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20 Dezember 2021

Mörikes unvollendeter Roman und Lucie Gelmeroth

 Lucie Gelmeroth (Text) war nur als Einschub in diesen Roman gedacht.

"Als junger Doktor im Begriff, nach meiner Vaterstadt zurückzukehren, beschloß ich, vorerst einen kleinen Abstecher nach dem Gute meines Oheims, des Professors Killford, zu machen, der als Gelehrter in den besten Jahren seit einiger Zeit im Privatstande lebte. Ein vorläufiger Brief hatte mich bei ihm angesagt. Der eigene, jovialische Mann war mir immer merkwürdig gewesen. Er hatte vordem an der Universität G. als ordentlicher Lehrer der klassischen Literatur gestanden, in welcher Eigenschaft er weniger durch ausgebreitete Kenntnisse als eine geschmackvolle Behandlung seines Gegenstandes Glück gemacht und den Neid gewisser Matadore erregt zu haben scheint. Sein eigentliches Fach waren die Naturwissenschaften gewesen, wofür jedoch zum Unglück nirgend eine Stelle offenstand, allein der Eigensinn eines Ministers wollte den ehemaligen Hofmeister seines Hauses durch einen Lehrstuhl, welcher es auch wäre, in aller Eile ausgezeichnet wissen. [...]

Ich langte erst bei später Nachtzeit an, es schlug zwölfe vom Dorf, und alles lag zu Bette, nur kam mir der alte Bediente des Oheims entgegen, der auf den Fall beordert war, mich zu empfangen. Ich ließ mir ohne Geräusch mein Schlafzimmer zeigen, wo sich Erfrischungen auf einem reinlich gedeckten Tischchen von der vorsorgenden Hand meiner Tante aufgestellt fanden. Nie aber werde ich vergessen, wie ich nach einem kurzen Schlummer gegen drei erwachte und im anstoßenden Zimmer durch die verschlossene Tür eine Mädchenstimme jemanden ansprechen und eine Unterhaltung fortführen hörte, die, wenn sie gleich nur einem kranken Kinde galt, nicht minder alten Leuten das Herz erfrischen und die Augen munter halten konnte. Wer mag meine Nachbarin sein? frug ich mich hin und her. Vom Hause selbst war niemand, dem diese Stimme angehören konnte, die Aussprache schon ließ keine Deutsche von Geburt vermuten, die Lieblichkeit des Tons ging über jede Vorstellung. »Schmerzt denn der Arm wieder so?« war die Frage der Fremden. »Wär es nur Tag«, erwiderte der Kleine, den ich sogleich für Ottmarn, Killfords zehnjährigen Knaben, erkannte. »Es wird bald werden«, versicherte die Unbekannte. »Der Mond scheint gar zu prächtig, ich zieh den Vorhang auf, so wird's dir leichter.« Ottmar bat um eine Erzählung, sie sann eine Weile und sprach: »In jenem kleinen Tale, es heißt der [Lücke], du weißt ja, gegen die Ziegelhütte hin, befindet sich ein Stückchen Buchenwald und gleich dabei die wenigen Weingärten hiesiger Markung. Dies ist nun ein sehr wunderlicher Platz, von dem der krumme Gunnefield mir oft die besondersten Dinge erzählte. Dir ist vom Vater längst bekannt, daß von Gespenstern oder Geistern, wie einfältige Leute sich damit fürchten machen, niemals etwas zu halten ist. Verstorbene besuchen die Erde nicht mehr, was auch den Lebenden ganz recht sein kann. Allein von einer Sorte kleiner, geistartiger Wesen hab ich seit langer Zeit bestimmte Kunde und preise den glücklich, der nur einige Bekanntschaft mit diesem niedlichsten und spaßigsten Geschlecht der Erde machen durfte. Verwichenen Herbst in einer stillen Nacht begab ich mich mit Gunnefield, dem meine Neugier keine Ruhe ließ, an den bewußten Ort.« [Bricht ab.] Soweit erzählte die Fremde. Ottmar schien eingeschlafen, kein Laut mehr ließ sich hören; mir selber flossen die Bilder des Märchens gar bald mit dem Spuk meiner eigenen Träume zusammen. [...]

Als sie daher den Vater aufs inständigste bat, sie indes hier zu lassen, wo es ihr in der Tat ganz wohl behagte, so ließ er ihr zuletzt nach vielen Tränen ihren eignen Willen, sie ward mit guter Art bei der Gesellschaft entschuldigt. Der Baronet hatte seine Gründe, warum er sie nicht gerne in der Stadt bei den Verwandten ließ; so kam sie denn zu uns, wo sie vollkommne Freiheit hat, nach ihrem Sinne zu leben. Sie findet keinen Geschmack an den Vergnügungen der großen Welt, besonders mag sie gerne einsam sein, daher sie manchen Tag da draußen auf dem Schlößchen zubringt. Du wirst« – so schloß die Tante – »ein reizendes Mädchen kennenlernen.« – »Ein wunderliches, wolltest du hinzusetzen«, bemerkte Killford lächelnd, »denn du besannst dich auf ein zweites Beiwort. Nun ja, geht mir's doch selber mit dem Mädchen, wie einem zuweilen mit Logogryphen geschieht: kaum glaubt man einen Teil des Wortes glücklich weg zu haben, so stößt man auf neue Merkmale, welche nicht stimmen, und man wird so vom Hundertsten aufs Tausendste geführt.« [Bricht ab.] [...]

Am Ende, wenn wir lange genug zugesehen haben, wie doch dem anderen all das so natürlich ist, wagt man sich wohl einmal auch aus sich selbst hervor und ist gewonnen, eh mans dachte. So liebt meine Frau diese Mary und liebt sie just um das am meisten, warum sie sie am wenigsten liebt. Siehst du, Vetter, wenn deine Logik das verdauen kann, hier bieten Darum und Warum einander den Rücken und küssen sich über die Achsel. Schade, daß unsere Theologen ihren Vorteil nicht besser verstehen, sonst ließe sich aus solchen Phänomenen vielleicht der Abfall guter Geister ganz bequem ableiten. [...]

