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14 Mai 2026

Elena Ferrante: Meine geniale Freundin

 Die Erzählerin machte alles ihrer Freundin Lila nach, auch wenn sie dabei große Angst hatte. Denn Lila macht immer wieder ohne Furcht etwas, was Elena nie von selbst getan hätte. 

Alle Kinder waren frech und hielten sich nicht an das, was ihnen gesagt wurde, Nur Lila tat es offen und ohne Furcht. Sie gehorchte der Lehrerin nicht, und wenn die sie strafen wollte, fiel ihr selbst etwas Schreckliches zu.

Lina lief nicht vor den Steine werfenden Jungen fort, sondern wich ihnen immer erfolgreich aus und bewarf ihrerseits die Jungen mit Steinen.

So ist Elena auch am Beginn des Romans dabei, ihrer Freundin auf dem Weg zu Don Achille zu folgen, obwohl der der Schrecken des ganzen Viertels war. In dieser magischen Kinderwelt voller Ängste hat Lila keine Angst. Deshalb kann sie alles, auch das Unmögliche, weil sie keine Angst hat. Lila wird diese Fähigkeit bis zum Schluss der Tetralogie haben. 

Am Anfang stehen Verse aus Goethes  Faust Prolog im Himmel

Du darfst auch da nur frei erscheinen;

Ich habe deinesgleichen nie gehaßt.

Von allen Geistern, die verneinen,

ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.

Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen,

er liebt sich bald die unbedingte Ruh;

Drum geb ich gern ihm den Gesellen zu,

Der reizt und wirkt und muß als Teufel schaffen.

Als Elena in die Schule kam, wurde sie, weil sie artig und fleißig war, bald die beste aus der Klasse. Bis eines Tages herauskam, dass Lila sich, ohne jede Hilfe, Lesen und Schreiben beigebracht hatte und auch besser Kopfrechnen kann als die zwei Jahre älteren Schüler. 

Von da ab hat sie es sich allerdings mit den Jungen in der Schule verdorben. Elena aber erkennt Lilas Überlegenheit fraglos an und bemüht sich, immer an ihrer Seite zu bleiben, und Lila nimmt sie zu allerlei Mutproben mit, die Elena von sich aus nie zu unternehmen gewagt hätte. In dieser Zeit wirft Lila auch Elenas Puppe ins Kellerloch. Als sie sie nachher im Keller suchen, finden sie sie nicht und vermuten, Don Achille habe sie gestohlen.

Damals hat Nino Sarratore Elena auch gesagt, dass er Elena heiraten wolle, wenn sie groß seien. Sie liebte ihn auch, wies ihn aber ab. (S.74)

Dass Elena Lila als mit übermenschlichen Fähigkeiten ausgestattet sieht, führt Ferrante also auf die plötzlich Überlegenheit Lilas zurück, dass sie ohne Hilfe Lesen gelernt hat. Und dass sie - wie Mephisto Faust - Elena in das ihr bis dahin fremde Leben einführt, auf ihre Furchtlosigkeit.

"Am 21.Dezember 1958 erlebte Lila ihre erste Episode der Auflösung. Dieser Begriff stammt nicht von mir, sie war es, die ihn immer wieder verwendete. Sie sagte, in solchen Momenten lösten sich die Ränder der Menschen und Dinge plötzlich auf. Als sie in jener Nacht auf der Dachterrasse, wo wir den Anbruch des Jahres 1959 feierten, jäh von diesem Gefühl übermannt wurde, erschrak sie und behielt die Sache für sich, damals noch unfähig, sie zu benennen. Erst viele Jahre später, an einem Novemberabend 1980 – wir waren inzwischen beide sechunddreißig Jahre alt, verheiratet und hatten Kinder –, beschrieb sie mir genau, was sie damals erlebt hatte und was sie noch immer erlebte, und benutzte damals erstmals dieses Wort.

