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21 September 2026

Peter Glotz: Die Jahre der Verdrossenheit. Politisches Tagebuch 1993/94

 Peter Glotz: Die Jahre der Verdrossenheit. 

"Als ich 1970 das erste Mal in ein Parlament gewählt wurde – so habe ich es auf den Seiten notiert –, war Politiker, ein einigermaßen reputierlicher Beruf. Das kann man heute nur noch mit großer Einschränkung sagen. Wieso? Ein paar tastende Antwortversuche werden in diesem Buch gemacht. Meine Diagnose widerspricht übrigens dem moralisieren Zeitgeist: Sie lautet eben nicht 'Unmoral', sondern 'Kommunikationsunfähigkeit'. (S.7) 

22.10.1993

"Ich beende den Tag mit Doderer: 'Die Demokratie ist die edelste Form, in der eine Nation zu Grunde gehen kann…' Das ist schön kalt, aber auch nicht klug." (S. 150).

26.10.1993
"Europa ist ein Horizont; wenn man ihn näher kommt, weicht er zurück. Ich stehe auf und gehe, zum Lunch mit einem in unserer unnachahmlichen Sprache Kleiderordnungsgruppe genannten Gremium: es sind die für Bildung, Forschung und Kultur, zuständigen Abgeordneten, mit denen die Entwürfe zum Regierungsprogramm abzustimmen sind." (S. 151)
2.11.1993.
Stoiber gibt ein sehr gezieltes Interview in der Süddeutschen Zeitung. Er geht offen auf die Linie der Dame Thatcher: Erweiterung der EU, um weitere Vertiefung zu verhindern." (S.153)

1.2.1994 Frühstück mit Hermann Schmidt, dem alten Kumpan und Präsidenten des Berufsbildungsinstitut. Sieben Prozent der Tischler haben neuerdings Abitur. Fünfzig Prozent der Meister aus Metall- und Elektroberufen streben über Weiterbildung zu einem Fachhochschulabschluss. Und warum? Weil der ein um siebzig Prozent höheres Gehalt bringt als die Meisterprüfung. Aus dem Arbeitsförderungsgesetz werden statt 4,5 Milliarden nun 18 Milliarden gebraucht. Ich frage spöttisch: 'Das ist für die Verwahrung von Ossis?' Schmidt legt mir die Hand auf den Arm: 'So darfst du es nicht ausdrücken.' Aber die Zahlen sprechen für sich. Würden diese Mittel nicht eingesetzt, betrüge die offene Arbeitslosigkeit im Osten Deutschlands mehr als 30 Prozent." (S.187)

'Demokratie ist Diskussion' hat Tomas Masaryk, der Begründer der ersten tschechoslowakischen Republik und ein bedeutender, humanistischer Philosoph gesagt. Bei uns aber häufen sich die Beispiele, die zeigen, dass diese Diskussion gerade verweigert wird. Dass diese Verweigerung mit larmoyantem verantwortungsethischem Gesülze einhergeht, macht die Sache nicht besser.
Aus hundert möglichen Beispielen: fünf:
– der Intendant des Norddeutschen Rundfunks, Jobst Pflog, will das Selbstdarstellungsrecht der politischen Parteien in Fernseh-Spots unterbunden sehen. Begründung. Das verhetzte, unaufgeklärte Volk sei nicht in der Lage, die ausländerfeindliche oder rassistische Agitation rechtsradikaler Parteien zu erkennen. Das Ergebnis dieser Abstinenz wäre natürlich eine massive Verschlechterung der Marktzutrittschance für neue Parteien aller Art, ein dicker Gefallen für den Club der Etablierten./Auch in Fernsehwahlkampfdebatten sollen radikale Parteien zwar nicht generell ausgeschlossen, wohl aber volkspädagogisch bearbeitet werden. 'Ungefilterte Selbstdarstellung', so Pflog stolz, 'gibt es in den von uns verantworteten Sendungen nicht'. [...]
– Im Jahr 1994 werden zwanzig Wahlen abgehalten. In Deutschland gibt es zwischen fünf und sechs Millionen Arbeitslose, die Staatsverschuldung hat einen bisher nicht für möglich gehaltenen Höhepunkt erreicht, und das Verhältnis zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen verschlechtert sich eher, als dass es sich verbesserte. Gregor Gysis PDS erreicht in den neuen Bundesländern Umfrageziffern von über 20 Prozent, und jeder Kundige weiß, dass Franz Schönhuber besser abschneiden wird, als die Demoskopen vermuten: Viele der potentiellen Protestwähler schämen sich, ihr beabsichtigtes Wahlverhalten zuzugeben. Und wo gibt es die großen Debatten, in denen die demokratischen Politiker, Gysi und Schönhuber (die weiß Gott/grundverschieden sind, aber doch gemeinsam haben, dass sie größere Gruppen von Protest vertreten) mit den besseren Argumenten widerlegen? Nirgends. Man dürfte solche Leute nicht 'aufwerten', heißt die flaue Ausrede. Demnächst wird man vermutlich auch Peter Gauweiler und Manfred Brunner meiden, weil sie Argumente benutzen, die das blöde Volk, den großen 'Lümmel' (Heine) verwirren könnten." (S. 215-17) 