Nun erschien auch Mary. Sie führte ihren Liebling Ottmar an der Hand, einen ernsthaft aussehenden Knaben, welcher den Arm noch in der Schlinge trug. Jedoch sie selbst! Fürwahr, mir kam im Leben nichts Ähnliches vor. Ein zierlich langer Hals erhöhte die leichte, nicht eben große Gestalt. Sehr reich geflochten laufen schwarze Zöpfe kranzartig an der klaren Stirn hin, die, von der Natur mit geistigem Finger aufs schönste gebildet, über einem Paar nachtblauer Augen steht; von da verschmälert sich das liebe Angesicht abwärts nach dem schwach vortretenden Kinn. Der dünne Mund [Lücke]. Übrigens schien mir, ich weiß nicht warum, ein blaßgelbes, einfaches Kleid, worin ich sie nie wieder sah, ein breiter Gürtel von sonderbar schwarzer Zeichnung so recht im Begriff dieses eignen Wesens zu sein. Wir tranken den Kaffee, und ich, zu einigen Mitteilungen über mein bisheriges Schicksal durch die Tante aufgefordert, war wie beschämt, vor diesen Fremden von Dingen reden zu sollen, die ihnen, wie ich mir einbildete, doch immer kleinlich gegen ihre Verhältnisse vorkommen oder doch gleichgültig sein mußten. Allein zum wenigsten Herr Thomas hörte, zwar ohne auch nur eine Miene zu verändern, mit sichtbarer Teilnahme zu; und als auf einige bekannte gelehrte Anstalten die Rede kam, bewiesen alle Äußerungen einen sehr unterrichteten und billig denkenden Mann, welcher von jener Seite die vorteilhaftesten Begriffe von unserm Vaterlande hatte. [...]

Auf einmal brachte Ottmar als große Neuigkeit vor, was er soeben entdeckt hatte: »Vater«, rief er lebhaft, »die Nacht sind auf deiner Stube zwei Mäuse zumal gefangen worden, fast glaube ich aber auch, daß Mary hexen kann.« Über die Treuherzigkeit, womit das Kind dies sprach, lachte alles und am innigsten Mary. »Nun, da du meine böse Kunst einmal erraten hast, laß hören, ob du den Zauberspruch noch weißt, womit man um die Falle herumgeht, daß so ein Fang nicht fehlen kann!« Sogleich begann der Kleine den Vers: »Liebes Mäuschen, Da steht ein Häuschen, Du bist geladen Auf ein Stück Braten, Stell dich nur kecklich ein Heut nacht bei Mondenschein, Mach aber die Tür fein hinter dir zu. Hörst du? Dabei hüte dein Schwänzchen! Nach Tische lachen wir Und später machen wir Ein niedliches Tänzchen: Witt, witt! Meine alte Katze tanzt wahrscheinlich mit. Man lachte wiederholt und spaßte. Der Oheim aber, zwischen Scherz und Ernst, bemerkte: »Wer unsere Lady nicht kennte, der möchte in der Tat aus dieser und so mancher frühern Probe besorgen, daß sie das junge Volk tiefer, als rätlich ist, in ihren magischen Kasten sehn lasse.« [...]

Im Verlauf einiger Tage lernte ich den Engländer genauer kennen. Ich hörte durch ihn, es solle noch in diesem Jahr eine Gesellschaft von Missionaren nach [Lücke] gehn, an die auch er samt seiner Braut sich anschließen werde. Da er nun seinen notdürftigen Vorrat medizinischer Kenntnisse, die freilich seinem Stande nicht ganz fehlen dürfen, so viel wie möglich an mir stärken wollte [bricht ab]. Der Ernst dieses Mannes, verbunden mit einer Innigkeit, welche durch frühere Erfahrung mit Menschen sehr hart getäuscht, einen kleinen Ansatz von Mißtrauen so gerne zu überwinden strebte, die Konsequenz und Klarheit seines Wollens zogen mich an, und um so leichter, da seine religiösen Grundsätze meiner Erziehung von Hause aus nicht fremde waren. Es haftete so gar nichts Finsteres, Pedantisches an ihm; er konnte heiter sein und selbst ein Scherzwort in die Unterhaltung einmischen. Killford, dem unser häufiger Umgang nicht gleichgültig sein konnte, zog mich gelegentlich damit auf, während die Tante eine kleine Satisfaktion darin für sich fand. [...]

Leider sollte ich in einer der folgenden Nächte auf eine ganz andere Weise als in der ersten beunruhigt werden. Ein gewaltiger Lärm auf der Straße, ein hastiges Zusammenspringen im Hause, gleich darauf der schauerliche Ton schnell aufeinanderfolgender Glockenschläge vom Turm hatte mich schon aus dem Bett geschreckt, als der Oheim mit Licht bei mir eintrat. »Alterier dich nicht zu sehr! Es brennt außer dem Orte, man kann vermuten in der Ziegelbrennerei: du sollst nachkommen, läßt dir der Engländer sagen, er ist schon fort; unglücklicherweise hält mein Katarrh mich zurück!« – Rasch angekleidet, eil ich nach dem obersten Boden, die Richtung des Feuers zu merken. Nach Westen stand der Himmel abwechselnd in helleren und matteren Gluten, je nachdem der dicke vom Wind gezogene Rauch bald stärker, bald schwächer empordrang. Der nahe Horizont unserer Ebene wird dort von einem spitzauslaufenden Walde begrenzt, dessen oberste Gipfel sich mit schauderhafter Deutlichkeit in die braunrote Luft einzeichneten. Es brannte demnach im Tale, und ich erinnerte mich sogleich eines ganz vereinzelten Gehöfts in dortiger Gegend. Im Begriff die Dachlücke zu verlassen, glaubte ich jetzt ein Frauenzimmer im leichten schwarzen Mantel aus der Haustüre über die Gärten wegschlüpfen zu sehen. Nur Mary kann es gewesen sein. Ich renne angstvoll nach und habe schon Haus und Garten im Rücken; auf zwanzig Schritte erscheint sie mir wieder, schnell wie ein Vogel über Acker und Wiesen vor mir hinfliegend, zwischen Hügeln und Graben auf und nieder tauchend und in gerader Linie nach der Hellung zu. Ich stürzte mehr als einmal zu Boden und war nur froh, solang ich die schwarze Gestalt noch im Auge behielt. Aber schon wird die Landschaft ganz licht um mich her. Das Jammergetümmel von unten zerreißt schon mein Ohr, und just am Punkte angekommen, wo man die Tiefe überblickt, was für ein Schauspiel des Grausens! Ein Nebengebäude sank eben zusammen, indem nun [das] Wohnhaus von der Windseite her die gepeitschte Flamme empfängt. Jetzt hört man näher und näher das dumpfe Gerassel der Spritzen des Dorfs, die einen starken Umweg, den halben Berg umfahrend, nehmen mußten. Ich suchte verwirrt und geblendet den Pfad von der Höhe abwärts und erreichte zuvörderst mit einem Sprung die bewässerte Kluft, die zwischen Wald und Weinberg den Hügel hinabführt: da sah ich mit Verwunderung Mary allein auf einem der Mäuerchen sitzen. Sie scheint aus Angst und Erschöpfung nicht weiter zu können. Mit heftigem Schluchzen nach dem Brande hindeutend, ruft sie mir entgegen: »Ja gehn Sie nur und helfen Sie auch mit, Öl zutragen!« Mir blieb keine Zeit, den seltsamen Worten nachzudenken: nur schnell berührte mich eine Erinnerung, daß ich mich auf dem Grund und Boden jenes nächtlichen Märchens befinde, dessen frohes Getümmel auf ewig vor solchen Schrecknissen entflohen schien. [...]