Wir waren im Freien, auf einem der Wohnblocks unseres Rione. Obwohl es eiskalt war, trugen wir Mädchen leichte, dekolltierte Kleider, denn wir wollten gut aussehen. Wir schauten den Jungen zu, die ausgelassen und aggressiv waren, schwarze Gestalten, von der Party, vom Essen und vom  Spumante berauscht. Sie brannten zur Feier des neuen Jahres Feuerwerkskörper ab, ein Ritual, an dessen Vorbereitung Lila, wie sie später/erzählte, maßgeblich beteiligt gewesen war, so dass sie nun hochzufrieden die Feuerstreifen am Himmel betrachtete. Doch unversehens – erzählte sie mir – war ihr trotz der Kälte der Schweiß ausgebrochen. Sie hatte das Gefühl gehabt, dass alle zu laut schrien und sich zu schnell bewegten. Dies ging mit einer Übelkeit einher, ihr war, als würde etwas durchaus Materielles, das sie und jeden und alles seit jeher umgab, ohne dass man es wahrnehmen konnte, nun offenbar werden und die Konturen der Menschen und Dinge sprengen.
Ihr Herz pochte wie wild. Nun schauderte ihr vor dem Gejohle, das aus den Kehlen all derer kam, die sich im Qualm und Geknall auf der Terrasse bewegten, als gehorchte ihr Lärmen, neuen, unbekannten Gesetzen. Sie empfand Abscheu, der Dialekt hatte alles Vertraute verloren, die Art, wie unsere feuchten Kehlen die Wörter herausgurgelten, war ihr unerträglich. Etwas Abstoßendes hatte alle diese sich bewegenden Körper erfasst, ihren Knochenbau, die Raserei, die sie schüttelte. 'Wir sind so deformiert', dachte sie, 'so unzulänglich.' Die breiten Schultern, die Arme, die Beine, die Ohren, die Nasen, die Augen erschien ihr wie die Attribute monströser Wesen, die aus einem Winkel des schwarzen Himmels gefallen waren. Dieser Abscheu konzentrierte sich aus irgendeinem Grund vor allem auf den Körper ihres Bruders Rino, auf den Menschen, der ihr am vertrautesten war, auf den Menschen, den sie am meisten liebte.
Ihr war, als sähe sie ihn zum ersten Mal so, wie er / wirklich war: eine animalische Gestalt, plump und untersetzt, die am lautesten, grölende, die wildeste, die gierigste, die armseligste. Der Aufruhr in ihrem Inneren war zu viel für Sie, sie rang nach Luft. Zu viel Qualm, zu viel Gestank, zu viele Feuerblitze in der Eiseskälte. [...]" (S.121)
Erste Menstruation S.125/26, Wegen ihrer vergrößerten Brüste wird sie von Jungen angesprochen. Eigentlich hätte sie Lila als Hilfe gebraucht. "Doch in ihrer Abwesenheit hatte ich mich nach kurzem Zögern in sie hinein versetzt. Oder besser, ich hatte sie in mich hinein versetzt." (S. 131).
"Ich musste bald einsehen, dass das, was ich allein tat, mich nicht begeistern konnte, nur das, was Lila antippte, wurde wichtig. Doch wenn sie sich entfernte, wenn ihre Stimme von sich sich von den Dingen entfernte, wurden die Dinge fleckig, staubig." (S .136)
"[...] Entscheidend war aber, dass man auch fähig war, zu spielen, und sie und ich – nur sie und ich – waren dazu fähig.
Irgendwann fragte sie mich ohne einen ersichtlichen Zusammenhang, doch so, als müssten alle unsere Gespräche zwangsläufig in dieser Fragen münden:
'Sind wir noch Freundinnen?'
'Ja.'
'Kannst du mir dann einen Gefallen tun?'
An diesem Morgen der Wiederannäherung, hätte ich alles für sie getan: von zu Hause weglaufen, [...] . Doch worum sie mich schließlich bat, kam mir nichtig vor, und im ersten Augenblick war ich enttäuscht. Sie wollte lediglich, dass wir uns einmal am Tag im Park trafen, wenn auch nur für eine Stunde vor dem Abendessen, und dass ich meine Lateinbücher mitbrachte.
'Ich werde dich nicht stören', sagte sie.
Sie wusste bereits, dass ich zur Nachprüfung musste, und wollte mit mir zusammen lernen." (S. 146) 
"Überall im Rione florierte der Unternehmergeist. In das Kurzwarengeschäft, in dem Camilla Peluso seit kurzem als Verkäuferin arbeitete, war unversehens eine junge Schneiderin eingestiegen, das Geschäft hatte sich vergrößert und wollte sich in eine ambitionierte Damenschneiderei verwandeln. Die Werkstatt, in der Melinas Sohn Antonio arbeitete, versuchte auf Betreiben des Sohnes des alten Besitzers, Gentile Gorresio zu einer kleinen Fabrik für Motorroller zu werden. Kurz, alles vibrierte und strebte aufwärts, wie um die alten Merkmale loszuwerden, wie um in dem alten angehäuften Hass, den Spannungen, den Schändlichkeiten nicht mehr wiederzuerkennen zu sein und stattdessen ein neues Gesicht zu zeigen." (S. 149). 

" 'Michè, fahr langsamer, siehst du nicht, was für ein schönes Armband die Tochter des Pförtner hat?'
Der Wagen hielt. Marcellos Finger zerknautschten  meine Haut. Angewidert zog ich die Hand zurück. Das Armband zerriss und fiel zwischen Gehweg und Auto.
'Madonna! Sieh nur, was du gemacht hast!', schrie ich und dachte an meine Mutter.
'Immer mit der Ruhe', sagte er, öffnete die Autotür und stieg aus. 'Ich bring das wieder in Ordnung.' Er war fröhlich, herzlich, versuchte erneut, mein / Handgelenk zu fassen, als wollte er eine Vertrautheit herstellen, die mich beschwichtigen sollte. Dann ging alles blitzschnell. Lila, körperlich die Hälfte von ihm, stieß ihn gegen das Auto und hielt ihm das Schustermesser an die Kehle. Seelenruhig sagte sie im Dialekt: 'Rühr sie noch einmal an, und du kannst was erleben.'
Marcello hielt ungläubig still. Michele sprang sofort aus dem Wagen und meinte beruhigend: 'Marcè, die tut dir nichts, so viel Mumm hat diese Nutte nicht.'
'Komm her', sagte Lila. 'Na, komm, dann wirst du ja sehen, ob ich so viel Mumm habe.'
Michele ging um das Auto herum, ich begann zu weinen. Ich sah, dass die Messerspitze Marcellos Haut bereits geritzt hatte, so dass ein dünner Faden Blut aus dem Kratzer rann. Ich habe die Szene noch in aller Deutlichkeit vor Augen: Eine große Hitze, nur wenige Passanten, Lila klebte dicht am Marcello, als hätte sie ein widerliches Insekt in seinem Gesicht entdeckt und wollte es verscheuchen. Und ich erinnere mich auch noch an die absolute Gewissheit von damals: Sie hätte ihm, ohne zu zögern, die Kehle durchschnitten. Das erkannte auch Michele.
'Na gut, sehr schön', sagte er und stieg lässig und beinahe belustigt wieder ins Auto. Steig ein, Marcè, bitte die Signorinas um Entschuldigung und lass uns weiterfahren.' " (S.188/89)
Elenas Vater fährt mit ihr in die Innenstadt von Neapel, um ihr den Weg zum Gymnasium zu zeigen, wo sie jetzt ins Gymnasium gehen wird.
"Wir verbrachten den ganzen Tag zusammen, das einzige Mal in unserem Leben, an weitere erinnere ich mich nicht. Er kümmerte sich sehr um mich, als wollte er mir in wenigen Stunden alles Nützliche vermitteln, was er in vielen Jahren gelernt hatte. Er zeigte mir die Piazza Garibaldi und den im Bau befindlichen Bahnhof. Seinen Worten zufolge war er so modern, dass Japaner extra angereist kamen, um ihn sich anzusehen und dann bei sich zu Hause, genauso einen zu bauen, vor allem mit solchen Pfeilern. [...]. Er führte mich durch den Corso Garibaldi, bis zu dem Gebäude, das bald meine Schule sein sollte. Im Sekretariat verhielt er sich äußerst liebenswürdig, er hatte das Talent, sympathisch zu wirken, ein Talent, dass er im Rione und zu Hause verborgen hielt." (S. 191)
"Mein Vater hielt mich fest an der Hand, als fürchtete er, ich könnte ihm entwischen. Und wirklich hatte ich Lust, ihn stehen zu lassen, loszulaufen, mich wegzubewegen, die Straße zu überqueren und mich von den funkelnden Splittern des Meeres bestürmen zu lassen. In diesem schrecklich aufregenden Moment, voller Licht und Lärm stellte ich mir vor, ich wäre allein in der /Neuheit der Stadt und wäre selbst auch neu, das ganze Leben noch vor mir, dem wechselhaften Ungestüm der Dinge ausgesetzt, doch garantiert siegreich: ich, ich mit Lila, wir beide mit der Fähigkeit, die wir zusammen – und nur zusammen – hatten, die Fähigkeit, die Masse, der Farben, der Geräusche, der Dinge und der Menschen aufzunehmen, sie uns zu erzählen und ihr Kraft zu verleihen." (S. 193/94) 

