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27 Juni 2023

Nora Okja Keller: Trostfrau

Nora Okja Keller: Trostfrau 1997

Zu Inhalt und Aussage des Romans (pdf)

Anstoß und Anregung zum Werk

"The genesis of Comfort Woman dated to a 1993 human rights symposium at the University of Hawaii where Keller heard a presentation by Keum Ja Hwang, who had been a comfort woman.[4][5] "Her experience was so extraordinary," Keller has said, "I thought someone should write about it."[7] Keller’s novels explore her own complex ethnic identity in the context of Hawaii’s multi-ethnic society and her relationship with her mother (upon whom "some details"[7] of characters in her fiction are based)." (Nora Okja Keller - engl. Wikipedia)

Vor dem Roman schrieb Keller die Kurzgeschichte Mother-Tongue, die als 2. Kapitel in den Roman einging.

Im Roman wechseln sich als Erzählerin Akiko, die diesen Namen als Trostfrau bekam (und damit als Individuum 'starb'), und ihre Tochter (Re)Beccah ab. Von beiden wird immer wieder Induk genannt, die Frau, die mit ständigem lautstarken Protest sich dagegen wehrte Trostfrau zu werden, und die deshalb von den Japanern grausam ermordet wurde. Wegen dieser Leistung, sich gegen die Erniedrigung und den seelischen Tod zu wehren, wird sie von beiden als eine Urmutter und Göttin verehrt. 

In den Berichten von beiden spielen koreanische Vorstellungen über die Rolle von Geistern eine große Rolle. Akiko ist es möglich, im Trance Verbindung zu ihnen aufzunehmen, und Beccah fürchtet, dass sie ihre Mutter an die Geister verliert und betet zu Induk darum, das zu verhindern.

Akiko ist nach ihrer Befreiung von einem amerikanischen Missionar geheiratet und in die USA mitgenommen worden. Akiko und ihr Mann haben sich dann aber getrennt und Beccah ist in Hawai groß geworden. Das ermöglicht Nora Keller, ihre Erfahrungen aus der Sozialisation in Hawai mit einzubringen.

Zitate:

2. Kapitel: Akiko (Dieses Kapitel wurde zuerst als selbständige Kurzgeschichte - Mother-Tongue - veröffentlicht, bis man Keller dazu riet, zu dem Stoff einen Roman zu schreiben.)
"Das Baby, dass ich behalten konnte, kam, als ich schon tot war.
Ich war zwölf, als ich ermordet wurde, vierzehn, als ich in dem Yalu-Fluss schaute und 
– da ich kein Gesicht entdecken konnte, das zurückschaute – wusste, dass ich tot war. 
Ich wollte, dass der Yalu meinen Körper dorthin trug, wo er vielleicht meinen Geist wieder finden konnte, aber die japanischen Soldaten trieben mich über die Brücke, bevor ich springen konnte.

Ich ließ sie nicht zu nah an mich herankommen. Ich wusste, sie würden den Namen und die Nummer auf meiner Jacke sehen und mich zurück ins Lager schicken, wo man sich nichts dabei dachte, den Körper eines toten Mädchens zu benutzen. Sobald die Wachen einen Schritt auf mich zu taten, war ich so schlau, ihnen durch ein Winken zu signalisieren, dass sie auf ihrem Posten bleiben und nach anderen Koreanerinnen mit diesem 'gewissen Blick' in den Augen Ausschau halten konnten. Ehe die japanische Regierung die Soldaten – 'zum Wohl der Koreaner' – hier postiert hatte, war die Brücke über den Yalu eine beliebte Selbstmordstelle gewesen.
Mein Körper marschierte weiter.
Deshalb konnte mein Körper, zwanzig Jahre, nachdem er meinen Geist in dem Vergnügungslager zurückgelassen hatte, dieses Kind zur Welt bringen. Selbst die Ärzte hier sagen, dass es fast ein Wunder war. Der Lagerarzt sagte, ich würde nie ein lebendes Kind / gebären können, nachdem er mein erstes aus mir herausgeholt hatte. Mein Inneres sei viel zu zerschunden und kaputt, um je wieder richtig zu verheilen.
Daher ist diese Kleine eine Überraschung. Dieses halb weiße und halb koreanische Kind. In meinem Geburtsort würde man es Tweggi nennen, aber hier wird es eine Amerikanerin sein.
[...]" (S.25/26)
"Meine Mutter starb kurz nach meinem Vater. [...] Sie war immer eine gute Ehefrau; sie folgte ihm rasch in den Tod, so wie sie im Leben immer prompt für ihn da gewesen war. Eines Abends, nachdem wir die Wäsche heimgetragen hatten, sagte sie die ganze Zeit, sie sei so müde, so schrecklich müde. Komm, Mutter, sagte ich, leg dich hin. Ich fragte immer wieder: Was kann ich tun? Möchtest du Suppe? Soll ich dich massieren? Bis sie mir schließlich die Hand auf den Mundt legte und meine Finger an ihre Stirn führte. Ich streichelte sie sanft, löste ihren Haarknoten, massierte ihr die Schläfen, spürte die Hitze und das Pumpen ihres Herzens. Als das sprunghaft–wilde Pochen langsamer wurde und dann schließlich ganz aufhörte, streichelte ich sie immer noch weiter. Sie sollte wissen, dass ich sie liebte.
Jetzt berühre ich mein Kind auf dieselbe Weise; das ist die Sprache, die die Kleine versteht: das sanfte, kühle Streicheln meiner Finger auf ihren Augenlidern, ihrem glatten Bauch, ihren knubbeligen Zehen. [...]
[Da die Mädchen jetzt Waisen waren, versuchte die Älteste zu heiraten.]
Die Nachbarn hatten nicht viel Geld, aber sie hatten mehr als wir und wollten sie nicht ohne Mitgift nehmen. Wie sollten sie ohne Kapital Vieh kaufen, argumentierten sie.
Ich war ihre Mitgift, wurde verkauft wie eine Kuh. Du folgst einfach zweiter und dritter Schwester, erklärte sie mir. Die Japaner sagen, in der Stadt gibt es genug Arbeit für alle. Selbst Mädchen können lernen, in der Fabrik zu arbeiten oder in einem Restaurant zu servieren. Du wirst eine Menge Geld verdienen.
Trotzdem weinte ich. Sie umarmte mich, zwickte mich dann. Du musst jetzt erwachsen werden, sagte sie. Keine Mutter, kein Vater. Wir müssen alle unseren Lebensunterhalt verdienen. Sie sah mir nicht ins Gesicht, als die Soldaten kamen, schaute nicht hier, als sie mich auf ihren Lastwagen verfrachteten. Ich hörte, wie die Soldaten sie fragten, ob sie nicht auch mitkommen wollte. Deine Schwester ist noch so klein, kaum zu gebrauchen, sagten sie. Aber du. Du bist groß und hübsch. Du könntest es zu etwas bringen.
Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, meine Schwester hat gelacht. Ich hoffe, sie hatte wenigstens ein Moment lang Angst, sie würden sie auch mitnehmen.
Ich bin schon verheiratet, sagte sie.
Ich denke mir, dass sie dabei die Achseln zuckte, als wollte sie sagen: was soll ich machen? Dann setzte sie hinzu: Meine Schwester wird mal noch hübscher als ich. Sie fragte nicht, wofür das am Fließband wichtig war.
Ich wusste, ich würde die Stadt nicht sehen. Wir hatten die Gerüchte gehört: dass Mädchen aus Dörfern in der Nähe der Stadt gekauft oder geraubt und in japanische Vergnügungseinrichtungen gebracht wurden. Aber wir wussten nicht, was in diesen Vergnügungseinrichtungen los war. schlimmstenfalls dachte ich, musste ich tun, was ich mein Leben lang getan hatte: putzen, kochen, Wäsche waschen, schwer arbeiten. Was konnte ich mir anderes vorstellen?
Und zuerst tat ich das auch. Weil ich noch so jung war, musste ich den Frauen in den Lagern dienen." (S.28-30)
"Ich sorgte gern für die Frauen. Als ihr Dienstmädchen konnte ich mich von Verschlag zu Verschlag und im Bedarfsfall sogar von einem Teil des Lagers zum anderen bewegen. Und wegen dieses Privilegs benutzten mich die Frauen, um Botschaften zu übermitteln. Ich sang, wenn ich Ihnen die Haare flocht und an ihren Vorschlägen vorbeiging, um nach den nach Töpfen zu sehen. Wenn ich bestimmte Liedpassagen summte, wussten sie diese ungesungenen Worte als Botschaft zu deuten. Auf diese Weise konnten wir uns auf dem laufenden halten, herausfinden, wer krank war, wer neu war, wer in der letzten Nacht die meisten Männer gehabt hatte und wer im Begriff war, verrückt zu werden.
Ich glaube bis heute nicht, dass Induk – die Frau, die vor mir die Akiko war – verrückt geworden ist. Die meisten anderen Frauen glaubten es, weil sie nicht mehr aufhörte zu reden. Eines Nachts redete sie los, laut und ununterbrochen. Auf Koreanisch und Japanisch beschimpfte sie die Soldaten, protestierte schreiend gegen die Invasion ihres Landes und ihres Körpers. Noch während sie sie bestiegen, schrie sie: Ich bin Korea, ich bin eine Frau, ich bin lebendig. Ich bin siebzehn, ich hatte eine Familie, genau wie ihr, ich bin eine Tochter, eine Schwester.
Die Männer verließen schleunigst ihren Vorschlag, manche weinten, andere stellten sich wütend in die Schlange nebenan. Sie redete die ganze Nacht, forderte ihren koreanischen Namen zurück, sagte ihren Familienstammbaum her, leierte sogar die Rezepte herunter, die ihre Mutter an sie weitergegeben hatte. Kurz vor Tagesanbruch schleppen Sie sie aus ihrem Verschlag in den Wald, wo wir sie nicht mehr hören konnten. sie brachten sie zurück, durch Scheide und Mund auf einen Fall gespießt wie ein Spanferkel. Eine Lektion, erklären Sie uns, damit wir den Mund hielten.
In jener Nacht war es, als ob tausend Frösche das Lager umringten. Sie öffneten ihre Kehlen für uns, schlucken unsere Tränen, klagten für uns. Die ganze Nacht, so schien es, riefen sie Induk, Induk, Induk, damit wir sie nie vergaßen.
Aber vielleicht habe ich mir das mit den Fröschen nur eingebildet. Das war meine erste Nacht als die neue Akiko. ich bekam ihre Kleider, die mir zu groß waren, und die Soldaten lachten. Die neue P wird sie sowieso so nicht viel tragen, hörten sie. Frisches Poji. Obwohl ich noch nicht einmal meine erste Blutung gehabt hatte, wurde ich meistbietend versteigert. Danach war es ein Gratisvergnügen für alle, und ich dachte, ich würde nie wieder aufhören zu bluten.
Deshalb weiß ich, dass Induk nicht verrückt geworden ist. Im Gegenteil, sie fand ihren klaren Verstand wieder. Sie plante ihre Flucht. Der Leichnam, den die Soldaten aus dem Wald zurückbrachten, war nicht Induk.
Das war Akiko; das war ich. [...]" (S.31-33)


14 Januar 2023

Gottfried Keller und die Revolution von 1848/49

 Heidelberg, d. 24. Juli 1849.

