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13 Mai 2024

Eichendorff: Das Märchen von Kasperl und Annerl und die romantische Ironie

Den Roman habe ich wohl zweimal gelesen, von dem Märchen kannte ich vor allem den Titel. Heute habe ich einige von den Stellen, die ci vor Jahren aus dem Roman festgehalten habe, wieder gelesen, und es fiel mir auf: "Das ist ja romantische Ironie"*. Das, was ich von Tiecks Theaterstück "Der gestiefelte Kater" kenne, was für mich zu der frühen Romantik gehört, was mich aber bei Eichendorff erstaunt. So stelle ich hier das Märchen unabhängig vom Roman noch einmal vor. 
Fiametta baumelte, in Erwartung der Dinge, zufrieden mit den Beinchen. »Nun erzähle was«, sagte sie. Und Fortunat besann sich nicht lange, die alte phantastische Nacht flüsterte verworren durch die Zweige, er fing sogleich aus dem Stegreif an, als spräch' er im Traum:
»Es waren einmal zwei Kinder, Kasperl und Annerl, die hatten einander sehr lieb. Die saßen einmal vor dem Hause und besahen schöne Bilder in einem großen Bilderbuch, das die Annerl mitgebracht hatte, die Vögel sangen im Walde, und das Abendrot ging über die Berge vor ihnen. Auf dem Bilde war eine sehr schöne Gegend zu sehen, fruchtbare Auen, Flüsse, Dörfer und Schlösser, dahinter ein wunderbar gezacktes Gebirg mit einsamen Kapellen und Wäldern, an deren Saum eine Prozession mit bunten Fahnen dahinzog. Das Abendrot schien über das Bild, und wie sie es so mit rechtem Fleiß betrachteten, da fingen auf einmal die gemalten Bäume an, leise zu rauschen, schöne bunte Vögel flogen über die Landschaft, die Brünnlein glitzerten im Gebirg, die Fahnen wehten, sie hörten die Prozession aus weiter Ferne singen. Und eh' sich der Knabe noch besinnen konnte, sah er zu seinem Erstaunen auch das kleine Annchen schon mitten drin, sie winkte ihm fröhlich, er faßte sich endlich ein Herz und sprang ihr nach, so liefen sie beide voller Freuden in das Buch* und die Landschaft hinein. – Als Kasperl einmal zurücksah, war ihr Haus und die Gegend, wo es stand, schon hinter ihnen verschwunden, von der Prozession hörten sie nur noch manchmal den Gesang herübertönen, die Sonne war lange unter, je weiter sie kamen, je einsamer und prächtiger wurde alles. Auf einmal, da sie eben durch einen Felsenbogen traten, erblickten sie ein himmelhohes Gebirge vor sich, daß es ihnen ordentlich den Atem verhielt. Auf dem höchsten Berge stand ein herrliches Schloß, das war von lauter Silber, mit Gold gedeckt, vor dem Schloßtor aber saß eine wunderschöne Frau, die war über einer Harfe eingeschlummert. Aus ihren langen Locken und Gewändern kam ein prächtiger Mondschein und beleuchtete die Alpen und die wundersamen Klüfte, Wälder und Abgründe ringsumher. Unten, wo die Strahlen nicht mehr hinlangen konnten, sahen sie kleine bucklichte Männchen in der Dämmerung lustig von den Felsenzacken Purzelbäume schießen, von fern klang das Glöcklein eines Einsiedlers, ein Jäger, der sich verirrt hatte, stand auf dem Felsen gegenüber und gab zuweilen mit seinem Waldhorn Antwort. Oben aber am Schlosse weideten weiße Schäfchen auf den Abhängen, hoch vom Turm der Burg bliesen Engel auf silbernen Zinken wunderschön über die stillen Gründe.«
»Ach, da möcht' ich auch einmal hin!« rief hier Fiametta freudig aus. – »Es ist nur gar zu weit von hier«, erwiderte Fortunat – »aber wackle nicht so mit den Beinchen, wir fallen sonst beide vom Baum.« – Sie rückte sich nun näher zum Hören zurecht und Fortunat fuhr wieder fort:
»Das ist die Göttin Luna«, antwortete nun Annerl, auf die Frau vom Schlosse weisend. – »Kennst du sie denn?« fragte Kasperl verwundert. – Sie lachte: »Du bist doch noch sehr dumm für dein Alter, bleib jetzt nur dicht bei mir, sonst verirrst du dich hier.« – Kasperl aber sah nun einen alten, großen, geduckten Mann seitwärts am Wege sitzen, der hatte einen Sack voll prächtiger Äpfel umhängen. Da wurde er ganz genaschig, er wollte nur geschwind noch ein paar Äpfel auf den Weg kaufen, wie er aber in den Sack hineinguckt, erwischt ihn der Mann schnell bei den Füßen, wippt ihn so hinein und schnürt den Sack über ihm fest zu. »Aha, nun hab ich dich!« sagte er und streckte zufrieden die Beine aus, um ein wenig auszuruhen.«
»Pfui, der abscheuliche Kerl!« unterbrach ihn hier Fiametta von neuem, »ich möchte so einen Menschenfresser am liebsten gleich zerpflücken! Nun kommen gewiß die armen Kinder auseinander.«
»Ja freilich«, entgegnete Fortunat. »In der Angst und Finsternis arbeitete Kasperl wütend mit seinen Ellbogen in den Äpfeln herum. »Aber sein Sie doch nicht so sackgrob, Sie erdrücken mich ja«, wisperte da plötzlich ein ein feines Stimmchen neben ihm. – »Bist du's?« fragte er leise. »Jawohl«, antwortete das Stimmchen, »ich bin auch gefangen und nage schon lange an dem Sack, daß mir die Zähne weh tun. Jetzt ist der Alte eingeschlafen, hören Sie nur, wie er schnarcht. Sie haben so starke, dicke Finger, sein Sie doch so gütig und helfen Sie mir ein wenig reißen.« – Es war ein allerliebstes, kleinwinziges Mäuschen, das so artig sprach. Kasperl riß nun ganz vorsichtig an dem Sack, das Mäuschen wischte hinaus, biß ihn im Fortspringen noch schelmisch in den Finger und verschlüpfte dann schnell im Mondschein, er hörte es noch fern zwischen den Steinen kichern. Jetzt kroch er selber sacht hervor, steckte noch geschwind einen hübschen Apfel in die Tasche und nahm dann eilig Reißaus. – Aber, Gott weiß, der Alte mußte einen groben Flausrock anhaben, denn Kasperl geriet auf einmal in ein verworrenes, ungebürstetes Gestrüpp, in der Eile hatte er den Weg verloren und war, anstatt herabzuklappern, an dem alten Rockärmel gerade hinaufgelaufen. Als er aber oben stand, erstaunt' er erst recht! Da war der Morgen schon angebrochen, der Menschenfresser unter ihm war nichts anderes als der alte, graue Fels vor seines Vaters Haus, und wo er das prächtige Schloß gesehen hatte und die wunderbaren Klüfte im Mondschein, da lagen jetzt fahle, dicke Wolken übereinander und dehnten sich noch halb im Schlaf. Er sah die Schornsteine in seinem Dorfe rauchen, der Nachbar trat gähnend in die Tür. »Kikereki!« rief er, »Kasperl, du willst wohl den Tag auskrähen, daß du dich da so früh auf den alten Stein-Jürgen gestellt hast.«
»Aber das arme Annerl?« fiel Fiametta wieder ein. – »Wart' nur, es wird gleich noch viel schöner kommen«, erwiderte Fortunat: »Das schöne Annerl war fort und kam nicht wieder, und niemand wußte was von ihr, denn sie war immer nur gegen Abend heimlich aus dem Walde mit ihm spielen gekommen. Da war Kasperl ganz traurig, er mußte viel lernen und sehnte sich sehr und wurde darüber nach und nach groß und stark. Einmal des Nachts aber, als der Mondschein über die Wälder glänzte, da kam es ihm vor, als säße die wunderschöne Frau draußen auf dem Berg vor dem Hause und blätterte in dem alten Bilderbuch, daß der Goldschnitt beim Umwenden zuweilen seltsam über die Bäume am Fenster funkelte. Da wurde er sehr unruhig, und als kaum noch der Morgen dämmerte, saß er schon ganz angezogen in seiner Kammer am Tisch, den Kopf in die Hand gestützt. Da fiel es ihm erst ein, daß er den Apfel, den er damals aus dem Sacke mitgenommen, noch immer in der Tasche hatte. Er nahm ihn heraus und biß vor Schwermut drein, um ihn aufzuessen. Da schreit auf einmal etwas drin, und ein Köpfchen streckt und zwingt sich hervor, und wie er endlich verwundert den Apfel aufbricht, steigt ein kleines, braunes Kerlchen mit Wanderstab und Tasche aus dem Kernhaus. – »Wer bist du?« – »Der Äpfelmann. Adeiu!« – Das Männchen ging über den Tisch fort, blieb aber plötzlich am Rande stehen, weil er nicht herunterkonnte. – »Ich will dir wohl herunterhelfen, du armer Wicht«, sagte Kasperl, »aber du mußt mir dagegen etwas versprechen. Kannst du mich zu der Göttin Luna führen?« – »Warum nicht?« erwiderte das Kerlchen. Da nahm er es sauber zwischen die Finger und setzte es draußen auf den Rasen. Nun traten sie sogleich ihre Wanderschaft an. Der Kleine hinkte, denn Kasperl hatte ihn vorhin im Apfel in die große Zehe gebissen. Kaum aber waren sie weiter in die Heide gekommen, so humpelte das Kerlchen so ungeheuer fix fort wie ein Grashüpfer und lachte und rief immer zurück: »Komm mir doch nach, komm mir doch nach, hast ja so lange Beine!« und ehe sich's Kasperl versah, hatt' er das Kerlchen in dem hohen Grase verloren. Da war er nun wieder so klug wie vorher. – Es war aber gerade ein schöner Sonntagsmorgen. Ein Birnbaum ging eben übers Feld zur Kirche und rauschte Gottes Lob. »Gelobt sei Jesue Christ!« grüßte ihn Kasperl, »habt Ihr nicht so einen kleinen, braunen Pilgrim gesehen?« – »In Ewigkeit«, entgegnete der Birnbaum, »ich glaube, ich habe vorhin so was im Grase zertreten.« – »Ach Gott«, klagte Kasperl, »der hat mich irregeführt, nun weiß ich nicht, wo ich bin! wenn ich nur einen Felsen oder Turm wüßte, um mich ein wenig umzusehen in der Welt.« – »Jetzt hab' ich keine Zeit zu Narreteien«, meinte der Birnbaum; da aber Kasperl betrübt weitergehen wollte, tat es ihm leid. »Nun, komm nur schon, komm, was man auch für Not hat mit euch Kindern«, sagte er und stieg schnaufend und ächzend auf einen hohen Berg hinauf, wo er sich breit zurechtstellte und seine grünen Äste lustig in die blaue Luft hinausstreckte. Das ließ sich Kasperl nicht zweimal sagen, er kletterte schnell bis zum Wipfel hinan – da aber warf er plötzlich seinen Hut hoch in die Luft und schrie Hurra! aus Leibeskräften, denn jenseits erblickte er auf einmal das wunderbare Gebirge wieder, daß ihn ordentlich schwindelte vor großer Freude. – »Nun zaus mich doch nicht so grob, das tut ja weh«, sagte der Baum. Aber Kasperl schwang sich schon hastig wieder hinab; »Gott's Lohn, Gott's Lohn!« rief er einmal übers andre. Der gute Birnbaum aber schüttelte sich zum Valet im Morgenhauch, daß der ganze Rasen voll schöner, goldener Früchte lag, die kollerten und hüpften lustig über den grünen Abhang hinunter, und Kasperl sprang ihnen nach zwischen den Morgenlichtern in die prächtige Gegend hinein. – War nun das Gebirge beim Mondglanz schön gewesen, so war jetzt alles noch vieltausendmal schöner im funkelnden Morgenlicht. Das prächtige Schloß mit seinen stillen Türmen stand ganz in rosenroter Glut, die Bäche waren von purem Gold, die Wälder rauschten und blitzten von Rubinen und Smaragden, auf den Alpen standen Engel umher und fachten mit ihren langen, regengbogenfarbenen Flügeln das Morgenrot an. Und als er endlich zum Walde kam, da erblickte er auf einmal ein wunderschönes Mädchen auf einem weißen Hirsch, die hatte ein lustiges, funkelndes Krönlein im Haar. Mein Gott! die sollt' ich ja kennen, dacht' er bei sich – es war sein liebes Annerl! – Sie hielt lachend still und sagte: »Die schöne Frau Luna ist verwichene Nacht untergegangen, sie läßt dich noch grüßen, ich aber bin ihre Tochter Aurora, die Königin der Wälder.« – »So will ich König sein«, rief Kasperl und schwang sich hinter sie auf den Hirsch, und hui! ging's nun durch die Waldesnacht unter einsamen Burgen, an kühlen Strömen und Gärten und schimmernden Fernen vorüber, und jedem ging das Herze auf, der sie von fern vorüberfliegen sah. – So hausten sie fortan miteinander in freudenreichem Schalle, und da sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute – denn ich bin der verliebte Kasperl, und du die Waldkönigin Aurora, mein liebes, liebes Dichterweibchen!«
So schloß Fortunat und küßte Fiametten auf die verschlafenen Augen. Da stieß sie ihn leise an und wies in das Land hinaus. Ein leiser Schimmer flog über die Gegend, wie wenn ein Kind im Traume lächelt, eine früherwachte Lerche hing schon liedertrunken über ihnen hoch in der Dämmerung. »Grüß dich Gott, du schöne, wunderbare Welt!« rief Fortunat, »jetzt frisch ans Werk!« – Sie schüttelten sich schauernd in der Morgenkühle, er sprang schnell vom Baum, Fiametta folgte, er fing sie unten in seine Arme auf. Dann gingen sie schweigend miteinander durch den dämmernden Garten.
* "ein ästhetisches Verfahren, das darin besteht, die Produktionsbedingungen von Kunst im Kunstwerk selbst zu reflektieren, (oder mit den Worten Friedrich Schlegelsdas Produzierende mit dem Produkt darzustellen. Das Kunstwerk soll dabei in der Schwebe aus einem steten Wechsel aus Selbstschöpfung und Selbstvernichtung gehalten werden, und im Bezug sowohl auf inhaltliche als auch auf formale Elemente." (Wikipedia)
*Dass jemand "in das Buch" kommt, kennen wir heute vor allem aus Cornelia Funkes Tintenwelttetralogie und Michael Endes: Die unendliche Geschichte
* Cornelia Funkes Tintenwelttetralogie mit dem Hineinlesen und Herauslesen mit dem Kampf der literarischen Figuren mit ihren Schöpfern hält das Buch, seine Entstehung und seine Figuren "in der Schwebe aus einem steten Wechsel aus Selbstschöpfung und Selbstvernichtung", wie es Schlegels Formulierung entspricht. Es legt sich nahe, dass sie das Konzept der romantischen Ironie kannte, als sie die Romane konzipierte. 

