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08 Juni 2021

Vischer: Auch Einer - In Norwegen

Zum größeren Zusammenhang sieh: Herr Rau: Lehrerzimmer Auch Einer (1879) – Teil 3

"Norwegen. Christiania. Schlimmes kann doch auch Gutes tragen, zum Beispiel Sorge vor Emphysem ein freies Jahr. Möchte schon lang Italien sehen, aber auch Norwegen. Gut, gut, Herr Doktor, Sie wollen mich nach Italien, aber da ist Juli und August zu heiß, dagegen in Norwegen die Zeit der hellen Nächte, also zuerst Norden, dann Süden! Durchgesetzt und – einmal ein Glück – ein Stellvertreter geschickt zur Hand, Urlaub herausgeschlagen, fort, fort!

Wie freier schon die Brust, seit ich das Meer wieder gesehen! Eigentlich zum erstenmal; denn damals auf Sylt und Föhr habe ich es noch nicht so recht verstanden, brachte noch nicht Ernst genug. Zuerst groß, unendlich in Stille. Dann mäßig bewegt, also alles sehen dürfen: die Großheit der Horizontale, Helldunkel, Farbe, Durchsichtigkeit, Spiel der Reflexe und der herrlichen, schwanenhalsigen Bogenlinien! Die Seele jauchzte mir. O, da gibt es viel Gott! [...]


O Rappe, o Rappe, dein Sattel ist leer,
Sag an, was bringst du für traurige Mär'?
    Merk auf, Herr Olaf!

›Dein Liebster ist hin, daß Gott sich erbarm',
Ihn wieget die Nixe im schneeweißen Arm!‹
    Merk auf, Herr Olaf!

›Bei den Fischen wohnt er im tiefen Meer,
Die Sonne siehet er nimmermehr.‹
    Merk auf, Herr Olaf!«

Wer könnte die Töne dieses Gesangs beschreiben! Schweres Dunkel, sich verdichtend, anschwellend, war ihre Grundstimmung. Bei den Lockworten der Nixe gingen sie in eine schmelzende Süßigkeit über, wurden heißer und heißer, man meinte den wollüstigen Jubel zu hören, der nach den gezogenen Klagelauten aus den Wirbeln der Nachtigallstimme auflodert. Sie sanken in ein tiefes Weh gegen das Ende, aber wirklich am Ende, beim letzten Verse stieg wie ein Geist aus den gesungenen Tränen des Mitleids ein Etwas hervor und mischte sich unsagbar mit ihnen, – ein Etwas – Triumph und Schadenfreude wären ein plumper Ausdruck; auch wenn ich es umschreiben wollte: »dahin kann ein Weib einen Mann bringen,« es wäre nackt und roh übersetzt, o, es war unheimlich und doch unwiderstehlich! – Die letzten Töne verklangen im Echo der Felsen, und jetzt sah sie wieder zurück, diesmal auf mich. Wer kann sagen, was über ihr Angesicht zuckte! Ein Schatten von Ernst, dann wieder Lust, Reiz, Wonne, Mutwille, Witzgeist, Spott, Uebermut, helles Siegesfrohlocken, das beim Himmel noch etwas andres besagte, als: »so kann ich singen!« Aber wer hätte das triplex aes circa pectus bewahrt! Ja, so konnte sie singen – und? – [...]


Bergen. Alter Königssitz; jetzt still trotz Handelsverkehr. Eingemietet in einer »Stube« der alten Hansekaufleute. Getäfelt, behaglich. Deutsche Erinnerungen. Tüchtige alte Stadt; bürgerlich, angenehm philisteriös; Holzhäuser, mit weißer Oelfarbe angestrichen; Almendingsplätze, zum Teil anziehend langweilig mit Gras bewachsen. Festung darüber, hoch auf den mastenreichen Hafen herabschauend. Will arbeiten, einmal wieder etwas lesen, nur selten hingehen. Es regnet viel, mir jetzt recht. Goldrun auf der Herreise lang still, dann voll Spott, höhnte auf Registraturen, Amtsstuben, Sitzen, Verdorren. – Jetzt still und zahm.

Man hat die griechischen Studien wieder aufgenommen; Phädon, dann soll es an den Oedipus König. Ich muß doch teilnehmen; man lädt mich sehr ein.

*

Stille Tage. Gesammelte Abende. Dieser Dyring ist doch dem wilden Wesen ein Halt. Wie sanft ist sie, wenn sie an seinen Blicken hängt, auf seine Worte lauscht! Seine hohe Stirn, sein tiefes Auge breitet Meeresstille aus. Arnhelm in einer wahren Andacht, oft wie verzückt. Das Griechische fließt wie Honig des Hymettus von ihren Lippen; wie ertönt da das klangvolle ος der Endungen!

*

Merkwürdig, wie der Tod Leben entzünden kann! Ueber dem Phädon, dem sterbenden Sokrates gibt's viel zu denken an ihn. Der Tod ist pures Nichts, sage ich; der Tod ist, wobei man überhaupt nichts denken kann. Entweder ich lebe, dann bin ich nicht tot, oder ich bin tot und dann lebt keiner, der es bedauerte, daß er tot ist. Man hat Angst davor, sich einmal tot vorzufinden, aber der Tote sucht und sieht sich ja nicht. Daher ist es purer Unsinn, an den Tod zu denken. Wenn nur die Phantasie nicht wäre, die uns zwingen will, uns vorzustellen als im Tode lebend und uns tot wissend! Eine Witwe hat mir erzählt, sie habe den plötzlichen Tod des Vaters dem kleinen Töchterchen einen Tag lang verheimlicht, dann aber das nicht länger gekonnt. Das Kind schweigt eine Weile und sagt dann: aber da wird der Vater traurig sein, daß er tot ist! – Genau wie die alten Völker: Schattenleben im Scheol, im Hades; – tot und im Tod so viel lebend, um zu wissen, wie unangenehm der Tod sei. – Was ist nun das Uebel? Es braucht Denken, viel Denken, diese Phantasie fernzuhalten, als stäken wir lebend im Tod, und zu begreifen, daß man an den Tod schlechthin nicht denken soll. So kommt es, daß man vor lauter Denken, warum man an den Tod nicht denken soll, zuviel an den Tod denkt. [...]

Drontheim. Da wär' ich! Frei! Weit weg! Wie am Ende der Welt! – Wild auf wilden Wegen weiter, immer weiter. – Frei? Wenn nur die Träume nicht wären – auch ins Wachen herein! Diese beständige Bangigkeit, dies Weh in der Herzgrube! Ich fürchte keinen Menschen und bin doch so atemlos zusammengeschnürt – Träume voll Todesangst – ich bin vergeistert, wohne im Reich der Dämonen. * Hätte mich das Ungetüm zerrissen bei Jostedalsbrä, mir wäre wohl besser. Die Bärenjagd mitmachen, – ich hoffte eine Kraftkur für die arme Seele. Im ewigen Schnee, am Eis der Gletscher: Ausstürmen, Kühlung! Will es ohne Schuß wagen, mit angepflanztem Haubajonett. Bär steht, Stoß fehlt. Die Rotjacke hat mich mit wohlgezieltem Schusse gerettet. Unkraut verdirbt nicht. Aber Tatzenhieb über die Schulter. Gut, daß der Doktor die Jagd mitmachte, der Schwede Erik hat mich in den Gard bringen lassen, verbunden. Wundfieber. Wilde Phantasien: Goldrun, goldglänzende Bärin, haut mich über die Brust, schleppt mich hinter den Ovsthusfoß, umarmt mich dort als Meerfräulein, verwandelt sich plötzlich in den Wolf Fenrir. – Am andern Tage wieder hell, doch schwach. Der Doktor gar guter, gesund nüchterner junger Mann. Sitzt an meinem Lager, der Ton seiner Stimme, der Blick seiner Augen so ehrlich und beruhigend; erzählt: hat sich als Arzt in Bergen nieder gelassen, holt bald seine Braut von Schottland herüber. Wird nicht müde, sie zu rühmen, wie reiches Seelenleben, und dabei so sanft, gut, brav; Vater ein Schotte, Mutter auf Perugia; heißt Cordelia, »und,« sagt er, »ist auch Cordelia«. Malt sich rührend sein nahes Glück auf, – wie die Zimmer einrichten – alles. Mir tönt das wie ferne Glocken, wie alte Sage von der ins Meer versunkenen Stadt. Einfaches Menschenglück! – Für mich nie! * Geheilt weitergewandert. Ueber wüste Hochebenen, todeseinsam. Oft hungernd fortgeschleppt, bis ein ärmlicher Säter mich aufnahm. Ein Schneehuhn flattert auf, ein Fuchs schleicht, keine Menschenseele. An Bergseen schwerträumend. Hinab? Unter? Nein, weiter! Ich sehe Gestalten im Geist über diese Wüsten schreiten, kriegerische, abgemagert, zerlumpt, ungebeugt, ein jugendlich Haupt ihr Führer. König Sverrir, der du mit deinen kühnen Banden einst hier ringend mit Kälte, Schnee, Hunger umhergeirrt, Kriegern in Birkenrinde gekleidet, oft der Verzweiflung nahe, sich fragend, ob sie sich nicht lieber hoch von den Klippen stürzen oder gegenseitig töten sollten, – hast ausgehalten mit deiner Schar, ein halb Jahrhundert gekämpft gegen Priesterherrschaft, drunten im Sognefjord in blutiger Seeschlacht gesiegt, – o, so etwas! wer mir das brächte! – Aber will aushalten! Will mich nicht schämen vor euch Heldengeistern. Bin Mann. [...]