Lila sagt zu Elena: "Du bist meine geniale Freundin, du / musst die Beste von allen  werden, von den Jungen und von den Mädchen." (S.459/60)

Das überrascht den Leser, weil die Erzählerin Elena immer wieder berichtet, dass sie Energie nur von Lila bezieht, dass Lila nach ihrer Zeit als unscheinbare Mädchen mit Abstand die Schönste geworden ist und im Unterschied zu ihr, die nur Schulerfolge erzielt, auf alle jungen Männer eine unglaubliche Faszination ausübt.

Marcello Solara von der Camorrafamilie hat sich bei dem Vater (Fernando) und dem Bruder (Rino) von Lila Cerullo eingeschmeichelt, indem er ein Paar Schuhe, das Lila entworfen und mit Fernando und Rino hergestellt hatte, teuer eingekauft hat und eine Produktion mit hoher Auflage davon bezahlt hat. Lila hatte nur deshalb eine Beziehung mit Stefano angefangen, um Marcello loszuwerden. Als es um die Hochzeitsfeier von Lila und Stefano geht, hat sie sich von Stefano versprechen lassen, dass Marcello auf keinen Fall eingeladen wird. Dann aber kommt Marcello doch zu der Feier.
Zitat: "Das Unabsehbare offenbarte sich erst in diesem Augenblick. Ich sah, wie die Farbe aus Lilas Gesicht wich, wie sie kreideweiß wurde, so wie sie als kleines Mädchen gewesen war, weißer noch als ihr Brautkleid, und wie ihre Augen sich plötzlich zu zwei Schlitzen verengten. Vor ihr stand eine Weinflasche, und ich hatte Angst, ihr Blick könnte sie in tausend Stücke zerspringen lassen, so dass der Wein durch die Gegend spritzen würde. Doch sie schaute nicht auf die Flasche. Sie schaute weiter, schaute auf Marcello Solaras Schuhe.
Es waren Herrenschuhe der Marke Cerullo. Nicht das erhältliche Modell, nicht das mit der goldfarbenen Schnalle. Marcello trug die Schuhe, die Stefano, ihr Ehemann vor einer Weile gekauft hatte. Dieses Paar hatte sie gemeinsam mit Rino in monatelanger Tüftelarbeit gefertigt und sich dabei die Hände ruiniert." (S.488). 


Zum größeren Zusammenhang als Vorausschau sieh die Darstellung zur Tetralogie und zum 3. Band

04 Mai 2026

Elena Ferrante: Die Geschichte der getrennten Wege, Band 3 der Neapolitanischen Romane

 Elena Ferrante (Wikipedia): Die Geschichte der getrennten Wege Copyright 2013, dt. 2017

Heute wie druckfrisch in einem kleinen neuen öffentlichen Bücherregal gefunden.

Das Pseudonym der Autorin ist literarisch Interessierten schon länger bekannt (dazu der Wikipediaartikel), die Gelegenheit in eins der Bücher hineinzusehen, wollte ich nicht verpassen. Meine Vermutung ist, dass ich nicht rasch damit vorankommen werde. 

[Das habe ich geschrieben mir Blick auf Steinbecks "Früchte des Zorns", über die ich seit dem 11.2. berichte und Jack Londons "Martin Eden", über den ich seit dem  4.3. berichte (gegen Ende April beendet). Freilich, beide habe ich auf Englisch abends im Bett gelesen,  um das Einschlafen zu befördern. "Von Früchte des Zorns" hatte ich Anfang und Schluss auf Deutsch gelesen, bevor ich mit "Martin Eden" begann. Jetzt bin ich irgendwo im ersten Viertel oder Drittel. - Da ich Ferrante auf Deutsch lese, werde ich schneller vorankommen können und eher einen Eindruck gewonnen haben, so dass  das Springen zum Schluss früher erfolgen dürfte.]

Daher schon hier zur Vorstellung ein Link auf den Wikipediaartikel Neapolitanische Saga. Für die, die den Spoiler fürchten, die Angaben von zwei KIs (beide gekürzt) um mir Zusammenfassungen zu ersparen. [Zur emotionalen Einfühlung kann man Fotos der Hauptdarstellung und Kurzinformationen zu den Episoden der Verfilmung der Romane hier sowie in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung und Fotos vom Schauplatz in Neapel in einem Foto-Essay im Guardian finden.finden.]