21 März 2020

Hans Christian Andersen und Ambrosius Stub

Hans Christian Andersen setzte Ambrosius Stub in seinem Märchen 'Das Schneeglöckchen' ein literarisches Denkmal:
"[...] Am nächsten Tage schien die Morgensonne hinein auf das kleine, flachgedrückte Schneeglöckchen, das so aussah, als sei es auf den Fußboden hingemalt. Das Dienstmädchen, welches das Zimmer auslehrte, hob es auf, legte es in eins der Bücher hinein, die auf dem Tische lagen, und zwar in der Meinung, es müsse beim Aufräumen herausgefallen sein. Die Blume lag wieder zwischen Versen, gedruckten Versen, und die sind vornehmer als die geschriebenen, wenigstens ist mehr Geld auf sie verwendet.
Darauf vergingen Jahre, das Buch stand auf dem Bücherbrette: dann wurde es einmal in die Hand genommen, man schlug es auf und las darin; es war ein gutes Buch: Verse und Lieder von dem alten dänischen Dichter Ambrosius Stub, die wohl zu lesen werth sind. Der Mann, der in dem Buche las, schlug ein Blatt um. »Da liegt ja eine Blume!« sagte er, »ein Schneeglöckchen, ein Sommernarr, ein Dichternarr! Die wird wohl mit Bedacht hier hereingelegt worden sein; armer Ambrosius Stub! Er war auch ein Sommernarr, ein Dichternarr! Er kam seiner Zeit zu früh, und deshalb mußte auch er die scharfen Winde kosten, als Gast bei den adeligen Gutsbesitzern umherwandern, als Blume im Wasserglase, Blume im gereimten Briefe! Sommernarr, Winternarr, Spaß und Narrheit, und doch der erste, der einzige, der jugendfrische dänische Dichter von damals. Ja, bleib Du als Zeichen im Buche liegen, Du kleines Schneeglöckchen, Du bist mit Bedacht hineingelegt worden.«  [...]" (Das Schneeglöckchen)

"Sommernarr, Winternarr, zu früh gekommen, mit allen Mühsalen einer unzeitigen Geburt; aber mit dem "Alleinstellungsmerkmal", das/der Erste gewesen zu sein.

14 Januar 2020

"Man nennt mich den Herrn der Wüste; ich bin der Räuber Orbasan"

Der Schelling und der Hegel,
der Schiller und der Hauff,
das ist bei uns die Regel,
das fällt bei uns nicht auf.

Dass Wilhelm Hauff in diesem Vers mit Schiller und Hegel in einem Atemzug genannt wird, liegt natürlich am Reim. Aber staunenswert ist das, was Hauff, der schon mit 24 Jahren starb, in seinem Leben geleistet hat, in ähnlicher Weise wie bei Büchner.
Freilich dessen Werke - er starb mit 23 Jahren - brauchen einen Vergleich mit denen Goethes und Schillers nicht zu scheuen. Das kann man so von Hauff nicht sagen, aber seine Märchen haben einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, und in ihrer Gesamtheit stellen sie wohl das bedeutendste Werk an Kunstmärchen in deutscher Sprache dar.