Liebe Mutter und Schwester!

Der inliegende Brief, welchen ich an seine Adresse zu besorgen bitte, veranlaßt mich, endlich wieder einige Zeilen an Euch zu schreiben. Ich habe nämlich an den Staatsrat Sulzer wegen dem nächsten Herbst und Winter geschrieben, um zu erfahren, was dann geschehen soll, da die Zeit, welche ich hier zuzubringen habe, bald um ist. Im September gedenke ich heim zu kommen. Die badische Revolution, welche im Mai ausbrach und bis in den Juli gewährt hat, hat auch meine Finanzverhältnisse abermals verwirrt, denn der Verkehr gegen Norden ist die ganze Zeit über unterbrochen gewesen. In zwei Wochen werde ich etwa zweihundert Gulden für ein Heft Gedichte erhalten, welche ich herausgebe, und damit will ich dann, da ich sonst im Sinne hatte, von hier aus noch eine Tour zu machen, selbst mich auf den Weg verfügen und mein Geld einkassieren. Denn ich möchte in keinem Falle nach Zürich kommen, ohne meine Schulden bezahlen zu können. Ich weiß nicht mehr, ob ich Dir, liebe Mutter, den Empfang der fünfzig Gulden angezeigt habe? Wenn es nicht geschehen ist, so habe ich es über dem Kriegslärm vergessen, welcher sich lange in Heidelberg herumzog. Es wurde in der Nähe von zwei Stunden kanoniert und gepulvert, und ein paarmal kamen die Feinde bis vor die Stadt, daß wir sie auf dem Berg herumlaufen sahen. Sie schossen in unsere Gassen hinein, über zweitausend Schritt weit, und ein Soldat fiel tot um, nicht weit von mir, auf der Brücke. Hierauf fanden wir, die nichts da zu tun hatten, für gut, uns ein wenig zurückzuziehen. Die Preußen haben halt auch Scharfschützen. Ich verfügte mich auf mein Zimmer, aber da war es noch ärger. Die Hausleute flüchteten ihre Habe, weil das Haus am Wasser steht, es waren Kanonen dicht unter meinem Fenster aufgefahren, welche über den Neckar den Feind abhalten sollten, welcher im Fall er ernsthaft angegriffen hätte, wahrscheinlich diese Kanonen samt dem Haus, vor welchem sie standen, auch ein wenig berücksichtigt haben würde. Die badischen Soldaten mußten indes die Stadt verlassen, weil im Rücken eine Schlacht verloren war, und am anderen Morgen rückten die Preußen vor Sonnenaufgang ein. Ihr habt übrigens die ganze Bescherung jetzt selbst auf dem Hals. Wenn man nur ordentlich umgeht bei Euch mit den badischen Soldaten; denn es sind sehr brave Kerle. Besonders die badenschen Kanoniere haben sich heldenmäßig gehalten. Sie arbeiteten, da es sehr heiß war, im bloßen Hemd, wie die Bäcker vor dem Backofen, bei ihren Kanonen, und waren noch forsch und wohlgemut dabei. Ihre Verwundeten haben sie selbst völlig tot geschossen, damit sie den Preußen nicht in die Hände geraten.

Die Freiheit ist den Deutschen für einmal wieder eingesalzen worden; doch wird es nicht lange so bleiben, und der König von Preußen wird sich wohl hüten, mit der Schweiz anzufangen. Wahrscheinlich werden nächstens die deutschen Fürsten selbst einander bei den Köpfen nehmen. Das Volk haben sie gemeinschaftlich abgetan, aber nun setzt es beim Leichenmahl Händel ab...

Doch es wird dunkel, und der Brief muß heute noch auf die Post. Was die Hemden betrifft, so muß ich es doch noch machen diesen Sommer, und wenn es etwa noch zu heiß wird im August, wo man mehr braucht, so kann ich in einem Laden ein paar gemachte baumwollene kaufen. Es gibt hier große Magazine von dergleichen Zeug, welches ganz wohlfeil ist...

Doch jetzt sehe ich keinen Stich mehr. Bis auf weiteres grüße ich Euch tausendmal, sowie alle im Hause und übrige Bekannte.

Euer Sohn und Bruder
G. Keller.

An Mutter und Schwester

Heidelberg, im Oktober 1849.

Liebe Mutter und Schwester!

Seid doch so gut und schickt meinen Paß in die Staatskanzlei, daß er wieder auf ein Jahr erneuert wird. Er muß vom preußischen Gesandten visiert werden. Es muß aber schnell gehen, denn in zehn Tagen reise ich von hier fort. Ich habe von der Regierung tausend Franken bekommen für Berlin und die Hälfte davon bereits erhalten... Ich brauche ziemlich Geld, weil ich hier noch einen schwarzen Frack und dito Weste muß machen lassen, ebenso etwas Neues für meinen alten Mantel. Ich werde aber nur eine grobe haarige Kapuze kaufen für vierzehn Gulden. Dann habe ich für den Winter eine gestrickte wollene Binde gekauft, welche man über den Rock umlegt, sie geht mir zweimal um den Hals rum und dann erst bis auf die Füße herunter und ist weiß und rot; ich sehe sehr komisch aus darin; kostet vier Gulden. Ich habe während des Jahres auch zwei weiße Westen machen lassen und ein graues Straplizierkleid. Nun muß ich noch einige Hämper Hemdenhaben. Da Du mir schreibst, Regula hätte welche gemacht, so kannst Du sie mir nun doch schicken, obgleich es mir leid tut, daß das Tuch alles für mich zerschnitten wird; tu daher alles zusammen in ein Wachstuch packen, versteht sich gezeichnet, dann tut man noch einige Kleinigkeiten dazu, z.B. den schwarzen Tabaksbeutel, der noch irgendwo sein muß, und einige Bücher...

Ich esse hier viel Trauben mit einer schönen und noblen Jungfer, welche mich in ihrem Garten und Weinberg herumführt...

Ich habe jetzt nicht Zeit, mehr zu schreiben und grüße Euch alle tausendmal.

Gottfried Keller.

Gottfried Keller an Paul Heyse

 3. 11. 1859  Keller an Paul Heyse

<Ms. GK 781 Nr. 1; GB 3.1, S. 9>

Lieber Freund! 
 
Professor Vischer hat mir Ihr neues Novellenbuch freundlich überbracht und mir gleich meinen Namen vorgewiesen, mit welchem Sie Ihr gutes Werk verunziert haben in anmuthiger Laune des Wohlwollens.

     Es ist mir schon mehrmals geschehen, daß ich mich ärgerte über Leute, welche diesem oder jenem Begabten nachrühmten, er sei zugleich auch von freundlicher und guter Gemüthsart und frei von aller Abgunst; denn ich fand jederzeit, daß die Leute, die etwas Rechtes können, selbstverständlich auch sonst ordentliche Menschen seien, weil sie den Grund eines reinen Glückes in sich tragen. Und nun wundere ich mich doch selbst über Ihr gutes Herz, wenigstens insofern ich einen Pfeil desselben auf mich gerichtet sehe, ohne mir sagen zu können, mit was ich denselben mir zugezogen. Nun, ich danke Ihnen für den schönen Gruß und werde meinen Dank mit Werkheiligkeit dadurch bethätigen, daß ich beim Verfertigen meiner eigenen Siebensachen recht fleißig an Sie denke, was freilich nur wieder mein eigener Vortheil ist. Die erste Novelle reiht sich prächtig dem Mädchen von Trepi und der Rabbiata an und ist mit der Mühle zugleich von der schönsten neuen Erfindung. Sie haben mit diesem Genre etwas ganz Neues geschaffen, in diesen italiänischen Mädchengestalten einen Typus antik einfacher ehrlicher Leidenschaftlichkeit im brennendsten Farbenglanze, so daß der einfache Organismus | verbunden mit dem glühenden Kolorit einen eigenthümlichen Zauber hervorbringt. In der zweiten Novelle haben Sie mir ein Motiv wie eine Schnepfe vor der Nase weggeschossen, nämlich das feine Bummeln zweier Verliebter einen schönen Tag hindurch in einer schönen Landschaft, wodurch das bewußte Ende herbeigeführt wird. Damit soll mein nächstes Novellenbüchlein schließen, und es kommt sogar ein altes Kirchlein darin vor, in welchem eine Weinkelter steht und mit großem Geräusch gekeltert wird, während Sie ebenfalls eine mit Wein gefüllte alte Kirche haben. Ich werde das meinige Gotteshäuschen nun abtragen müssen, wenn ich nicht den Reminiszenzenjägern in die Hände fallen will. Alle vier Novellen sind wieder von der soliden selbstgewachsen<en> Erfindung, welche die Frucht der peripatetischen Uebungen ist, die der Kopf mit dem Herzen anstellt. Die letzte, das Bild der Mutter, ist sehr stark gepfeffert und wird in manchem Boudoir etwas unsänftlich anstoßen.

     Ich bin nun zunächst auf Ihr neues Drama begierig. Ich selbst habe nun Zeit, meine laufenden oder eher schleichenden Arbeiten baldigst abzuschließen, sonst muß man sich wieder neu besinnen, was ich eigentlich sonst schon geschustert habe?

