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02 September 2024

Fürst Pückler-Muskau über seine Besichtigung ägyptischer Altertümer II: Nubien

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Dritter Teil Nubien und Sudan Vom Verfasser der Briefe eines Verstorbenen 

" 'Nun schau der Geist nicht vorwärts nicht zurück, Die Gegenwart allein – sei unser Glück!' Goethe 

Tempel von Phtur, Haffir, Dongola  [Hafir]

Die Altertümer von Sedenga sind unbedeutend. Nur eine Säule des größeren Tempels steht noch vollständig in einem weiten Trümmerhaufen, und alle die herabgefallenen Ornamente des Gebäudes wie die erhaltne Säule selbst sind in schlechtem Stil und verraten ein neueres, wahrscheinlich römisches Bauwerk. Etwas weiter abwärts sieht man die Ruinen eines zweiten Tempels mit den Stummeln zweier Säulen, alles aus gewöhnlichem Kalkstein und von gleich geringer Qualität der Arbeit. Ganz anders verhält es sich dagegen mit dem vier Stunden von hier jenseits der Hügelkette von Dschebel-Dosch, welche die Provinz Sokkot von der von Mahaß trennt, gelegenen, auch in seiner wildesten Zerstörung noch erstaunungswürdigen großen Tempel von Phtur, ein Werk der Pharaonen, dem gegenüber in einem lieblichen Haine am Flusse unser Lager aufgeschlagen worden war. (S. 333)

"[...] um uns zu melden, daß sich nur einige hundert Schritte weit vom Ufer entfernt ein Nilpferd im Flusse zeige, das sich schon seit mehreren Wochen in dieser Gegend aufhalte. Im schnellsten Lauf eilten wir hinab und sahen sogleich den ungeheuren Kopf des Untiers wie einen schwarzen Felsen aus dem Wasser schauen, ohne daß es lange Zeit die mindeste Bewegung damit machte." (S. 334)

"[...] Erregte aber das Ungetüm eben ihre Aufmerksamkeit nicht, so richtete sich diese ausschließlich auf uns. Sie sahen erstaunt auf unsre Perspektive, bewunderten mit Entzücken ein mit Perlmutter ausgelegtes Messer des Doktors, gerieten aber wie wahre Südseeinsulaner in eine halbtolle Freude, als ich ihnen einen Spiegel bringen ließ, dessengleichen vorher keiner von ihnen gesehen zu haben schien. Es war auffallend, daß die jungen Männer dabei ungleich mehr Eitelkeit und Behagen am Anblick ihrer eignen Person zeigten als die Mädchen. Fast alle trugen eine Art Rosenkranz von Glasperlen um den Hals oder um den Arm geschlungen, an denen ein Ledertäschchen mit einem darin verwahrten Amulette hing, das ihre Schriftgelehrten, die Faki, für sie schreiben und sich gut dafür bezahlen lassen." (S.335)

"Um den Zustand ihrer Sitten etwas näher kennenzulernen, gab ich dem einen jungen Manne, der uns begreiflich gemacht, daß das hübscheste der gegenwärtigen Mädchen seine Schwester sei, durch Zeichensprache zu verstehen, er möge sie abends allein zu unseren Zelten schicken, wozu ich die Pantomime des Schlafens machte. Er und das Mädchen lachten, doch nahm er sogleich den Ring, den ich ihm geschenkt, vom Finger, und ich glaubte schon, er wolle ihn mir entrüstet zurückgeben, als er ihn in die Höhe hielt und so geschickt wie ein Taubstummer dazu ausdrückte, daß, wenn ich noch einen dergleichen hergäbe, seine Schwester kommen werde. Sehr tugendhaft in unserem Sinne scheinen also diese Naturkinder eben nicht zu sein, und für einen Missionär hätte dies eine gute Gelegenheit zu einer Predigt abgegeben. Die beiden Alten waren höchst komische Originale. Der eine hatte eine ägyptische, durchstochne Goldmünze (Kari) in ein Papier gewickelt in der Hand und machte trotz allem Abweisen je nach fünf Minuten immer einen neuen Versuch, dieses Goldstück, welches er wahrscheinlich nicht für echt hielt, uns gegen Silberpiaster zu verwechseln; der andere trug zwei Stücke hier gefertigte grobe Leinwand auf dem Kopfe und bemühte sich mit gleich unabweisbarer Beharrlichkeit, sie uns zu verkaufen, alles mit einer solchen Geduld, Sanftmut, Höflichkeit und dem ernstwürdevollsten Benehmen eines Diplomaten, der um Provinzen handelt, daß wir am Ende nicht mehr widerstehen konnten, uns beide Gegenstände aufdringen zu lassen." (S.336)

"Da nur wenige der zusammengestürzten Materialien zu andern Zwecken weggeführt worden sind, so hat man Mühe, über die enormen Haufen von Ruinen hinwegzuklettern, welche alle Teile des Tempels anfallen. Wir störten hier eine Hyäne auf, die sich aber sogleich wieder unter dem Mauerwerk verkroch, ohne daß wir sie außerhalb desselben fliehen sahen, so daß sie also wahrscheinlich ein festes Malepartus hier hatte, in das sie sich vor uns zurückzog." (S. 337)

"Der Zufall wollte, daß wir, um einen passenden, vor dem kalten Wind geschützten Fleck zu einigen Stunden Ruhe aufzufinden, einen andern Weg als die Karawane einschlugen. Dies rettete einem Matrosen von der Barke, der die Karawane begleitete, wahrscheinlich das Leben; denn auf seinem Tiere eingeschlafen, hatte er sich unbemerkt von ihr entfernt, und wir fingen ihn auf, als er in größter Angst, um sie wieder aufzusuchen, grade in voller Eile die falsche Richtung nach dem Innern gewählt hatte. Verirrung ist aber hier eine bedenkliche Sache, und es vergeht kaum ein Jahr, wo nicht Gouvernementskuriere oder sonst einzelne Reisende in der Wüste verschwinden, ohne daß man je wieder etwas von ihnen hört. Die Schnelligkeit und Ausdauer, mit der diese Kuriere die größten Touren auf so unbequemen Tieren und bei so großer Hitze zurücklegen, geht fast ins Unglaubliche, und wir fanden deren oft in der nächtlichen, schauerlichen Einsamkeit dieser Wüsten ganz allein neben ihrem Dromedare in den Sand gebettet und den Zügel um den Arm gewickelt ausruhen, um Mensch und Tier einige Stunden des erfrischenden Schlafes genießen zu lassen. Erst nach 9 Uhr, bei schon sehr heißer Sonne, erreichten wir Fakir-Bint, wo der vorige Gouverneur von Dongola als fromme Stiftung eine Moschee mit einem Khan erbaut hat, in dem jeder Reisende unentgeltlich Obdach und gekühltes Wasser erhält. Zu diesem letztern Zweck sind die durchsickernden Krüge, welche in Khene gefertigt werden, ein wahrhaft unschätzbares Hilfsmittel in diesen Ländern, und da man sie nicht immer vorrätig findet, so tut jeder Reisende wohl, sich im voraus mit der größtmöglichsten Quantität derselben zu versehen. Das laueste Wasser, wenn es dem Luftzuge nur einige Stunden ausgesetzt bleibt, wird kühl darin und in der Nacht eiskalt. Nach acht oder vierzehn Tagen aber verstopfen sich die Poren des Kruges, und er tut dann nicht mehr ganz dieselben Dienste; dabei sind diese Geschirre auch so zerbrechlich, daß der geringste Anstoß sie beschädigt oder ganz zerschellt; in der Hand wiegen sie so leicht wie eine Feder. Man hat zwar in mehreren Ländern Gefäße mit ähnlichen Eigenschaften, keine aber, die ich kenne, sind an schneller Wirksamkeit den Krügen von Khene zu vergleichen." (S.339)

"Distanz betrug nur fünf deutsche Meilen oder zehn Stunden. Schon nach der ersten Hälfte des Weges trat die Wüste ganz in den Hintergrund, und die allerdings sehr vernachlässigten Ebnen von Dongola begannen, sich allmählich vor uns auszubreiten. Wir fanden auf denselben fast ebensoviel wieder verlassnes als angebautes Land, weil in den letzten Jahren schwere epidemische Krankheiten eine Menge Menschen hingerafft haben. Auch finden hier wirklich häufige Auswanderungen nach dem Darfur statt, wo jetzt ein sehr unternehmender, fremde Kolonien begünstigender Sultan herrscht, dessen weite Länder sich täglich vergrößern und von mehreren Sklavenhändlern, mit denen ich mich unterhielt, als ein Paradies der Fülle und des Wohllebens geschildert werden." (S. 339)

"Haffir, das über eine Stunde vom Nil entfernt liegt, verriet schon durch bessre Häuser, sorgfältigere Kultur und einen gewissen mehr zivilisierten Anstrich der Einwohner wie durch die Anwesenheit ägyptischer Offiziere mit einem Detachement von dreißig Mann die Nähe der Hauptstadt. Auch hier war der Kascheff ein gebildeter Mann und kein Türke, sondern ein Eingeborner. In Haffir beginnen die weißen Ameisen, die schrecklichen Termiten, welche alle Effekten zerstören, ihre Verheerungen. Namentlich lieben sie Bücher so sehr, daß sie einen ganzen Folianten in einer Nacht fast rein aufzufressen imstande sind, wie ich später ein Beispiel davon beim Doktor Iken in Dongola mit eignen Augen sah."(S.340)

"Diese Engarebs sind ein ebenso dauerhaftes als bequemes Möbel, und ich habe eins derselben, das mir abwechselnd als Bett, Sofa oder Gartenbank diente, zwei Jahre lang mit mir geführt und zuletzt als Modell auch glücklich noch mit nach Europa zurückgebracht. Es besteht aus einem Rahmen von sehr festem Holze mit vier kurzen, gedrechselten Füßen. Ein Netz überspannt das Ganze, welches aus in Streifen geschnittner frischer Ochsenhaut angefertigt ist und, durch das Trocknen sich eng zusammenziehend, der Lagerstätte ebensoviel Dauerhaftigkeit als Elastizität gibt. Das Engareb widersteht tagelangem Regen wie der glühenden Sonnenhitze gleich gut, und man braucht nur einen Teppich darauf zu legen, um sich den bequemsten, vor Insekten gesicherten Ruhesitz zu verschaffen, der überdies ein so geringes Gewicht hat, daß er auf das leichteste überall hin zu transportieren ist. Man benutzt hier die erwähnten Hautstreifen auch noch zur Verfertigung mehrerer anderer Gegenstände, und sonst dienten sie sogar zu grausamen Exekutionen, indem man den Delinquenten damit fest an einen Baum band und dort der Wirkung der Sonne so lange überließ, bis die allgemach zusammentrocknenden Riemen ihn langsam zerquetscht hatten." (S.342)

"Als ich am Abend mein Portefeuille revidierte, fand ich mit nicht geringem Schrecken, daß der vorletzte Band meines Reisejournals darin fehlte. Ein Autor hängt an solchen Dingen wie an Schätzen, obgleich dies nur eine Torheit sein mag. Aus der angestellten Untersuchung ging hervor, daß das Buch in Haffir, welches wir mitten in der Nacht, noch im Dunkeln, verließen, im Zelte übersehen und vergessen worden sein müsse. Ich schickte sogleich einen unsrer arabischen Leute auf dem schnellsten Dromedare darnach ab, der es auch am Morgen darauf glücklich wiederbrachte. Dies war jedoch nur einem günstigen Zufall zu danken, denn schon hatte man unter Anführung des Kascheffs alle Häuser des Dorfes vergebens durchsucht, und mein Araber saß wieder bereits auf seinem Dromedare, um unverrichteter Sache zurückzukehren, als ihm einer der Landleute gegen das Versprechen der Verschwiegenheit und eines Bakschischs verriet, daß das gesuchte Buch sich zwei Stunden von hier bei einem Faki befände, der sehr wirksame Amulette gegen das grassierende Fieber daraus zu schneiden beabsichtige. Zu meiner großen Zufriedenheit hatte diese Illustration meiner unbedeutenden Schriftzüge noch kaum begonnen, als der Araber bei dem Diebe eintraf und mit Hilfe seines Kurbatsch die schnelle Restitution erzwang. Ich erhielt alles bis auf ein einziges herausgeschnittenes Blatt, was leicht zu ergänzen war, intakt wieder. [...]

Die plagenden Insekten Ägyptens dagegen: Wanzen, Flöhe, Läuse und selbst Moskitos waren zur Seltenheit geworden und wurden später gar nicht mehr angetroffen. Es muß hier zu heiß für sie sein. Dafür quälen einen aber kleine Ameisen, die sich in Kleider und Betten einnisten, und auch vor den Termiten hat man die Effekten fortwährend in acht zu nehmen. Alle Lebensmittel schienen uns in Dongola von besondrer Güte zu sein, besonders das Schlachtfleisch, und die Preise blieben noch immer sehr gering. Auch bereitet man hier eine Art Bier aus Durra, Bilbil genannt, was bis Khartum hinauf üblich ist und leichtem Nachbier gleicht, das etwas sauer zu werden anfängt. In der Hitze ist es nicht unangenehm und kühlend, muß aber wenigstens alle zwei Tage frisch gemacht werden. In Gärung übergehend, verändert es seinen Geschmack und wird zu einem sehr berauschenden, der Gesundheit nachteiligen Getränk. Frisch bereitet, empfindet jedoch niemand unter uns üble Folgen davon." (S.343)

"[...] besuchte ich den Gouverneur in seinem Lehmpalast, wo er außer seinen Weibern auch eine große Anzahl junger abessinischer und Negerknaben unterhält, deren weibische und kokette Manieren einem Europäer nicht wenig sonderbar vorkommen. Die Sklaven sind übrigens hier nicht wohlfeiler als in Kahira, und Doktor Koch mußte einen jungen Burschen von fünfzehn Jahren mit 2000 Piastern (500 Franken) bezahlen. Nachher besahen wir in Begleitung des Mudirs die Indigofabriken, welche Mehemed Ali angelegt hat und welche jetzt drei Qualitäten Indigo liefern, wovon die erste dem indischen gleichkommt. [...] " (S.344)