Die in der Überschrift zitierten Worte stehen am Schluss seines Märchenzyklus' "Die Karawane" aus dem Märchenalmanach auf das Jahr 1826. Er spricht da mit dem Erzähler der Geschichte von der abgehauenen Hand. Das einprägsamste Märchen der Sammlung ist aber wohl doch Kalif Storch. Die folgende Szene ist mir unvergesslich:

»Dreimal gen Osten müssen wir uns bücken, und dazu sprechen: Mu – Mu – Mu –«
Sie stellten sich gegen Osten und bückten sich in einem fort, daß ihre Schnäbel beinahe die Erde berührten; aber, o Jammer! das Zauberwort war ihnen entfallen und sooft sich auch der Kalife bückte, so sehnlich auch sein Vezier Mu – Mu dazu rief, jede Erinnerung daran war verschwunden, und der arme Chasid und sein Vezier waren und blieben Störche. –

Und zwar gerade deswegen, weil wir darüber so gelacht haben. Wer sich nicht denken kann, was Lachen und Vergessen miteinander zu tun haben, dem empfehle ich, das Märchen zu lesen.  Denn da fällt das erlösendeWort:
»Was für ein Wort hast du ihnen denn aufgegeben?« fragte ihn ein anderer Zauberer. »Ein recht schweres lateinisches, es heißt Mutabor.«

sieh auch:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/ein-genialer-handwerker-im-literaturbetrieb-wilhelm-hauff-als-visionaer-15686269.html

24 Dezember 2019

Wie der Teufel gefangen wurde

Der Teufel ist los
oder
das Märlein, wie der Teufel den Branntwein erfand


"Es hatten einmal zwei Landesherren einen Grenzstreit; da waren auf jeder Seite Zeugen, die das Recht behaupteten, und darunter waren zwei, die hatten vom Teufel die Schwarzkunst erlernt und ihm dafür ihre Seelen verschrieben.
Diese Beiden haben einmal ein Jeder in der Nacht wollen falsche Grenzsteine setzen, so, wie jeder von ihnen die Grenze behauptete, und haben die Steine mit schwarzer Kunst wollen machen, daß sie aussahen, als ob sie schon viele, viele Jahre da gestanden hatten. Da sind sie alle zwei, als feurige Männer, hinauf auf die Höhe gegangen. Und wie der Eine hinauf kommt, da ist der Andere schon da. Aber keiner hat etwas von dem andern gewußt, daß dieser denselben Gedanken hatte.
Da fragte der Eine den Andern: "Was machst Du da?" ""Was hast Du danach zu fragen? Sage mir zuvor, was Du da machen willst?""
"Grenzsteine will ich setzen, und will den Grenzzug machen, wie dieser eigentlich sein muß."
""Das habe ich selbst schon gethan, und da stehen die Steine, und so geht der Grenzzug.""
"Das ist nicht richtig, und so geht der Grenzzug. Mein Herr hat gesagt, ich hätte Recht, und ich solle nicht nachgeben." ""Wer ist denn Dein Herr? Das wird auch ein schöner Monsieur sein!""
"Der Teufel ist mein Herr! Hast Du nun Respekt?"
""Das ist nicht wahr, das ist mein Herr, und derselbe hat mir gesagt, ich habe Recht und solle nicht nachgeben. Packe Dich den Augenblick, oder es geht Dir schlecht!" "
Und so kamen die Zwei hintereinander, und zuletzt da gab der eine feurige Mann dem andern eine Maulschelle, daß ihm der Kopf herabflog und hullerte den ganzen Berg hinab. Und der feurige Mann ohne Kopf rannte hinter seinem feurigen Kopfe her und wollte ihn haschen und wollte ihn sich wieder aufsetzen. Aber er konnte ihn nicht einholen bis ganz drunten im Graben.
Wie nun der Eine dem Andern die Maulschelle gegeben hatte, und jener hinter seinem Kopfe herlief, da kam auf einmal der dritte feurige Mann dazu, und fragte den, der oben blieb: "Was hast Du da gemacht?
""Was geht es Dich an und was hast Du mir zu befehlen? Den Augenblick packe Dich Deiner Wege, oder ich mache es Dir gerade so wie jenem." "
"Hallunke! Hast Du nicht mehr Respect vor mir? Weißt Du nicht, daß ich Dein Herr, der Teufel, bin?"
""Und wenn Du zehnmal der Teufel selbst bist, so liegt mir gar nichts daran; Du kannst mich meinetwegen recht schön rein machen!""
"Diesen Gefallen will ich Dir thun, Du sollst aber Dein Lebtag daran gedenken!"
Und da fing der Teufel an und machte ihn rein, daß die Feuerputzen auf dem ganzen Bergrücken herumflogen.
Aber wie er ihn so rein machte, da ersah mein feuriger Mann den günstigen Augenblick, und griff hin und erwischte den Teufel im Nacken, hielt ihn fest und sagte ihm:
"Nun bist Du in meiner Gewalt; nun sollst Du sehen, daß Du in der Menschen Händen bist! Du hast Dein Lebenlang genug armen Leuten den Hals herumgedreht, nun sollst Du auch selbst einmal erfahren, wie es thut, wenn einem der Hals umgedreht wird!"
Und fing an, und wollte dem Teufel den Hals herumdrehen. Wie der Teufel sah, daß der feurige Mann Ernst mit ihm machte, legte er sich aufs Bitten und gab ihm die himmelbesten Worte, er solle ihn doch gehen lassen und solle ihm den Hals nicht herumdrehen; er wolle ihm auch alles thun, was er nur von ihm verlangte. Da sagte ihm der: "Weil Du also erbärmlich thust, so will ich Dich nur gehen lassen; aberzuvor mußt Du mir meine Verschreibung wieder geben, in welcher ich Dir meine Seele verschrieben habe, und mußt mir auch versprechen, ja Du mußt mir das bei Deiner Großmutter beschwören, daß Du kein Theil mehr an mir haben willst, auch all Dein Lebetage von keinem Menschen Dir wieder die Seele verschreiben lassen."
Wollte der Teufel wohl oder übel, einmal stak er in der Klemme, und wenn er los kommen wollte und wollte nicht den Hals herumgedreht haben, so mußte er in einen saueren Apfel beißen, und gab ihm seine Verschreibung wieder und versprach's ihm und verschwur sich bei seiner Großmutter, daß er keinen Theil mehr an ihm haben wolle, und, wolle auch alle sein Lebetag von keinem Menschen sich wieder lassen die Seele verschreiben. Wie er das Alles gethan hatte, ließ jener den Teufel los.
Wie aber der Teufel wieder ledig war, da that er einen Sprung zurück, daß ihn Jener nicht etwa unversehens noch einmal erwischen konnte, und stellte sich hin und sagte: " So, nun bin ich wieder ledig; wenn ich Dir, Du Schalksnarr, nun auch meine Verschreibung wieder gegeben habe und habe Dir versprochen und beschworen, daß ich kein Theil mehr an Dir haben wolle, so habe ich Dir doch nicht versprochen, daß ich Dir auch nicht den Hals umdrehen wolle, so ich wieder ledig wäre. Und auf dem Flecke d'rauf sollst Du alleweil sterben, dafür, daß Du mich gegurgelt hast, und hast mir wollen den Hals umdrehen!"
Und damit fuhr der Teufel auf ihn hinein, und wollte ihm den Garaus machen, der aber riß aus und lief zum Walde hinein. Und der Teufel immer hinter ihm her. Und endlich ersah es Jener, und kam an eine alte Buche, die war hohl und hatte unten ein Loch. Da kroch er geschwind hinein und wollte sich verstecken vor dem Teufel. Aber er war nicht weit genug hinein gekrochen, und die Fußzehe guckte ihm noch heraus. Und weil er über und über feurig war, da leuchtete die Zehe durch die Nacht, und der Teufel wurde es gewahr, wo Jener sich hin versteckt hatte, und kam und wollte ihn an der Fußzehe erwischen.
Aber der in seinem Baume hörte es, wie der Teufel getappt kam, wie er nach ihm greifen und ihn erwischen wollte, da zog er sich vollends hinein, und machte sich weiter im Baume hinauf. Da kroch der Teufel auch hinein, und Jener machte immer weiter im Baums hinauf und der Teufel immer hinter ihm her. Endlich da hatte der Baum oben in der Höhe ein weites Astloch, da kam Jener d'ran und kroch heraus. Und wie er draußen war, da nahm er etwas und verkeilte das Astloch, wo er herausgekrochen war, und stieg geschwind herab und verkeilte auch das untere Loch, und machte es mit schwarzer Kunst so fest, daß es der Teufel selbst und seine Großmutter und die ganze Hölle nicht wieder aufbringen konnten. Darnach ging er seiner Wege. [...]"
(Ludwig Bechsteins Märchen: Der Teufel ist los)

