Der Anfang war recht mühsam zu lesen. Herzeloyde, Parzivals Mutter, ist schon bei
Wolfram eine schwer verständliche Gestalt. Dass
Muschg sie als eine Hysterikerin vorstellt, die von dem klosterähnlichen Leben im Bereich des Grals geprägt ist, und deshalb von steifer Strenge zu draufgängerischem Ansturm auf
Gahmuret übergeht, bringt sie mir menschlich nicht näher. Gahmuret bleibt ganz Schemen und Geist. Das Personal um sie herum, außer der sehr lebendigen Sigune, wirkt ebenfalls tot, marionettenhaft, allenfalls als Karikatur (so vor allem der Musterritter Gurnemanz, Parzivals späterer Lehrer).
Richtiges Leben entwickelt sich erst mit dem Auftritt
Parzivals. Dann freilich wird's interessant. Es gibt Liebesszenen von großer Wirkung; Parzivals bei Wolfram weithin unverständliches Verhalten wird überzeugend motiviert. Er kommt uns nahe und bleibt uns fremd. Was mir wie eine Schwäche des Buches erscheint, der lebensfremde Anfang, ist freilich in Wolframs Parzival vorgebildet. Auch dort blieben mir die Bücher der Gahmurethandlung besonders fremd. Eine zweite Schwäche ist sicher das, was in einer Rezension Muschgs Geschwätzigkeit genannt wird. Umständlich wie bei Thomas Mann, aber mit weniger Ironie. Es wird etwas viel ausgesprochen.
Mein ganz persönliches Verhältnis zum Stoff und zum Autor (18.8.93)
Meine gegenwärtige Lektüre "Der rote Ritter" von Adolf Muschg hat
für mich allerlei, was sie mir persönlich nahe bringt.
Zunächst: der Verfasser war der Leiter eines Proseminars über Goethes Westöstlichen Divan, an dem ich in Göttingen teilgenommen habe. Damals habe ich zu einigen dieser Gedichte ein persönliches Verhältnis gewonnen. Das fiel leicht, weil er nicht von oben herab, sondern aus seinem persönlichen Zugang, aber wiederum sehr rational erläuternd die Texte anging.
Dann: der Text handelt von Rittern, und Ritter sind unsere Kindheitsspielzeuge gewesen, selbst ausgesägte vor allem.
Der rote Ritter ist nun allerdings Parzival, kein typischer Ritter, sondern einer, der mir aus Schulzeit und Studium als Gralssucher und entsprechend fremde und Einfühlung erschwerende Gestalt bekannt ist. Dieser Parzival ist denn auch nie Gegenstand
unserer Ritterspiele gewesen; aber der erste Gegner Parzivals,
der "rote Ritter" Ither, dem Parzival die Rüstung raubt und von
dem er den Namen übernimmt, der war eine Figur von Elisabeth.
Er tauchte in unseren Spielen auf, bevor ich etwas von Parzival
wußte. Er blieb mir fremd, denn unsere Spiele kreisten um die Gestalten aus Felix Dahns "Kampf um Rom" und aus den deutschen Heldensagen. Die Ritter aus König Arthurs Tafelrunde gehörten nicht
dazu. Minnedienst für Damen war unseren Rittern fremd. (Überhaupt
tauchten Frauen erst recht spät und auf Anregung meines Großva-
ters unter den Spielfiguren auf.)
Mit
einem Text von Wolfram von Eschenbach, dem Dichter des Parzival, habe ich mich intensiv beschäftigt (für eine Zwischenprüfung), aber das war sein "Willehalm", nicht der Parzival.
"Der Rote Ritter" ist der erste Roman von Muschg, in dem ich viele Passagen mit reiner Lesefreude fand.
Noch ein persönlicher Bezug: Soweit ich mich erinnere, hat Muschg
die Überzeugung, daß der Parzival das wichtigste Werk der deutschen Literatur sei, unter dem Einfluß von Bertau gewonnen.
Und bei Bertau habe ich einen Gotischkurs und ein Seminar über
Neidhart von Reuntal mitgemacht. Der hat uns Geschichten von angeblichen Germanenkongressen über Lautentwicklung erzählt, hat
uns das Nibelungenlied vorgesungen und Neidharts Lieder in leicht
verjazzten Fassungen aufgenommen.