     Der Schiller macht uns hier ordentlichen Kummer, weil das Heer der Philister sich in zwei Lager geschieden hat, in einen feindlichen Muckerhaufen und einen hohlen Enthusiastenhaufen, der durch übertriebene und unzweckmäßige Forderungen dem ersten in die Hände arbeitet, so daß wir "Comittirte" welche das Schifflein der Schillerfeier ehrenthalber durchschleppen müssen, den Tag verwünschen, wo wir es bestiegen. Glücklicher Weise hat das Schifflein eine gute Kajütenschenke, d. h. wir halten die Sitzungen in einem Wirthshause, wo wir einen trüblich karneolfarbigen Weinmost trinken, alle Tage frisch vom Lande herein kommend. |

     Burckhardt hat uns, wie Sie wissen, böslich verlassen, und schickt nur zuweilen einen Gruß. Ich hätte fast Lust, ihm ein recht muthwilliges u frivoles Buch zu dediciren, um ihm in seinem frommen Basel eine rechte Unannehmlichkeit zu bereiten, mit einer Anrede, in welcher von nichts, als den Wirthshäusern in der Umgebung Zürichs die Rede ist und etwa noch von einigen fingirten Schenkmädchen. Allein er dauerte mich doch zu sehr.

     Nun seien Sie mir auch herzlichst gegrüßt. Nächstes Jahr werde ich Sie wohl einmal in München sehen, auch müssen Sie etwa wieder einen Schweizer Abstecher machen!

                                               Ihr dankbar ergebener
                                               Gottfried Keller
Zürich d. 3t. Nov. 1859.


 

23. 8. 1860  Keller an Paul Heyse

<ZB: Ms. GK 78c Nr. 1/2; GB 3.1, S. 11>

Lieber Freund!
 
Ich erlaube mir, Herrn Maler J. S. Hegi aus Zürich, der aus Mexiko zurückkehrt, mit einem herzlichen Gruß an Sie zu rekommandiren. Er ist mein ältester Freund und ein vortrefflicher Mensch. Wenn Sie ihm etwa zu einer gelegentlichen Bekanntschaft verhelfen können, im Kunstverein einführen etc. so würde ich dankbarlichst dafür gesinnt sein. Im Uebrigen inkommodiren Sie sich in keiner Weise.

     Was meinen Fleiß betrifft, so hat er sich seit einiger Zeit gebessert und ich glaube mit Zuversicht, dies Jahr noch mit 2 Produkten abzusegeln.

                                               Ihr ergebener Gottfried Keller.
Zürich d. 23 August 1860.


 

2. 4. 1871  Keller an Paul Heyse

<ZB: Ms. GK 78c Nr. 1/8; GB 3.1, S. 18>

Lieber Freund!
 
Lassen Sie ja den abgehauenen Schwanz wie er ist und brennen Sie den Stumpf mit glühendem Eisen, damit nichts mehr heraus wächst.

     Warum man sich nicht sieht? Weil man faul u resignirt lebt u das am Ende noch für eine Tugend hält. Ich nehme mir jedes Jahr vor, nach München u der Enden zu gehen, endlich wird's doch einmal dazu kommen. In zwei Monaten wird es sich entscheiden, ob ich meine Amtsstelle, welche Einen doch vor Mangel u den Wechselfällen des Bücherschicksals schützt, noch länger behalten oder wieder in | die Linie der Literaturbeflissenen rücken werde. Auch im erstern Falle werde ich eine definitive Zeitanwendung einführen und mir die rechtmäßige Muße nicht mehr durch Geschäft oder unsere verfluchte südgermanische Kneiperei, die ich satt habe, rauben lassen. Schon letzten Winter hat mir die Lampe fleißig gebrannt u ich bin fast fertig mit einem 2t. Bande von den Leuten von Seldwyla. Auch habe ich eine Anzahl Novellchen ohne Lokalfärbung liegen, die ich alle 1½ Jahr einmal besehe u ihnen die Nägel beschneide, sodaß sie zuletzt ganz putzig aussehen werden.

     Kinkel hat sich von der deutschen Friedensfeier, der ich auch beiwohnte, ich weiß nicht in welcher Laune fern gehalten u hätte deswegen Herrn Kurz wohl antworten | können. Wenn ich ihn sehe, so will ich ihm davon sprechen.

     Die Franzosen, die mit ihren rothen Hosen unsern feinern u gröbern Pöbel toll gemacht haben, sind wir nun los. Das Geheimniß der dicken Freundschaft liegt darin, daß leider ein Theil unsers Volkes sich selber für solche Teufelskerle hält, wie die Franzosen seien, und zwar weil sie ahnen, daß es leichter ist, denselben zu gleichen, als den Preußen. Die Zeit muß da das ihrige thun und ad oculos demonstriren. Meinerseits gedenke ich, auch poetisch-schriftstellerisch vorzugehen u den Patriotismus einmal in Tadel statt in Lob zu exerciren und will sehen, ob mir die Bestien auch die Fenster einwerfen werden.

     Ihr für alle Freundlichkeit dankbarer
                                               G. Keller
Zürich 2 April 1871


 

25. 3. 1872  Paul Heyse an Keller

<ZB: Ms. GK 79c Nr. 186; Heyse, S. 68>

 Lieber Freund!
 
Ich will meine Freude und Dankbarkeit nicht kalt werden lassen, zunächst auch, um den vielen Andern, die Ihnen ihr großes Ergötzen an dem kleinen Büchlein bezeigen werden, den Rang abzulaufen, da ich sonst als Ihr allergeneigtester Leser, der mit Ihnen durch Dick und Dünn geht, kein anderes Verdienst und Würdigkeit aufweisen kann, was Ihnen meine kritischen i. e. kritiklosen Zurufe werth machen könnte. In diesen selben Tagen habe ich zufällig eine andere Herzstärkung kennen und schätzen lernen, die in ihrer geistlich-profanen, magenwärmenden und adernbefeuernden Kraft die merkwürdigste Ähnlichkeit mit Ihren Legenden hat: jenen hochwürdigen Schnaps, Benedictine genannt, der Ihnen hoffentlich nicht unbekannt ist. Wenn ja, so möchte ich Ihnen ein Fläschchen schicken, damit Sie die überraschende Ähnlichkeit | studiren und den Vergleich hernach nicht mehr für eine Sottise halten. Eben so tropfen- oder doch gläschenweise habe ich Ihr Büchlein genossen und gleich letzten Samstag, da ich es erhielt, meine "Krokodile" damit bewirthet, die über den "Vitalis" in ein unisones Schnalzen und Schmatzen ausbrachen.

     Und nun ist denn doch endlich auch Ihr Siebenschlaf vollbracht und Sie werden fortfahren uns mitzutheilen, was Sie sich inzwischen Schönes haben träumen lassen. Ich für mein armes Theil bin eines dreiköpfigen Ungeheuers von Roman genesen und liege noch in Wöchnerschwäche danieder, was Sie auch diesen dürftigen Zeilen anmerken werden. Aber Niemand entgeht seinem Schicksal, und ich Ungeduldigster aller schreibenden Sterblichen bin durch die Hammerschläge des vorigen April so mürbe geworden, daß ich ohne zu murren still gehalten habe, als diese langathmige Plage über mich kam. Mit dem festen Versprechen, es nie wiederzuthun, grüßt Sie herzlichst Ihr

                                               sehr getreuer
                                               PaulHeyse
München. 25 März. 72.


 

13. 12. 1876  Paul Heyse an Keller

<ZB: Ms. GK 99c Nr. 188; GB 3.1, S. 24 z. T.>

                                            München. 13. Dec. 76.

 
Wenn Sie mir's nur in diesem Leben verzeihen, lieber Freund, was ich nolens nolenti Ihnen - im eigentlichsten Sinne - auf den Hals gezogen habe, so will ich mit dem Jenseits schon fertig werden. Übrigens warten Sie nur, bis Sie das Kleinod mit Augen gesehen und unter irgend einem weiblichen Beistand "anprobirt" haben. Sie werden sich wundern, wie gut es Ihnen zu Gesicht steht. Das erste u. letzte Mal daß ich mich, nur um meinen alten Freund Liebig nicht ernstlich böse zu machen, dazu bewegen ließ, den Kopf durch diese Schlinge zu stecken, machte ich auf meine Frau einen solchen Effect, daß ich in der That unsre schnöde Cravatten-Mode beklagte, die uns nicht erlaubt, dergleichen im Laden zu kaufen und uns bei hohen Gelegenheiten wie die Biedermänner im 16. u. 17ten Jahrhundert einmal schön zu machen.

     Nun habe ich mich heut erst genau erkundigen können, wie Ihnen am | wenigsten Unbequemlichkeiten mit den Formalitäten erwachsen könnten. Ich musste damals einen Schreibebrief an seine Majestät, mit welcher ich über den Geibel'schen Fuß gespannt war, verfassen und zog mich möglichst ungeschickt aus der Affaire, da ich viel zu weitläufig und aufgeknöpft mich äußerte. Wie mir aber der Secretär des Ordens, Staatsrath Daxenberger (als Carl Fernau unser College à la mode de Bretagne), heut Nachmittag an einem feierlichen Ort vertraute - wir hatten eben einem alten Schauspieler die letzte Ehre erwiesen -, brauchen Sie nur an den bayrischen Gesandten in Bern, der Ihnen das corpus meines delicti und das Brevet zustellen wird, den Empfang zu melden und ihn zu ersuchen, Sr. Majestät Ihren ehrfurchtsvollen Dank in Ihrem Namen zu wissen zu thun, worauf Ihr Gewissen sich auf die andere Seite legen und ruhig weiter schnarchen mag. |

     Stehen Sie mit dem Dichter des Georg Jenatsch in mündlichem oder brieflichem Verkehr, so erweisen Sie mir einen großen Gefallen, wenn Sie nun auch mir einen Dank abnehmen. Das Buch hat mich aufs Tiefste ergriffen, die prächtigen Figuren, der herbe Erzklang des Stils, die wundersame Scenerie. (Der Schluß allein, der Vollzug der Rache nach alle dem, was inzwischen vorgegangen, trübte mir den Genuß.) Dergleichen sagt sich so bequem hinterm Rücken und sieht pedantisch oder gespreizt aus, wenn man es in einem eigenen Brief zu Protokoll geben soll. Auch in der neuesten "Dichterhalle" schwimmt ein Meyersches Gedicht als Fettauge auf der salzlosen Wassersuppe.