Wie der Teufel gefangen war und es in der Hölle einsam wurde

"[...] Und da steckte nun der Teufel in der alten Buche, und konnte nicht herauskommen, und half ihm Alles nichts, er mußte d'rin stecken bleiben. Und da hat er lange Zeit darin gesteckt, und vielmal zu jener Zeit, wenn Leute des Wegs über jenen Berg gegangen sind, da haben sie ihn darin hören blöken und grunzen in seiner Buche. Endlich aber, wie der Holzschlag dort hinauf gekommen ist, da ist die Buche abgehauen worden. Da ist er endlich wieder herausgekommen und ist wieder frei geworden, der Teufel. Wie er nun wieder los war, da machte er sich auf und ging heim in die Hölle und wollte sehen, wie es aussahe? Aber da war Alles leer darin, wie es in der Kirche in der Woche ist, und war keine Seele mehr zu hören noch zu sehen. Seit der Teufel damals fortgegangen und nicht wieder gekommen war, und auch kein Mensch nicht gewußt hatte, wo er hingekommen war, da war nicht eine einzige Seele wieder in die Hölle gekommen. Und da war seine Großmutter für Herzeleid gestorben, und wie die todt war, da packten alle die armen Seelen, die dazumal in der Hölle waren, auf, und machten sich auf und davon und gingen alle mit einander in den Himmel. Und da stand er, Maus-Mutter -Stern allein in der Hölle, und wußte seines Leibes keinen Rath, wie er's wohl anfinge, daß er wieder arme Seelen bekäme, weil er es nicht mehr thun durfte, und hatte es damals bei seiner Großmutter verschwören müssen, daß er von keinem Menschen sich wieder wollte die Seele verschreiben lassen, und auf andere Weise bekam er damals keine Menschen in die Hölle. Und da stand er und wußte seines Herzeleids kein Ende, und wollte sich die Hörner aus dem Kopfe raufen vor lauter Herzeleid und Jammer. - Da fiel ihm auf einmal etwas ein.
Wie er in der alten Buche gesteckt hatte und nicht herausgekonnt, da war ihm zuletzt die Zeit lang geworden, und da hatte er über allerlei nachsimulirt und den Branntwein erdacht und erfunden. Das fiel ihm alleweit mitten in seinem Herzeleide wieder ein, und da dachte er sich, das müsse ein Mittelchen sein, wie er doch wieder arme Seelen in die Hölle bekommen könne.
Und da packte er auf der Stelle auf und ließ die Hölle Hölle sein, und ging nach Nordhausen und wurde ein Schnapsbrenner und machte Branntwein drein und drauf und schänkte ihn in die Welt hinein. Und er zeigte auch den Nordhäusern allen mit einander, wie der Schnaps gemacht wird, und versprach ihnen viel Geld und Gut, wenn sie's lernten und Branntwein brennten. Und die Nordhäuser ließen sich's auch nicht zweimal sagen, und wurden alle Schnapsbrenner, und machten Branntwein, und schänkten ihn in die Welt hinein. Seit dieser Zeit schreibt sich's her, daß bis auf den heutigen Tag so viel Branntwein in Nordhausen gebrennt wird, wie an keinem andern Orte in der ganzen Welt.
Aber wie sich's der Teufel gedacht hatte, also ging es auch. Wenn die Leute erst ein wenig Branntwein im Leibe hatten, da fingen sie an zu fluchen und zu schwören, und fluchten und schwuren ihre Seele zum Teufel, daß sie der Teufel bekam, wenn sie gestorben waren, und brauchte ihnen darum nicht zu dienen, wie er sonst hatte thun müssen, wenn er eine arme Seele hatte haben wollen. Und wenn sie sich den Kopf erst richtig vollgesoffen hatten im Branntwein, da fingen sie auch an und zankten sich und prügelten sich und brachen sich selber die Hälse, daß sich der Teufel nicht erst brauchte die Mühe zu geben und brauchte sie ihnen herum zu drehen. Und wenn der Teufel sonst mit aller Mühe und Noth hatte alle Wochen einmal eine arme Seele in die Hölle bekommen können, da kamen sie jetzt dutzend- und schockweise alle Tage hinein, und es dauerte kein Jahr, da war die Hölle zu klein geworden und konnte der Teufel die Seelen nicht mehr unterbringen und mußte ein ganz neues Stück lassen anbauen an die Hölle.
Und kurz und gut, seit der Teufel aus der alten Buche jenesmal wieder losgekommen ist, seit der Zeit ist der Branntwein aufgekommen, und seit der Branntwein in der Welt ist, da kann man erst recht eigentlich sagen:
"Der Teufel ist los!"  " (Ludwig Bechsteins Märchen: Der Teufel ist los)


Stark gekürzte Wiedergabe und Bezug auf die Finanzkrise

20 Oktober 2019

Märchen: Rotkäppchen, Aschenputtel - alt und modern

Rotkäppchen zwischen Unschuld und Erotik
"Ist Rotkäppchen ein kleines, unschuldiges Mädchen? Offenbar erst seit den Gebrüdern Grimm. Davor kokettierte sie schon mal mit jugendlichen Charme und ließ sich vom Wolf verführen. Eine Begegnung mit vielen Rotkäppchen. [...]
https://www.dw.com/de/rotk%C3%A4ppchen-zwischen-unschuld-und-erotik/a-36436551
Lea Albrecht 27.11.2016

Daneben gibt es auch die Rotkäppchenversion in Juristendeutsch und Iring Fetschers Version "Rotschöpfchen und der Wolf", wo Rotschöfpchen ein Revolutionär ist.
Nicht zu vergessen seine Version vom Froschkönig, wo die Prinzessin statt mit einem goldenen Ball(us) mit einem Phallus spielt, oder "Tischlein deck dich" mit dem Esel als das sich selbst vermehrende Kapital (c + c') und der maoistischen Version, wo der "Knüppel aus dem Sack" keine harmlose Oktoberrevolution ist.

sieh auch:

Iring Fetscher: Wer hat Dornröschen wachgeküsst?. Das Märchen Verwirrbuch und die Reportagen des Edlen von Goldeck von den drei Märchendeuter-Kongressen2000


G.-E. Wittmann: Aschenputtel und ihre Schwestern (pdf)

Grimms Märchen - modern Prosa, Gedichte, Karikaturen Herausgegeben von Johannes Barth, Reclam

11 März 2017

Die Gschicht vom Jüngsten Tag

Da sein wir so alle nacheinander herglegn, wir Toten, drunter und drüber, einschichtig, paarweis, z' dritt und z' viert, und wie sich's halt troffen hat – ich weiß nit, warn's 3000 Jahr, 2000 Jahr, sechs Wochen, oder was für a Zeit war, nach meinm Versterben, die allerältesten wie die jüngsten Toten führn kein Kalender. Auf einmal is mir, als wurd blasen – aber schon wie! Du weißt noch, wie die böhmischen Musikanten bei uns warn im Ort und sein ins Gmeinwirtshaus in die klein Gaststubn kämma, wie da, sooft der kleine Dicke mit der großen Blechblasen anghobn hat, die Wänd zum zittern angfangt habn, just a so war's, tief bis in die Erd hnein hat sich alls beutelt.
Na, du weißt, unsereins schindt sich gehörig, und man hat sein gsunds Stückl Schlaf. Na so denk ich mir, is dös dumm, is gwiß wieder so a Malefizball beim Wirten im Dorf unten, daß man kein Ruh hat – und will mir die Augn reibn – heilige Mutter Anna, war das a Schrocken, wie ich mir mit die dürren Beiner in die leeren Augen einifahr – und am ganzen Leib zum scheppern anfang!! – Jessas, denk ich, du bist ja vorlängst verstorbn – und hitzt dürft etwa gar schon der Jüngste Tag sein. Wann ich nur gschwind mein Hosen zum Hneinschliefen bei der Hand hätt –! So kannst doch nit unter die Leut gehn!
Ich tapp hrum, greif aber nur dort und da ein Knopf von der Hosen, in derer sie mich vorzeit beigsetzt habn, und wo ich an mich ankomm, gspür ich's deutlich, ich muß ausschaun wie der angmalne Tod an der Kirchhofmauer. Brauchst gar kein Gwandstuck, denk ich mir, hast ja eh nix Unanständigs an dir, wann dich aber nur nit der Spodiumbrenner aus der Kreisstadt derglengt, da gang's dir übel! [...]
»Räsonierhannsl«, sagt der Gottvater und lacht, »tu, wie's d' willst. Ich hab's aber gleich gestern gmerkt, wie ich enk Glump aufgweckt hab, ös seids nit anderst wordn, wie 's gwesen seids; seids noch alleweil nit gscheit!«
»Mein Gott«, sag ich, »hättst uns gscheiter gmacht!«
Sagt er: »Ja, glaubst, ich hab mein Allmacht gstohln, wollts ös gar nix dazu tun? In d' tausend und tausend Jahr schau ich enk schon zu, und seids noch alleweil so dumm! Wöllts ös nit leicht a ganz andere Welt und ein ganz andern Herrgottn? Tauget grad zu euch! – He, liegt da unten nit auch noch der Gruß-Franzl und schnarcht in Jüngsten Tag hnein? Na, dem is da auch 's Grüßen verspart!«
»Lieber Gottvater«, sag ich, »dös legt der nit ab.«
»Herobn tragn wir keine Haubn«, sagt er.
»Da nimmt der ehender 'n Kopf abe, als er's sein laßt! Ich kenn ihn«, sag ich.
»Na, so sagt es der heiligen Veronika, sie soll ihm was zurichten für sein Kopf«, lacht der Gottvater. »Na, was sag ich denn, muß der nit sein Mützen habn, daß er im ewigen Lebn fortgrüßen kann, und dir muß ich wohl auch dein Pfeifen derlaubn, daß d' doch meinst, du bist es!? Was half euch die gscheiteste Welt? Jetzt mach, daß d' hnunterkommst zum Gruß-Franzl, und sag ihm, ich nehm enk nix in Übel auf, die andern, die sich's da unten meist habn wohl sein lassen, die habn freilich a leicht Auferstehn ghabt, die warn ausgschlafen, ös habts aber auf Erden schwer gearbeit! Also sag ihm, es macht nix, wann er 'n Jüngsten Tag verschlaft, und im ewign Lebn soll er auch sein himmlische Mützen habn!«
(Ludwig Anzengruber: Die Märchen des Steinklopferhanns)

Vergleiche dazu
Calderon: Das große Welttheater:


Der Bettler. Meister Himmels und der Erde!
Die nach deinem Machtgebote
Dieses kurzen Menschenlebens
Schauspiel vorgestellt, sie kommen
Alle nun zum großen Gastmahl,
Das du ihnen einst versprochen.
Laß das Lichtgewölk sich teilen
Vor dem Glanze deines Thrones!
(Musik. Wahrenddeß erschließt sich noch einmal die Himmelsbühne und zeigt einen Tisch mit Kelch und Hostie, an welchem der Meister sitzt.)