Wenn ihr den Zorn des Himmels durch bedachte Gegenwehr zu reizen fürchtet, ja wenn selbst der notdürftigste Besitz mitsamt dem Hause geopfert werden sollte, so wundert mich, bei Gott, wie ihr habt wagen mögen, diese Kinder aus der Wiege zu reißen, warum ihr euch selber dem Tod entzogen!« Die Weiber heulten laut auf bei den letzten Worten, sogar die Männer, soviel ihrer den Fremden bei dem übrigen Gelärm hatten vernehmen können, murrten über eine so harte Rede. Der junge Mensch war verschwunden, ohne daß ich erfuhr, wer er sei, oder was ihn in die Gegend geführt haben möchte. Sein kurzer, grüner Jagdrock, den er von Anfang abgeworfen hatte, seine feine Gesichtsbildung ließen die beste Abkunft vermuten. Der Tag fing schwach an zu grauen, als unter durchdringendem Wehgeschrei der letzte Rest des Gebälkes stürzte. Nachdem ich indes vernommen, daß den Unglücklichen schon ein Obdach im Dorfe ausgemacht sei, blieb hier für mich nichts weiter zu tun; ich sah mich nach Herrn Thomas um, der sich jedoch bereits verloren hatte. Von einer einzigen Fackel begleitet, nahm ich den alten, sonst nicht betretnen Weg zurück, in überflüssiger Besorgnis um das Fräulein. Unter hundert traurigen Betrachtungen über das ganze Ereignis kam mir im Gehen auch jenes Rätselwort Marys wieder in Sinn, wovon mir freilich vorkam, es klinge stark nach der unglücklichen Idee der verkehrten Menge, welche dem Brande Vorschub getan. Das Wahre an der Sache aber sollte sich erst nach mehreren Tagen ergeben. [...]

Bei meiner Heimkunft höre ich, Mary sei getrost auf die Nachricht zu Bette gegangen, daß niemand, zumal von den Kindern, mit welchen sie gute Freundschaft gemacht, keines Schaden genommen. Wenige Minuten nach mir traf der Engländer ein; ich stand an Killfords Bette, den Hergang der Begebenheit erzählend, da jener voll Eifer herein und auf den Oheim zutrat: »Verzeihen Sie, wenn ich störe – Wissen Sie wohl, wer in der Nähe ist?« – »Wer denn?« – »Viktor.« – »Um Gottes willen«, rief mein Oheim aus, »was denkt der Junge? Sie haben ihn gesprochen?« – »Ich hütete mich wohl, ihm zu begegnen. Er war beim Feuer tätig, verwegen, ich kann wohl sagen, brav und liebenswürdig nach seiner heftigen Art. Sein Aufenthalt ist mir und jedermann noch ein Geheimnis.« – Nun sprachen beide leiser zusammen, worauf ich mich denn still entfernte, nur hört' ich die Tante noch sagen: Daß es doch Mary ja verborgen bleibe! Den andern Tag, da ich um zehn mein Schlafzimmer öffne, erstaun ich nicht wenig, das Gefährt meines Oheims vor dem Hause zu sehn und die Tante mit Mary zur Abfahrt bereit. Es war ein sonniger schöner Maimorgen. »Haltet wacker Haus, bis ich zu Abend wiederkomme, wir machen einen kleinen Ausflug«, rief mir die Tante auf dem Vorsaal entgegen, indem sie etlichen Personen einen großen Pack alter und neuer Sachen nebst einen Vorrat Lebensmitteln zur Verteilung unter die Verunglückten empfahl und Mary bei der Hand nahm, die schon an der Treppe stand und verstohlen freundlich bei allem darein sah; obgleich, wie mir deuchte, nicht ohne einiges Befremden über die eilige Expedition. Der Oheim bezeichnete mir, wie sie weg waren, ein altes freiherrliches Ehepaar, das, in der Nachbarschaft wohnend, dem Fräulein schon seit Jahr und Tag um einen längeren Besuch anliege; »und«, setzte er hinzu, »da der Jammer von gestern dem Mädchen heftig zusetzt [so ohne Lücke] passend sein, daß man sie einige Tage aus diesen aufgeregten Umgebungen wegnehme.« Zwar vor dir braucht man den eigentlichen Grund nicht zu verstecken, Vetter. Es ist nichts ungezogener, als den Gast, nachdem man irgendeine Heimlichkeit erst bei ihm blicken lassen, nachher mit allerlei Flausen und hustenden Gesprächsabläufen davon ausschließen wollen.«  Und sofort hatte Killford kaum den Mund zu einer ausführlichen Erklärung aufgetan, als ihm der Geistliche des Orts gemeldet wurde, den er auf seiner Stube zu empfangen sogleich mit einiger Verwunderung sich anschickt. Im hintern, größeren Garten treffe ich Herrn Thomas an. 

»Sie finden mich so wie ich Sie nachdenkend über die letzten Begebenheiten, die Ihnen zum Teil rätselhaft und wohl gar verdächtig sein mögen. Seit Ihrem Eintritt in dies Haus entging mir Ihr Interesse für Lady Mary und ihre Familie nicht. Sie machen hierin keine Ausnahme von den vielen Deutschen, welche mit Leithems Bekanntschaft gefunden: aber nicht ebenso unbillig und nicht so hämisch wie jene werden Sie diese Erscheinung von der Seite ansehen, nachdem Sie ihr einigermaßen nahekommen. Ich nehme es daher getrost auf mich, Sie etwas tiefer in das Innere dieser Verhältnisse blicken zu lassen, wenn Sie mir jetzt zuhören mögen.« – 

Ich gab dem wackern Manne meinen lebhaften Anteil und meinen Dank zum voraus zu erkennen, und er begann, indem wir beide niedersaßen: »Zuerst sei Ihnen unverhohlen: daß ich sowohl als Killfords uns seit lange stillschweigend gewöhnen mußten, den jungen Wagehals, den Sie die Nacht gesehn, und Lady Leithem entschieden als ein Paar zu betrachten, wenn wir es gleich weder vor Mary, ja kaum unter uns selbst geständig sind. Auf welchen sonderbaren Wegen sie sich fanden, wie weit ihr beiderseitiges Geschick auseinanderliegt und doch wie unzertrennlich es erscheint, erfahren Sie nachher. Zugleich ist es mir aber Bedürfnis, mich bei Ihnen über eine Angelegenheit [?] auszusprechen, worüber ich mich sonst hier wenig äußern darf; Sie wissen, wie verschieden Ihr Oheim und ich in Absicht auf die ersten Bedingungen aller [Erziehung] urteilen. Notwendig sind wir deshalb wegen Mary uneins. Er läßt ihr überall unbedingte Gerechtigkeit widerfahren, sieht daher in allem nur das unschuldige Gepräge einer liebenswürdigen Originalität, dem er auf keine Art zu nahe getreten wissen will, das er um keine Linie anders wünscht.[...]