     Und wie bin ich nach Ihrer Minnesangnovelle < FACE="Arial">No II lüstern worden durch No I, und gerade dies Heft ist lange heraus und mir noch nicht zugekommen. Ich werde Freund Rodenberg dieser Tage mahnen.

     Freundlichste Grüße von meinen Frauenzimmern und dem Bübchen, das einen Abscheu gegen das Abece zu erkennen giebt, der zu schönen Hoffnungen berechtigt. Wir sind leidlich wohl und denken Ihrer getreulich.

                                  Ihr alter
                                  P. H.


 

26. 12. 1876  Keller an Paul Heyse

<ZB: Ms. GK 78c Nr. 1/12; GB 3.1, S. 25>

                                            Zürich-Enge
                                           26 Dec. 1876.

Lieber Freund!
 
Ich danke Ihnen tausendmal für die hülfreiche Hand. Das Kleinod u Dekret war schon da und ich befolgte augenblicklich Ihren Rath. Ich bin durch den Witz veranlaßt worden, zum ersten Mal einen letzten Willen zu redigiren, indem ich einen Zettel zu der kleinen Schachtel legte des Inhalts, daß dieselbe nach meinem Tode nach München zurückzusenden sei, nach Maßgabe der Ordensstatuten. So kommt man in die Gewohnheit des Testirens hinein.

     Nun sollte aber wohl auch etwas dem Capitel gegenüber geschehen, was aber nur stattfinden kann, wenn dasselbe über solche Gegenstände Verhandlungen pflegt und ein Archiv hat, überhaupt Eingaben entgegennimmt. Sollte letzteres der Fall sein, so spannen Sie den Schirm Ihrer Güte nochmals über mir | auf und geben mir einen Wink.

     Im Januar werden Sie also mit einer Novelle meine neue Sandfuhre wie eine Dynamitpatrone auseinandersprengen in der Rundschau; doch wird es nicht so grauslich aussehen, wie wenn eine Geyerwalli dazwischen gekommen wäre, denn da kann gar keiner mehr aufkommen.

     Ihre Mittheilung für C. F. Meyer habe ich mit Vergnügen besorgt. Wegen der Exekution am Schlusse bin ich auch Ihres Geschmacks. Er hat sich die Gruppe nicht plastisch vorgestellt, sonst hätte er den Beilschlag vermieden u die Sache zwischen den Männern austragen lassen. Der rasende Ritt der Bluträcher durch das Land, welcher historisch ist, hätte ihm den richtigen Stil angeben sollen.

                                            den 1 März 1877.

Sie sehen an Vorstehendem, daß es wenigstens am guten Willen nicht | gefehlt hat; ich lasse das Veraltete stehen und ergänze es durch den Dank für Ihre neuen Novellen in der Rundschau u Westermann, für das cicisbeische Epos und die Sonette. Sie machen ja Verse, wie am ersten Maimorgen Ihres ersprießlichen Lebens.

     Das meinige (Sonett) betreffend, hat es mir sofort einen zierlichen Vorfall eingetragen. Obiger C. Ferdinand Meyer, welcher eine Art pedantischer Kauz ist bei aller Begabung, schrieb mir, in der Befürchtung daß ich die Charge mit dem Shakespeare der Novelle als baare Münze aufnehmen und so das Wohl meiner Seele und der Kanton Zürich Schaden leiden könnte, augenblicklich einen allerliebsten feierlichen Brief, in welchem er mir die Tragweite und insoferne Anwendbarkeit des Tropus auseinandersetzte und zwischen den Zeilen Grenzen und nöthigen Vorbehalt diplomatisch säuberlich punktirte, ein wahres Meisterwerklein allseitiger Beruhigung. Meine Antwort war aber nicht minder kunstreich und darf | sich gewiß sehen lassen. Daß ich dabei einen mißbilligenden Seitenblick auf Sie werfen mußte, werden Sie wohl begreifen!

     Uebrigens häufen sich Ihre Uebelthaten gegen mich in so erschreckender Weise, daß ich nun ernstlich auf einen Rachefeldzug denken muß.

     Den Nolten Mörikes habe ich seither auch und zwar zum ersten Male gelesen. Ich war in einer fortwährenden Sonntagsfreude über all das Schöne u all die Specialschönheiten, bis am Schluß ich in das tiefste und traurigste Mißbehagen gerieth wegen der mysterios dubiosen Weltanschauung einer Dämonologie, die nicht einmal religiöser Art ist. Was soll denn um Gottes Willen das Auge voll Elend des gespenstisch abziehenden Helden sagen? Und wo geht er denn hin mit der Zigeunerin? Das berechtigte Geheimniß einer solchen Tragödie haben Sie meines Erachtens in Ihrem Jugendperseus klassisch und harmonisch einfach und gut ausgedrückt u s. w.

     Grüßen Sie doch gütigst die Familie Fries von mir; ich werde dem Meister Bernhard bald einmal schreiben.

     Sie empfehlen mich gewiß auch der eigenen hochverehrten Sippe u bleiben gut Ihrem

                                  G. Keller


 

28. 5. 1878  Paul Heyse an Keller

<ZB: Ms. GK 79c Nr. 189; GB 3.1, S. 27>

Als ich nach Hause kam, lieber Keller, und mit Seufzen den Berg aufgestapelter Novitäten betrachtete, der in sieben Monaten zu einer bedenklichen Höhe angewachsen war, begrüßten mich trostreich in dem Wust die beiden neuen Bände der Zürcher Novellen. Nun haben mich in dieser wunderlichen Stimmung, aus der ich noch immer nicht wieder auftauchen kann, immer noch von Stimmen des Verlorenen umklungen und von fast spukhaften Gesichten auf Schritt und Tritt begleitet, Deine schönen festen Gestalten zum ersten Mal wieder mit einem warmen Antheil an etwas Fremdem durchdrungen, und heute die lieblichen und ganz mit Deinem Blute getränkten Verse | in der Rundschau, und ich will es nicht länger aufschieben, Dir die Hand zu drücken. Ich setzte mehr als Einmal an, in dem römischen Winter Dir einen Gruß zu schicken; aber so sehr ich von dem guten Willen guter Menschen, und dem Deinen insbesondere, mit mir Geduld zu haben, überzeugt bin, so klar bin ich doch auch über die Unmöglichkeit, meinen gebundenen und zusammengeschnürten Zustand einem Freunde verständlich zu machen, der nichts Ähnliches besessen und verloren hat. Ich merke es nur zu deutlich meinen ältesten Intimen an, daß sie die Köpfe schütteln und die Achseln zucken, weil die ganze Apotheke von philosophischen Hausmitteln mir nicht auf die Beine helfen will. Ich bin aber leider so mürbe geworden, daß selbst das Aufrütteln durch die Scham vor mannhafteren | Kreuzträgern nicht mehr bei mir verfängt. Mein armes Weib schleppt zu allem Andern ihre physischen Leiden hin, bei mir ist wieder der alte Nerven-Belagerungszustand ausgebrochen und hält jede rüstige Arbeit nieder. Nun sollen wir im Juli Hochzeit halten, dann ins Engadin zum heiligen Moritz wallfahrten, der schon einmal ein Wunder an uns gethan hat. Aber wenn wir uns auch ein wenig zusammengeflickt haben, am Besten wird es darum immer noch fehlen.

     Ich merke jetzt erst, daß ich ins Du hineingerathen bin. Es wäre schön, wenn auch Du es so natürlich fändest, wie es mir war und ist. Ein leichtsinniges Smolliren ist's doch wahrhaftig nicht, wenn Du bedenkst, wie lang es her ist, daß wir den ersten Trunk Wein mit einander gethan haben. |

     Ich habe die sieben Aufrechten wiedergelesen, mit jener allerwohlthätigsten Rührung, die aus dem einfach Echten und Liebenswürdigen quillt. Die Ursula war mir zuerst fremder, die schönen scharfen Züge des ersten Theils gingen mir gleich ins Blut, dann verkühlte sich etwas der Antheil, da die Hauptfiguren zurücktraten, nun aber blieb auch hier eine ganze, reine und starke Nachwirkung zurück und ich finde, daß Alles so sein muß. Du hast Alles, was mir fehlt, lieber Theuerster. Niemand betrachte ich mit wärmerem, froherem Neide, der Eins ist mit dem herzlichsten Gönnen, da alles Gute des Andern auch uns zu Gute kommt. Lebe wohl und laß einmal von Dir hören. Mein "Frauenzimmer" grüßt schönstens und hofft Dich bald einmal wiederzusehen.

                                                Treulichst Dein
                                                PaulHeyse
München. 28. Mai 78.


 

9. 6. 1878  Keller an Paul Heyse

<ZB: Ms. GK 78c Nr. 1/14; GB 3.1, S. 29>

Zürich 9 Juni 78.

Dein Brief, lieber Freund, ist mir mit dem angebotenen Du ein rechtes Maigeschenk gewesen. Du wirst gedacht haben "Ich habe schon so viel für ihn gethan, daß mir zu thun fast nichts mehr übrig bleibt" u s w. Nun, unsereins nimmt und frißt alles dankbarlich, was er bekommt, wie ein schmunzelndes Bettelweib. Deine leidenden Zustände will ich weder betrösten noch anzweifeln; wenn es Dir vergnüglich zu Muth wäre, würdest Du nicht klagen und jeder hat die Seite, wo ihn das Unheil packen kann. Ich kann mir auch denken, daß das zu Zweitsein von Mann und Frau gewisse Leidenskategorieen verdoppelt, wenigstens erscheinen diese dadurch nach außen hin feierlicher und tiefer oder mit einer Art von Erhöhung u. s. f. Gewiß ist nur, daß ich herzlich Theil nehme und Besserung wünsche. |

     Indessen nimmt mich Wunder, was Du schaffen willst, wenn Dir wieder wohl sein wird, da du so schon fleißiger oder productiver bist, als mancher gesunde Kaffer. Uebrigens, was mich betrifft, bist du ein bischen ein Schmeichelkater mit nicht undeutlichen Krallen. Wenn ich alles habe, was Dir fehlt, so braucht Dir blos nichts zu fehlen, und ich habe säuberlich gar nichts. Solche Vexirbouquets kann Jeder dem Andern unter der Nase wegziehen. So verhält es sich auch mit der Anführung meines Winterliedchens in deinem meisterhaften Seeweib. Das Buch kam mir erst vor vier Wochen in die Hände und als ich an die Stelle kam, war ich ganz verblüfft und dachte nur: Donnerwetter! Als aber nachher das Buch bei Seite geschafft wurde in der Novelle, hatte ich | genau das Gefühl eines hospitirenden Nachbarknäbleins, das wegen begangener Unnützlichkeiten aus der Stube gebracht wird und heult. Dessen ungeachtet erfreute mich an den "neuen Moralischen" der schon von Georg Brandes hervorgehobene Falke, der wiederum durch alle diese Novellen so ungebrochen weiter fliegt.