"Alles dem Gouvernement gelieferte Getreide, Reis usw. muß auch wiederum allen, die es verlangen, nach des Vizekönigs Vorschrift, um jeden Mangel zu vermeiden, für einen festgesetzten, allerdings etwas erhöhten, aber nicht unbilligen Preis wieder verkauft werden, wenn sie es zum eignen Bedarf brauchen. Um dies zu umgehen, bediente man sich in Dongola folgenden Mittels. Ein reicher Kaufmann im Ort und ein koptischer Beamter des Gouverneurs, der mit einigen Tausend Piastern Gehalt einen zwanzigmal größern Aufwand macht, hatten angeblich grade in der Zeit, wo ich mich in Dongola befand, bereits alle Vorräte der Regierung zu dem bestimmten Preise aufgekauft. Wer nun noch etwas bedurfte, wurde unter diesem Vorwand abgewiesen und auf die Zeit vertröstet, wo wieder neue Vorräte eingegangen wären. Von der Not gezwungen, die kein Warten zuließ, mußten daher die Leute ihren Bedarf nun zu doppelten und dreifachen Preisen von jenen beiden genannten Herren privatim erkaufen, die den Gewinnst mit dem Mudir teilten. Ebenso üben die Militärbeamten in diesen vom Sitz der Hauptregierung zu entfernten Gegenden teils bei der Rekrutierung, teils bei andern Gelegenheiten eine drückende Tyrannei aus, von der die betreffenden Individuen sich fortwährend durch Geld loszukaufen gezwungen sind. Diese Mißbräuche mögen allerdings zu den partiellen Auswanderungen beitragen, finden aber ihren Grund nur in der beispiellosen Immoralität der vornehmeren Klassen und sind nicht anders abzustellen, wenn auch Mehemed Ali alle Jahre fünfzig Gouverneuren die Köpfe abschlagen ließe – was auch der schlechteste Türke doch mit philosophischer Ruhe nur wie eine unabwendbare Schickung Gottes ansieht – als durch bessere Erziehung einer neuen Generation." (S.345)

"Nicht für Damen [Fußnote: Der folgende Absatz ist in der Buchausgabe auf dem Kopf stehend gedruckt. ] Sie haben den Ruf, sehr galant zu sein, jedoch nur für Geld, da ihnen die abscheuliche Operation des Zunähens und Wiederaufschneidens sowie das gänzliche Abschneiden eines andern Teils der Genitalien fast alles natürliche Gefühl benimmt. Es gibt Weiber, welche die erste Operation zehnmal erlitten haben, da es ganz gewöhnlich ist, daß der Ehemann, wenn er auf einige Zeit verreist, durch das Zunähen seiner Ehehälfte sich ihrer Treue zu versichern sucht, diese aber nicht aus Liebe, sondern nur aus Interesse während seiner Abwesenheit sich wieder aufschneiden, und vor seiner Rückkehr abermals zunähen läßt. Alte Weiber, die eigens dazu bestellt sind, verrichten dies kannibalische Geschäft. Auf wie tiefer Stufe hier überhaupt die Sittlichkeit und alle Achtung der Menschenrechte stehen, lehrte mich noch ein anderes Beispiel. Das elende Haus, welches mir der Gouverneur anfänglich angewiesen hatte und das ich nicht annahm, stand deshalb leer, weil der Besitzer durch den Mudir auf zwei Jahre von seinem Amte suspendiert und exiliert worden war. Weshalb aber erlitt er diese gelinde Strafe? – Weil er einen seiner Diener, den er mit seiner Lieblingssklavin «en flagrant délit» überrascht hatte, ohne weiteres im Hofe seines Hauses spießen ließ!" (S.349)

Nilfahrt nach Meravi. Ambukol, Dschebel-Barkal 

"Nachdem ich also die wenigen Merkwürdigkeiten, welche Maraka oder Neu-Dongola aufzuweisen hat, welches erst seit Mehemed Alis Eroberung des Landes zur Hauptstadt desselben wurde, hinlänglich besichtigt, meine zahlreiche europäische Korrespondenz beschickt und meine Tagebücher in Ordnung gebracht, wobei ich dennoch keinen Abend versäumt hatte, des Tages Last und Hitze durch ein kühles Bad im Nil zu erfrischen, schiffte ich mich am 1. Mai mit gutem Wind nebst meinem kleinen Gefolge auf zwei Barken des Mudirs nach Meravi ein." (S.349)

"Der größte Saki, welcher vier Feddan (ungefähr einen Magedeburger Morgen) bewässern kann, die bei der ersten Ernte 40 Ardep Frucht geben mögen, zahlt nur 15 spanische Taler und die kleineren im Verhältnisse. Es existieren keine weitern Naturalleistungen, wohl aber bleibt es den Vorstehern der Distrikte überlassen, einen Teil (doch gesetzlich nie mehr als fünf Ardep) der obigen Summe in Naturalien zu verlangen nach einem vom Gouvernement jährlich festgesetzten Tarif, welche Naturalien aber immer vom Ganzen der Abgabe deduziert werden müssen. Diese Einrichtung mag zwar häufig zu Mißbräuchen Gelegenheit geben, dient aber auf der andern Seite bei rechtlichen Vorgesetzten auch oft dazu, dem Fellah die Entrichtung seiner Abgaben zu erleichtern, und ich habe davon selbst im Verlauf meiner Reise mehrere Beispiele gesehen, wo der Landbauer sehr froh war, in Naturalien bezahlen zu dürfen." (S.350)

"Wer aber die Bewohner dieser Gegenden kennt und lange beobachtet hat, wird gestehen müssen, daß grade dies der angemessenste Zustand für sie ist und der einzige, der sie vom Nichtstun und Verderben abhalten kann, weil er sie zur Arbeit zwingt. Ginge die schlechte Administration, deren Kontrolle hier so schwierig ist, gleichen Schritt mit den Forderungen der Regierung, so würde kein Elend unter der Population stattfinden und man weder Auswanderer noch verlassne Fluren sehen. Es würde dann in den Staaten Mehemed Alis nur derjenige Zustand der arbeitenden Klassen eintreten, von dem schon der, jetzt zwar aus der Mode gekommene, deshalb aber nicht minder praktisch philosophische Voltaire in seinem Siècle de Louis XIV. sagt: «Le manœeuvre doit etre réduit au nécessaire pour travailler; telle est la nature de l'homme (und des Fellah mehr als jedes andern). Il faut que ce grand nombre soit pauvre, mais il ne faut pas qu'il soit misérable.» Dies ist auch die Ansicht Mehemed Alis, und gewiß ist es eine Narrheit, alle Leute in Überfluß und Luxus leben lassen zu wollen, weil es eben unmöglich ist. [...]

Nachdem wir Debbeh, von wo die Karawanen nach Kordofan abgehen, passiert hatten, konnten wir nur äußerst langsam vorwärtsdringen, weil sich der Nil von Debbeh an beinah gegen Norden wendet und der Wind uns grade daher entgegenblies. Glücklicherweise ist die Einrichtung getroffen, daß bei solcher Gelegenheit die Einwohner allen Gouvernementsschiffen hilfreiche Hand leisten müssen, was ihnen auch wenig Beschwerde macht, da die Schiffahrt im ganzen sehr gering ist und sie sich überdem von Saki zu Saki ablösen, also kaum eine Viertel- oder halbe Stunde mit dem Schiffsziehen beschäftigt bleiben. Ein eigentümliches, gellendes und weithin schallendes Geschrei kündigt die Ankunft jeder Abteilung beim nächsten Saki an, worauf die Ablösung auch immer so schnell wie auf englischen Poststationen erfolgte." (S.352)

"Am 5ten erreichten wir Ambukol, den Sitz eines Kascheffs, welches auf der Hälfte Weges zwischen Debbeh und Meravi liegt, auf den Karten aber ganz falsch plaziert ist. Es war eben Markt daselbst, der in einem Sandfelde neben den Lehmhütten des Dorfes abgehalten wurde. Nichts konnte ärmlicher sein, dennoch bestand die Hälfte der Waren aus europäischen Produkten, als: kleine Spiegel, Glasperlen, geringe Eisenwaren und einige grobe englische Kattune. Das übrige bot nur die ordinärsten Landesprodukte dar, meistens zur Konsumtion gehörig, und das einzige mir Neue, was ich antraf, waren ein Paar bunte Sandalen aus dem Hedschas, die ich ziemlich teuer erkaufte. Der Kascheff war ein hübscher, kriegerisch aussehender Mann, der mich in seinem Hause mit einer recht guten türkischen Mahlzeit bewirtete, während der Boden des Zimmers (um die Luft darin abzukühlen) außerhalb der Matte, auf der wir saßen, fortwährend mit Wasser begossen wurde. An den ungetünchten Erdwänden hingen schöne Waffen und mitten darunter eine altertümliche Zither von wunderlicher Form mit drei Saiten. Der Kascheff, welcher ein großer Liebhaber der Musik zu sein schien, spielte uns selbst nach Tisch ein ohrzerreißendes Stück darauf vor, [...]

Der Kascheff von Meravi ward mir durchgängig als ein sehr rechtlicher Mann gerühmt, auch zeichnet sich seine Provinz, welche 1200 Sakis enthält, durch ein besonders blühendes Ansehen und eine sichtlich größere Wohlhabenheit der Einwohner aus. " (S.354)

"die reiche Stadt Napata" (S.355)

"[...] Meravi erreichten, scheinbar quer vor dem Nile liegend, der hier einem weiten See gleicht, am Horizonte sichtbar geworden." (S.355)

"[...] beim Dorfe Barkal von dessen Schech empfangen, einem jungen Manne von großer Schönheit, der kaum 18 Jahre zählen konnte und den mehrere tiefe Schnitte in die Backen, die hier üblich zu werden anfangen und als Zierde dienen sollen, nur wenig entstellten. Er war vom Stamme der Schaki-Araber, von rotbrauner Farbe und verband mit dem fast allen Arabern natürlichen Anstande eine Grazie der Manieren, die in jedem europäischen Salon Beifall erlangt haben würde. (S.357)

"Die kolossalen Widder aus grauem Granit vor dem Eingang, deren Herr Rüppel ebenfalls gedenkt, sind jetzt erst ganz freigegraben und außerhalb unter Reisighütten (zum Transport nach Kahira bestimmt) aufgestellt worden. [...]

Wir wandten uns jetzt nach den pyramidalischen Grabmonumenten, die sich kaum einige Minuten von dem letzterwähnten Tempel entfernt in zwei Gruppen darstellen, wovon die eine nur wenige, die andere mehr als doppelt so viele, meistens sehr wohl konservierte Pyramiden enthält." (S. 360)

"Sie sehen zum Teil so glatt und unversehrt aus, als wären sie eben erst fertig geworden, und in einer derselben, auf die ich hinaufstieg, was ohne Schwierigkeiten bewerkstelligt werden konnte, da jede Steinlage eine bequeme Stufe bildet und nur die vier Kanten der Pyramide von oben herab mit einem polierten, runden Steinwulst ohne Absatz überkleidet sind – fand ich auf der Höhe einen hölzernen Querbalken inwendig eingemauert, der durch das Herabfallen eines Steines sichtbar geworden war und, obgleich dadurch dem Wind und Wetter ausgesetzt, sich dennoch so frisch und intakt erhalten hatte, als sei er neu. Keine dieser Pyramiden ist über 80 Fuß hoch und ihre Form weit schmaler in der Basis und spitzer zulaufend als die der ägyptischen. Fast alle haben nach Süden zu einen niedrigen kastenartigen Vorbau mit einer Türöffnung, und es scheint, daß hier die Leichen versenkt wurden. Bis jetzt hat noch keine erschöpfende Untersuchung deshalb stattgefunden, wiewohl man sieht, daß öfters dergleichen begonnen wurde. Einige dieser Eingänge sind erst später angesetzt, einige mit den Pyramiden zugleich aufgeführt worden, was man stets sehr deutlich unterscheiden kann. Nur in wenigen fanden wir Skulpturen, deren Formen weicher und üppiger waren, als es der ägyptische Stil mit sich bringt. Eins dieser Hautrelief-Bilder stellte eine Königin auf ihrem Throne dar, dessen Fußgestell aus Löwen bestand, die mit einer reichen Decke behangen waren. Auch diese Tiere waren nicht im ägyptischen Stil, sondern eher persischen Darstellungen dieser Art ähnlich. [...]

Wie es häufig hier der Fall ist, haben die Eingebornen den Platz um die alten Grabmäler auch zum eignen Kirchhof erwählt und eine Menge von alten Töpferscherben, die um den Berg her liegen, zur Ausschmückung ihrer modernen Ameisenhäufchen sorgsam benutzt." " (S.361)

"Oben angelangt, hat man eine ausgedehnte Wüstenaussicht, und nahe jenseits des Flusses erblickten wir die große Pyramidengruppe von Nur oder El Belal in klarster Nähe. Herr Rüppel gibt die Entfernung dieser Pyramiden, die er nicht besucht hat und die man selbst zu Fuß bequem in drei Stunden erreicht, als sieben Stunden weit an, obgleich er versichert, den Dschebel-Barkal bestiegen zu haben, von welchem er sich doch sogleich durch den bloßen Augenschein hätte überzeugen müssen, daß die Entfernung in grader Richtung von hier kaum zwei Stunden beträgt. Eine so handgreifliche Unzuverlässigkeit kam mir auffallend bei einem Schriftsteller vor, der die Vorrede zu seinem Werke mit folgenden herausfordernden Worten beginnt: «In gegenwärtiger Zeit scheint eine wahre Schreibwut sehr viele Gelehrte und noch bei weitem mehr Ungelehrte befallen zu haben. [...] 

Damen werden ersucht, das nun folgende, selbst wenn sie griechisch lesen können, ebenfalls zu überschlagen.[Fußnote: Die folgenden Absätze sind nicht in griechischer, sondern in deutscher Sprache, aber griechischer Schrift geschrieben; in deutscher Schrift lauten sie: Als Beitrag zur Schilderung der Landessitten mag auch noch Folgendes dienen. Am Abend ehe ich Ouad-Medina verließ, erschien im Audienzsaale des Kascheffs, zu welchem jeder Zutritt hat, ein junger Mann, der völlig wie eine Frau, und in noch übertriebnerem Schmuck gekleidet war; auch in allen Manieren dem weiblichen Geschlecht, mit einem Anflug von Karikatur nachzuahmen suchte. Ich erkundigte mich bei dem neben mir sitzenden Arzte des Kascheff's, was diese Verkleidung bedeute? «Oh», erwiderte dieser mit einer ausdrucksvollen Pantomime, «das hier ist die beliebteste Soldatenhure in Ouad-Medina, die man alle Nächte in der Nähe der Kaserne antreffen kann.» Der nämliche junge Mann, der zugleich den öffentlichen Possenreißer zu spielen schien, sagte nachher zum Kascheff selbst, als dieser ihm einige Neckereien adressirte, die auf sein Handwerk Bezug hatten: «O, laßt mich in Frieden und gebt mir lieber einen Backschis, denn wenn Ihr es nicht thut, und ich mit leeren Händen nach Hause komme, so wird mein Kind schreien, das Ihr mir im vorigen Jahr gemacht habt.» Alle Welt schien diese spaßhafte Antwort sehr ergötzlich zu finden. Ein andresmal sah ich, von einem weiten Männerkreise, auch meistens Soldaten, umgeben, ein Mädchen den gewöhnlichen laskiven Tanz des Orients ausführen, aber in einem remarkablen Kostüme. Denn sie war völlig nackt, und hatte nur eine lange Schnur von bunten Glasperlen um den Hals, an der ein monströser, schwarzgefärbter Priap tief herabhing, der unter dem wildesten Applaus und Gelächter der Umstehenden bei allen obskönen Bewegungen ihres Körpers mit agierte."  (S.466)

"alle diese krassen Unsittlichkeiten sind, besonders beim Militär, durch die Gesetze sehr streng verpönt, aber so weit ins Land hinein reichen diese Gesetze kaum mehr, und auch in unmittelbarer Nähe bleiben sie großentheils unwirksam, da diese uralten Gewohnheiten oft, je schlechter sie sind, desto schwerer ausgerottet werden. Der Kultus des Priapus, so alt als die Welt, hatte sich ja bis in die neueren Zeiten sogar im Katholizismus dergestalt fortvererbt, daß in Italien an mehr als an einem Orte Thonbilder desselben Weibern, um sie fruchtbar zu machen, als Reliquie umgehangen wurden, und in Frankreich selbst ein Heiliger aus dem alten Gotte gemacht ward. [...]