Der Meister. Schon harrt euer dieser Tisch
Und das Brot, vor dem erschrocken
Sich die Hölle beugt und alle
Himmel in Beschaun verloren.
An der Zeit ist's, zu verkünden,
Wer jetzt mit mir tafeln soll,
Denn aus meiner Nähe müssen 
Scheiden nun, die ihre Rollen
Dort verfehlt, auf daß besel'gend
Sie Erkenntnis überkomme
All des Heiles, das ich ihnen
So barmherzig dargeboten.
Sei der Bettler und der Mönch
Denn zum Ehrentisch erhoben;

01 Februar 2016

Christoph Martin Wieland: Nadir und Nadine

Nadir und Nadine

"Zwischen unersteiglichen Felsen, die sich nur auf einer Seite auftun, wo das Meer einen kleinen Busen in das Land hinein macht, zieht sich ein langes, fruchtbares, der Welt unbekanntes Tal, das die Einwohner in ihrer Sprache «die ruhige Aue» nennen. Es wird seit undenklichen Zeiten von einer gutherzigen Art von Hirten bewohnt, die so glücklich sind, keinen andern Gesetzgeber zu kennen als die Natur. Sie haben kein gemeinschaftliches Oberhaupt, weil sie keinen Anführer gegen ihre Feinde und keinen Richter nötig haben, der ihre Händel entscheide oder ihre Verbrechen bestrafe; denn sie haben keinen Feind, fangen keine Händel an und begehen keine Verbrechen: sie sind alle gleich und leben zusammen wie gutartige Geschwister. Ihre Herden geben ihnen Nahrung und Kleidung, sie sind ihr vornehmster Reichtum; und wiewohl jede Familie ihre eigene hat, so werden sie doch von den benachbarten Bergen, die bis auf einen gewissen Grad von Höhe fruchtbar sind, so reichlich mit Weide und Futter versehen, daß nie kein Streit deswegen unter ihnen entstehen kann.
Diese guten Leute stehen, man weiß nicht warum, unter dem Schutze eines Zauberers, der in ihrer Nachbarschaft auf einem hohen Felsen wohnt und dem sie es zuschreiben, daß ihre Täler vor allen Arten von Raubtieren und ihre Herden vor ansteckenden Krankheiten gesichert sind. Indessen muß man gestehen, daß er sie diesen Schutz teuer genug bezahlen läßt, denn alle vier Jahre müssen ihm, vermöge eines Rechtes oder Herkommens, dessen Ursprung und Gültigkeit niemals untersucht worden ist, alle junge Mädchen von vierzehn Jahren vorgeführt werden; er nimmt sie in Augenschein, wählt sich aus, welche ihm am besten gefällt, und fährt sie in seinem Wagen davon, ohne daß man weiter etwas von ihr zu hören bekommt. Weil nun im Tale der Ruhe alle Eltern ihre Kinder sehr zärtlich lieben und jedes Mädchen von vierzehn Jahren, unter den Knaben von sechzehn oder siebzehn, irgendeinen guten Freund hat, der im Notfall seine beiden Augen um sie gäbe, so ist dieser Tribut den guten Hirten überaus lästig; und die Angst, in der sie alle vier Jahre leben, wenn die Zeit des Besuchs von ihrem Beschützer herannahet, verbittert das Glück, dessen sie sonst genössen, nicht wenig. Indessen, da sie es nicht ändern können, begnügen sie sich, darüber zu seufzen, und suchen sich mit dem Gedanken zu trösten, daß der Zauberer noch immer gütig genug sei, sich alle vier Jahre an einem Mädchen zu begnügen; denn, sagen sie, was wollten wir machen, wenn er ihrer zwei oder drei mit sich nähme? Er würde es immer so anzugehen wissen, daß er am Ende recht behielte."

Unter den Mädchen, die das nächste Mal dem Zauberer zugeführt werden, ist Nadine. Nadir, der sie unendlich liebt, muss erleben, dass der Zauberer sie entführt, und versucht sie zu retten.
Er braucht keine Heldentaten und Guttaten zu vollbringen, um die Hilfe zweier mächtiger Zauberer zu gewinnen. Er erhält einen Ring, der über alle Macht von Zauberern hinaus geht, und die Geschichte geht gut aus.
Man kann die Erzählung nachlesen oder sich überlegen, welche Eigenschaften der Ring haben muss, was Nadir tun muss und wer ihm vielleicht helfen könnte, damit die Erzählung gut ausgeht und sie dennoch weder langweilig noch sehr kurz zu sein braucht. 

Welche Motive Wieland in seiner Märchensammlung Dschinnistan einsetzt, zu der auch "Nadir und Nadine" gehört, kann man hier nachlesen
Interessant ist auch die Wirkungsgeschichte der Märchensammlung, in der Mozart und Karl May eine Rolle spielen. 

Wie erklärt sich aber, dass Wieland "schon im 19. Jahrhundert unter den deutschen Klassikern der am wenigsten Gelesene" war? Und welcher Schriftsteller des 20. Jahrhunderts hat ihm wohl neue Leser zugeführt?

Wer eine Hilfe braucht: Er hat eine Schule der Atheisten geschrieben.

30 November 2015

Keltische Märchen und Sagen

Das Märchen heißt "Der Winter und der Zaunkönig" und handelt von Winter, Zaunkönig, Adler und Prinz sowie von der Schwester des Adlers, die den Prinzen ihr Treue bis in den Tod schwören lässt, ihn aber dann doch nicht heiraten will und ihm einen halben Ring und ein Taschentuch gibt. Der Zaunkönig jubelt über den Sieg, als seine Partei verloren hat.
Genügend eigentümlich? Dann lesen Sie es nach.
Bils, der schlaue Dieb ist ebenfalls ein Märchen aus der Bretagne.

zu finden in: Frederik Hetmann: "Keltische Märchen" Fischer TB 1593 Copyright 1975, S.134ff.

Mehr keltische Märchen im Netz findet man in der Märchenwirkstatt

und im Buch Frederik Hetmann: "Irische Märchen" Fischer TB 1225 Copyright 1971

Irische Sagen in:
"Keltische Sagen aus Irland" herausgegeben und übersetzt von Martin Löpelmann, erschienen 1944 in Brünn, 1977 bei Eugen Diederichs in München, 1988 in einer Neuausgabe bei Eugen Diederichs in München. 522 Seiten

Ergänzend:
Kelten
Keltische Mythologie
Irische Mythologie
Mythologischer Zyklus
Historischer Zyklus
Liste inselkeltischer Mythen und Sagen
Irische Elfenmärchen
Liste keltischer Götter und Sagengestalten
Keltische Gottheiten
Keltische Religion
Keltischer Kesselkult
Keltische Frauen