     Mit meiner letzten Zürcher Geschichte, der Ursula, hat dich der ahnungsvolle Engel nicht betrogen bezüglich des ersten Eindruckes. Das Ding ist einfach nicht fertig, die zweite Hälfte mit sehenden Augen nicht ausgeführt, weil mir der Verleger wegen des üblichen Weihnachtsgeschäftes auf dem Nacken saß. Das Versespektakel in der Rundschau wird sich leider noch einmal wiederholen, obgleich du, wie mir Rodenberg schreibt, mit wohltönenden Sonetten dazwischen fahren wirst. Ich muß eben noch einiges der Art fortsündigen, damit ich eine Nothausgabe meiner "sämmtlichen Gedichte" zuweg bringe. |

     Die Verlobungsanzeige aus Rom habe ich s. Z. erhalten und wünsche nun dem Fräulein und den Eltern das landesübliche Maß von Glück und noch eine gute Handvoll als Zugabe. Alle zehn Finger halte ich ausgespreizt wie eine Höckerin, die eine Metze Kirschen generös aufgethürmt hat. Nachher wünsche ich eine fröhliche Hochzeit.

     Wenn Ihr Euch nicht vorher in der Schweiz sichtbar macht, so komme ich vielleicht im September für ein par Tage nach München, wo ich inzwischen zu grüßen bitte, wer sich etwa hiefür darbietet, Fries, Schneegans etc.

     Vor allem aber die verehrten Inhaberinnen des Frauenzimmers.

     Wegen der Berliner Ereignisse brauche ich nicht extra zu condoliren, da man hier ebenso consternirt und Böses fürchtend ist, als draußen im Reiche. In einem Bierlokal wurde dieser Tage ein social demokr. deutscher Literat der sich in spöttischem Sinne äußerte, von hiesigen Bürgern hinausgeschmissen, tout comme chez vous. Viele Grüße

                                                G. Keller.


 

9. 7. 1880  Keller an Paul Heyse

<ZB: Ms. GK 78c Nr. 1/20; GB 3.1, S. 42>

Zürich 9 VII 1880.

Lieber Freund! Tausendfältigen Dank für Brief und Weiber von Schondorf. Ich will nun trachten, meine "schonende Freude" (ein ingeniöser Ausdruck!) mit deinem dramatischen Hypochondrismus möglichst zärtlich zu vermählen, ohne der Aufrichtigkeit Eintrag zu thun. Da muß ich denn zuvorderst bekennen, daß Du mit der gewählten Auffassung und Behandlung Recht hast. Der erste flüchtige Eindruck war bei mir, es dürfte ein bischen bunter und breitspuriger sein; allein am gleichen Tag noch, eh' der Brief nachkam, fand ich, dadurch käme man sogleich in's sogenannte Shakespearisiren hinein, im bekannten Stil der bekannten Uebersetzung, und dann würden alle feineren Leute sagen: connu! So aber hast Du ganz das Richtige getroffen, indem Du das Motiv aus sich selbst heraus sich hast entwickeln lassen und nichts dazu gethan, als die höhere ethische Frage. Eine gute Ausstattung und Inscenirung, welche ja auf jeder Seite mitdichtend vorgesehen ist, muß das deutlich herausstellen. Beim Lesen hat mir, beiläufig gesagt, in ein par Interjectionen und proverbialen Wendungen die Manier etwas zu tief gegriffen erscheinen wollen. Da ich aber auf der Bühne | nicht zu Hause bin, so mag diese Bemerkung nichtig sein. Die Charaktere des Bürgermeister-Paares, der Tochter u Abels sind gewiß durchaus glücklich und das Uebrige entsprechend daran gewachsen. Nur die eigentlich militärische Aktion der Weiber ist mir, für jetzt noch, zu unvermittelt. Selbst der Commandant scheint mir zu wenig verwundert über das Phänomen. Die Wahrscheinlichkeit hätte gewonnen, wenn die Handlung in Einem Zuge, während die Rathsherren eingeschlossen blieben, vor sich gegangen wäre; aber dann hätte die Unterwerfung und Reue der Weiber, das beidseitige Rechthaben etc nicht herbeigeführt werden können, und so zeigt es sich wieder, daß der Herr und Dichter Recht hat.

     Wegen des Erfolges solltest Du dich doch endlich nicht mehr grämen, sofern Du's überhaupt je gethan hast. Ich habe neulich wieder deinen Hadrian und die Sabinerinnen gelesen und mich abermals gewundert, daß die Hamletspieler und die virtuosischen Heroinen sich nicht längst auf die Prachtsrollen, die in diesen Werken bereit liegen, geworfen haben. Es ist | eben heutzutage alles dummes Viehzeugs, das nur durch einen Zufall mit der Nase auf das grüne Kraut gestossen wird. Doch statte ich meine Glückwünsche unverfroren jetzt schon ab! Mit aller Glut meiner schonenden Freude!

     Betreffend einen Luftkurort, wie Ihr ihn wünscht, wüßte ich zur Stunde mit einiger Sicherheit nur den Ort "auf dem Stoß" eine von gesunder und milder Luft umspielte Höhe bei Brunnen am 4 Waldstättersee zu nennen. Ich war noch nie dort; aber viele Zürcher und andere Schweizer gehen gerne hin und rühmen den Aufenthalt. Ein anderer beliebter Luftort ist Schwarzenberg in der Pilatusgegend. Da aber die Gäste dort zahlreich aus der Classe der Schullehrer und kleinen Geschäftsleute stammen, die gewöhnlich nicht wissen was gut ist, so fürchte ich, die Verpflegung könnte nicht ganz nach Wunsch sein. Aber fröhlich muß es dort zugehen; denn im Winter bilden sich in den Städten Vereine ehemaliger Schwarzenberg-Gäste, die kleine Erinnerungsfeste | mit Tanzvergnügen für die Frauen abhalten und also nicht warten mögen, bis es wieder Sommer ist. Ueber die Nahrung habe ich indessen nie klagen gehört. Der "Stoß" aber wird mehr gerühmt.

     Wenn ich die Freude haben soll, das genesende Königspaar Ende dieses Monates zu sehen, so kann ich den Grünspecht unseligen Andenkens persönlich überreichen. Ich habe ein Schmerzensjahr darüber zugebracht. Die Geld- und Hungersachen z. B. waren mir so zuwider, daß ich sie monatelang liegen ließ, wie wenn sie mir in natura bevorständen. Unverdienter Weise bleibt der Kerl jetzt leben u. s. w. Deinen Fleiß in Novellen und andern Dingen beobachte ich sehr wohl, verspare aber das Lesen auf die Buchform, da ich auf dem Museum keine Novellen lese. Mit meinen neuen oder alten Novellchen will Rodenberg im Novemberheft anfangen. Es giebt wieder Lalenburgergeschichten, wie Storm meine göttl. Erfindungen nennt. Dein G. Keller.


 

13. 11. 1880  Keller an Paul Heyse

<ZB: Ms. GK 78c Nr. 1/24; GB 3.1, S. 48>

nach Martini 1880

Du hast mich nicht wenig beruhigt, liebster Freund; denn wenn ich von dem Tenor deines lieben Briefes auch abziehen muß, was billigermaßen nur deinem eigenen edeln Wesen innewohnt und gutzuschreiben ist, so bleibt mir noch genug übrig, um mich vor mir selbst bestehen zu lassen. Die beiden Grundübel des Grünlings: die unpoetische Form der Biographie und die untypische Specialität der Landschaftsmalerei, bleiben freilich als Kielwasser unverändert und lassen das Schiff nie fröhlich fahren.

     Auch danke ich Dir feierlichst, daß Du mich so freundschaftlich ein bischen mit unterstehen lässest unter den Poetensegen deiner Mutter.

     Deine Novelle ist im Novemberheft der Rundschau wieder nicht gekommen; | dafür die hübsche Geschichte Wilbrandts, an der mich nur die kühle Verniade mit der Venus etwas chokirt. Indessen werde ich immer begieriger auf die neuen Provençalen deiner Muse. (Wilbrandts Haman aus dem Abendstern ist zum Theil von ungewöhnlicher Energie und tiefer Wahrheit in der Schilderung; nur scheint mir das Ende nicht ganz entsprechend: diese sanften Nazarener Gesichter sind in der Regel nicht so unglücklich, sondern werden öfter dick u fett.)

     Ein weiteres Vergnügen hatte ich neulich daran, daß dein Herr Verleger Wilhelm Herz mir im Voraus den Verlag der von der Rundschau angekündigten Novellen anbot, was mich Deiner guten Gesellschaft wegen eitel machen würde. |

     Grüße und empfehle mich freundlich der verehrten Gemahlin und schätzbarsten Fräulein Tochter. Noch schäme ich mich, wie ich mich letzthin verleiten ließ, Euch im Gasthof um Abendessen und einen Schoppen Extrawein zu schinden. Einstweilen konnte ich sagen:

                        Mit Euch, Frau Doctor, zu soupiren,
                        Ist ehrenvoll und ist Gewinn!

     Und das, nachdem Ihr so schmälich Hunger gelitten in meinem schönen Vaterlande.

     Nächstes Jahr wollen wir's besser machen.

     Dein dankbares Christengemüth, das Dich allen bekannten u unbekannten Göttern Athens anempfiehlt

                                               G Keller


 

4. 1. 1881  Paul Heyse an Keller

<ZB: Ms. GK 79c Nr. 201; Heyse, S. 143>

München. 4. Jan. 81.

