30 Dezember 2018

Fontanegedenken zu seinem 200. Geburtstag 2019

"Wie schlägt man nicht in deutschen Landen die Blätter wie die Fliegen tot
[...] "Von zween  Übeln" - steht geschrieben - "Erwähle stets das kleinste dir";
Und wäre mir die Wahl geblieben, Ich säße wahrlich auch nicht hier."
So schreibt Fontane 1844 in seinem Gedicht "An Arnold Ruge".
Der Wanderer, der Verfasser patriotischer preußischer Gedichte hatte Hoffnung auf Systemveränderung nicht erst im Alter. Ironischerweise zog er 1848 zum Theater, um sich dort ein Gewehr zu holen. 


Gedenkveranstaltungen: www.fontane-200.de
Veranstaltungen in Berlin: www.visitberlin.de/de/event/fontane200autor
Eine Fülle von Anregungen gibt es im Kulturradio von rbb:
https://www.kulturradio.de/programm/literatur/fontane/
(unter anderem eine Karte zu 100 Fontaneorten mit kurzen Erklärungen, dann 21 Kurzsendungen zu biographischen Orten Fontanes, z.B. zu Hankels Ablage und vieles andere mehr).
Fontanes Wanderungen: www.fontanes-wanderungen.de (vielfältige Texte von Robert Rath)
Fontanes Notizbücher: www.uni-goettingen.de/de/303691.html
die längsten einmaligen Wörter in Fontanes Romanen

Weitere Links zu Fontane:

Fontanearchiv
Fontanearchiv Bestände: http://www.fontanearchiv.de/bestaende/archiv.html 

Fontane-Dokumente sollen ins Internet kommen, heise 2.1.15

Werke: 
Informationen zu Werk und Leben:


23 Dezember 2018

Eduard Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag

"Von dem Kostüm der beiden Passagiere sei überdies so viel bemerkt. Mit Schonung für die neuen, im Koffer eingepackten Staatsgewänder war der Anzug des Gemahls bescheidentlich von Frau Konstanzen ausgewählt; zu der gestickten Weste von etwas verschossenem Blau sein gewohnter brauner Überrock mit einer Reihe großer und dergestalt fassonierter Knöpfe, daß eine Lage rötliches Rauschgold durch ihr sternartiges Gewebe schimmerte, schwarzseidene Beinkleider, Strümpfe und auf den Schuhen vergoldete Schnallen. Seit einer halben Stunde hat er wegen der für diesen Monat außerordentlichen Hitze sich des Rocks entledigt und sitzt, vergnüglich plaudernd, barhaupt, in Hemdärmeln da. Madame Mozart trägt ein bequemes Reisehabit, hellgrün und weiß gestreift; halb aufgebunden fällt der Überfluß ihrer schönen lichtbraunen Locken auf Schultern und Nacken herunter; sie waren zeit ihres Lebens noch niemals von Puder entstellt, während der starke, in einen Zopf gefaßte Haarwuchs ihres Gemahls für heute nur nachlässiger als gewöhnlich damit versehen ist. Man war eine sanft ansteigende Höhe zwischen fruchtbaren Feldern, welche hie und da die ausgedehnte Waldung unterbrachen, gemachsam hinauf und jetzt am Waldsaum angekommen. »Durch wieviel Wälder«, sagte Mozart, »sind wir nicht heute, gestern und ehegestern schon passiert! - Ich dachte nichts dabei, geschweige daß mir eingefallen wäre, den Fuß hineinzusetzen. Wir steigen einmal aus da, Herzenskind, und holen von den blauen Glocken, die dort so hübsch im Schatten stehn. Deine Tiere, Schwager, mögen ein bißchen verschnaufen.« Indem sie sich beide erhoben, kam ein kleines Unheil an den Tag, welches dem Meister einen Zank zuzog. Durch seine Achtlosigkeit war ein Flakon mit kostbarem Riechwasser aufgegangen und hatte seinen Inhalt unvermerkt in die Kleider und Polster ergossen. »Ich hätt es denken können«, klagte sie; »es duftete schon lang so stark. O weh, ein volles Fläschchen echte Rosée d'Aurore rein ausgeleert! Ich sparte sie wie Gold.« - »Ei, Närrchen«, gab er ihr zum Trost zurück, »begreife doch, auf solche Weise ganz allein war uns dein Götter-Riechschnaps etwas nütze. Erst saß man in einem Backofen, und all dein Gefächel half nichts, bald aber schien der ganze Wagen gleichsam ausgekühlt; du schriebst es den paar Tropfen zu, die ich mir auf den Jabot goß; wir waren neu belebt, und das Gespräch floß munter fort, statt daß wir sonst die Köpfe hätten hängen lassen wie die Hämmel auf des Fleischers Karren, und diese Wohltat wird uns auf dem ganzen Weg begleiten. Jetzt aber laß uns doch einmal zwei wienerische Nosn recht expreß hier in die grüne Wildnis stecken!« Sie stiegen Arm in Arm über den Graben an der Straße und sofort tiefer in die Tannendunkelheit hinein, die, sehr bald bis zur Finsternis verdichtet, nur hin und wieder von einem Streifen Sonne auf sammetnem Moosboden grell durchbrochen ward. [...]