Fernerer Aufenthalt im Sudan. Mandera 

Nachdem meine Reisegesellschaft durch einen neuen hier gekauften oder vielmehr losgekauften Sklaven und einen lebendigen Strauß vermehrt worden war, wandte ich am 15. Mai mein Segel vorläufig wieder dem Norden zu. Ein heftiger konträrer Wind zwang uns, den größten Teil der Fahrt bis Abu Haraß zu kreuzen, was uns den Vorteil, nun mit dem Strome zu schwimmen, wenig genießen ließ, aber das Gute hatte, mir endlich eine glückliche Krokodiljagd zu verschaffen. Die Sonne war schon ihrem Untergange nahe und Abu Haraß im Angesicht, als einer der Matrosen mir meldete, daß vier Krokodile nicht fünfzig Schritte von uns entfernt auf einer Sandinsel lägen. Ich eilte schleunigst aufs Verdeck und sah mit Verwunderung, daß keins dieser bisher so scheuen Tiere sich bei unsrer Annäherung regte, sondern alle wie erstarrt bewegungslos mit offnem Rachen liegenblieben. Sogleich ergriff ich die geladne Muskete eines der uns begleitenden Soldaten und feuerte auf das nächste, welches ungefähr 12 Fuß in der Länge maß, traf es auch unter dem Panzer, aber doch nicht hinlänglich, um es zu töten. Es fuhr erschrocken auf und sprang mit der blitzschnellen Behendigkeit einer Eidechse ins Wasser, das es mit seinem Blute rötete, ohne daß die andern sich weder durch dies Schauspiel noch den Knall des Schusses stören ließen." (S.469)

"Jetzt reichte mir Ackermann mein Gewehr, das ich ohne Zeitverlust auf das letzte und kleinste abdrückte und es glücklich erlegte, da die Kugel grade in seinen aufgesperrten Rachen fuhr und so mehrere edle Teile nacheinander verletzte. Das noch junge Krokodil blieb, fast ohne zu zucken, wie schon tot ausgestreckt liegen. Als wir aber eilig aufs Land sprangen und uns alle darüber herwarfen, um uns seiner ohne Zeitverlust zu bemächtigen, raffte es sich noch einmal auf und kroch ziemlich schnell dem Flusse zu, erhielt aber auf dem kurzen Wege von den Negern so viel furchtbare Keulenschläge auf Hals und Kopf, daß es mit Blut überströmt bald regungslos und nun allem Anschein nach auch wirklich tot von neuem liegen blieb. Es war aber noch keineswegs so weit mit ihm gekommen, denn nach wenig Sekunden gab es mit großer Gewalt einen perfiden Schlag mit seinem Schweif, der mich selbst beinah getroffen hätte und einen der Matrosen so heftig in den Sand warf, daß seine Pfeife mehrere Ellen hoch gen Himmel flog. Wirklich, die Lebenszähigkeit bei diesen Tieren geht fast ins Unglaubliche. Als diesem von uns erlegten schon die Haut größtenteils abgezogen war, sowie alle Eingeweide ausgenommen, und man sich eben damit beschäftigte, zum Behuf des Ausstopfens die Knochen aus den Beinen zu lösen, gab es noch einen letzten galvanischen Schweifschlag, der im Augenblick den darum formierten dichten Menschenkreis wie Spreu auseinanderfegte, obgleich sich die Erschrockenen schnell wieder lachend und jubelnd darum herreihten. Denn sie freuten sich auf die leckere Mahlzeit, und in der Tat ward während der Nacht der ganze Vorrat von dem stark nach Moschus duftenden Fleische mit großem Genuß von den afrikanischen Gourmands verzehrt. [...]

Das unglückliche Opfer unsrer Jagdlust war ein Weibchen, und bevor man ihm den Bauch aufschnitt, hatte man uns dessen Geschlechtsteile gezeigt, die in Größe wie in Form auffallend den menschlichen gleichen. Man versichert, daß, wenn diese Tiere sich begattet haben, das Weibchen mehrere Stunden lang wie ohnmächtig auf dem Rücken liegen bleibt, in welchem Zustande man es dann sehr leicht und ganz gefahrlos töten kann. Ja, es soll sogar nichts Seltnes sein, daß Neger diese Lethargie… " (S.470)

"Jetzt erst erfuhr ich die volle Wahrheit über Mandera. Statt 12-16 Stunden Entfernung, wie man zuerst versichert, fand es sich nun, daß es vier bis fünf Tagesmärsche weit sei, ohne auf dieser Strecke einem einzigen Brunnen zu begegnen. Dies mache, sagte der Efendi, 150 Kamele allein für den Transport des Wassers nötig, weil sie sich fortwährend truppweise ablösen müßten, um immer frisches Wasser aus dem Nil herbeizuholen. Mit weniger könne ich nicht auskommen, da die Araberstämme in dieser Gegend sich fast alle…"  (S.474)

"Wir hatten drei Stunden lang von Fedassa an eine schöne kultivierte Ebne des vortrefflichsten Bodens durchritten und mehrere ansehnliche Dörfer darauf verteilt gesehen. Da die Häuser derselben alle nur in Form spitzer, auf der Erde anfliegender Dächer aus geflochtenem Rohr aufgeführt waren, so glichen sie großen Zeltlagern und machten mit den sie umgebenden Büschen und Bäumen einen höchst gefälligen Effekt. Jede dieser Hütten ist mit einem runden oder viereckigen Hofe umgeben, den ein hier so leicht zu erlangender Zaun aus stachligen Zweigen schützt, und auf den alten Bäumen horsteten wie gewöhnlich Hunderte der storchartigen weißen und schwarzen Ibisse. Einige Paare derselben hatten sich sogar auf den Dachspitzen der Hütten, so niedrig diese sind, zutraulich ihre Nester gebaut." (S.475)

"Die ganze Nacht warf ich mich bei der Illumination der Blitze und dem Rauschen des Regens auf meinem harten Lager umher, ohne vor Schmerzen schlafen zu können. Ich zündete also meine Papierlaterne, die einzige, die mir noch übrig geblieben ist, an, weil der durch die offnen Fenster pfeifende Wind kein Licht auf andere Weise brennen ließ, und las in der Stereotypausgabe von Voltaires Werken, die mir Herr Boreani geborgt hatte, zum zehntenmal den Candide, eine Lektüre, die hier im wüsten Afrika allerdings etwas Seltsames hatte, aber hinsichtlich der Panglosschen Philosophie ganz gut zu meiner Lage paßte." (noch ohne Seitenangabe)

13 August 2024

Fürst Pückler-Muskau über seine Besichtigung ägyptischer Altertümer

Im Zusammenhang mit den Königsgräbern in Theben

 Denn sehr richtig sagt Prokesch: «Griechische und ägyptische Kunst stehen nicht unter-, noch über-, sondern nebeneinander.»

"[...] englische Ungerechtigkeit gegen Champollion; denn obgleich er in einigen Phrasen nicht umhin kann, mit der ganzen gebildeten Welt dessen hohes Verdienst anzuerkennen, so möchte er doch gern insinuieren, daß es eigentlich der Doktor Young und die Engländer seien, welche zur Entzifferung der Hieroglyphenschrift das Eis gebrochen hätten und durch ihre «früheren Entdeckungen» die Winke gegeben, nach welchen Champollion nur weiter geforscht – was ungefähr ebensoviel sagen will, als dem Erfinder des Teekessels einen höheren Ruhm als dem der Dampfmaschine beizulegen. Es ist aber auch eine schon an sich höchst unrichtige Behauptung, da das eigentlich Wesentliche, nämlich die Entdeckung des phonetischen Elements in der Hieroglyphenschrift Champollion ganz allein zu verdanken ist und nur dadurch endlich eine systematische Analyse der letztern möglich ward, die uns in wenigen Jahren besser belehrt hat als die früheren Bemühungen der Gelehrten zu demselben Zweck in vielen Jahrhunderten.[Fußnote: Bekanntlich behauptete Young fortwährend, daß die Hieroglyphenschrift nur figurativ und symbolisch sei, selbst der demotische Text der Tafel von Rosette nur aus Zeichen von Ideen bestünde, höchstens, setzt er hinzu, «mit Ausnahme jener wenigen Gruppen, die griechische Namen enthalten.» ] Später aber gibt Herr Wilkinson sogar nicht undeutlich zu verstehen (S. 55, 56 und 57), daß er sich selbst nicht für viel weniger als einen zweiten Champollion halte (wenn er auch, als façon de parler, sich vor einer solchen Arroganz verwahren will), denn er freut sich bei seinen eignen Forschungen, so häufig dieselben Resultate mit Herrn Champollion aufgefunden zu haben, «obgleich er nie mit diesem in irgendeiner Verbindung gestanden». Das kann doch nur heißen, daß er ihn nie gesehen, noch mit ihm korrespondiert habe, aber nicht, daß ihm Champollions Entdeckungen unbekannt geblieben seien," (S. 258)

"[...] Die Kunst zu charakterisieren besaßen überhaupt die Ägypter in hohem Grade, und ein humoristischer Hang zur Karikatur wird nicht weniger in ihren Kompositionen sichtbar. So fand ich eine Hinrichtung, wo der Scharfrichter, über sein Opfer gebeugt, ganz die Stellung und den sentimentalen Ausdruck eines Vaters hatte, der seine Kinder segnet, während er sie in die andere Welt zu befördern im Begriff ist. Ein anderer seiner Kollegen hieb dagegen so furchtbar mit seinem breiten Schwerte zu, daß drei schon vorher expedierte Verbrecher noch ruhig auf den Knien lagen, ohne daß irgendwo eine Spur ihrer Köpfe am Boden sichtbar ward, als seien diese zu weit weggeflogen, um sie auf demselben Bilde noch mit darstellen zu können. [...] 

Großes war in diesen Tagen an uns vorübergegangen, doch Größeres noch stand uns bevor! Vor Luxor und Karnak muß der stolzeste Geist sich beugen. Man glaubt Werke von Halbgöttern zu erblicken, denn die jetzigen Menschen sind ihrer nicht mehr fähig. [...]

Schon der Palast von Luxor findet seinesgleichen nicht mehr in der übrigen Welt, und doch ist er nur klein noch gegen die Riesenwerke von Karnak! (S. 261)

"Und doch sieht man, daß, als sie die höchste Staffel, deren sie fähig war, erstiegen hatte, sie, ob aus Weisheit oder aus einer Notwendigkeit ihrer Natur, anhielt und das Gewonnene, es gleichsam versteinernd, durch einen heiligen Stil, durch eine feste Norm, die nicht nur die Kunst, sondern das ganze Leben umfaßte und von dem keine Abweichung mehr gestattet wurde, durch lange Jahrhunderte noch zu erhalten wußte, dadurch aber vielleicht das einzige Mittel fand, einem nie endenden Streben nach unerreichbarer Vollkommenheit zuvorzukommen, jener ewigen Unzufriedenheit mit dem Bestehenden, die unsere Zeit namentlich so auffallend charakterisiert und ihr bis jetzt mehr Stützen zu rauben als neue zu schaffen scheint. Jede Art menschlicher Ausbildung hat im einzelnen, bei Nationen wie Individuen, wohl ihre Grenze, über die sie nicht hinaus kann. Ist dieser Kulminationspunkt erreicht, so muß sie ihn vielleicht durch irgendeine angewandte positive Macht zu fixieren suchen, und gelingt ihr dieses nicht, sich mit Resignation auf den unvermeidlichen Rückgang aller menschlichen Dinge vorbereiten. (S.263)

"In Griechenland war dagegen die Form eben alles, man diente der Kunst nur um der Kunst willen. In Ägypten war sie nur ein mächtiges Mittel, den Gedanken zu verkörpern. Die geringste Zierde ägyptischer Architektur hat ihre eigne Bedeutung und steht in direktem Bezug zu der Idee, die der Gründung des ganzen Gebäudes zum Grunde lag, während die Ausschmückungen griechischer und römischer Tempel zu oft nur dem Auge zu schmeicheln suchen und für den Verstand stumm bleiben. " (S.265)

"[...] traten wir endlich unerwartet von innen durch das Pylonentor des Eingangs hinaus und befanden uns plötzlich im hellsten Scheine des Vollmondes grade zwischen den verstümmelten Ramseskolossen und sahen uns rechts zur Seite den schönsten aller Obelisken, dem die Franzosen seinen Gefährten raubten, so schwarz und schlank gen Himmel aufschießen, als sei er ein Pfeil, der sich eben anschicke, von der Erde nach dem Monde zu fliegen. Dieser überraschende Anblick, alle Maße der uns umgebenden Gegenstände noch durch den Dämmerschein nächtlicher Beleuchtung fast verdoppelt, gehörte zu denen, die sich dem Gedächtnisse für immer einprägen. [...]" (S.271)

"Die Grazie, die wahrhaft bezaubernde Schönheit vieler dieser Schildereien ist meines Erachtens nirgends überboten worden. Weder die Antike noch die Zeit Raphaels haben auf ihrem Standpunkt Vollendeteres hervorgebracht. Ich fand hier die Abbildung eines jungen Königs – der Porphyrpforte gegenüber, die aus der Galerie, welche den kleinen Saal des Allerheiligsten umgibt, in ein zerstörtes Nebengemach führt –, deren unbeschreibliche Herrlichkeit mich im Innersten ergriff." (S.271)

an die Stelle des Vaterlandes, für das man sich sonst opferte, scheint jetzt das Publikum getreten zu sein, welches jedoch eine ganz andere Idee repräsentiert, als die alte res publica.[...]