03 November 2014

Mondscheinmärchen

In jener grauen Urzeit, von welcher sich die Menschen die verworrensten Begriffe machen, war es, wie neuere Forschungen lehren, mit der Welt folgendermaßen beschaffen. Die Erde war alles, und außer ihr gab es nichts, nur eine falsche Bescheidenheit späterer Zeiten hat vom Chaos oder Universum gefabelt, aus welchem unser guter Ball nebst vielen andern Ballen und Bällchen hervorgesprungen sei. Die Erde hatte aber dazumal die Form eines Nestes, nämlich in der Mitte war sie einige tausend Meilen vertieft, und die Seitenflächen bogen sich als schützende Ränder hoch und weit über. Es gab weder Gras noch Baum, weder Tiere noch Menschen auf der Erde, auch schien keine Sonne, dennoch war es auf ihr, und in der Höhlung des großen Nestes weder unfein, noch still, noch dunkel. Ihre Oberfläche war glatt und sanft anzufühlen wie der feinste Sammet, sie sang sich selbst ein süßes Lied von jener frohen Ewigkeit vor, und phosphoreszierte dabei im buntesten Lichte.
Dieser selige Zustand hat ziemlich lange gedauert. Endlich aber, wie denn nichts ungestört bleiben kann, regte sich ein gefährlicher Fürwitz in der Erde, und sie sprach so zu sich: »Wozu ein Nest ohne Eier? Meine Bestimmung ist nur halb erreicht.« Flugs empfand sie ihre Einsamkeit und die Sehnsucht nach Eiern, aus denen sich, wie sie meinte, die anmutigsten Gesellschafter und Gespielen für sie entwickeln würden.
Wie froh erstaunte sie, als sie eines Morgens beim Erwachen in ihrem Schoße eine Menge der schönsten Eier fand! Auf welche Art sie dieselben gewonnen, auf welchem geheimnisvollen Wege der Zeugung ihr diese Bescherung geworden, darüber schweigt Geschichte und Märchen. Genug, sie lagen, in Kreisen gereiht, im Grunde des großen Nestes, waren durchsichtig, wie die Edelsteine, herrliche Figuren schmückten die glänzenden Schalen, im Innern pulsierte es, ein eignes, wildkräftiges Leben.
Mutter Erde, vor Freude ganz wirblicht, machte eine schräge Bewegung, woraus später die Schiefe der Ekliptik entstanden[398] ist, erinnerte sich aber noch zur rechten Zeit ihrer neuen Pflichten, nahm sich zusammen und weinte nur einige Tränen in den unendlichen leeren Raum hinab. Darauf begann sie liebevoll ihr vertrautes Gut zu wärmen und machte tausend Plane, wie sie mit den Vöglein, wenn sie aus den Eiern gekrochen wären, freundlich und herzlich verkehren wolle.
Unter diesen Sorgen, Gedanken und Träumereien war es in dem einen Eie rege geworden, es pickte, und eine leuchtende, beflügelte Gestalt brach durch die Schale. Anfangs war sie noch einigermaßen in den Grenzen erträglicher Größe, aber mit Sturmeseile wuchs sie, wahrscheinlich durch die einströmende atmosphärische Luft geschwellt, ins Ungeheure, so daß der Erde vor dieser Geburt angst und bange wurde. Doch faßte sie sich und sagte: »Gesell, du wirst nicht vergessen, wer deine Stärke also gepflegt? Komm, sei mein Freund.« – »Was Freund?« fuhr sie der feurige Recke an, »ich habe nicht Zeit zur Empfindsamkeit, meine Bahn geht selbständig durch die unermeßlichen Räume.« Und damit schoß er fort, der Undankbare, und ward der erste Fixstern. Seinem Beispiele folgten die andern Geburten, die nun bald nacheinander kamen, sie wollten alle nichts von Häuslichkeit und gemütlichem Zusammenleben wissen, vielmehr eigne Fortüne droben im Blauen machen, was ihnen denn auch gelungen sein muß, wie der gestirnte Himmel besagt.
Nur ein Flüchtling, eine schöne üppige Person von lebhaftem Temperament, bereute den Undank, als sie ein paar Millionen Meilen weit fortgerannt war, hielt inne in ihrem wüsten Laufe, und ward feuerrot vor Scham. Sie sieht sich noch immer von Zeit zu Zeit nach dem verlaßnen Neste um, und das Erröten dauert auch noch fort, welches uns sehr zustatten kommt, denn wenn die Sonne sich nicht so schämte, und uns dadurch nicht mit einheizte, wären wir alle längst erfroren, weil die Dinge bald eine betrübte Gestalt annahmen, wie ich gleich erzählen werde.
Zuerst schüttete die Erde, in ihren Hoffnungen so schmerzlich getäuscht, einige noch nicht ausgekommne Eier zornig über Bord. Sie fielen eine geraume Zeit unaufhaltsam in die Tiefe, endlich stießen sie doch irgendwo an eine scharfe Weltecke,[399];die Schalen zerbrachen, und die unreifen Geburten taumelten heraus. Diese haben nun ein Leben und haben keins, im halbwachen Traume schießen sie dahin und dorthin, ziehen einen feurigen Schweif von allerhand Eulenspiegeleien hinter sich her, und sind mit einem Worte unglückselige Kometen, auf die am ganzen Sternenhimmel kein Verlaß und Glaube ist.
Doch, was gehn uns die Kometen an? Auf der Erde entstanden ganz andre Folgen der mißlungnen freundlichen Absicht. Zuvörderst zog sie sich aus der offnen Nestgestalt in die abgeplattete Kugelform zusammen, welcher nur bis auf eine geringe Tiefe etwas anzuhaben ist. Sodann schlug sich in ihren Eingeweiden durch einen heftigen Gallenerguß Proteus, der Metallkönig, nieder, der also eigentlich der kristallisierte Verdruß der Erde ist, und bei allen nachfolgenden Händeln eine große Rolle spielt. Darauf, um ihr einigen Ersatz zu geben, geschah die Schöpfung in sechs Tagen mit Kräutern und Bäumen, Fischen, Vögeln, vierfüßigem Getier und endlich dem Menschen. Die Erde tröstete sich wohl, als sie das alles auf sich grünen und blühen, krabbeln und zappeln sah, aber dann war's ihr doch wieder nicht recht, und sie sprach alle Tage unzählige Male zu sich selbst: »Das tut's doch alles nicht.« Und sooft sie das für sich sagt, stirbt oder verdorrt etwas.
Proteus aber, der Metallkönig, der alte Verdruß, drängt sich unaufhaltsam an das Tageslicht. Denn es ist nicht wahr, daß die Menschen ihn suchen, und daß er gern in seinen dunklen Kammern bliebe; nein, er blickt und lockt nach ihnen aus dem Finstern, und wenn er ihnen nicht anders beizukommen vermag, so sucht er ihre Träume heim. Dann müssen sie, von Unruhe gepeinigt, die Erde aufreißen und ihr Elend herauffördern. Denn wenn er oben ist, so ergreifen den alten Griesgram kindische Launen; er kann es nicht leiden, in zerstückten Gliedern sich durch die Welt zu breiten, er will immer beisammen sein. Aus dieser Sehnsucht des Metalls nach sich entstehen dann alle Plagen, welche das unglückliche Menschengeschlecht heimsuchen: Krieg, Eigennutz, Dieberei, Raub. Denn so strebt z.B. der aufgespeicherte Vorrat an Schwertern, Gewehren und Kanonen in den Zeughäusern des einen Landes nach seinesgleichen[400] in dem andern, das Eisen reizt durch geheime Einflüsse den Arm des Menschen so lange, bis dieser sich zu seinem Dienste darbietet, und es mit großem Getöse aus dem Verschlusse hervorholt. Dann heißt es, die und die Nation habe der andern den Krieg erklärt. Nun ziehen die Heere, oder vielmehr die verstreuten Glieder des Proteus einander entgegen. Endlich treffen sie sich, und es gibt ein frohes Wiedersehn und Umarmen, bei welchem die dazwischen befindlichen Menschen übel wegkommen; das nennen sie dann eine Schlacht, und meinen, sie wären es, die selbige geschlagen, während doch nur Eisen und Stahl sich lebhaft begrüßten, und die Schlünde des Erzes einander feurige Küsse zuwarfen.
Ebenso geht es mit Silber und Gold. Wo dessen eine Menge vorhanden ist, da regt sich in ihm die Lust, mit einem Schatze, der anderswo liegt, verbunden zu sein. Die bösen roten und weißen Zauberaugen schauen nach Händen um, welche den Gefallen ihnen täten, der Wucherer und Betrüger, den sie erblicken, wird von ihnen bestrickt, er muß daran, und mit allerhand schlimmen Künsten die getrennten Horte zusammenbringen. Er meint, den Mammon zu haben, und der Mammon hat ihn. Aber über den Redlichen ist diesem die Gewalt versagt, daher der auch für die Vereinigung der Metalle nichts tut, den Proteus, wenn dieser sich aus Irrtum einmal zwischen seine Finger verirrte, sogleich wieder aus denselben fallen läßt, mit andern Worten zeitlebens arm bleibt.
Also geht es zu in der Welt; das wissen wir alle. Wie anders und schöner es aber geworden wäre, wenn die Erde die Vöglein aus den Eiern sich zur Gesellschaft hätte ausbrüten können, das deutet in gewissem Maße uns der Mondschein an. Nämlich, als schon die Fixsterne die Flucht ergriffen hatten, und die Kometen zu früh zur Welt gekommen waren, tönte es aus einem Winkel gar lieblich und bat um milde Behandlung. Die Erde sah nach, und bemerkte, daß eins der Eier zurückgeblieben war, dessen Inwendiges sich eben zum äußeren Leben hindurchrang. Es war eine sanfte Mädchengestalt, viel sanfter und zarter, als die andern, welche, sobald sie nur auf ihren kleinen Füßen stehn konnte, unaufgefordert der Erde den Eid der Treue leistete, und versprach, ihr immer hold und gewärtig zu sein. Die Erde aber, welche der Undank der übrigen tief erbitterte, und in welcher sich schon Proteus, der Metallverdruß abgelagert hatte, ließ, wie es in solchen Fällen geht, die Unschuldige büßen, verstieß sie mit harten Worten, und rief, sie möchte sich ihre Kamaraden am Sternenhimmel suchen, ihr solle sie nicht vor die Augen kommen. Und damit schüttelte sie sich dermaßen, daß die arme kleine Luna eine weite Strecke weit weggeschleudert wurde.
Aber sie ließ sich in ihrer treuen Sinnigkeit nicht irremachen. War ihr auch ein näheres Verhältnis untersagt, so konnte ihr doch niemand verbieten, der zornigen Mutter zu folgen, und sie in gemeßner Entfernung zu umkreisen. Das hat sie denn nun auch redlich die vielen tausend Jahre her getan und wird es tun bis an der Welt Ende, was aber wahrscheinlich noch lange ausbleibt.
Der Zorn der Erde ist längst vorüber, und sie lechzt eigentlich im stillen innigst nach der Vereinigung mit Lunen. Allein diesem Umstande tritt die inzwischen entstandne Schöpfung entgegen, da sich voraussehn läßt, daß, wenn die beiden großen Mächte zusammenkämen, Wälder und Felder, Tiere und Menschen dazwischen zerquetscht werden würden. Ein solches Verderben will nun die Erde als gute Haushälterin nicht, und so hat denn an ein Auskunftsmittel gedacht werden, und Luna hat sich entschließen müssen, nur zu scheinen. Der Mondschein ist der schwärmerische Ersatz für den Kuß der Mutter und Tochter. Er ist kein bloßer Schein; Luna haucht in ihm ihre Liebe an den Busen der Mutter, welche davon bis in ihre Tiefen selig erschüttert wird. Nicht Geheimes, oder Unbekanntes verkünde ich, was ich erzähle, ist jedem bewußt. Wer hat nicht die Zauber der Mondnacht empfunden? Alle Geschöpfe fühlen, daß etwas Großes, Liebes vorgehe, und sind in einer Art von Verwandlung, die Läuber der Bäume zittern, die Blumen spenden süßen Duft, die Lilien schicken leichte Flämmchen aus ihren Kelchen, die Vögel singen im Schlafe, und in den Herzen der Menschen sprießt die Liebe. Immer stärker wird das Verlangen Lunas nach der guten, gekränkten Mutter, sie wächst mit ihren Wünschen und wird aus der Sichel zur Halbscheibe, aus dieser zum Vollmonde.