Als sie mich wegschüttelte, als ich den Kopf an den Schrank schlug, da fiel mir Siegfried ein: »Daz im sin Houbet lute an eime Schamel erklank«. Er hat dann das wilde Weib bezwungen, dafür hat sie ihn morden lassen. – Bin ich fertig mit ihr? Daß aber doch auch das Denken nichts, gar nichts helfen will! Besinne mich auf alle Weisheitssprüche – was ich nur aufgraben kann, aus dem gefrornen Gedächtnis heraushauen – Sprüche Salomonis, Weisheit der Brahmanen, Sakja-Munis herrliche Arzneien gegen die Leidenschaft, Konfutses Weisheit, Sieben Weise Griechenlands, Plato – ach, über dem fällt mir der sanfte Gang in Westfjorddalen wieder ein, unsre Plato-Abende in Bergen, jede Stunde, wo sie gut war und vernünftig – – fort, weiter; die Stoiker, Markus Aurelius, der reine Kühlbrunnen seines Εἰς ἑαυτὸν –, Goldworte des Neuen Testaments –: da taute aus Knabenzeit wieder in mir auf: »Denen, die den Herrn lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen,« – die Augen wurden mir feucht –; mein Spinoza – Kant – der fiel mir nach langer Zeit wieder ein, sein ehrliches Schriftchen: »Von der Macht des Gemütes, durch den bloßen Vorsatz seiner kranken Gefühle Meister zu werden«, – u. s. w. u. s. w. u. s. w. – Und alles umsonst! Die Leidenschaft ist eine profunde Sophistin. Was sagt sie? Sie sagt: alles ganz wahr und schön, mag auf alle Fälle passen, nur auf diesen nicht; der ist von absoluter Besonderheit. Das Diese kämpft gegen die Wahrheit und Macht des Allgemeinen, will sich in seiner zäh gebackenen Dichtigkeit nicht von ihm perforieren lassen. Ja die Diesheit, das ist etwas gar Dunkles, Schweres, ein großes Geheimnis. [...]

Mein Zentrum ist außer mir, heißt Goldrun, läuft um, wo es – wo sie mag, mißhandelt mich, entehrt mich. Ich bin nicht mehr Ich. * Dämonisch ist das Weib, dessen Reiz noch fortwirkt, während man sie schon verachtet – Eine Definition unter andern, es gibt noch mehrere. * Oft war sie zwischen Herrschsucht, Siegeshohn ganz untertänig, mehr als recht. Der Hochmut und der Sklavensinn, Die sind in einer Schublad' drin. [...]

        Jetzt schnaube nur, Dampf, und brause! Jetzt rolle nur, Rad, und sause! Es geht nach Hause, nach Hause! Du kannst nicht jagen, o Wagen, Wie meine Pulse mir schlagen! Zur Geliebten sollst du mich tragen! Vorüber, ihr ragenden Stangen! Verschwindet, ihr Meilen, ihr langen! Wer ahnt mein Verlangen und Bangen! Auf den Bänken, wie sie sich dehnen! Wie sie schwatzen und gaffen und gähnen! Es ist nichts, wonach sie sich sehnen. Dort raset der Sturm durch die Tannen, Zum Dampfe noch möcht' ich ihn spannen, Daß er rascher mich reiße von dannen! Hinweg aus dem plappernden Schwarme, O, hin an die Brust, an die warme, In die offnen, die liebenden Arme! * Lekanger am Sognefjord. Getroffen. – Sjöstrand eine Lustaue, als wäre man in Italien, Fruchtgarten an Fruchtgarten. Vögel girren und schlagen, Eichen und Eschen flüstern, Bäche rieseln, groß brandet die Woge. Aber welche Berge, welche Schneehäupter ragen herüber wie Ewigkeit in den Moment der Wonne! Ja hier, hier! Gönne mir mein Glück in deinem heiligen Hage, deiner alten Friedens- und Opferstätte, du Jugendgott mit den blühenden Wangen, gönne mir's, Baldur! Hast's auch Frithjof nicht mißgönnt, als er herübersteuerte von Framnäs. des Vaters Haus, auf seinem Schiff Ellidi, und sie besuchte, die Gespielin seiner Kindheit, die holde Ingeborg, ihm verweigert von den stolzen Brüdern Helgi und Halfdan und verwahrt in deinem Heiligtum! 

Selige Tage, nur Tage, denn noch scheint die Mitternachtssonne unsern Entzückungen. [...]

Diese Nacht, wie ich so die Schlummernde, Hingegossene beschaute, warum kam denn plötzlich ein Grauen über mich? Ich bin doch so sehr im Vollglück. Und warum beim Anblick von Dyrings Bild, das sie als Medaillon am Busen trägt? Er war doch so eine platonische Natur, so ernst, so edel! * Warum wächst denn dies Grauen und muß mir einfallen, wie Faust in der Helena, die ihm der Teufel zuführt, ein Gerippe umarmt? * Habe den griechischen Einladungsbrief wieder gelesen. Wo war meine Nase? Zur Lust locken hart am Grabesrande des väterlichen Freundes! – Und sollte er, er sterbend sie an mich –, ist's glaublich, wenn ich mich gewisser Blicke – doch nein, diese Mißgeburt stoße aus, mein krankes Hirn! – Aber der Brief! Ein Geflick aus Lappen der Sapphobruchstücke! – * Mit ihrem Griechisch ist es auch so weit nicht her, als ich meinte. Dyring und Arnhelm haben ihr immer geschickt nachgeholfen. [...]

Ich meine immer, ich müsse ihr recht fürchterliche Predigten halten und dafür solle sie mich recht küssen. Vereinigter, gleichzeitiger Kußregen und Ohrfeigenregen – so steht's hier ums Wetter, dies wäre meine Losung. [...]

Du reizend Ungeheuer,     

Neig her den schönen Leib! 

Reich mir den Kelch voll Feuer,     

Du wunderbares Weib! 

Willst du mich küssen, drücken,     

Werd' ich mich nicht entziehn, 

Spür' ich in meinem Rücken     

Den Dolch auch immerhin. 

Wie salzlos wär' die Liebe,     

Wie matt ihr Himmelsgold, 

Wenn sie aus einem Triebe     

Allein bestehen sollt'! 

Da ist man erst gerühret,     

Das ist der rechte Spaß, 

Wenn Haß die Liebe schüret     

Und Liebe schürt den Haß. 

In unsrem Liebesorden     

Mag man das Schlichte nicht, 

Da möchte man sich morden,     

Wenn man sich heiß umflicht. 

Sag, welches Erdgeists Laune     

Hat dich so stolz gebaut? 

Mir graut, indem ich staune,     I

ch staune, wie mir graut. 

Sag, welcher wilde Dichter     

Hat dich, o Weib, erdacht? 

In dir die Himmelslichter     

Gemischt mit Hadesnacht? 

Du winkst mir in den Wagen,     

Es ist schon eingespannt, 

Zwei Rappen uns wohl tragen –     

Du weißt, in welches Land. 

Da bin ich schon zur Stelle,     

Die Geißel schwinge frei! 

Nun im Galopp zur Hölle!     

Hurra, ich bin dabei! 

Soll ich's ihr zum Lesen geben? Entsetzlich! Unmöglich! Und doch! – »So war ich mit ihm.« Mit dem Platolehrer! – Sind mit dem Knaben Arnhelm zwei gleichzeitig, drei so gut als gleichzeitig! Denn daß sie mit dem jungen Schöngeist auch »so war«, wie könnt' ich noch zweifeln! – Und hingesagt hat sie's leichtweg, als verstände sich's nur so von selbst!"

(Vischer: Auch Einer Kapitel 18)



12 Juli 2019

Jugendbücher über Welten zwischen Leben und Tod

Die Darstellung JUGENDLITERATUR: Im Reich zwischen Leben und Tod von TILMAN SPRECKELSEN der FAZ vom 12.7.19 scheint mir so interessant, dass ich sie unbedingt hier verlinken möchte.
Der Anfang des Textes hier als Anregung zum Weiterlesen:
"„Harry Potter“, „Tintentod“, Marishas Pessls „Niemalswelt“ und viele andere: Aktuelle Kinder- und Jugendbücher spielen verblüffend häufig in einem Reich zwischen Leben und Tod. Warum sind solche Bücher so beliebt?
Fünf Jugendliche feiern ohne Eltern in einem Ferienhaus, dann setzen sie sich ins Auto und fahren auf der engen Küstenstraße. Einem entgegenkommenden Laster weichen sie gerade noch aus. Sie kehren ins Ferienhaus zurück und feiern weiter. Bis plötzlich ein Unbekannter vor der Tür steht und sie darüber informiert, dass sie alle tot sind, gestorben beim Zusammenstoß mit dem Laster. Oder jedenfalls fast: Sie befinden sich in einem Schwebezustand zwischen Tod und Leben, dazu verdammt, den vergangenen Tag immer aufs Neue durchzustehen, so lange, bis sie einen aus ihrer Mitte auswählen, der weiterleben darf. Die übrigen vier aber werden dann endgültig gestorben sein.
 So setzt „Niemalswelt“ ein, der erste Jugendroman der amerikanischen Bestsellerautorin Marisha Pessl [...]" [Die Links sind von mir hinzugefügt.]