»Und geht es nicht mit allem so? O pfui, ich darf nicht daran denken, was man verpaßt, verschiebt und hängen läßt! - von Pflichten gegen Gott und Menschen nicht zu reden - ich sage, von purem Genuß, von den kleinen unschuldigen Freuden, die einem jeden täglich vor den Füßen liegen.« Madame Mozart konnte oder wollte von der Richtung, die sein leichtbewegliches Gefühl hier mehr und mehr nahm, auf keine Weise ablenken, und leider konnte sie ihm nur von ganzem Herzen recht geben, indem er mit steigendem Eifer fortfuhr: »Ward ich denn je nur meiner Kinder ein volles Stündchen froh? Wie halb ist das bei mir und immer en passant! Die Buben einmal rittlings auf das Knie gesetzt, mich zwei Minuten mit ihnen durchs Zimmer gejagt, und damit basta, wieder abgeschüttelt! Es denkt mir nicht, daß wir uns auf dem Lande zusammen einen schönen Tag gemacht hätten, an Ostern oder Pfingsten, in einem Garten oder Wäldel, auf der Wiese, wir unter uns allein, bei Kinderscherz und Blumenspiel, um selber einmal wieder Kind zu werden. Allmittelst geht und rennt und saust das Leben hin - Herr Gott! bedenkt mans recht, es möcht einem der Angstschweiß ausbrechen!« Mit der soeben ausgesprochenen Selbstanklage war unerwartet ein sehr ernsthaftes Gespräch in aller Traulichkeit und Güte zwischen beiden eröffnet. Wir teilen dasselbe nicht ausführlich mit und werfen lieber einen allgemeinen Blick auf die Verhältnisse, die teils ausdrücklich und unmittelbar den Stoff, teils auch nur den bewußten Hintergrund der Unterredung ausmachten. Hier drängt sich uns voraus die schmerzliche Betrachtung auf, daß dieser feurige, für jeden Reiz der Welt und für das Höchste, was dem ahnenden Gemüt erreichbar ist, unglaublich empfängliche Mensch, soviel er auch in seiner kurzen Spanne Zeit erlebt, genossen und aus sich hervorgebracht, ein stetiges und rein befriedigtes Gefühl seiner selbst doch lebenslang entbehrte. Wer die Ursachen dieser Erscheinung nicht etwa tiefer suchen will, als sie vermutlich liegen, wird sie zunächst einfach in jenen, wie es scheint, unüberwindlich eingewohnten Schwächen finden, die wir so gern und nicht ganz ohne Grund mit alle dem, was an Mozart der Gegenstand unserer Bewunderung ist, in eine Art notwendiger Verbindung bringen. Des Mannes Bedürfnisse waren sehr vielfach, seine Neigung zumal für gesellige Freuden außerordentlich groß. Von den vornehmsten Häusern der Stadt als unvergleichliches Talent gewürdigt und gesucht, verschmähte er Einladungen zu Festen, Zirkeln und Partien selten oder nie. Dabei tat er der eigenen Gastfreundschaft innerhalb seiner näheren Kreise gleichfalls genug. [...]
Genießend oder schaffend kannte Mozart gleichwertig Maß und Ziel. Ein Teil der Nacht war stets der Komposition gewidmet. Morgens früh, oft lange noch im Bett, ward ausgearbeitet. Dann machte er von zehn Uhr an, zu Fuß oder im Wagen abgeholt, die Runde seiner Lektionen, die in der Regel noch einige Nachmittagsstunden wegnahmen. "Wir plagen uns wohl auch rechtschaffen", so schreibt er selber einmal einem Gönner, "und es hält öfter schwer, nicht die Geduld zu verlieren. Da halst man sich als wohlakkreditierter Cembalist und Musiklehrmeister ein Dutzend Schüler auf, und immer wieder einen neuen, unangesehn, was weiter an ihm ist, wenn er nur seinen Taler per marca bezahlt. Ein jeder ungrische Schnurrbart vom Geniekorps ist willkommen, den der Satan plagt, für nichts und wieder nichts Generalbaß und Kontrapunkt zu studieren: das übermütigste Komteßchen, das mich wie Meister Coquerel, den Haarkräusler, mit einem roten Kopf empfängt, wenn ich einmal nicht auf den Glockenschlag bei ihr anklopfe usw." [...]"
(Eduard Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag)