Auszüge aus  Lucie Gelmeroth:

"Ich wollte – so erzählt ein deutscher Gelehrter in seinen noch ungedruckten Denkwürdigkeiten – als Göttinger Student auf einer Ferienreise auch meine Geburtsstadt einmal wieder besuchen, die ich seit lange nicht gesehen hatte. Mein verstorbener Vater war Arzt daselbst gewesen. Tausend Erinnerungen, und immer gedrängter, je näher ich der Stadt nun kam, belebten sich vor meiner Seele. Die Postkutsche rollte endlich durchs Tor, mein Herz schlug heftiger, und mit taumligem Blick sah ich Häuser, Plätze und Alleen an mir vorübergleiten. Wir fuhren um die Mittagszeit beim Gasthofe an, ich speiste an der öffentlichen Tafel, wo mich, so wie zu hoffen war, kein Mensch erkannte. [...]

Die Gesellschaft war schon im Begriff auseinanderzugehen, als ihre Unterhaltung noch einige Augenblicke bei einer Stadtbegebenheit verweilte, die das Publikum sehr zu beschäftigen schien und alsbald auch meine Aufmerksamkeit im höchsten Grad erregte. Ich hörte einen mir aus alter Zeit gar wohlbekannten Namen nennen; allein es war von einer Missetäterin die Rede, von einem Mädchen, das eines furchtbaren Verbrechens geständig sein sollte; unmöglich konnte es eine und dieselbe Person mit derjenigen sein, die mir im Sinne lag. Und doch, es hieß ja immer: Lucie Gelmeroth, und wieder: Lucie Gelmeroth; es wurde zuletzt ein Umstand berührt, der mir keinen Zweifel mehr übrigließ; der Bissen stockte mir im Munde, ich saß wie gelähmt.

Dies Mädchen war die jüngere Tochter eines vordem sehr wohlhabenden Kaufmanns. Als Nachbarskinder spielten wir[387] zusammen, und ihr liebliches Bild hat, in so vielen Jahren niemals bei mir verwischt werden können. Das Geschäft ihres Vaters geriet, nachdem ich lange die Heimat verlassen, in tiefen Zerfall, bald starben beide Eltern. Vom Schicksal ihrer Hinterbliebenen hatte ich die ganze Zeit kaum mehr etwas gehört; ich hätte aber wohl, auch ohne auf eine so traurige Art, wie eben geschah, an die Familie erinnert zu werden, in keinem Fall versäumt sie aufzusuchen. Ich ward, was des Mädchens Vergehen betrifft, aus dem Gespräch der Herren nicht klug, die sich nun überdies entfernten; da ich jedoch den Prediger S., einen Bekannten meines väterlichen Hauses, als Beichtiger der Inquisitin hatte nennen hören, so sollte ein Besuch bei ihm mein erster Ausgang sein, das Nähere der Sache zu vernehmen. [...]

Die zwei verwaisten Töchter des alten Gelmeroth fanden ihr gemeinschaftliches Brot durch feine weibliche Handarbeit. Die jüngere, Lucie, hing an ihrer, nur um wenig ältern, Schwester Anna mir der zärtlichsten Liebe, und sie verlebten, in dem Hinterhause der vormaligen Wohnung ihrer Eltern, einen Tag wie den andern zufrieden und stille. Zu diesem Winkel des genügsamsten Glücks hatte Richard Lüneborg, ein junger subalterner Offizier von gutem Rufe, den Weg aufgefunden. Seine Neigung für Anna sprach sich aufs redlichste aus und verhieß eine sichere Versorgung. Seine regelmäßigen Besuche erheiterten das Leben der Mädchen, ohne daß es darum aus der gewohnten und beliebten Enge nur im mindesten herauszugehen brauchte. Offen vor jedermann lag das Verhältnis da, kein Mensch hatte mit Grund etwas dagegen einzuwenden. [...]

Allein wie erschrak, wie erstaunte die Welt, als – Lucie Gelmeroth, das unbescholtenste Mädchen, sich plötzlich vor den Richter stellte, mit der freiwilligen Erklärung: sie habe den Lieutenant getötet, den Mörder ihrer armen Schwester, sie wolle gerne sterben, sie verlange keine Gnade! – Sie sprach mit einer Festigkeit, welche Bewunderung erregte, mit einer feierlichen Ruhe, die etlichen verdächtig vorkommen wollte und gegen des Mädchens eigne schauderhafte Aussage zu streiten schien; wie denn die Sache überhaupt fast ganz unglaublich war. Umsonst drang man bei ihr auf eine genaue Angabe der sämtlichen Umstände, sie blieb bei ihrem ersten einfachen Bekenntnisse. Mit hinreißender Wahrheit schilderte sie die Tugend Annas, ihre Leiden, ihren Tod, sie schilderte die Tücke des Verlobten, und keiner der Anwesenden erwehrte sich der tiefsten Rührung. [...]

Inzwischen sperrte man das sonderbare Mädchen ein und hoffte ihr auf diesem Weg in Bälde ein umfassendes Bekenntnis abzunötigen. Man irrte sehr; sie hüllte sich in hartnäckiges Schweigen, und weder List, noch Bitten, noch Drohung vermochten etwas. Da man bemerkte, wie ganz und einzig ihre Seele von dem Verlangen zu sterben erfüllt sei, so wollte man ihr hauptsächlich durch die wiederholte Vorstellung beikommen, daß sie auf diese Weise ihren Prozeß niemals beendigt sehen würde; allein man konnte sie dadurch zwar ängstigen und völlig außer sich bringen, doch ohne das geringste weiter von ihr zu erhalten.

Noch sagte mir Herr S., daß ein gewisser Hauptmann Ostenegg, ein Bekannter des Lieutenants, sich unmittelbar auf Luciens Einsetzung entfernt und durch verschiedenes verdächtig gemacht haben solle; es sei sogleich nach ihm gefahndet worden, und gestern habe man ihn eingebracht. Es müsse sich bald zeigen, ob dies zu irgend etwas führe. [...]