15 November 2018

"Etwas Besseres als den Tod findest du überall"

Diesen Satz aus den Bremer Stadtmusikanten (Text von 1857) hat Zuckmayer zum Motto seines Hauptmanns von Köpenick gewählt und er ist immer wieder literarisch aufgegriffen worden.
Das Gefühl des Nutzlosseins steht als Motto über all den vielen Fluchtversuchen nach Europa und führt aufgrund der Abschottung Europas zu den vielen Toten in der Wüste, in den Folterlagern Libyens und im Mittelmeer.
Und die, die keine Nachrichten von den Aufgebrochenen erhalten, klammern sich an die Hoffnung "Etwas Besseres als den Tod findest du überall".
Darauf zielt der Schlusssatz von Roger Willemsens "Timbuktu": "In dieser ganzen Zone der Sahara ist nichts als diese Bewegung, die Bewegung einer Flucht ohne Fluchtpunkt, die von nichts angetrieben wird, als von der Möglichkeit zu fliehen."

Es ist ein Exodus auf der Suche nach dem "gelobten Land". Nicht ohne Grund ist Exodus immer wieder als Ausdruck für den Ausbruch aus unerträglichen Verhältnissen gewählt worden. 
Im Märchen wird immer wieder aufgebrochen zu einer Suche "bis ans Ende der Welt". Roger Willemsen sucht und findet solche Enden immer wieder.
Doch das gelobte Land wurde schon in der Geschichte immer wieder zum Land der großen Konflikte: Nahostkonflikt, Völkermord an Ureinwohnern. 

Davon ist die Literatur fast so voll wie von Geschichten des Aufbruchs zu einer Suche nach einer besseren Welt. 

28 Mai 2018

Ungestilltes Sehnen und Sehnsucht nach dem Tod in der Romantik

"Der Topos der Hinwendung zum Tod ist in der Romantik natürlich sehr stark vertreten und äußert sich vor allem als Topos des archetypischen ungestillten Sehnens, konkret, vor allem des Liebessehnens. Hier gibt es in der Frühromantik die für das 19. Jahrhundert maßgeblich gewordenen Titel der "Schönen Müllerin" (Schubert) und der "Fernen Geliebten" (Beethoven), die geradezu zum Muster wurden und vor allem von Schumann bis Mahler und den frühen Berg auch musikalisch-motivischer Form und sogar bis hin zum musikalischen Zitat (z.B. in Schumanns Dichterliebe) aufgegriffen werden. Auch im Symphonischen Repertoire gibt es die Entgenzung, etwa im wiederum maßgeblichen letzten Satz von Beethovens 9., wo, wiederum auf Grundlage eines dichterischen Textes, [...]"(baucolo: auf gutefrage.net zu "Musik der Romantik-Motiv der Unendlicheit?")

mehr dazu: von baucolo

07 Dezember 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (2. Buch 33.- 36. Kapitel)


Dreiunddreißigstes Kapitel
Ferdinand Simon begleitete mich mit einem Stipendium der Schwestern nach Berlin. Unterwegs dorthin im Abteil dritter Klasse lernten wir einen originellen Reisenden kennen. Er war bedeutend älter als wir. Der große Zoologe Brehm war sein Freund. Er hatte an einigen von dessen Forschungsreisen teilgenommen, auch an jener, die Kronprinz Rudolf von Österreich mitmachte. Die Erzählungen des breiten, kerngesunden Forschers, Jägers und Gelehrten steigerten sich zu wirklicher Kunst. Als ich seine Gabe bewunderte, erklärte er, daß Brehm, der große Tierforscher, selbst sie in einem viel höheren Maße besessen habe. Sein »Tierleben« möge gut geschrieben sein, aber an seinen mündlichen Vortrag reiche es nicht heran. [...]
Wir kamen im Rosenthaler Viertel unter. Es ist eine Gegend, die man kennen muß, um zu wissen, daß sie mit dem Westen Berlins nicht in einem Atem zu nennen ist. [...]

Wir besuchten die Bilse-Konzerte. Dort saßen die Männer hinter Bierseideln, die Frauen hinter Strickstrumpf und Kaffeetasse, Mütter brachten die Kinder mit. Aber Bilse, ehemals Militärkapellmeister, hatte ein von ihm gut geschultes Orchester in der Hand. Es hatte im Reich den besten Namen. [...]
Durch den befrackten, ordenbesternten Militärkapellmeister, der sogar den Bogenstrich seiner Geiger exakt und einheitlich regelte, haben wir Haydn, Mozart, Gluck, Beethoven, Schubert, Weber, Wagner und Brahms kennengelernt. Und manche der Sinfonien, Ouvertüren und sonstigen Musikstücke konnten wir wieder und wieder genießen, bis sie uns vertraut waren.
Von allen Meistern war uns Beethoven am nächsten gegenwärtig. Wir sahen in ihm den erhaben ringenden Geist der Zeit. Er wurde uns damals mehr als ein Faust und überragte diesen an mythischer Kraft und kosmischer Dämonie. Er war uns der gigantische Rebell, der Blitze warf und Donner erregte gleich dem Wolkenversammler. Und zum viertenmal stieß ich wieder auf das Prometheische: den »Entfesselten Prometheus« von Lipiner hatte ich zuerst kennengelernt, den Goethischen etwa gleichzeitig, ihm folgte »Der gefesselte Prometheus« des Aischylos und diesem dann, in Menschennähe, Beethoven.
Und dieser Prometheus sang, obgleich gefesselt, doch frei in Not, Kampf, Sieg und Untergang das große Menschheitslied. Es klang in mir und weckte sein Echo ebenso in Ferdinand Simon und Hugo Schmidt.
Wo blieb da dein Atheismus, mein lieber Ferdinand? Antworte mir, wenn du kannst, aus dem Jenseits, in das du längst hinübergewechselt bist!
Eine größere Erschließung als diese gab es nicht. Und wie sie sich plötzlich auftat im Osten Berlins, glich einem Wunder.
Eines Tages krönte sich diese Erschließung dann im Erlebnis der Neunten Sinfonie. Es war uns geglückt, zu einem der großen Konzerte in der Königlichen Oper Galerieplätze zu erobern, Ferdinand Simon, Schmidt und mir. Wir haben uns die Hände gepreßt, und während unsere bis zum Springen erschütterten jungen Seelen uns mit einer himmlischen Offenbarung gleichsam töten wollten, rannen uns Feuertränen über die Wangen: »Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt!«
Unaussprechlich, wie uns zumute war, als endlich Wort und Stimme, aus dem Chaos geboren, erklang und die Gottheit endlich mit der ersehnten Offenbarung ihr Schweigen brach: »Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt! Brüder – überm Sternenzelt muß ein lieber Vater wohnen!« – Was fühltest du damals, mein lieber atheistischer Ferdinand, als du mir fast bewußtlos die Hand drücktest? Und nun, wie die Heere der Erlösten in einer Marcia trionfale daherziehen und das »Freude, schöner Götterfunken!« jauchzend aufjubelt! Und dann der Schrei! und wieder der abreißende Schrei: »Freude! Freude!«
Die göttlich tönende Kuppel über dem Tempel der Menschheit heißt Beethoven. [...]

Eines Tages brachte Simon ein kleines Heftchen der Reclambibliothek, »Nora« von Ibsen, mit. Er war vor Begeisterung außer sich. Das Drama wurde uns eine helle Fanfare. 
Zugleich war es das erste Henrik-Ibsen-Wetterleuchten. Mit fruchtbarem Regen und Wachstum sollte sein Werk dann später als Frühlingsgewitter heraufsteigen. [...]
Die Tradition des Meiningischen Theaters nahm das Deutsche gewissermaßen wieder auf, und mir ging es ebenso. Auf höherer Stufe durfte sich nun fortsetzen, was sich während einer Breslauer Knabenzeit so glorreich begonnen hatte. Förster, Friedmann, Kainz hießen die großen Darsteller, die ich sah, Agnes Sorma, die Jürgens und die Geßner standen in ihrer Blüte.
Hohe Feste waren es, die damals im Deutschen Theater gefeiert wurden.
»Romeo und Julia« war eines davon. Heute habe ich Kainz als Romeo in bester Erinnerung, damals hat er mir nicht gefallen. Der junge Mensch wollte immer noch mehr gesehen werden, als er gesehen wurde. Er entschloß sich schwer, die Mitte der Bühne zu verlassen, und seine besondere Eitelkeit war sogar dem historischen Kostüm anzumerken, das er immer noch besonders herausputzte.
Auch schien mir dieser Romeo in der Lyrik der Liebe nicht lyrisch genug, nicht erschüttert genug vom Elementaren der Leidenschaft.
Ich lernte den »Richter von Zalamea« kennen. Der reiche Bauer Pedro Crespo wurde von Förster dargestellt, Don Lope, der General, durch Friedmann zu einem unvergeßlichen Kabinettstück großer Schauspielkunst gemacht. Die unvergleichliche Gestalt des stämmigen Bauern Crespo mit seinem stämmigen Verstand, seiner stämmigen Moral, seiner stämmigen Männlichkeit, der den adligen Schänder seiner Tochter umbringen läßt, mußte sich unvergeßlich einprägen.
Nach dem echten Calderon folgte »Weh dem, der lügt!« von Grillparzer. Kainz als Küchenjunge Leon brillierte darin.
Von Schiller habe ich besonders den »Fiesko« in Erinnerung. Carl und ich liebten das Stück von je um seines Verrina willen.
In dieser nahen Beziehung zum Deutschen Theater, das wir mit Studentenbilletts zu ermäßigten Preisen oft besuchen konnten, sammelte sich das Ganze hie und da früher aufgenommener theatralischer Eindrücke. Ich mag meinen Freunden durch Reminiszenzen dieser Art, die, schauspielerisch vorgetragen, von mir vielfach ins Gespräch gemischt wurden, recht beschwerlich geworden sein. [...]