Auch war es Philae – gewiß eins der lieblichsten Wunder im fabelhaften Reiche der Pharaonen und, wenngleich nur mit den wenigsten seiner Bauwerke noch aus ihrer Zeit herstammend, doch einer der Glanzpunkte Ägyptens und das schönste Denkmal der kunstliebenden Ptolemäer,

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Wenn Großes dem Kleinen verglichen werden darf, so möchte ich sagen: Philae verhalte sich zu Theben wie die Farnesina zum Palast Farnese. Es ist nicht mehr die fast göttliche Erhabenheit, der fast schauerliche Ernst der Tempel von Karnak und Luxor – dafür aber tritt uns eine noch erhöhte Zierlichkeit, mehr Abwechslung, eine behaglichere Lieblichkeit, wenn ich mich so ausdrücken darf, in den vorliegenden Räumen entgegen, die erste Spur des beginnenden Überganges zum verhältnismäßig Modernen. [...]

Wenn ich in Theben geistig anbetete, so genoß ich hier in irdischer Behaglichkeit. Theben ist ein Aufenthalt für Götter, Philae erscheint nur wie der Palast eines epikureischen Einsiedlers.

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"das Peristil des Haupttempels, welcher vielleicht eine deutlichere Vorstellung als irgendwo von der ehemaligen Pracht ägyptischer Tempel durch die in einem so offnen Raume, wie schon gesagt, fast wunderbare Erhaltung der lebendigsten Kolorierung gibt. Keine der herrlichen Säulen dieser Halle ist der andern gleich, jede schimmert in verschiednem Farbenglanze; jede entfaltet andre überraschende Zierden der Form, alle aber vereinigen sich dennoch als ein Ganzes in vollständigster Harmonie. Die riesenmäßigen Figuren außerhalb auf den Wänden der Pylonen, deren ganze Höhe sie fast erreichen, sind zwar größtenteils durch den Fanatismus vandalischer Religionsschwärmer mühsam mit dem Eisen ausgemeißelt worden, doch leidet der Totaleffekt nur wenig dadurch, und einige der Götter und Helden prangen noch unversehrt in aller ihrer alten Schönheit. So leicht das Zerstören im Vergleich mit dem Schaffen ist, so scheiterte doch in Ägypten an den Riesenwerken dieser Giganten bis jetzt der persische wie der christliche Wahnsinn, immer wenigstens zur Hälfte," (S. 286)

In der Pforte, welche durch diese Pylonen führt, ließen die Chefs der französischen Expedition sowie die Gelehrten, welche sie begleiteten, eine lange Inschrift auf die linke, von Hieroglyphen freie Wand eingraben, und ein späterer Reisender dieser Nation hat alle anderen neueren Inschriften daneben vertilgen, die Wand glätten und mit schwarzer Farbe darüber schreiben lassen: «Une page de l'histoire ne doit pas rester barbouillée par des noms insignifiants.» – Wieviel englische Touristen mögen bei dieser diktatorischen Handlung zugrunde gegangen sein! Man hat indes bis jetzt die Anordnung respektiert, zu wünschen bliebe nur übrig, daß die Charaktere der eingemeißelten Namen der französischen Generale und Gelehrten, eben jene «page de l'histoire», von einer geschickteren Hand ausgeführt worden wären, da solche, Gänsepfoten mehr ähnliche Buchstaben, den kunstreichen Hieroglyphen und Bildern der Alten grade gegenüberstehend, einen Begriff von Barbarei hervorrufen, der mit dem hochtrabenden Inhalt der Inschrift zu komisch kontrastiert, um nicht ein unwillkürliches Lächeln zu erregen – um so mehr vielleicht, da jene ephemere Expedition so gar keine Folgen zurückließ. (S. 286)

"um beim Untergang der Sonne die Aussicht von der obersten Plattform zu genießen, die gewiß zu den originellsten in der Welt gehört. Unter uns breiteten sich, von den Fächern der Palmen umwogt, der Säulenwald und alle die Pforten, Pylonen, Höfe und Mauern Philaes aus, bedeckt mit tausend Götter- und Heroenbildern, von welchen einige, mit dem Fuß fast auf der Erde ruhend, doch mit dem Haupte noch bis zu uns hinaufreichten. Genau ersichtlich war hier der Plan des ganzen Baues wie auf einer Karte, umzogen vom Nil, der nach Ägypten zu einen toten See voll dunkler, abenteuerlicher Granitfelsen bildet. Einer unter diesen, auf welchen in den Stein gehauene Stufen hinanführen, gleicht einem kolossalen Königsthrone. Zur Lehne dient ihm eine mit Hieroglyphen und Bildern geschmückte Tafel, und ein ungeheurer, wie in der Luft schwebender Block formt seinen Baldachin. Von Nubien aus strömt dagegen der mächtige Fluß mit eiligem Laufe im eng zusammengedrängten Bette heran, von wenigen Palmengruppen eingefaßt, zwischen welchen sich links einige verlaßne weiße Moscheen, rechts, auf der grotesk gezackten Steininsel Bithié, die Ruinen eines andern antiken Tempels zeigen, wie denn überhaupt in ältester Zeit hier wahrscheinlich eine ganze Masse davon verteilt waren, daher es auch sehr problematisch bleibt, wo der Gott oder vielmehr nur, wie die Fabel sagt, der wesentlichste Teil desselben begraben wurde. Dicht hinter den schmalen Uferstreifen erheben sich dunkle Felsenmauern in fast gleicher Höhe auf beiden Seiten des Stroms, in deren Spalten…"(S.289)

Der Nil nimmt nun immer mehr einen von dem bisherigen sehr verschiednen Charakter an, der jedoch bald ebenso einförmig wird als der frühere. Während er in Unterägypten durch ewig flache grüne Ufer, fruchtbare Ebnen und weit hingedehnte Palmenhaine fließt, in Oberägypten meistens in einem zwar gleich fruchtbaren, aber schon weit engeren Tale strömt, das rechts und links die niedrigen Ketten des libyschen und arabischen Gebirges begrenzen, ist er jetzt im schmalsten Bette andauernd von schwarzen, chaotisch übereinander geworfnen Felsen eingeschlossen, die aus lauter einzelnen, von den Fluten aufgetürmten Blöcken zu bestehen scheinen, und an deren Saume nur selten hinlänglicher Raum für einige Kultur und Palmengruppen übrigbleibt. Gewöhnlich erblickt man dann zwischen diesen ärmliche Dörfer mit schwarzen nackten Gestalten, die wenig Teilnahme an dem zeigen, was um sie her vorgeht; oder man wird in der Öde durch die kolossalen Trümmer antiker Tempel überrascht, die in ungestörter Einsamkeit ihre dunklen Säulen gegen den blauen Himmel abzeichnen und durch ihre Menge verkünden, welch reges Treiben einst diese jetzt so verlassenen Ufer belebt haben muß.

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Weit anziehender als diese Massen ohne Kunstwert ist ein Speos (kleiner in den Felsen eingehauener Tempel), der sich eine Viertelstunde nördlich von hier tiefer im Lande befindet und die Ringe des Sesostris trägt. Der einzige Saal wird nur von zwei aus dem Felsen selbst herausgearbeiteten, kurzen flach kannelierten Säulen getragen, derengleichen man nur in den ältesten Bauten Ägyptens und Nubiens findet und die vielleicht das erste Vorbild des späteren dorischen Stiles gewesen sind. Die Hieroglyphen auf den Säulen wie an der Decke sind nur gemalt und die sitzenden Figuren in den Nischen gänzlich verstümmelt. Die schönsten Skulpturarbeiten aber schmücken die Felswände des sonst ganz einfachen Vorhofes.

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Der Felsentempel von Yerf-Hussein ist mir als einer der merkwürdigsten im ägyptischen Reiche vorgekommen, da ich nach der Belehrung des Augenscheins überzeugt bin, daß er trotz der Ringe des dritten Ramses oder Sesostris, die man auf den Kolossen des Vorbaues und auf den zerstörten Sphinxen und Statuen findet, welche die von der Flußseite hinansteigende großartige Treppe zierten, doch einer ungleich älteren Epoche angehört und vielleicht tausend Jahre vor Ramses schon existierte. Es scheint unmöglich, daß ein und dieselbe Zeit Werke von so heterogener Natur, als die Monumente von Theben und dem nahen Ypsambul mit diesem Tempel darbieten, hätte hervorbringen können – dort an beiden Orten die Vollendung höchster Kunst, hier nur ihr plumper, noch unbeholfner, aber bereits alle Elemente düstrer Großartigkeit in sich enthaltender Anfang. (Seite 301)

Während unsres Aufenthalts langten drei ganz mit Sklaven angefüllte Barken von Dongola hier an. Es ist dies schon die vierte Karawane schwarzer Sklaven beiderlei Geschlechts, der wir seit Assuan begegnen, sonst nur den erwähnten Franzosen, welche die einzigen Touristen auf dem Nil waren. (Seite 302)

Ypsambul Den 10. April Wir sahen uns genötigt, wieder zum Ziehen der Barke durch Menschen und zum notwendigen Pressen der Eingebornen zu diesem Dienst unsre Zuflucht zu nehmen, womit man freilich nicht schnell vorwärts kommt. Auch entwischten häufig die Gepreßten unserm Kawaß, was langen neuen Aufenthalt verursachte. So erreichten wir erst spät nach Mittag den Tempel von Hamada, der von geringem Umfang, aber größter Schönheit aller Details und aus der besten Zeit der Pharaonen ist. Schade, daß der Sand der Wüste ihn so tief verschüttet hat, daß man bequem vom Boden auf sein Dach steigen kann, das hier aus doppelten übereinander liegenden Steinblöcken, jeder von zwei Fuß Dicke, besteht.

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In der Mitte dieser soliden Decke haben die Kopten, welche den Tempel eine Zeitlang als Kirche benutzten, ein weites Loch gebrochen, um eine Art weißgetünchter Kuppel aus Erdziegeln darauf zu stülpen, die einem Taubenhause gleicht, wie die meisten dieser Arbeiten aber schon wieder zur Hälfte eingefallen sind. Man bemerkt in diesem Tempel, dessen Inneres (in das man durch ein enges Loch kriechen muß) weniger mit Sand angefüllt ist, als es die äußere Verschüttung erwarten läßt, ähnliche kannelierte Säulen ohne Kapitäl mit bloßer Deckplatte wie in dem Speos zu Kalabsche und findet nur die Ringe ältester Pharaonen darin, vom Geschlechte Thutmosis' III., der für den König Moeris des Herodot gehalten wird, Ammenophis' II. und einiger andern. Mit Champollions Tafel in der Hand ist es jetzt jedem leicht geworden, der sich nur die Mühe der Vergleichung geben will, die meisten dieser Ringe zu erkennen, frühere Reisende hatten es nicht so bequem. (Seite 304)

Der Sonnenuntergang spielte an diesem Abend unter Doerrs hohen Palmen mit unnachahmlichen Farben. Der ganze Himmel schien ein zerflossner Regenbogen, in dessen Mitte die junge Mondessichel, nicht gelb wie bei uns, «gleich einem Eierdotter», wie Schefer singt, sondern brennend smaragdgrün wie ein Goldkäfer glänzte. Auch der Nil rollte heut nur bunte Wellen, und selbst der graue Wüstensand hatte sich in Rosa- und Silbersand verwandelt. (S.305)

Nicht ohne gespannte Neugierde nahten wir den alten Denkmälern von Ypsambul, oder eigentlicher Abu-Simbel. Seit Burkhardt diese erhabensten aller Felsentempel in Afrika aufgefunden und Belzoni mit unermüdlicher Geduld sie geöffnet, wobei er wochenlang zubrachte, um das Riesentor des größten nur zur Hälfte vom Sande zu befreien – in welchem Zustande es auch noch jetzt ist –, setzen die beharrlichsten der Touristen ihre ägyptische Expedition häufig bis hierher und auch wohl bis zu den nicht mehr weit entfernten Katarakten von Ouadi-Halfa fort, aber darüber hinaus dringt seltner ein Fremder. (Seite 306)

Die Wirkung der gegen siebenzig Fuß hohen vier Kolossen an der Fassade des größten Tempels, die in majestätisch heitrer Ruhe, die Hände behaglich auf die Knie gelegt, in ihrer 100 Fuß hohen, 115 Fuß breiten und 24 Fuß tiefen geglätteten Felsennische dicht am Wasser sitzen und als des unterirdischen Heiligtums treue Wächter hier schon über dreitausend Jahre lang unverrückt harren und sich das Spiel der Wellen beschauen, ergreift vielleicht manche Einbildungskraft noch gewaltiger als die Säulen- und Obeliskenwälder Thebens.

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Die Kompositionen nähern sich oft dem naiven Sinne unsrer altdeutschen Maler, einige erreichen die Vollkommenheit der Antike. [...] 

Die innere Einrichtung dieses zweiten troglodytischen Monuments ist der des andern gleich, und die außerhalb an die Wand gelehnten Kolosse des Königs und der Königin schienen mir noch vollendeter gearbeitet als die des größern Tempels, besonders sind die üppigen und zarten Formen der weiblichen wie die Durchsichtigkeit und der schöne Faltenwurf der Gewänder merkwürdig gelungen bei so kolossalen Verhältnissen. Eine liebliche Wirkung macht es auch, daß an den Knien der Eltern Söhne und Töchter gruppiert sind. Diese Anordnung bereichert das Ganze und mildert den strengen Ernst der Riesenbilder durch gemütlichere Gefühle." (S.309)

Empörend ist es aber zu sehen, wie schamlos neuere Besucher diese Bildwerke durch die obszönsten Zusätze, mit Kohle und selbst mit schwarzer Ölfarbe sorgsam gezeichnet, herabgewürdigt haben. Wahrlich, der niedrigste der Eingebornen würde sich keine solche Gemeinheit zuschulden kommen lassen, und es ist schmachvoll zu denken, daß Menschen, die so weit aus dem gebildeten Europa hierherkommen, solche Spuren ihrer Anwesenheit zurücklassen können!