Aber Proteus, dem alles sanfte Zerfließen ein Greuel, ärgert sich und ergrimmt zu wilden Gedanken, wenn die Sachen so weit gekommen sind. Die Erze in den Schachten rauschen und glimmern, die Waffen in den Rüstsälen klirren, die Goldstücke und Taler in den Säckeln der Reichen klappern unheimlich. Vor diesem bösen Wesen erschrickt Luna, nimmt ab bis zum Neumonde, und scheint für immer verschüchtert zu sein. Aber wer kann das Herz zwingen? Kaum hat sich der grimme Proteus wieder etwas zur Ruhe begeben, so blinkt auch die liebe Sichel wieder am Saume des Horizonts hervor, und das trauliche Spiel beginnt aufs neue.
Den Tod hätten wir gewiß alle davon, wenn Luna das Verbot der Mutter überwände, und sich, anstatt des Scheins, an ihr Herz legte. Aber gedenke ich, wie glücklich mich schon der Mondschein gemacht hat, in welchen süßen Frieden er mich einschlummernd gewiegt, so möchte ich mir oft einen so frohen Untergang wünschen, nach welchem wir vielleicht als leichte Wolkenträume in einer höheren Ordnung der Dinge wieder auferständen. 
Immermann: Die Epigonen, 6. Buch, 12. Kapitel, S.398-402

10 Februar 2014

Rai-jin

"Raiden, auch Rai-jin, der Donnergott, genießt in Japan große Verehrung; er ist aber sehr gefürchtet, wenn er in Begleitung von Futen, dem Sturmgeist, auftritt; denn dann tobt und heult er in den Bergen und in den Schluchten; dann kracht es in den Wäldern und die Sonne versteckt sich vor dem wütenden Heer der Sturm- und Donnergeister. Allen voran stürmt hoch oben in den Lüften, umgeben von schwarzen Wolken, Futen heran, ein behaartes grausiges Ungeheuer mit krallenbewehrten Händen und Füßen. Zwei große lange Hauer ragen aus seinem Maule, eine glatte Nase, stumpfe, kurze Ohren und tückisch blitzende Augen vervollständigen die schreckenerregende Gestalt dieses Unholds. Diesem folgt, ihm an Gestalt und Aussehen gleich, Raiden, der fünf Trommeln mit sich führt, auf die er mit einer großen Keule schlägt; zwischendurch wirft er die feurige Donnerkatze, die überall, wo sie hinfällt, Unheil anrichtet. Mit ihren glühenden Krallen zerschmettert sie Berge und zündet Bäume und Häuser an, sengt Menschen und Vieh zu Tode oder zeichnet sie für Lebenszeit. Futen trägt quer über den Schultern einen Sack, der vier Öffnungen hat und in dem die Winde stecken. Hält er den Sack geschlossen, dann herrscht Windstille auf Erden; aber die Schiffer auf dem Meere bitten ihn doch den Sack ein klein wenig zu öffnen, auf daß sie gute Fahrt haben. Macht Futen eine Öffnung ganz auf, dann bricht ein Gewittersturm heraus; wehe, dreimal wehe aber, wenn er den Sack an zwei Stellen öffnet, denn dann kommt ein Wirbelsturm daher, der alles in seinen Bereich Kommende vernichtet. Einen solchen Sturm nennt man in Japan »Tai-fu« – großer Wind – Orkan. – Und nun will ich einmal von diesen beiden Unholden ein Stücklein erzählen, aus dem man ersehen kann, daß sie nicht immer so böswillige Gesellen sind, als sie scheinen. [...]
Da fuhr plötzlich ein blendender Blitzstrahl zwischen ihnen zur Erde und blendete ihnen die Augen, während ein furchtbarer Donnerschlag ertönte, sodaß beide betäubt niedersanken. Als sie aus ihrer Betäubung erwachten, [...]
" (Alberti: Japanische Märchen, Kapitel 23)

01 Februar 2014

Japanische Erzählungen

In der Übersetzung von Karl Albrecht Heise liegen bei Gutenberg japanische Erzählungen vor, von denen ich hier einige vorstellen möchte.
Vor vielen, vielen Jahren lebte einmal ein Holzfäller. Der ging stets in den Wald, um Bäume zu fällen. Als er einmal wieder im Walde war, hörte er plötzlich ein dumpfes Brüllen, das von einem wilden Tiere zu kommen schien. Voller Angst kletterte er auf einen Baum und versteckte sich dort. Da das Brüllen andauerte, aber nicht näher kam, so packte ihn die Neugierde zu sehen, woher es komme.
Er kletterte also wieder von dem Baum und schlich sich zu der Gegend hin, aus der das Brüllen erscholl. So kam er immer näher und sah endlich eine Raubtierfalle, in der sich ein Tiger gefangen hatte, der sich vergeblich bemühte wieder frei zu kommen und ein wütendes Brüllen ausstieß.
Als dieser den Holzfäller bemerkte, rief er ihm zu: »Was gaffst du mich an? Mache mich lieber frei und ich zeige dir einen Platz, wo viele Reichtümer verborgen sind!«
»Daß ich dumm wäre!« entgegnete der Mann. »Bist du frei, so frißt du mich auf!«
»Wenn du mich befreist, tue ich dir sicherlich nichts!« versicherte der Tiger und gab so viele schöne gute Worte, daß der Holzfäller sich bereden ließ und den Tiger befreite.
Kaum war dieser frei, so dehnte und streckte er sich, dann sah er seinen Befreier eine Weile an und sagte:
Diesen Anfang kennen wir ähnlich von gefangenen Geistern aus dem orientalischen Raum, aber auch - wenn es um kleine Tiere geht - aus Märchen, wo dem Guten durch Hilfe solcher kleinen Tiere die Bewältigung von Aufgaben gelingt, die Menschen nicht bewältigen könnten. Doch dass hier ein Tiger befreit wird, weckt den Verdacht auf einen anderen Ausgang. Man findet ihn hier.

Doch wo ist wohl die Entsprechung zu dieser Erzählung zu finden, wo eine Krabbe, ein Affe, eine Wespe, ein Ei und ein Reismörser zusammenkommen.
In uralten Zeiten, als die Tiere noch wie die Menschen lebten, Häuser bauten und Felder bestellten, lebte einmal in einem kleinen, sauberen Häuschen eine Krabbe, dicht an einem Berge und zwar an dessen Schattenseite, weil es dort nicht zu heiß wird, sondern immer hübsch kühl und feucht bleibt, wie es die Krabben lieben. Diese Krabbe war eine fleißige und tüchtige Hausfrau, die sich mit ihrer Hände Arbeit mühselig aber redlich durchs Leben schlug, dabei ihr Häuschen stets in Ordnung hielt und so von früh bis spät beschäftigt war. Eines Tages nun hatte es sich ein Pilger im Schatten nahe bei ihrem Hause bequem gemacht und sein Mittagsmahl gehalten. Als er wieder weiter wanderte, ließ er einige kleine Reste gekochten Reises liegen und die Krabbe hatte nichts eiliger zu tun, als diese Reste in ihr Häuschen zu schaffen.

10 Oktober 2013

Die Zauberei im Herbste

Die Zauberei im Herbste. Ein Märchen, wohl Eichendorffs früheste Prosadichtung (1808), ist das Werk eines Zwanzigjährigen. Da ich diese romantische Erzählung als letztes seiner Prosawerke kennenlernte, bin ich erstaunt, wie viele charakteristische Elemente von Eichendorffs Lyrik und Prosa schon hier auftauchen. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen und werde einige Elemente zumindest für einige Zeit hier farbig abheben.
Ich hoffe diese Auszüge regen zur Lektüre des vollständigen Textes und des Wikipediaartikels von Hedwig Storch an. 

Rahmenerzählung:

Ritter Ubaldo war an einem heiteren Herbstabend auf der Jagd weit von den Seinigen abgekommen und ritt eben zwischen einsamen Waldbergen hin, als er von dem einen derselben einen Mann in seltsamer, bunter Kleidung herabsteigen sah. Der Fremde bemerkte ihn nicht, bis er dicht vor ihm stand. Ubaldo sah nun mit Verwunderung, daß derselbe einen sehr zierlichen und prächtig geschmückten Wams trug, der aber durch die Zeit altmodisch und unscheinlich geworden war. Sein Gesicht war schön, aber bleich und wild mit Bart verwachsen.
Beide begrüßten einander erstaunt, und Ubaldo erzählte, daß er so unglücklich gewesen, sich hier zu verirren. Die Sonne war schon hinter den Bergen versunken, dieser Ort weit entfernt von allen Wohnungen der Menschen. Der Unbekannte trug daher dem Ritter an, heute bei ihm zu übernachten; morgen mit dem frühesten wolle er ihm den einzigen Pfad weisen, der aus diesen Bergen herausführe. Ubaldo willigte gern ein und folgte nun seinem Führer durch die öden Waldesschluften. [...]
Es war schon Abend geworden, als sie auf der Burg anlangten. Der Ritter ließ daher ein wärmendes Kaminfeuer anlegen und brachte von dem besten Wein, den er hatte. Der Einsiedler schien sich hier zum ersten Male ziemlich behaglich zu fühlen. Er betrachtete sehr aufmerksam ein Schwert und andere Waffenstücke, die im Widerscheine des Kaminfeuers funkelnd dort an der Wand hingen, und sah dann wieder den Ritter lange schweigend an. »Ihr seid glücklich«, sagte er, »und ich betrachte Eure feste, freudige, männliche Gestalt mit wahrer Scheu und Ehrfurcht, wie Ihr Euch, unbekümmert durch Leid und Freud, bewegt und das Leben ruhig regieret, während Ihr Euch demselben ganz hinzugeben scheint, gleich einem Schiffer, der bestimmt weiß, wo er hinsteuern soll, und sich von dem wunderbaren Liede der Sirenen unterwegens nicht irremachen läßt. Ich bin mir in Eurer Nähe schon oft vorgekommen wie ein feiger Tor oder wie ein Wahnsinniger. – Es gibt vom Leben Berauschte – ach, wie schrecklich ist es, dann auf einmal wieder nüchtern zu werden!«
Der Ritter, welcher diese ungewöhnliche Bewegung seines Gastes nicht unbenutzt vorbeigehen lassen wollte, drang mit gutmütigem Eifer in denselben, ihm nun endlich einmal seine Lebensgeschichte zu vertrauen. Der Klausner wurde nachdenkend. »Wenn Ihr mir versprecht«, sagte er endlich, »ewig zu verschweigen, was ich Euch erzähle, und mir erlaubt, alle Namen wegzulassen, so will ich es tun.«