Es folgt der Bericht über die früheren Erlebnisse des Erzählers mit Lucie Gelmeroth:

Auf einmal zeigte sich von fern ein Licht – es war, wie ich richtig mutmaßte, in der Hofmeisterei – wir kamen ihm näher und riefen um Hülfe, was nur aus unsern Kehlen wollte – da prallte das Pferd vor der weißen Gestalt eines kleinen Obelisken zurück und schlug einen Seitenweg ein, wo es aber sehr bald bei einer Planke ohnmächtig auf die Vorderfüße niederstürzte und zugleich uns beide nicht unglücklich abwarf.

Nun zwar für unsere Person gerettet, befanden wir uns schon in einer neuen großen Not. Das Pferd lag wie am Tode keuchend, und war mit allen guten Worten nicht zum Aufstehn zu bewegen; es schien an dem, daß es vor unsern Augen hier verenden würde. Ich gebärdete mich wie unsinnig darüber, meine Freundin jedoch, gescheiter als ich, verwies mir ein so kindisches Betragen, ergriff den Zaum, schlang ihn um die Planke und zog mich mit sich fort, jenem tröstlichen Lichtschein entgegen, um jemand herzuholen. Bald hatten wir die Meierei erreicht. Die Leute, soeben beim Essen versammelt, schauten natürlich groß auf, als das Pärchen in seiner fremdartigen Tracht außer Atem zur Stube hereintrat. Wir trugen unser Unglück vor, und derweil nun der Mann sich gemächlich anzog, standen wir Weibern und Kindern zur Schau, die uns durch übermäßiges Lamentieren über den Zustand unserer kostbaren Kleidung das Herz nur immer schwerer machten. Jetzt endlich wurde die Laterne angezündet, ein Knecht trug sie, und so ging man zu vieren nach dem unglücklichen Platz, wo wir das arme Tier noch in derselben Stellung fanden. Doch auf den ersten Ruck und Streich von einer Männerhand sprang es behend auf seine Füße, und der Meier in seinem mürrischen Ton versicherte sofort, der dummen Kröte fehle auch kein Haar. Ich hätte in der Freude meines Herzens gleich vor dem Menschen auf die Kniee fallen mögen: statt dessen fiel mir Lucie um den Hals, mehr ausgelassen als gerührt und zärtlich allerdings, doch wohler hatte mir im Leben nichts Ähnliches getan. [...]

Hier bricht die Handschrift des Erzählers ab. Wir haben vergeblich unter seinen Papieren gesucht, vom Schicksal jenes flüchtigen Kaufmanns noch etwas zu erfahren. Auch mit Erkundigungen anderwärts sind wir nicht glücklicher gewesen."


(Hier der vollständige Text.)

08 November 2020

Fanny Lewald: Wandlungen 1. Band, 5. Kapitel: Ein Gespräch über Goethes Romane

Fanny Lewald: Wandlungen Roman in 4 Bänden, 1853,  [Digitalisat]
Romantext bei projekt-gutenberg.org (Navigation innerhalb des Romans über "Inhalt" (Link sieh: links oben)


»Ein Graf St. Brezan, ein französischer Gesandtschaftsrath, der eine Mission nach Petersburg hat. Er hat meinen kleinen Vetter von Lissabon mit hieher gebracht.«

Graf St. Brezan mochte ein Mann von vierzig Jahren sein, obschon seine schlanke Gestalt, die Leichtigkeit seiner Bewegungen und die sorgsame Wahl seiner einfachen Kleidung ihn jünger erscheinen ließen. Sein dunkelbraunes, reiches Haar, die schönen Hände, das scharf geschnittene Profil gaben ihm ein Recht, noch immer für einen schönen Mann zu gelten, aber ein Ausdruck hochmüthiger Zurückhaltung mußte sein Aeußeres für Jeden unangenehm machen, dem er Freundlichkeit zu zeigen nicht für nöthig erachtete. So kam es, daß die Einen ihn schön und anziehend, die Anderen ihn unschön und abstoßend nannten, daß er die Männer leicht verletzte, die Frauen leicht gewann.

Mit dem Takte des Weltmannes hatte er die Bemerkung der Baronin verstanden. Er nahm an, daß sie um irgend eines Grundes willen Rücksicht auf Friedrich und auf den Doctor zu nehmen habe, und war augenblicklich bereit, die ihm befreundeten Standesgenossen in ihren Absichten und Plänen nach seinen besten Kräften zu unterstützen.

Mit einer geschickten und ganz unmerklichen Wendung brachte er das Gespräch von den deutschen Studenten auf die deutsche Literatur, auf ein Feld, in dem alle Anwesenden, selbst Erich und Friedrich, ihm überlegen sein mußten. Er wußte, wie leicht man Jemand gewinnen kann, der sich uns gegenüber behaglich und als der Gebende empfindet. Für den Grafen beschränkte sich die deutsche Literatur auf Klopstock, Schiller und Goethe. Das Klopstock'sche Deutsch war ihm, wie er offen gestand, vollkommen unverständlich und Klopstock's religiöse' Anschauung dem Verehrer Voltaire's fremd. Schiller, den der Convent würdig geachtet, ein Mitglied der französischen Republik zu sein, hatte von jeher schon um dieses Grundes willen das Mißtrauen des Grafen erregt, und der rücksichtslose Idealismus des Dichters, der über alle Convenienz hinaus den Gedanken freier Menschlichkeit geltend machen wollte, mußte ihm als eine unpraktische Schwärmerei erscheinen, deren Einfluß auf die Jugend er für gefährlich hielt. Goethe allein von allen deutschen Dichtern war ihm ein Gegenstand der Hochachtung.

Mit einer ihm seltenen Wärme pries der Graf den greisen Dichterfürsten als den Dichter der Wirklichkeit, der die Wahrheit und die Schönheit nicht jenseits der Grenzen der Vernunft erblicke. »Was ihn so erhaben macht und was zugleich so wohlthuend, so beruhigend in seinen Schriften wirkt,« sagte er, »das ist die Klarheit, mit der er ›die Welt wie sie ist‹ betrachtet, das richtige Licht, das er über die Gesetze der Gesellschaft verbreitet, in der für Jeden der Platz vorhanden ist, den er einnehmen kann, wenn er eben nur den begehrt, den er auszufüllen bestimmt ist. Er ist der Dichter des Friedens und der Versöhnung, und es ist zweifellos, daß Sie die Weisheit Ihres größten Dichters den wüsten Erfahrungen verdanken, welche unsere unglückliche Revolution ihn machen ließ.«

Trotz der ächt französischen Schlußfolgerung des Grafen, machte sein Lob Goethe's einen guten Eindruck auf den Baron, dessen Anschauungsweise in Betreff der Goethe'schen Werke nahe mit der des Grafen zusammentraf. Er stimmte ihm vollkommen bei, und erklärte, daß der Werther, der Wilhelm Meister und die Wahlverwandtschaften für alle Zeiten Musterromane bleiben und vielleicht niemals ihres Gleichen finden würden.