 KI EcosiaDie Neapolitanische Saga von Elena Ferrante ist eine der bekanntesten und meistdiskutierten Buchreihen der letzten Jahre. Die vierbändige Reihe erzählt die lebenslange Freundschaft und Rivalität zwischen zwei Frauen aus Neapel: Elena Greco (genannt Lenù) und Raffaella Cerullo (genannt Lila). Die Saga ist ein tiefgründiges Porträt von weiblicher Emanzipation, sozialer Ungleichheit, Gewalt und der Komplexität menschlicher Beziehungen.

  1. Meine geniale Freundin (L’amica geniale, 2011)

    • Die Geschichte beginnt in den 1950er-Jahren in einem armen Viertel Neapels. Die beiden Mädchen, Elena und Lila, wachsen in einer von Männern dominierten Welt auf. Lila ist hochintelligent, rebellisch und voller Ideen, während Elena sich als die “Stille” sieht, die durch Bildung und Fleiß versucht, ihrem Schicksal zu entkommen. Der Band endet mit Lilas plötzlicher Hochzeit in jungen Jahren – ein Bruch in ihrer Freundschaft. (Mehr zum Inhalt erfährt man aus den Angaben zur Verfilmung des Romans für das Fernsehen)
  2. Die neue Freundin (Storia del nuovo cognome, 2012) Der zweite Band deckt die 1960er-Jahre ab. Elena beginnt, sich von Lilas Schatten zu lösen, und besucht das Gymnasium. Lila hingegen ist in einer unglücklichen Ehe gefangen, kämpft mit häuslicher Gewalt und versucht, sich durch Arbeit und Bildung zu befreien.

Zitat: "Als ich das Paket schon wegräumen und schlafen gehen wollte, entdeckte ich in einem der Hefte, ein weiteres schmächtiges Heftchen, etwa zehn karierte Seiten, die mit einer Stecknadel zusammengehalten und zusammengefaltet waren. Ich fühlte eine plötzliche Leere in mir, erkannte Die blaue Fee wieder, die Erzählung, die Lila vor so vielen Jahren, vor wie vielen?, dreizehn, vierzehn, geschrieben hatte. Wie hatte mir damals das mit Buntstiften gemalte Deckblatt gefallen, die schön gezeichneten Titelbuchstaben. Damals hatte ich es für ein richtiges Buch gehalten und war neidisch gewesen. Ich faltete das Heftchen in der Mitte auseinander. Die Nadel war verrostet und hatte das Papier braun verfärbt. Erstaunt entdeckte ich, dass die Maestra neben einem Satz geschrieben hatte: wunderschön. Also hatte sie es gelesen? Also hatte es ihr gefallen? Ich blätterte Seite für Seite um, sie waren voll mit ihren bravo, ihren gut und / sehr gut. Ich wurde wütend. 'Du alte Hexe', dachte ich. 'Warum hast du uns nicht gesagt, dass es dir gefallen hat, warum hast du Lila diese Freude nicht gegönnt? Was hat dich dazu getrieben, dich für meine Bildung einzusetzen und für ihre nicht? Reicht es zu deiner Rechtfertigung aus, dass der Schuster es abgelehnt hatte, seine Tochter zur Aufnahmeprüfung für die Mittelschule gehen zu lassen? Wie viel Unzufriedenheit hattest du in dir, dass du sie auf ihr abladen musstest? Ich begann Die blaue Fee von Anfang an zu lesen, überflog die blasse Tinte, die Schrift, die der meinen von damals sehr ähnlich war. Aber schon bei der ersten Seite bekam ich Bauchschmerzen, und sofort brach mir der Schweiß aus. Doch erst am Ende gestand ich mir ein, was ich bereits nach wenigen Zeilen begriffen hatte. Lilas kindliche Seiten waren des heimliche Herz meines Buches. Wer wissen wollte, woher seine Wärme kam und woher der starke, doch unsichtbare Faden rührte, der die Sätze verband, musste auf dies Heftchen eines kleinen Mädchens zurückgreifen, nur zehn Seiten, eine verrostete Stecknadel, ein mit leuchtenden Farben ausgemaltes Deckblatt, ein Titel und nicht mal einmal ein Namenszug." (S. 679/680)

Wichtig die Kombination von Wunsch nach Anerkennung ihrer Freundin, die scharfe Kritik an der Lehrerin ("Du alte Hexe"), weil sie ihre geniale Freundin nicht genauso gefördert hatte wie sie, Elena. Und dann gleich das Konkurrenzerlebnis - ihre Freundin so viel besser als sie - und der Neid.

