist der Literaturgeschichte also achtzehn Jahre alt, da er seinem Freunde Behrisch den Rat zusang:
Sei gefühllos!
Ein leichtbewegtes Herz
Ist ein elend Gut
Auf der wankenden Erde;
und er hat selber sein Leben in Poesie und Prosa danach eingerichtet, und es ist ihm wohl gelungen. Es war im Salon der Mrs. Trotzendorff, als mir beim zufälligen Blättern in allen möglichen Bilderbüchern jenes Wort des frühreifen Lebenshelden in Puder, Kniehose, seidenen Strümpfen und Schnallenschuhen in dem rechten Augenblick wieder vor die Augen kam. Unser Dämonium bedient sich viel öfter, als man merkt, solcher Mittelchen, um uns unter die Arme zu greifen, sowie auch um uns davor zu behüten, uns lächerlicher zu machen, als unbedingt zum Fortbestehen der Welt durch den Verkehr von Hans und Grete notwendig ist. Man kann auch von einem achtzehnjährigen Jungen was lernen, zumal wenn der Genius dem Bengel die Stirn berührt hat. Es war der Gesellschaftsabend, an welchem mir unsere Kleine aus dem Vogelsang zum erstenmal ganz deutlich machte, was alles zu einem elenden Gut auf der wankenden Erde werden kann. Verse habe ich nie gemacht; aber die Fähigkeit habe ich doch, im Komischen wie im Tragischen das momentan Gegenständliche, wenn du willst, das Malerische, das Theatralische jedesmal mit vollem Genuß und in voller Geistesklarheit objektiv aufzufassen: ich habe an jenem, der alte Goethe würde sagen: bedeutenden Abend dem Papa Trotzendorff das Blatt aus seinem Renommiertischexemplar gerissen, es fein zusammengefaltet und in die Brusttasche geschoben. Manchen Leck in meinem Lebensschiff habe ich bis zum heutigen Tage damit zugestopft, und – jetzt, meine ich, haben wir die schöne Natur von diesem Aussichtspunkt aus, auf dem wir voreinst unsere Wünsche an die fallenden Sterne knüpften, genug bei hellem Tage besehen, und wir können gehen.« 
(Wilhelm Raabe: Die Akten des Vogelsangs)
mehr dazu:

Die Akten des Vogelsangs (Textauszüge in: ZUM-Wiki)

05 Mai 2012

Abschied


»[...] Ja, ich heize in diesem Winter mit meinem hiesigen Eigentum an der wohlgegründeten Erde, mit meinen Habseligkeiten aus dem Vogelsang.« Er sprach das Wort »Hab-Seligkeiten« in einer Weise aus, die man im Werkeltagsverkehr nicht zu hören bekommt. [...]

Er lud den Vogelsang [die Bewohner des Stadtteils Vogelsang -W.B.] wie zur Plünderung eines abgerupften Weihnachtsbaums in sein Haus ein. Er gab den noch vorhandenen alten guten Bekannten der Nachbarschaft alles das preis, was ohne eine Bedeutung für ihn war und erregte dadurch natürlich einen Zusammenlauf, der für einige Stunden den Verkehr in der Gasse beinahe völlig unterbrach. Eingeladen hatte er mich nicht zu diesem letzten Kehraus; aber ich kam dazu, und zwar mit meiner Frau am Arm, von einem Nachmittagsspaziergang über den Osterberg. »Was ist denn das da vor deines Freundes Hause, Mann?« Sie hatte die ersten Anemonen und Leberblümchen da oben im Walde gefunden und gepflückt und drückte sich mit dem Frühlingsstrauß ängstlich an mich an: »Siehst du's, da hat er es! Sie stürmen ihm das Haus! Was hat er nun wieder Neues – Schändliches angefangen – dein – Freund?« Es sah in der Tat bedrohlich aus; und wir hatten Mühe, durch den menschenvollen Garten zu der Haustür zu gelangen, die er aus den Angeln hatte heben lassen und mit welcher auf der Schulter ein alter Holzknecht weiland Nachbar Hartlebens durch das Gewühl das Freie zu erreichen suchte. Nun fand es sich aber, daß es doch im ganzen lauter gute alte Bekannte und Freunde waren, die er sich aus den »letzten Gassen« und von den Zäunen des Vogelsangs mit dem Wort: »Seht zu, Kinder, was ihr von dem Kram gebrauchen könnt!« eingeladen hatte wie der König im Evangelium das Volk zu seinem Festmahl. Sie machten auch gern Platz, soviel es ihnen möglich war und zogen die Mützen, und einigen, denen ich zu hoch gestiegen war, als daß sie mir die Hand hätten reichen können, mußte ich sie hinhalten: »Na, alter Freund, das geht hier lustig zu!« »Ja, sagen Sie mal, Herr Assessor! So was hat der Vogelsang gewiß noch nicht erlebt. Zu so was gehörte einzig und allein unsere selige Frau Doktern und unser Herr Velten, der Herr Sohn!« ... [...]

