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28 April 2020

Euripides: Iphigenie in Aulis (Schluss)

Der Schluss des Dramas (ohne den später verfassten Botenbericht von der Opferung) in Schillers Übersetzung (nach Wikisource)


Iphigenie
(tritt zurück.)
 Nein! Keine Thränen mehr!
(sie redet den Chor an, mit dem sie gekommen ist.)
1825
Ihr Jungfraun, stimmt der Tochter Jupiters
ein hohes Loblied an aus meinem Leiden,
zum frohen Zeichen für ganz Griechenland!
Das Opfer fange an – Wo sind die Körbe?
Die Flamme lodre um den Opferkuchen!
1830
Mein Vater fasse den Altar! Ich gehe,
Heil und Triumph zu bringen den Achivern!
Kommt! Führt mich hin! Der Phrygier und Trojer
furchtbare Ueberwinderinn! Gebt Kronen,
gebt Blumen, diese Locken zu bekränzen!
1835
Erhebt den Tanz um den besprengten Tempel,
um den Altar der Königinn Diana,
der Göttlichen! der Seligen! Denn, nun
es einmal seyn muß, will ich das Orakel
mit meinem Blut und Opfertode tilgen.
[53]
Chor.
(wendet sich gegen Clytemnestra, die in stumme Traurigkeit versenkt steht.)
1840
Bald, bald, ehrwürd’ge Mutter, weinen wir mit dir,
die heil’ge Handlung duldet keine Thränen.

Iphigenie.
Helft mir Dianen preisen, Jungfrauen,
die, Chalcis nahe Nachbarinn, in Aulis
gebiethet, wo die Flotte Griechenlands
1845
im engen Hafen meinetwegen weilet!
O Argos! Mütterliches Land! Und du,
der frühen Kindheit Pflegerinn, Mycene!

Chor.
Die Stadt des Perseus rufst du an, von den
Cyclopen für die Ewigkeit gegründet!

Iphigenie.
1850
Ein schöner Stern gieng den Achivern auf
in deinem Schooß – Doch nein. Ich will ja freudig sterben.

Chor.
Im Ruhm wirst du unsterblich bei uns leben.
[54]
Iphigenie.
O Fackel Jovis! Schöner Strahl des Tages!
Ein ander Leben thut sich mir jezt auf,
1855
zu einem andern Schicksal scheid’ ich über.
Geliebte Sonne, fahre wohl[10].

Wikipediaartikel zum Stück Link zu allen Artikeln zum Stück in diesem Blog

02 Oktober 2017

Euripides: Iphigenie in Aulis (Iphigenie)