Wapnewski über den Schluss des Werks:
"Muschg verfährt
konsequenter. Er hebt die fragwürdige Ordensburg Munsalvaesche
einfach auf, das ganze Gebilde mit seiner dubiosen Sendung und seinen
blassen Sendlingen hat ausgedient. Der neue Gralskönig mit seiner
Königin Condwir Amurs will als echter Romantiker immer nach Hause,
will nichts als ein Zuhause. Und findet es auch. Findet es mit ihr
und beider Söhnen, dem Zwillingspaar Kardeiz und Loherangrin.
»Pst!« ist
das letzte hörbare Wort des Romans, wenn es denn hörbar ist. Da
schließt sich der Ring, denn »Pst!« war auch das erste. Und will
sagen, daß ein Rest ungesagt bleibt, vielleicht der entscheidende
Rest.
Und dazwischen
also das große Welttheater der Geschobenen und Schiebenden, Parzival
vor allem und sein brüderlicher Cousin und Kontrapunkt Gawan und die
verzückenden Frauen von Liaze und Condwir Amurs und Jeschute und
Cunneware und Antikonie und Bene bis zu der faszinierenden Femme
fatale Orgeluse.
Zu schweigen
von jener kindlichen Obilot, deren Ausstrahlung schon Wolfram die
bedenklichen Züge eines Nymphchens zuweist und die Muschg sanft
verstärkt, indem er ihr, sehen wir recht, den Beziehungszauber einer
Puppe japanischen Zuschnitts verleiht . . .
Ist es auch
eine Geschichte von, also über Adolf Muschg? Im Magazin der
Süddeutschen Zeitung hat Muschg sich merkwürdig enthüllend und
doch wieder verbergend die Rolle des Roten Ritters in seinem privaten
Leben angedeutet, vor allem die Liebe und die Ehe betreffend. Keine
Parallelen, eher raunende Orakelsprüche, mannigfacher Deutung
freigegeben. Demnach wuchs er in die Rüstung des Roten Ritters
hinein als in eine Verkleidung, so wurde eine »alte Fabel zur
verbesserungsfähigen Lesart meiner selbst«.
Ihren anmutigen
Gestus verliert die Dichtung über ihre tausend Seiten nicht, da
klingt die Sprache wie zu Prosa geronnene Lyrik, Muschg malt
Landschaft und Natur mit zartem Pinsel und in durchsichtigen
Aquarelltönen, daß es nur so eine Art hat, o Täler weit o Höhen.
Und kein banaler Augenblick und Zungenschlag in dem Riesenbuch - es
sei denn, er wolle banal sein. Die rechte Einstellung auf das Tableau
aber gibt die Perspektive der Ironie.
Denn man muß
dessen eingedenk sein, daß es sich hier durchweg um Geschehnisse
handelt, die, realistisch in zupackendem Ernst verstanden und
wiedergegeben, etwa den Wirklichkeitsgrad der Großen Oper hätten
und sich, distanzlos und ungebrochen angeboten, der Lächerlichkeit
preisgäben.
Die Nuancen
wechseln spielerisch wie die bunten Figurationen eines Kaleidoskops.
So wenn Muschg rollenspezifisch formuliert, also jeder Figur die nur
ihr eigene Sprache verleiht. Oder wenn er bewußt aus der jeweiligen
Stilebene herausbricht, die Szene verfremdet und in Frage stellt, sie
aufhebt in einem flapsigexotischen Wort wie »okeeh«, in einem
wortzeugenden Fremdkörper wie dem PC in des Burgfräuleins Kemenate.
Auch nach
getaner Lesearbeit bleibt nachwirkend die Impression einer
Daseinsfülle, die nicht von ungefähr an die Kunst des Films
erinnert - und ein Regisseur wie Rohmer müßte all dies inszenieren.
Es ist manches
von Don Quijote in diesen Rittern aus der Artus-Schule. Sie
versuchen, einen Traum zu leben. Das ist zu ihrer Zeit schon demode.
Hingegen ein Leben zu träumen, das läge wiederum auf der
Illusionsebene der Gralsburg. Wenn aber Muschgs Parzival so etwas wie
eine Lehre geben wollte (was er klüglich vermeiden wird, der fatalen
Folgen solchen Verfahrens aus mütterlichem und Erzieher-Mund
eingedenk), dann würde er wohl vorschlagen, ein Leben zu leben und
einen Traum zu träumen. Mit einem »Pst!« am Ende."
(DER SPIEGEL 17/1993 25.4.1993)