Wir standen jetzt in dem Wohnzimmer seiner Eltern, in dem er so gründlich mit seinem besten Eigentum aufgeräumt hatte, der eigentumsmüde Mann, der freie Weltwanderer. Und er sah auf und um sich her, wie einer, der einen Schlag vor die Stirn erhalten hat und sein Selbstbewußtsein nur mühsam wieder zusammenfindet. Er tat mir in tiefster Seele leid, und zu helfen war ihm nicht: [...]
(Wilhelm Raabe: Die Akten des Vogelsangs)

G.Luethy meint dazu:
"Velten macht demnach nicht sich von den sachen frei, sondern seine seele von dem, was sich den sachen anhängt. Es geschieht hier keine befreiung seiner selbst, indem dem besitz abgeschworen wird, sondern es vollzieht sich eine befreiung der seele von den dingen, die ihr nicht eigen sind, die sich nicht aus ihr selbst generieren, die aber das glück und das unglück des menschen bestimmen." (in: "Weltüberwinder von Leichtsinns Gnaden")

04 Mai 2012

Sei gefühllos!

»Es war um das Jahr siebenzehnhundertsiebenundsechzig und der größte Egoist der Literaturgeschichte also achtzehn Jahre alt, da er seinem Freunde Behrisch den Rat zusang: 
Sei gefühllos! 
Ein leichtbewegtes Herz 
Ist ein elend Gut 
Auf der wankenden Erde; 
und er hat selber sein Leben in Poesie und Prosa danach eingerichtet, und es ist ihm wohl gelungen. Es war im Salon der Mrs. Trotzendorff, als mir beim zufälligen Blättern in allen möglichen Bilderbüchern jenes Wort des frühreifen Lebenshelden in Puder, Kniehose, seidenen Strümpfen und Schnallenschuhen in dem rechten Augenblick wieder vor die Augen kam. Unser Dämonium bedient sich viel öfter, als man merkt, solcher Mittelchen, um uns unter die Arme zu greifen, sowie auch um uns davor zu behüten, uns lächerlicher zu machen, als unbedingt zum Fortbestehen der Welt durch den Verkehr von Hans und Grete notwendig ist. Man kann auch von einem achtzehnjährigen Jungen was lernen, zumal wenn der Genius dem Bengel die Stirn berührt hat. Es war der Gesellschaftsabend, an welchem mir unsere Kleine aus dem Vogelsang zum erstenmal ganz deutlich machte, was alles zu einem elenden Gut auf der wankenden Erde werden kann. Verse habe ich nie gemacht; aber die Fähigkeit habe ich doch, im Komischen wie im Tragischen das momentan Gegenständliche, wenn du willst, das Malerische, das Theatralische jedesmal mit vollem Genuß und in voller Geistesklarheit objektiv aufzufassen: ich habe an jenem, der alte Goethe würde sagen: bedeutenden Abend dem Papa Trotzendorff das Blatt aus seinem Renommiertischexemplar gerissen, es fein zusammengefaltet und in die Brusttasche geschoben. Manchen Leck in meinem Lebensschiff habe ich bis zum heutigen Tage damit zugestopft, und – jetzt, meine ich, haben wir die schöne Natur von diesem Aussichtspunkt aus, auf dem wir voreinst unsere Wünsche an die fallenden Sterne knüpften, genug bei hellem Tage besehen, und wir können gehen.«
(W. Raabe: Die Akten des Vogelsangs)


Goethes Rat an Behrisch ist Leitmotiv des Romans. Und es betont Raabes Rückgriff auf das Zeitalter der Empfindsamkeit gegenüber Fontanes "Wo sich Herz zum Herzen findt", das die Kritik an der Bourgouise Jenny Treibel thematisiert.



»Glück, von deinen tausend Losen
 Eines nur erwähl ich mir,
Was soll Gold? Ich liebe Rosen
Und der Blumen schlichte Zier.

Und ich höre Waldesrauschen,
Und ich seh ein flatternd Band –
Aug in Auge Blicke tauschen,
Und ein Kuß auf deine Hand.