Achilles berichtet, dass das gesamte Griechenheer die Opferung Iphigenies fordert:
ACHILLEUS.
Schrein und Toben herrscht im Lager –
KLYTAIMESTRA.
Und worüber? Sag es an!
ACHILLEUS.
Wegen deiner Tochter.
KLYTAIMESTRA.
Oh, Weissagung schlimmer Meldungen!
ACHILLEUS.
Daß der Jungfrau Opfrung nötig sei.
KLYTAIMESTRA.
Und niemand widerspricht?
ACHILLEUS.
Selbst versucht ich's, und der Aufruhr drohte mir –
KLYTAIMESTRA.
Was? Edler Freund![901]
ACHILLEUS.
Mich mit Steinen totzuwerfen!
KLYTAIMESTRA.
Für das Leben meines Kinds?
ACHILLEUS.
Eben dies!
KLYTAIMESTRA.
Und wer vermaß sich, anzutasten deinen Leib?
ACHILLEUS.
Alle Griechen.
KLYTAIMESTRA.
Standen dir nicht deine Myrmidonen bei?
ACHILLEUS.
Ihre Empörung war die erste.
KLYTAIMESTRA.
Weh, wir sind verloren, Kind!
ACHILLEUS.
Nannten mich den brautbetörten Freier.
KLYTAIMESTRA.
Und was sagtest du?
ACHILLEUS.
Daß ich nicht die mir Verlobte morden lasse.
KLYTAIMESTRA.
Ganz gerecht!
ACHILLEUS.
Die der Vater zugesagt hat –
KLYTAIMESTRA.
Und von Argos hergesandt!
ACHILLEUS.
Doch der Aufruhr überschrie mich.
KLYTAIMESTRA.
Pöbels Wut ist fürchterlich!
ACHILLEUS.
Dennoch schütz ich dich.
KLYTAIMESTRA.
Und kämpfest einer gegen Hunderte?
ACHILLEUS.
Siehst du diese hier im Harnisch?
KLYTAIMESTRA.
Werde dir der Tugend Lohn!
ACHILLEUS.
Ja, das hoff ich.
KLYTAIMESTRA.
Und mein Kind stirbt also nicht am Opferherd?
ACHILLEUS.
Nicht, solang ich's wehren kann.
KLYTAIMESTRA.
Hand anzulegen kommt man her?
ACHILLEUS.
Tausend, und voran Odysseus.
KLYTAIMESTRA.
Wohl der Sproß des Sisyphos?
ACHILLEUS.
Eben der.
KLYTAIMESTRA.
Aus eignem Antrieb, oder hergesandt vom Heer?
ACHILLEUS.
Willig und erwählt!
KLYTAIMESTRA.
Zum Blutvergießen! Welche schnöde Wahl!
ACHILLEUS.
Doch ich werd ihn hemmen!
KLYTAIMESTRA.
Also schleppen will man sie mit Zwang?
ACHILLEUS.
Ganz gewiß, an ihren Locken!
KLYTAIMESTRA.
Und was muß ich tun dabei?
ACHILLEUS.
Häng dich an die Tochter!
KLYTAIMESTRA.
So fest, daß sie nie mir sterben soll!
ACHILLEUS.
Doch du wirst das gleiche wohl erreichen –
IPHIGENIE.
Mutter, höre mich,
Höret meine Wort: ich seh dich deinem Gatten ohne Grund
Aufgebracht sein, und erzwingen läßt sich nichts Unmögliches.
Dieses Freundes edler Eifer zwar ist alles Lobes wert,
Doch auch du mußt dies verhüten, daß das Heer ihn nicht verkenn
Und wir doch nichts weiter wirken, während er es büßen muß.
Nun vernimm, was Überlegung mir in meine Seele gab:
Sieh, ich bin zu sterben willens; aber dieses eben soll
Schön und rühmlich, mit Verbannung niedrer Sinnesart, geschehn.
Komm und prüf, o Mutter, mit mir, wie mein Ratschluß richtig sei!
Sieh, das ganze große Hellas richtet seine Blick auf mich;
Denn die Überfahrt der Flotte ruht auf mir und Trojas Sturz,
Und daß künftig keine Frauen aus dem seligen Hellas mehr
Werden weggeführt, wenn diese Leides tun den Welschen dort
Und den Raub Helenens strafen mit des Landes Untergang.
Allem diesem bring ich sterbend Schutz und Heil, und herrlich wird
So mein Tod sein; denn ich heiße Griechenlands Befreierin.
Ja, auch ich darf nicht am Leben hängen, Mutter, gar zu fest;
Dir allein gehör ich nicht an, sondern auch dem Vaterland.
Wo so viele tausend Männer, angetan mit Stahl und Erz,
Viele tausend Ruderschwinger sind bereit, des Vaterlands
Schmach zu rächen an den Feinden und zu sterben für sein Wohl,
Dürfte da mein einzig Leben allem dem im Wege stehn?
Sag, was läßt sich dem entgegnen? Welcher irgend billige Grund?
Laß mich dann auf jenes kommen: dieser Mann soll nicht in Kampf
Mit dem Griechenvolk geraten, nicht sich opfern für ein Weib.
Mehr denn tausend Frauenleben wiegt das Leben eines Manns.
Und wenn Artemis doch einmal meinen Leib zum Opfern will,
Werde ich, ein sterblich Wesen, hindern, was die Göttin will?
Nein, umsonst! Ich gebe willig meinen Leib für Hellas hin:
Opfert mich, verwüstet Troja! Ewiges Angedenken bleibt
Dieses mir: dies gilt für Gatten, Kinder mir und Ehrenkranz.
Daß die Griechen über Welsche herrschen, ziemt sich, aber nicht
Welsche über Griechen: sie sind Sklaven, aber jene frei.
CHOR.
Dein Handeln, Jungfrau, zwar ist groß und heldenhaft,
Allein das Schicksal und die Göttin ungerecht.[903]
ACHILLEUS.
O Kind Agamemnons, selig machen wollte mich
Ein gnädiger Gott wohl im Besitze deiner Hand.
Um dich beneid ich Hellas, und um Hellas dich.
Denn deine Rede ist herrlich, wert des Vaterlands,
Denn auf das Ringen mit des Schicksals stärkrer Macht
Verzichtend, fühlst du, was die Pflicht heischt und die Not.
IPHIGENIE.
Ohn andre Rücksicht gegen jeden sag ich das.
Daß Tyndars Tochter zwischen Männern Kampf und Mord
Um ihren Leib verschuldet, ist genug – um mich
Sollst du, mein Freund, nicht sterben, keinen töten auch;
Und laß mich Hellas retten, wenn's mir möglich ist.
ACHILLEUS.
O hohe Seele! Gegen dieses läßt sich nichts
Erwidern, weil es dir genehm ist. Ja, du denkst
Erhaben! Sollt ich nicht die Wahrheit eingestehn?
Doch wär es möglich, daß dich dein Entschluß gereut.
Drum daß du, wie ich's meine, durch die Tat erfährst,
So werd ich, diese Kriegerschar beim Opferherd
Aufstellend, deiner Erscheinung dort gewärtig sein.

