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13 August 2022

Thomas Manns Ansprachen an die Deutschen im 2. Weltkrieg

PODCAST-PIONIER THOMAS MANN „Mannsplaining“ mit positivsten Folgen

    FAZ 12.8.22

"[...]  Unter dem Titel „Deutsche Hörer!“ entstanden in Pacific Palisades zwischen fünf und acht Minuten lange Stellungnahmen, mit denen der exilierte Schriftsteller die Bevölkerung seiner Heimat erreichen wollte. Anders als heute gestalteten sich Aufnahme und Verbreitung allerdings sehr viel komplizierter: Zu­nächst verfasste Mann die Texte, schickte sie nach London, und ein deutschsprachiger BBC-Mitarbeiter las sie dann zur Ausstrahlung vor. Die transatlantische Übermittlung fand damals per Telegramm statt, die erste Rede wurde als 500-Wort-Botschaft nach London „gekabelt“. Ursprünglich hatte Erika Mann, die für die BBC als Kriegsberichterstatterin tätige Tochter des Schriftstellers, das Einsprechen übernehmen wollen.

Von März 1941 an übernahm dann Thomas Mann selbst diese Aufgabe. [...] Unter diesen vordigitalen Produktionsbedingungen hat die Übertragungsqualität deutlich gelitten, und dennoch machen die erhaltenen Ansprachen deutlich, dass sich Thomas Mann seiner Wirkung sehr bewusst war – gerade auch des Klanges seiner eigenen Stimme. Die Sprachmelodie ist gleichmäßig und selbstbewusst, die Betonungen sind präzise, der Spott und die gar nicht seltenen Sottisen gegen Hitler und dessen Schergen treffen exakt. Und natürlich ist die Sprache bemerkenswert – alles andere wäre bei einem Literaturnobelpreisträger ja auch verwunderlich, Thomas Mann machte seinem Ruf als Influencer von Weltgeltung alle Ehre.

Der Historiker Tobias Boes widmet in seinem Buch „Thomas Manns Krieg“ den Ansprachen eine längere Passage – unter dem passend gewählten Titel „The Voice of Germany“. Gleich mit dem ersten Satz der ersten Rede im Oktober 1940 klärte Mann die Lage: „Ein deutscher Schriftsteller spricht zu euch, dessen Werk und Person von euren Machthabern verfemt sind und dessen Bücher, selbst wenn sie vom Deutschesten handeln, von Goethe zum Beispiel, nur noch zu fremden freien Völkern in ihrer Sprache reden können, während sie euch stumm und unbekannt bleiben müssen.“ Das Reden in der dritten Person über sich selbst mochte zunächst nach Zurückhaltung klingen (und tatsächlich wurde die Auftaktrede ja auch nicht von Mann persönlich vorgetragen), aber gleich darauf wurde deutlich: Da sprach ein deutscher Autor, der in der Welt bekannt war, dessen Werke gelesen wurden und der sich mit den Nazis anlegte. Auch der Verweis auf Goethe als den „anderen“ Großdichter fiel keineswegs zufällig – das war „Mannsplaining“. [...]"

08 April 2022

Delphine de Vigan: „Die Kinder sind Könige“ - Kinder als unfreiwillige Influencer

Die kleinen Youtube-Sklaven von: Cornelia Geißler  FR 7.4.2022

Die Story ist ein Kriminalfall um die verschwundene 6-jährige Kimmy Claux. Geschildert werden die Gefahren, die unfreiwilligen Influencer-Kindern und ihren Eltern im Jahr 2031 drohen könnten.

"[...] Man kann Delphine de Vigan eine Chronistin der modernen west- und mitteleuropäischen Lebensweise nennen. Ihre Themen sind gesellschaftlich relevant, ob es sich um die Pflege älterer Menschen handelt („Dankbarkeiten“, 2020), um Alkoholismus unter Jugendlichen („Loyalitäten“, 2018) oder Magersucht („Tage ohne Hunger“, 2017). [...] 

Kimmy und Sammy werden von ihren Eltern vor allem gefilmt, wie sie Waren auspacken und bewundern. Um das Interesse der Follower zwischendurch wachzuhalten, postet die Mutter Handyfilmchen aus ihrem gescripteten Alltag vom Mittagsschlaf bis zum gemeinsamen Essen. Gelegentlich wird die Grenze des Laptop- oder Handybildschirms aufgerissen, wenn die Kinder sich in Freizeitparks den Fans präsentieren, dabei wie Stars aus der Musik- oder Filmszene Autogramme geben. Die Überforderung Kimmys und Sammys zeigt später ein Blick ins Kinderzimmer, wo sich etliche unberührte Dinge stapeln. Das favorisierte Spielzeug des Mädchens ist ein abgeliebtes Stoffkamel, „Schmuseschmutz“ genannt. [...]

Die Autorin lässt keinen eindeutigen Eindruck zu, ob das Verschwinden des Mädchens als familiäre Katastrophe empfunden oder als Ende des Geschäftsmodells erlebt wird. [...]

Mélanie Claux dagegen fühlte sich in Elternhaus, Schule und Berufsausbildung nie ausreichend beachtet und träumte von einer Karriere, wie sie die Stars von TV-Formaten wie „Big Brother“ erleben. Dabei gescheitert, stellt sie die ersten Videos ihrer Kinder zunächst arglos auf Facebook, bis sie damit auf Beifall stößt. [...]