Vierunddreißigstes Kapitel
Die stärkste Warnung, die einem Menschen widerfahren kann, warnte mich nicht: der arme Pastorsohn Schidewitz wurde dicht an meiner Seite von den vergifteten Wässern hinweggespült.
Wir hatten am Abend den treuherzig-komischen Burschen wieder einmal unter uns. Er aß und trank mit besonderer Hingabe. Am Mittag des folgenden Tages rief mich ein Briefchen seiner Wirtin an sein Krankenbett. Ich traf ihn ohne Bewußtsein im Fieber.
Die Zeit meines römischen Niederbruchs jährte sich, als ich Schidewitz mit aufgesprungenen Lippen, wirre Worte ausstoßend, von hohem Fieber brennend, vor mir sich hilflos im Bette winden sah. Ich glaubte augenblicklich zu erkennen, daß er von derselben Krankheit befallen war wie damals ich. Ich fragte, ob man nicht einen Arzt geholt habe. Es war geschehen, der Arzt erschienen, aber er hatte nach kurzem Anblicken des Kranken nur gefragt, wer die Behandlung bezahlen würde, und, weil man darüber Auskunft nicht geben konnte, die Tür von außen zugemacht.
Ich verordnete kalte Umschläge, legte sie ihm selber mit Hilfe der Wirtin auf und beruhigte sie, als sie nun ihrerseits, den Verlust der fälligen Miete und kleiner Auslagen fürchtend, zu jammern begann.
Irgendwie war es mir möglich, aus den Briefschaften des armen Jungen seinen Heimatort und die Adresse des Vaters auszumitteln, so daß ich einen telegraphischen Notschrei an ihn richten konnte.
Ich sandte die Wirtin nach einem anderen Arzt, sie fand aber keinen, der ihr nach Erkenntnis der Sachlage folgen wollte. Der Abend brachte im Zustand des Kranken eine Verschlimmerung. Leider dachte ich nicht an ein Krankenhaus, als ich den Kranken verlassen mußte. Die Nacht bei ihm durchzuwachen hätte mir den Verstand geraubt. Der Vater käme ja morgen früh, dachte ich und sagte der Wirtin, sie möge für kalte Umschläge sorgen, bis er erscheine und sie für ihre Mühe belohnen werde. Ich selber wolle auch wieder beizeiten zur Stelle sein.
Der Kranke war bereits fortgeschafft, als ich am nächsten Morgen erschien. Etwas Fürchterliches war vor sich gegangen: man hatte Schidewitz im bloßen Hemd auf den Steinfliesen des Hauseingangs aufgefunden. Er mußte im Anfall eines Fieberdeliriums aufgesprungen sein, die eigene Tür und die des Entrees gefunden und aufgerissen haben und dann bei der herrschenden Winterkälte das Treppenhaus drei Stockwerke tief gelaufen, gestürzt, gerollt, zerschunden und halb totgeschlagen unten bewußtlos gelandet sein.[...]
Dieses schwere Erlebnis kam einer äußersten Tiefenlotung gleich, die eine Stelle in meiner Seele wie einen jederzeit zu erweckenden schmerzhaften Grundklang zurückgelassen hat. Lange wurden wir den Duft der Verwesung nicht los, und das Bewußtsein von der unvoraussehbaren Schnelligkeit eines unsichtbaren Nachrichters fuhr fort, uns zu beunruhigen. Heut, Montag, dachten wir, sitzen wir um den runden Tisch, haben Pläne, arbeiten, denken darauf hin, setzen ein langes Leben voraus, hoffen auf Glückseligkeit, Begegnungen mit Freunden und schönen Frauen, und Freitag können wir bereits unter der Erde sein ... Es war, als ob wir uns jetzt erst recht ins Leben hineinwühlen, vom Leben nicht eine Stunde ablassen sollten. »Lasset uns essen, trinken und fröhlich sein, denn morgen sind wir tot!« Es war, als wenn eine Stimme diesen Grundsatz in uns einbohren wollte. Ein dumpfer und finsterer Lebenshunger kam über uns. Er zog uns nicht nach oben, ins Licht, sondern schien uns dem Abgrund zu überantworten. [...]
»Sie führen ein unverantwortliches Bummelleben, junger Mann! Ihre Gesundheit ist nicht die stärkste, junger Mann! Wenn Sie es auch nur ein halbes Jahr so forttreiben, sind Sie nicht mehr ein junger, sondern ein toter Mann!« Ich weiß nicht mehr, wie ich auf die Straße gekommen bin, ich sah dicht vor meinen Füßen den Abgrund klaffen. Und doch ist in diesem Winter meine erste epische Dichtung »Promethidenlos« beendet worden. 
Ich weiß nicht mehr, wie ich auf die Straße gekommen bin, ich sah dicht vor meinen Füßen den Abgrund klaffen. Und doch ist in diesem Winter meine erste epische Dichtung »Promethidenlos« beendet worden.
Jetzt wurde die Hochzeit vorbereitet.
Ein gesunder Mensch war ich damals also nicht. Die schlimmen Folgen des Typhus, hatte mein gefühlvoller kapitolinischer Krankenwärter gesagt, zeigen sich erst in den folgenden Jahren. Hatte ich irgend etwas getan, um dem vorzubeugen? Ich hatte sie eher mit aller Gewalt herbeigeführt.

Fünfunddreißigstes Kapitel
So ging ich mit meiner Braut aufs Standesamt, so wurde ich mit ihr in Dresden, am Altar der Frauenkirche, zusammengegeben. Der Geistliche nannte mich einen Meister der hohen Bildhauerkunst, der sich in Rom einen Namen gemacht habe und dem noch Großes bevorstehe. Wir waren darüber erstaunt: so hatte er meine nüchternen Unterlagen für seine Rede aufgebauscht.
Der Frack, den ich anhatte, war mir im letzten Augenblick vom Onkelchen Thienemann geliehen worden, natürlich paßte er mir nicht.
Es war im Mai. Das Hochzeitsdiner fand in einem besonderen Raume des Belvedere auf der Brühlschen Terrasse statt. Frida und Olga, die Schwestern der Braut, waren zugegen, dazu ein Onkel und ein Vetter Thienemann. Am Schlusse des Frühstücks erschien Max Müller wie zufällig.
Der Tag war schön. Ganz Dresden hatte sich auf den Terrassen und in den Sälen des Restaurants zusammengefunden. Militärs, Garden aller Waffengattungen strömten mit ihren Damen aus und ein.
Einen Augenblick trat ich auf den Gang. Es mochte bekanntgeworden sein, daß hier eine kleine Hochzeit gefeiert wurde und ich der überjugendliche Bräutigam war. So nahm man mich allgemein aufs Korn. Das tat ein Rittmeister, brauner Husar, ebenfalls, der mit seiner Dame vorüberging. Dann sagte er lachend und laut, zu ihr gewandt, so daß ich sie hören mußte, die unvergeßlichen Worte: »Der Kerl krepiert ja in den ersten acht Tagen!«
Man kann sich denken, in welcher Stimmung der Rest des Festes vorüberging.
Vierzehn Tage darauf bekam ich Bluthusten. [...]
Noch war eine Klippe zu umschiffen, bevor ich meine neue Ehe in größerer Ruhe genießen konnte: die Gestellung beim Militär.
Man kann sich denken, welche Unruhe sich meiner und Marys bemächtigen mußte, als der Termin dafür herannahte. Er kam. Man erklärte mich für untauglich.
Leider trat, als diese große Sorge endlich beseitigt war, wieder Bluthusten bei mir auf, woraus sich ergab, daß die ärztliche Verfügung, die mich glücklich vom Militär befreite, auch eine düstere Seite hatte.
Ich mußte aufs Land, das war mir klar, sofern es mit mir nicht schnell bergab gehen sollte. So gaben wir denn die Wohnung auf, ohne Rücksicht auf einen langen Vertrag, und zogen in den Berliner Vorort Erkner.

Sechsunddreißigstes Kapitel
Diesem Wechsel des Wohnorts verdanke ich es nicht nur, daß ich mein Wesen bis zu seinen reifen Geistesleistungen entwickeln konnte, sondern daß ich überhaupt noch am Leben bin. Nicht nur meine ersten Geisteskinder, sondern auch drei von meinen vier Söhnen sind in Erkner geboren. [...]
Damals lebte man ohne elektrisches Licht, und die schwarze Nacht preßte sich unmittelbar um die Glocke der Petroleumlampe. [...]