[Der Klausner erzählt:]
»Die Herbstsonne stieg lieblich wärmend über die farbigen Nebel, welche die Täler um mein Schloß bedeckten. Die Musik schwieg, das Fest war zu Ende und die lustigen Gäste zogen nach allen Seiten davon. Es war ein Abschiedsfest, das ich meinem liebsten Jugendgesellen gab, welcher heute mit seinem Häuflein dem heiligen Kreuze zuzog, um dem großen christlichen Heere das Gelobte Land erobern zu helfen. Seit unserer frühesten Jugend war dieser Zug der einzige Gegenstand unserer beiderseitigen Wünsche, Hoffnungen und Pläne, und ich versenke mich noch jetzt oft mit einer unbeschreiblichen Wehmut in jene stille, morgenschöne Zeit, wo wir unter den hohen Linden auf dem Felsenabhange meines Burgplatzes zusammensaßen und in Gedanken den segelnden Wolken nach jenem gebenedeiten Wunderlande folgten, wo Gottfried und die anderen Helden in lichtem Glanze des Ruhmes lebten und stritten. – Aber wie bald verwandelte sich alles in mir!
Ein Fräulein, die Blume aller Schönheit, die ich nur einigemal gesehen und zu welcher ich, ohne daß sie davon wußte, gleich von Anfang eine unbezwingliche Liebe gefaßt hatte, hielt mich in dem stillen Zwinger dieser Berge gebannt. Jetzt, da ich stark genug war, mitzukämpfen, konnte ich nicht scheiden und ließ meinen Freund allein ziehen.
Auch sie war bei dem Feste zugegen, und ich schwelgte vor übergroßer Seligkeit in dem Widerglanze ihrer Schönheit. Nur erst, als sie des Morgens fortziehen wollte und ich ihr auf das Pferd half, wagte ich, es ihr zu entdecken, daß ich nur ihretwillen den Zug unterlassen. Sie sagte nichts darauf, aber blickte mich groß und, wie es schien, erschrocken an und ritt dann schnell davon.« [...]

Da hörte ich plötzlich mehrere Waldhörner, die in einiger Entfernung von den Bergen einander Antwort zu geben schienen. Einige Stimmen begleiteten sie mit Gesang. Nie noch vorher hatte mich Musik mit solcher wunderbaren Sehnsucht erfüllt als diese Töne, und noch heute sind mir mehrere Strophen des Gesanges erinnerlich, wie sie der Wind zwischen den Klängen herüberwehte: 

Über gelb und rote Streifen 
Ziehen hoch die Vögel fort. 
Trostlos die Gedanken schweifen, 
Ach! sie finden keinen Port, 
Und der Hörner dunkle Klagen 
Einsam nur ans Herz dir schlagen. 
Siehst du blauer Berge Runde
 Ferne überm Walde stehn, 
Bäche in dem stillen Grunde 
Rauschend nach der Ferne gehn?
[…]
Ich aber konnte nicht widerstehen und folgte dem verlockenden Waldhornsliede immerfort, das sinnenverwirrend bald wie aus der Ferne klang, bald wieder mit dem Winde näherschwellte. Schöner, unglücklicher Jüngling, wie lieb ich dich! Schon lange liebt ich dich, und wenn der Herbst seine geheimnisvolle Feier beginnt, erwacht mit jedem Jahre mein Verlangen mit neuer, unwiderstehlicher Gewalt. Unglücklicher! Wie bist du in den Kreis meiner Klänge gekommen? Laß mich und fliehe!› Mich schauderte bei diesen Worten, und ich beschwor sie, weiter zu reden und sich näher zu erklären. Aber sie antwortete nicht, und wir gingen stillschweigend nebeneinander durch den Garten. Es war indes dunkel geworden. Da verbreitete sich eine ernste Hoheit über ihre ganze Gestalt. ‹So wisse denn›, sagte sie, ‹dein Jugendfreund, der heute von dir geschieden ist, ist ein Verräter. Ich bin gezwungen seine verlobte Braut. Aus wilder Eifersucht verhehlte er dir seine Liebe. Er ist nicht nach Palästina, sondern kommt morgen, um mich abzuholen und in einem abgelegenen Schlosse vor allen menschlichen Augen auf ewig zu verbergen. – Ich muß nun scheiden. Wir sehen uns nie wieder, wenn er nicht stirbt.› Bei diesen Worten drückte sie einen Kuß auf meine Lippen und verschwand in den dunklen Gängen. […]
Ein stiller Weiher lag im Kreise der hohen Felsen, an denen Efeu und seltsame Schilfblumen üppig emporrankten. Viele Mädchen tauchten ihre schönen Glieder singend in der lauen Flut auf und nieder. Über allen erhoben stand das Fräulein prächtig und ohne Hülle und schaute, während die anderen sangen, schweigend um die wollüstig um ihre Knöchel spielenden Wellen wie verzaubert und versunken in das Bild der eigenen Schönheit, das der trunkene Wasserspiegel widerstrahlte. […]
So gejagt, geängstigt und halb sinnlos, rannte ich durch die Wildnis über die Gartenmauer hinweg zu dem Schlosse des Fräuleins. Mit allen Kräften riß ich dort an den Angeln des verschlossenen Tores. ‹Mach auf›, schrie ich außer mir, ‹mach auf, ich habe meinen Herzensbruder erschlagen! Du bist nun mein auf Erden und in der Hölle!› Da taten sich die Torflügel schnell auf, und das Fräulein, schöner als ich sie jemals gesehen, sank ganz hingegeben in flammenden Küssen an meine von Stürmen durchwühlte, zerrissene Brust. Laßt mich nun schweigen von der Pracht der Gemächer, dem Duft ausländischer Blumen und Bäume, zwischen denen schöne Frauen singend hervorsahen, von den Wogen von Licht und Musik, von der wilden, namenlosen Lust, die ich in den Armen des Fräuleins -» […]
Als ich erwachte, war es Nacht geworden und alles still im Schlosse. Der Mond schien sehr hell. Meine Geliebte lag auf seidenem Lager schlafend neben mir hingestreckt. Ich betrachtete sie mit Erstaunen; denn sie war bleich wie eine Leiche, ihre Locken hingen verwirrt und wie vom Winde zerzaust um Angesicht und Busen herum. Alles andere lag und stand noch unberührt umher, wie es bei meinem Entschlummern gelegen; es war mir, als wäre das schon sehr lange her. – […]
Was ist das? Wo bin ich denn?› rief ich erstaunt und wußte nicht, wie mir geschehen. ‹Herbst und Winter sind vergangen, Frühling ists wieder auf der Welt. Mein Gott! wo bin ich so lange gewesen?› So langte ich endlich auf dem Gipfel des letzten Berges an. Da ging die Sonne prächtig auf. Ein wonniges Erschüttern flog über die Erde, Ströme und Schlösser blitzten, die Menschen, ach! ruhig und fröhlich kreisten in ihren täglichen Verrichtungen wie ehedem, unzählige Lerchen jubilierten hoch in der Luft. Ich stürzte auf die Knie und weinte bitterlich um mein verlorenes Leben. Ich begriff und begreife noch jetzt nicht, wie das alles zugegangen; aber hinabstürzen mocht ich noch nicht in die heitere, schuldlose Welt mit dieser Brust voll Sünde und zügelloser Lust. In die tiefste Einöde vergraben, wollte ich den Himmel um Vergebung bitten und die Wohnungen der Menschen nicht eher wiedersehen, bis ich alle meine Fehle, das einzige, dessen ich mir aus der Vergangenheit nur zu klar und deutlich bewußt war, mit Tränen heißer Reue abgewaschen hätte. […]
Es war wieder ein heiterer Herbstmorgen wie damals, als er vor vielen Jahren das Schloß verlassen hatte, und die Erinnerung an jene Zeit und der Schmerz über den verlorenen Glanz und Ruhm seiner Jugend befiel da auf einmal seine ganze Seele. Die hohen Linden auf dem steinernen Burghofe rauschten noch immerfort; aber der Platz und das ganze Schloß war leer und öde, und der Wind strich überall durch die verfallenen Fensterbogen. […] Da sprengte plötzlich unten auf einem schlanken Rosse das schöne Zauberfräulein, lächelnd, in üppiger Jugendblüte, vorüber. Silberne Sommerfäden flogen hinter ihr drein, die Aster von ihrer Stirne warf lange, grünlichgoldene Scheine über die Heide. In allen Sinnen verwirrt, stürzte Raimund aus dem Garten, dem holden Bilde nach. Die seltsamen Lieder des Vogels zogen, wie er ging, immer vor ihm her. Allmählich, je weiter er kam, verwandelten sich diese Töne sonderbar in das alte Waldhornlied, das ihn damals verlockte. 
«Golden meine Locken wallen, 
Süß mein junger Leib noch blüht –» 
hörte er einzeln und abgebrochen aus der Ferne wieder herüberschallen. 
«Bäche in dem stillen Grunde 
Rauschend nach der Ferne gehen.» 
– Sein Schloß, die Berge und die ganze Welt versank dämmernd hinter ihm.    «Reichen, vollen Liebesgruß 
Bietet dir der Hörner Schallen. 
Komm, ach komm! eh sie verhallen!» 
hallte es wider – und, im Wahnsinn verloren, ging der arme Raimund den Klängen nach in den Wald hinein und ward niemals mehr wiedergesehen.

(Joseph Freiherr von Eichendorff: Die Zauberei im Herbste)

Hier noch zwei Strophen aus Eichendorffs Gedicht "Die zwei Gesellen" von 1818:

           Dem zweiten sangen und logen
          Die tausend Stimmen im Grund,
          Verlockend’ Sirenen, und zogen
          Ihn in der buhlenden Wogen
          Farbig klingenden Schlund.

          Und wie er auftaucht’ vom Schlunde,
          Da war er müde und alt,
          Sein Schifflein das lag im Grunde,
          So still war’s rings in die Runde,
          Und über die Wasser weht’s kalt.