KI Gemini: "[...] Das Buch [...] 1996 in der Deutschen Verlags-Anstalt, Stuttgart) ist eines von insgesamt drei politischen Tagebüchern, die der bekannte SPD-Politiker, Publizist und Kommunikationswissenschaftler hinterlassen hat. [...]
  • Politische Bestandsaufnahme: Das Tagebuch beleuchtet die Jahre 1993 und 1994 – eine turbulente Phase in der deutschen Politik kurz nach der Wiedervereinigung, in der sich in der Bevölkerung zunehmend eine Politikverdrossenheit und Frustration über Reformstau, gesellschaftliche Umbrüche und die etablierten Parteien ausbreitete.

  • Innensicht der SPD: Als prominenter und oft kritischer Kopf der Sozialdemokraten (unter anderem ehemaliger Bundesgeschäftsführer der SPD) reflektiert Glotz in den Notizen die internen Debatten, Richtungsstreitigkeiten und das Ringen seiner Partei um Antworten auf die neuen gesamtdeutschen Herausforderungen.

  • Superwahljahr 1994: Das Buch fängt die Stimmung rund um das intensive Wahljahr 1994 ein (Bundestagswahl, Europa- und Landtagswahlen), in dem Helmut Kohl (CDU) knapp im Amt bestätigt wurde und die SPD unter Rudolf Scharping eine Niederlage einstecken musste. [...]"

07 Dezember 2021

Erich Mühsam: Der Revoluzzer

 

Der Revoluzzer
Der deutschen Sozialdemokratie gewidmet

War einmal ein Revoluzzer,

im Zivilstand Lampenputzer;

ging im Revoluzzerschritt

mit den Revoluzzern mit.


Und er schrie: »Ich revolüzze!«

Und die Revoluzzermütze

schob er auf das linke Ohr,

kam sich höchst gefährlich vor.
[127]

Doch die Revoluzzer schritten

mitten in der Straßen Mitten,

wo er sonsten unverdrutzt

alle Gaslaternen putzt.


Sie vom Boden zu entfernen,

rupfte man die Gaslaternen

aus dem Straßenpflaster aus,

zwecks des Barrikadenbaus.


Aber unser Revoluzzer

schrie: »Ich bin der Lampenputzer

dieses guten Leuchtelichts.

Bitte, bitte, tut ihm nichts!


Wenn wir ihn' das Licht ausdrehen,

kann kein Bürger nichts mehr sehen.

Laßt die Lampen stehn, ich bitt! –

Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!«


Doch die Revoluzzer lachten,

und die Gaslaternen krachten,

und der Lampenputzer schlich

fort und weinte bitterlich.


Dann ist er zu Haus geblieben

und hat dort ein Buch geschrieben:

nämlich, wie man revoluzzt

und dabei doch Lampen putzt.