Ich weiß, daß die Flucht in die märkische Waldeinsamkeit meine Rettung war. Ich fühlte das bei jedem Atemzuge, bei jeder Wanderung, die ich unternahm, ich spürte es, wenn ich als einziger bei Mondschein auf dem verlassenen Karutzsee Schlittschuh lief. Alles wirkte zusammen zur Besinnung und Läuterung, selbst die tiefe Resignation, wie sie etwa in diesem Gedicht zum Ausdruck kommt:  
Verlohnt's der Müh'? – Ich bleibe stehn.
Verlohnt's der Mühe, weiterzugehn?
Meine Hand ist wund, mein Herz ist matt;
für zu viel des Wahns es geschlagen hat.
Wohin? Wohin? ... »Zum Licht! Zum Licht!«
Was soll das Suchen? Ihr findet's nicht.
Wohin? Wohin? ... »Den Weg zum Ruhm!«
O beifallgieriges Märtyrertum!
Ihr stürmt vorbei, ihr lockt mich nach;
ich bin ein Falk, der nicht fliegen mag.
Oder auch in den folgenden Versen:
Die alte Nacht drückt stumm und schwer.
Ich will nicht klagen.
Denn wollt' ich klagen noch so sehr,
es wird nicht tagen.
Schwarz hängt der Birke Trauerflor
auf mich herunter.
Der Nachtwind klagt; es wird im Rohr
ein Fröschlein munter.
Das ist die Liebe: Aus dem Laub
der Birke sinken
kühlfeuchte Tränen, die im Staub
verloren blinken.
Das ist das Wissen: Glühwurm schwimmt
im eignen Glänze,
und was sein Lichtlein ihm beglimmt,
ihm ist's das Ganze.
O Menschengeist, Glühwürmelein,
die Welt erhellen,
du kannst es nicht, nur wunderklein
verlorne Stellen.
Das ist die Hoffnung: die im Moor,
ein Irrwisch, hüpfet,
bald in den Grund, bald draus hervor
von neuem schlüpfet. [...]
Sie tanzt und gaukelt ruhlos schier;
drum will es scheinen,
und leider, leider scheint es mir,
sie lohne keinen.

Lichtbringer drei, wie sprüht ihr doch
so matte Funken.
Ach, eh ihr sterbet, seid ihr noch
in Nacht versunken.
Denn euer Leben ist allein
ein kurzes Blinken:
ein Ringen in der Todespein
vor dem Ertrinken.

Aber das wüste und wirre Kneipendasein, die Atmosphäre von Zigarren- und Bierdunst, lag für immer hinter mir, und das angefügte, aufschwunghafte Gedichtchen »Eislauf« spricht davon: 
Auf spiegelndem Teiche
zieh' ich spiegelnde Gleise.
Der Kauz ruft leise.
Der Mond, der bleiche,
liegt über dem Teiche.

Im raschelnden Schilfe,
da weben die Mären,
da lachet der Sylphe
in silbernen Zähren,
tief innen im Schilfe.
Hei, fröhliches Kreisen,
dem Winde befohlen!
Glückseliges Reisen,
die Welt an den Sohlen,
in eigenen Kreisen!
Vergessen, vergeben,
im Mondlicht baden;
hingaukeln und schweben
auf nächtigen Pfaden!
Sich selber nur leben!

Als ich das erstemal von Italien zurückkehrte, kam es mir vor, als ob Deutschland in einer Kunstferne und Kunstfremde lebe. Die Atmosphäre, gehalten gegen den Reichtum Neapels, Roms, den von Florenz und Pisa, war leer. Man war gezwungen, gleichsam nach Luft zu schnappen. Bei der zweiten Rückkehr hatte die Atemnot erheblich nachgelassen. Nun aber, in Erkner, war das unmittelbare Leben in Haus und Natur vor alles getreten. Es zog mich nicht mehr nach Eindrücken großer bildender Kunst. Nichts war mehr da von meiner unstillbaren Ungeduld, die Werke der großen Gestalter zu sehen und ihnen nachzuringen. Keinen Moses von Michelangelo brauchte ich mehr, kein Griechenland suchte ich mehr mit der Seele. Wie nie gewesen war alles das. [...]


In diese Zeit fiel am neunten Februar eines harten Winters die Geburt meines ersten Sohnes. Der furchtbare Ernst eines solchen Ereignisses ist bekannt. Die lautlose Standhaftigkeit der Mutter war bewunderungswert. Hatten wir wohl in Hohenhaus, als wir uns fanden, in den acht glücklichen Breslauer Tagen, in den seligen Zeiten von Nieder-Salzbrunn diese furchtbare Stunde vorausgeahnt? War unser angeblich freier Willensentschluß nicht auf das Ziel eines fast übermenschlichen Glückes, einer Eudämonie, gerichtet gewesen? Und nun hatte, fast gegen unseren Willen, eine ganz andere Macht uns zu ihren Zwecken, zur Erhaltung der Gattung, gebraucht!
Die Weise Frau kam aus irgendeinem Waldwinkel. Sie half arme Schiffer- und Waldarbeiterweibern entbinden. Ich vergesse nie ihr zerknittertes Nornengesicht: es war hart und ernst und doch wiederum meist dem Weinen nahe. Diese Frau, die recht wohl eine Abgesandte der Erdmutter sein konnte, hat in der Tat alle Mütter, denen sie Hilfe brachte, und alle Kinder beweint, die sie ins erste Bad legte.
Nun, es ist mir also beschieden gewesen, in dem abgelegenen Hause am Waldrand das ohne Vergleich größte menschliche Mysterium zu erleben, das man voll erkannt und gefühlsmäßig erfaßt haben muß, ehe man von der Größe und dem Wesen des Daseins etwas begreifen kann. [...] 
Mir war die Aufgabe eines Vaters zugeteilt. Wochen- und monatelang wurde meine Sorge und Tätigkeit fast allein von dem Kinde in Anspruch genommen. Es gemeinsam mit seiner Mutter zu betreuen war meine erste vollwertig soziale Tätigkeit.
Ich entzog mich dieser Aufgabe nicht.

Ich entwickelte, auf eigenes Denken angewiesen, recht gesunde Grundsätze. Es schien, als ob die Erfahrung überwundener Vorleben aus mir wirke. Das Kind in mir liebte außerdem das Kind. Allerdings nicht mehr in dem Sinne, in dem ich schon als Knabe bei den kleinen Krauses und hernach bei Pastor Gauda sozusagen die Kinderfrau gemacht habe. Ich behandelte meinen kleinen Sohn Ivo resolut: fast bei jedem Wetter wurde sein Kinderwagen ins Freie geschoben. Er gewöhnte sich bald, nachts zu schlafen, da ich die Mutter gewaltsam hinderte, sein nächtliches Schreien zu beachten.
Mit einemmal umgab mich eine nüchterne, phantasmagorienbefreite Luft. Die intelligible Welt hatte der nackten Wirklichkeit Platz gemacht. Illusionen waren durch Pflichten verdrängt: nicht mehr durch jene der Einbildung, sondern durch andere, die in der unmittelbaren Not ihre Voraussetzung hatten. [...]
(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)

02 November 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (Kap.24-26) Krankheit der Mutter, Johanna, Kunst, Dichtung

Vierundzwanzigstes Kapitel 
Eines Morgens wachte meine Mutter, mit der ich, wie schon gesagt, das nicht sehr anheimelnde Schlafzimmer teilte, auf eine seltsame Weise auf. »Gerhart, gehe doch mal«, sagte sie, im Bett sich aufrichtend, »Gerhart, gehe doch mal ...« Weiter kam sie nicht. »Gerhart, willst du so gut sein und ...« Aber auch diesmal kam sie nicht weiter. »Gerhart, mir ist nämlich, mußt du wissen ...« Abermals trat die Stockung ein. Ich erkannte sogleich, daß meine Mutter nur halb bei Besinnung war und hilflos um sich her tastete. »Gerhart, willst du nicht Vater sagen ...« Ich sprang aus dem Bett und rief ihn herbei. Doktor Straehler, Doktor Oliviero und Doktor Richter wurden gerufen. Nach ihrem gemeinsamen Ausspruch bestand kein Zweifel, daß die furchtbare Hand der herrschenden Pest in unser Haus und nach meiner Mutter gegriffen hatte. Sie war da, unter unserm Dach, mitten unter uns. Keiner wußte, ob er ihr noch entgehen konnte. Die Kranke wurde sogleich im Hause isoliert, so gut oder schlecht, wie es damals üblich war. Aber infolge der Energie meines Vaters wurden alle Vorsichtsmaßregeln, Ansteckung zu vermeiden, durchgeführt. Immerhin lag der Eingang zum Krankenzimmer nur vier oder fünf Schritt von dem unserer Wohnstube. Carl und ich wurden sogleich geimpft, alle Hausgenossen desgleichen, und es hat denn auch eine Übertragung der Krankheit im Kurhaus nicht stattgefunden. Daß mein Vater und wie mein Vater die Mutter liebte, erwies sich bei dieser Gelegenheit. Der Kursaal war nun also ein Blatternhaus. Er mußte als Gasthof geschlossen werden und wurde – ich weiß nicht durch welche äußere Zeichen – als verseucht kenntlich gemacht. [...]
[Die Mutter erkrankt.]
Sorgenvolle Wochen vergingen nun, in denen wir auf das Befinden der Mutter aus dem Verhalten des Vaters schließen konnten, auch wenn er keine Berichte gab. Stieg im Krankenzimmer die Gefahr, so war der Vater schweigsam und unruhig, waren die Ärzte hoffnungsvoll, so spürten wir das an einer gewissen Zärtlichkeit, mit der uns der Vater behandelte.
Es kam dann ein Tag, an dem er nach dem Besuch der Ärzte zu uns trat, die goldene Brille abnahm und putzte und mit feuchten Augen sprach: »Unser lieber himmlischer Vater scheint beschlossen zu haben, daß wir unsere gute Mutter behalten sollen. Sorgt nun, daß ihr selber gesund bleibt, macht euch fort an die Luft, springt im Posthof herum, aber meidet die andern Menschen!«
Die Ärzte behielten recht. Bald bezogen sich die Krankenberichte nur noch auf einzelne Phasen der Rekonvaleszenz, den Rückgang des Fiebers und sein Ende, die Art und Menge der Nahrungsaufnahme, die man der Kranken zubilligte, die Mittel, die man gegen die zu befürchtenden Blatternarben anwandte, Mittel, welche die Hoffnung rechtfertigten, es werde im Antlitz meiner Mutter keine entstellende Spur der überstandenen Krankheit zurückbleiben.
Mit der Natur über Frühlingsanfang hinweg wuchs meine Mutter wiederum mehr und mehr ins Leben hinein, und eines Tages hieß es, sie könne nun bald aufstehen. [...]