Ab mit den Kriegern.

IPHIGENIE.
O Mutter, stille Tränen feuchten deinen Blick?
KLYTAIMESTRA.
Und hab ich nicht zum Weinen Grund, ich armes Weib?
IPHIGENIE.
Erweiche mich nicht, auch gewähr mir dieses noch –
KLYTAIMESTRA.
Sprich nur, mein Kind: nichts, wie's auch sie, versag ich dir.
IPHIGENIE.
Du sollst vom Haupt dir keine Locken schneiden und
Auch keine Trauerkleider legen um den Leib.
KLYTAIMESTRA.
Wieso, mein Kind? Ich werde deiner doch beraubt!
IPHIGENIE.
Das wirst du nicht: ich lebe dir zu hohem Ruhm.
KLYTAIMESTRA.
Wie meinst du? Um dein Leben muß ich trauern doch?
IPHIGENIE.
Mitnichten! Kein Grabhügel türmt sich über mir.
KLYTAIMESTRA.
Wie? wenn du doch verscheidest? Ziemt Bestattung nicht?
IPHIGENIE.
Der Göttin Herd, der Zeusenstochter, ist mein Grab.
KLYTAIMESTRA.
Ja, Kind, ich will dir folgen, weil du richtig sprichst.
IPHIGENIE.
Ich sterb als Siegerin und Wohltäterin Griechenlands.
KLYTAIMESTRA.
Was soll ich deinen Schwestern von dir melden, Kind?
IPHIGENIE.
Auch ihnen lege keine schwarzen Kleider an.
KLYTAIMESTRA.
Und sag ich ihnen nicht von dir ein holdes Wort?[904]
IPHIGENIE.
Ein Lebewohl! Oresten da erzieh zum Mann.
KLYTAIMESTRA.
Küß ihn noch einmal, denn du siehst ihn nimmermehr.
IPHIGENIE.
Du liebes Herz, du hast mich redlich unterstützt.
KLYTAIMESTRA.
Vermag ich dir in Argos was zulieb zu tun?
IPHIGENIE.
Nicht grollen sollst du meinem Vater, deinem Mann.
KLYTAIMESTRA.
Er soll um dich mir manchen harten Kampf bestehn.
IPHIGENIE.
Er bringt mich ungern Griechenland zum Opfer dar.
KLYTAIMESTRA.
Doch hinterlistig, feige! Atreus schämt sich sein!
IPHIGENIE.
Wer führt mich hin, eh man mich bei den Locken faßt?
KLYTAIMESTRA.
Ich gehe mit –
IPHIGENIE.
O nein, das ist nicht wohlgetan!
KLYTAIMESTRA.
An dein Gewand mich hängend.
IPHIGENIE.
Mutter, folge mir
Und bleibe: schöner steht es so uns beiden an;
Und einer von des Vaters Dienern leite mich
Zur Aue hin der Göttin, wo das Opfer fällt.
KLYTAIMESTRA.
Du gehst, mein Kind?
IPHIGENIE.
Ich gehe ohne Wiederkehr!
KLYTAIMESTRA.
Fort von der Mutter?
IPHIGENIE.
Wie du siehst, so unverdient!
KLYTAIMESTRA.
Verlaß mich nicht! Ob, bleibe!
IPHIGENIE.
Weinen sollst du nicht!
Ihr aber, Jungfraun, stimmet an ein Jubellied
Bei meinem Untergange! »Singet Artemis,
Zeus' Tochter!« schalle Segensruf im Danaerheer!
Herbei die Opferkörbe, laßt die Flamme glühn
Vom Sühnungsguß des Grieses! Und mein Vater soll
Rechtshin den Herd umwandeln! Denn Triumph und Heil
Dem Vaterland und Ruhm zu bringen, zieh ich hin!