"Im Zug öffnete ich die Blechschachtel, obwohl ich geschworen hatte, es nicht zu tun. Sie enthielt acht Schreibhefte. Schon nach den ersten Zeilen fühlte ich mich schlecht. In Pisa wuchs mein Unbehagen von Tag zu Tag, von Monat zu Monat mehr. Jedes von Lilas Worten ließ mich kleiner werden. Jeder Satz, auch die, die sie noch als Kind geschrieben hatte, schien meinen Sätzen, jeden Sinn zu nehmen, nicht den damaligen, sondern den heutigen. Und zugleich regte jede Seite mich zu eigenen Gedanken, eigenen Ideen, eigenen Texten an, als hätte ich bis dahin in einer zwar emsigen, doch ergebnislosen Stumpfheit gelebt. Ich lernte diese Hefte auswendig, und am Ende spürte ich durch sie die Welt der Scuola Normale stärker, die Freundinnen und Freunde, die mich schützen, den herzlichen Blick derjenigen unter den Professoren, die mich ermutigten, immer noch mehr zu tun, einen allzu behüteten und daher allzu vorhersehbaren Teil der Welt, verglichen mit der stürmischen, / die Lila unter den Lebensbedingungen des Rione auf zerknitterten,  fleckigen Seiten mit ihren hastigen Zeilen zu erkunden vermochte.
Jede meiner früheren Bemühungen erschien mir sinnlos. Ich erschrak, studierte Monate lang schlecht. Ich war allein, Franco Mari hatte seinen Studienplatz an der Normale verloren, es gelang mir nicht, gegen das Gefühl, mangelhaft zu sein, anzukämpfen, das mich überwältigt hatte. Irgendwann wurde mir klar, dass ich schon bald eine schlechte Note erhalten und ebenfalls nach Hause geschickt werden würde. Daher nahm ich eines Abends im Spätherbst die Blechschachtel und ging ohne einen konkreten Plan aus dem Haus. Auf dem Ponte Solferino blieb ich stehen und warf sie in den Arno." (S. 599/600)

3. Diejenigen, die gehen und diejenigen, die bleiben (Storia di chi fugge e di chi resta, 2013) Hier wird die Freundschaft auf die Probe gestellt, als Elena in Florenz studiert und sich von Neapel entfernt. Lila arbeitet in einer Fabrik und engagiert sich politisch. Die gesellschaftlichen Umbrüche der 1970er-Jahre (Studentenproteste, Feminismus, wirtschaftliche Krisen) spielen eine zentrale Rolle.

4. Das verlorene Kind (Storia della bambina perduta, 2014) spielt in den 1980er- und 1990er-Jahren. Elena hat sich als Schriftstellerin etabliert, während Lila ein zurückgezogenes Leben führt. Die Vergangenheit holt beide ein, und die Frage, wer von ihnen “erfolgreich” war, wird neu verhandelt. Der Roman endet mit einem rätselhaften Verschwinden Lilas.
KI Gemini (etwas stärker gekürzt)

Was die Saga so besonders macht, ist Ferrantes ungeschönter Blick auf die Realität:

  • Ambiguität der Freundschaft: Es ist keine reine „Wohlfühl-Freundschaft“. Sie ist geprägt von tiefer Liebe, aber auch von Neid, Konkurrenzkampf und gegenseitiger Abhängigkeit.

  • Das Viertel (Rione): Ein Mikrokosmos voller Gewalt, Camorra-Einfluss und strenger patriarchaler Strukturen, dem beide Frauen auf unterschiedliche Weise zu entkommen versuchen.

  • Bildung als Befreiung: Während Elena durch Bildung sozial aufsteigt, bleibt die (vielleicht genialere) Lila im Viertel gefangen, fordert das System jedoch von innen heraus heraus.

  • Sprache: Der Kontrast zwischen dem harten neapolitanischen Dialekt (Gewalt/Herkunft) und dem reinen Italienisch (Bildung/Aufstieg).

Hintergrund: Elena Ferrante ist ein Pseudonym. Die wahre Identität der Autorin (oder des Autors) ist offiziell nicht bestätigt, was den Kult um die Bücher noch verstärkt hat. Die Anonymität soll sicherstellen, dass das Werk für sich selbst spricht.

Die Saga wurde unter dem Originaltitel "L'amica geniale" (My Brilliant Friend) spektakulär von HBO und der RAI verfilmt. Die [Fernseh-]Serie ist bekannt für ihre visuelle Treue zum Zeitgeist und die herausragenden schauspielerischen Leistungen.

Beide Antworten der KIs habe ich gekürzt und, wo nötig, ergänzt - insbesondere durch Links.