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Die letzte derselben, ganz abgesonderte, enthält eine wunderbar erhaltene, völlig unbeschädigte Figur, die mir zu den reizendsten Schöpfungen ägyptischer Kunst zu gehören scheint. Es ist ein junges aufrecht stehendes Mädchen von rührender Schönheit mit einem tief schwermütigen Ausdruck im Antlitz; die gefalteten Hände ruhen herabgesunken in ihrem Schoß und, wie über ihren eignen frühen Tod trauernd, schaut sie, ein Bild klagender, aber engelgleicher Unschuld, sinnend vor sich nieder in die rastlos vorüberströmende Flut. Auch die Gegend um Abu-Simbel hat den eigentümlichen Charakter durch die besondere Form ihrer Felsen, (S. 311)

Ritt durch die Wüste nach Dongola, Samneh, Dal, Saki-el-Abd

"Unweit davon liegen die Reste einer alten Stadt, die man für Tasitia hält." (S. 317)

Eine Siedlung mit primitiven Hütten:

Sie sind sämtlich aus in der Sonne getrockneten Erdziegeln gebaut, und zwischen ihnen steht auf einem isolierten Felsen ein kleiner, aber zierlicher Tempel mit den Ringen der Pharaonen Ortoasen III. und Thutmosis IV. Gegenüber an dem rechten Ufer des Nils erblickt man die Trümmer eines andern größeren, aber weit mehr zerstörten Tempels, die wir aus Mangel eines Kahns zum Übersetzen diesmal nicht besuchen konnten und für später aufhoben. Die Skulpturen und Hieroglyphen des kleinen Tempels, der nur ein einziges, korridorähnliches Zimmer enthält (denn Saal kann man es nicht nennen), sind zum Teil sehr graziös, auch einige Farben, namentlich das Blau der Decke mit ihren gelben Sternen noch leidlich erhalten, doch hat man in späterer Zeit mitten auf die alten Figuren der äußern Fassade eine lange Hieroglyphenschrift eingemeißelt, die so elend gearbeitet ist, daß koptische Christen sie nicht schlechter hätten machen können. Auch hier findet man zwei jener kannelierten altägyptischen Säulen wieder, welche den dorischen gleichen. Es sind die einzigen, welche der Tempel gehabt zu haben scheint, der auf der Flußseite auch noch mit einer Art Galerie, von vier Pfeilern gestützt, verziert ist. Eine Reihe Felseninseln zieht sich von hier quer durch den Fluß bis zu dem andern Tempel hin, und die meisten derselben tragen Reste alter Mauern, wahrscheinlich befestigte Schlösser, die hier den Fluß mit Leichtigkeit zu sperren vermochten. Ein englischer Reisender ist dadurch auf die Vermutung gebracht worden, daß dies die vom Wasser umgebenen Schlösser seien, welche auf einem der Schlachtbilder in Theben vorkommen. Obgleich diese Bestimmung etwas gewagt erscheint, so ist doch so viel gewiß, daß des Ramses Eroberungen sich nicht nur bis hierher, sondern auch noch ungleich weiter nach Süden erstreckt haben müssen, wovon mehr Beweise übrig geblieben sind als von den nach Norden gerichteten. (S.318)

Gleich Herrn Cadalvene begegneten wir aber auch auf diesem Punkte einer großen Sklavenkarawane aus dem Innern. Doch konnten wir darüber nicht dieselben Bemerkungen machen als er. Herr Cadalvene sah, nach seiner ihn in Ägypten selten verlassenden trüben Stimmung, alles dabei ebenso schwarz wie die Farbe der Sklaven selbst und diese daher nur gleich verzweiflungsvollen Jammergestalten vorüberziehen, während wir sie lachend und uns in ihrer Sprache Scherze zurufend wohlgenährt, hinlänglich für dies Klima, wo die meisten nackt gehen, gekleidet und ohne alle Spuren von Kummer oder Sorge ihren Weg rüstig verfolgen sahen. Warum die Sachen so übertrieben und anders darstellen, als sie wirklich sind? Sklaverei, abstrakt genommen, ist bei einem gebildeten Zustande der Gesellschaft gewiß etwas Empörendes – niemand widerspricht dem. Aber daß das individuelle Los der hiesigen Sklaven – den Zustand ihrer Bildung und ihrer Gewohnheiten ins Auge gefaßt – so unsäglich traurig und jammervoll sei, selbst während der schlimmsten Periode, der ihres Transports nach Kahira, muß ich nach allem, was ich so vielfach selbst davon sah, gänzlich bestreiten. Denn daß sie halb nackt sind, daß sie da, wo sie nicht auf dem Nile fahren können, wenn sie nicht krank sind (wo man sie reiten läßt), zu Fuß gehen müssen und daß sie nur Durrabrot und hie und da etwas Gemüse oder Datteln mit Nilwasser zur Nahrung erhalten, ist nur dasselbe, was allen diesen ebenso mäßigen als armen Völkern hier überall gemein ist. Sobald sie aber verkauft sind, wird im Orient ihr Los in der Regel weit besser, ja oft glänzend." (S.318)

"Ich sage freie Sklavenarbeit, weil unser Industrieland an vielen Orten Europa, die Leiden der Sklaverei vollkommen aufwiegt, ja sie oft noch übertrifft und ebenso demoralisierend wirkt. Ich bin dem ungeachtet weit entfernt davon, der Sklaverei das Wort reden zu wollen, ich meine nur, daß der Orient in der Bildungsperiode, worin er steht, und bei seinen von den unsern so ganz abweichenden Verhältnissen auch hinsichtlich der dort bestehenden Sklaverei nicht zu einseitig von uns beurteilt werden darf." (S. 320)

Ein erfrischendes Bad im Nil mit einem natürlichen schwarzen Granitthron daneben, um mich darauf aus- und anzuziehen, beschloß mein idyllisches Tagewerk; ich war aber nicht wenig betreten, als ich den Fluß verlassend dicht neben der gewählten Badestelle die ganz frische Spur eines enormen Krokodils erblickte, so schön wie eine ägyptische Hieroglyphe auf dem glatten und weichen Ufersande abgedrückt. [...]

Es werden jetzt jährlich viele tausend Kamele aus den äthiopischen Ländern für Ägyptens Gebrauch geliefert und die Konsumtion der Sklaven ist noch größer. [...]

Der dieser kühlen Nacht folgende Tag war der heißeste, den wir bisher gehabt, 35 Grad Reaumur im Schatten."  (S.321)

"Das belustigendste Schauspiel für mich jeden Abend ist das Aufladen der Kamele, welches in der Regel von vier bis sechs Uhr andauert. Die Manieren dieser originellen Tiere mit ihrem Giraffenkopf, ihrem Schwanenhals, ihrem Hirschleib und Kuhschwanze nebst dem grotesken Höcker und den Hinterbeinen, die sie, wie mit Scharnieren versehen, so geschickt und taktmäßig in drei Teile zusammenlegen, sind zu komisch, um sie ohne Lachen mit ansehen zu können. Wie ungezogene Kinder schreien und quieken diese Tiere bei jeder Berührung, sehen immer im höchsten Grade melancholisch und empört aus, verlieren aber doch während ihres Ärgers keinen Augenblick, um dazwischen wieder emsig zu käuen, welche Operation, da sie nur die untere Kinnlade dazu in gleichem Tempo mit großer Ernsthaftigkeit rechts und links bewegen, ihnen ganz die Allüre eines alten Weibes gibt, das mit schlechten Zähnen vergeblich eine Brotrinde zu kauen versucht. Ihre Zähne sind indes nur zu gut, und wenn sie sich in der Brunst befinden, ist ihr Biß so fürchterlich, daß man uns in Kahira erzählte: im vorigen Jahre habe ein Kamel dem Offizier der Wache am Tore des Friedens den Kopf abgebissen. Ich selbst sah sie nur mit Verwunderung die Äste der Mimosen samt deren eisenfeste, fünf Zoll lange Stacheln so unbesorgt abbeißen und kauen, als seien es Salatblätter." (S.328)

 "Noch immer begegneten wir Karawanen von Kamelen und von Sklaven. Eine der letzteren hatte sich sehr malerisch in einem Garten neben den Ruinen von Sedenga gelagert und belustigte uns, als wir mitten durch sie hinzogen, durch eine Gruppe ausgelassner Mädchen, die uns auf alle Art und Weise verspotteten, wozu unsre weiße Farbe und unser fremdartiges Kostüm ihnen die beste Gelegenheit gaben. Auf unsre Frage: ob eine der mutwilligsten und hübschesten darunter zu verkaufen sei? – ward nur mit einem barschen «Nein!» geantwortet, denn die Sklavenhändler aus dem Innern schienen einen ebenso großen Abscheu vor den ungläubigen Christenhunden zu haben als die Sklaven selbst. Ich bin überzeugt, daß kein Individuum dieser ganzen Gesellschaft, wenn wir es ihm hätten anbieten können, mit uns getauscht haben würde. – Alles in der Welt beruht auf Meinung!" (S.333)

(Fortsetzung)

14 Juni 2024

Fürst Pückler-Muskau: Aus Mehmed Alis Reich

 Hier arbeiteten eine große Menge Fellahs, Männer, Weiber und Kinder, deren Lohn der Vizekönig bei allen öffentlichen Arbeiten eben um einen halben Piaster erhöht hatte. Da ich in den meisten Relationen über Ägypten die kläglichsten Jeremiaden über das Elend dieser unglücklichen Klasse gelesen hatte, so war ich nicht wenig verwundert, meistens kräftige, gesund aussehende und lustige Menschen zu finden, die singend und lachend ihre Arbeit verrichteten, von den Aufsehern höchst nachsichtig behandelt wurden und selbst das Bakschis (Trinkgeld), um das sie uns ansprachen, nur im Scherz zu verlangen schienen. Ihr Ansehen war allerdings zerlumpt, aber wo sieht man es im Orient wie auch in Griechenland anders? Das Klima verlangt so wenig, und Ordnung und Reinlichkeit gehört noch nicht zu den Tugenden dieser Länder. Ich habe später diesem Gegenstand fortwährende Aufmerksamkeit geschenkt und die feste Überzeugung gewonnen, daß die hiesigen Fellahs im Vergleich mit manchen andern ihrer Kameraden in Europa, zum Beispiel den irländischen Bauern, welche doch Untertanen des erleuchtetsten Gouvernements in der zivilisierten Welt sind, oder den armen Webern im Vogtlande, von denen ich erst heute, im Jahre 1843, in den Zeitungen las, daß sie ihren täglichen Verdienst höchstens auf zwei Gröschel bringen könnten, und wenn ihre einzige Nahrung, die Kartoffeln, fehlschlugen, dem Hungertode nahe kämen – daß, sage ich, diese Fellahs sich, obgleich mancher Härte und Willkür ausgesetzt, die ich nicht ableugnen will, doch immer noch in einer Lage befinden, welche viele unsrer Proletarier oft beneiden könnten. [...] (S.28)

Die Häuser der Fellahs sind meistens kleine Hütten von an der Sonne gedörrten Lehmsteinen oder auch nur von getrocknetem Lehm aufgeführt, ohne eine andere Öffnung als die Türe. Aber diese Wohnungen sind meistens dicht und warm im Winter, immer vor leichtem Regen und Unwetter, was ohnedem so selten hier eintritt, geschützt, schattengebend im Sommer und geräumig genug für die geringen Bedürfnisse dieser Leute, während in Griechenland selbst die Wohlhabenderen unter den Landleuten selten ein Dach besitzen, das nicht Schnee und Regen durchließe, und erinnert man sich vollends der von erstickendem Rauch angefüllten Schweineställe, in denen die armen Irländer hungern und die in jenem verhältnismäßig so kalten Klima fast gar keinen Schutz gewähren, so richtet sich das Mitleid nach einer ganz andern Seite. Die Fellahs sind arm; aber in den geringsten Dörfern Ägyptens, wo ich hinkam, fand ich fast immer Brot, Milch, Butter, Käse, Eier, Gemüse in Fülle, auch Geflügel, in den größeren selbst Schlachtfleisch, was man uns gern für einen sehr billigen Preis zum Verkauf anbot, sobald nur kein Gouvernementsbeamter dabei war, deren Raubsucht allerdings zu den Kalamitäten Ägyptens gehört – während in Griechenland häufig Zwiebeln und ein fast ungenießbares Maisbrot das einzige sind, was man sich verschaffen kann, auch die Leute selbst dort in der Regel von gleicher Kost leben müssen wie in Irland von Kartoffeln und Whiskey. Endlich hörte ich noch nie, daß ein Fellah verhungert sei, was zur Schande der Menschheit bei den irländischen Bauern notorisch schon öfters vorgekommen ist und vielleicht heute noch möglich sein mag. Die Fellahs sind ferner höchst elend gekleidet, aber auch hier ist der Vergleich zu ihrem Vorteil, denn erstens bedürfen sie bei dem milden Klima fast gar keiner Kleidung; zweitens habe ich bis jetzt noch nicht gesehen, daß die hiesigen Weiber, gleich den irländischen Frauen und Mädchen der gemeinen Klasse, nicht einmal Lumpen genug besaßen, um ihre Blöße soweit zu bedecken, als es die Schamhaftigkeit gebietet. Im Gegenteil erblickt man die Weiber der Fellahs, wenn auch oft in zerrissenen Gewändern, doch immer wie die übrigen Morgenländerinnen bis an den Mund verhüllt, wozu sie meisten 5-6 Goldstücke, in einer Reihe vorn vom Antlitz bis auf die Brust herab aufgenäht, tragen, was ebenfalls mit der bodenlosen Armut nicht recht übereinstimmen will, von der unsre philantropischen Reisenden uns ein so abschreckendes Bild entwerfen, weil sie wohl den Strohhalm im fremden Auge, aber den Balken im eigenen nicht sehen. Ich glaube, daß mitten in Paris und London teilweise gräßlicheres Elend nachzuweisen ist, als in ganz Ägypten gefunden werden kann. Auch hörte ich nie von Selbstmorden, die bei uns so häufig sind, und die außerordentliche Abneigung der Fellahs, Soldaten zu werden, die sie zu den grausamsten Selbstverstümmlungen treibt, ist gleichfalls kein Beweis, daß sie sich in ihrem jetzigen Zustande so überschwenglich elend fühlten. [...] (S.28)

Der größte Teil der europäischen Kaufmannschaft zum Beispiel, namentlich in Alexandrien, ist dem Vizekönig aufsässig, aus Brotneid, weil er als einziger Kolossalkaufmann seines Landes sie durch sein System verhindert, die unwissenden Ägypter nach Belieben im freien Handel zu bevorteilen, und dies wohl zum Teil selbst übernimmt, überdies aber die Spekulanten mit überlegner Schlauheit [...] (S.30)

endlich in ehrlichen, aber imbezillen Philantropen, meistens Engländern, die, sobald sie einen Mann ohne Hosen am Leibe und aller Wahrscheinlichkeit nach auch ohne Roastbeef im Magen antreffen, Zeter schreien und die Grausamkeit des Pascha verwünschen, der solche Greuel veranlasse, ohne dabei zu untersuchen, welche Schuld bei allen hiesigen Mängeln den gebieterischen Umständen, eingewurzelten Mißbräuchen und unbesieglichen Nationalfehlern beizumessen ist und welche dem Willen des Pascha. – Noch weniger aber denken sie daran, daß es bei ihnen selbst oft viel schlimmer in dieser Hinsicht hergeht, ohne daß dieselben Entschuldigungsgründe stattfinden. [...] (S.30)

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aber so viel rate ich doch wohlmeinend jedem Fremden: Er höre, wenn er nach Ägypten kommt, auf kein Geschwätz, es komme von seinem Konsul oder seinem Schneider, sondern er sehe selbst, unterrichte sich selbst und urteile dann auch selbst. Es gibt einen neueren Reisenden, der in fließendem Stil und nicht ohne Darstellungstalent alles, gleich Evangelien, niedergeschrieben hat, was ihm seine guten Freunde und sein Dragoman teils erzählend, teils angeblich übersetzend über Mehemed Ali und den Zustand Ägyptens aufbanden. Einem solchen Werk kann man in Europa Beifall und Glauben schenken – denn was weiß dort die Masse vom Orient? Wir sind wahrlich über die dortigen Verhältnisse und Zustände noch heute ebenso unwissend, als es die Franzosen unter Ludwig dem Vierzehnten über alles außer Frankreich waren, und die ganze Welt hat leider hiervon die kläglichsten Beispiele im größten Maßstabe erst kürzlich gesehen, wird auch die Folgen noch lange zu bejammern haben; – wer aber in Ägypten mit solchen Büchern in der Hand reist und die geringste Ader eines Beobachters in sich hat, der möchte oft zweifelhaft werden, ob nicht das Ganze eine Mystifikation sei und die Verfasser, mit Champollion, Burkhard, Belzoni, Cailliaud usw. nebst einigen historischen Werken auf ihrem Schreibtische, ganz ohne diesen zu verlassen, Ägypten beschrieben haben.