So führt mich hin, mich, der Burg, Trojas Überwinderin!
Bringt Binden her – hier ist die Locke! –, bringt den Kranz
Und die Weihungssprengen!
Schlingt Reigen um den Altar,
Tanzt der Fürstin Artemis, der selgen!
Perlentau von Vaters Hand
Und heilige Sprenge harrt mein,[905]
Daß mein Blut, mein Opfertod, weil es sein
Muß, den Schicksalsbeschluß entrolle!


Als deutlich wird, dass das gesamte Griechenheer von Agememnon fordert, er solle Iphigenie opfern, damit sie guten Wind für die Fahrt nach Troja bekommen, ringt sich Iphigenie zu einer neuen Haltung durch. Sie rät Klytämestra und Achilles, dem Heer keinen Widerstand zu leisten, und sagt:

"Mutter, höre mich,
Höret meine Wort: ich seh dich deinem Gatten ohne Grund
Aufgebracht sein, und erzwingen läßt sich nichts Unmögliches.
Dieses Freundes edler Eifer zwar ist alles Lobes wert,
Doch auch du mußt dies verhüten, daß das Heer ihn nicht verkenn
Und wir doch nichts weiter wirken, während er es büßen muß.
Nun vernimm, was Überlegung mir in meine Seele gab:
Sieh, ich bin zu sterben willens; aber dieses eben soll
Schön und rühmlich, mit Verbannung niedrer Sinnesart, geschehn.
Komm und prüf, o Mutter, mit mir, wie mein Ratschluß richtig sei!
Sieh, das ganze große Hellas richtet seine Blick auf mich;
Denn die Überfahrt der Flotte ruht auf mir und Trojas Sturz,
Und daß künftig keine Frauen aus dem seligen Hellas mehr
Werden weggeführt, wenn diese Leides tun den Welschen dort
Und den Raub Helenens strafen mit des Landes Untergang.
Allem diesem bring ich sterbend Schutz und Heil, und herrlich wird
So mein Tod sein; denn ich heiße Griechenlands Befreierin.
Ja, auch ich darf nicht am Leben hängen, Mutter, gar zu fest;
Dir allein gehör ich nicht an, sondern auch dem Vaterland.
Wo so viele tausend Männer, angetan mit Stahl und Erz,
Viele tausend Ruderschwinger sind bereit, des Vaterlands
Schmach zu rächen an den Feinden und zu sterben für sein Wohl,
Dürfte da mein einzig Leben allem dem im Wege stehn?"
[...]
IPHIGENIE.
Weinen sollst du nicht!
Ihr aber, Jungfraun, stimmet an ein Jubellied
Bei meinem Untergange! »Singet Artemis,
Zeus' Tochter!« schalle Segensruf im Danaerheer!
Herbei die Opferkörbe, laßt die Flamme glühn
Vom Sühnungsguß des Grieses! Und mein Vater soll
Rechtshin den Herd umwandeln! Denn Triumph und Heil
Dem Vaterland und Ruhm zu bringen, zieh ich hin!

So führt mich hin, mich, der Burg, Trojas Überwinderin!
Bringt Binden her – hier ist die Locke! –, bringt den Kranz
Und die Weihungssprengen!
Schlingt Reigen um den Altar,
Tanzt der Fürstin Artemis, der selgen!
Perlentau von Vaters Hand
Und heilige Sprenge harrt mein,
Daß mein Blut, mein Opfertod, weil es sein
Muß, den Schicksalsbeschluß entrolle!
[...]

Der echte Schluß des Dramas ist verloren. In unseren Handschriften folgt ein Botenbericht, der mindestens größtenteils Ergänzung ist. Durch ein antikes Zitat ist gesichert – was ohnehin von der Anlage des Stücks gefordert wird –, daß Artemis erschien und die Rettung Iphigenies ankündigte. Aus ihrer Rede, in der sie zweifellos auch begründete, warum sie gerade Agamemnons Tochter als Opfer verlangt habe, werden folgende Verse angeführt.

(ARTEMIS.)
Und einen hochgehörnten Hirsch den Griechen will
Ich in die Hände spielen, welchen schlachtend, sie
Dein Kind zu schlachten träumen ..."