Lektüreerlebnis (4.5.): Die Erzählerin Elena scheint der Autorin näher zu stehen als Lila. Diese scheint mehr dem idealen Ich der Autorin zu entsprechen. So zur Handlung getrieben, dass sie darüber ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellt, während die Autorin im Schreiben ihr wichtigstes Bedürfnis erfüllt.
Das Buch liest sich - wie von einem Bestseller zu erwarten - besser als angenommen, weil man den Eindruck gewinnt, die Erzählerin berichte genau über die Erfahrungen, die sie nach dem Verfassen des Buches gemacht habe, das man gerade liest. Das heißt, dass nicht ein Bewusstseinsstrom protokolliert wird, aber auch nicht über einen abgeschlossenen Vorgang berichtet, sondern zwischen der Autorin und der Erzählerin scheint es - ganz im Unterschied zu einer Ich-Erzählung - keinerlei psychologischen Abstand zu geben. [mehr zur Erzählperspektive findet sich im Wikipediaartikel zu Meine geniale Freundin.] Daraus erklärt sich mir als Leser. dass Ferrante so großen Wert auf Anonymität legte, weil sie als Person nicht wirklich mit der Erzählerin identifiziert werden will. Andererseits scheint ihr das Schreiben der Tetralogie deshalb so viel leichter gefallen zu sein, weil sie sich im Laufe des Schreibens der vorhergehenden Romane immer besser in diesen Sprachgestus eingewöhnt hat. Daher tritt der Erfolg ihrer Bücher nicht trennend zwischen sie und ihr Werk, sondern er bestätigt die Bestsellerqualität. (Seitenangabe: S.105)
Inzwischen hat sich das Buch für mich zum Pageturner entwickelt; denn es ist außerordentlich "handungsstark". Was in den Rezensionen als Studie über Freundschaft zwischen zwei Frauen bezeichnet wird ist für mich eine sehr erfolgreiche Konstruktion: Der dem Lesermilieu nahestehenden sympathischen Erzählerin inzwischen aus dem Bildungsmilieu wird ihre Freundin aus der Kinderzeit aus dem gemeinsamen Armutsmilieu gegenüber gestellt,  eine ausgebeutete Figur aus dem Arbeitermilieu [In der deutschen Übersetzung heißt es immer wieder, dass Personen - mehr oder minder gut - (Hoch-)Italienisch sprechen, dass also im Viertel anders gesprochen wird. Dazu die Süddeutsche Zeitung zur Fernsehserie: "Die Schauspieler mussten den regionalen Dialekt einstudieren, den auch die Italiener so wenig verstehen, dass die Serie selbst im Original untertitelt ist.]mit ihren sozialistisch/kommunistischen Freunden, die es ermöglicht, ein umfangreiches Handlungsgeflecht zu entwickeln. (ab Kapitel 28, S.127). [mehr zur Erzählweise  findet sich im Wikipediaartikel zu Meine geniale FreundinDiese Zweithandlung wird als  Bericht Lilas an ihre Freundin eingebracht. Er gibt die Möglichkeit zur Identifikation mit Lila. Zwar tritt sie den mit ihr Handelnden fast durchweg schroff abweisend gegenüber, aber sie verfügt über nahezu übermenschliche Fähigkeiten. Ständig leidet sie und stößt zurück, aber auch in größten Schwierigkeiten bleibt sie überlegen und fasziniert ihre Gegner. So wird verständlich,  dass auch die Erzählerin Elena fasziniert auf sie blickt. Sie pflegt Lila und organisiert ihr - dank der Verbindung zu ihrer zukünftigen Schwiegermutter - Hilfe beim Kampf gegen den Fabrikbesitzer. 
Von Kapitel 46 (S.213) an wird so die Handlung von Elena und Lila weiterentwickelt, bis mit Kapitel 58 (S.272) sich plötzlich die Familie Galiani aus dem Bildungsmilieu sich gegen Elena stellt, sie links liegen lässt und sich nur noch für Lila interessiert. 
Ab Kapitel 63 (S291) folgt zu meiner Verwunderung nun wirklich das, was mir in Rezensionen angekündigt war: Elena und  Lila leben sich auseinander, bleiben aber in Kontakt und sehen sich in Konkurrenz und lügen sich gegenseitig vor, wie gut es ihnen gehe. [Dazu heißt es im Wikipediaartikel Meine geniale Freundin unter dem Stichpunkt Interpretation: "Bei der Einschätzung der Freundschaft zwischen beiden Mädchen spielt der Aspekt der Konkurrenz eine zentrale Rolle. Bewertet wird diese Rivalität in den Kritiken unterschiedlich. In einem Fall rundum positiv: Obwohl einseitig in den Prämissen (Anziehung und Bedürftigkeit), sei ihre Beziehung frei von Missgunst und für beide gleichermaßen befruchtend in puncto „Zuneigung, Wissen, Ehrgeiz und Ansporn“.[9] Andere Urteile fallen etwas skeptischer aus: ]Die Freundinnen seien beinahe, was man im Englischen „frenemies“, Lieblingsfeindinnen, nenne;[11] schon im Prolog zeichne sich ab, dass es darum gehe, wer von beiden „das letzte Wort“ behalte;[10] die Freundschaft mit Lila sei für Elena ein „Bund mit dem Teufel“, worauf auch schon das aus Goethes Faust stammende Motto des Romans verweise.[4] Im Zusammenhang mit der Fernsehsehrie schreibt die Süddeutsche Zeitung dazu: "Elena und Lila konkurrieren um die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben und müssen ihre Kräfte doch bündeln, um das zu erreichen."[5]] 
Jetzt gibt es nicht mehr ständig Action, sondern Elena erlebt ein Wechselbad der Gefühle: Hochstimmung während der Schwangerschaft, ganz anders als Lila es von sich erzählt hatte. Dann ein ganz schwieriges Jahr mit der Tochter Adele [genannt: Dede]: "Ein Leidensweg von Arzt zu Arzt begann, nur für sie und mich, Pietro hatte immer in der Universität zu arbeiten." (S.299) 
"Mir war inzwischen klar, dass Pietro in seinem beruflichen Umfeld als Langweiler angesehen wurde, denkbar weit entfernt vom begeisterten Aktivismus seiner Familie, Ein missratener Airota. [...] Er murmelte düster: 'Elena, wir müssen über unsere Beziehung nachdenken und Bilanz ziehen.' Ich stimmte sofort zu. Ich sagte, ich bewunderte seine Intelligenz und seine gute Erziehung, Dede sei wundervoll, fügte aber hinzu, ich wolle keine weiteren Kin/der, die Isolation, in die ich geraten sei, sei mir unerträglich, ich wolle ins Berufsleben zurück. Ich hätte mich nicht seit meiner Kindheit so abgerackert, nur um am Ende in der Rolle der Hausfrau und Mutter eingesperrt zu sein. Wir stritten uns, ich mit Härte, er mit Anstand." (S.318/19)
 [Er lädt jetzt öfter Besucher ein. Sie genießt Komplimente und Flirts. Als sie bemerkt, dass es zu sexuellem Verkehr kommen könnte, schreckt sie zurück.] "In höchster Aufregung und voller Schuldgefühle kam ich nach Hause. Ich schlief leidenschaftlich mit Pietro, noch nie hatte ich mich so beteiligt gefühlt, ich war es, die kein Kondom wollte. 'Was soll die Angst', sagte ich mir. 'Du bist kurz vor der Regel, es wird schon nichts passieren.' Aber es passierte. Nach einigen Wochen merkte ich, dass ich wieder schwanger war.
Bei der nächsten Schwangerschaft ruft sie i(Kapitel 70, S.327) 
Kapitel 70: "Über eine Abtreibung versuchte ich mit Pietro gar nicht erst zu reden – er freute sich sehr, dass ich ihm noch ein Kind schenkte –, und außerdem hatte ich Angst vor diesem Schritt, schon das Wort verursachte mir Übelkeit. Aber Adele spielte am Telefon auf eine Abtreibung an, ich mich sofort mit Phrasen aus, nach dem Motto: Dede braucht Gesellschaft, als Einzelkind aufzuwachsen ist traurig, es ist besser, sie bekommt noch ein Brüderchen oder ein Schwesterchen./ 'Und dein Buch?'  'Ich bin bald fertig', log ich. 'Lässt du es mich dann lesen?' 'Natürlich.'  'Wir sind schon alle sehr gespannt.' 'Ich weiß.'
Ich war in Panik, ohne nachzudenken, tat ich etwas, was Pietro sehr erstaunte und mich vielleicht auch. Ich rief meine Mutter an, erzählte ihr, dass ich wieder ein Kind erwartete, und fragte sie, ob sie für eine Weile nach Florenz kommen wolle. Sie brummte, sie könne nicht, sie müsse sich um meinen Vater kümmern, um meine Geschwister. Ich schrie sie an: 'Das heißt, deinetwegen werde ich nichts mehr schreiben!' 'Ist doch scheißegal', antwortete sie. 'Reicht es dir nicht, in Saus und Brauchs zu leben? 'Und sie legte auf. Aber fünf Minuten später rief Elisa an. 'Ich kümmere mich hier um den Haushalt', sagte sie. 'Mama kommt morgen zu dir.' " (Seite 327/28) [Ihre Mutter kommt aus Neapel zu Hilfe, und sie, die früher ihre Tochter immer heruntergemacht hatte, wird plötzlich die Stütze des Haushalts.]
An dieser Stelle der Lektüre habe ich unterbrochen um in meinen Text Links (und Zitate) zu den Wikipediaartikeln zu den Büchern und der Fernsehserie sowie zu Besprechungen derselben eizubauen.
Es ist wohl kein Zufall, dass ich genau vor der Stelle, die Freundinnen sich gegenseitig ihre gemeinsam Kindheit vor Augen führen, das Bedürfnis hatte, mich besser über den ersten Teil der Tetralogie zu informieren. Und dass in diesem Kontext Lila ihre kritische Sicht über beide Bücher Elenas klar ausspricht. Es scheint nach Ferrantes Aussagen ja auch das Urteil zu sein, das sie über ihre eignen ersten Bücher hatte, als sie beim Beginn der Tetralogie plötzlich eine klare Vorstellung hatte, was und wie sie schreiben wollte. (6.5.) [Wikipedia über Ferrantes erste drei Bücher]