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Da eine der größten Schwierigkeiten, mit denen der Vizekönig zu kämpfen hat, in der Immoralität seiner Behörden, ihrer Raubsucht und Bestechlichkeit besteht, deren üble Folgen dann von kurzsichtigen Reisenden alle dem Herrscher selbst beigemessen werden, so versuchte er, die türkischen Ortsvorsteher auf dem Lande durch arabische abzulösen. Der Erfolg hat aber der Absicht so wenig entsprochen, daß man wahrscheinlich zu den ersten wird zurückkehren müssen, die, wie sich einer meiner Berichterstatter in dieser Angelegenheit ausdrückte, «immer noch dezenter gestohlen hätten als die letztern». Mehemed Ali kennt dieses Grundübel in seiner Administration sehr wohl, aber eben dessen Allgemeinheit wie manche andre politische Gründe, die seine ungewisse Stellung zur Pforte und zu Europa mit sich bringen, machen die Ausrottung desselben höchst schwer.

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Seine Hoheit erhält überdem alle männlichen Kinder der Seeleute und gewährt ihnen vom Augenblick der Geburt an eine volle Ration, dieselbe wie dem Vater, nebst fünf Piaster monatlich an Geld. Die

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Schiffskapitäne gibt es erster und zweiter Klasse. Die der ersten sind Beys und haben den Rang als Obersten in der Armee; die zweiter Klasse den eines Oberstleutnants.

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Diese kurzen, aber ganz zuverlässigen Nachrichten werden genügen, einen richtigen Begriff von dem Belang der Seemacht Mehemed Alis zu geben, und verbunden mit dem, was ich im Verlauf dieses Werks über die Landarmee, den Länderumfang, die Einkünfte und Ressourcen des ägyptisch-nubisch-syrischen Reiches (wie es damals war) noch zu berichten haben werde, berechtigten sie mich wohl zu dem Glauben, daß es nur eine allen Parteien nachteilige Anomalie herbeiführe, einem Manne, welcher de facto ein mächtiger selbständiger Monarch ist, fortdauernd in der offiziellen Stellung eines abhängigen Pascha erhalten zu wollen. Ich dachte mir beim Anblick dieser großen, reellen Macht, daß wir in Europa mehrere Könige haben, deren Königreich kaum einer Provinz des Pascha an Umfang gleich kommt, so wie ihre Einkünfte nicht den zehnten Teil der Mehemed Alis erreichen, und so viel andere Souveräne außerdem, die nicht einmal mit einem Statthalter Mehemed Alis, wie zum Beispiel denen von Kandia und Sudan, an Macht und Glanz wetteifern können, ja von denen einige in der Tat nur als umfassungsreichere Grundbesitzer, wie es zum Beispiel die Herzöge Englands sind, mit einer von Gottes Gnaden hinzugefügten Souveränität erscheinen. Es mußte daher fortwährend zu gewaltsamen Folgen führen, daß ein so unnatürliches Verhältnis wie das jetzige aufrechterhalten wurde, und eine gesunde Politik hätte vielleicht einen solchen Zustand wohl nicht einmal zu erhalten wünschen sollen, selbst die der Pforte nicht, der ein mächtiger, durch gleiche Religion und folglich in der Hauptsache (Erhaltung der muselmännischen Herrschaft überhaupt) auch durch gleiches Interesse verbundener, unabhängiger Freund nötiger tut als ein – solange er seine Selbständigkeit nicht erreicht hat – stets gefährlich ihr gegenüberstehender Vasall, der es nur dem Namen nach ist und der an reeller kompakter Gewalt sie schon einmal weit überragte.

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Es kamen neulich zwei englische Mädchen nach Ägypten, die einen Prospektus austeilten, worin sie versprachen, gegen gute Bezahlung die Weiber in den Harems auf europäische Weise zu bilden, nach welcher Vervollkommnung die muselmännischen Ehemänner jedoch wenig Lust bezeugten.

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Herr Reinlein lebt und webt nur in Musik und Theater, und da ich glaube, daß eine große Passion dieser Art, wenn sie hinlängliche Befriedigung findet, einen wahren Teil des Lebensglückes ausmacht, so ist Herr Reinlein nur dazu Glück zu wünschen; denn die Reiter auf Steckenpferden sind immer mehr zu beneiden als die, welche den Pegasus oder das Schlachtroß des Ehrgeizes wählten.

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In den äußern, dem Publikum offnen Gärten dieses Palastes, welche nach allen Seiten hin einen sehr großen Raum einnehmen, aber, wie fast alle Gärten des Orients, bloß verzierte Gemüse- und Obstplantagen sind,

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Von vielen Tausenden junger Ölbäume zum Beispiel, die er vor einigen Jahren gratis verteilen ließ, steht fast kein einziger mehr, weil man sie auf liederliche Weise pflanzte und dann nicht im geringsten unterhielt.

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Die Hauptpracht der Muselmänner ist immer für den Harem reserviert; dieser Teil der Residenz blieb uns aber unzugänglich, da leider einige der ausrangierten Damen hier zurückgeblieben waren.

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der berühmte schwedische Naturforscher Hedenborg, der vor Russegger der Region der Mondgebirge von allen Reisenden am nächsten gekommen ist und dies ohne alle Unterstützung der Behörden, seitdem jedoch durch eine schwere klimatische Krankheit, von der er sich noch bis jetzt nicht völlig erholen konnte, einstweilen untätig geblieben ist.

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Die Arbeiter beiderlei Geschlechts, Kinder und einige Greise für die leichtere, Erwachsene für die schwerere Arbeit, verdienen hier täglich, wie ich aus ihrem eignen Munde hörte, einen bis vier Piaster, was in diesem wohlfeilen Lande unserm Tagelohn völlig gleichkommt. Sie verrichten ihr Tagwerk in großen, luftigen und reinlichen Sälen, sind weit besser gekleidet als die Fellahs außerhalb, und es war mir eine Freude zu bemerken, wie gesund und heiter sie aussahen und mit welcher Milde sie durchgängig von den Aufsehern behandelt zu werden schienen.

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Man hatte durch einen glücklichen Verrat erfahren, daß in drei Tagen, bei Gelegenheit einer großen Revue, die Mehemed Ali angeordnet, die Mamlucken mit ihrer ganzen Macht dort über ihn herzufallen beabsichtigten, um ihn womöglich mit allen seinen Getreuen auf einen Schlag zu beseitigen. Es galt, ihnen zuvorzukommen, wozu man offen nicht die Macht besaß, und doch war kein Augenblick Zeit mehr zu verlieren. Jedermann kennt das verzweifelte Auskunftsmittel, dessen man sich bediente, doch herrschte über die Details in Europa viel Irrtum. So stellt zum Beispiel das durch Kupferstiche überall verbreitete Gemälde Forbins die Szene so dar, als habe ihr Mehemed Ali, seinen Nargileh gelassen rauchend, wie einem Theaterstück zugesehen. Die Wahrheit ist aber, daß er gar nicht dabei gegenwärtig war, noch, der Lokalität nach, füglich sein konnte. Sobald die Beys Abschied von ihm genommen hatten und sich im Hofe auf ihre Pferde schwangen, sagte Mehemed Bey zu ihm: «Nun ist deine Rolle vorüber und meine beginnt, ich beschwöre den Pascha, sich in sein Harem zurückzuziehen.» Dies geschah sogleich, und Augenzeugen, Eunuchen aus dem Serail, haben mich versichert, daß der Vizekönig, verstört und schweigend, in großer Gemütsbewegung den Ausgang abwartete, kein Wort sprach, nur mehrmals kaltes Wasser zu trinken begehrte, während der Lärm des Schießens und der Tumult der reiterlosen Pferde mit dem Angstgeschrei der Fallenden von fern zu seinen Ohren drang. Dies ist auch nur menschlich wahrscheinlich, und Mehemed Ali wahrlich so wenig blutdürstig, als es Napoleon war, aber er ist auch kein Ludwig der Sechzehnte und scheut daher selbst Blutvergießen nicht, wo es sein muß und wo es, zu rechter Zeit angewendet, durch wenige Opfer später das Leben Hunderttausender erspart, ja oft das künftige Heil ganzer Nationen begründet, während weichliche Unterlassung sie nicht selten zugrunde gerichtet hat.

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In späterer Zeit zeichnete sich Mehemed Bey noch durch eine andere, nicht weniger kühne Tat aus, indem er einen Abgesandten des Sultans, der in Abwesenheit Mehemed Alis nach Kahira kam, um ihm die seidne Schnur zu überbringen, ohne langes Besinnen noch Einholen einer Instruktion, provisorisch den Kopf abschlagen ließ.

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in Europa aber hat nur Frankreich Anspruch auf solchen Ruhm durch die Eroberung Algiers, deren noch unberechenbare Folgen für die künftige Welt, selbst wenn Algiers jetzige Abhängigkeit von Frankreich im Laufe der Zeiten aufhören sollte, doch immer einen Glanzpunkt in der Geschichte der Franzosen begründen werden. Sie möchten sogar höher in manchem Bezuge anzuschlagen sein, als alle fruchtlos und ephemer gebliebenen, wenngleich des militärischen Ruhmes so vollen Überrennungen Napoleons.

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ein kleiner freundlicher Greis vor mir, dessen kräftige, wohlproportionierte Gestalt nur durch eine fast kokett zu nennende Frische und Reinlichkeit geschmückt war; dessen Gesichtszüge aber ebensoviel ruhige Würde als wohlwollende Gutmütigkeit aussprachen, und der, obgleich seine funkelnden Adleraugen mich durch und durch zu schauen schienen, doch durch die Grazie seines Lächelns wie die Leutseligkeit seines Benehmens nur unwillkürliche Zuneigung und nicht die mindeste Scheu einflößte.

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Überdies ist nichts leichter, als vom Vizekönig Gehör zu erhalten. Kein Herrscher kann zugänglicher sein und weniger Maßregeln für seine persönliche Sicherheit nehmen als Mehemed Ali, der sich täglich jedem Versuche unbesorgt preisgibt, den ein Fanatiker auf sein Leben zu richten beabsichtigen könnte. Wie möchte er dies wagen, wenn er der Tyrann wäre, den alberne Unwissenheit und bösartige Absichtlichkeit in Europa so häufig aus ihm machen wollen!

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dieser Blick doch zuweilen, besonders in den Momenten, wo er sich unbemerkt glaubt, einen ganz eignen Ausdruck bittren Mißtrauens annimmt, bei dem dann das etwas unheimlichere türkische Element, von dem ohne Zweifel der Vizekönig auch einen guten Teil besitzt, voll hervortritt. Man kann vielerlei in diesem Blick lesen, was vielleicht die Schattenseite seines Charakters ausmacht, womit ich jedoch keinen besondern Tadel aussprechen will; denn zu einem großen Manne gehören ebenso notwendig dunkle und helle Seiten, als bei jedem andern Sterblichen.

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Man darf weder Pfeife noch Kaffee noch irgend etwas, sei es auch nur ein Glas Wasser, empfangen (außer bei Tafel, wo alle Zeremonien wegfallen), ohne beim Nehmen und auch beim Wiederabgeben des leeren Geschirrs oder der Pfeife durch einen Gruß zu danken. Ja selbst der Wirt in seinem eignen Hause, sobald ein Vornehmerer als er bei ihm ist, grüßt diesen, dankend für alles, was ihm seine eigenen Diener servieren. So wird auch dem Vornehmsten immer zuerst präsentiert, er sei Wirt in seinem eignen Hause oder Gast in einem fremden.

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Es ist gar nicht nötig, rang- und titelsüchtig zu sein, um dies sehr unbequem zu finden, da man ebensowenig gedemütigt werden, als andere demütigen will, was bei dieser Unbestimmtheit ganz unvermeidlich, bei fester Rangordnung aber ganz unmöglich ist. Nur ein Narr kann sich darüber ärgern, wenn jemand das ausgesprochne, anerkannte Recht hat, sich in der gesellschaftlichen Stufenleiter als über ihm stehend anzusehen, er komme ursprünglich her, woher es sei;

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Einzelne Ausnahmen fallen indessen vor, da sein Wille immer Gesetz ist.

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Ich zweifle nicht, daß manche alle diese zeremoniellen Details sehr kleinlich finden werden, meines Erachtens gehören sie aber wesentlich zur Schilderung hiesiger Sitten und sind deshalb nicht überflüssig.

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Dies gab mir die natürlichste Gelegenheit, mein Erstaunen über die Wunder auszudrücken, die ich bereits in Alexandrien und Kahira gesehen, und ich bat im voraus Seine Hoheit, mir zu verzeihen, wenn der Enthusiasmus, den so Außerordentliches in mir erwecke, meinen Worten das Ansehen der Schmeichelei gäbe, da sie doch nur der treue Ausdruck meiner Empfindungen und der hohen Verehrung für einen Fürsten wären, der dem Orient jetzt das sei, was einst Peter der Große für Rußland gewesen, zu dessen jetzt so furchtbar angewachsener Land- und Seemacht dieser doch allein den ersten Grund gelegt.

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Mehemed Alis Wirken, solange es ungehemmt blieb, hat unbestreitbar die wichtigsten Grundbedingungen aller Zivilisation zuerst im heutigen Orient hervorgerufen: Ordnung, Sicherheit und das Erwachen einer höhern Industrie. Hiermit hat er, trotz hundert Fehler und Mängel, die Dankbarkeit der Geschichte verdient.

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Beim Abschied reichte mir Mehemed Ali, auf meine Bitte, nach europäische Weise die Hand, was hier allerdings nicht üblich ist, aber von ihm so herzlich aufgenommen wurde, wie es erbeten war, denn er freute sich der sichtlichen Verehrung, die er meiner leicht enthusiasmierten Natur wirklich eingeflößt hatte.