Geben nehmen, nehmen geben,
Und dein Haar umspielt der Wind,
Ach, nur das, nur das ist Leben,
Wo sich Herz zum Herzen findt.«
(Fontane: Frau Jenny Treibel, 4. Kapitel)

Goethes vollständige Ode lautet:


Sei gefühllos!
Ein leichtbewegtes Herz
Ist ein elend Gut
Auf der wankenden Erde.

Behrisch, des Frühlings Lächeln
Erheitre deine Stirne nie;
Nie trübt sie dann mit Verdruß
Des Winters stürmischer Ernst.

Lehne dich nie an des Mädchens
Sorgenverwiegende Brust,
Nie auf des Freundes
Elendtragenden Arm.

Schon versammelt
Von seiner Klippenwarte
Der Neid auf dich
Den ganzen, luchsgleichen Blick,

Dehnt die Klauen,
Stürzt und schlägt
Hinterlistig sie
Dir in die Schultern.

Stark sind die magern Arme
Wie Pantherarme,
Er schüttelt dich
Und reißt dich los.

Tod ist Trennung,
Dreifacher Tod
Trennung ohne Hoffnung
Wiederzusehn.

Gerne verließest du
Dieses gehaßte Land,
Hielte dich nicht Freundschaft
Mit Blumenfesseln an mir.

Zerreiß sie! Ich klage nicht.
Kein edler Freund
Hält den Mitgefangnen,
Der fliehn kann, zurück.

Der Gedanke
Von des Freundes Freiheit
Ist ihm Freiheit
Im Kerker.

Du gehst, ich bleibe.
Aber schon drehen
Des letzten Jahrs Flügelspeichel
Sich um die rauchende Achse.

Ich zähle die Schläge
Des donnernden Rads,
Segne den letzten,
Da springen die Riegel, frei bin ich wie du.

03 Mai 2012

"Frau Jenny Treibel" und "Die Akten des Vogelsangs"

Frau Jenny Treibel, Fontanes Roman von der sentimentalen Kommerzienrätin, die angeblich die Liebe, in Wirklichkeit aber nur Geld und die Macht, die es verleiht, im Kopf hatte, wurde Ende 1892 veröffentlicht.
1893 begann Raabe Die Akten des Vogelsangs, die Geschichte von der Multimillionärin Helene Mungo, die am Ende ihres Lebens als höchsten Besitz ansieht, dass Velten Andres ihr vergeben hat, dass sie sich für das Geld entschieden hat und nicht für ihn.
Emilie Fontane, geborene Rouanet-Kummer, zog Raabes Romane denen ihres Mannes vor. Deren unschätzbarer Vorteil war, dass sie sie nicht abzuschreiben brauchte.
Aber Raabe zeichnet auch eine Welt, wo wenigstens manche Menschen seelische Werte höher schätzen als Besitz, Stand und Ehre. Frau Jenny Treibel, Corinna Schmidt, Schach von Wuthenow und Baron von Instetten denken anders. Fontanes Realismus ist zwar poetisch, doch seine Heldinnen und Helden oft grausam normal. Davon unterscheiden sich Raabes sehr menschliche Außenseiter. Die Ähnlichkeit der weiblichen Hauptfigur und die Konstanz, mit der sich Verse durch den Roman hindurch ziehen und das Gegenteil von dem aussagen, was die weibliche Hauptperson fühlt, legen es nahe, anzunehmen, dass Raabe seinen Roman als Gegenbild zu Frau Jenny Treibel konzipiert hat.
Übrigens heißt Leutnant Vogelsang auch der merkwürdige Wahlhelfer, mit dem der Kommerzienrat Treibel seine Ambitionen auf ein Reichstagsmandat zu erfüllen hofft.


Sei gefühllos! 
Ein leichtbewegtes Herz 
Ist ein elend Gut 
Auf der wankenden Erde
(Goethe an Behrisch in "Akten des Vogelsangs")


»Glück, von deinen tausend Losen
Eines nur erwähl ich mir,
Was soll Gold? Ich liebe Rosen
Und der Blumen schlichte Zier.

Und ich höre Waldesrauschen,
Und ich seh ein flatternd Band –
Aug in Auge Blicke tauschen,
Und ein Kuß auf deine Hand.

Geben nehmen, nehmen geben,
Und dein Haar umspielt der Wind,
Ach, nur das, nur das ist Leben,
Wo sich Herz zum Herzen findt.«

01 Mai 2012

Wolf Meyen, Wandervogel und "Die Akten des Vogelsangs"

Wolf Meyen, der Wandervogel, der dem  Ausschuss für Schülerfahrten den überdauernden Namen "Wandervogel" verschaffte, war der Darstellung von Hans Blüher nach von allen Wandervögeln der, der am meisten mit dem Habitus der "Kunden", des fahrenden Volkes, sympathisierte und manches von ihren Bräuchen und Redeweisen in den Wandervogel hineintrug.
Nach Hans Blüher war für ihn Raabes Die Akten des Vogelsangs "eine Art Bibel", weil er sehr von der Kultur  der Besitzlosigkeit angesprochen war.