Offensichtlich gibt es Gemeinsamkeiten von dieser Forderung eines Kindesopfers zu der Forderung an Abraham, seinen Sohn Isaak zu opfern, bis hin zu dem Opfertier, das der Gott im letzten Augenblick als Ersatz für das Kind zur Verfügung stellt.

Wie weit Schiller in seiner Darstellung der bewussten Annahme des Todesurteils durch Maria Stuart von Euripides beeinflusst war, möchte ich nicht bestimmen. Sicher ist, dass er dessen Iphigenie bereits 12 Jahre vor Abfassung seiner Maria Stuart übersetzt hat.

Hier das Link zum Schluss des Dramas in Schillers Übersetzung.

27 September 2017

Euripides: Iphigenie in Aulis (Klytämestra, Achilles, Iphigenie, Agamemnon)

Klytämestra hat Agamemnons zweiten Brief nicht erhalten und trifft mit Iphigenie und Orest im Heerlager der Griechen ein. Dort erfährt sie, dass Agamemnon Iphigenie opfern will. Sie teilt das Achilles mit. Der verspricht ihr zu helfen. 

Klytämestra: Und gibt's im Himmel Götter, mußt du, edler Mann,
              Lohn ernten – gibt es keine, was bemühn wir uns?

Obwohl immer wieder von der göttlichen Herkunft der adligen Helden gesprochen wird, zweifelt Klytämestra bei Euripides also an der Existenz der Götter, verwendet aber eine verkürzte Form der Pascalschen Wette, zur Rechtfertigung ihres Glaubens. Sie erhebt schwere Vorwürfe gegen Agamemnon.


KLYTAIMESTRA.
Nun denn, so höre: offen will ich reden und
Nicht, wie zum Vorspiel, mehr in Rätseln sprechen hier.
Fürs erste – um von diesem Vorwurf auszugehn –:
Du nahmst zur Frau mich wider Willen mit Gewalt,
Nachdem du Tantal, meinen ersten Mann, in Fehd
Erschlagen, mein Kind von der Brust mir mit Gewalt
Gerissen hattest und zur Beute hingetan.
Und Zeusens Zwillingssöhne, meine Brüder, zwar,
Zu Rosse blinkend, überzogen dich mit Krieg,
Allein mein alter Vater Tyndar schirmte dich,
Den Flehnden, und verlieh dir wieder meine Hand.
Mit dir versöhnt dann, wirst du selbst bezeugen, wie
Ich dir ein tadelloses Weib im Hause war,
In keuscher Treue sittsam, daß der Segen wuchs
In deiner Wohnung und du wiederkehrend stets
Froh und zufrieden, wenn du ausgingst, glücklich warst. [...]
Du opferst sie! Was sprichst du für Gebet' dabei?
Wie willst du Segen dir erflehn beim Kindesmord?
Und ziemt es mir, um Segen wohl für dich zu flehn?
Oh, dann für sinnlos hielt ich wohl die Götter, wenn
Ich dem gewogen wäre, der die Meinen schlug!
Und willst du deine Kinder herzen, heimgekehrt?
Du hast das Recht verscherzet! Keines blickt dich an,
Nachdem du ihrer eines hin zur Schlachtung gabst.
Sprich, hast du dieses schon erwogen? [...]