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Mein Refrain war immer, Mehemed Ali zu sagen, unsere erste Rechtsregel in Europa sei: beati possidentes! Er solle siegen und sich in festen Besitz setzen, so würde dieser bald von Freund und Feind anerkannt werden. Dies wäre wahrscheinlich auch geschehn, wenn er nicht zweimal seine Siege nur zur Hälfte benutzt und nachher wie vorher mit europäischen Mächten weniger negoziiert hätte.

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Das Klébersche Palais ist jetzt das Ministerium des öffentlichen Unterrichts, der Garten aber gehört zu dem prächtigen Palast der Tochter Seiner Hoheit, Witwe des berüchtigten Defterdars, dessen unerhörte Grausamkeiten noch im frischesten Andenken Fremder und Einheimischer in Kahira geblieben sind. Vieles hielt ich anfänglich für Fabeln, von der Mißgunst erfunden, bis ich durch die achtungswertesten und unparteiischesten Augenzeugen selbst das Unglaublichste bestätigen hörte. Es muß wohl prädestinierte Tigernaturen, wie Lammsnaturen, geben, wenigstens kann man die seinige nicht mit mehr Naivität zur Schau tragen, als es der Defterdar tat. Einst beklagte er sich im Gespräch mit dem französischen Konsul über die unbezwingliche Hartnäckigkeit der Beduinen. «Denken Sie», sagte er, «was mir neulich begegnet. Zwei dieser Kerls rühmten sich ihres Vaters gegen mich und nannten ihn einen Stier. ‹Gut›, erwiderte ich, ‹wenn Euer Vater ein Stier war, so muß Eure Mutter eine Kuh gewesen sein.›» «Glauben Sie», fuhr er fort, «daß ich diese obstinaten Menschen dahin bringen konnte, diesem ganz einfachen Räsonnement beizupflichten? Nichts war fähig, ihren Trotz zu beugen. Um sie ein wenig nachgiebiger zu machen, befahl ich zuerst, ihnen die rechte Hand abzuhauen, und stellte dann die Frage von neuem an sie. Da dies nichts fruchtete, die linke, dann einen Fuß nach dem andern, und immer blieben die Hunde dabei, ihr Vater sei ein Stier gewesen, aber ihre Mutter dennoch keine Kuh. Endlich verlor ich die Geduld und ließ, was von ihnen noch übrig war, in den Nil werfen, wo sie bis zum Untersinken, noch mit dem letzten Atem, trotzend stammelten: Keine Kuh!» Andere, gleich starke und leider ebenso wahre Anekdoten über diesen Unmenschen findet man in mehreren Reisebeschreibungen. Dieser Defterdar war dabei, nach aller Aussage, ein Mann von höchst edlem Anstande und großer Würde in seinen Manieren, voll Tapferkeit und Klugheit und so unterrichtet für einen Türken, daß man ihm eine nicht ganz unrichtige Karte des Sennar verdankt, die er während seiner furchtbaren Rachekampagne zur Bestrafung der Mörder Ismaels in Schendy selbst aufgenommen und gezeichnet hatte. Man fand ihn gewöhnlich in der Gesellschaft eines gezähmten Löwen und dito Tigers, und die Furcht der Europäer bei einem so ungewohnten Anblick pflegte ihn sehr zu belustigen. Zuweilen hetzte er beide Tiere aufeinander, was einmal einem seiner Mamelucken, der sie wieder auseinanderbringen sollte, das Leben kostete. Der Vizekönig suchte diese wilde Natur so unschädlich als möglich zu machen, aber die Folgen der durch Mehemed Ali erst begonnenen Zivilisierung hatten damals noch wenig Fortschritte gemacht, es ging noch in den meisten Dingen wie vormals zu, und der Defterdar war zu mächtig und angesehen, der Vizekönig selbst dankte ihm zu viel, um streng mit ihm verfahren zu können. Jetzt würde sich die Sache bald anders gestaltet haben, und es kursierte sogar lange das Gerücht, daß der Defterdar auf Mehemed Alis Befehl… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits.

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wie in den ältesten Städten Europas unsre alte Zeit; vor allen aber sind es die zahlreichen, unbeschreiblich herrlichen Moscheen altarabischen Baues, mit ihren himmelhohen Türmen, Spitz- und Rundbogenfenstern, ihren kolossalen Maßen und dem wundersamen Reichtum ihrer unzähligen Zierraten à jour ganz auffallend unsern gotischen Kirchen gleichend, welche uns Abendland und Morgenland zugleich repräsentieren, die Heldenzeiten des Kreuzes wie die des Halbmondes. Seit ich diese Architektur gesehen, bin ich auch immer mehr in meinem alten Glauben bestärkt worden, daß, wie gar manches in Europa, so auch jener sogenannte gotische Baustil sich nur aus dem Arabisch-Maurischen herschreibt oder wenigstens beide aus ein und derselben gleichartigen Quelle fließen, wenn sie sich auch in den verschiedenen Erdteilen verschieden organisch entwickelt haben.

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Überhaupt hat man sich im Orient allerwärts vor europäischen und griechischen Christen in acht zu nehmen, weniger vor den Juden und am wenigsten vor den Muselmännern selbst, die unbestreitbar die ehrlichsten und solidesten unter der ganzen Bevölkerung sind.

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die Krone aller Bauwerke Kahiras, die Moschee Sultan Hassans, welche kaum von irgendeinem gotischen Tempel Europas. übertroffen wird.

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Wenn man nun, die Zitadelle verlassend, nach dem Platz von Rumeli hinabsteigt, kommt man durch die berüchtigte Felsengasse, in der die Mamluckenbeys ihren zwar verdienten, aber allerdings schauderhaften Tod fanden. Man kann sich das Geschehene auf das Lebhafteste hier vergegenwärtigen. Der Leser denke sich nur einen langen gewundenen Gang, auf beiden Seiten von Felsen und hohen darauf errichteten Mauern und Häusern umgeben, in dem ein abschüssiges glattes Steinplattenpflaster den Berg hinunterführt. Die Tore vor und hinter den Beys sind schon geschlossen, den Opfern unbewußt, die man jetzt, im zurückgerufenen Bilde, über Hundert an der Zahl, auf wilden und mutigen Pferden in dem engen Raum dicht zusammengedrängt erblickt, alle strahlend in ihrem höchsten Kriegerschmuck, wohlgemut einherziehend, ohne eine Ahnung von dem, was ihnen bevorsteht, während schon alle Terrassen, alle Felsenvorsprünge, die Galerien der obern Häuser wie in schuldiger Ehrenbezeigung mit Soldatenreihen besetzt sind, bewaffnet zur Salve festlichen Grußes. Jeder von diesen stolzen Beys mochte vielleicht gerade jetzt Gedanken des nahen Verrats von seiner Seite mit Wohlgefallen Raum geben, sich im voraus an dem unvermeidlichen Fall des sichern Feindes weidend, aber für die eigne Sicherheit fürchtete, wie mit Blindheit geschlagen, keiner – da plötzlich richteten sich alle Gewehre auf die vergoldete, schimmernde Schar, und ein Kugelregen schmettert auf sie nieder, von dem schon der erste Schuß die Beys mit der Verzweiflung gänzlicher Hoffnungslosigkeit erfüllen mußte. Denn weder Rettung noch Verteidigung noch Rache war möglich! Das Getümmel der Stürzenden, das Rasen der verwundeten Pferde, das Geschrei und die Verwünschungen der Fallenden, das länger als eine Viertelstunde andauernde Schlachten aus gefahrloser Ferne, der erschütternde Anblick endlich so vieler Fürsten, übermächtiger Herren des Landes, vor deren zürnendem Blicke gestern noch jeder mit Zittern gewichen wäre, jetzt in der Mitte aller sie umgebenden Pracht in Staub und Blut sich wälzend, von ihren eignen Rossen zerstampft, unter dem Hohn gemeiner Albanesen ihren Geist aushauchend, und die im Tode noch umklammerte treue Waffe selbst, nur ein herber Spott in der verteidigungslosen Hand – gewiß, es muß eine Szene von furchtbarer Wirkung gewesen sein.

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Oft, wenn ich mich an dieser nicht abbrechenden Reihe exotischer Bilder ergötzte und dann meinen Blick auf das hohe kühle Laubdach über mir warf, das so viel mehr dem Norden als dem Süden anzugehören schien, kam es mir vor, als sei ich noch in Europa und betrachte nur aus einer Allee des Wiener Praters oder Berliner Tiergartens ein gemaltes Diorama Ägyptens.

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Bei uns spielen abends nur die Wolken am Himmel in mannigfachen und brennenden Farben, hier gab es keine Wolken, aber der ganze Himmel und auch die ganze Erde waren in sanft glühende Tinten von unbeschreiblicher Lieblichkeit gehüllt. Aus der glänzenden Goldfarbe am äußersten Horizont entwickelte sich über dem reinen Äther ein durchsichtiges, wunderbares Meergrün, und helle Rosabanden gingen von diesem in Lila- und Silberstreifen über, die im Osten wieder in lichtes Blau verflossen. So schimmerte in erhabener Milde und Pracht das ganze weite Himmelsgewölbe, während das die Erde deckende Grün, zu höchster Saftfrische gesteigert und wie durch eine Glorie verklärt, häufig, gleich dreifarbig gewebtem Seidenstoff, zu gleicher Zeit in grün und blau und gelb zu schillern schien.

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Mein dem Leser schon aus Alexandria bekannter junger Freund, der französische Konsul Lesseps, ein Pariser Elegant in der Wüste, holte mich auf seinem tunesischen Renner ab, und wir eilten bei Desaix umgeworfenem Monumente und dem prächtigen Throne des Sieges (Bab-el-Nasr) vorüber, einen freien Platz zu gewinnen, bei dem die Prozession vorbeikommen mußte. Einige Regimenter stehen jetzt dort in Zeltlagern, täglich manövrierend, heute aber fanden wir sie, dem heiligen Teppich zu Ehren, mit der irregulären Kavallerie auf beiden Seiten der Straße Spalier bildend. In der Nähe dieser plazierten wir uns auf einer Anhöhe. Schon nahte der Zug. Voran ein Detachement Kavallerie, die Offiziere in ihrer Staatsuniform, in Rot und Gold gekleidet.

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ritten wir eine halbe Stunde weiter, den imposanten, leider nun schon halb verfallenen Grabmälern der Kalifen zu, die dem Architekten fast unerschöpfliche Modelle der mannigfachsten, ebenso geschmackvollen als originellen Zierraten altarabischer Baukunst darbieten und wiederum deutlich zeigten, daß dieser Baustil mit dem gotischen auf das innigste verwandt, ja beide oft sich fast gleich sind. Mitten im Sand der Wüste gelegen und in so tödlich einsamem Kontrast mit dem Gewühl der nahen Hauptstadt, machten diese verhältnismäßig modernen Ruinen, diese Menge von Palästen hingeschiedener Größe in verwitternder Kunst und Pracht, einen viel wehmütigeren Eindruck auf mich als die uns schon so viel weiter entrückten Totenstädte der alten Ägypter.

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Überall schienen aber des Volkes Blicke, das sich ehrerbietig bei seiner Erscheinung aufstellte, ihm mit Liebe und Bewunderung ohne alle Anzeichen sklavischer Furcht zu folgen; eine Behauptung, welche in Europa manchen überraschen wird; aber ich überzeugte mich hundertmal, daß Mehemed Ali in seinem Lande wirklich, trotz aller despotischen Maßregeln, populär bei großen wie kleinen ist: der beste Beweis, daß seine Regierung hier nicht so unpassend sein muß, als unsere Theoretiker sie beurteilen.

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Er wunderte sich etwas, daß trotz dieser Einrichtung dennoch die Kosten der Armee bei uns beinahe die Hälfte der ganzen Staats-Revenuen erreichten, als ich ihm aber sagte, daß wir dadurch in den Stand gesetzt würden, im Fall eines Krieges in wenigen Wochen mit 3-400 000 Mann ins Feld zu rücken und eine stehende Armee von diesem Belange mehr kosten würde, als das ganze Land aufzubringen imstande sei, so fand er das Resultat nicht zu teuer erkauft, denn, wie es scheint, gehört Ibrahim nicht zu denen, die auf einen ewigen Frieden rechnen.

Yellow highlight | Page: 160

Obgleich sechs oder sieben seiner türkischen Generale und Oberoffiziere gegenwärtig waren, ergoß er sich ausschließlich im Lobe des arabischen Soldaten und sagte: «Tapferer und mit mehr Ausdauer sich schlagen können keine Truppen in der Welt, obgleich viele geschickter und kriegserfahrener als die meinigen sein mögen, und wenn in der Armee ein Beispiel von Unentschlossenheit oder Feigheit vorfiel, so war es immer nur von seiten der türkischen Offiziere, ich kenne kein solches Beispiel von einem Araber.» Diese Worte sind merkwürdig, denn sie bekunden, was ich schon früher hörte, daß Ibrahim sich ganz auf die Seite jener Politik wendet, welche Mehemed Alis Reich und Dynastie als eine arabische, als eine Erneuerung des alten Kalifats und keineswegs als einen Zweig türkischer Herrschaft angesehen wissen will und nur dadurch von ihr Dauer und Größe erwartet. (S.160)

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Übrigens gibt es keine Nation, bei der mehr als bei den Türken Goethes Worte eintreffen, die er dem sehr weltklugen Mephistopheles in den Mund legt: «Mein Freund, das wird sich alles geben; Sobald du dir vertraust, weißt du zu leben.» (S.161)

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Mein kleines Gefolge bestand außer dem genannten Herrn Doktor mit seinem Diener noch aus einem Kawaß des Vizekönigs, meinem Dragoman Giovanni, meinem Kammerdiener Ackermann, einem griechischen Pagen aus Kandia mit Namen Jannis, einem arabischen, in Kahira einigermaßen französierten Koch, und – um die Langeweile einer so weiten Wasserreise etwas weniger monoton zu machen – einer abessinischen Sklavin, die ich erst wenig Tage vorher für eine ziemlich ansehnliche Summe erkauft hatte. Den Charakter dieses originellen Mädchens zu studieren, an der die Zivilisation noch nichts hatte verderben noch verbessern können, war im Verfolg der Reise eine unerschöpfliche Quelle von Vergnügen für mich, und es tat diesem Studium durchaus keinen Abbruch, daß der Gegenstand desselben zugleich an Schönheit der Formen die treueste Kopie einer Venus von Tizian war, nur in schwarzer Manier. Als ich sie kaufte, und aus Furcht, daß mir ein anderer zuvorkommen möchte, ohne Handel den geforderten Preis sogleich auszahlen ließ, trug sie noch das Kostüm ihres Vaterlandes, das heißt nichts als einen Gürtel aus schmalen Lederriemen mit kleinen Muscheln verziert. Doch hatte der Sklavenhändler ein großes Musselintuch über sie geworfen, das aber vor den Kauflustigen abgenommen wurde und daher der genauesten Beurteilung kein Hindernis in den Weg legte.