Das Hohelied auf einen Obdachlosen? Die Akten des Vogelsangs

Der Roman von Wilhelm Raabe beginnt mit dem Brief, mit dem Helene Mungo davon berichtet, dass Velten Andres, der Mann, der sie geliebt hat und ihren Verlust nicht verwinden konnte, jetzt gestorben ist:

»Lieber Karl!Velten läßt Dich noch einmal grüßen. Er ist nun tot, und wir haben beide unsern Willen bekommen. – Er ist allein geblieben bis zuletzt, mit sich selber allein. Daß ich mich als seine Erbnehmerin aufgeworfen habe, kann er freilich nicht hindern; das liegt in meinem Willen, und aus dem heraus schreibe ich Dir heute und gebe Dir die Nachricht von seinem Tode und seinem Begräbnis. Dieser Brief gehört, meines Erachtens, zu der in seinen Angelegenheiten (wie lächerlich dieses Wort hier klingt!) noch nötigen Korrespondenz. Seinen Ton entschuldige. Es klingt hohl in dem Raume, in welchem ich schreibe: er hat die Leere um sich gelassen, und wie ein Kind nenne ich Dich, Karl, noch einmal Du und bei Deinem Taufnamen; es soll kein Griff in die Zukunft sein; es ist nichts als ein augenblickliches letztes Anklammern an etwas, was vor langen Jahren schön, lustig, freudenvoll und hoffnungsreich gewesen ist. Auch Deine liebe Gattin wird den Ton verzeihen, wenn sie auch gottlob nichts weiß von der Angst, die wir Weiber haben können in einem so leeren Raume. Ihre Angst im Dunkeln wird sie ja wohl auch schon gehabt haben in ihrem Leben.
Helene Trotzendorff als ein sich fürchtendes Kind? – Nein, [632] doch nicht! – So ist es nicht! – Die wilde Törin möchte sich nur entschuldigen, daß sie Euch ruhigen Seelen durch ihre Nachricht den bürgerlichen und häuslichen Frieden stört. Von jetzt an, lieber Karl, gedenke meiner als einer mit dem Freunde zu den Toten Gegangenen; ich wollte, ich könnte sagen: in den Frieden.
Euer Freund Leon war sehr aufmerksam, doch Eure Frau Fechtmeisterin hat mir das Recht zuerkannt, das Begräbnis zu besorgen. Er, der Herr Kommerzienrat des Beaux, tut mir nur die nötigen Wege. Nun bin ich allein mit dem Freunde und freue mich über ihn und könnte ihm wieder wie unter den Holunderbüschen zwischen den Buchsbaumeinfassungen der Aurikelbeete unserer Kindheitsgärten oder auf unseren Bergen und Waldwiesen in den Haarbusch greifen und ihn Schelm nennen oder einen schlechten Menschen. Verdient hätte er das heute wie vor Jahren. Er hatte in seinem Frieden noch denselben Zug um Nase und Mund wie vor Jahren, wenn er mich zu Tränen vor Ärger und Erbosung und Dich, guter alter Jugendkamerad, zu einem Zitat aus einem deutschen oder lateinischen Klassiker gebracht hatte.
Die Frau Fechtmeisterin hat das große, schlaue Kind wahrhaftig wie ein kleinstes, dummstes, hülfslosestes Kind besorgt und zu Tode gepflegt. Sie ist jetzt nahe an die neunzig Jahre alt und sagt: ›Daß ich das noch tun mußte, hat mich das ganze letzte halbe Jahr durch auf den Beinen erhalten: ich hatte es ihm ja aber auch so versprochen, wenn ich auch niemals geglaubt habe, daß mal ein Ernst aus seinem Spaß werden könne.‹ Sie konnte es nicht wissen, daß er immer Ernst aus dem Spaße machte!
Wenn wir nun zusammensäßen, so könnte ich Dir wohl noch vieles sagen. Zu schreiben weiß ich nichts mehr; ich bin auch sehr müde.
Mit den besten Wünschen für Dich und Dein Haus
Helene Trotzendorff, Widow Mungo.«
(Wilhelm Raabe: Die Akten des Vogelsangs - Wikipedia zum Roman)