IPHIGENIE
Und statt des Ölzweigs leg ich flehend meinen Leib,
Den hier die Mutter dir geboren, dir ans Knie:
Vernichte meine Blüte nicht! Dies Licht zu schaun
Ist süß! Oh, stoß mich nicht hinab ins finstre Reich!
Ich war die erste, die dich Vater nannte, die
Du Tochter nanntest, die, gewiegt auf deinem Knie,
Liebkosung, holde, gab und hold entgegennahm.
Da sprachst du manchmal: »Werd ich dich, mein Kind, dereinst
In einem reichbeglückten Hause glücklich sehn,
Gesund und blühend, wie es meiner würdig ist?«
Und ich dagegen, deinen Wangen angeschmiegt,
Denselben, die jetzt bittend meine Hand berührt:
»Und ich, mein Vater, wenn du alt bist, werd ich dich
Mit holdem Willkomm grüßen unter meinem Dach,
Mit Pfleg und Wartung dir die Mühn vergelten wohl?«
Und diese Rede lebt in meinem Herzen noch –
Du hast sie nun vergessen, töten willst du mich!
[...]
      Was geht mich Alexanders Liebschaft an und was
Helena? Wie geriet sie mir zum Untergang?
Oh, blick mich an! Oh, gönn mir Kuß und Auge doch
Und laß mich dies zum Angedenken wenigstens
Mitnehmen, wenn dich meine Rede nicht erweicht!
O Bruder, zwar ein schwacher Beistand bist du mir,
Doch hilf mir gleichwohl weinen, flehn zum Vater hier:[898]
Er soll die Schwester nicht ermorden. Mitgefühl
Für Leiden haben selbst ja zarte Kinder auch!
Sieh her, mein Vater, schweigend fleht das Kind dich an.
O hege Scheu! O fühl Erbarmen! Schone mein!
Zwei Kinder flehn an deinen Wangen! Ja! du mußt,
Und alle Gründe faßt das eine siegend Wort:
Dies Licht zu schaun ist Menschen süß, das Süßeste!
Jenseits ist nichts! Ein Tor ist, wer den Tod begehrt!
Ein elend Dasein besser als ein schöner Tod!
CHOR.
O arges Weib, Helena, du und deine Lieb,
Ihr schafft den Atreuskindern diese große Not!
AGAMEMNON.
Ich hab ein Herz und fühle wohl, was rührend ist,
Und liebe meine Kinder; sinnlos wär ich sonst!
Entsetzlich ist es, wenn die Tat geschieht, o Frau,
Entsetzlich, wenn ich's weigere – doch sie muß geschehn.
Seht diesen Wall von Schiffen, dieses Kriegerheer,
In Erz und Harnisch diese Griechenfürsten-Schar,
Für die es keine Fahrt zu Ilions Mauern gibt
Und keine Eroberung jener stolzen Felsenburg,
Wofern ich nicht dich opfere, wie der Seher spricht.
Ein toller Eifer hat das Griechenheer gepackt,
In Eile hinzusteuern nach der welschen Stadt,
Einhalt zu tun den Räuberein an Griechenfraun.
Ihr Grimm ermordet in Myken die Mädchen mir
Und mich und euch, erfüll ich nicht den Seherspruch.
Nicht Menelas ist's, der mich knechtet, liebes Kind,
Nicht seinem Willen frön ich, hab ich mich gefügt:
Nein, Hellas ist es, dem ich, wollend oder nicht,
Dich opfern muß; denn wider dieses sind wir nichts.
Frei muß, mein Kind, soviel an dir liegt und an mir,
Das Vaterland sein, nicht den Welschen untertan,
Und Griechenfrauen nicht der Welschen Beute sein!
[...]

26 September 2017

Euripides: Iphigenie in Aulis (Agamemnon und Menelaos)