Mühsam zu Unrecht weithin vergessen. Eine tragische Gestalt, wenn es denn Tragik in der Wirklichkeit geben kann. 

Quelle:
Erich Mühsam: Ausgewählte Werke, Bd.1: Gedichte. Prosa. Stücke, Berlin 1978, S. 127-128.


16 September 2008

August Winnig: Arbeiter und Reich

Die Erzählung Arbeiter und Reich des ehemaligen SPD-Reichstagsabgeordneten und völkischen Schriftstellers August Winnig (1937 im Teubner Verlag veröffentlicht) zeigt den Weg des proletarischen Helden Gotthold Grimm zu den Nationalsozialisten. Sie ist gegliedert in die Abschnitte Auf falscher Bahn und Die große Prüfung.

Zu den Helden der Erzählung, die in einer Kleinstadt im Mittelgebirge spielt, gehören der Rittmeister von Wehren, der als erster der Honoratioren der Stadt die Gefahr der Sozialdemokratie erkennt, der Küfer Gotthold Grimm, der den ersten erfolgreichen Streik der Steinbrucharbeiter organisiert, aber von der organisierten Sozialdemokratie abgestoßen wird, und als sein Gegenspieler der erfolgreiche sozialdemokratische Funktionär Jäger. Daneben werden als intelligente, aber für die Sache, für die sie eintreten, immer schädliche Figuren Juden genannt: der Industrielle, der praktische Maßnahmen zum Kampf gegen die Sozialdemokratie vorschlägt, die aber erfolglos bleiben; der Parteiredner, der aufhetzt, ohne sinnvolle Ziele zu zeigen; der Zeitungsredakteur, der nur scharfe Kritik üben, aber den Gefahren für die Partei nicht steuern kann.

Gotthold Grimm wird als der einsam für das Wohl der Arbeiter kämpfende Idealist dargestellt, Jäger dagegen als der Funktionär, der sich bald mit Fabrikherren und Honoratioren gut zu stellen weiß, aber um der Karriere willen stets die sozialdemokratischen Parolen vor sich her zu tragen weiß. Die Erkenntnisse, die Winnig seinem Helden eingibt, sind die Notwendigkeit des Imperialismus, weil Deutschland übervölkert sei und kein Raum mehr für den Bevölkerungszuwachs sei, die Notwendigkeit, den Krieg möglichst früh vom Zaun zu brechen, um diesen Lebensraum zu erwerben, schließlich die Notwendigkeit der Fortführung des Krieges und die Entlarvung des Sozialdemokraten, der die Novemberrevolution unterstützt.

Als Kernaussage der Erzählung kann man Gotthold Grimms Ausspruch werten: „Der Arbeiter ist in schlechter Hand, Juden regieren sein Denken, und Bonzen führen seine Dinge.“ (Die große Prüfung, S.57)

Gotthold Grimm ist leicht als sprechender Name zu erkennen. Gotthold steht für seine geistige Prägung durch den Pfarrer Hommel (vielleicht eine Anspielung auf den Hofprediger Emil Wilhelm Frommel, 1828-1896), Grimm für seinen energischen Einsatz für die Arbeiter und für sein Leiden an der Sozialdemokratie.

Die Erzählung, die wegen ihrer klischeehaften Charakterzeichnung und ihrer nur ungenügend durch Erzählelemente aufgelockerten Argumentation an sich literarisch wertlos ist, verdient Interesse, weil sie August Winnigs eigenen Weg vom Sozialdemokraten zum völkischen Schriftsteller und damit den Wechsel sozialdemokratischer Wähler zur NSDAP psychologisch nachvollziehbar macht.

In Winnigs Fall war die Abkehr von der Sozialdemokratie freilich von außen erzwungen, weil seine zwielichtige Haltung als ostpreußischer Oberpräsident im Kapp-Putsch zu seinem Ausschluss aus Partei und Gewerkschaft geführt hatte.