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Aber ihr Körper! Woher in des Himmels Namen haben diese Mädchen, die barfuß gehen und nie Handschuhe tragen, diese zarten, gleich einem Bildhauermodell geformten Hände und Füße; sie, denen nie ein Schnürleib nahekam, den schönsten und festesten Busen; solche Perlenzähne ohne Bürste noch Zahnpulver, und obgleich meistens nackt den brennenden Sonnenstrahlen ausgesetzt, doch eine Haut von Atlas, der keine europäische gleichkommt und deren dunkle Kupferfarbe, gleich einem reinen Spiegel, auch nicht durch das kleinste Fleckchen verunstaltet wird? Man kann darauf nur antworten, daß die Natur Toilettengeheimnisse und Schönheitsmittel besitzen muß, denen die Kunst nie gleichzukommen imstande ist. Es war gut, daß ich alle diese Vorzüge beim Einkauf sah, denn jetzt hätte ich weniger Gelegenheit dazu gehabt, da Ajïamé (so heißt die abessinische Schöne) bereits durch meine Fürsorge in dezente morgenländische Kleider mit Strümpfen und gelben Pantoffeln gehüllt ist, die mich nur ihr Antlitz und zuweilen ihre wundervolle Hand mit einem Teil des runden Armes erblicken lassen. Übrigens versteht es sich von vornherein, daß ich ein zu gewissenhafter und selbst zu freier Preuße bin, um sie jetzt noch als Sklavin zu behandeln. Mit dem Eintritt in mein Haus war sie eine Freie, obgleich ich fürchte, daß sie noch keinen recht deutlichen Begriff von diesem Zustande hat, denn als ich ihr denselben mit Hilfe eines Dolmetschers in ihrer Sprache ankündigte, küßte sie mir die Hand und, diese dann demütig an ihre Stirn drückend, flüsterte sie leise: Ich sei ihr Herr und habe zu gebieten, was sie sein und was sie tun solle.

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Dieselbe Delikatesse, mit der sie ihren Körper behandelte, dieselbe Dezenz und Anmut fand ich auch in ihrem übrigen Betragen. Doch verriet sich einige Wochen später – was ich hier gleich mit einschalten will – das sklavische (man könnte auch sagen das weibliche) Prinzip deutlich bei ihr, denn meine zu schmeichelnde Behandlung machte sie schnell übermütig und launisch. Überdem ennuyierte es das hübsche Kind nicht mit Unrecht, mit niemandem sprechen zu können, da weder ich noch ein andrer ihre Sprache verstand, wozu es auch nicht ergötzlich war, nach türkischer Manier stets eingesperrt zu bleiben, und nur täglich tief verschleiert am Abend eine Viertelstunde am Ufer spazierengehen zu dürfen. Alles dies war nicht meine Schuld, und auch mit dem besten Willen hier nicht abzuändern; demohngeachtet wollte sie es mir entgelten lassen und ward endlich bei aller ursprünglichen «gentleness» ihres Charakters gleich einem verzognen Hündchen oft ganz unleidlich mürrisch, gebieterisch und so wetterwendisch, daß ich viel Not mit ihr vorauszusehen anfing. Die Menschen haben aber alle gar viel von den Tieren an sich, und die Wilden stehen ihnen natürlich noch näher. Dies nahm ich in Betrachtung und beschloß nun, der wachsenden Koketterie, Unart und Rebellion meines kleinen Naturkindes auch naturgemäß entgegenzuarbeiten. Ich fing damit an, nach der ersten heftigen Szene dieser Art, wo sie zuletzt im Zorn ein kürzlich von mir erhaltenes Geschenk ohne weiteres über Bord geworfen hatte – stundenlang nicht die mindeste Notiz mehr von ihr zu nehmen, und als sie den Morgen darauf sich noch immer gleich trotzig in ein kleines mit Blei ausgeschlagenes Badekabinett (also eine wahre venetianische Bleikammer bei dem hiesigen Klima), worin sie zugleich ihre Effekten aufhob und ihre Toilette zu machen pflegte, zurückzog, schloß ich ganz kaltblütig die Türe desselben ab und ließ sie andere vierundzwanzig Stunden in diesem Gefängnis verbleiben, während man ihr die nötige Nahrung zum Fenster hineinreichte, aber immer unberührt wieder zurückerhielt. Diese Hartnäckigkeit, verbunden mit einem unverbrüchlichen Stillschweigen, würde mich vielleicht geängstigt haben, wenn ich das liebe, reizende, der Notwendigkeit immer zur rechten Zeit nachgebende, weibliche Geschlecht nicht besser kennte. Schon in der Nacht hörte ich sie mehrmals heftig schluchzen, bereits ein Zeichen der herannahenden Nachgiebigkeit, welches ich jedoch nicht zu bemerken schien – bis sie nach Sonnenaufgang ihr Silberstimmchen vernehmen ließ und auf das Rührendste in abessinischer Sprache um Erlösung bat, was ich dem Sinne nach sehr gut, wenn auch von den Worten nur die wenigen verstand, welche ich bereits nach und nach von ihr gelernt hatte. Noch eine Weile spielte ich den Fühllosen, dann ließ ich mich erbitten und schob den Riegel weg. Verweint und lieblich, so verführerisch drappiert als sie es nur verstand, setzte die Gefangene behutsam ihren schönen nackten Fuß auf den Teppich, folgte langsam mit dem andern nach…

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der Zeitpunkt, wo Mehemed Ali, wie man zu sagen pflegt, sich immer am meisten gehen ließ, am vertraulichsten und aufrichtigsten sprach. Heute erzählte er mir allerlei aus seinem Leben. «Ich kann nicht mehr lange dauern», sagte er, den Kopf auf die Hand gestützt, «denn ich habe zuviel schon in jungen Jahren erleiden müssen. Mein ganzes Leben war ein beständiger Kampf. Als ich noch im Vaterhause in Makedonien war, drückten die Vornehmen und Mächtigen die ganze Provinz mit empörender Willkür. Aufstand nach Aufstand erfolgte, und auch unser Dorf, mit andern vereinigt, versuchte Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Wer aber befehligte die Insurgenten in diesem Streit? – Der junge Mehemed Ali. Und schlecht genug erging es ihm. Ich erlitt so viele kleine Niederlagen, daß einmal der glücklichste meiner Gegner mir während des Gefechtes zurief: ‹Bist du noch nicht müde, geschlagen zu werden, da ich schon müde bin, dich zu besiegen?› Zuletzt erlangten wir indes mit Beharrlichkeit doch einen Teil unsres Zwecks.» Nun ging er zu seinen langen Kriegen mit den Mamlucken in Ägypten über. «Es waren tapfre Leute», sagte er, «und alles unter meinen Truppen fürchtete sich dergestalt vor ihnen, daß, wenn sie Gott nur halb so sehr gefürchtet hätten, sie den sichersten Anspruch auf die ewige Seligkeit im Paradiese gehabt haben würden. Die Mamlucken hätten im Anfang gar keine Waffen gegen uns gebraucht, es war hinlänglich, daß sie ihre kleinen Trommeln schlagen ließen, um all meine Leute davonlaufen zu machen, denen ich dann wohl notgedrungen auch selbst folgen mußte. Mein Sohn Tossum Pascha wie meine übrigen Verwandten hatten dasselbe Los. Nach und nach lehrte ich indes meinen Soldaten den Krieg durch den Krieg, und Gott unterstützte mich. (S.217)

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Mit der größten Unbefangenheit sprach er dann von seiner früheren Unwissenheit und wie er sich nur durch langes und fortgesetztes Nachdenken über jedes einzelne zu unterrichten gesucht, bis er das Wahre aufgefunden, denn alles, was er höre, behalte er wohl im Gedächtnis und prüfe es lange – dann aber handle er schnell und lasse sich durch nichts mehr irre machen. «Man tadelt mich unter andern», sagt, er, «daß ich allen Handel des Landes zu meinem eignen Vorteil an mich gezogen habe. Hätte ich es nicht getan, es würde so gut wie gar kein Handel bei uns existieren, wenigstens nicht zu unsrem Nutzen. Schon habe ich einen Teil des innern Handels der Konkurrenz der Partikuliers überlassen, weil ich zu sehen glaube, daß die Nation langsam aus ihrem Schlaf zu erwachen und den sich darbietenden Vorteil zu verstehen anfängt; ich bin im Begriff, auch einen Teil der Fabriken gleichfalls den Spekulanten in die Hände zu geben. Aber den Handel mit dem Auslande muß ich noch selbst fortführen. Schon Napoleon hat es ausgesprochen: ‹que les négociants de l'Europe sont des bandes organisées.› Wir besitzen noch keine solche Banden, und meine unwissenden und indolenten Ägypter würden bald die Beute der fremden Kaufleute werden, wenn ich selbst mich diesen nicht entgegenstellte, ich – den anzuführen ihnen nicht so leicht wird. Finde ich einst, daß die Zeit dazu gekommen ist, so werde ich auch hierin ein andres System ergreifen, denn weiß ich etwa nicht, daß das Geld nur der Repräsentant der Produkte ist? Wird mein Volk fähig sein, durch sich selbst reich zu werden, so will ich ihm gern auch die Mühe überlassen, welche damit verbunden ist, und hoffe mich nicht schlechter dabei zu befinden. Aber man muß mir zutrauen, daß ich besser zu beurteilen verstehe, als der Redakteur des Journal de Smyrne, was in einer Epoche meinem Lande frommen mag und was in einer andern. Die Franken haben ein gutes Sprichwort, welches sagt: ‹Le mieux est l'ennemi du bien›. Ich habe immer das letzte, soweit es eben möglich war, zu erlangen gesucht, ehe ich an das unerreichbare erste dachte. So fand ich vor allem nötig, ein festes und ein reiches Gouvernement in Ägypten zu gründen, und gleichzeitig rastlos an der bessern Bildung meines Volks zu arbeiten. Zu seiner Zeit wird das jetzt Erlangte ohne Zweifel dazu dienen, ein noch Besseres zu begründen, aber wer mit einem Sprung am Ziele sein will, langt nie dabei an.

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Manches, was ich tue, mag hart erscheinen, und größere Männer, als ich bin, sind nicht anders beurteilt worden – doch das darf mich nicht kümmern. Was ich zum Beispiel von Peter dem Großen gehört, zeigt mir, daß dieser Fürst, der gleich mir alles selbst schaffen mußte, zehnmal eigenmächtiger und despotischer als ich dabei verfuhr, und dennoch hat ihm seine früher murrende Nation wie die ganze Nachwelt endlich Gerechtigkeit widerfahren lassen. Auch ich erwarte diese Nachwelt als meinen unparteiischen Richter, und gibt mir Gott nur noch einige Jahre des Wirkens und gewährt mir die Möglichkeit, das Begonnene zu befestigen, so fürchte ich ihren Richterspruch nicht. Warum arbeite ich Tag und Nacht, warum scheue ich keine Mühe, keine Anstrengung noch Unbequemlichkeit in meinem hohen Alter, um alles, so viel es mir möglich ist, mit eignen Augen zu sehen und zu beurteilen – wenn es nicht wäre, um jenes große Gebäude zu vollenden, was längst in meinem Geiste feststeht.

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Ich besitze ja überflüssig genug, um für meine Person das Gewonnene und alle Freuden irdischer Existenz in der behaglichsten Ruhe zu genießen, und wenn ich mich statt dessen rastlos plage, so kann es wahrlich nicht aus Egoismus sein! Der Ruhm und das Bewußtsein, die einstige bleibende Wohlfahrt der Länder, über die ich gebiete, begründet zu haben – darin liegt mein teuerstes Interesse, und nur diesem Zweck ist mein ganzes noch übriges Leben geweiht.» Diese mit Feuer und Enthusiasmus ausgesprochenen Worte waren zwar meiner Ansicht von Mehemed Alis Charakter nicht entgegen – sie erschienen aber zugleich so verschieden von dem, was uns im Auslande die meisten Berichte über diesen merkwürdigen Mann zu insinuieren… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits.

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Ich habe nicht leicht einen Mann irgendeines Ranges gesehen, der, wenn er will, ein einschmeichelnderes und anziehenderes Wesen gehabt hätte als der Vizekönig. Das lebendige Spiel seiner Augen und seiner ganzen Physiognomie ist dann von einem so feinen, so gutmütig liebenswürdigen Ausdruck begleitet, daß man unwillkürlich sich davon gefesselt fühlt. In der Diskussion ist er voller Mäßigung und Geduld, obgleich ich bemerkte, daß er nicht leicht auf andere Meinung zu bringen ist, aber sein wohlwollendes Benehmen und seine ausgezeichnete Höflichkeit verleugnen sich nie. Zuweilen wenn ich, neben ihm sitzend, unwillkürlich in Gedanken verfiel und zur Wiederanknüpfung des Gesprächs eine Äußerung von ihm selbst erwartete, bog er sich mit jener… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits.

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Der erwähnte Leibdiener zog meine Blicke sehr häufig auf sich. Es war eine wahre Charaktermaske, das Ideal eines Roman-Knappens aus alter Zeit, wie sie bei uns in der Wirklichkeit nicht mehr angetroffen werden. In den scharfen, von manchem innern und äußern Unwetter gefurchten Zügen malte sich ein unerschütterlicher Ernst, unbedingte Ergebenheit, felsenfeste Treue und eine keinen Augenblick ruhende Aufmerksamkeit für den Dienst seines Herrn, den er kaum je aus den Augen ließ. Er dient Mehemed Ali bereits 30 Jahre, mochte selbst einige fünfzig zählen, und sein schlohweißer Schimmel, von der Stärke und Dauer eines alten Ritterpferdes, schien gleichfalls nicht wenig Jahre mit ihm gemeinschaftlich gedient zu haben. Das Benehmen dieses Mannes gegen den Vizekönig war zwar voll Ehrfurcht, aber mit jener vertraulichen Sicherheit gepaart, die nur ein so langes Beisammensein, so viel und so wichtiges zusammen Erlebtes geben können. Man sah deutlich, daß dieser Mann seinem Herrn ganz angehörte, bei ihm das Ich im Diener völlig aufgegangen war und jeder Wink des Herrn, im Guten wie im Bösen, im Gefahrvollsten wie im Alltäglichsten, augenblicklicher Folgeleistung sicher war. Zu einem solchen Verhältnis gehörten vielleicht große Eigenschaften im Herrn wie im Diener und außerdem ein großartiges Schicksal des ersten, dem der andere durch Glück und Unglück viele Jahre gefolgt. Vielleicht gehören auch orientalische, primitive Naturen dazu, denn Napoleon wurde, als sein Glücksstern erblich, auf die gemeinste Weise von seinem französischen Mamlucken Rustan verlassen.

Pückler-Muskau: Aus Mehmed Alis Reich

Mehmed Ali PaschaMehmed Ali Pascha (Wikipedia)