Fünfundzwanzigstes Kapitel 
Die Saison war im Gang, das Hotel zur Krone, wie immer um diese Zeit, glich einem Bienenhaus. Ankommende Gäste, Kutscher und allerlei Leute lärmten im Hof. »Hauffe, sullst assa kumma!« schrie die kleine, jetzt siebenjährige Ida Krause mit durchdringender Stimme täglich um zwölf Uhr vom Haus hinüber zu den Stallungen. Den derben, kleinen, resoluten Strunk hatte man gern, und mein Vater freute sich jedesmal, wenn er Idas »Hauffe, sullst assa kumma!« vernahm. Sagte man ihm, daß er ihr das Geschrei verbieten sollte, lehnte mein Vater lachend ab. Plötzlich, nachdem ich sie tags zuvor noch ihren pflichtgetreuen Ruf hatte ausstoßen hören, wurde bekannt, Ida Krause sei tot. Sie war an Diphtheritis gestorben. Der Ruf also, der den alten Pferdeknecht Hauffe zu jenem Mittagessen aufforderte, das ich selbst einmal als Gast am Krausetisch unvergeßlichen Angedenkens eingenommen hatte, erscholl von nun an in Ewigkeit nicht mehr. Ein scheinbar unsterbliches Etwas, ein tüchtiges, bei all seiner Jugend bereits arbeitswütiges Bauernmädel hatte sich ins Nichts aufgelöst. Ich habe weder die Leiche gesehen, noch habe ich den kleinen Sarg begleitet, als man Ida unter Vorantritt der Schule und des Lehrers Brendel vom Oberdorf nach dem Niederdorf, parallel dem Flusse der Salzbach, zu Grabe trug. [...]
Vielleicht sah meine Schwester in meinem Verhalten mit Besorgnis Zeichen der Verwahrlosung und hatte sich mit ihrer Lehrerin Mathilde Jaschke darüber ausgesprochen. Sie nahm mich jedenfalls eines Tages zu dieser Dame und deren Pflegemutter, dem Fräulein von Randow, mit.
Beide Persönlichkeiten neigten sich mit einer großen Zartheit und Wärme zu mir. Ich durfte Tee trinken, Kuchen essen und mich in den Räumen des Hauses, genannt Kurländischer Hof, nach Belieben umsehen. Wohlfühlen konnte sich hier ein zügelloses Naturkind zunächst freilich nicht, aber es überkam mich ein heimliches Staunen, eine stille Bewunderung. Die Zimmer mit ihren antiken Möbelstücken und ihren Parkettfußböden rochen nach poliertem Holz und nach Bohnerwachs und waren mit Reseda und Goldlack in Vasen und Schalen parfümiert.
Fräulein von Randow war wohlhabend. Ich habe die hohe, würdevolle Erscheinung mit der weißen Rüschenhaube und dem schlichten grauen Habit deutlich in Erinnerung. In ihrem Besitz befand sich eine alte Vitrine, die von vier Mohren getragen wurde. Ein anderer Schrank mit vielen kleinen Schüben war mit Olivenholz fourniert und das Äußere jedes Faches mit sogenanntem Landschaftsmarmor ausgelegt. Jedes der beiden Stücke war eine Seltenheit. Aber auch alles übrige der gesamten Einrichtung war kostbar und von erlesenem Geschmack. Das Ganze, als es später durch Erbschaft an Mathilde Jaschke, hernach auf meine Schwester überging, blieb jahrzehntelang eine Fundgrube und ist trotz mancher Verkäufe und Schenkungen bis zum heutigen Tag noch nicht erschöpft.
Die selbstverständliche Freiheit und Sicherheit, mit der meine Schwester sich im Hause der adligen Dame bewegte und wie sie hier gleichsam als dazugehörig betrachtet wurde, steigerte meinen Respekt vor ihr. Und in der Tat hatte schon damals das Verhältnis des weißgelockten Fräuleins von Randow zu ihr einen mütterlichen Charakter angenommen. Ähnlich stand es mit Fräulein Jaschke, der Pflegetochter.
Ein resoluter Geist und ein goldenes Herz waren vereinigt in ihr, Eigenschaften, womit sie sich überall durchsetzte.
»Das größte Zartgefühl schulden wir dem Knaben«, sagt Juvenal. Es war auch der Grundsatz, nach dem ich im Kurländischen Hof behandelt wurde. Hier erschloß sich mir ahnungsweise ein bis dahin unbekanntes Bildungsgebiet, wenn es mich vorerst auch nur sehr gelegentlich und sehr flüchtig berühren mochte. Eine gewisse Verwandtschaft bestand allerdings zwischen diesem Hause und Dachrödenshof als den letzten Ausläufern einer Kultur, die im großen ganzen versunken war.
In der Umgebung des Fräuleins von Randow herrschte der Geist heiter-ernster Weltlichkeit, der keine moralische Schärfe zeigte und es einem ganz anders als in der scharfen Atmosphäre um das bucklig-fromme Täntchen Auguste wohlwerden ließ, deren spitze Blicke und spitzere Worte fortwährend Kritik übten. Welche der beiden Geistessphären an sich tiefer und bedeutsamer war, entscheide ich nicht.
Es war der Kummer meiner Mutter, daß mein Vater zu seiner Tochter Johanna, solange sie Kind war, kein freundliches Verhältnis gewinnen konnte. Er schien sie immer zurückzusetzen. Es war nicht zu ergründen, ob dies nun nach Hannchens gleichsam triumphaler Rückkehr aus der Pension anders geworden war. Immerhin schien sich mein Vater zurückzuhalten, und wahrscheinlich hatte meine Schwester im Kurländischen Hof mit der imponierenden adligen Dame und ihrer resoluten und gebildeten Pflegetochter einen neuen und starken Rückhalt gefunden. Dieser Rückhalt verstärkte sich. Er führte alsbald im Dachrödenshof und sogar bei meiner Mutter zu Eifersucht. Tante Auguste und Fräulein Jaschke hatten einander nichts zu sagen und mieden sich. Elisabeth stand Fräulein Jaschke näher, da sie immer noch Hoffnungen weltlicher Art nährte, aber das Verhältnis war kriegerisch. Nie ist zwischen beiden das Kriegsbeil vergraben worden. Meistens war es die Seele Johannas, um die man auf beiden Seiten stritt, Elisabeth im zelotischen Sinn, Mathilde ihren Zögling verteidigend. 

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Anders und tiefer war der Kampf, den meine Mutter damals, durch Jahre, um die Seele der Tochter kämpfte, die ihrer Meinung nach ihre kindliche Pflicht vergaß und in ein fremdes Lager überging.
Wie meine Mutter fühlte und nicht fühlte, lebte sie in einer Art Aschenputtelexistenz. Gram und Kummer deswegen waren vielfach auch mir gegenüber zum Ausdruck gekommen. Sie setzte instinktiv bei Johanna ein ähnliches Fühlen voraus. Vielleicht schwebte ihr von dieser Seite eine Entlastung vor, die sie anderwärts nicht erhoffen konnte.
Johanna ging einen andern Weg. Obgleich sie, wie mein Vater es nannte, als Siebenmonatskind nur ein kleines Leben war, bestand ein starker Wille in ihr, den auch ich nicht selten zu spüren bekam. Sie schwieg, wo sie anderer Meinung war, verharrte jedoch um so fester auf ihrer. Das Beispiel der Mutter, die in den Sorgen und der Mühsal des Haushaltes ertrunken war, glich einer immerwährenden Warnung, aus Willensschwäche einem ähnlichen Schicksal anheimzufallen. Nein! Eier quirlen, Bouillon abraumen, Knochenbänder durchhauen, Hühner und Fische schlachten, Pfannen reinigen, scharfen Fettdunst einatmen, Bohnen schneiden, Schoten auspahlen, Kirschen entkernen, Strümpfe stricken und Strümpfe stopfen lag meiner Schwester nicht.
Unwiderstehlich fühlte sie sich vielmehr durch die vornehme Geistigkeit des von Randowschen Kreises angezogen, wo man Englisch und Französisch trieb, deutsche Dichter las und am Klavier Mozart, Schubert und Beethoven pflegte. Die Auseinandersetzungen zwischen meiner Mutter und meiner Schwester, die nicht selten in meiner Gegenwart stattfanden, steigerten sich mitunter zu großer Heftigkeit. Meine Mutter war hierin kurzsichtig. Wäre Johanna ihr gefolgt, wahrscheinlich wäre sie zeitig zugrunde gegangen, denn eine Entwicklung, wie die hier für sie erstrebte, war für sie bei der Zartheit ihrer Anlage Unnatur. [...]