AGAMEMNON mit einem Brief in der Hand.
Der Thestios-Tochter Leda blühten Mädchen drei:
Phoibe und meine Gattin Klytaimestra und
Helena, um welche werbend Griechensöhne viel
Erschienen, die mit Gut und Macht gesegnetsten.
Und heftige Drohung schwur man, Mord um Mord, sich zu,
Wenn man der Braut verlustig würde, gegenseits.
Das setzt' den Vater Tyndar in Verlegenheit:
Ob geben, ob nicht geben? Wie das Glück sodann
Anfassen und nicht brechen? Ihm fiel dieses bei:
Die Freier müssen gegenseits sich binden durch
Eidschwur und Handschlag und in heilge Opferglut
Weihspenden gießen und geloben feierlich,
Man wolle, wessen Braut die Tyndarstochter wird,
Dem Hilfe leisten, wenn ein andrer ihm vom Haus
Die Braut entführ und ihn verdräng aus ihrem Bett,
Mit Krieg ihn überziehen, schleifen seine Stadt,
Sei's Grieche oder welscher Mann, durch Waffenmacht.
Nachdem der Schwur gegeben ist und Tyndaros,
Der Greis, sie überschlichen hat mit schlauem Sinn,
Läßt seinem Kind er freie Wahl der Werberschar,
Zu wem sie hinzög Aphroditens holder Hauch:
Und sie erkor – o wär er niemals ihr genaht! –
Den Menelas. Da kam der Obmann – wie die Sag
In der Welt besteht – des Götterstreits aus Phrygien her
Nach Lakedaimon, bunt in blumiger Kleiderpracht,
Von Golde strahlend, voller welscher Üppigkeit,
Und führte, liebend und geliebt, Helenen fort
Im Raub zu Idas Rindertriften! Menelas
War eben auswärts. Dieser rast' sehnsüchtig dann
Umher in Hellas, mahnend an den alten Schwur
Bei Tyndar, daß dem Beraubten Hilfe werden muß.
Und jetzo stürzt das Griechenvolk zum Kriegessturm,[865]
Die Rüstung nehmend, kommt zur Reede am engen Paß
Von Aulis her, mit Schiffen, Schilden allzumal,
Mit Rossen, Waffen, Wagen ausgerüstet; und
Zum Heeresfeldherrn wählt man mich, dem Menelas
Zulieb, als Bruder. Wäre dieser Stab doch nur
In eines andern Hand gefallen, meine nicht!
Und nun das Heer versammelt und geordnet ist,
So liegt man, Fahrwind missend, hier in Aulis still.
Und da wir ratlos waren, sprach des Sehers Mund
Kalchas: Die Göttin, welche hier thront, Artemis,
Heische Iphigeniens Schlachtung, meines eignen Kinds;
Und Fahrt und Schleifung Trojas würd uns dann zuteil
Nach diesem Opfer; ohne solches nimmermehr!
Ich, als ich dies vernommen, wollte lauten Rufs
Das ganze Heer abdanken durch Talthybios,
Indem mein Herz sich sträubte wider Kindesmord,
Bis mich der Bruder, alle Gründ aufbietend, zwang,
Den Greuel geschehn zu lassen! Und ich schrieb ein Blatt
Und sandt es wohlversiegelt meiner Gattin hin,
Als Braut Achills die Tochter herzusenden mir,
Des Mannes Wert hochpreisend, der – so setzt ich bei –
Zu Schiff zu gehn sich weigre mit Achaias Volk,
Wenn nicht von uns ihm eine Braut nach Phthia kommt:
Zur Überredung meiner Gattin diente dies,
Und war die Heirat fälschlich vorgespiegelt nur.
Um dies Geheimnis wissen von den Griechen bloß
Kalchas, Odyß und Menelas: doch was ich schlimm
Damals beschlossen, widerruf und mach ich gut
In diesem Briefe, den ich heimlich durch die Nacht
(An Klytaimestren hinzutragen geb dem Greis,)
Der meinem Haus und meiner Gattin Treue hegt.
[...]
ALTER.
[...]
Was bedrängt dich? Was stieß dir, o König, denn zu?
Komm, teil es mir mit und vertraue dich mir,
Einem biederen, treu dir ergebenen Mann,
Den deinem Gemahl einst Tyndaros ja
Zur Mitgift und
Rechtschaffenem Wärter der Braut gab.
AGAMEMNON.
Nun, eben den Brief hier, den du mich sahst
Aufmachen und mehrmals siegeln, du sollst
Ihn meinem Gemahl hinbringen. Und was
Sein Umschlag birgt, das erfährst du von mir.
ALTER.
Sprich, zeig es mir an, daß das, was ich sag,
Im Einklang sei mit des Briefs Inhalt.
AGAMEMNON.
»Dir, Ledas Sprößling, meld ich
Auf Grund vorherigen Schreibens:
Send nicht dein blühendes Mädchen
Zur Jenseits-Bucht Euböas, dem sturm-
Ruhigen Aulis;
Denn der Tochter Vermählungsschmaus wird
Auf andere Fristen bereitet.«
ALTER.
Wird aber Achill, um die Gattin getäuscht,
Nicht stolzen Gemüts aufbrausen im Zorn
Der Gemahlin und dir?
Hier scheint mir Gefahr! Sag an, was du denkst!
AGAMEMNON.
Nur den Namen, die Tat nicht bietet Achill,
Weiß nichts von dem Plan, von der Heirat nichts,
Noch daß ich das Kind vorgeblich gelobt
Ihm selbst zu verleihn als Gattin
In des Brautbetts keusche Umarmung.
ALTER.
Ein fürchterlich Spiel, Agamemnon, Fürst!
So bringst du das Kind, angebliche Braut
Für den Göttinsohn, als Opfer dem Heer?!
AGAMEMNON.
O wehe! Wie war ich von Sinnen!
Und stürzte in Jammer und Qual mich!
Auf! Rühre den Fuß zu behenderem Lauf,
Und das Alter vergiß!
ALTER.
Sehr eil ich, mein Fürst!
AGAMEMNON.
Und setze dich nicht an buschigem Quell
Zur Ruh! Es beschleicht dich der Schlummer!
ALTER.
Oh, bewahre mich Gott!
AGAMEMNON.
Und wo du vorbei
Einen Scheidweg gehst, merk auf, gib acht,
Daß nicht ein Gespann mit rollendem Rad
Entgehe dem Blick, dich verfehle und her
Mir bringe das Kind zum Danaerheer!
Und wenn das Geleit dir begegnete nun,
Dann lenke zur Umkehr schüttelnd den Zaum
Und jage zurück zum Kyklopengemäur!
ALTER.
Das werd ich!
AGAMEMNON.
Und rasch zur Pforte hinaus!
ALTER.
Doch sage, mein Fürst, wie find ich Vertraun
Für diesen Bericht bei Tochter und Frau?
AGAMEMNON.
Dies Siegel bewahr hier, welches du trägst
Aufs Schreiben geprägt! Geh, schimmernd erhebt
Sich das Frührot schon, und der Morgen erscheint
Mit des Sonnengespanns helleuchtendem Feur!
Nimm mir die Last ab!
Kein Sterblicher freut sich beständigen Glücks
Und Wohlstands je:
Denn noch blieb keiner von Leid frei!
[...]