mehr zu der Novelle

21 Dezember 2018

Anfänge


"Jemand mußte K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet."

Der Prozess


"Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen."

Johnson: Mutmaßungen über Jakob


"Das Schauspiel dauerte sehr lange."

Wilhelm Meisters Lehrjahre


"Die Sonne war eben prächtig aufgegangen, da fuhr ein Schiff zwischen den grünen Bergen und Wäldern auf der Donau herunter."

Ahnung und Gegenwart


"Mein Vater war ein Kaufmann."

Der Nachsommer


"Im Norden der Grafschaft Ruppin, hart an der mecklenburgischen Grenze, zieht sich von dem Städtchen Gransee bis nach Rheinsberg hin (und noch darüber hinaus) eine mehrere Meilen lange Seeenkette durch eine menschenarme, nur hie und da mit ein paar alten Dörfern, sonst aber ausschließlich mit Förstereien, Glas- und Teeröfen besetzte Waldung."

Der Stechlin


"Eine blutrote, dampfende Flüssigkeit."

Heinrich Spoerl: Die Feuerzangenbowle


"Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt."

Der Untertan


"Wie froh bin ich, dass ich weg bin."

Die Leiden des jungen Werther


"Eduard - so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter ... "

Die Wahlverwandtschaften


"Eines Nachts, als der Sommer am tiefsten war, zog ich die Tür hinter mir zu und ging los, so geradeaus wie möglich nach Osten."

Wolfgang Büscher: Berlin - Moskau


"Wir vom Archiv nannten ihn Fonty; nein viele, die ihm über den Weg liefen, sagten: 'Na Fonty, wieder mal Post von Friedlaender?'"

Ein weites Feld


"An dem Schnittpunkte von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße, schräg gegenüber dem »Zoologischen«, befand sich in der Mitte der siebziger Jahre noch eine große, feldeinwärts sich erstreckende Gärtnerei, deren kleines, dreifenstriges, in einem Vorgärtchen um etwa hundert Schritte zurückgelegenes Wohnhaus, trotz aller Kleinheit und Zurückgezogenheit, von der vorübergehenden Straße her sehr wohl erkannt werden konnte."