»Für alle Zeiten?« wiederholte der Doctor im Tone des Zweifels, »es giebt Nichts in der Welt, das für alle Zeiten dasselbe wäre!« Diese Worte wurden mit jener Ruhe gesprochen, welche einen Hauptcharakterzug des Doctors machte, dennoch wirkten sie auf Friedrich wie ein Signal zur Befreiung, wie ein Aufruf zu einem Kampfe, an dem Theil zu nehmen er trotz seines Verlangens sich nicht befugt geglaubt hatte.

»Also leugnen Sie, daß es in der Kunst ein Absolutes giebt?« fragte der Baron.

»Unbedenklich!« entgegnete der Doctor. »Das wirklich Große, das, was in seiner Zeit allen Ansprüchen derselben genügte, was ihren ganzen geistigen Gehalt in sich zur Anschauung brachte, das wird, sei es nun ein Werk der Malerei, der Bildhauerkunst oder der Dichtung, für alle Zeiten eine Bedeutung behalten; wir werden darauf fortbauen, es wird maßgebend, lehrreich, begeisternd für uns bleiben, aber ein unbedingtes Muster, das ewig und allein Berechtigte kann es nicht sein. Das hieße den Fortschritt der Menschheit leugnen!«

Der Baron, der den Doctor sehr verehrte, schwieg einen Augenblick nachdenklich, dann sagte er: »Ich wäre begierig, den Dichter zu kennen, der einst über Goethe hinausgehen wird. Wir werden Muße haben, denke ich, uns an Goethe's Werken zu erfreuen, ehe er sich findet!«

»Er kann sich aber finden,« meinte Friedrich, »wenn die Menschheit im Allgemeinen freier geworden sein wird, als sie es war, da Goethe seine großen Werke schuf!« Diese lebhafte, jugendliche Behauptung stach so auffallend gegen Friedrich's bisherige Zurückhaltung ab, daß die Anderen ihn mit Erstaunen anblickten, während der Doctor ihm zustimmend mit dem Kopfe winkte. 

Dadurch ermuthigt und von seinen Empfindungen hingerissen, fuhr er fort: »Bei aller Wahrheit des Werthers, des Meisters, der Wahlverwandtschaften, deren ganze Tiefe ich wohl nicht einmal ermessen kann, weil mir die Kenntniß der Gesellschaft fehlt, in der sie sich bewegen, sind sie doch eben nur das Bild dieses Theils der Gesellschaft, einer Welt der Ausschließlichkeit, ihrer Leiden und Freuden, und« – – fügte er plötzlich stockend, dann aber sich mit einer scheuen Hast zum Sprechen zwingend hinzu – »und es giebt noch eine andere Welt hienieden außer dieser Einen!« –

Friedrich litt von seinen eigenen Worten, während er sie sprach, und doch vermochte er sie nicht zurückzudrängen. Er empfand es, daß er plötzlich der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden sei, und diese Beachtung machte ihn verlegen. Die engen Verhältnisse, in denen er erwachsen war, hatten ihn vor Zersplitterung seiner geistigen Kräfte bewahrt, seinen Gedanken Zeit und Ruhe gegeben, sich aus stiller Tiefe auszubreiten, ruhig fortzuschreiten von Schluß zu Schluß, bis er zu jenen Blicken und Zweifeln gekommen war, die ihn das Unhaltbare der bestehenden staatlichen und geselligen Zustände im Gegensatze zu den natürlichen, berechtigten Forderungen des Menschen ahnen ließen. Jetzt indessen, da er auf dem Punkte stand, diese Ueberzeugung in einem Kreise auszusprechen, dessen Vorrechte sie antastete, erschrak er vor dem Unternehmen. Die anerzogene Ehrerbietung vor den Reichen, den Vornehmen lähmte ihn. Eine dunkle Röthe flog über sein Gesicht, aber es war nicht Scham, welche sie hervorgerufen, sondern der Zorn gegen sich selbst, der Zorn gegen die Verhältnisse, welche ihm eine solche sklavische Befangenheit eingeimpft hatten.

Der Doctor errieth den Zustand, in welchem sich Friedrich befand, und kam ihm theilnehmend zu Hülfe. »Sie haben Recht, Herr Brand!« sagte er, »die Goethe'schen Romane haben darin ihre Schranke, daß sie mehr oder weniger auf die Abstraction vom Leben, auf den schönen Schein des Lebens gearbeitet sind. Sie verhalten sich zur Wirklichkeit, wie die griechischen Götterbilder zur menschlichen Gestalt, wie Rafael's typische Menschengestalten zum individuellen Portrait.«

»Sie werden aber zugeben, lieber Doctor,« fiel ihm der Baron in das Wort, »daß diese Behandlungsweise der Wirklichkeit die edelste und angemessenste, die eigentlich klassische ist, wie ja auch Ihre Hindeutung auf die Antike und auf Rafael dies schon zugiebt.«

»Für eine bestimmte Klasse von Romanen,« entgegnete der Doctor, »ist, oder war vielmehr, jene Darstellungsart nicht nur die berechtigte, sondern die geforderte; für den Roman der Bildungsleiden der bevorzugten Stände, um die sich das Interesse jener Zeit fast ausschließlich bewegte. Die Darstellungsweise der Goethe'schen Romane ist ganz und gar aristokratisch, und sie wird unmöglich, sobald man sich von den Leiden und Freuden des Wohlhabenden, des bevorzugten Menschen, zur Bildungsgeschichte der Menschen im Allgemeinen wendet, wie sie sich in den verschiedenen Persönlichkeiten der Stände darstellt, welche noch andere als Seelenkämpfe zu bestehen haben.«

»Aber glauben Sie, Herr Doctor!« fragte der Graf, »daß jene Kämpfe der niederen Stände um ihr äußeres Dasein, daß jene alltäglichen Miseren überhaupt eine poetische Behandlung zulassen, die sich über die Art der skizzenhaften Beleuchtung erheben könnte? Was können die Leiden eines armen Handwerkers, einer kleinen Näherin, die mit der harten Wirklichkeit um ihr täglich Brot zu ringen haben, für eine große, poetische Bedeutung bieten? Goethe hat das wohl gefühlt, und deshalb, dünkt mich, die Behandlung von Motiven vermieden, welche einer Idealisirung, wie die Kunst sie erheischt, nicht fähig waren. Im Kampfe um das tägliche Leben liegt keine Schönheit, keine Poesie.«