Dieser junge George oder Fritz oder Jean, mit Strohhut, Stöckchen und elegantem Sommerpaletot, stand eines Tages, während ich speiste, vor mir in der Büfettstube. Er schwenkte sein Stöckchen, hob den Hut, wischte mit einem seidenen Taschentuch seine Stirn und fragte mit einer mir an ihm fremden Ungeniertheit: »Sagen Sie, Gerhart, wo ist Ihr Vater?« Ich war erschreckt, denn ich merkte, daß etwas bei ihm nicht in Ordnung war. Als ich zunächst durch Schweigen antwortete, fiel ihm das, wie mir schien, nicht auf. Er pflanzte sich vor den Spiegel und bürstete sorgfältig seinen Scheitel, der tadellos von der Stirn bis zum Nacken ging. Er müsse meinen Vater sprechen, erklärte er, weil er ein Geheimnis entdeckt habe. Er sagte das aber nicht zu mir, sondern führte ein Selbstgespräch, währenddessen er meine Gegenwart, wie ich fühlte, vergessen hatte. »Ich habe ein Geheimnis entdeckt!« war der Schluß, der sich wohl zwanzigmal wiederholte.
Es hieß am gleichen Nachmittag, der arme hübsche Junge sei auf der Promenade einer Generalin buchstäblich aufgehuckt, also auf den Rücken gesprungen, und sei, arretiert, in Tobsucht verfallen. Unheilbar geistesgestört, steckte er wenige Tage später hinter den Gitterstangen einer Irrenanstalt. Es war das erstemal, daß ich die Zerstörung eines Geistes aus der Nähe beobachten konnte. Ein mir vertrauter, liebenswerter Mensch erlitt plötzlich lebendigen Leibes den geistigen Tod. Daß etwas dergleichen schon in diesem Leben möglich ist, erschwert die Antwort auf die Frage nach geistiger Unsterblichkeit und macht den Glauben daran beinah unmöglich. [...]

Immer tiefer gerieten wir in den Herbst hinein, und am 15. November brannten zehn Lichter um meinen Geburtstagskuchen. In meinem Gedächtnis ist dieser Tag verzeichnet gleichsam als epochaler Augenblick. Höchstens drei- oder viermal hat es einen solchen gegeben im ersten Vierteljahrhundert meines Daseinskampfs. Was war es? Was verlieh dem Zehnlichtertag diese Wichtigkeit? Die Frage ist heut nicht mehr leicht zu beantworten. Gewiß ist, sie lag in meinem Geiste, denn hier fand eine bishin unmögliche Art von Einkehr statt. Es war, als wenn ich jetzt erst zum Denken erweckt würde. Eine Erfahrung, die ich gemacht hatte, war das immer schnellere Entschwinden der Zeit. Ein Tag, der mir früher endlos erschienen war, wurde jetzt, in unendlicher Kette, vom nächsten im Handumdrehen abgelöst. Hatte ich in diesem einen Jahrzehnt meine bodenständige Welt so durch und durch kennengelernt, daß sie mir nichts Neues bieten konnte und etwas wie stumpfe Gleichgültigkeit bei mir herrschend ward, wodurch sich dann der Tag ohne neue Erkenntniswerte schnell und gleichgültig abgehaspelt hätte? Eine gewisse kindlich-selbstverständliche, fast gedankenlose Art der Lebensführung hatte sich in der Tat zum größten Teil ausgelebt. Eine Art Reue kam mich an, als ob ich eine unendliche Reihe vorüberfliehender Tage nicht genügend benützt hätte; beileibe nicht etwa im Sinne Brendels oder sonst eines Schulmeisters. Ich erkannte vielmehr in dem Geschenk eines Tages, in der Darbietung einer solchen Sonnenfrist eine ungeheure Kostbarkeit. Wollte ich ihren Verlust überhaupt nicht wahrhaben, so erst recht nicht ihre Verschleuderung. Andrerseits strebte mein innerer Blick plötzlich in die Zukunft hinaus: nicht das Morgen, das Übermorgen, das Weihnachtsfest oder sonst eines im Jahreslauf war mehr sein Ziel, sondern er verlor sich im Unergründlichen. Anhaltspunkte für kosmische oder transzendente Erkenntnis suchte er diesmal nicht, sondern solche, die Aufschlüsse über mein eigenes wartendes Schicksal bringen konnten. Dieser neue, ausdrucksvolle Blick jedoch wurde zugleich von einer Mauer gehemmt, die er zu meiner Pein nicht durchdringen konnte. Hatte ich dereinst meine Einmaligkeit und damit mein unverbrüchliches Alleinsein erkannt, so sah ich mich heut zum erstenmal einem neblichten Schicksal gegenübergestellt, das ich allein zu tragen hatte. Wie würde es nach der Enthüllung aussehen? Welche Lasten lud es mir auf? [...]
Nie eigentlich gab es in unserm Hause private Gesellschaft. [...] 
Einmal aber wurden doch die Gemächer des ersten Stockes für den Empfang einer größeren Abendgesellschaft hergerichtet, und zwar die ganze Zimmerflucht. Alles wurde sorgsam durchwärmt. Im ersten Raume stand das Büfett mit Leckerbissen, Gläsern und geöffneten Weinflaschen, im zweiten und dritten waren Eßtischchen aufgestellt, das vierte Zimmer aber hatte mein Vater zu einem Lesekabinett ausersehen, wo man allerlei Bücher und Zeitschriften durchblättern konnte, aus den sonst wenig benützten Schätzen seines Bücherschranks: Meyers Universum mit seinen schönen Illustrationen, ein dickes Prachtwerk, das, in Kupferstich reproduziert, einen großen Teil der Schätze des Berliner Museums enthielt, ein französisches Werk mit farbigen Lithographien, »Muses et fées«, und Illustrationen zur Ilias, die in einen deutschen Prosatext des Werkes eingefügt waren.
Selbstverständlich, daß ich vor dem Eintritt der Gäste alle diese Werke eifrig durchmusterte. [...]
Dann kam die Ilias an die Reihe. Als ich lange das Buch durchblättert und Prosastücke entziffert hatte, ging mir jäh wie ein helles Licht der Gedanke auf, man müßte diese Prosa in Verse umwandeln. Wenn du diese Aufgabe lösen könntest, dachte ich – der Ruhm eines großen Dichters würde damit gewonnen sein. Ich habe damals weder vom Vorhandensein der Ilias noch der Odyssee noch eines Dichters namens Homer gewußt. Diese Erkenntnis, der Gedanke, die Ilias zu dichten, die, ohne daß ich es wußte, als Dichtung bereits vorhanden war, die damit verknüpfte Hoffnung des Dichterruhms war eben der silberne Strahl, der keine Mauer zu durchdringen brauchte und sich in freier Ferne in einem silbern-lockenden Nebel verlor. Irgendeinen Versuch, die gefaßte Idee zu verwirklichen, habe ich damals nicht unternommen. Keinerlei Überlegung, sondern höchstens ein unbewußtes Wissen meiner knabenhaften Unzulänglichkeit hielt mich davon zurück.  [...]
Scheinbare Zufälle sind es meist, durch die folgenschwere Wirkungen ausgelöst werden. Hätte mein Vater nicht wider seine Gepflogenheit eine Gesellschaft gegeben und, um sie anzuregen, den Inhalt seines Bücherschranks ausgelegt, so würde ich weder die Konzeption des großen Homerischen Gedichts haben fassen können, noch hätten sich jene berühmten plastischen Kunstwerke in meiner Vorstellungswelt festgesetzt. An ihnen lernte ich die Wahrheit des Satzes kennen, den Demokritos gesprochen hat, wonach die großen Freuden aus der Betrachtung schöner Werke abzuleiten sind. Hatte die von mir entdeckten eine übermenschliche Kraft geschaffen, so erfüllte sie selber in meinen Augen außer- und übermenschliche Wesenheit. Sie wurden mir in sich und an sich Kultbilder, wie es mir die Kreuzabnahme geworden war und die Raffaelische Madonna im Großen Saal.

(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)

19 Juni 2017

Wie der Tod in die Welt kam

So ist es uns überliefert. 

Gott Soko schuf zuerst die Schildkröte Bagbatschi, dann die Menschen und am Ende die Steine. Gott machte von jeder Art einen Mann und eine Frau: von Schildkröte, Mensch und Stein. Nacheinander, in dieser Reihenfolge erweckte er sie zum Leben, nur die Steine nicht.Aber keiner konnte Kinder haben. Wer alt geworden war, den machte Soko wieder jung. Das wiederholte sich. Kinder waren nicht nötig.
 Bagbatschi, die Schildkröte ging zu Soko. "Ich könnte ein Kind brauchen", sagte  Bagbatschi,  "Wozu willst du ein Kind haben?" "Du weißt", antwortete Bagbatschi, "dass ich schlecht laufen kann. Es ist recht mühsam für mich und meine Frau. Aber manchmal haben wir Besorgungen zu machen. Ein Kind könnte die Botengänge übernehmen." Soko dachte nach. "Ich habe nicht vorgesehen" antwortete er, "euch Kinder zu geben." Bagbatschi ging nach Hause. Bald darauf stand er wieder vor Gott.  "Es wäre schön, wenn wir ein Kind hätten", sagte er. "Oder vielleicht mehrere. Das wäre sehr nützlich, Gott." Soko regte sich auf. Warum kommst du angelaufen und willst Kinder haben?" "Es wäre sehr praktisch, Gott. Sie könnten manches Helfen und wir wären nicht so allein. Wenn ich alt bin ..." "... wirst du wieder jung." ">Wenn ich alt bin, ehe ich wieder jung werde, kann ich kaum bis zur Wasserstelle gehen. Mir tun die Beine weh, weil mein Körper so schwer ist. 