Irrungen Wirrungen


"Die Ferien meiner Kindheit verbrachte ich bei den Großeltern in der Schweiz."

Bernhard Schlink: Die Heimkehr


"Erst einige Sekunden, nachdem Arthur Daane an der Buchhandlung vorbeigegangen war, merkte er, daß sich ein Wort in seinen Gedanken festgehakt hatte und dass er dieses Wort bereits in seine eigene Sprache übersetzt hatte, wodurch es sofort ungefährlicher klang als im Deutschen."

Cees Nooteboom: Allerseelen


"Man könnte sich die Sache natürlich sehr viel einfacher machen, und die Dinge, von denen hier die Rede sein soll, nach den uralten Regeln der Erzählkunst berichten."

Hans Erich Nossack: Die gestohlene Melodie


"Ihr kennt alle die wilde Schwermut, die uns bei der Erinnerung an Zeiten des Glücks ergreift."

Jünger: Auf den Marmorklippen


"Lieber Leser,
Voriges Jahr machte ich den Gang, den ich hier erzähle; und ich tue das, weil einige Männer von Beurteilung glaubten, es werde vielleicht vielen nicht unangenehm, und manchen sogar nützlich sein."

Seume: Spaziergang nach Syrakus

"Viele Jahre später sollte der Oberst Aureliano Buendia sich vor dem Erschießungskommando an jenen fernen Nachmittag erinnern, an dem sein Vater ihn mitnahm, um das Eis kennenzulernen. Macondo war damals ein Dorf von zwanzig Häusern aus Lehm und Bambus am Dorf eines Flusses mit kristallklare Wasser, das dahineilte durch ein Bett aus geschliffenen Steinen, weiß und riesig wie prähistorische Eier." 

G. Marquez: Hundert Jahre Einsamkeit


Sieh auch: Romanschlüsse

03 Dezember 2018

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Hongkong

Hongkong 
Poste restante

"Im Hof war Glas zersplittert. Alarmiert, aber träge, rekonstruierte das Ohr die Geschichte dazu - in einem Scharren am Boden versickert, aus einem Schrei herausgetreten, von einer Explosion erweckt. Bis in die Stille vor dem Sturz schweift das Ohr. [...]  (S.335)
Diese Hotelzimmer mögen vielfach signiert sein, doch eigentlich bezeugen sie die Abwesenheit von jedem und allem. Hier war niemand. Ihre Stühle sind nie belastet, die Decken nie ergriffen, die Bilder nie gesehen worden. Der Geschmack der Einrichtung ist niemandes Geschmack, und wenn man jemanden fragen würde, was er hinter seiner Zimmertür getan habe, so könnte er eigentlich nur beschreiben, in welcher Weise er dort abwesend gewesen ist. [...] (S.336)
In der Nacht schwoll mein Knie so weit an, dass ich am nächsten Tag das Zimmer nicht verlassen konnte und an den folgenden Tagen auch nicht. Ich rief keinen Arzt, der Zimmer-Service brachte mir eine Woche lang das Gewünschte, und einmal schaute tatsächlich Mister Fo vorbei, ein wahrer Freundschaftsdienst, denn sein Platz war die Halle, und zu sagen hatten wir uns nichts. Trotzdem hatte er mir in einem Laden mit dem Namen »Internationale Früchte« ein Pfund Pflaumen gekauft, von dem er selbst keinen Bissen essen wollte.
 Die meiste Zeit lernte ich Gedichte auswendig oder blickte an die Decke, wo mich vor allem die aus Mattglas gefertigte Linse der Lampe beschäftigte, hatte sie doch an einer Stelle nicht weit vom Rand einen etwa zehn Zentimeter langen hellen Schatten, den ich mir nicht erklären konnte.
 Reisen, so kam es mir in diesem Moment vor, das war wie die Projektion der Heimat auf die fremde Tapete. Dort findet man das Haus, das man verlässt und auslöscht, fühlt die Verankerung, die man vergessen machen wollte. Man stürzt die Regale um, man reißt die Vorhänge herunter, aber es hilft nichts. In der Fremde baut sich das Zuhause immer theatralischer auf: Verlass mich, sagt es, zerstör mich! Finde etwas, das nicht das Alte, Vertraute ist! Und dann liegt man in einem Hotelzimmer in Hongkong und fühlt, dass man sein Zuhause noch gar nicht verlassen hat, sondern alles ins Kinderzimmer verwandelt, und schließlich findet sich auf der Speisekarte des Etagenkellners die Bezeichnung »Winterliche Salate«, und man bricht in Tränen aus.
 Als ich nach einer Woche Bettlägrigkeit wieder ein wenig Balance auf meinen Beinen gewonnen hatte, stellte ich einen Stuhl in mein Matratzenlager und examinierte die Lampenschale. Sie hing so lose an der Decke, dass durch den schmalen Spalt auf der rechten Seite ein Tier eindringen und verenden konnte. Ich schaltete das Licht an, der Schatten verdunkelte sich scheinbar, aber nur wie ein welkes Laubblatt auf einer Martinslaterne. Also schraubte ich die gesamte Schale von der Decke und sah hinein.
 Was ehemals ein Gecko gewesen war, hatte sich unter dem Einfluss der Hitze, der Lichtstrahlen, der Luft, in eine Rispe verwandelt, eine bloße Gecko-Struktur, ein Gliedermännchen aus Gecko-Knochen, haarfein in den Spitzen, aber so sorgsam organisiert wie das lebende Tier. Die Atmosphäre hatte jeden Tag etwas Fleisch davongetragen und der Luft mitgegeben. Jetzt war nichts übrig als der von der Zeit gereinigte Knochenbau eines am falschen Platz irrgelaufenen und dort verendeten Reptils.