Als ich die Lektüre fortsetzte, entdeckte ich erstmals längere Passagen, die ich für so charakteristisch hielt, dass ich sie als Zitate hier aufnehmen wollte - inzwischen nachgeholt -, dann aber nahmen Elenas Entfremdung von ihrem Mann und von Lila zu, die Konflikte reizten an, weiterzulesen. Die ernsthaften Zweifel Elenas, ob ihre Freundin nicht in tödliche Auseinandersetzungen zwischen Faschisten und Kommunisten verwickelt sein könnten, erweckten ei mir erstmalig den Eindruck, dass Elena sich in ihrer Kindheit (in dem ersten Band, den ich nicht gelesen habe) so abhängig von Lila gefühlt haben muss, dass sie jetzt, obwohl sie Gewalt ablehnt, am liebsten an Lilas Aktionen teil hätte. Das verändert meinen Blick auf das Verhältnis der beiden Freundinnen noch mehr. Die Ereignisse überschlagen sich wieder, so dass Elena nach Neapel fährt, um ihre Schwester zu retten, und dann in eine Familientreffen ihrer Familie mit den Faschisten gerät. (S.419)
Da anderes zu tun ist, z.B. Gartenarbeit, von der ich mich bei weiterer Lektüre des Buches erhole, bleibe ich noch weiter dahinter zurück, Inhaltliches hier festzuhalten. (6.5. abends)
Zitat: S.421: "Und ich merkte, dass sich durch meine Nervosität der dialektale Einschlag verstärkte, dass mir einige Wörter im Neapolitanisch des Rione unterkamen, dass der Rione [...] mir seine Sprache aufzwang, die Art, zu agieren und zu reagieren, seine Figuren, die in Florenz nur wie verblasste Bilder wirkten, hier aber aus Fleisch und Blut waren.
 Wieder klingelte es an der Tür, Elisa öffnete. Wer konnte jetzt noch kommen? Einige Sekunden vergingen, und Gennaro [Lilas Sohn] stürzte ins Zimmer, schaute Dede an, die schaute ungläubig ihn an und hörte sofort auf zu jammern, aufgewühlt von diesem unerwarteten Wiedersehen musterten sich die beiden. Unmittelbar darauf erschien Enzo, der einzig Blonde unter den vielen Dunkelhaarigen in sehr hellen Farben und doch düster. Schließlich kam Lila herein."
Kapitel 94: " [...] Pietro bekundete seine Sympathie für, wie er es nannte, die volkstümliche Welt, in der ich geboren und aufgewachsen war. Er flötete, meine Mutter, sei eine großzügige, sehr kluge Frau, äußerte sich wohlwollend über meinen Vater, Elisa, Julio, Enzo. Aber sein Ton änderte sich schlagartig, als er auf die Solar-Brüder zu sprechen kam. Er bezeichnete sie als zwei Gauner, zwei Schlitzohren, zwei scheißfreundliche Kriminelle. Und endlich war Lila an der Reihe. Leise sagte er: 'Sie hat mich am meisten irritiert.' 'Das habe ich gemerkt', platzte ich heraus, 'du hast dich ja den ganzen Abend mit ihr unterhalten.' Pietro schüttelte energisch den Kopf und fügte zu meiner Überraschung hinzu, Lila sei für ihn von allen die Schlimmste gewesen. Er sagte, sie sei auf keinen Fall, meine Freundin, sie könne mich nicht ausstehen, sie sei zwar außergewöhnlich intelligent, seit zwar sehr charmant, aber sie missbrauche ihre Intelligenz – eine bösartige Intelligenz, die Zwietracht säe und das Leben hasse –, und ihr Charme sei das Unerträglichste, ein Charme, der versklave und in den Ruin treibe. Genauso.
Anfangs hörte ich ihm Widerspruch heuchelnd, doch im Grunde zufrieden zu. Ich hatte mich also getäuscht, Lila hatte nicht bei ihm landen können, Pietro war darin geübt, unter jedem Text den Subtext auszumachen, und hatte mit Leichtigkeit ihre unangenehmen Seiten entdeckt. Doch beschlich mich das Gefühl, dass er über/trieb. Er sagte: 'Ich verstehe nicht, wie eure Freundschaft so lange halten konnte, offensichtlich verheimlicht ihr euch tunlichst das, was sie zerstören könnte.' Und weiter: 'Entweder habe ich nichts von ihr verstanden – was wahrscheinlich ist, denn ich kenne sie ja nicht – oder ich habe nichts von dir verstanden, und das wäre bedenklicher.' Am Ende sagte er etwas wirklich Hässliches: 'Sie und dieser Michelle sind wie für einander geschaffen. Wenn sie nicht schon ein Paar sind, werden sie es bald sein.' Da begehrte ich auf. Ich zischte, dass sein besserwisserischer Ton eines oberschlauen Spießers nicht auszuhalten sei, dass er gut daran täte, nie wieder so über meine Freundin zu reden, und dass er rein gar nichts begriffen habe. Während ich sprach, ahnte ich, was in dem Augenblick nicht einmal er wusste: Lila hatte sehr wohl bei ihm landen können, und wie. Pietro hatte ihre Außergewöhnlichkeit so deutlich erkannt, dass er davor zurückgeschreckt war und nun das Bedürfnis hatte, Lila herabzuwürdigen. Er fürchtete nicht um sich, glaube ich, sondern um mich und unsere Beziehung. Er hatte Angst, sie könnte mich ihm auch aus der Ferne entreißen, uns zu zerstören. Und um mich zu schützen, übertrieb er, schleuderte Dreck und hatte den undeutlichen Wunsch, dass sie mich anwiderte und ich sie aus meinem Leben verbannte. Ich murmelte gute Nacht und drehte mich auf die andere Seite."(S. 436/37) 