 Manchmal liege ich stundenlang in der prallen Sonne und komme nicht vom Fleck. Es ist eine rechte Plage, das musst du zugeben. Gib mir ein paar Kinder Soko!"
Das Gesicht des Gottes war ernst, als er entgegnete: "Weißt du nicht, Bagbatschi, dass alle Leute, die Kinder zur Welt bringen, sterben müssen? Früher oder später!" Bagbatschi glotzte Soko an  und nickte. "Bist du bereit zu sterben, falls ich dir Kinder schenke?" "Wenn meine Frau schwanger ist, kannst du mich sterben lassen." "Schick mir die Menschen!"
Der Mann und die Frau kamen. Soko räusperte sich.  " Bagbatschi sagt,er will Kinder haben. Was ist mit euch?" "Es wäre gut, Kinder zu haben, Herr", antwortete die Frau. "Wenn mein Mann auf der Jagd ist, bin ich allein zu Hause.  Das Kind, wenn es ein Mädchen ist, könnte mir bei der Arbeit helfen. Ich wäre nicht so allein. "Und wenn es ein Sohn ist", fügte der Mann hinzu, "könnte er mir auf der Jagd das Wild zutreiben und den Korb tragen. Wenn ich dann alt bin und meine Hände zittern, geht er für mich auf die Jagd. Es ist sehr praktisch, Kinder zu haben." Soko fragte: "Seid ihr bereit, dafür auch zu sterben?" "Ja", antworteten die Menschen. Der Mann sagte: "Wenn wir erst Kinder haben, macht es mir nichts mehr aus." 
Die Steine lagen am Boden und redeten kein Wort. Soko rief sie an. "Ihr schweigt? Wollt ihr auch Kinder haben und dann sterben? Aber das wollten die Steine auf keinen Fall. Da entschied Soko: "Es soll sein, wie ihr es haben wollt!"
Bagbatschis Frau  wurde schwanger, und drei Monate später starb er. Als sie ihre Kinder zur Welt brachte, war er bereits tot.
Auch die Menschenfrau wurde schwanger und gebar Kinder. Ihr Mann starb bald darauf. Sie nahm sich einen anderen Mann, denn sie konnte die Kinder nicht allein ernähren.
Nur die Steine sterben nicht, und sie haben auch keine Kinder.

Sage der Nupe  aus: Die schönsten Sagen aus der Neuen Welt, Südwest Verlag 1972                     

07 Dezember 2016

Jutta Winkelmann: Mein Leben ohne mich

Download von Leseprobe

NDR: Eine Art Krebstagebuch einer Hippie-Ikone

"Sie und ihre Schwester Gisela galten in der Hippie-Zeit als wild und unerschrocken. Ihre Schwester heiratete den Milliardärssohn Paul Getty. Dessen Entführung 1973 durch die italienische Mafia machte auch die Schwestern weltberühmt. Ihr Leben war geprägt von Neugier, nichts war bestimmt, das, was kommen sollte, erfreulich ungewiss."


Bilder von Winkelmann, Rainer Langhans und ihrer Zwillingsschwester


Wikipedia über den spanisch-kanadischen Film gleichen Titels

13 September 2016

Tod und Sterben - das letzte Tabu

Annelie Keil, Henning Scherf:  Das letzte Tabu. Über das Sterben reden und den Abschied leben lernen, Herder Verlag,  256 S., 2016

Zitate:
„Man muss dem Leben auch noch in seinem Sterben begegnen, um neugierig zu entdecken, zu erleben, zu erfahren und zu erkennen, welche Reichtümer es bis zuletzt bietet.“

"Nicht nur das Lebensende, das ganze Leben verlangt Mut, Kraft und einen starken Lebenswillen. Und wenn ein Leben in die Jahre gekommen ist, braucht es vor allem Geduld und Gelassenheit, um im aufrechten Gang zu bleiben."

"[...] immer noch gibt es etwas zu lernen, um den Abschied leben zu können. Die Aufgabe zur selektiven Begrenzung und Genügsamkeit bleibt bis zum Ende"

Ausführliche Zitate aus der Rezension des Blogs aus.gelesen:


'Gutes Sterben'  "braucht die Öffnung innerer und äußere Räume für eine Rückschau, es braucht Stille und Abschiednehmen, es braucht Demut auch. Jedes Leben endet mit dem Tod, auch wenn die (moderne) Gesellschaft viele Vermeidungsstrategien und Verdrängungsprozess zeigt. Der oftmal grassierende ‚Jugendwahn‘ ist dafür ein Beispiel ebenso wie die ‚Entsorgung‘ alter und kranker Menschen im Heimen und Krankenhäuser, insbesondere in den USA sind Methoden auf dem Markt, Verstorbene zu konservieren, um sie ggf. bei einer entsprechend fortgeschrittenen Medizin wieder zum Leben zu erwecken.

Jeder Tod ist individuell und einmalig und Sterben kann man nicht lernen. Man kann sich aber auf sein eigenes Sterben vorbereiten, in dem man sich mit seinem Leben und der eigenen Endlichkeit auseinandersetzt. Dies meint nicht mehr und nicht weniger eine Änderung der Sterbekultur in unserem Land, einer Sterbekultur, in der der Sterbende seiner Selbstbestimmung nicht beraubt wird und in der Menschlichkeit herrscht anstatt, daß er in einsam und ohne Begleitung in einen Heim oder einem Krankenhaus (oder….) stirbt. Ehrenamtliche und professionelle Hospizbegleitung sowie die Wiederentdeckung der palliativmedizinischen Begleitung sterbenskranker am Ende ihres Lebens sind wichtige Komponenten einer menschlichen, einer humanen Sterbebegleitung, die ein menschenwürdiges Sterben ermöglichen. 

Im Kern, so fasst Keil zusammen, geht es in der Begleitung und Betreuung sterbender Menschen um die Erhaltung und Verbesserung ihrer Lebensqualität, um die Unterstützung derer, die als begleitende Angehörige mit besonderen Problemen konfrontiert werden, die mit einer lebensbedrohlichen Krankheit einhergehen. 

Der Begriff der Selbstbestimmung ist den Autoren wichtig, er taucht immer wieder in verschiedenen Aspekten auf, vor allem im Sinne des Suizides eines Kranken und des möglichen Wunsches eines Sterbenden nach einem assistierten Suizid; für den ersten Fall wird der Suizid des an einem Glioblastom erkrankten Schriftsteller Wolfgang Herrndorf als Beispiel angeführt. Damit stellt des weiteren das Themenfeld ‚Sterbehilfe‘ einen Schwerpunkt der Ausführungen dar. Einen weiteren Schwerpunkt stellt der Komplex der ‚Sterbebegleitung‘ dar, in der neben den medizinischen und pflegerischen ‚Fachleuten‘ jeder Einzelne gefragt ist. Sterbebegleitung als seelsorgerische und mitmenschliche Begleitung ist ein schöpferischer Akt, in dem soweit es möglich ist, auf die Bedürfnisse des Sterbenden eingegangen wird. Er wirkt auf den Begleitenden zurück: nur weniges ist friedvoller als eine gelungene Begleitung, die immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit ist. [...]

Das letzte Tabu ist ein Mutmachbuch. Es zeigt, da biographisch, daß man sich mit dem eigenen Tod auseinandersetzen kann und es zeigt die Richtung, in die man gehen kann, um die Erkenntnis von der eigenen Endlichkeit akzeptieren zu lernen. Es ist überzeugend dadurch, daß die Verfasser aus eigenen Erfahrungen heraus sprechen. Trotzdem sollte man sich immer daran erinnern, daß jedes Sterben so individuell ist wie das Leben, an dessen Ende es steht, es gibt keine für alle Menschen gültigen und zu befolgenden Regeln, die ein ‚richtiges‘ Sterben garantieren. Letztlich muss jeder seinen eigenen Weg finden, auch auf die Gefahr hin, sich zu verirren: niemand kann dieser Tatsache ausweichen."
(Diese Zitate können die Lektüre der vollständigen Rezension, die auch kritische Anmerkungen enthält, nicht ersetzen. Sie sollen aber Mut machen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und dabei auch zu diesem Buch zu greifen. Weitere Buchhinweise finden sich in der Rezension.)
Und im Buch:
W. Bergmann:Sterben lernen, München 2011
S. Saalfrank: Innehalten ist Zeitgewinn. Praxishilfe zu einer achtsamen Sterbekultur, Freiburg 2009

Mehr zum Thema Tod und Sterben:
"Der Tod hat auch einen Zauber" ZEIT 5.11.2015

S. Gottschling: Sterben SR 2 "Fragen an den Autor" Rundfunkinterview 53 Min. 25.9.16