Ein Blick des Zornes leuchtete in Friedrich's Augen, und mit fester Stimme sagte er: »Die vornehme Welt, in der die Goethe'schen Romane sich bewegen, weiß freilich von der Sorge um das tägliche Brot noch weniger, als die leichtlebenden Götter Homer's, die denn doch das mühselige Ringen des Erdgebornen wenigstens ihrer Theilnahme nicht für unwerth hielten.«

Und während er das sprach, begegneten sich die Blicke des Studenten und des Grafen mit einem Ausdruck der Abneigung, welche diese beiden durch ihr Alter und ihre Stellung so weit getrennten Männer, seit dem ersten Augenblicke gegen einander empfunden hatten. Es war etwas Unvereinbares zwischen Friedrich's unterdrücktem Selbstgefühl und dem scharf hervortretenden Hochmuthe des Grafen, und der sichtliche Antheil, den die Baronin und ihre Töchter, trotz ihres Schweigens, an dem Jünglinge zu nehmen begannen, trug nicht dazu bei, den Grafen gegen den Freimuth desselben, den er als eine unberechtigte Anmaßung tadelte, milder zu stimmen.

Und wieder war es der Doctor, der die Vermittlung zwischen Friedrich's Worten und den Ansichten des Grafen übernahm. »Ich glaube, Ihr Irrthum, Herr Graf,« sagte er, »besteht darin, daß Sie übersehen, wie die Stimmung und das Interesse unserer Zeit sich gerade den Leiden der Stände zuzuwenden beginnt, welche Sie von demselben ausgeschlossen glauben. Damit aber ist die Aufgabe und die Bedeutung des Romanes eine wesentlich verschiedene geworden. Sobald der Roman sich aus dem Bereich des befriedigten Bedürfnisses in den Bereich des zu befriedigenden wendet, wird der Roman des schönen Scheins, die typische Behandlung desselben, zu einer Unmöglichkeit, der Roman der harten Wirklichkeit und der scharfen Individualisirung zur Nothwendigkeit.«

»Es ist etwas Wahres darin,« pflichtete die Baronin, welche bis dahin eine stumme Zuhörerin geblieben war, dem Doctor bei, »denn wir sehen in den Goethe'schen Compositionen, wie sehr er es vermieden hat, das Bedürfniß an seine Helden und Figuren herantreten zu lassen, um die reine Atmosphäre vornehmer Ruhe zu erhalten, in der sich Alles und Jeder bewegt.«

»Das kannst Du nicht sagen,« wendete der Baron ein. »Du findest den Architekten, Du findest Gärtner, Bauern, Schauspieler, den Harfner und viele andere Gestalten in den Dichtungen, denen die Sorge um des Lebens Nothdurft nicht fremd geblieben sein kann!«

»Aber bei allen diesen Menschen ist das Bedürfniß in dem Augenblicke, in dem wir sie vor uns handelnd erblicken, befriedigt, lieber Vater!« bemerkte Erich, der sich zu den Ansichten des Doctors und seines neuen Freundes neigte.

»Doch nicht bei den Schauspielern und dem Harfner,« wendete der Baron ein.

»Gewiß nicht!« sagte der Doctor, »aber gerade aus der Wahl dieser Gestalten können Sie sehen, wie Goethe es zu vermeiden wußte, die Noth bitter erscheinen zu lassen. Jene Architekten, Bauern, Gärtner, deren Sie erwähnten, sind, wie Erich richtig bemerkte, Alle wohlversorgt im Dienste großer Herren; der Harfner ist ein Geisteskranker, der stumpf geworden ist gegen die äußere Noth des Lebens, und die Schauspieler wissen sich durch Schuldenmachen und Nichtbezahlen vor eigentlichem Mangel zu schützen. So tief Goethe als Mensch für die Noth seiner Mitmenschen empfand, so sehr er in seinem Amte als Minister ihr stets abzuhelfen suchte, so entschieden hat er die Welt der Dichtkunst in der Welt der satten Bildung gesucht, und darin liegt sein Zusammenhang mit der romantischen Schule, die Anschauung, welche ihn in gewissem Sinne von den Bestrebungen der Nachwelt trennen könnte.«

Der Baron gab das, wenn auch mit Bedingungen zu, und die Baronin, welche stets einen ausgleichenden und versöhnenden Abschluß der Unterhaltung herbeizuführen liebte, sagte: »Was Sie auch gegen die Goethe'schen Schöpfungen, als Musterromane, einzuwenden haben, so werden sie dieselben doch als ewige Vorbilder eines klassischen Styls stehen lassen müssen.«

»Unbedenklich!« rief der Graf; und der Doctor sagte: »Dieser abstracte klassische Styl wird aber für den Roman eine Unmöglichkeit werden, wenn wir anfangen, das allgemeine Leben zum Vorwurf des Romans zu benutzen. Die Harmonie des gleichmäßigen Styls, der hochgebildeten Sprechweise, wie wir ihr in allen Figuren Goethe's begegnen, hört auf, sobald der Ungebildete in den Kreis der Dichtung gezogen wird.«

»Dadurch wird der Styl also buntscheckig werden,« meinte der Baron, »und einen untergeordneten Ton annehmen müssen.«

»Ja und nein!« sagte der Doctor. »Die Wirklichkeit hat gegen das Ideal anscheinend oft etwas Untergeordnetes, die Sprechweise des Arbeiters, der Bürgersfrau etwas Unschönes, wenn wir sie mit der glatten, durch keine persönliche Unart unterbrochenen Schönheit des Goethe'schen Styls vergleichen, und doch wird man diesen nicht überall anwenden, jene nicht entbehren können; aber ein strenges Maßhalten wird die Buntscheckigkeit und Kleinlichkeit, die Sie fürchten, leicht vermeiden lassen. Faßt der Dichter die Menschen mit jener großen Anschauung auf, mit welcher die Rafael, Tizian, Van Dyk, Murillo ihre Portraits erschufen, so wird das Bild jedes Menschen eine ewige Wahrheit und selbst das scheinbar Unbedeutende, Unschöne bedeutend und erfreulich; während das tägliche Leben uns überall Karikaturen bieten würde, wenn man kleinlich jede Art und Unart, jedes Fleckchen und jede Warze der Originale festzuhalten suchte.«

»Diese Dinge zugegeben,« meinte der Baron, »so wird aber Ihr humaner Roman der Zukunft eine maßlose Ausdehnung haben müssen, wenn er alle Stände in seinen Bereich ziehen will, und wir werden wieder zwölfbändige Werke wie die alten englischen erleben, wenn Sie sie nicht in zwei bestimmte Klassen, in aristokratische und Volksromane scheiden wollen.«

»Was sicher nothwendig sein wird, wenn sie haltbar und in sich abgeschlossen, das heißt ein Kunstwerk sein sollen,« fügte der Graf hinzu.