Wenn man zunächst den Eindruck gewinnt, hier werde nur dargestellt, dass die Ich-Erzählerin Elena peinlich berührt ist, dass sie in ihrer Heimat Neapel den dort so starken Faschisten der Solara-Familie ausgeliefert ist, versteht es Ferrante, den Text ausgesprochen vieldeutig zu gestalten: Während die Erzählerin Elena berichtet, was ihr Mann Pietro über die Anwesenden sagt, bringt sie zum Ausdruck, dass er schönfärbt, um ihr nicht mit Kritik an ihrer Familie weh zu tun, aber bis zu einem gewissen Grade auch der Fassade der gesellschaftlichen Anpassung dieser Familie aus dem Arbeitermilieu auf den Leim geht. Dann überrascht die Deutlichkeit, mit der er sich über die Faschisten ausspricht (damit genau die Einschätzung Elenas treffend). Doch sobald er auf Lila zu sprechen kommt, wird Elenas Bericht wirklich komplex: Sie freut sich, dass er Lilas problematische Seite entdeckt hat, versucht das aber nach außen hin zu verbergen. Als er etwas sagt, was über diese Kritik hinausgeht, aber das relativiert, indem er darauf hinweist, dass er Lila ja gar nicht kenne, fühlt Elena sich angegriffen, aber bezeichnenderweise nach außen hin nicht durch seine Aussage, mit der er ja nur formuliert, was sie selbst fühlt, sondern durch seinen 'besserwisserischen Ton' [sein Hinweis, dass er Lila nicht kenne, hilft nicht dagegen, dass sie ihm übelnimmt, dass er sagt, was sie selbst fürchtet]. 
Dann formuliert Ferrante mehrfach gebrochen "ahnte ich, was in dem Augenblick nicht einmal er wusste: Lila hatte sehr wohl bei ihm landen können". Es ist eine Ahnung der sehr parteiischen Elena, die fürchtet, dass Lila einen zu starken Einfluss auf Pietro ausgeübt hat. Aber nicht in dem Sinne, dass er sich zu Lila hingezogen fühle, sondern deswegen, weil er fürchte, dass Lila seine Frau ihm wegnehmen könne. Statt dass sie gerührt wäre, wie wichtig sie (Elena) für ihn ist, empfindet sie diese Kritik an Lila als Angriff auf ihre Freundin und damit auf sich. Damit hat sie die Rechtfertigung, das peinliche Gefühl, den Faschisten ausgeliefert zu sein, ihm übelnehmen zu können. Ein weitere Verstärkung des Zerwürfnisses der Eheleute.- Natürlich ist meine Interpretation aber nicht die einzig mögliche. Ferrante legt den Leser nicht fest. (7.5.)

01 März 2020

Elena Ferrante, Elena Janeczek,Gerda Taro, Robert Capa

Elena Ferrante: Die neapolitanische Saga

Helena Janeczek: "Ich war das Symbol des Weiterlebens" ZEITmagazin online, 27.2.2020, S.45-51

Das Mädchen mit der Leica
Der Roman beschreibt das Leben der Fotojournalistin Gerda Taro aus der Sicht verschiedner Personen die ihr nahe standen. Gerda Taro wurde während des spanischen Bürgerkriegs in den 1930er Jahren getötet. Sie war die Lebensgefährtin des Fotokriegsberichterstatters Robert Capa.