War das »mein Hongkong«? Wo war ich wirklich, und was blieb? Während die Stadt aus der Perspektive meines Krankenbetts zu einer diffusen Impulsmasse zergangen war, behaupteten nur das leere Postfach und das tote Gecko Präsenz, und vielleicht waren sie ja eigentlich verwandt. Das Ende der Welt, wurde mir gerade bewusst, das ist auch das eigene Zuhause, von einem bestimmten Standpunkt der Fremde aus betrachtet, und weil es so ist, sind diese entlegenen Stätten, die Enden, keine Tore, durch die man aus der Welt hinausgelangt. Aber manch mal sieht es wenigstens so aus, dachte ich, und reiste am nächsten Tag ab, ohne noch einmal im Postamt gewesen zu sein."

(Roger Willemsen: Die Enden der Welt, Hongkong, S.356-359)

Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Gorée

Gorée
Die Tür ohne Wiederkehr 
 "Die Insel der Seligen ist unterkellert. Man weiß es, doch sieht man es nicht, wenn man mit einem kleinen Boot im Hafen von Dakar ablegt und auf diesen bloß drei Kilometer entfernten Festungsfelsen zufährt, die schreckliche Idylle, die zuerst bloß »Ber« hieß, später »IIa de Palma«. Die britischen Besatzer tauften sie »Cape Coast Castle«, und erst die Franzosen nannten sie schließlich Goree, den »guten Hafen« oder auch »Goree, die Glückliche«, aber das war schon zu der Zeit, als die Schiffe mit den aneinandergeketteten Sklaven über den Atlantik kamen und sich kaum jemand glücklich schätzte, Goree zu erreichen. [...]"
Weitgehend ist dies Kapitel ein Bericht über die Geschichte und die Folgen des Sklavenhandels. Doch dann wird die Darstellung persönlicher:
Allein auf der Veranda des Hotels sitzend, mit Blick auf die Straße, kann ich Grundformen des hiesigen Lebens beobachten: Die Menschen hier organisieren sich in Mikrostrukturen, persönlichen. Sie konsumieren nicht zentralisiert, sondern gehen von Laden zu Laden, sie glauben nicht zentralisiert, sondern gehen aus der Kirche zum Wahrsager zum Totem-Händler. Sie schaffen sich vertikale Systeme: die Bauern beschäftigen Bauern, die Kindermädchen haben selbst Kindermädchen ...
Die Abordnung der die Blinden führenden Jungen erscheint vor der Veranda. Es folgen die Fußballspieler aus dem Hurenviertel. Die Streichholzverkäufer lassen fragen: »Haben Sie nicht immer nach uns Ausschau gehalten? Da sind wir! Ein cadeau, bitte, ein cadeau!«
Der Hotelier scheucht sie alle mit dem Staubwedel weg. »Pardon, Monsieur«, und dann sagt er wirklich: »Es sind eben die Nachfahren von Sklaven.«
Das möge so sein, sage ich. Doch nirgends habe mich die Erinnerung an die Sklaverei so leibhaftig erfasst und erschüttert wie in Goree, im Zentrum des afrikanischen Menschenhandels. Und es stimmte ja: Wir waren ganz still geworden im Sklavenhaus zwischen anderen, die da standen, überwältigt von dem Unrecht, dem Martyrium, der schrecklichen Reise ...
Der Hotelier lächelt ironisch, wird aber gleich darauf nüchtern wie ein Akademiker:
»Ecoutez, ich will Sie nicht enttäuschen, und was Sie empfunden haben, haben Sie empfunden. Auch können wir es nicht ändern, aber amerikanische und französische Forscher haben die These aufgestellt, dass Goree im Sklavenhandel gar keine gewichtige Rolle gespielt hat.«
»Man spricht von Millionen verschiffter Sklaven, vom >Dachau Schwarzafrikas<!«
»Hier wurden diese Forscher auch öffentlich als >Holo caust-Leugner< bezeichnet, aber in der Tat waren ihre Thesen recht gut fundiert. Zwischen 1700 und 1850 wurden nur etwas mehr als 427 000 Sklaven über Goree verschifft.«
»Was heißt das?« »Das heißt, wir reden von nicht einmal fünf Prozent! Goree hatte also anders als Saint-Louis, wenn ich mal so sagen darf, eine relativ geringe Bedeutung als >Angebotsregion<.«
Ich hätte sagen können, dass dies eine obszöne Statistik sei, hätte die gängigen Stereotype aus dem Stehsatz ziehen können: dass Zahlen nichts über Menschen, ihre Erfahrung, ihre Leiden aussagen, ich hätte auseinander gerissene Familien und Verschleppungen ins Feld führen, hätte das Wort »Individualschicksale« unterbringen, hätte fragen können, was es ihm denn bedeute, die Hauptstadt der Sklavenverschleppung zu bewohnen. Ich hätte mich selbst fragen können, warum ich in Goree den Spuren des Gedenkens gefolgt war und in Saint-Louis, wo es keine Inszenierung gab, nicht. Ich hätte überlegen können, ob die Idylle des Weltkulturerbes mein Gedenken verkitschte, während die glanzlose Präsenz afrikanischen Elends in Saint-Louis mich zum Gedenken eben gar nicht erst einlud.

Aber ich nickte ihm bloß zum Abschied zu, belehrt und blamiert, erhob mich aus dem Bambussessel und schlenderte zurück ins Innere des Hotels, im Vorbeigehen angezogen von einer kleinen gerahmten Fotografie auf der geblümten Tapete. Zuerst erkannte ich Philippe Noiret, dann Stephane Audran, dann die anderen. Dies war mein Dejà-vu: An diesem Ort hatte Bertrand Tavernier 1980 seinen Film »Der Saustall« gedreht. Auch das noch. Die erste Haltestelle der Erinnerung ist nicht die Geschichte, sondern das Kino. Ich stand noch vor dem Foto, da trat Greta in die Halle und rief:
»Du glaubst nicht, was ich geträumt habe! Also -«
(Roger Willemsen: Die Enden der Welt - Gorée, S.308- 334)