»Keinesweges!« meinte der Doctor. »Im Roman eine Trennung der Stände aufstellen, die im Leben immer mehr und mehr zu verbannen unser Bestreben ist, wäre kein richtiger Grundsatz, und die Länge eines Romans wird durch das Zusammenwirken der Stände so wenig bedingt, als seine künstlerische Einheit dadurch gehindert. Beschäftigt sich der Roman, wie es seine Aufgabe ist, mit der psychologischen Entwickelung einzelner Charaktere, so ist dem Zufall jeder Spielraum in demselben genommen. Er ist bedingt durch den Charakter der Helden, und mögen dann auch, wie im Leben selbst, Personen der verschiedensten Klassen an den Helden herantreten und zu seiner Bildung mitwirken, mag er sich in den entgegengesetztesten Sphären bewegen, dem Roman wird in dem Raume eines solchen Bildungsprocesses immer eine Schranke gesetzt sei, die ihn vor übermäßiger Länge bewahrt. Beschäftigt der Roman sich aber mit Vorgängen, macht er die Entwickelung spannender Ereignisse zu seiner Hauptaufgabe, so sinkt er zur Erzählung herab, hat keine innere Nothwendigkeit und kann so unermeßbar werden, als die Möglichkeit der Ereignisse selbst.«

(Fanny Lewald: Wandlungen 1. Band, 5. Kapitel)


02 Januar 2017

Aleksis Kivi: Die sieben Brüder

In diesem Roman brechen sieben Brüder von ihrem heimatlichen Hof Jukola auf, um den engen Verhältnissen, in denen sie leben, zu entkommen.
Nach diesem Hof Jukola ist ein in Finnland jährlich stattfindender Orientierungslauf benannt, bei dem Staffeln von jeweils sieben Läufern ein Team bilden. Es ist einer der größten Wettbewerbe im Orientierungslauf der Welt, an dem regelmäßig über 11 000 Läufer  teilnehmen.

05 März 2012

Jean Paul über das Schreiben von Romanen

In seinem "Titan" schreibt Jean Paul darüber, dass er natürlch nie einen Roman wie den Titan schreiben werde:

"Schrieb' ich jemals einen Roman (wozu es keinen Anschein hat), das beteur' ich öffentlich, vor nichts würd' ich mich so hüten als vor einer Residenzstadt und vor einer stiftsfähigen Heldin darin. Denn die Konjunktion der obern Planeten trägt sich leichter zu als die hoher Amanten. Will Er ein Wort mit Ihr allein reden am Hofe oder beim Tee oder bei ihrer Familie, so steht der Hof, die Teegesellschaft, die Familie dabei; – will Er Ihr im Park aufstoßen, so reiset Sie, wie die sinesischen Kuriere, doppelt, weil man den Mädchen gern das Gewissen, wie die Natur alle wichtige Glieder, doppelt gibt, wie gutem Weine doppelten Boden; – will Er Ihr zufällig wenigstens auf der Gasse begegnen, so schreitet (wenn diese in Dresden liegt) ein saurer Bedienter hintendrein als ihr Pestessig, Seelensorger, curator sexus, chevalier d'honneur, Sokrates-Genius, Kontradiktor und Pestilenziarius – – Hingegen auf dem Lande läuft (das ist alles) die Pfarrtochter, weil der Abend so himmlisch ist, um die Pfarrfelder spazieren, und der Kandidat braucht nun weiter nichts zu tun als Stiefel anzuziehen. – Wahrlich unter Leuten von Stande scheint der Mantel der (erotischen) Liebe anfangs ein Doktor Fausts-Mantel zu sein, der alles zu überfliegen schwört, indes er bloß alles überdeckt; allein am Ende steht einem das Schreckhorn, der Pilatusberg und die Jungfrau vor der Nase."

14 November 2007

Auf den Straßen Roms


Eine junge Frau allein in Rom, nachdem sie drei Tage nach dem Zusammentreffen mit ihrem Mann, erfahren hat, dass er, der Soldat, zum Afrikakorps muss.
Schwanger, vom Arzt aufgefordert, viel zu gehen, immer unterwegs. Mit Blick auf die vielen Adler. Was sollen die deutschen Adler hier? Aber sie sind auch weniger militärisch, natürlicher, streng freilich auch.
Im evangelischen Diakonissenheim auf die Geburt wartend, so war das Arrangement gewesen. Er als Soldat eine halbe Stunde entfert, sie im Heim. Er jetzt in Afrika.

So geht die Mutter von Friedrich Christian Delius durch die Stadt.
Er nennt sein Buch "Bildnis der Mutter als junge Frau". Die Gedanken der jungen Frau bei ihren ständigen Spaziergängen durch eine Stadt, deren Landessprache sie nicht versteht, deren Geschichte sie nur verschwommen kennt, deren Kunstwerke sie nicht einordnen kann, bezeichnet als Bildnis wie das Werk eines Tizian, Botticelli, Lippi oder Cranach.

Dabei sieht sie viele Bilder, den grüngrauen Tiber mit prächtigen hellen Mauern gerahmt. Aber ein Bild ihrer selbst?

Rezension von Katharina Döbler
in der ZEIT, 8.11.2006

16 Juli 2007

Schopenhauer-Kur

Nach Safranskis Einführung mit wichtigen Textbeispielen die beste Hinführung zu Schopenhauer, die ich bekommen habe. Seine Schriften selbst stoßen mich eher ab, zumal ich ihren Stil weit schlechter als den von Nietzsche finde. Für einen Autor, der als Stilist gerühmt wird, für mich nicht gerade ein Kompliment. (Lesbarer als Kant, Hegel, Heidegger und Adorno ist er schon, nur finde ich dort des öfteren mehr, was mich interessiert.)
Dass Schopenhauers Alter Ego (vgl. Theo Wuttke alias Fonty in "Weites Feld" von Grass) in Irvin D. Yaloms Roman einer Psychotherapie unterzogen wird, finde ich nicht so schlecht wie andere, vor allem reizt mich durchaus der Blick in Gruppentherapie und die Sicht ihres Leiters.
Trotzdem finde ich während der Lektüre Abstand genug, diesen Eintrag zu verfassen. Je nach Erwartung ein positives oder negatives Zeichen.

Mehr über den Roman (Beurteilungen und Textauszüge)