Wir sind längst wieder unter eignem Dach und Fach, liebster Freund. Meine "kleine Gesundheit" war Anfangs November schon wieder so eingeschrumpft, daß sie gänzlich zu verschwinden drohte. Da sprach meine kluge Frau ein Machtwort und entschloß uns von heut auf übermorgen zu dieser Fahrt. Es galt aber nur, überhaupt einmal zu kosten, wie Paris schmeckt, um auch dieses Gericht auf der großen Weltspeisekarte zu kennen. Nun, es schmeckt freilich nach Mehr, aber ein Erstgeburtsrecht würde ich nicht darum hingeben. Es fehlt ganz und gar dort an jenen feierlich stillen Erinnerungswinkeln, in denen sich wie in Rom, Florenz, Venedig die Seele einnistet wie der Vogel im Busch, an dem warmblütigen, kindischen und erhabenen Volksstil, der einem Menschenfreunde da unten das Herz gewinnt, am Schönen und Unschuldigen der südlicheren Romanen, und eine bis ins Kolossale u. Unabsehliche gesteigerte Eleganz ist kein Ersatz dafür. Aber ich will Dir keinen "Pariser Brief" schreiben. Wie ich zurück war, fielen die neuen Eindrücke so kühl und platt von mir ab, daß ich die Feder wieder ansetzen konnte, wo ich sie vor 14 Tagen niedergelegt hatte. Da hätte ich nun | <für> Deinen letzten Brief vor Allem danken sollen, verlor mich aber richtig ins Altgriechische und blieb so rüstig dabei, daß ich am 2ten Weihnachtsfeiertag einem sterbenden Alkibiades die letzte Ehre erweisen konnte. Ob er nun friedlich in der Familiengruft meines Pultes, ove sono i piu, beigesetzt werden wird, oder ob er sein Bett aufnehmen und über die Bretter der k. k. Hofburg wandeln soll, habe ich noch nicht überlegt. Es eilt auch nicht. Auf "Stücke mit nackete Füß" wartet in Deutschland kein Mensch.

     Und jetzt will ich einen langen langen Winterschlaf thun und mir von jenem Buch, das ich Dir in unserer letzten Mitternachtsstunde ankündigte, Einiges träumen lassen. Seltsam! daß Du nicht den Kopf dazu geschüttelt hast, ist dem alten Project so in die Glieder gefahren, daß es sie gereckt u. gestreckt hat und plötzlich zu einer ganz gesunden Gestalt zusammenwuchs. Dabei haben sich alle überflüssigen Extremitäten abgesondert, und ich kann hoffen, das Ganze in Einen starken Band zusammenzudrängen. Hiefür braucht es freilich rüstigere Kräfte, als der alte anbrüchige Sohn meiner lieben Mutter einstweilen einzusetzen hat, | und darum will ich probiren, ob ich mich noch einmal durch eine tiefe Ruhe so weit bringen kann, daß es nicht einem Selbstmordsversuch gleicht, wenn ich mich in den Abgrund einer solchen Aufgabe stürze.

     Nun erwarte ich mit Ungeduld Deine neuen Rundschau-Gaben, und fahre inzwischen fort, die alten immer wieder durchzunaschen und mir, wenn mein Mund davon überfließt, Haß u. Mißvergnügen meiner theuren Collegen zuzuziehen. Desto wohliger konnte ich vor kurzem meiner Grünen Heinrichs-Wonne Luft machen gegen einen ganz unconcurabeln Keller-Enthusiasten, Ernst Fleischl. Laß Dich aber nicht irren des Germanistenpöbels Geschrei. Diese Leute sind wie die Schlangen, die ein Lebendiges nur genießen und verdauen können, wenn sie es vorher mit ihrem Schleim überzogen haben. Da sie einem Dichtergebilde nichts abgewinnen können, wenn es ihre "Methode" nicht in Bewegung setzt, so beginnt ihr Interesse erst mit den Varianten. Und auch hier wäre ja Manches für eine tiefere Betrachtung zu holen, wenn das ewige Starren durch ihre Goethebrille die Guten nicht myopisch gemacht hätte. |

     Was Du über die Laokoonfrage schreibst ist ganz nach meinem Herzen. Ich habe längst erwartet, daß einer der modernen Experimental-Aesthetiker eine Abhandlung schreiben würde über den Einfluß der Photographie auf unsere Kunst u. Literatur, da ich in derselben die Erzeugerin u. Amme unseres heutigen Realismus erblicke. Aber jene Herren haben wichtigere Dinge zu thun und schreiben selbst realistische Romane, in denen sie den Ekel unters Mikroskop bringen. - Freund Petersen hab' ich jene Stelle Deines Briefes mitgetheilt, als Antwort auf seine Frage, warum ich bei meiner Hexe von der guten alten Gepflogenheit abgewichen, den Leser sich allein etwas malen zu lassen. Übrigens hat er auch übersehen, daß in diesem Falle das Unterschlagen des Portraits eine pure Affectation gewesen wäre. Mein Held wacht ja aus der Ohnmacht auf u. entdeckt Zug für Zug das Gesicht u. die Gestalt, die sich's an seinem Fußende bequem gemacht hat.

     Lebewohl, Geliebter! Und empfange die schönsten und herzlichsten Neujahrswünsche von meiner Frau und dem langen Fräulein. Grüße auch Dr. Bächtold, von dem Du wohl schwerlich je eine Vergewaltigung zu befahren hast. Und schließlich kannst Du jeden Augenblick den "Haftbanden entfahren" und in die Arme flüchten Deines getreuesten

                                               P. H.

Auch an Prof. Meyer einen freundlichen Gruß, u. an die Meise!


 

8. 4. 1881  Keller an Paul Heyse

<ZB: Ms. GK 78c Nr. 1/26; GB 3.1, S. 51>

Zürich 8 April 1881.

Endlich komme ich herangeschlichen, lieber Paul, wie das schlechte Gewissen selbst, mich endlich wieder bei Dir einzustellen. Das Erbübel, das wirklich niederschreiben zu müssen, auf eine Anzahl periodischer Termine, was man sich peripatetisch zurechtgeträumt hat, plagte mich seit dem letzten Dezember, und wenn ich auch die Hauptsache immer in acht Tagen jeden Monats zuwege brachte, so ließ ich doch dabei alles Briefschreiben. Jetzt bin ich Gott sei Dank wieder aus der Rundschau heraus, drin ich mich habe herumdrehen müssen, wie der Hund im Kegelspiel, und kann wieder an Anderes denken.

     Für Deinen guten Brief vom 4 Januar herzlich dankend, bezeuge ich nachträglich meine Theilnahme an Eueren Pariser Genüssen, die ich wol auch einmal goutiren möchte, wenn der Aberwitz der Leute dort mich nicht ein wenig abschreckte. Doch stört das außerhalb vielleicht mehr, als wenn man mitten drin ist, und wer weiß, wie froh die Welt gelegentlich wieder über das Nest wird, cum grano salis genommen. |

     Jetzt habe ich aber einen moralischen Abgrund schüchtern vor Dir zu entschleiern, theuerster Herr und Freund! der Dich kurios angähnen wird: Ich habe den Gegenstand des neuen Romanes, von dem Du mir letzten Herbst auf der Meise hier gesprochen, gleich am andern Tag vergessen, d. h. das Gespräch steigt mir erst mit deinem Briefe in der Erinnerung wieder auf und ich weiß nicht mehr, welches Problem es ist, von dem Du sprachst, ich weiß nur noch, daß es mich sogleich anmuthend frappirte. Durch irgend welche psycholog. Vorgänge ist das infame Symptom beginnender Alterszustände möglich geworden. Spring' also über die schwarze Spalte hinweg und sag' mir's nochmals, was es ist. Ich hoffte immer, das Gedächtniß daran würde sich unerwartet einmal einstellen; allein es ist und bleibt verschwunden. Was es aber auch sein mag, so denke ich hinsichtlich der gesundheitl. Anstrengung, Du werdest doch ganz gemächlich damit anfangen können oder es schon gethan haben, und die Bogen ruhig auf einige Zeit weglegen, so wie es zu viel wird, so kann es unvermerkt doch fertig werden und plötzlich da sein.

     Freilich scheint Dein rastloser Fleiß ein so halbwegs philisterliches Verfahren nicht zuzulassen. Mit Bewunderung sehe ich überall | die Früchte desselben, lese die prächtigen Anfänge auf dem Museum und freue mich auf den häuslichen Genuß in meinem Sorgenstühlchen. Und dabei legst Du zwischenhinein immer neue Tragödien und andere Dramen in's Pult. An meinem unliterarischen Wohnort habe ich nicht vernehmen können, ob der sterb. Alcibiades wirklich dort geblieben ist. Nämlich unliterarisch sind die Bürgersleute mit denen ich verkehre; sonst wächst hier ein wildes Literatenthum heran, schöner als irgendwo, nur geht man nicht mit um.

     Verfeinde Dich doch nicht zu sehr wegen meiner cryptogamen Verdienste mit deinen Genossen, sie hauen sonst schließlich nur mich auf den Kopf. Die Schelle des Shakespere der Novelle, die Du mir an den Hals gehenkt, wird da und dort angezogen; ich werde nächstens einen Commentar liefern. Auf dem Münch. Kupferstichkabinet findest Du vielleicht die Blätter des längst verstorbenen Berner Malers Gottfried Mind, der ein halber Idiot war, aber drollige Katzengruppen zeichnete. Diesen nannte man auch den Katzenraphael. Die kindische Anwendung der philol. historischen Methode der jungen Germanisten (deren Feld schon abgewirthschaftet scheint) auf unsere allerneusten | Hervorbringungen ist allerdings etwas ärgerlich. Die Lächerlichkeit wird den Spaß aber nicht alt werden lassen, besonders wenn man ihn gelegentlich etwa ad absurdum führt.