MENELAOS.
[...]
Als dir Kalchas dann aus Opfern kündet': Deine Tochter sei
Aufzuopfern, und die Flotte könne segeln, warst du froh
Und versprachst dein Kind zu opfern freudig, schriebst freiwillig auch,
Nicht gezwungen – sage das nicht! –, deiner Gattin, daß sie dir
Her die Tochter sende, scheinbar zur Vermählung mit Achill.
Dann entdeckt' sich's, daß du reuig andre Botschaft unterschobst,
Weil du nicht des Kindes Mörder werden willst. Ganz trefflich! Oh!
Dies ist noch derselbe Himmel, der es hörte, was du sprachst!
Tausend andren ging es also, wenn's zum Handeln kam, wie dir:
Willig erst zu jedem Opfer, zieht man dann sich feig zurück,
Teils vor unverständgem Urteil seiner Bürger, teils mit Recht,
Im Gefühl des Unvermögens, was die Pflicht gebeut, zu tun.
Leid nur tut es mir am meisten um das arme Vaterland.
Eine wackre Tat zu üben an den Welschen, diesem Nichts,
War's bereit, und höhnend, deinem Kind zulieb, entläßt es sie!
Setzt mir keinen seines Vorteils wegen ein zum Oberhaupt
Noch zum Waffenlenker: Einsicht sei des Feldherrn erste Kunst!
Herrscher ist ja überall auch, wer den Geist hat und Verstand!
CHOR(FÜHRERIN).
Wie schlimm ist immer zwischen Brüdern Wortgezank
Und Hader, wenn Entzweiung kommt und Zwist erzeugt!
AGAMEMNON.
Schelten will ich dich in Güte, kurz und schlicht, nicht hoch herab-
Sehend, nicht mit dreist erhobnen Blicken: nein, bescheidener,
Wie's dem Bruder ziemt; denn Achtung hegt und gibt ein edler Mann.
Sage mir: was glüht dein Auge blutgefärbt? Was schnaubst du so?
Kränkt man dich? Entzieht dir etwas? Eine Frau fehlt deinem Bett?
Nun, ich kann sie nicht verschaffen! Sie, die deine, hast du ja
Schlecht bewahrt: soll ich den Fehler büßen, der ihn nicht beging?
Wie, mein Ehrgeiz kränkt dich? Aber du begehrst in deinem Arm
Nur ein reizend Weib zu haben, setzest Tugend und Vernunft
Ganz beiseite? Niedre Neigung zeugt von niedrer Denkungsart!
Wenn ich frühre Übereilung nahm zurück mit beßrem Rat,
Bin ich toll? Du bist es eher, der ein schlechtes Weib verlor –
Was der Himmel wohl gemacht hat! – und sie wiederholen will.
Freilich schwur die sinnbetörte, liebestrunkne Freierschar
Jenen Eid dem Tyndar; doch die Göttin Hoffnung riß sie hin,
Mein ich, und bewirkt' es mehr als deine Gunst und deine Macht.

Nimm sie, zieh, wohin du willst! Dein töricht Tun bereust du bald.
[...]

(Euripides: Iphigenie in Aulis)

Wikipediaartikel Iphigenie in Aulis