     Petersens Reaktion gegen das malerisch beschreibende Element ist mir nicht auffallend; er will als Dilettant mitthätig sein und selbst malen, liebt daher nur andeutende "Drucker" und leichte "Touchen". Wäre er nicht ein so enthusiastisch freundlicher Kerl nach verschollenen Mustern, so müßte man ihm einmal Goethes Untersuchung über den Dilettantismus empfehlen, den der Alte so schalkhaft als ein gemüthliches Schema hinstellte. Etwas störender war mir in seinem letzten Briefe das Lob der Resignation des Grün. Hch. u der Judith am Schlusse meines Vierspänners, indem er mit elegischer Klage grundsätzlich das pathologische Concretum als das allgemein Richtige und Bessere anpries und den unschönen Gemeinplatz des "entzweigerissenen Wahns" auftischte. Es paßt das nicht recht zu dem Vergnügen, das er sich immer mit seinen Kindern macht und besingt, wie billig. Von den Experimental-Aesthetikern ist so wenig Gutes zu erwarten, als von den philologischen germanist. Realkritikern, weil beide bereits die Seele des Geschäftes verloren oder nie gekannt haben. Die innige Verbindung von Inhalt und Form ist aber für die Untersuchung so unentbehrlich, wie für die Produktion, und zwar subjektiv wie objektiv. Die allerschönsten Grüße an die verehrte Frau Doctorin und das der Verehrungswürdigkeit immer länger entgegen wachsende lange Fräulein.

                                               Dein G. Keller

Gottfried Keller an Wilhelm Baumgarten

 

28. 1. 1849  Keller an Wilhelm Baumgartner

<ZB: Ms. GK 78d Nr. 2/3,1,2,4a; GB Bd. 1, S. 273>

Heidelberg d. 28st. Jan. 1849!

Lieber Baum!

Ich hoffe, daß du dato ein grünender Baum seiest, einer, der sich gewaschen hat (woran nicht zu zweifeln, wenigstens innerlich)!

   Dieser Brief wird leider diesmal nicht groß werden, denn derjenige, welchen ich an Ruff gerichtet u den ich zufällig zuerst angefangen, hat sich so dick angefüllt mit allerlei dummem Zeug, daß ich ganz erschöpft bin, denn gescheidtes  weiß ich nicht viel. Warum ich nicht früher geschrieben, frage die Sterne! ich weiß es nicht; denken thue ich oft an euch Alle, bei jedem feierlichen Anlaß, bei jedem guten Glas Wein, welches ich vermisse, und das geschieht oft genug.

   Das Merkwürdigste, was mir hier passirt ist, besteht darin, daß ich nun mit Feuerbach, den ich einfältiger Lümmel in einer Rezension v. Ruges Werken auch einwenig angegriffen hatte, über welchen ich grober Weise vor nicht langer Zeit auch mit dir Händel anfing, daß ich mit diesem gleichen Feuerbach fast alle Abende zusammen bin, Bier trinke und auf sein Worte lausche. Er ist von hießigen Studenten u Demokraten angegangen worden, diesen Winter hier zu lesen; er kam und hat etwa 100 eingeschriebene Zuhörer. Obgleich er eigentlich nicht zum Dozenten geschaffen ist und einen mühseligen schlechten Vortrag hat, so ist es doch höchst intressant, diese gegenwärtig weit aus wichtigste historische Person | in der Philosophie, selbst seine Religionsphilosophie vortragen zu hören. Ich besuche auch ein anderes Colleg über Spinoza u sein Verhältniß zu unserer Zeit (zugleich neuere Philosophiegeschichte) von Dr. Hettner *, welches sehr klar, eindringlich u gescheidt gelesen wird und mich trefflich vorbereitet hat zu Feuerbach selber. Wie es mir bei Letzterem gehen wird, wage ich noch nicht, bestimmt auszusprechen od. zu vermuthen. Nur so viel steht fest: Ich werde tabula rasa machen (oder es ist vielmehr schon geschehen) mit allen meinen bisherigen religiösen Vorstellungen, bis ich auf dem Feuerbachischen Niveau bin. Die Welt ist eine Republik, sagt er, und erträgt weder einen absoluten, noch einen konstitutionellen Gott (Rationalisten). Ich kann einstweilen diesem Aufrufe nicht widerstehen. Mein Gott war längst nur eine Art von Präsident od. erstem Consul, welcher nicht viel Ansehen genoß, ich mußte ihn absetzen. Allein ich kann nicht schwören, daß meine Welt sich nicht wieder an einem schönen Morgen ein Reichsoberhaupt wähle. Die Unsterblichkeit geht in den Kauf. So schön und empfindungsreich der Gedanke ist - kehre die Hand auf die rechte Weise um, und das Gegentheil ist ebenso ergreifend und tief. Wenigstens für mich waren es sehr feierliche und nachdenkliche Stunden, als ich anfing, mich an den Gedanken des wahrhaften Todes zu gewöhnen. Ich kann dich versichern, daß man sich zusammen nimmt und nicht eben ein schlechterer Mensch wird.

   Dieß Alles, lieber Baumgartner, hat sich in der Wirklichkeit nicht so leicht gemacht, als es hier aussieht. Ich ließ mir Schritt für Schritt das Terrain abgewinnen. Ich übte am Anfange sogar eine Kritik aus über Feuerbachs Vorlesungen. Obgleich ich den Scharfsinn seiner Gedanken zugab, führte ich doch stets eine Parallelreihe eigener Gedanken mit, ich glaubte im | Anfange nur kleine Stifte und Federn anders drücken zu können, um seine ganze Maschine für mich selber zu gebrauchen. Das hörte aber mit der fünften od. sechsten Stunde allmälig auf und endlich fing ich an, selbst für ihn zu arbeiten. Einwürfe, die ich hegte, wurden richtig von ihm selbst aufs Tapet gebracht und oft auf eine Weise beseitigt, wie ich es vorausahnend schon selbst halb und halb gethan hatte. Ich habe aber auch noch keinen Menschen gesehen, der so frei von allem Schulstaub, von allem Schriftdünkel wäre, wie dieser Feuerbach. Er hat nichts als die Natur und wieder die Natur, er ergreift sie mit allen seinen Fibern in ihrer ganzen Tiefe und läßt sich weder von Gott noch Teufel aus ihr herausreißen.

   Für mich ist die Hauptfrage die: Wird die Welt, wird das Leben prosaischer und gemeiner nach Feuerbach? Bis jetzt muß ich des bestimmtesten antworten: Nein! im Gegentheil, es wird alles klarer, strenger, aber auch glühender und sinnlicher. - Das Weitere muß ich der Zukunft überlassen, denn ich werde nie ein Fanatiker sein, und die geheimnißvolle schöne Welt zu allem Möglichen fähig halten, wenn es mir irgend plausibel wird.

   Obiger Dr. Hettner ist ein junger Privatdozent, welcher in Italien war und ein vortreffliches Buch zum Verständniß d. antiken Kunst geschrieben hat. Er liest, außer Spinoza, auch Literaturgeschichte, sehr gut, Aesthetik. Er ist, so zu sagen, eine vollkommene Blüthe unserer modernen Geisteskultur; die Philosophie, Literatur u Kunst, letztere zwei besonders, sind der ausgebreitete Boden seiner Nahrung. Ich wünschte, daß dieser junge, rührige Mann unserer eidgenössischen Schule in spe erworben werden könnte; denn hoffentlich wird doch etwas für diese Interessen auch geschehen. An den jetzigen schweizerischen Universitäten sind in diesen Fächern abgelebte und überlebte, impotente Kräfte od. Unkräfte vorhanden. | Ich gehe oft zu Hettner und befinde mich sehr gut dabei.

   Bei Henle höre ich Anthropologie; sein Vortrag, der Form wie dem Stoffe nach, ist ausgezeichnet, ein wahrer Kunstgenuß, arbeitet übrigens dem Feuerbach bedeutend in die Hände. Wie Schade ist es, daß Henle ein eigentlich leidenschaftlicher Monarchist ist. Gervinus und die Andern dieses Kreises bedaure ich nicht, denn es sind grobe, unkultivirte Lümmel, aber dieser feine Henle thut meiner Seele weh. Er war mit Feuerbach befreundet und theilt auch seine Ansichten u Grundsätze. Als Feuerbach hieher kam, nahm er das größte Intresse daran u sprach immer mit Achtung u Liebe von ihm. Sobald er aber hörte, daß F. bei einem Republikaner wohne u selbst ein solcher sei, gab er ihn auf und - machte ihm nicht einmal einen Gegenbesuch! Das sind die freien, sonnigen Höhen der Wissenschaft. -

   Aus der Geschichte, die ich hauptsächlich hier betreiben wollte, ist nun so viel als nichts geworden. Das Einzige, was ich brauchen konnte, war "deutsche Geschichte" von Häußer; als er aber in die badische Kammer gewählt wurde, verlegte er seine Stunden auf den Vormittag, und an diesem besuche ich keine Collegien. Schlosser ließt die neuere Geschichte seit 1814, was mir nichts nützt, ich hospitire übrigens oft bei ihm. Ich werde im Sommer die Geschichte mehr berücksichtigen. An meine Reise denke ich wenig mehr. Der kurze Aufenthalt in hier hat mir so gut bekommen, ich habe so nützliche Bekanntschaften gemacht, daß ich fast vorziehe, noch ein Jahr od. zwei in Deutschland herumzustreifen. Dies wird mir so viel nützen, daß sich eine größere Reise dann nachher immer noch von selbst geben kann. Wäre ich gleich vor | drei od. vier Jahren, als ich die ersten Gedichte drucken ließ, hinausgekommen, so wäre ich jetzt wahrscheinlich innerlich, wie äußerlich ein anderer Mensch; denn für einen Poeten ist die Schweiz ein Holzboden.

   Auf Ostern wird endlich mein Roman herauskommen. Nächsten Sommer will ich es mit dem Drama versuchen, vielleicht hört ihr Bühnengeschichten von mir. Ich habe einen Plan so ziemlich im Kopfe zurecht gelegt, sage aber noch nicht, was. Jenes epische Gedicht von den zwei jungen Leutchen, und den Bauern, welche pflügen, habe ich auch angefangen, so wie auch aus hießiger Landschaft schon ein par lyrische Gedichtchen entsprungen sind.

   Aesthetische Notiz. Ich wohnte jüngst einer Operation in hießigem Spital bei. Einem alten Manne, welcher den Arm gebrochen hatte, mußten ein par Stücke aus dem Ellebogen gesägt werden. Der Mann wurde, ich weiß nicht, aus welchem Grunde, nicht narkotisirt, so daß er dem ganzen Schmerze ausgesetzt war. Er fing ganz allmälig, wie man ihn in die Kur nahm, an zu klagen und stöhnen und ich erwartete ein unartikulirtes, wildes Geschrei. Allein, als die Messer bei Seite gelegt und die Säge ergriffen wurde und der Schmerz immer höher stieg bis in's anscheinend Unaushaltbare, da wurde der Mann freilich immer lauter, aber er wandte sich an seinen Gott u gab seine Pein in wohlausgesprochenen Worten und Anrufungen kund, welche immer schöner, ausgeprägter und ergreifender wurden, je tiefer die Säge drang, er wurde zuletzt eigentlich beredt und erging sich in den auffallendsten Aeußerungen, welche | so wie der Schmerz abnahm, in wehmüthige Betrachtungen übergingen, bis zuletzt alles verbunden war u er wieder still wurde. Der Mann sah eben nicht intelligent aus und ich möchte fast behaupten, daß er noch nie in seinem Leben so gut und ausdrucksvoll, oder auch nur so klar bewußt gesprochen habe. Ich weiß nicht, ob sich alle Unglücklichen welche höchstem phys. Schmerze unterworfen werden, so benehmen: aber hier wenigstens habe ich gefunden, daß der höchste Schmerz zugleich sich in der schönsten Form äußern kann, was zwar eine alte Geschichte ist, aber für den Hausgebrauch durch eigene Anschauung vortrefflich aufgefrischt wird. Für deine musikalischen Interessen habe ich bemerkt, daß der Rythmus in den Schmerzäußerungen dieses Mannes ein durchaus gemessener, fast langsamer u gravitätischer war, aber äußerst fest u nachdrücklich.

   Kennst du den Morell, welcher Furrer's Sekretär geworden ist? Ich kenne hier mehrere Freunde v. ihm, welche viel Gutes von ihm sprechen, mir auch sehr gute Gedichte v. ihm zeigten. Die Schweizerstudententn aber verwundern sich allgemein über Furrer's Wahl, indem M. gar keine juristischen u staatsrechtl. Vorlesungen besucht, sondern nur Belletristik u allgmeine Schwärmerei u Bummlerei getrieben hätte, er sei gar kein Geschäftsmensch u. s. f. Was ist wohl daran? Grüße alle Bekannten von mir, besonders Sulzer, welchem ich als Finanzrath gratulire, dann Louis Meyer, den Knieper, wenn jemand nach Bern schreibt, kurz die ganze holde Kompanie. Schreibt mir bald ein Paket Briefe zusammen und laßt mich es nicht entgelten, denn es fällt euch leichter, jeder seinen einzelnen Brief zu schreiben, als mir so viele. |

D. 21t. Februar.

Noch immer liegen die unglücklichen Briefe in meiner Tischtrucke, kommen aber hoffentlich heut od. morgen endlich auf die Post. Daher noch einen flüchtigen Gruß. Hegi hat mir geschrieben, daß er nach Amerika gehe, nun erwarte ich täglich die Nachricht, daß du nach Afrika und ein dritter gar nach Australien wolle, so muß ich am Ende doch nach Asien ziehen, damit wir recht auseinander fahren! Da schlage doch der Teufel in die Welt. Ich werde fast mit jedem Tage europalustiger, da ich nun erst recht an die Revolution glaube, je schlechter es ihr geht. Aber ein Mensch, der nicht an die Freiheit glaubt, wie unser Hegi, der muß freilich auswandern, denn das, an was Er glaubt, will sich noch viel weniger zeigen und Gestalt annehmen, und so bleibt ihm nichts übrig, als nach Mexiko zu gehen und dort den alten Vitzliputzli zu restauriren. Uebrigens habe ich unsern armen Freund im Verdacht, einen ganz kleinen Weidenkorb mit über das Weltmeer zu tragen, worüber ich aber nichts Weiteres sagen kann u daher zu schweigen bitte, wenn du nicht etwa mehr weißt, als ich.

   Die Professoren sind doch ein wunderliches Volk. Henle wird nun von hier fortgehen, weil ihm der geheime Hofrath Tiedemann auf der Anatomie in einem Wortwechsel gesagt hat, er sei ein "unverschämter Judebub"! Hofrath Henle selbst hat, nachdem er vor wenigen Wochen zu mir u anderen gesagt hatte, er theile durchaus Feuerbach's Grundsätze, nur nicht sein Auftreten: dieser gleiche Henle hat letzter | Tage in seiner Anthropologie den lieben Gott wiederhergestellt, weil er vermuthlich nicht in den Verdacht kommen will mit dem Demokraten Feuerbach irgend etwas Gemeinsames zu haben. Dieser Letztere wird mir täglich lieber, vielleicht auch ein wenig darum, weil er ein Glas Rothen nicht verachten thut.

   Meine Reise wird mir immer problematischer; ich glaube fast, es wäre besser, wenn ich noch ein Jahr in Deutschland bliebe und etwas lernte, da ich doch ein Mal im Zuge bin. Etwa nach Italien kann ich später immer noch aus eignen Mitteln gehen. Wenn ich in Zürich nur irgend eine Stelle bekleiden kann, wovon zu leben ist, so kann man immer ein Stück Honorar u. d. gl. zu einer Reise verwenden. Mit meinem Stipendium bin ich, was diesen Winter betrifft, ordentlich ausgekommen, weil ich nichts mitgemacht und auch nichts angeschafft habe. Im Sommer hingegen wird es ein wenig knapp zugehen, wenn ich die schöne Gegend ein wenig mitgenießen, einige Bücher kaufen und ordentlich wieder heimkommen will. Es sind auch einige angenehme Mädchen in meinen Bereich gekommen, was anmuthvolle Spatziergänge in Aussicht stellt, wenn das "Fruhjahr" kummt. Ich würde meine Briefe vielleicht jetzt noch nicht abstoßen, wenn ich es länger ohne Nachricht aushalten könnte. Ich beschwöre Euch daher, mir gleich zu schreiben, wogegen ich mich anheischig mache, bald wieder zu schreiben, sobald die Ferien da sind. |

D. 10t. März!!!

Unglückseliges Schifflein dieser Briefe! es will nicht vom Lande stoßen; im Spätherbst planirt, zu Neujahr angefangen und im Frühling fertig - wenns nun noch Sommer wird, bis er in Zürich ankommt, dann kann dieser Brief sagen, er sei durch alle Jahreszeiten gewachsen, bis er, wie eine reife Frucht, endlich vom Baume fiel. Hier haben wir schon die herrlichsten Frühlingstage gehabt; heute Nacht ist zwar ein Schnee gefallen, aber die Sonne brennt ihm diesem Augenblick, da ich dieses schreibe, tüchtig auf den Pelz. Es gährt wieder ziemlich unter dem Volke hier zu Lande, ich wünsche aber kaum daß nächstens etwas losgeht, wenigstens möcht' ich nicht in Heidelberg sein während einer Revolution; denn ein roheres und schlechteres Proletariat habe ich noch nirgends gesehen, als hier; man ist Nachts seines Lebens nicht sicher, wenn man allein über die Straße geht; die unverschämtesten Bettler fressen einen fast auf und dabei brummen diese unglückseligen Geschöpfe fortwährend v. Republik u Hecker. Die sogenannten "Führer" sind aber auch darnach, nämlich die Redakteure der Winkel- u Lokalblätter etc. bornirtere u brutalere Kerls sind mir noch nicht vorgekommen, als die deutschen Republikaner zweiten und dritten Ranges; alle bösen Leidenschaften: Neid, Rachsucht, Blutgierde, Lügenhaftigkeit, nähren und pflegen sie sorgfältig im niederen Volke. Sie haben auch ihre guten Freunde in der Schweiz. Heute las ich in einem hießigen Blatte, | der "Republik" eine Korrespondenz aus Bern, worin der sämmtliche jetzige Bundesrath Volksverräther, Furrer Ochsenbein etc Buben u Schufte genannt werden, der italiänischen u deutschen Flüchtlinge wegen.

   Nun geht es endlich mit Macht an meinen Roman, von Anfang bis zum Ende wird er umgeschrieben, u über die Ferien soll er fertig werden. Es geht mir aber auch an den Kragen, denn ich habe nur noch 200 Franken v. der Regierung zu beziehen, um welche ich jetzt schreibe; wenn sie mir dieselben nur schnell schicken! Mein Honorar für das Buch bekomme ich erst, wenn das ganze abgeschickt ist.

   Ein Student reis't heim, welchem ich die Briefe mitgebe, sie wären vielleicht sonst noch einige Wochen liegen geblieben. Dieß Blatt habe ich nur noch besudelt, um zum letzten Mal zu grüßen. Ich glaube, ich habe Vieles zweimal geschrieben, ich bitte um Entschuldigung, die großen Intervallen sind Schuld daran. Antwort! Antwort! Antwort! Sonst hol' euch der Teufel, welchen ich zu diesem Ende hin einseitig noch eine Weile existiren lasse! |

   Alex. Müller lasse ich ebenfalls bestens grüßen. Behalte übrigens den philosoph. Theil dieses Briefes ein wenig bei einander, damit nicht jeder Esel in Zürich den Senf dazu dazu gibt, eh' nur das Fleisch auf dem Tische steht. Wie hält sich denn die eidgenössische Zeitung? Ist der Spyri immer noch ein Problem, oder fängt er an, auf eine Seite überzuschnappen? Sein Patron Blunschli wird in Baiern wohl die gleiche Rolle spielen, wie Dr. Keller in Berlin, es ist wundersam: Deutschland schickt der Schweiz Demagogen und Komunisten und die Schweiz sendet dafür reaktionäre Staatsmänner nach Deutschland. Ein liebreicher, wohlriechender Handel! Den alten Orelli habe ich sehr bedauert, was macht seine Tochter? Adieu

                                                G. Keller

   Froschau D No 281. bei Ewald. |

   Grüße doch Dr. Suter und Walder vielmal v. mir, ich kann ihnen jetzt unmöglich schreiben. Was machen sie? Was treibst du selbst? Ist etwas zu Stande gekommen von deinen Compositionen?